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Du bist, was du schläfst

Du bist, was du schläfst

Was zwischen Wachen und Träumen alles geschieht

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Du bist, was du schläfst — Inhalt

Der passionierte Schläfer Hürter, der sich selbst ins Schlaflabor begeben hat, schreibt über mordende Schlafwandler, albtraumhaftes Schnarchen und über Träume, die schlau machen.
Lange hat man geglaubt, dass Schlaf nur der Stand-by-Modus des Menschen sei – Stoffwechsel auf Sparflamme, Bewusstsein abgeschaltet. Doch die Forschung findet immer mehr Erstaunliches über das Phänomen Schlaf heraus: Im Land der Träume passiert jede Menge. Geist und Körper vollenden, was sie im Wachen begonnen haben: Unser Gehirn ist im Schlaf aktiver als im Wachen. Es sortiert und ordnet das tagsüber Erfahrene, fügt es zusammen und legt es im Gedächtnis ab. Im Traum spielt es sogar damit. Umso eigenartiger, dass Schlaf noch immer ein Imageproblem hat. Denn Schlafen ist keine Schwäche, sondern eine Fähigkeit!

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 08.09.2011
288 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95380-1

Leseprobe zu »Du bist, was du schläfst«

Für Lea

 

Einleitung

 

Wenn ich ein guter Schläfer wäre, dann hätte ich dieses Buch nicht geschrieben. Ich würde jeden Abend wohlig müde in die Kissen sinken, sanft wegdämmern, um jene »feste Wand aus Schlaf« zwischen die Tage zu setzen, die der amerikanische Schriftsteller Ralph Waldo Emerson einst als Lebensweisheit pries, und mir keine weiteren Gedanken machen.
Aber ich war nie ein guter Schläfer. Ich war immer schon schwer ins Bett zu kriegen, zum Schlafen zumindest. Mein Wachbewusstsein verweigerte sich. Es wollte die Kontrolle nicht aufgeben, [...]

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Für Lea

 

Einleitung

 

Wenn ich ein guter Schläfer wäre, dann hätte ich dieses Buch nicht geschrieben. Ich würde jeden Abend wohlig müde in die Kissen sinken, sanft wegdämmern, um jene »feste Wand aus Schlaf« zwischen die Tage zu setzen, die der amerikanische Schriftsteller Ralph Waldo Emerson einst als Lebensweisheit pries, und mir keine weiteren Gedanken machen.
Aber ich war nie ein guter Schläfer. Ich war immer schon schwer ins Bett zu kriegen, zum Schlafen zumindest. Mein Wachbewusstsein verweigerte sich. Es wollte die Kontrolle nicht aufgeben, suchte Wege, mich in der Welt zu halten. Bis tief in die Nacht las ich dicke Bücher, grübelte über mathematischen Theoremen, spielte Schach gegen mich selbst, beobachtete die flatternden Augen meiner Mitschläfer, fragte mich, ob sie gerade träumen und was ich träumen würde, wenn ich jetzt schliefe. Ich war überzeugt, nicht viel zu verpassen. Meine Zeit schien mir mit Wachen besser verbracht.
»Ich schlafe gern«, sagte damals eine Freundin zu mir, aber ich verstand nicht, was sie meinte. Wie kann man etwas gern tun, wovon man nichts mitkriegt? Gern schlafen, das hielt ich für einen Widerspruch in sich und überhaupt den Schlaf für eine lästige Notwendigkeit: zu viel davon für Zeitverschwendung, zu wenig für eine Bremse bei den wichtigen Dingen, die im Wachen zu erledigen sind.
Als Kind fragte ich mich – und meine Eltern: »Warum muss ich überhaupt schlafen?« Ich sah nicht ein, warum es nicht reichte, einfach mit geschlossenen Augen dazuliegen. Ausruhen und die Gedanken spazieren lassen – das ja, gern, aber musste ich nachts wirklich auf mein Bewusstsein verzichten?
Die Indizien sprachen gegen mich. Zu wenig Schlaf drückte meine Stimmung und meine Leistungskraft. Also schlief ich, widerwillig, weil ich kein besseres Mittel gegen Müdigkeit wusste. Augen zu und durch. Aber geschlagen gab ich mich dennoch nicht. So ein Mittel wollte ich haben. Den Schlaf austricksen. Ihm wenigstens ein bisschen Zeit abringen. Zwei, drei Stündchen am Tag. Vielleicht mit einem ausgeklügelten Schlafrhythmus. Oder einem Geheimrezept für Antischlaftraining. Gesucht war ein »Sleep Hack«, in der Sprache der Nerds. Wenn schon schlafen, dann gefälligst keine Minute zu viel.
Ich hörte, dass manche Menschen mit nur vier Stunden Schlaf auskommen. Irgendwann las ich, dass Leonardo da Vinci seinen Schlaf wie so vieles andere neu erfunden habe: nur eine Viertelstunde alle zwei Stunden, also drei Stunden täglich. Na also, geht doch! Ein Artikel im englischen Wissenschaftsmagazin New Scientist pries die kommende Generation »wachheitsfördernder« Wirkstoffe und prophezeite: »Bald werden wir erstmals in der Lage sein, unsere Art zu schlafen unserem Lebensstil anzupassen.« Das war Musik in meinen Ohren.
Also fing ich an zu recherchieren, las Bücher, populäre Artikel und wissenschaftliche Papers, rief Fachleute an, schrieb selbst ein paar Artikel – was ein Wissenschaftsjournalist eben so tut, wenn ihn etwas interessiert. Die Wissenschaft sei auf der Suche nach dem Zweck des Schlafs, las ich immer wieder. Vielfach wurde der amerikanische Schlafforscher Allan Rechtschaffen zitiert: Warum wir schlafen, sei die »wahrscheinlich größte offene Frage der Biologie«, sagte er. »Schlaf erfüllt eine absolut lebensnotwendige Aufgabe, sonst wäre er der größte Fehler, der im Evolutionsprozess je unterlaufen ist.« Es war 1978, als er das formulierte. »Seit Jahrzehnten suchen Rechtschaffen & Co. vergebens nach dieser ›lebensnotwendigen Aufgabe‹.« – Diesen Satz schrieb ich selbst im Jahr 2009. Meinen Sleep Hack konnte ich vergessen. Wer nicht einmal den Zweck des Schlafs kennt, kann ihn auch nicht überlisten.
Je länger ich darüber nachdachte, desto weniger geheuer war mir das Schlafen. Jeder tut es jeden Tag, stundenlang. Wir haben das Gefühl, ohne Schlaf nicht leben zu können. Aber niemand weiß, was er tut, wenn er schläft, und warum er es tut. Wir verbringen den ganzen Tag bei klarem Bewusstsein, dann legen wir uns ins Bett, knipsen das Licht aus und – was? Knipst sich das Gehirn auch aus? Wird es ausgeknipst? Was passiert mit all den Ideen darin? Erstarren sie? Laufen sie langsam weiter?
Erstaunt stellte ich fest, dass die Wissenschaft dabei ist, diese Rätsel zu lösen. Sie erforscht, was mit unseren Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen geschieht, wenn wir schlafen – und da geschieht, kurz gesagt, erstaunlich viel. Da werden Erinnerungen sortiert, Gefühle geklärt, Urteile geschärft. So viel geschieht da, dass Allan Hobson von der Harvard-Universität sagt: »Ohne Schlaf wäre Bewusstsein, wie wir es tagsüber haben, nicht möglich.« In der Abgeschiedenheit der Nacht vollenden wir, was wir am Tag begonnen haben. »Es ist wie beim Kochen«, sagt der kalifornische Schlafforscher Matthew Walker, »im Wachen holen wir uns die Zutaten, im Schlaf kochen wir die Suppe aus ihnen.« Die Suppe, das sind wir selbst: unser Bewusstsein, unsere Persönlichkeit. Ein Mensch wird erst im Schlaf zu dem, der er ist. Ob auf dem Fußballfeld ein Strafstoßschütze verwandelt oder der Torwart hält, hängt entscheidend davon ab, was nachts zuvor in ihren Gehirnen vorging. Die geniale Projektidee eines Managers, die bravourös bestandene Kolloquiumsprüfung, der elegante Satz eines Autors – sie alle entspringen dem Schlaf.
Schlechte Nachrichten für unwillige Schläfer, wie ich es war. Wenn erst der Schlaf mich zu mir macht, kann ich schwerlich auf ihn verzichten – und will es auch nicht. Also war es an der Zeit umzudenken. Die Frage nach dem Zweck des Schlafs hatte sich erledigt und mit ihr die Suche nach dem Sleep Hack. Schlaf ist nicht notwendig für das Leben, er ist Teil des Lebens. Die Frage, warum wir schlafen, ist ebenso sinnlos wie die Frage, warum wir wach sind.
Mein altes Bild vom Schlaf als Standby-Modus war zerstoben. Jetzt sehe ich Schlaf anders, und ich schlafe auch anders. Ein guter Schläfer bin ich zwar noch immer nicht, aber immerhin ein besserer. Abends vor dem Einschlafen weiß ich, dass ein interessanter Teil des Tages noch vor mir liegt. Allein dieses Wissen lässt mich besser schlafen.
Und vor allem: Ich schlafe jetzt gern. Ich liebe das Gefühl, mit frischem, geklärtem Geist aufzuwachen, und ich will wissen, warum das so guttut. Die Wissenschaft ist dabei, die Antworten zu finden. Sie tastet sich vor in die rätselhafte Welt des Schlafs. Sie entschlüsselt die fein choreografierte Folge von Zuständen, die wir Nacht für Nacht durchleben.
Mit diesem Buch können Sie die verborgene Dramaturgie der Nacht, die Sie sonst durchschlafen, im Wachen durchleben. Es erzählt, was wir tun, wenn wir schlafen. Da ist viel zu erzählen, weil wir uns im Wachen an so wenig davon erinnern. Und es soll zeigen, wie man eine gute Suppe kocht. Es hat rund 250 Seiten à 1800 Anschläge. Bei durchschnittlicher Lesegeschwindigkeit werden Sie gut sieben Stunden mit ihm verbringen, die Dauer eines typischen Nachtschlafs. Machen wir uns also auf den Weg durch die Dramaturgie einer Nacht – in Echtzeit.

 

21.00 Uhr. Dämmerung.
Die Sonne sinkt. Die Stimmung auch

 

Im Abendrot

 

Wir sind durch Not und Freude
Gegangen Hand in Hand,
Vom Wandern ruhn wir beide
Nun überm stillen Land.
Rings sich die Täler neigen,
Es dunkelt schon die Luft,
Zwei Lerchen nur noch steigen
Nachträumend in den Duft.
Tritt her und lass sie schwirren,
Bald ist es Schlafenszeit,
Dass wir uns nicht verirren
In dieser Einsamkeit.
O weiter, stiller Friede!
So tief im Abendrot
Wie sind wir wandermüde –
Ist das etwa der Tod?

 

Joseph von Eichendorff hat diese Verse geschrieben, erstmals gedruckt wurden sie 1837. Sie handeln vom Untergang – der Sonne und des Menschen. Vom Abendrot, von der Müdigkeit und vom Tod. Was Eichendorff bewegt hat, als er sie schrieb, vielleicht an einem stillen Sommerabend, ist für immer vergessen. Aber es hat ziemlich sicher mit seinen fotosensitiven Ganglienzellen zu tun. Er wusste nicht, dass er sie hat – bis vor Kurzem wusste niemand, dass er fotosensitive Ganglienzellen hat. Sie sind es aber, die uns beim Sonnenuntergang in jene düstere Stimmung versetzen, die Eichendorff in Verse gefasst hat.
Wenn Sie bisher geglaubt haben, Ihre Augen seien nur zum Sehen da, dann haben Sie sie unterschätzt. Ihre Augen sind auch dazu da, um Sie wach oder schläfrig zu machen. Wenn abends die Sonne sinkt, melden die Augen ans Gehirn: bald Schlafenszeit! Sie geben also das Startsignal zum physiologischen Nachtprogramm.
Auch die Wissenschaftler haben das Auge bis vor ein paar Jahren unterschätzt. Sie waren fest davon überzeugt, dass es ausschließlich darauf ausgelegt sei, die Umgebung in hoher zeitlicher und räumlicher Auflösung abzubilden. Dazu haben wir zwei Arten von lichtempfindlichen Zellen auf der Netzhaut, Stäbchen und Zapfen. Die Stäbchen sind empfindlicher, sehen aber nur schwarz-weiß. Wenn es hell genug ist, zeigen die Zapfen uns die Welt in Farbe. So, wie man es im Biologieunterricht lernt. Das war’s, dachten die Forscher bis in die 1990er-Jahre.
Sie wussten aber auch, dass es etwas mit dem Wandel der Lichtfarbe im Lauf der Tageszeiten zu tun hat, wann Mensch und Tier wach oder müde sind, und sie wollten herausfinden, welche Rezeptoren dafür zuständig sind: Zapfen oder Stäbchen? Eines dieser beiden musste es sein, das bezweifelte niemand. Schließlich hatten Experten das Auge seit zwei Jahrhunderten akribisch untersucht und nie einen anderen Rezeptor als Zapfen und Stäbchen entdeckt. Es war ein Paradefall von wissenschaftlichem Starrsinn.
Der Neuroforscher Russell Foster an der Universität Oxford versuchte es im Ausschlussverfahren: Er züchtete genetisch veränderte Mäusestämme ohne Stäbchen. Die Mäuse wurden noch immer schläfrig vom Dämmerlicht. Aha, folgerten Foster und Fachkollegen, die Stäbchen scheiden als Verantwortliche also aus. Es müssen die Zapfen sein, die das Dämmerlicht registrieren. Um das zu bestätigen, züchtete Foster als Nächstes Mäusestämme ohne Zapfen – doch die Mäuse wurden immer noch schläfrig vom Dämmerlicht. Na gut, dachten die Forscher, dann erkennen eben beide, Zapfen und Stäbchen, das Abendlicht. Also züchtete Foster blinde Mäusestämme, ohne Zapfen und Stäbchen. Die Mäuse wurden jedoch immer noch schläfrig vom Dämmerlicht!

 

 

 

Nun gab es keine andere Möglichkeit mehr: Es musste noch einen dritten Rezeptortyp im Auge geben. Unmöglich, beharrten die traditionellen Augenforscher auf ihren Erkenntnissen. Das Auge ist durchschaut, da sind nur Zapfen und Stäbchen, basta! Keines der angesehenen Wissenschaftsmagazine wollte Fosters Entdeckung veröffentlichen, daher musste er in das eher entlegene Journal of Comparative Physiology ausweichen. Das Establishment der Augenforschung wehrte sich erbittert, bezweifelte die Gültigkeit von Fosters Experimenten und blieb noch jahrelang beim Dogma der Zapfen und Stäbchen, als sei dieses in Stein gemeißelt – bis Foster und seine Mitstreiter ihnen den Mechanismus des neu entdeckten Rezeptors haarklein auseinandersetzen konnten: Es sind unscheinbare Ganglienzellen, hinter der Netzhaut gelegen und dem Glaskörper zugewandt. Meist leiten Ganglienzellen die Signale nur weiter, aber manche davon sind auch selbst lichtempfindlich. Sehen können sie nicht, sie melden nur die Tageszeit an die Denkzentrale. Das war vermutlich die ursprüngliche Funktion des Auges, noch bevor es sehen lernte. Wir haben die Ganglienzellen aus den Urzeiten der Evolution geerbt, als unsere Vorfahren noch Würmer waren und durch den Schlamm krochen.
Diese lichtempfindlichen Ganglienzellen registrieren die Mittagssonne und das Abendrot. Auch bei Blinden können sie intakt bleiben. Wenn sie aber geschädigt sind, zum Beispiel bei sehr schweren Augenverletzungen, gerät der Schlafrhythmus völlig aus den Fugen. Vor allem blaues Bildschirmlicht verwirrt sie. Daher empfiehlt es sich nicht, kurz vor dem Schlafengehen noch vor dem Computer mit LED-Monitor zu sitzen. (Ich schreibe diesen Satz kurz vor dem Schlafengehen an einem Computer mit LED-Monitor.) Wer viel am Bildschirm arbeitet, sollte die Installation des Programms F.lux erwägen, das die Bildschirmfarbe rund um die Uhr dem natürlichen Licht anpasst. Es ist gratis im Internet für alle gängigen Betriebssysteme erhältlich.
Auf das Dämmersignal der Augen hin schüttet die Zirbeldrüse tief im Gehirn Melatonin aus, das Hormon der Nacht. Es macht schläfrig, sexuell träge und trübsinnig – Eichendorff-Stimmung.
Die Zirbeldrüse, noch so ein erstaunliches Gewächs in unseren Köpfen. Erstmals erwähnt hat sie um das Jahr 300 vor Christus der griechische Arzt Herophilos, dem die ersten wissenschaftlichen Obduktionen zugeschrieben werden. Er glaubte, dass sie den Fluss des spiritus animalis – des tierischen Geistes – reguliert. Der französische Gelehrte René Descartes (1596–1650), einer der klügsten Köpfe seiner Zeit, hielt sie für den Sitz des Bewusstseins, weil sie als einzige Drüse zwischen unseren Gehirnhälften liegt. Später sank sie, schwer unterschätzt, im Ansehen, galt als ein Überbleibsel aus den Urzeiten der Evolution, das nutzlos war wie der Blinddarm.
Erst im 20. Jahrhundert kamen Forscher der Funktion der Zirbeldrüse schließlich auf die Spur. In den 50er- Jahren bemerkten sie, dass die Zirbeldrüse produktiv ist, nämlich ein Hormon ausschüttet, das von seinem Entdecker Aron Lerner zuerst den eigenartigen Namen »Yalin« bekam – nach Lerners Universität Yale –, dann den weniger eigenartigen Namen »Melatonin«, weil es pigmentierte Hautzellen, genannt Melanozyten, entfärbt. Zur Verblüffung der Wissenschaftler zeigte Melatonin mehrere scheinbar grundverschiedene Wirkungen: Es macht bleich, sexuell träge und schläfrig. Später erkannten sie die gemeinsame Ursache: Die Zirbeldrüse regt sich, wenn das Licht wegbleibt. Melatonin ist somit das Hormon der Nacht.
Descartes maß der Zirbeldrüse eine höhere metaphysische Bedeutung bei. Er war Dualist, glaubte also an das Nebeneinander einer physikalischen und einer geistigen Welt. In der Zirbeldrüse, so vermutete er, treffen sich res cogitans und res extensa. Ein Schaden an der Zirbeldrüse war seiner Ansicht nach tödlich. Da irrte er. Doch sein Dualismus hielt sich. Bis heute glauben nicht wenige Philosophen, Wissenschaftler und Laien – ausgesprochen oder nicht – an ein Nebeneinander von gedanklicher und dinglicher Welt. Und tatsächlich bekommt Descartes heute auf eine Weise, die er nicht erahnen konnte, späte Bestätigung von der Wissenschaft. Die Zirbeldrüse ist die Gebieterin über das Bewusstsein. Sie lässt es beim Einschlafen schwinden und holt es aus dem Schlummer zurück.
In grauer Vorzeit, vor vielen Jahrmillionen, konnte die Zirbeldrüse selbst sehen. Damals hatten Fische und Reptilien eine lichtdurchlässige Stelle im Schädel. Darunter lag ein lichtempfindliches Hirnareal, das die innere Uhr der Tiere justierte und vielleicht zur Tarnung auch die Hautfarbe, nachts dunkler, tags heller. Das Neunauge, ein lang gestreckter, seit 500 Millionen Jahren fast unveränderter Fisch, der vor allem in den Küstengewässern und Flussmündungen Australiens lebt, hat sich diese Art von Sehsinn bis heute bewahrt. Und auch der Mensch hat sein drittes Auge nicht verloren, es ist nur in die Tiefe seines Hirns gewandert: die Zirbeldrüse, unsere Nachtwächterin.

 

21.20 Uhr. Entspannung.
Das Gehirn schwingt im sanften Takt der Alphawellen

 

In einem neurologischen Labor der Universität Jena, Herbst 1924:
Hans Berger ist der Letzte, der noch nicht müde ist. Der Ordinarius der Universität und Direktor der Psychiatrischen Klinik Jena legt seinem Assistenten, der heute als Versuchsperson herhalten muss, die Elektroden an. Der Assistent, ja, der ist müde. Er weiß nicht, was das hier noch soll. Seit Monaten fast täglich die gleiche Messung. Mit jungen Menschen, alten Menschen, Gesunden und Kranken – und jetzt auch mit ihm, dem Assistenten selbst. Das Ergebnis: wirre Kurven, gezeichnet von dem Automaten, an dem der Assistent jetzt hängt. Also gut, denkt er, soll Berger eben noch ein paar Kurven mehr bekommen.
Hans Berger, 1873 in eine wohlhabende Arztfamilie geboren, Enkel des Dichters Friedrich Rückert, Einserabitur am angesehenen Casimirianum in Coburg, dann auf Studientournee nach Berlin, Jena und Würzburg. Das Leben machte es ihm leicht, zu leicht. Er brauchte einen heftigen Stoß, um seinen Weg zu finden.
Mit 19 Jahren wäre es beinah ganz vorbei gewesen mit seinem Leben. Denn bei einem Militärmanöver in Würzburg rutschte sein Pferd aus, rollte mit ihm einen Hang hinunter, zwischen die Räder eines Artilleriezugs, und wäre beinah von einem sechsspännigen Geschütz überrollt worden. Am Abend dann kam ein Telegramm von seinem Vater aus Coburg: Wie es ihm gehe? »Es war das erste und einzige Mal in meinem Leben, dass ich eine solche Anfrage erhielt«, schrieb Berger später. Seine ältere Schwester hatte den Vater dazu gedrängt, weil eine innere Stimme ihr gesagt hatte, dass ihrem Bruder etwas zugestoßen war. Wie konnte das sein? Berger glaubte nicht an einen Zufall. Er war überzeugt: »Es war spontane Gedankenübertragung, bei der ich wohl im Augenblick der höchsten Gefahr, den sicheren Tod vor Augen, als Sender und die mir besonders nahestehende Schwester als Empfängerin tätig war.« Und das wollte er beweisen. Also machte er sich auf die Suche nach Antennen in unserem Kopf.
Still und beständig trieb er sein Projekt voran. Er wählte das Fach Psychiatrie, habilitierte mit 28 Jahren, begann dann, die Gehirne von Hunden und Katzen zu erforschen, um herauszufinden, wie die Seele im Gehirn verankert ist. Geduldig wartete er auf die Chance, ein lebendes menschliches Gehirn untersuchen zu können. Im Sommer 1924 kam diese in Gestalt eines 17-jährigen Jungen, in dessen Schädel ein Chirurg ein Loch gesägt hatte. Berger klebte zwei tönerne Elektroden auf die Operationsnarbe. Auf diese Idee hatte ihn der englische Arzt Richard Caton gebracht. Caton hatte ein halbes Jahrhundert zuvor an Hunden und Affen nachgewiesen, dass das Gehirn ein Elektrogerät ist.

Tobias Hürter

Über Tobias Hürter

Biografie

Tobias Hürter, Jahrgang 1972, studierte Philosophie und Mathematik in München und Berkeley. Er war Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft und arbeitete als Redakteur beim MIT Technology Review und bei der ZEIT. Seit 2013 ist er stellvertretender Chefredakteur des Philosophiemagazins Hohe...

Pressestimmen

Gehirn&Geist

»Eine gute Übersicht für alle, die mehr darüber wissen wollen, womit sie ein Gutteil ihrer Lebenszeit verbringen.«

ORF Ö1

Was geht in uns vor, wenn wir schlafen, und wie es uns gelingt, nachts eine eigene Welt für uns zu schaffen“ – davon handelt auf ebenso kurzweilige wie informative Weise dieses Buch, ein gut lesbares, populärwissenschaftliches Werk, das in seinem Aufbau der Dramaturgie der Nacht folgt. (…) und dabei Wissenswertes, in der Forschung durchaus kontrovers Diskutiertes über Träume und Alpträume, Bewußtsein und Erinnerung, Hirnfunktionen und Schlafphasen vermittelt.

Psychologie Heute

»Hürter führt uns mit Kenntnis und Sprachwitz durch die neuen Theorien.«

Deutschlandradio Kultur

«Tobias Hürters sorgfältig und teils im Selbstversuch recherchiertes Buch liefert eine Menge spannender und überraschender wissenschaftlicher Fakten zu einem Thema, das alle angeht.(...) ›Du bist, was du schläfst‹ ist gute, unterhaltsame und zu keiner Zeit ermüdende Lektüre für passionierte Langschläfer, notorische Schlafmuffel, Schnarcher, Klarträumer und ganz gewöhnliche Normalschläfer gleichermaßen.«

Kurier (Österreich)

»Eine Bettlektüre der anderen Art.«

Buchkultur

»Kenntnisreich stellt Hürter die verschiedenen wissenschaftlichen Pfade und auch so manche Irrwege vor.«

Inhaltsangabe

Inhalt

Einleitung

21.00 Uhr Dämmerung. Die Sonne sinkt.Die Stimmung auch

21.20 Uhr Entspannung. Das Gehirn schwingt im sanften Takt der Alphawellen

21.40 Uhr Ab ins Bett. Außen kehrt Ruhe ein.Im Kopf geht es rund

22.00 Uhr Gähnen. Der rätselhafte Drang, den Mund aufzureißen

23.00 Uhr Einschlafen. Versinken im Reich der hypnagogen Phantasie

23.30 Uhr Tiefschlaf. Das Bewusstsein ruht.Das Gedächtnis räumt sich auf

23.50 Uhr Schönheitsschlaf. Das Wachstumshormon wartet den Körper

0.30 Uhr REM-Schlaf. Es kommt Unruhe in die Hirnstromkurven. Zeit zum Träumen

0.45 Uhr Schlafwandeln. Von nächtlichen E-Mails und träumenden Mördern

1.00 Uhr Schlafrhythmen. Von Lerchen und Eulen, und warum Durchschlafen nicht in unserer Natur liegt

2.00 Uhr Schlaflosigkeit. Je mehr man will, desto weniger kann man

3.00 Uhr Leichtschlaf. Knirschende Zähne – und Kraut und Rüben im Kopf

4.00 Uhr Am physiologischen Tiefpunkt. Minimale Temperatur, maximaler Melatoninpegel

4.30 Uhr Schlafentzug. Warum brauchen wir Schlaf? Und wie viel?

5.30 Uhr Klarträumen. Das Bett wird zum Bewusstseinslabor

7.00 Uhr Aufwachen. Die Wirklichkeit dringt in die Traumwelt

7.30 Uhr Wach sein. Wir träumen weiter

Literatur

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