Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Du findest mich am Ende der WeltDu findest mich am Ende der Welt

Du findest mich am Ende der Welt

Roman

Taschenbuch
€ 10,00
E-Book
€ 9,99
€ 10,00 inkl. MwSt.
Lieferzeit 2-3 Werktage
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 9,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Du findest mich am Ende der Welt — Inhalt

Eine Geschichte, zum Verlieben schön.

Als der Galerist Jean-Luc Champollion eines Morgens den Liebesbrief einer Unbekannten in der Post findet, ahnt er noch nicht, dass sein wohltemperiertes Leben von jetzt an völlig auf den Kopf gestellt werden soll. Denn bald schon hat Jean-Luc nur noch ein Ziel: Er will die kapriziöse Unbekannte finden, die sich »Principessa« nennt und die verführerischsten Briefe der Welt schreibt. Doch wer ist diese Frau, die ihn mit zarter Hand und spitzer Feder durch eine turbulente Liebesgeschichte lenkt?

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.07.2010
Übersetzer: Sophie Scherrer
272 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-25775-6
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 16.07.2012
Übersetzer: Sophie Scherrer
272 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96000-7

Leseprobe zu »Du findest mich am Ende der Welt«

Mein erster Liebesbrief endete in einer Katastrophe. Ich war damals fünfzehn und halb ohnmächtig vor Liebe, wenn ich Lucille nur sah.
Sie kam kurz vor den Sommerferien an unsere Schule, ein Geschöpf von einem anderen Stern, und selbst heute, viele Jahre später, scheint es mir, daß es einen ganz eigenen Zauber hatte, wie sie dort zum ersten Mal vor unserer Klasse stand, in ihrem himmelblauen, duftigen, ärmellosen Kleid und den langen silbrig-blonden Haaren, die das feine herzförmige Gesichtchen einrahmten.
Sie stand ganz ruhig da, ganz aufrecht, lächelnd, [...]

weiterlesen

Mein erster Liebesbrief endete in einer Katastrophe. Ich war damals fünfzehn und halb ohnmächtig vor Liebe, wenn ich Lucille nur sah.
Sie kam kurz vor den Sommerferien an unsere Schule, ein Geschöpf von einem anderen Stern, und selbst heute, viele Jahre später, scheint es mir, daß es einen ganz eigenen Zauber hatte, wie sie dort zum ersten Mal vor unserer Klasse stand, in ihrem himmelblauen, duftigen, ärmellosen Kleid und den langen silbrig-blonden Haaren, die das feine herzförmige Gesichtchen einrahmten.
Sie stand ganz ruhig da, ganz aufrecht, lächelnd, das Licht fiel geradewegs durch sie hindurch, und unsere Lehrerin, Madame Dubois, ließ den Blick prüfend über die Klasse schweifen.
»Lucille, du kannst dich erst einmal neben Jean-Luc setzen, da ist noch ein Platz frei«, sagte sie schließlich.
Meine Hände wurden feucht. Ein leises Raunen ging durch die Klasse, und ich starrte Madame Dubois an wie die gute Fee aus dem Märchen. Selten in meinem späteren Leben habe ich dieses Gefühl gehabt, das man nur dann empfinden kann, wenn das Glück so völlig unverdienterweise über einen hereinbricht.
Lucille nahm ihre Schultasche und schwebte zu meiner Bank, und ich dankte meinem Klassenkameraden Etienne aus tiefstem Herzen, daß er so vorausschauend gewesen war, sich gerade jetzt einen komplizierten Armbruch zuzulegen.
»Bonjour, Jean-Luc«, sagte Lucille höflich, es waren die ersten Worte, die sie überhaupt sagte, und der offene Blick aus ihren hellen, wasserblauen Augen traf mich mit der Wucht eines Wolkengewichts.
Mit fünfzehn wußte ich nicht, daß Wolken tatsächlich viele Tonnen wiegen, und wie hätte ich das auch ahnen sollen, wo sie doch so weiß und duftig am Himmel entlangschweben wie Zuckerwatte.
Mit fünfzehn wußte ich vieles nicht.
Ich nickte, grinste und versuchte, nicht rot zu werden.  Alle sahen zu uns herüber. Ich spürte, wie das Blut mir heiß in die Wangen schoß, und hörte die Jungen kichern. Lucille lächelte mir zu, als hätte sie es nicht bemerkt, wofür ich ihr sehr dankbar war. Dann setzte sie sich mit großer Selbstverständlichkeit auf den ihr zugewiesenen Platz und zog ihre Hefte heraus. Bereitwillig rückte ich ein Stück zur Seite, atemlos und stumm vor Glück.
Der Unterricht begann, und doch weiß ich von diesem Schultag nur noch eines: Das schönste Mädchen der Klasse saß neben mir, und wenn sie sich vorbeugte und die Arme aufstützte, konnte ich den zarten hellen Flaum in ihren Achselhöhlen sehen und ein winziges Stückchen verwirrend weicher, weißer Haut, das zu ­ihrer Brust führte, die unter dem Himmelskleid verborgen blieb.
Die nächsten Tage waren ein einziger glückstrunkener Taumel. Ich sprach mit keinem, ich ging am Strand von Hyères entlang, meiner kleinen Heimatstadt am südlichsten Zipfel Frankreichs, und schickte den Ansturm meiner Gefühle übers Meer, ich schloß mich in meinem Zimmer ein und hörte laut Musik, bis meine Mutter gegen die Tür hämmerte und rief, ob ich verrückt geworden sei.
Ja, ich war verrückt. Verrückt auf die schönste Weise, die man sich nur vorstellen kann. Verrückt im Sinne
von verrückt. Nichts mehr war an seinem alten Platz, ich selbst am wenigsten. Alles war neu, anders. Mit der Naivität und dem Pathos eines Fünfzehnjährigen stellte ich fest, daß ich kein Kind mehr war. Ich verbrachte Stunden vor dem Spiegel, reckte mich und musterte mich kritisch von allen Seiten, um zu sehen, ob man es sah.
Unentwegt spielte ich Tausende von Szenen durch, die mir meine fieberhafte Phantasie eingab und die immer auf die gleiche Weise endeten – mit einem Kuß auf den roten Kirschmund von Lucille.
Mit einem Mal konnte ich es morgens kaum erwarten, in die Schule zu gehen. Ich war bereits eine Viertelstunde da, bevor der Hausmeister das große Eisentor aufschloß, in der unbegründeten Hoffnung, Lucille allein zu begegnen. Nicht ein einziges Mal kam sie zu früh.
Ich erinnere mich, daß ich an einem Tag in einer Mathematikstunde siebenmal meinen Bleistift unter die Bank fallen ließ, nur um meiner Angebeteten näher zu kommen, sie in vorgetäuschter Absichtslosigkeit zu berühren, bis sie ihre Füße in den leichten Sandalen kichernd zur Seite setzte, damit ich das, wonach ich angeblich tastete, wieder aufheben konnte.
Madame Dubois warf mir über ihre Brille hinweg einen strengen Blick zu und ermahnte mich, nicht so unkonzentriert zu sein. Ich lächelte nur. Was wußte sie schon?
Einige Wochen darauf sah ich Lucille mit zwei Mädchen, mit denen sie sich inzwischen angefreundet hatte, nachmittags vor der Buchhandlung stehen. Sie lachten und schwenkten kleine weiße Plastiktüten durch die Sommerluft.
Dann, welch wunderbarer Zufall, verabschiedeten sie sich voneinander, und Lucille blieb noch einen Moment vor der Schaufensterscheibe stehen und schaute in die Auslage. Ich steckte die Hände in die Hosentaschen und schlenderte zu ihr hinüber.
»Salut, Lucille«, sagte ich so normal wie möglich, und sie drehte sich überrascht um.
»Oh, Jean-Luc, du bist es«, erwiderte sie. »Was machst denn du hier?«
»Och …« Ich scharrte ein bißchen mit meinem rechten Turnschuh über das Pflaster. »Nichts Besonderes. Ich häng hier nur so rum.«
Ich starrte auf ihre kleine Plastiktüte und überlegte fieberhaft, was ich als nächstes sagen konnte. »Hast du ein Buch gekauft, für die Ferien?«
Sie schüttelte den Kopf, und ihre langen schimmernden Haare flogen auf wie feingesponnene Seide. »Nein, Briefpapier.«
»Aha.« Meine Hände verkrampften sich in den Hosentaschen. »Schreibst du gern … äh … Briefe?«
Sie zuckte die Achseln. »Ja, schon. Ich hab eine Freundin, die wohnt in Paris«, sagte sie mit einem Anflug von Stolz.
»Oh. Toll!« stotterte ich und verzog anerkennend meine Mundwinkel. Paris war für einen kleinen Jungen aus der Provinz so weit weg wie der Mond. Und daß ich später einmal dort leben und als nicht ganz unerfolgreicher Galerist recht weltmännisch durch die Straßen von Saint-Germain spazieren würde, wußte ich damals natürlich noch nicht.
Lucille sah mich schräg von unten an, und ihre ­
blauen Augen flackerten. »Aber noch lieber bekomme ich Briefe«, sagte sie. Es klang wie eine Aufforderung.
Das war wohl der Moment, der meinen Untergang besiegelte. Ich sah in Lucilles lächelnde Augen, und für ein paar Sekunden hörte ich nichts mehr von dem, was sie plapperte, denn in meinem Hirn nahm eine großartige Idee allmählich Formen an.
Ich würde einen Brief schreiben. Einen Liebesbrief, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. An Lucille, die Schönste von allen!
»Jean-Luc? He, Jean-Luc!« Sie sah mich vorwurfsvoll an und zog einen Schmollmund. »Du hörst mir ja gar nicht zu.«
Ich entschuldigte mich und fragte, ob sie mit mir ein Eis essen würde. Warum nicht, sagte sie, und schon saßen wir in dem kleinen Eiscafé an der Straße. Lucille studierte aufmerksam die nicht gerade umfangreiche Plastikkarte, blätterte vor und zurück und suchte sich schließlich einen »Coup mystère« aus.
Seltsam, wie genau man sich später an diese völlig belanglosen Details erinnert. Warum merkt sich das Gedächtnis solche unbedeutenden Dinge? Oder haben sie am Ende eine Bedeutung, die sich uns nur nicht sofort erschließt? Was ich für ein Eis bestellte, weiß ich jedenfalls nicht mehr.
Der »Coup mystère«, eigentlich ein kleiner spitz zulaufender Plastikbecher mit Vanille- und Nußeis, den man auch direkt aus der großen Eistruhe nehmen konnte, wurde im Café ganz vornehm in einer Silberschale serviert.
Das ganze klang allerdings verheißungsvoller, als es war – aber was hätte nicht verheißungsvoll geklungen an jenem Sommernachmittag, als die Welt nach Rosmarin und Heliotrop duftete, Lucille in ihrem weißen Kleid vor mir saß, hingebungsvoll mit dem langen Löffel in ihrem Eis wühlte und entzückt aufschrie, als sie erst auf die unheimlich mysteriöse Meringue-Schicht stieß und dann auf die rote Kaugummikugel, die sich ganz unten am Boden versteckte.
Sie versuchte die Kaugummikugel herauszuangeln, und wir mußten unheimlich lachen, weil das glitschige rote Ding immer wieder vom Löffel kullerte, bis Lucille schließlich entschlossen mit den Fingern in den Becher griff und sich die Kugel mit einem triumphierenden »So!« in den Mund steckte.
Ich sah ihr fasziniert zu. Das sei das beste Eis seit langem, erklärte Lucille ausgelassen und ließ eine riesige Kaugummiblase vor ihrem Mund zerplatzen.
Und als ich sie anschließend noch bis nach Hause begleitete und wir nebeneinander über die unbefestigten, staubigen Wege von Les Mimosas her liefen, kam es mir fast so vor, als gehöre sie schon mir.
Am letzten Schultag, bevor die endlos langen Sommerferien begannen, steckte ich Lucille mit klopfendem Herzen meinen Brief in die Schultasche. Ich hatte ihn mit der ganzen unschuldigen Inbrunst eines Jungen geschrieben, der sich für erwachsen hielt und doch noch weit davon entfernt war. Ich hatte nach poetischen Vergleichen gesucht, um meine Liebste zu beschreiben, ich hatte mit großem Pathos meine Gefühle aufgezeichnet, alle Ewigkeitswörter verwendet, die es gab, Lucille meiner unsterblichen Liebe versichert, kühne Zukunftsvisionen entworfen, und einen ganz konkreten Vorschlag hatte ich auch nicht vergessen: Ich bat Lucille, in den ersten Ferientagen mit mir auf die Îles d’Hyères zu fahren, ein romantischer Ausflug mit dem Boot auf die Insel Porquerolles, von dem ich mir einiges versprach. Und dort, an einem menschenleeren Strand, würde ich ihr am Abend den kleinen silbernen Ring schenken, den ich noch am Tag zuvor von meinem Taschengeld, das ich meiner gutherzigen Mutter vorzeitig abschwatzte, gekauft hatte. Und dann – endlich! – würde es zu dem von mir so heiß ersehnten Kuß kommen, der unsere junge, unsterbliche Liebe für immer besiegeln würde. Für immer und ewig.
»Und so lege ich mein ganzes brennendes Herz in deine Hände. Ich liebe dich, Lucille. Bitte antworte mir schnell!«
Ich hatte Stunden überlegt, wie ich den Brief beenden sollte. Den letzten Satz hatte ich erst wieder herausgestrichen, doch dann überwog meine Ungeduld. Nein, ich wollte keine Sekunde länger warten als nötig.
Wenn ich heute an all dies denke, muß ich lachen. Doch so gerne ich mich auch über den liebesenthusiastischen Jungen von damals erheben möchte, es bleibt ein kleiner Stich des Bedauerns, ich gebe es zu.
Weil ich heute anders bin, so wie wir alle anders ­werden.
An diesem heißen Sommertag jedoch, der so hoffnungsvoll begann und so tragisch endete, betete ich darum, daß Lucille meine übergroßen Gefühle erwidern würde: Mein Beten war allerdings rein rhetorischer Natur. Im Grunde meines Herzens war ich mir meiner Sache absolut sicher. Immerhin war ich der einzige Junge aus der Klasse, mit dem Lucille einen »Coup mystère« gegessen hatte.
Ich weiß nicht, warum ich mich an diesem Nachmittag so unbedingt in der Nähe von Lucilles Haus herumtreiben mußte. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn ich nicht so voller Ungeduld und Sehnsucht meine Schritte in Richtung Les Mimosas gelenkt hätte, wo Lucille wohnte.
Ich wollte gerade in den kleinen Fußweg einbiegen, an dessen Seite eine alte Mauer aus Natursteinen entlangführte, die von duftenden goldgelben Mimosen­büschen nahezu überwuchert war, als ich Lucilles Lachen hörte. Ich blieb stehen. Im Schutz der Mauer, den Rücken an den rauhen Stein gelehnt, beugte ich mich etwas vor.
Und da sah ich sie. Lucille lag bäuchlings auf einer Decke unter einem Baum, ihre zwei Freundinnen rechts und links neben sich. Alle drei kicherten ausgelassen, und ich dachte noch mit einer gewissen Nachsicht, daß Mädchen manchmal ziemlich albern sein können. Doch dann bemerkte ich, daß Lucille etwas in den Händen hielt. Es war ein Brief. Mein Brief!
Ich stand regungslos da, verborgen hinter Kaskaden von Mimosenzweigen, krallte meine Hände in das sonnenwarme Mauerwerk und weigerte mich, das Bild, das sich auf meiner Netzhaut in allzu grausamer Deutlichkeit einbrannte, wahrzunehmen.
Und doch, es war die Wahrheit, und Lucilles helle Stimme, die sich jetzt wieder erhob, schnitt mir ins Herz wie Glassplitter.
»Und hört euch das mal an: Und so lege ich mein ­ganzes brennendes Herz in deine Hände«, las sie mit ­überzogener Betonung vor. »Ist das nicht zum ­Schreien?!«
Die Mädchen kicherten erneut drauflos, und eine der Freundinnen kugelte vor Lachen auf der Decke herum, hielt sich den Bauch und rief immer wieder: »Hilfe, es brennt, es brennt! Feuerwehr, Feuerwehr! Au secours, au secours!«
Unfähig, mich zu rühren, starrte ich Lucille an, die gerade mit leichter Hand und der fröhlichsten Herzlosigkeit dabei war, meine geheimsten Intimitäten preiszugeben, mich zu verraten, mich zu vernichten.
Alles in mir brannte, und doch lief ich nicht fort, um mich zu retten. Eine nahezu selbstzerstörerische Lust am Untergang hatte mich erfaßt, ich wollte alles hören, bis zum bitteren Ende.
Inzwischen hatten sich die Mädchen von ihrem Lach­anfall erholt. Die eine, die das mit der Feuerwehr gesagt hatte, riß Lucille den Brief aus der Hand. »Meine Güte, wie der schreibt!« quietschte sie. »So geschwollen! Du bist das Meer, das mich überschwemmt, du bist die schönste Rose an meinem … Busch? … Oh là là, was soll denn das bedeuten?!«
Die Mädchen kreischten auf, und ich wurde rot vor Scham.
Lucille nahm den Brief wieder an sich und faltete ihn zusammen. Offenbar war der ganze Inhalt zum besten gegeben worden, und man hatte sich ausreichend amüsiert. »Wer weiß, wo er das abgeschrieben hat«, meinte sie gönnerhaft. »Unser kleiner Dichterfürst.«
Ich überlegte einen Moment, aus meinem Versteck hervorzutreten, um mich auf sie zu stürzen, sie zu schütteln, sie anzuschreien und zur Rede zu stellen, doch ein letzter Rest von Stolz hielt mich zurück.
»Und?« fragte nun die andere und setzte sich auf. »Was machst du jetzt? Willst du denn mit ihm gehen?«
Lucille spielte angelegentlich mit ihren goldenen Feen­haaren, und ich stand da, hielt den Atem an und wartete auf mein Todesurteil.
»Mit Jean-Luc?« sagte sie gedehnt. »Bist du verrückt? Was soll ich denn mit dem?« Und als ob das noch nicht gereicht hätte, fügte sie hinzu: »Der ist doch noch ein Kind! Ich möchte nicht wissen, wie der küßt, igitt!« Sie schüttelte sich.
Die Mädchen schrien vor Begeisterung.
Lucille lachte, ein wenig zu laut und zu schrill, dachte ich noch, und dann fiel ich, ich stürzte, einem Ikarus gleich sank ich in die Tiefe.
Ich hatte die Sonne berühren wollen und war verbrannt. Mein Schmerz war bodenlos.
Ohne einen Laut schlich ich mich fort, taumelte den Weg zurück, betäubt von dem Duft der Mimosen und der Gemeinheit kleiner Mädchen.
Noch heute weckt der Geruch von Mimosen ungute Gefühle in mir, aber in Paris begegnet man diesen zarten Pflanzen höchstens in den Blumenläden, obwohl sie für die Vase nicht viel taugen.
Lucilles Worte hämmerten in meinen Ohren. Ich merkte nicht einmal, daß mir die Tränen über die ­Wangen liefen. Ich ging schneller und schneller, am Ende rannte ich.
Wie heißt es doch so schön? Irgendwann zerreißt es jedem das Herz, und beim ersten Mal tut es besonders weh.

So endete die kleine Geschichte meiner ersten großen Liebe – der silberne Ring landete noch am selben Tag im Meer vor Frankreichs Küste. Ich schleuderte ihn mit der ganzen Wut und Hilflosigkeit meiner zutiefst verletzten Seele in das hellblaue Wasser, das an diesem strahlend schönen Tag – ich weiß es noch genau – die Farbe von Lucilles Augen hatte.
In dieser dunklen Stunde, die so schmerzhaft im Gegensatz stand zu allem Heiteren um mich herum, schwor ich – und das ewige Meer war mein Zeuge, vielleicht auch ein paar Fische, die unbeeindruckt den Worten eines zornigen jungen Mannes lauschten –, ich schwor, nie wieder einen Liebesbrief zu schreiben.
Wenige Tage später fuhren wir nach Ste Maxime zur Schwester meiner Mutter und verbrachten dort unseren Sommerurlaub. Und als die Schule anfing, saß
ich wieder neben dem guten alten Etienne, meinem Schulfreund, der gesund aus den Ferien zurückgekehrt war.
Lucille, meine wunderschöne Verräterin, begrüßte mich mit sonnengebräunter Haut und einem schiefen Lächeln. Sie meinte, das mit den Îles d’Hyères hätte nicht geklappt, leider, weil sie da schon etwas anderes vorgehabt hätte. Die Freundin aus Paris, blablabla. Und dann sei ich ja schon weg gewesen. Sie sah mich unschuldig an.
»Paßt schon«, entgegnete ich knapp und zuckte die Achseln. »War eh nur so eine Laune von mir.«
Dann drehte ich mich um und ließ sie mit ihren Freundinnen stehen. Ich war erwachsen.
Ich habe nie jemandem von meinem Erlebnis erzählt, nicht einmal meinen besorgten Eltern, die mich in den ersten schrecklichen Tagen danach nur noch auf dem Bett liegend und mit offenen Augen gegen die ­Decke starrend vorfanden und die abwechselnd versuchten, mich zu trösten, ohne mir mein Geheimnis entreißen zu wollen, was ich ihnen bis heute hoch anrechne. »Das wird schon wieder«, sagten sie. »Im Leben geht es immer mal rauf, mal runter, weißt du?«
Irgendwann – so unglaublich es war – ließ der Schmerz tatsächlich nach, und meine alte Fröhlichkeit kehrte zurück.
Seit jenem Sommer habe ich allerdings ein etwas ambivalentes Verhältnis zum geschriebenen Wort. Jedenfalls, wenn es um Liebe geht. Vielleicht bin ich deshalb Galerist geworden. Ich verdiene mein Geld mit Bildern, liebe das Leben, bin schönen Frauen sehr zugetan und lebe in großer Eintracht mit meinem treuen Dalmatinerhund Cézanne in einem der angesagten Viertel von Paris. Es hätte nicht besser kommen können.
Meinen Schwur, keinen Liebesbrief mehr zu schreiben, habe ich gehalten, man möge es mir nachsehen.
Ich habe ihn gehalten, bis … ja, bis mir fast genau zwanzig Jahre später diese wirklich unglaubliche Geschichte passierte.
Eine Geschichte, die vor wenigen Wochen mit einem höchst merkwürdigen Brief begann, der eines Morgens in meinem Briefkasten steckte. Es war ein Liebesbrief, und er sollte mein ganzes wohltemperiertes Leben völlig auf den Kopf stellen.

Nicolas Barreau

Über Nicolas Barreau

Biografie

Nicolas Barreau, geboren 1980 in Paris, hat Romanistik und Geschichte an der Sorbonne studiert und lebt heute als freier Autor in Paris. Schon mit seinen Erfolgen »Die Frau meines Lebens« und »Du findest mich am Ende der Welt« hat er sich in die Herzen seiner Leserinnen geschrieben, ehe »Das...

Pressestimmen

Schweizer Familie

Eine amüsant und locker erzählte Geschichte, mit welcher der junge französische Autor an seinen erfolgreichen ersten Roman anknüpft.

literature.de

Ein schöner, mitreißender und unterhaltsamer Roman aus der Feder des noch jungen Autors.

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden