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Du und ich und tausend Sterne über unsDu und ich und tausend Sterne über uns

Du und ich und tausend Sterne über uns

Roman

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Du und ich und tausend Sterne über uns — Inhalt

Als man ihr mitteilt, dass ihr Mann bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen ist, bricht Trudys Welt zusammen. Abe, die Liebe ihres Lebens, ist für immer fort. Allein und mittellos sieht die junge Mutter keinen anderen Weg, als mit ihrem kleinen Sohn Will zurück nach Ponden Hall zu ziehen, in das verwunschene Haus ihrer Kindheit, das sie vor Jahren nach einem Streit mit ihrer Mutter verließ. Während sie mit der Trauer um Abe ringt und sich bemüht, Wills Schmerz zu lindern, spenden die alten Mauern von Ponden Hall ihr Trost. Doch erst als sie sich den Geistern der Vergangenheit stellt, erkennt Trudy, dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als man sehen kann. Und dass die Hoffnung selbst in der dunkelsten Nacht leuchtet ...

Nach ihren Erfolgsromanen „Einfach unvergesslich“, „Zwanzig Zeilen Liebe“ und „Beim Leben meiner Mutter“ der neue bewegende Roman von Bestsellerautorin Rowan Coleman!

€ 16,00 [D], € 16,50 [A]
Erschienen am 02.11.2020
Übersetzt von: Marieke Heimburger
512 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06189-6
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 02.11.2020
Übersetzt von: Marieke Heimburger
512 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99707-2

Leseprobe zu „Du und ich und tausend Sterne über uns“

Prolog

Irgendwo in weiter Ferne klingelt ein Telefon.

„Aufwachen, Tru. Aufwachen. Aufwachen, Tru, wach auf!“

Abe. Ich bin sofort wach, als ich seine Stimme höre, und drehe mich zu ihm um. Doch ich will die Augen noch nicht aufmachen. Ich spüre sein Gewicht auf unserer Bettkante.

„Was ist?“, murmele ich und strecke die Hand nach ihm und seiner vertrauten Wärme aus. Seine langen, schmalen Finger, die sich so oft mit meinen verflechten … meine Liebe. Mein Mann. Mein.

„Ich hab geträumt. Von mir als Mädchen. Von dem Tag, an dem Dad gestorben ist“, erzähle [...]

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Prolog

Irgendwo in weiter Ferne klingelt ein Telefon.

„Aufwachen, Tru. Aufwachen. Aufwachen, Tru, wach auf!“

Abe. Ich bin sofort wach, als ich seine Stimme höre, und drehe mich zu ihm um. Doch ich will die Augen noch nicht aufmachen. Ich spüre sein Gewicht auf unserer Bettkante.

„Was ist?“, murmele ich und strecke die Hand nach ihm und seiner vertrauten Wärme aus. Seine langen, schmalen Finger, die sich so oft mit meinen verflechten … meine Liebe. Mein Mann. Mein.

„Ich hab geträumt. Von mir als Mädchen. Von dem Tag, an dem Dad gestorben ist“, erzähle ich ihm. »Das war so echt, als wäre ich wirklich wieder klein … Das Klingeln hat mich da rausgerissen. Wer ruft denn um diese Zeit an? Mitten in der Nacht? Es ist doch noch Nacht, oder?«

„Tut mir leid, Tru.“ Abes Flüstern löst sich auf, als meine Hand auf einem kühlen, leeren Laken landet.

„Abe?“ Meine Hand wandert suchend über das Bett, aber ich kann ihn nicht erreichen. „Abraham?“

„Aufwachen, Trudy, wach auf.“

„Es tut mir so leid, Tru, ich liebe dich“, flüstert er mir ins Ohr, so nah, dass ich seinen warmen Atem an meinem Hals spüren kann. »Vergiss nicht, dass ich dich liebe – daran wird sich niemals etwas ändern. Auch jetzt nicht.«

„Abraham?“

„Mummy!“ Will packt mich am Arm und schüttelt mich.

„Ich bin wach.“ Der Schlaf hängt mir schwer wie Blei in den Gliedern. »Ich stehe auf. Warte, Daddy war doch gerade … Abe?«

Doch da ist nichts, nur seine leere Betthälfte. Da fällt es mir wieder ein: Abe ist nicht hier. Er ist in Übersee, in Peru. Seit drei Wochen schon bringt er sich als Allgemeinchirurg in eine sechswöchige Hilfsmission ein.

„Kannst du nicht zu Hause bleiben?“, hatte ich ihn angefleht.

„Du weißt, dass ich das nicht kann“, hatte er gesagt.

„Mummy.“ Will klettert zu mir ins Bett und schiebt seine dünnen Beine und eiskalten Füße zwischen meine. „Das Telefon hat mich geweckt. Es hat dauernd geklingelt. Immer wieder, ganz lange. Hast du das nicht gehört?“

„Nein.“ Ich knipse die Nachttischlampe an.

Das Festnetztelefon steht daneben. Heutzutage ruft kein Mensch mehr auf dem Festnetz an. Will und ich zucken zusammen, als es wieder anfängt zu klingeln.

„Los, geh ran“, drängelt Will, die Augen weit aufgerissen und glockenwach, wie Achtjährige so sein können. „Das ist bestimmt Daddy!“

Ich weiß nicht, warum ich solche Angst habe abzunehmen. Aber ich habe Angst, als ich es tue. Ich höre sofort, dass es sich um ein Ferngespräch handelt.

„Hallo?“

„Ist das Daddy?“ Will streckt die Hand aus, um nach dem Hörer zu greifen. „Ich will mit ihm reden!“

„Gleich.“ Ich drehe mich von ihm weg und warte kurz darauf, dass die Stimme am anderen Ende der Leitung etwas sagt, doch dann überschwemme ich die Stille mit vielen hoffnungsvollen Worten. „Abe? Kannst du mich hören? Ich habe gerade geträumt, du wärst hier. Du fehlst uns. Will ist auch hier, sag mal was!“

Ich lache halbherzig und höre den Widerhall meiner verzweifelten Stimme in der Leitung. In der kurzen Stille, die folgt, wird mir schlagartig alles klar.

„Ms Heaton?“ Das ist nicht Abe. Ich wusste, dass es nicht Abe sein würde. Es ist nicht mein Geliebter, mein Herz, mein Seelenfreund, mein Alles.

»Ms Heaton, es tut mir furchtbar leid, Ihnen mitteilen zu müssen …«

Ich beobachte Will, und er beobachtet mich. Ich sehe, wie sein Gesicht immer länger wird, und in seinen glänzenden Augen sehe ich unsere gemeinsame Welt implodieren.



Kapitel 1
Acht Monate später

„Da sind wir“, sage ich und reiche Will die Hand, um ihm aus dem Auto zu helfen, das wir am Ende der Straße geparkt haben. Ich atme tief durch und genieße den Anblick der Landschaft, von der späten Nachmittagssonne in Kupfer- und Goldtöne getaucht. Genau so habe ich mir das immer wieder vorgestellt: jedes Mal anders, jedes Mal wechselnd, jedes Mal gleich.

Ponden Hall ist ein aus Licht gebautes Haus.

Es ist ein Signalfeuer, ein Leuchtturm ohne Meer, es blinkt im Dunklen und sendet Nachrichten in die Ferne – für ein paar Auserwählte, die sie hören können.

„Du kannst sie hören, weil du eine Heaton bist und schon immer hier gelebt hast, seit 1540 der Grundstein gelegt wurde. Unsere Vorfahren haben das für dich gebaut und für jeden weiteren Heaton, der je geboren wird“, hat er mir oft gesagt und mir dabei versichernd schwer die Hand auf die Schulter gelegt. „Sie haben das Haus aus dem Berg gebaut. Deine Ma dagegen“, sagte er und senkte die Stimme, „ist keine Heaton, und darum kann sie die Lichter nicht sehen. Sie sieht nur die Schatten.“

Ich habe Ma sechzehn Jahre nicht gesehen. Sie befindet sich irgendwo hinter den dicken, uralten Mauern und wartet nur darauf, mich mit einem „Ich hab es dir ja gleich gesagt“ zu begrüßen. Warum also bin ich hier? Weil Abe spurlos verschwunden ist und obwohl ich ganz bestimmt nicht bei ihr Zuflucht suchen wollte, gab es in dieser Situation nur einen einzigen Ort auf der Welt, an dem ich gern sein wollte: zu Hause. Monate verstrichen, Hoffnungen schwanden, das Geld wurde knapp … und am Ende gab ich dem Ruf des Leuchtturms nach. Ich kehrte zurück nach Ponden. Und Ma ist nun mal auch da.

Will klettert an mir vorbei, lässt mich links liegen, bleibt in der Mitte des Parkplatzes stehen und sieht sich um, versucht eine Landschaft zu verstehen, die meinem in der Stadt aufgewachsenen Sohn so fremd ist, wie es auch die Marsoberfläche wäre, in seinem Fall sogar noch fremder.

Für mich dagegen ist es, als würde ich auftauchen und nach Luft schnappen. Mit einem tiefen Atemzug inhaliere ich die saubere, ruhige Luft und recke das Gesicht dem gefälligen Wind entgegen, der meine erhitzten Wangen sanft streichelt und kühlt. Diese Erleichterung. Diese Freude darüber, an einem Ort anzukommen, wo sogar die Luft eine vertraute Freundin ist. Am liebsten würde ich die Arme ausbreiten, um diesen Ort, den ich die letzten sechzehn Jahre jede Sekunde vermisst habe, zu umarmen. Ich verkneife es mir, weil mein Sohn neben mir steht.

„Hier ist nichts“, sagt Will und zieht die Schultern hoch vor Kälte.

„Wie, nichts?“ Ich lasse den Blick über das Tal schweifen, von den Hügeln beiderseits der flachen, kühlen Oberfläche des Stausees zum endlos hohen Himmel. „Hier ist alles.“

„Mir gefällt’s hier nicht, ich will nach Hause.“ Wills Stimme klingt zerbrechlich und klein. Im folgenden Schweigen ist die Abwesenheit des Londoner Verkehrs zu hören, der nach ihm rufenden Schulfreunde, der gegen den Nachbarzaun rasselnden Fußbälle. Abwesend sind auch das Surren der Waschmaschine und der ständig laufende Fernseher. Und das Lachen von Daddy, der viel zu laut telefoniert, der letzte Mensch auf Erden, der überhaupt gerne telefoniert. Alle Geräusche, mit denen Will aufgewachsen ist, sind in dieser Stille hier abwesend.

„Hier ist es natürlich anders“, sage ich mitfühlend und lege den Arm um seine Schultern. „Ist ja klar, ich weiß. Aber dreh dich mal um, dann siehst du das Haus. Dein Haus. Das Haus, das schon vor deiner Geburt dein war.“

Der Kies unter unseren Füßen knirscht, und ich ignoriere, wie mein Sohn sich unter meiner Berührung versteift, als ich ihn umdrehe, damit er sich das Haus am Hang ansieht.

Dieses Haus, das meine Freundin ist, meine Mutter, mein Zufluchtsort. Ich sehe es im selben Augenblick wieder wie Will. Mein geliebtes Ponden Hall, an den Hang geschmiegt, wie es auf mich wartet, wie es wartet, dass ich nach Hause komme, mit offenen Armen.

Die alten Mauern sind so solide und unvergänglich wie die Felsen des Moors, aus dem sie gemacht sind. Die Rautenfenster blinken und zwinkern im kalten, strahlenden Blau eines wolkenlosen Oktobertages. Die hohe, den Garten umgebende Trockenmauer steht gerade noch so, einige Steine scheinen unsicher aufeinander zu balancieren, wie sie es seit Hunderten von Jahren tun. Was für eine Erleichterung, hier zu sein, in Sicherheit, an einem Ort, der mich bisher noch immer geheilt hat.

Jedes Mitglied der Familie Heaton weiß, dass es in Ponden dunkle Ecken gibt, dass die Geschichte des Hauses finstere Geheimnisse birgt. Dennoch hat bisher noch jeder Heaton das Haus geliebt, und jetzt ist Will dran.

„Ich mag es nicht“, sagt er. „Es sieht kalt aus und alt und voller Spinnen.“

Was Will jetzt sieht, ist nichts als ein Haus ohne seinen Vater darin.

„Ich glaube, du wirst es irgendwann lieben. Weißt du, warum?“

Will sieht zu mir auf, die braunen Augen voll Tränen, die er zu unterdrücken versucht. Langsam schüttelt er den Kopf.

„Weil dieses Haus für dich gebaut wurde. Vor fünfhundert Jahren. Jeder, der bisher hier gewohnt hat, war ein Heaton, und fast jeder Junge, der je hier gelebt hat, hieß entweder Robert oder William, genau wie du.“

„Echt?“ Will betrachtet das Haus, und ich halte die Luft an, als seine kalte Hand unbewusst nach meiner fasst, wie sie das früher immer getan hat. „Aber ich bin ein Heaton Jones.“

„Das ist richtig“, sage ich. „Deswegen bist du trotzdem ein Heaton, und das wird dieses Haus wissen, sobald du es betrittst, das verspreche ich dir. Es wird dich erkennen.“

„Klingt ganz schön gruselig“, sagt Will. Womit er nicht ganz unrecht hat, dieser mit Einbauküchen und Nachtlicht aufgewachsene kleine Junge.

„Nicht gruselig, nur anders. Wirst schon sehen.“

»Aber …« Will bleibt auf dem Weg zur Haustür kurz stehen. „Was ist mit Daddy? Wie kann Daddy wissen, dass wir hier sind?“

»Er …« Ich verstumme. Seit dem Flugzeugabsturz wurde mir von allen Experten geraten, Will gegenüber sehr klar aufzutreten, was dieses Unglück betrifft. Das heißt, ich soll Will erklären, dass wir, obwohl kein einziges Wrackteil des Kleinflugzeugs und auch keine Überreste der Menschen an Bord gefunden wurden, leider davon ausgehen müssen, dass Abe tot ist. Dass es praktisch keine Überlebenschancen gibt, wenn man sich ohne jede Hilfe verletzt im tiefsten Regenwald befindet. Sagen Sie Ihrem Sohn, sein Vater wird nie wiederkommen, haben sie mir geraten, sagen Sie ihm, er wird ihn nie wiedersehen.

Nur so kann ein Achtjähriger Trauer wirklich verstehen, haben sie gesagt. Nur so kann er sie verarbeiten und sich vom Geschehenen erholen, auch wenn es keine Leiche und kein Grab gibt. Sagen Sie ihm nicht, dass sein Vater entschlafen oder eingeschlafen ist. Es mag brutal und grausam klingen, sagten sie, die Trauerbegleiter und Sozialarbeiter, aber am Ende ist es das Beste für ihn, nur so wird er damit umgehen und sich davon erholen können. Und darum tat ich genau das. Ich tat, was sie mir gesagt hatten, Will zuliebe, obwohl es mir das Herz brach.

Doch Will hört nicht auf mich. Er glaubt immer noch, dass sein Vater noch lebt, ganz gleich, was ich sage. Mehr noch: Er ist wütend auf mich, weil ich nicht dasselbe glaube.

„Ich habe zu Hause einen Zettel mit der Adresse hingelegt“, erkläre ich ihm, und das ist wahr: Ich habe eine Adresse für die Weiterleitung der Post hinterlassen. »Außerdem habe ich hier gewohnt, als ich Daddy kennenlernte – ich kann dir jede Menge Geschichten von damals erzählen. Daddy weiß das. Er weiß, wo wir sind. Er weiß, wenn wir nicht in der Wohnung sind, dann sind wir hier.«

„Und wieso bin ich dann noch nie hier gewesen?“, fragt Will, als wir den Eingang von Ponden Hall erreichen. Das ist eine Frage, die zu beantworten mir in diesem Moment der Mut fehlt. Den Bruchteil einer Sekunde zögere ich an dem in die hohe Gartenmauer eingelassenen Tor, ich sehe es aus dem Augenwinkel, vermeide, es direkt anzusehen, erinnere mich, was ich einst vor vielen Jahren dort sah. Ich entriegele die alte Haustür und drücke sie auf.

„Hallo“, sage ich zu dem Haus. „Das ist mein Sohn William. Wir sind wieder zu Hause.“

Das Licht fällt durch die bleiverglasten Fenster am anderen Ende der Eingangshalle auf die Steinplatten am Boden. Die Luft steht und ist staubig, es riecht wie in einem Museum, eine längst vergessene, untergegangene Zivilisation. Ganz anders als Ma und ihre Vorliebe für Desinfektionsmittel mit Zitronenduft, mit dem sie ständig alles putzte, pausenlos. Aber für jemanden wie mich, die ihr Arbeitsleben genau solchen Einrichtungen gewidmet hat, trägt es nur zum Gefühl des Nachhausekommens bei.

„Mummy.“ Wills Stimme bebt in der Dunkelheit, die das Einzige ist, wovor er je Angst hatte. „Ich will nach Hause.“

„Ist alles in Ordnung, vertrau mir. Ich verspreche dir, dass es dir hier gefallen wird, wenn du dich erst dran gewöhnt hast.“

Wir folgen dem sanften Gefälle des Bodens und biegen rechts ab. Wir gelangen ins Zentrum des Hauses. Unter der Tür zum Wohnzimmer hindurch ist das Flackern von Feuer zu sehen, das Schnüffeln, Schnauben und Kratzen eines Hundes zu hören.

Jetzt ist es also so weit. Das große Wiedersehen. Ein Teil von mir fragt sich, ob sie nach dem ziemlich altmodischen Wechsel einiger kurz gefasster und mit B-Post verschickter Briefe sowie lediglich halb abgehörter Nachrichten auf dem Anrufbeantworter von Jean auf der Middle Farm tatsächlich weiß, dass wir kommen. Aber jetzt ist es zu spät, jetzt gibt es kein Zurück.

„Ma?“, rufe ich, als ich die Tür öffne. „Ma, wir sind da. Wir sind da.“

„Das sehe ich“, erklingt Mas körperlose Stimme. „Ich hab schließlich Augen im Kopf.“



Kapitel 2

Erst wirkt der Raum, einzig beleuchtet vom Feuer und dem letzten Rest Nachmittagssonne, als sei niemand da außer dem alten Retriever, der sie eher halbherzig anknurrt.

„Lass das, Mab“, sagt Ma, und ich sehe mich in Richtung ihrer Stimme um, die aus der dunklen Nische eines hohen alten Portierstuhls ertönt. Ihre klauenähnlichen Hände ruhen auf den rissigen, abgenutzten Armlehnen, bestrumpfte Beine enden in sich auflösenden Hausschuhen auf dem Boden gleich neben dem Hund, an den sich ihre Worte richten. „Jetzt ist es auch zu spät, so ein Theater zu machen, altes Mädchen.“

„Na, Süße.“ Will geht in die Knie und streckt Mab die Hand entgegen. Die Hündin beschnuppert vorsichtig seine Fingerspitzen, ihr Schwanz wackelt und schlägt gegen dasselbe Sofa, das wir schon hatten, als ich noch ein Kind war. Will wagt sich noch etwas näher an sie heran, seine Augen leuchten auf, als sie ihren Kopf unter seine Hand schiebt und sich leicht bei ihm anlehnt. Als ich sehe, dass Will sich entspannt, entspanne auch ich, wenigstens ein bisschen.

Ma lehnt sich nach vorne, endlich kann ich ihr Gesicht sehen.

„Du bist älter geworden“, sagt sie.

„Du auch“, antworte ich. Ihr kräftiges, einst blondes Haar ist von Silberstreifen durchzogen. Zierlich wie ein Zaunkönig ist sie schon immer gewesen, jetzt aber ist sie wirklich richtig dünn. Viel zu dünn. Im Schein des Feuers wirkt jede Linie, jedes Grübchen in ihrem Gesicht viel tiefer, der Schädel unter der Haut tritt hervor und lässt sie so viel älter aussehen als fünfzig. Mit einem Mal erfüllt mich eine Sehnsucht, und mir wird klar, dass sie mir trotz allem, was passiert ist, gefehlt hat. Oder zumindest hat mir eine Mutter gefehlt.

„Und das ist der Junge.“ Sie zeigt auf Will, ihr undurchschaubarer Blick begegnet meinem. Keine Ahnung, wie es jetzt weitergeht. „Das ist William.“

„Will. Er liebt Hunde“, sage ich, nur um irgendetwas zu sagen, während ich mich in diesem mir so vertrauten Raum umsehe. Hier bin ich aufgewachsen. Ich möchte dem Verlangen nachgeben, restlos nostalgisch zu werden. Die große Eingangshalle, wie sie sie vor langer Zeit nannten, obwohl sie doch gar nicht so groß ist. Am einen Ende steht der große Eckkamin Wache, am anderen das wuchtige Eichenbüfett, das fast genauso alt ist wie das Haus selbst und schon ganz schwarz durch die Abnutzung. Es reckt sich vom Fußboden bis zur Decke und ist so schwer, dass es mit Bolzen an der Wand befestigt ist. Als ich klein war, habe ich mir oft vorgestellt, es sei so etwas wie Pippi Langstrumpfs Schatztruhe und man könnte in jeder Schublade und hinter jeder Schranktür irgendetwas Wundersames finden, ganz gleich, ob es für Kinderhände gedacht war oder nicht – es war ein eigener Ort, eine ganz eigene Welt für mich. Ma spricht von Mab, irgendwas davon, dass sie sie halb verhungert hinten im Garten gefunden hat. Tieren ist Ma schon immer viel gütiger begegnet als Menschen.

Mit halbem Ohr höre ich, wie Will weitere Fragen zu Mab stellt, und sehe dabei zu, wie die Nacht sich langsam auf die Fenster legt, wie das rautenförmige Glas beginnt, das Kaminfeuer in das Zimmer zu reflektieren. Hoch oben an der Decke, gerade so zu sehen, befinden sich die Metallhaken, an denen früher Fasanen und Fleisch hingen, und am oberen Rand der Wände zeugen hübsch geformte Yorkshire-Stuckrosen davon, dass die Heatons einst von gehobenem Stand waren. Die Steinplatten unter Mas diversen Teppichen sind schon immer da gewesen und nur wenig abgenutzt von Tausenden von Füßen, die sich Tag für Tag über sie hinwegbewegt haben. Mir fällt wieder ein, wie ich früher manchmal mein Gesicht mit der Wange auf den kühlen Stein legte und die Augen schloss und über all diese Füße nachdachte, die den Stein abgewetzt hatten. Ich dachte insbesondere an ein ganz bestimmtes Paar Füße, das dieses Haus fast genauso gut kannte wie ich. Ich schloss die Augen und stellte mir Emily Brontë vor, wie sie an unserem Tisch saß, sich gegen unser Büfett lehnte, sich am Kamin wärmte und immer wieder über die Steinplatten zur Bibliothek des Hauses ging, die sie so sehr liebte. Und während ich so dalag, flüsterte ich ihr meine Geheimnisse zu, denn als ich zehn Jahre alt war, konnte ich mir niemanden vorstellen, der sie besser für sich behalten konnte als die Autorin von Sturmhöhe.

„Ist schon fast zehn Jahre her, dass ich sie zu mir genommen habe, zehn Jahre sind wir jetzt zu zweit ganz allein. Die alte Mab wird sich über etwas frischen Wind sicher freuen.“ Ma erhebt sich, und es wird deutlich, dass ich jetzt größer bin als sie. „Sie hat mich gründlich satt. So ein alter Knochen wie ich. Und dann kann sie nicht mal drauf rumkauen, stimmt’s nicht, Mab?“

Mab gibt sich ganz und gar Wills Fürsorge hin und hört überhaupt nicht, was Ma sagt. Ihre große Pfote liegt auf Wills Schulter, während er ihr den Bauch rubbelt, das eine Hinterbein streckt sie freudig in die Luft.

»Tja, William …« Ma beäugt ihn ein klein wenig besorgt. „Ich bin also deine Großmutter.“

Will sieht zu ihr auf und blinzelt.

„Ich hab schon eine“, sagt er. „Granny Unity. Das ist die Mutter von meinem Vater, und sie lebt in Putney in London.“

Nachdem mir aufgegangen war, dass ich die Wohnung nicht alleine würde halten können, hatten wir mehrfach lange Gespräche darüber geführt, ob wir zu Unity ziehen sollten. Ich hatte mir Will und mich in ihrer großen, sonnigen Wohnung mit Garten vorgestellt. Wie sie für uns kochen und sorgen würde, wie sie sich um uns kümmerte und uns mit derselben Liebe und Güte überschüttete wie immer, im Grunde seit Abe mich ihr vorgestellt hatte. Warum also hatten wir uns nicht in ihre Obhut begeben, warum lehnten wir uns nicht an ihre starke Schulter? Sie hat geweint, als wir heute Morgen abfuhren, und Will hat sich auf seinem Sitz umgedreht und die Hände gegen die Heckscheibe gedrückt und ebenfalls geweint.

„Nimm mir nicht das Einzige, das mir von meinem Sohn geblieben ist“, hat Unity mich gestern Abend noch angefleht. Schlussendlich konnte nur die Wahrheit sie überzeugen, so verrückt sie auch klingen mochte.

„Ich will zurück an den Ort, wo für uns alles angefangen hat“, erklärte ich ihr. „Und ich weiß, dass alles viel schwieriger sein wird, als wenn wir bei dir einziehen würden, und ich weiß auch, dass das schwer zu verstehen ist, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass er dort ist und auf mich wartet. Es ist nicht für immer, Unity, es ist nur etwas, das mein Herz jetzt braucht.“

Und das war die Wahrheit: Ich brauchte mein Zuhause. Ich brauchte Ponden mehr denn je, diesen einen magischen Ort auf der Welt, der jede Verletzung heilte, jeden Schmerz linderte wie eine flüsternde Mutter. Seit ich ihn verlassen hatte, war er Teil meines Lebens gewesen. Zwar haben andere freudige Lebensereignisse im Vordergrund gestanden, aber er hat immer im Hintergrund gebrummt. Und in den letzten Monaten hat er mich gerufen, im Dunklen gesungen. Es war der einzige Ort auf der Welt, von dem ich glaubte, dass ich an ihm irgendwann wieder so etwas wie Frieden empfinden könnte, nicht nur für mich selbst, sondern auch für meinen Sohn.

Und da war noch etwas: Ma. Ich hatte sie gefragt, ob wir kommen dürften, weil ich Will eine Pause vom Leben in London gönnen wollte, einen echten Tapetenwechsel, und weil ich Ponden brauchte. Ich hatte erwartet … Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber jedenfalls nicht, dass sie sofort Ja sagen würde. Und der zweite Grund, aus dem ich zurück nach Ponden wollte, war Ma. Vielleicht konnte Ponden ja auch unser Verhältnis heilen.

„Na, dann hast du jetzt eben zwei. Ich bin Granny Mariah“, sagt Ma an Will gewandt, beugt sich etwas steif zu ihm herunter und streckt ihm die Hand entgegen. „Freut mich, dich kennenzulernen, William. Wusstest du, dass alle Männer der Familie Heaton in diesem Haus entweder Robert oder William hießen? Dein Großvater war ein Robert.“

„Ja.“ Will ziert sich etwas und schüttelt dann kurz ihre Hand. „Hat Mum mir gerade erzählt. Aber ich bin kein Heaton. Ich bin ein Heaton Jones.“

„Aber Heaton kommt zuerst“, sagt Ma. „Also bist du ein Heaton.“

»Ma …« Wenn sie mir nur etwas Zeit ließe, in der ich mit ihr darüber sprechen kann, wie man am besten mit Will redet, wie man mit ihm umgeht, aber Ma hat schon immer ihren eigenen Stiefel gemacht.

„Ich weiß, wer ich bin.“ Will richtet seine Aufmerksamkeit wieder auf den Hund, und Ma macht eine leicht amüsierte Miene.

„Heaton zuerst“, murmelt sie.

„Danke“, schalte ich mich schnell ein, bevor Ma noch mehr zu Will sagt. »Danke, dass wir herkommen durften. Ich kann mir vorstellen, wie sehr das eigentlich … stört, nachdem du hier so lange ganz allein gelebt hast.«

„Was hätte ich denn sonst sagen sollen?“ Mas Blick wandert über mein Gesicht, als suchte sie nach Spuren des Mädchens, das ich mal war. »Du bist schließlich mein Fleisch und Blut. Ich habe dein altes Zimmer für euch hergerichtet, da ist dein altes Bett und eine Matratze. Ich schlafe nicht mehr oben – das Dach ist eine Katastrophe –, aber in dem Zimmer geht’s, solange es nicht regnet. Falls ihr Hunger habt – es gibt Brot, Käse, Butter und Schinken.«

„Ich habe Hunger!“, sagt Will.

„Na dann. Richtet ihr euch mal oben ein, ich mache ein paar Brote.“ Ma stützt sich am Eichenbüfett ab und geht Richtung Tür. Kurz befürchte ich, sie könnte stürzen.

»Ma, das kann ich doch …«

„Du weißt doch gar nicht, wo alles ist.“ Ma winkt ab. „Tu, was man dir sagt, und bring eure Sachen nach oben.“

„Gut“, sage ich und fühle mich wieder ein bisschen wie mit fünfzehn, als ich mich fast zwingen musste, das eine oder andere unbeholfene Wort rauszukriegen. „Ich habe mit dem Stromversorger gesprochen, da wurde mir gesagt, der Strom müsste heute oder morgen wieder da sein. Du hast denen ziemlich viel geschuldet.“

Kein besonders subtiler Hinweis darauf, dass ich von unserem kümmerlichen Ersparten ihre Schulden bezahlt habe, aber es rutscht mir trotzdem raus.

»Und bis dahin …« Ma zeigt auf drei halb abgebrannte Kerzen und eine platt gedrückte Streichholzschachtel.

Mab hebt schwach protestierend den Kopf, als Will aufsteht.

„Alle sagen, mein Vater ist tot.“ Er sieht Ma an. „Aber das ist er nicht. Ich weiß, dass er das nicht ist.“

„Meinetwegen“, sagt Ma, aber Will ist noch nicht fertig.

„Granny Unity sagt, du bist eine Rassistin und dass du darum nicht wolltest, dass Mum und Dad heiraten. Und wenn du Rassistin bist, dann heißt das doch, dass du mich auch hasst, oder?“

»Will …« Mein Instinkt sagt mir, ich soll eingreifen, aber das ist falsch. Ich bin so stolz auf seine entschieden gestrafften Schultern, seine Weigerung, wegzusehen, sein erhobenes Kinn. Mein kleiner Junge, acht Jahre alt, und mit jedem Tag erhöht sich die Anzahl der Minuten, in denen ich ihn nicht beschützen kann, der Kämpfe, die nur er selbst austragen kann – und das Schlimmste ist, er hat sich bereits daran gewöhnt.

„Na dann“, sagt Ma. „Eine direkte Frage verdient eine direkte Antwort.“ Sie wendet sich Will zu und fixiert ihn aus ihren blassblauen Augen. „Ich habe deinen Vater nie gehasst. Ich habe ihn für einen sehr anständigen Mann gehalten, nur nicht für den richtigen Mann für meine Tochter. Ich hatte meine Gründe dafür. Und deine Mutter hatte ihre. Darüber haben wir uns zerstritten. Aber eins kann ich dir sagen, Will, es hatte nichts damit zu tun, dass dein Vater schwarz ist. Überhaupt nichts. Man kann mir vieles nachsagen, aber nicht, dass ich Rassistin wäre, und wenn du hier je einem Rassisten begegnen solltest, dann jage ich ihn mit meinem Stock vom Hof, verstanden? Ich will diesen Abschaum nicht in meiner oder deiner Nähe haben. Du bist mein Enkel, und du bist hier herzlich willkommen. Was ich nicht von vielen Menschen sagen kann. Dass du’s nur weißt.“

„Mum hat auch gesagt, dass du keine Rassistin bist“, erklärt Will. „Sie hat gesagt, du bist einfach nur gemein. Ich wollte sehen, ob das stimmt.“

„Mag sein, dass ich gemein bin.“ Ma zuckt die Schultern, als wollte sie sagen: Dem ist nichts hinzuzufügen. „Ich kann nichts dafür, dass ich bin, wer ich bin, oder? Wenn du willst, kannst du mich dafür hassen.“

Dieses Mal ist es Will, der die Schultern zuckt.

„Du magst Hunde“, sagt er. „Jedenfalls ist mein Dad nicht tot. Er kommt wieder nach Hause, das weiß ich.“

„Mag sein, dass du recht hast, mein Junge“, sagt Ma sanft. „Nach einem ganzen Leben in diesem Haus neige ich dazu, daran zu glauben, dass der Tod keine ganz so endgültige Angelegenheit ist, wie allgemein behauptet wird.“

Zum ersten Mal, seit wir in London losgefahren sind, lächelt Will.

Rowan Coleman

Über Rowan Coleman

Biografie

Rowan Coleman lebt mit ihrer Familie in Hertfordshire. Wenn sie nicht gerade ihren fünf Kindern hinterherjagt, darunter lebhafte Zwillinge, verbringt sie ihre Zeit am liebsten schlafend, sitzend oder mit dem Schreiben von Romanen. Da kann das Bügeln schon mal zu kurz kommen. Rowan wünschte, ihr...

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