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Du musst nicht perfekt sein, Mama!Du musst nicht perfekt sein, Mama!

Du musst nicht perfekt sein, Mama!

Schluss mit dem Supermama-Mythos – Wie wir uns von überhöhten Ansprüchen befreien

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Du musst nicht perfekt sein, Mama! — Inhalt

  • Gegen den Optimierungsdruck bei Müttern
  • Von der renommierten Erziehungswissenschaftlerin mit neuesten Forschungserkenntnissen
  • Für alle, die zwischen zu hohen Erwartungen und Selbstzweifeln aufgerieben werden

Mütter sind heutzutage enorm hohen Erwartungen ausgesetzt: Sie sollen eine tiefe Bindung zum Kind haben, trotz Berufstätigkeit viel Zeit in den Nachwuchs investieren und die eigenen Bedürfnisse hinten anstellen – nur dann gelten sie als gute Mutter. Dieses Idealbild führt dazu, dass viele Mütter unter Selbstvorwürfen, Selbstzweifeln und einem permanenten schlechten Gewissen leiden. Dabei muss man keine Supermama sein, um eine gute Bindung zum eigenen Kind zu haben. Im Gegenteil: Das Ideal der intensiven Mutterschaft schadet Frauen und Kindern. Margrit Stamm beschreibt auf der Grundlage eigener Studien, wie uns das Ideal der perfekten Mutter leitet und wie wir uns daraus befreien können.

€ 18,00 [D], € 18,50 [A]
Erschienen am 03.08.2020
288 Seiten, Hardcover
EAN 978-3-492-07026-3
€ 16,99 [D], € 16,99 [A]
Erschienen am 03.08.2020
288 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99723-2

Leseprobe zu „Du musst nicht perfekt sein, Mama!“

Vorwort

Mutter sein und Kinder haben ist das größte Glück, so will es auch die Gesellschaft. Doch eine Zukunft als Mutter macht nicht wenigen Frauen Angst. Und diejenigen, die sich dafür entscheiden, machen bald die Erfahrung, dass die Erziehung und Betreuung von Kindern eine manchmal verschleißende 24/7-Aufgabe ist. Sie sollen nicht nur Mütter werden, sondern professionelle und intensive Mütter – auch dann, wenn sie berufstätig bleiben. Und weil eine Frau, die jemals etwas Negatives über ihre Mutterrolle oder ihre Kinder äußert, immer noch als [...]

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Vorwort

Mutter sein und Kinder haben ist das größte Glück, so will es auch die Gesellschaft. Doch eine Zukunft als Mutter macht nicht wenigen Frauen Angst. Und diejenigen, die sich dafür entscheiden, machen bald die Erfahrung, dass die Erziehung und Betreuung von Kindern eine manchmal verschleißende 24/7-Aufgabe ist. Sie sollen nicht nur Mütter werden, sondern professionelle und intensive Mütter – auch dann, wenn sie berufstätig bleiben. Und weil eine Frau, die jemals etwas Negatives über ihre Mutterrolle oder ihre Kinder äußert, immer noch als Rabenmutter abgestempelt wird, behält sie ihre Sorgen, ihre Schuldgefühle, manchmal auch ihre Frustration, lieber für sich.
Unsere Gesellschaft ist einem Mutterideal verpflichtet, dem keine Frau genügen kann, auch wenn sie Vollzeitmutter wird. Doch wohin wir auch blicken, auf Glanz und Gloria, Social Media und auf Influencerinnen, überall werden uns endlose Paraden berühmter und perfekter Supermütter präsentiert, welche glauben machen wollen, dass sie ihre Kinder immer in den Mittelpunkt ihres Lebens stellen, sie viel mehr als die Arbeit lieben und dass das Geld keine Rolle spielt, weil man es einfach hat. Auch bekannte berufstätige Frauen wie Sheryl Sandberg, Michelle Obama oder Amal Clooney präsentieren sich so, als ob eine perfekte Mutter trotz Berufskarriere zu sein letztlich nur eine Frage des Willens und Managements sei.
Im Alltag der meisten Frauen sieht es jedoch ganz anders aus. Zwar können Mütter ihre persönlichen Ambitionen haben und eigenes Geld verdienen, Kinder ohne Partner aufziehen oder sich für eine Vollzeitmutterschaft entscheiden, ohne dazu gezwungen zu werden. Doch welches Modell sie auch wählen, sie sollten ihre Mutterschaft so ausleben, dass sie die Kinder immer priorisieren. Und sie gelten nur dann als glaubwürdig, wenn sie ihre Selbstlosigkeit betonen, auch wenn dies in zunehmendem Ausmaß zur Überbeanspruchung führt.
Die offene Kritik daran, dass Mama immer und überall die Beste sein soll, hat unsere Gesellschaft im Anschluss an das Buch von Betty Friedan Der Weiblichkeitswahn in den 1960er-Jahren schon einmal durcheinandergewirbelt, allerdings mit der Ausrichtung auf die damalige Frau, welche sich allzu freiwillig auf das Frausein einschränken ließ. Heute basiert der Supermama-Mythos auf der Überzeugung, dass eine Frau sehr wohl berufstätig bleiben kann, wenn sie Mutter wird. Aber sie muss diesen Zustand perfektionieren. Die intensive Mama ist zu einem Ideal geworden, das auf der tief verankerten gesellschaftlichen Überzeugung basiert, dass eine Mutter alles Erdenkliche für die Kinder tun soll.
Die Überhöhung der Mutter ist ein aktuelles Phänomen, das sich von der Situation in den 1990er-Jahren, als ich zwei kleine Kinder hatte, unterscheidet. Die qualitativen Ansprüche an uns Mütter waren deutlich bescheidener, doch die gesellschaftlichen Erwartungen an die Frau, die zu Hause bleibt und zu den Kindern schaut, um einiges höher. Deshalb erwartete man fast selbstverständlich von mir, dass ich meine eigenen beruflichen Ambitionen als Ehefrau eines Arztes begraben und mich in den Dienst seiner Praxis stellen sollte. Meine Schuldgefühle resultierten somit nicht daraus, eine zu wenig gute Mutter zu sein, sondern aus der Tatsache, dass ich meinen eigenen Weg gehen wollte und mit 35 Jahren sowie zwei Kindern von fünf und acht Jahren ein Universitätsstudium in Erziehungswissenschaft begann.
An einen solchen Cocktail aus Schuld und Ressentiments erinnere ich mich besonders gut. Unser fünfjähriger Sohn hatte Scharlach, und ich fühlte mich deshalb sehr gestresst und auf Nadeln sitzend, wenn ich jeweils so gut es ging an der Universität Vorlesungen und Seminare besuchte. Doch als mir meine Nachbarschaft und auch ein Teil der Verwandten signalisierte, wie sehr sie mich als Egoistin empfanden, war das zu viel für mich, und ich schüttete einer Studienkollegin mein Herz aus. Sie hörte mir aufmerksam zu und sagte: „Hör mal, du hast dieses Kind nicht nur für zwei Monate, du hast es für den Rest des Lebens! Du musst auch ein Leben für dich selbst führen. Wenn du glücklich bist, sind auch deine Kinder und dein Partner glücklich. Heute Abend kannst du deinem Kind alle Liebe und Fürsorge geben, aber jetzt bist du da und nicht dort.“
Diese Worte waren für mich ein großes Geschenk, doch begann ich erst nach Jahren zu realisieren, dass mein schlechtes Gewissen ab diesem Tag zumindest ein bisschen kleiner wurde und ich mir nach und nach etwas mehr Zeit gönnte, allein für eine Stunde in einem Café die Zeitung zu lesen oder mich mit einer Freundin zum Abendessen zu verabreden.
Meine damaligen Verunsicherungsgefühle gelten offenbar für viele Frauen heute noch. In unserer Forschungsarbeit berichten Mütter immer wieder von solchen Gefühlen, nur nennen sie andere Ursachen. Heute sind es die Verpflichtung zum intensiven Muttersein und der vergleichende Blick anderer Frauen, die kaum eine Mutter kaltlassen, ob sie nun Vollzeithausfrau oder berufstätige Frau in Vollzeit oder Teilzeit ist.
Die Tatsache, dass solche Gefühle auch heute noch so weit verbreitet sind, ist meine Hauptmotivation, dieses Buch zum Supermama-Mythos zu schreiben. Ich bin schockiert, dass junge Frauen politisch, gesellschaftlich und familiär gleichberechtigt sind – aber nur, bis sie Mutter werden. Dann sind sie mit einem Mutterbild konfrontiert, das sie zurück in die 1960er- und 1970er-Jahre katapultiert und von ihnen ein Maß an Selbstlosigkeit erwartet, das kaum oder nur mit Stress und Verzicht geleistet werden kann. Das ist nicht in allen Ländern so. In Frankreich oder den skandinavischen Staaten geht man ganz selbstverständlich von einem Recht mütterlicher Selbstverwirklichung aus, die nicht mit Vernachlässigung verbunden wird.
Das Buch verfolgt vier Ziele. Das erste Ziel ist, aufzuzeigen, welches die wichtigsten aktuellen Herausforderungen sind, die auf Frauen in der Schwangerschaft und in der ersten Zeit als Mama zukommen. Ich konzentriere mich dabei auf Herausforderungen, die selten in einer Broschüre oder einem Ratgeber thematisiert werden, obwohl sie für den Übergang in die Mutterschaft im Zusammenhang mit den überdimensionierten Ansprüchen an Frauen von zentraler Bedeutung sind. Die Diskussion der Folgen solcher Herausforderungen ist das zweite Ziel des Buches. Sie zeigen sich unter anderem im ewig schlechten weiblichen Gewissen, wenn es um die Kinder geht, oder auch in einem ungesunden Perfektionismusstreben. Das dritte Ziel liegt im Versuch aufzuzeigen, dass es primär nicht um die einzelne Mutter geht, sondern um unsere Gesellschaft, die aus dem überhöhten Mama-Ideal ein kulturelles Mandat gemacht hat. Schließlich ist es das vierte Ziel, notwendige gesellschaftliche Veränderungen zu formulieren und dem Zwang zum intensiven Mutterschaftsideal Alternativen entgegenzusetzen.
Mein Buch ist kein Ratgeber- oder Selbsthilfebuch und keine Geschichte über die Entwicklung von Müttern. Und es ist auch kein Buch über die Balancekompetenz erwerbstätiger Frauen oder die Tugenden von Vollzeitmüttern. Es ist vor allem ein wissenschaftsbasiertes Buch über die verschiedensten Gefühle und Handlungsweisen, die in der Glorifizierung der perfekten Mama besonders sichtbar werden. Weil unsere empirischen Daten vorwiegend aus der Mittelschicht stammen, können lesbische, behinderte, alleinerziehende oder von Hartz IV lebende Mütter nicht in die Analysen einbezogen werden. Auch wenn die Frage, mit welchen Herausforderungen sich solche Mütter konfrontiert sehen, um dem vorherrschenden Mutterbild zu entsprechen, und welche Strategien sie wählen (müssen), um ihm gerecht zu werden, natürlich interessant wäre. Die zweite Lücke betrifft die Väter. Auch sie lasse ich in dieser Publikation mehr oder weniger außen vor, weil sich mein letztes Buch, das 2018 ebenfalls bei Piper erschienen ist (Neue Väter brauchen neue Mütter – Weshalb Familie nur gemeinsam gelingt), sehr detailliert mit ihnen befasst hat.
An der Entstehung eines solchen Werkes sind immer verschiedene Autorinnen und Autoren beteiligt. Allen gut eintausend Studienteilnehmerinnen der letzten zehn Jahre danke ich ganz besonders für ihre Bereitschaft, uns Einsichten in ihre Handlungsweisen, Einstellungen und Überzeugungen, in ihre Ängste, Hoffnungen und Wünsche zu geben. Genauso danke ich den wissenschaftlich Mitarbeitenden für die große Arbeit, das kritische Mitdenken und Hinterfragen sowie die Bereitschaft, sich auf ein Thema einzulassen, das für viele noch keine persönliche Relevanz hat. Ein besonderer Dank geht sowohl an meine Kolleginnen und Kollegen, von denen ich auf Kongressen profitieren konnte, als auch an die vielen mir nur flüchtig bekannten Personen und ihre Beiträge zu den Diskussionen anlässlich meiner Referate und Seminare. Ein spezielles Dankeschön richte ich an meine Agentin Heike Specht, die mir immer bei allen Fragen unterstützend zur Seite stand, sowie an Anne Stadler vom Piper Verlag und ihre wohlwollende Begleitung bei der Entstehung des Buches. Ein besonderer Dank geht auch an meine Lektorin Catharina Stohldreier, die wesentlich zur guten Lesbarkeit des Manuskriptes beigetragen hat.
Und schließlich danke ich meiner Familie – Walter, Ralph, Sibylle und Frederik. Sie dürften sich kaum bewusst sein, dass sie einen relativ großen Beitrag zur Entstehung dieses Werkes geleistet haben. In unseren vielen Diskussionen, die teils schon Jahre zurückliegen, haben sie auf meine Ideen und Gedanken immer kritisch, aber meist mit Wohlwollen reagiert. Mit ihrer eigenen Sicht auf die Dinge waren und sind sie für mich eine Quelle der Inspiration. Durch sie bin ich darin bestärkt worden, dass der neue Mama-Mythos nur aus einer Vielzahl von Perspektiven angemessen beleuchtet werden kann.

Aarau, im Januar 2020
Margrit Stamm



Einleitung

Ein Großteil der Menschen reagiert auf Mutterschaft überaus emotional. Wird sie mit Begriffen wie Berufstätigkeit oder Hausfrau kombiniert, dann ist entweder Begeisterung oder Empörung garantiert. In medialen Beiträgen provoziert das Thema Unmengen an Kommentaren über „die“ Mütter und was sie tun oder lassen sollen. Die Meinungen sind fast immer schon gemacht, denn viele sind davon überzeugt, genauso wie über das Thema Schule auch über Mutterschaft ein Wörtchen mitreden zu können. Alle haben ja eine Mutter, und deshalb weiß man doch, was es bedeutet, Mutter zu sein und von einer Mutter umsorgt zu werden!
Heute dominiert das Ideal der guten Mutter, das auf eine noch nie in diesem Ausmaß da gewesenen Glorifizierung des Mütterlichen setzt. Mit diesem Supermama-Mythos sind enorm hohe Standards verbunden, die Frauen, welche noch keine Kinder haben, in einigermaßen große Angst versetzen, ob sie solche Ansprüche jemals werden erfüllen können. Und wer bereits Mama geworden ist, fällt nach der Geburt oft in eine Identitätskrise, sobald die Zwänge dieses perfektionistischen Mutterbildes spürbar werden. Es gibt inzwischen viele Medienbeiträge, die mit einiger Regelmäßigkeit Bilder der perfekten Mama toppen und sie mit der Botschaft verbinden, eine Mutter könne ihrer Aufgabe nur dann nachkommen, wenn sie in feinfühliger Fürsorge die Bedürfnisse des Kindes nonstop befriedige und als Berufstätige auch dafür Sorge trage, dass dies in der familienergänzenden Betreuung ebenso ist. Neuerdings gilt der Vater zwar als wichtiger und unterstützender Partner, aber er steht nie so in der Kritik wie die Mutter . Zeigt er häusliche Präsenz und kümmert sich gleichzeitig um ein volles Familienkonto, kann er sich der gesellschaftlichen Anerkennung sicher sein.


Intensive Mutterschaft führt zu Verunsicherung

Die idealisierten Ansprüche an Mütter passen weder zu unserer individualisierten Gesellschaft noch zu den Bemühungen um die Gleichstellung der Geschlechter. Warum setzt man trotzdem so sehr auf dieses Ideal als quasi einziges anzustrebendes Qualitätsmerkmal? Mit Sicherheit auch deshalb, weil sich die Forschung – in erster Linie Bindungsforschung, Kleinkindforschung und Hirnforschung – jahrelang darauf eingeschossen hat. Das Mütterproblem wurde individualisiert, die systemische Sichtweise und damit auch soziale, politische und ökonomische Bedingungen von heutiger Mutterschaft vernachlässigt. Das Ergebnis sind Mütter, die überzeugt sind, alles für ihr Kind tun zu müssen und nichts unversucht lassen zu dürfen. Sie fühlen sich so unter Druck, perfekt zu sein, trauern aber ihren ehemaligen Freiheiten auch ein wenig nach .
Die Praxis intensiver Mutterschaft hat eine hohe Messlatte. Sie hindert Frauen daran, auch an sich selbst zu denken und sich als eigenständige Person wahrnehmen zu dürfen. Zwar ist es keine Frage, dass die Beziehung zwischen Mutter und Kind enorm wichtig und auch entscheidend ist für ein gesundes Aufwachsen und Gedeihen. Doch genauso kann der zu intensive Betreuungs- und Erziehungsstil zu der Paradoxie führen, dass das Kind abhängig wird und unter der intensiven Mutterschaft leidet. Es kann nicht selbstständig werden, Herausforderungen kaum allein meistern und auch nicht lernen, mit Niederlagen umzugehen. Intensive Mutterschaft macht aus dem Nachwuchs Kinder im modernen Laufgitter. Auch für Paare erweist sich intensive Mutterschaft eher als hinderlich, da sie sich nur noch auf die Kinder konzentrieren, die Zweisamkeit aufgeben, also die Zeit, sich füreinander zu interessieren und zusammen Muße zu erleben, um neue Kraft zu schöpfen.
Und schließlich tut intensive Mutterschaft den Frauen selbst nicht gut. Darauf verweist die empirisch erwiesene Tatsache, dass 70 Prozent der Frauen immer wieder stark verunsichert sind, wie sie ihre Aufgabe anpacken sollen, oft ein schlechtes Gewissen oder gar Schuldgefühle haben und sich permanent unter Druck fühlen . Die Zahl der Mütter mit Erschöpfungssyndromen wie Kopfschmerzen, Angstzustände, Schlafstörungen bis hin zum Burn-out ist in den letzten zehn Jahren enorm gestiegen. Allerdings spielt das Ausmaß, in welchem Frauen Konflikte in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleben, eine große Rolle. Es ist nicht die Mutterschaft an sich, die zu negativen Begleiterscheinungen führen kann, sondern die Art und Weise, wie sie praktiziert wird. Nicht wenigen Frauen gelingt es – meist zusammen mit ihren Partnern –, ein normales respektive nicht ausschließlich von der Selbstaufgabe geleitetes Verhältnis zum Muttersein zu entwickeln.


Muttersein als hauptverantwortlicher Job: drei Hintergründe

Der intensive Erziehungsstil ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist die Frage, weshalb die Mehrheit der Mütter trotz Berufstätigkeit unhinterfragt oder nach Diskussionen mit dem Partner die familiäre Hauptverantwortung übernimmt. Manche argumentieren mit Schwangerschaft und Stillen (weil der Kontakt der Mütter zu den Kindern deshalb besonders intensiv sei, würden sie die Hingabe aufbringen, die für eine intensive Erziehung bedeutsam sei), mit dem Mutterinstinkt (weil Mütter als von Natur aus fähigste Betreuerinnen gelten würden) oder mit der Unfähigkeit der Väter (weil sie emotionale Zwerge seien, die nicht mit der notwendigen Feinfühligkeit auf das Kind eingehen könnten und viel besser im Geldverdienen seien). Alle drei Aspekte lassen sich widerlegen. Zwar haben Frauen wegen ihrer Schwangerschaft einen Vorsprung, aber Männer können schnell aufholen und ähnlich feinfühlige Emotionen entwickeln wie ihre Partnerinnen. Zudem ist der Mutterinstinkt in der Forschung eine höchst umstrittene Angelegenheit, weshalb oft nahegelegt wird, nicht von Instinkt, sondern von Mutter- und Vaterliebe zu sprechen. Und schließlich sind Väter mitnichten emotionale Zwerge – vorausgesetzt, sie sind selbst motiviert und ihre Partnerinnen lassen ihnen den notwendigen Raum, um zu ihrem Kind eine innige Beziehung aufzubauen.
Es sind aber auch andere Aspekte, welche die Verpflichtungsgefühle von Müttern beeinflussen. Dazu gehören die gesellschaftlichen, teilweise aber auch wissenschaftlichen Vorbehalte gegenüber Fremdbetreuung, das Ideal des optimierten Kindes und die Konkurrenz zwischen Frauen.
● Vorbehalte gegenüber Fremdbetreuung: In der Erziehung dominiert heute ein kindzentrierter Ansatz, der uneingeschränktes Engagement, emotionale Hingabe sowie arbeitsintensive Betreuung, Pflege und Förderung erfordert. Die in den letzten zwanzig Jahren enorm gestiegenen Erwartungen an Mütter speisen sich in erster Linie aus den vielen Expertenmeinungen zur Bedeutung der Mutter-Kind-Bindung und damit zur Mutterpräsenz. Dabei haben vor allem die amerikanischen Studien von Jay Belsky und seinem Team hierzulande eine wichtige und zugleich problematische Rolle gespielt. Unter anderem untersuchten die Forscherinnen und Forscher die Auswirkungen verschiedener Formen familienergänzender Betreuungsangebote (Kitas, Tagesfamilien, Nannys, Verwandte etc.) auf die kindliche Entwicklung und die Rolle der abwesenden Mutter. Obwohl die Studienergebnisse gemischt waren und sich vor allem die Qualität der Fremdbetreuung als zentrales Kriterium für eine gute kindliche Entwicklung erwies, wurde in vielen Medien ganz anders berichtet. Es hieß und heißt heute teilweise immer noch, fremdbetreute Kinder würden Verhaltensschwierigkeiten, Bindungsstörungen und in der Schule vermehrt Probleme entwickeln. Solche Schlagzeilen führen dazu, dass berufstätige Frauen als schlechte Mütter bezeichnet werden, wenn sich der Nachwuchs nicht wie gewünscht entwickelt.
● Das Ideal des zu optimierenden Kindes: Auch wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler heute versuchen, Mythen durch Fakten zu ersetzen, ist in vielen Köpfen nicht nur das Dogma der intensiven Mutter besonders präsent, sondern auch die Idee des zu optimierenden Kindes. Diese Idee besagt, dass man den Sprössling wie einen Diamanten schleifen oder wie einen Tonklumpen beliebig formen kann, bis er den eigenen Vorstellungen entspricht. Mütter, die nichts übersehen wollen, sind deshalb immer auf der Suche nach all dem, was man noch optimieren könnte. Deshalb ist ihre Sorge nachvollziehbar, möglicherweise zu spät mit der Förderung zu beginnen und das Kind nicht optimal zu unterstützen.
● Mütter im Konkurrenzdruck: Eltern sollen verantwortungsvoll sein und das Kindeswohl in den Mittelpunkt stellen – so zumindest lautet der gesellschaftliche Tenor. Weil bei vielen Müttern die Fäden zusammenlaufen, sind erfolgreiche Kinder ein Zeichen mütterlicher Ernsthaftigkeit. Erfolgreiche Mütter haben erfolgreiche Kinder! Dieser Druck hat zur Folge, dass Frauen genau hinschauen, was andere Frauen – die Nachbarin, die Freundin oder die Kollegin am Arbeitsplatz – für ihre Kinder tun. Infolgedessen ist es logisch, dass viele Mütter die Antennen ausfahren und mit anderen Frauen wetteifern, auch wenn sie dies öffentlich nie zugeben würden.


Das Mama-Ideal und die Investitionen der Mütter: meine These

Das Dogma der intensiven Mutter verschont kaum eine Frau, weshalb es schwierig geworden ist, sich ihm überhaupt zu entziehen. Es setzt ganz aufs Kind, seine Bedürfnisbefriedigung und seine Förderung, denn nur so kann die bestmögliche kindliche Entwicklung, das bestmögliche Umfeld und die bestmögliche Ausschöpfung der Potenziale realisiert werden. Doch – wie bereits deutlich wurde – hat dieses Dogma nicht nur positive Auswirkungen. Intensive Mutterschaft schürt unerfüllbare Erwartungen und schafft große Verunsicherungen und Überforderungen der Frauen, sie kann zur Distanzierung in der Partnerschaft und zu unselbstständigen Kindern führen.
Allerdings wäre es unangemessen, den Frauen lediglich zu empfehlen, die Mutterschaft etwas gelassener anzugehen. Mütter agieren nie autonom, sondern orientieren sich immer an der allgemein gültigen Kultur und ihren Normen oder an einer Alternativkultur. Solche Erkenntnisse haben meinen Blick hinter die Kulissen in den letzten Jahren geleitet, um die Kraft und die Macht zu identifizieren, mit der der Supermama-Mythos moderne Frauen beeinflusst. So ist die These entstanden, die meine Ausführungen in diesem Buch leitet:

Der Supermama-Mythos ist keine individuelle Angelegenheit, sondern ein kulturelles Mandat und als solches eine wesentliche Ursache dafür, dass viele Frauen einem überdimensionierten Mama-Ideal folgen und die Hauptverantwortung in der Familie übernehmen – auch wenn sie aufgrund dieser Last manchmal fast zusammenbrechen. Mütter müssen immer – ob berufstätig oder nicht – beweisen, dass sie ihre Kinder nicht vernachlässigen, sie über die eigenen Bedürfnisse stellen und auch für sie verantwortlich sein, wenn sie fremdbetreut werden. Das setzt viele Mütter unter psychischen und physischen Druck und führt zu Konkurrenzbeziehungen zu anderen Frauen, vor allem dann, wenn diese Frauen alternative Familienmodelle leben und andere Ideologien verfolgen.

Diese These untermauere ich in fünf Schwerpunkten. Dabei beziehe ich mich nicht nur auf unsere empirischen Daten, sondern ebenso auf wissenschaftliche Argumentationen, theoretische Konzepte und historische Positionen. Herzstück sind unsere beiden Studien namens „Mary Poppins I und II“ , in denen sowohl Mütter als auch Personen der familienergänzenden Betreuung zu Wort kommen sowie die qualitative Studie „Berufstätige Mütter: die Sicht ihrer Kinder im Rückblick“, in der Jugendliche befragt worden sind, wie sie die Fremdbetreuung in ihrer Kindheit und die Beziehung zur Mutter einschätzen. Einbezogen werden auch Daten aus unseren beiden früheren Studien „Franz“ und „Tarzan“.
In einem hinführenden Teil geht es um die allerwichtigste Frage überhaupt, die in der Literatur über Mutterschaft erstaunlicherweise kaum beantwortet wird: Was sollte ich beachten, wenn ich Mutter werde? Und wenn ich Mutter bin: Welches sind die wichtigsten Herausforderungen, denen ich am meisten Aufmerksamkeit schenken soll, damit ich mich nicht automatisch an den Standards der Supermama orientiere? Tatsache ist, dass das erste Kind das Leben von Müttern und Vätern immer auf den Kopf stellt, ihnen aber kaum jemand zuvor sagt, was sie konkret erwartet und wie sie sich auf diese Herausforderungen vorbereiten können. Meist geht es nur um ganz allgemeine Mütterthemen wie Geburtsvorbereitung, Stillen, After-Baby-Body, Durchschlafen, Ernährung etc.
Im ersten Schwerpunkt zeichne ich anhand von zwei Fallstudien („Melanie“ und „Daniela“) nach, warum das intensive Mama-Ideal als direkte Ursache für die überbehütende und überemotionale Erziehung von Kindern verstanden werden muss. Im zweiten Schwerpunkt geht es um die bemerkenswerten Folgen für die sich hauptverantwortlich fühlenden Frauen. Dazu gehören Schuldgefühle, schlechtes Gewissen und Burn-out-Symptome wie auch die Überbindung an die Kinder. Der dritte Schwerpunkt untersucht das feine und oft unsichtbare Konkurrenz- und Rivalitätsverhalten zwischen Müttern. Basis sind die unterschiedlichen Lebensmodelle, welche Frauen mit ihren Partnern wählen, aber auch das Phänomen der gesellschaftlichen Dauerüberwachung von Müttern, sei es in der Straßenbahn oder durch Fachexpertinnen und Fachexperten. Der vierte Schwerpunkt stellt die sogenannten Schattenmütter in den Mittelpunkt. Das sind Frauen, die in Abwesenheit der Mütter die Betreuung, Pflege und Förderung der Kinder übernehmen. Diese „delegierte“ Mutterschaft ist nach wie vor eine Blackbox. Darüber hinaus geht es auch um die rückblickende Sicht von Jugendlichen, welche in der Kindheit von Schattenmüttern betreut wurden. Im fünften Schwerpunkt ziehe ich ein abschließendes Fazit. Überzeugt davon, dass das traditionelle Mutterbild nur modernisiert werden kann, wenn wir dem Modell der intensiven Mutter eine Alternative entgegensetzen, plädiere ich sowohl für eine Neudefinition der Mutterrolle als auch für alternative gesellschaftliche Praktiken, welche den Druck auf Mütter reduzieren und unsere Gleichstellungspolitik in eine vertretbare Balance bringen können. Gleichzeitig rege ich Mütter auch zu selbstkritischen Fragen an.

Margrit Stamm

Über Margrit Stamm

Biografie

Margrit Stamm war bis 2012 Ordentliche Professorin für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Sozialisation und Humanentwicklung an der Universität Fribourg. Seit Oktober 2012 ist sie Direktorin des Swiss Institute for Educational Issues mit Sitz in Bern. Sie ist zudem Gründerin des Universitären...

Pressestimmen
SonntagsZeitung CH)

„Ein lesenswertes, gesellschaftskritisches Paket.“

Psychologie bringt dich weiter

„Es gibt gute Denkanstöße.“

Libelle Magazin

„Es lohnt sich, das Buch immer mal wieder unter einem anderen Aspekt zur Hand zu nehmen.“

sanitaetshaus-aktuell.info

„Ein kluges Buch“

Zeit online

„›Du musst nicht perfekt sein, Mama!‹ ist eine Streitschrift gegen ein konservatives Rollenbild und für mehr Freiräume innerhalb der Mutterschaft.“

Inhaltsangabe
Vorwort

Einleitung

Mama werden – Mama sein
1 Die Zukunft als Mutter 
2 Herausforderungen des Mama-Alltags

I Die intensive Mama: Hintergründe eines Phänomens
3 Eine sentimentale Religion
4 Das Fundament der Mutterschaftsideologie
5 Perfekte Mütter

II Mütterliche Perfektion: Folgen und Ursachen
6 Intensive Mutterschaft überfordert
7 Mütter als Manövriermasse
8 Mütter aus historischer Sicht

III Mütterkonkurrenz
9 Mütter und ihre Vergleiche
10 Hausfrauen und berufstätige Mütter
11 Überwachte Mütter

IV Die Delegation von Mutterschaft und die Sicht der Kinder
12 Schattenmütter als Blackbox
13 Managementstrategien von Müttern
14 Schattenmütter und ihre Perspektiven
15 Die Sicht der Kinder

V Weniger ist mehr! Das Mama-Ideal normalisieren
16 Die Mutterrolle neu konstruieren
17 Überinvestition erkennen und abbauen
18 Mama muss nicht die Beste sein!

Anmerkungen
Literatur
Register


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