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Dreibettzimmer

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Roman

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Dreibettzimmer — Inhalt

Ausgerechnet Caspar, der letzte Kinderlose im Freundeskreis, soll einen Verriss über ein Familienhotel schreiben. Als Belohnung winkt die Stelle als Nachtlebenkolumnist − da kann er sogar aushalten, dass die nervige Kollegin Anne mit ihrer Tochter die Alibifamilie spielt. Doch als er zum 375. Mal »Aramsamsam« singen muss, vor lauter Familienwahnsinn in der Sauna umkippt und auf Leonies echten Vater trifft, beginnt Caspar, den Auftrag zu bereuen ...

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 08.12.2014
272 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98183-5

Leseprobe zu »Dreibettzimmer«

Prolog

Guten Appetit allerseits

Schrill kreischend rennt Töchterchen Leonie aus dem Speisesaal auf uns zu – ein riesiges Brotmesser drohend über dem Kopf erhoben.
Von mir hat sie das nicht.
Ihr Gebrüll erinnert an das wilde Angriffsgeheul eines zu kurz geratenen Barbarenchefs in der finalen Schlacht um die Zivilisation. Das riesige Messer ergänzt dieses Bild hervorragend.
Die sonst so unerschütterliche Familie Fröhlich rückt in ihren Ledersesseln näher an die gekachelten Wände des Familienhotels, das Architektenpaar plant derweil neue Fluchtwege aus der [...]

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Prolog

Guten Appetit allerseits

Schrill kreischend rennt Töchterchen Leonie aus dem Speisesaal auf uns zu – ein riesiges Brotmesser drohend über dem Kopf erhoben.
Von mir hat sie das nicht.
Ihr Gebrüll erinnert an das wilde Angriffsgeheul eines zu kurz geratenen Barbarenchefs in der finalen Schlacht um die Zivilisation. Das riesige Messer ergänzt dieses Bild hervorragend.
Die sonst so unerschütterliche Familie Fröhlich rückt in ihren Ledersesseln näher an die gekachelten Wände des Familienhotels, das Architektenpaar plant derweil neue Fluchtwege aus der Lobby.
»Ist nur eine Phase«, versuche ich, die Gäste zu beruhigen. Echte Eltern reden ja so.
Herr Béla, der Kellner, eilt hinter Leonie her und versucht, der Zweieinhalbjährigen den schwingenden Brotsäbel zu entreißen, ohne dabei verletzt zu werden. In meinem Journalistenhirn sehe ich bereits die Schlagzeile: »Massaker im Familienhotel – Täter werden immer jünger«. Oder: »Wie das Paradies zur Hölle wurde: Das Brotmesser-Baby greift an«.
Im Artikel dazu erklärt ein Experte neben einem Tortendiagramm, wie sich Leonie vor dem Büfett auf die Fußspitzen stellte, nach einer Scheibe Baguette tastete, aber stattdessen das Messer erwischte. Er fordert härtere Strafen für Verletzungen der Aufsichtspflicht und rückt die Angelegenheit in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang. Das wird Anne nachher wohl auch versuchen, wenn ich mich dafür rechtfertigen muss, dass ich ihre Tochter mal kurz aus den Augen verloren habe.
Leonie kommt näher, uns trennen jetzt nur noch wenige Meter. Anne lächelt so verzückt, wie das nur eine Mutter kann.
»Schau, wie gut da schon jemand läuft!«
Ob sie wohl dasselbe über mich sagen würde, wenn ich jetzt schnell rausrenne? Wahrscheinlich nicht. Als guter Journalist beschließe ich, im Brennpunkt der Gefahr auszuharren.
Direkt vor ihrer Mutter bleibt Leonie stehen und betrachtet das riesige Messer in ihrer Hand. Eine plötzliche Erkenntnis flackert in ihren großen blauen Augen auf. Traurig schüttelt sie den Kopf.
»Kein Brot, leider.«
Eine Mutter zieht instinktiv die Dinkelkekspackung aus der Handtasche, um dieses verzweifelte Kind vor dem Hungertod zu retten. Wie von selbst beginnen die Hände einer anderen Mama, einen Apfel zu schälen. Die Blicke der Gäste richten sich auf uns. Ginge es nach ihren Mienen, gehörten Anne und ich in die Rabeneltern-Folterkammer einer englischen Gouvernante oder der Obhut eines Pädagogen übergeben, der voll auf Elektroschocks setzt.
Als Herr Béla Anne und mich entdeckt, nutzt er die Chance, sich aus dem nicht vorhandenen Staub zu machen. Wahrscheinlich ist ihm eingefallen, dass es jetzt wirklich Zeit wird, eine neue Portion »Familienglück« anzurühren.
Leonie deutet mit der freien Hand auf die Klinge und nickt. » Messer ! «
Anne geht in die Hocke – auf Augenhöhe. »Richtig, Schatz. Das ist ein Messer. Und Messer, Gabel, Schere, Licht sind für kleine Kinder nicht.«
Die Gäste um uns herum nicken zustimmend.
Totenstille.
Meine vorgebliche Ehefrau streckt langsam die Hand aus.
Dabei sieht sie ihre Tochter besänftigend an – als wäre Leonie der Geiselnehmer, ich die Geisel und Anne die Kommissarin.
»Gibst du Mama bitte das Messer?«, schmeichelt sie mit ruhiger Mutterstimme.
»Nein!« Leonie schiebt die Unterlippe vor und schaut trotzig nach unten, als überlegte sie, mit wem sie als Erstes »Täter und Opfer« spielen soll.
Dann hebt sie den Kopf und sieht von einem potenziellen Kandidaten zum nächsten. Ich weiche Leonies Blick aus. Ruckartig hebt sie ihre Hand und deutet auf mich. Dabei verfehlt die Klinge um ein Haar das Gesicht ihrer Mutter.
Leonie sieht mich an. Ein Lächeln zieht sich über ihr Gesicht.
»Papa!«, bestimmt sie.
Vor Schreck sacke ich auf die Knie.
So habe ich mir mein Ende nicht vorgestellt. Ich hatte gehofft, ich sterbe an einem Herzinfarkt in den Armen von mindestens einer Geliebten. Oder mit gebrochener Wirbelsäule nach einem furiosen Tanzschritt auf dem Dancefloor. Aber nicht von einem Kleinkind enthauptet in einem Familienhotel.
Anne und ich kauern vor der kleinen Leonie wie Delinquenten vor dem Henker. Im Raum ist es so still, dass ich das rhythmische Schmatzen der Babys an ihren Schnullern höre.
Leonie hebt das Messer.


Wie alles begann: Schocktherapie à la Chef

Der Konferenzraum des Wochenmagazins »Der Münchner« liegt unter dem Dach – dort, wo die Luft entweder zu dünn oder zu dick ist. Wie die Kollegen. Vor jedem von ihnen stapeln sich Zeitungsausschnitte, Fotos oder Fundstücke: sogenannte Themenvorschläge. Diesmal bittet Chefredakteur Dr. Schade den Klatschreporter Landgraf, einen Platz weiterzurücken, weil er gern neben »seinem besten Mann« sitzen möchte.
Diesen Titel trug einst Kollege Landgraf, doch vor einem halben Jahr ist er Vater geworden und beschäftigt sich seitdem lieber mit Frauenthemen als mit Herrenwitzen, genau wie neunzig Prozent der Männer in dieser Redaktion. Statt sich neugierig grinsend auf Poolpartys herumzutreiben, planschen sie milde lächelnd beim Babyschwimmen und diskutieren danach den besten Weg, dem Kind den Schnuller abzugewöhnen, kontroverser als die Zukunft der europäischen Schuldenstaaten.
Deshalb bin ich neuerdings jener beste Mann: Caspar Hartmann, dreißig Jahre alt, Jungredakteur in Schades »Locals-and-Lifestyle «-Wochenmagazin.
Im Lokalteil.
Leider.
Ich muss die illegalen Tierversuche der örtlichen Kaninchenzüchtervereine zu Zuchterfolgen hochschreiben, die Niederlagen in der zwölften Fußballliga als Formschwächen kaschieren und bei Bezirksversammlungen, die länger dauern und pathetischer inszeniert sind als Wagners » Ring «, gegen den Schlaf ankämpfen. Neulich habe ich ein vierstündiges Interview über Taubenzucht geführt und dabei über meine Ohrstöpsel Musik gehört. Ist gar nicht aufgefallen. Vorgestern musste ich beruflich einen Stadtteil von München besuchen, von dem ich bisher dachte, er läge in Österreich. Heute musste ich das Gedicht einer Leserin redigieren, die seit fünfzig Jahren Abonnentin ist und ihre Freude über das bei uns gedruckte Gewäsch in Versmaß gezwungen hat. Ganz zu schweigen von dem »singenden Bäckermeister« oder den pickligen Strebern von »Jugend forscht«.
Ich hasse meinen Job. Viel lieber hätte ich den vom Kollegen Landgraf: Ich will die Nightlife-Kolumne, das einzig Coole in diesem blöden Piefblatt. Der ganze Familienwahnsinn geht mir nämlich da vorbei, wo die Mehrheit meiner Kollegen Windeln hinklebt. Keine Ahnung, was Menschen ab Ende zwanzig an Babys so süß finden – die sind doch schrumpelig, pupsen ständig und schreien nur rum. Außerdem habe ich auch schon erschreckend hässliche Exemplare gesehen. Ich stehe eher auf Frauen um die zwanzig. Mein Geld gebe ich lieber für Longdrinks und Leckereien aus als für Kuscheltiere und Kitagebühren.
Außerdem wäre die Nightlife-Kolumne eine echte Redakteursstelle. Ich bin nämlich bloß ein freier Jungredakteur, der den Launen des Chefs ausgeliefert ist. Wenn ich keine Aufträge bekomme, verdiene ich nichts.
Die Konferenz zieht an mir vorbei, die ewig gleichen Phrasen: »Lebt der noch?«, »Wenn man das mal weiterspinnt . . .«, »Da müsste man mal was drüber machen«.
Laaangweilig.
Moderedakteurin Brigitte, die ihren Namen französisch Brischitt aussprechen lässt, echauffiert sich über die »aktuelle Kollektion« von irgendeinem neuen Designer, die »viel zu bequem« aussieht, was sie »absolut untragbar« findet.
Anne Germoser, unsere Betriebsrätin und Redakteurin für Frauenthemen, ballt die Fäuste in den zu langen Ärmeln ihrer sackartigen Strickjacke. Im Gegensatz zu Brischitt beurteilt sie gute Kleidung offensichtlich danach, ob sie einer ordentlichen Kochwäsche standhält. Seit sie Mutter geworden ist, achtet sie sicher auch noch darauf, ob sich erbrochener Babybrei mit einem Klecks Spüli abwaschen lässt und als wie reißfest sich der Saum erweist.
Kollege Landgraf tippt abwesend auf seinem Smartphone herum. Brainstorming macht heute anscheinend jeder für sich.
Selbst der Chef wirkt nicht ganz bei der Sache. Wahrscheinlich träumt er immer noch von dem verpatzten Ausflug mit jener unbekannten Geliebten, die bislang jeder hier für ein Hirngespinst hielt – bis das letzte Liebeswochenende mit ihr im Fiasko endete.
Über die Jahre war das Hotel »Zum Wilden Mannle« in den Ötztaler Alpen zu Schades bevorzugtem Liebesnest avanciert. Und dort wollte er auch mit seiner Unbekannten, wahrscheinlich einer sportlichen Witwe um die fünfzig, mal so richtig das wilde Mannle herauslassen. Eine absurde Vorstellung, etwa so abstoßend wie der Gedanke an die eigenen Eltern beim Koitus.
Die Vorfreude auf jenen Ausflug war Schade schon Wochen vor dem Termin anzumerken. Schlüpfrige Altherrenwitze häuften sich ebenso wie fliederfarbene Hemden. Blöderweise lief das Wochenende völlig anders, als es sich Herr Schade erträumt hatte. Das »Wilde Mannle« war den jungen Familien zum Opfer gefallen. Weil die nämlich unglaublich gern wandern, regionale Spezialitäten essen, abends beim teuren Lokalwein über Nachhaltigkeit plaudern und danach Kinder zeugen, hat das »Wilde Mannle« reagiert und sich in ein Familienhotel verwandelt.
Zwischen schreienden Babys, schwangeren Frauen und offenen Windeleimern verlor mein Chefredakteur die Lust und seine Geliebte ihren Sex-Appeal. Bereits nach der ersten Nacht reiste Dr. Schade erbost ab und macht seitdem seinem Hass auf junge Familien bei jeder Gelegenheit gehörig Luft. Die ganze Redaktion leidet seit Wochen unter seiner schlechten Laune.
Nadine, unsere attraktive Langzeitpraktikantin, wollte auch mal mit mir in ein Hotel fahren, zwecks Zukunftsplanung. Dabei habe ich ihr schon tausendmal erklärt, dass wir keine Zukunft haben. Zumindest nicht zusammen. Aber sie meint, so etwas Wichtiges könnten wir nur gemeinsam entscheiden. Außerdem hätte sie gern bald Kinder. Dabei haben wir nur ein- oder zweimal rumgeknutscht, als wir uns zufällig getroffen haben. Seitdem erzählt sie in der Redaktion herum, wir wären ein Paar. Ich habe schon versucht, sie bei Betriebsrätin Anne Germoser als Stalkerin anzuzeigen, aber die hat mich nur ausgelacht.
Nadine hat Jura und Journalismus an einer internationalen Uni in Budapest studiert, spricht vier oder fünf Sprachen und ist eine fiese Mischung aus schlau und schön. Wahrscheinlich hat Herr Dr. Schade ihr Praktikum aus Vorfreude auf einen Betriebsausflug im ganz kleinen Kreis einfach verlängert. Allerdings könnte sich auch Kollegin Anne Germoser für ihre Aufenthaltsgenehmigung beim »Münchner« eingesetzt haben. Sie hätte nämlich lieber einen Halbtagsvertrag und würde Nadine gern den Großteil ihrer Arbeit abtreten. Weiß jeder, außer Nadine.
Die sieht mir jetzt direkt in die Augen und schlägt vor, über »den Unterschied zwischen Männern und Frauen« zu diskutieren. »Ihr habt doch alle Beziehungen«, ermuntert sie die Runde. »Erzählt mal davon!«
»Wir verraten auch euren Frauen nichts«, ergänzt Anne. » Dann schlagen sie euch nicht zu Hause. « Sie klatscht mit Nadine ab.
Anne ist über dreißig, das nicht erst seit gestern, ungeschminkt, das jeden Tag, Mutter einer Tochter – und wenn sie sich nicht immer so über Männer aufregen würde, könnte sie locker die neue Familienministerin werden: Sie ist klug, kampflustig und so dermaßen politisch korrekt, dass es selbst die von ihr verteidigten Randgruppen nervt. In ihrer Freizeit meißelt sie die Kurven der großen Emanzen aus Stein.
»Beziehungen machen keinen Sinn«, kontere ich. »Das Überleben der Menschheit steht und fällt damit, dass wir regelmäßig unsere Sexualpartner wechseln.«
Nadine funkelt mich böse an. »Du bist echt so gestört!«
Nur weil ich nicht auf Beziehungen stehe? Okay, es gab da mal eine Frau, Adoré, die war so wunderschön und derart beknackt, dass ich mich Hals über Kopf in sie verliebte. »Amour fou« nennen die Franzosen das. Und die Franzosen müssen es wissen. Als ich mal kurz nicht aufpasste, hat Adoré mir das Herz herausgerissen. Kaum hatte es aufgehört, übermütig zu klopfen, ließ sie es fallen und schnappte sich das nächste.
Keine Ahnung, was aus Adoré geworden ist. Angeblich arbeitet sie irgendwo im Ausland. Genau wie mein Herz.
Landgraf seufzt, steckt sein Smartphone ein und steht auf.
»Sorry, Leute, ich will eure Diskussion ja nicht unterbrechen, aber ich muss meine Tochter aus der Kita abholen, ist ein Notfall. Die Kleine hat leichtes Fieber.«
Leichtes Fieber? Ein Notfall? Ich habe seit drei Tagen nicht geschlafen und schon wieder einen mordsmäßigen Kater – was würde ich für »leichtes Fieber« geben!
Hektisch stapelt Landgraf seine Unterlagen übereinander. Dabei segelt ein fliederfarbener Umschlag auf den Konferenztisch. Er sieht aus, als steckte darin die seit Jahrhunderten verschollene Einladung zur Hochzeit von Barbie und Ken.
»Ach ja.« Landgraf deutet auf den Umschlag. »Ich habe hier noch die Einladung zu einer zweiwöchigen Pressereise ins Hotel ›Zum Wilden Mannle‹.«
Er verstummt schlagartig, als ihm klar wird, dass jede Erwähnung des Ortes, an dem Herr Dr. Schade sein erotisches Waterloo erlebte, ihn endgültig den Kopf kosten kann. Ruckartig steht er auf.
»Na ja. Ich muss dann mal los.« Mit gebeugtem Rücken schleicht Landgraf von dannen, als würde er mit dieser Gangart weniger Aufsehen erregen.
Alle Augen richten sich auf den Chef. Der erwidert jeden Blick so eindringlich, als würde er abwägen, wie viel Abfindung er dem betreffenden Kollegen im Fall einer Kündigung im Affekt zahlen müsste. Dann öffnet er den Umschlag und nimmt eine Karte heraus. Sein Mund verzieht sich zu einem fiesen Grinsen. Sieht aus, als wäre ihm gerade der Coup des Jahrtausends eingefallen.
» Jede Frau will doch mal einen wilden Mann zähmen«, sagt er nachdenklich. »Wo geht das besser als in einem Familienhotel?« Er sieht sich um. »Wer ist denn bei uns der wilde Mann?«
Oje. Schnell schaue ich so unauffällig wie möglich zur Seite. Mir ist nie aufgefallen, was für eine schöne weiße Wand da steht. Sicherheitshalber tue ich so, als würde ich ganz unten in meiner Tasche etwas suchen. Trotzdem spüre ich, wie sich ein Kopf nach dem anderen in meine Richtung dreht. Ich wage es nicht aufzublicken.
Brauche ich auch nicht.
Schades Stimme klingt, als wollte sie mich ärgern. »Kollege Hartmann, wäre das nicht etwas für Sie?«
Genau wie meine Kollegen sehe ich ihn entsetzt an. Wie kommt er denn auf so eine abwegige Idee? Offenbar hat mein Chef auch leichtes Fieber.
»Bitte nein!«, rufe ich instinktiv. »Auf keinen Fall!«
Annes Mund klappt vor Staunen auf und fängt bei der Gelegenheit sofort an zu reden. »Das ist doch völlig absurd! Sie wollen den einzigen Mann, der hier nichts, aber auch gar nichts mit Familie am Hut hat, in ein Familienhotel schicken? Was soll er denn da? «
»Genau«, ergänze ich. »Was soll ich denn da?«
Zum ersten Mal, seit Anne aus der Elternzeit zurückgekehrt ist, sind wir einer Meinung.
Aber Schade lässt sich nicht beirren. » Caspar braucht Frau und Kind zur Tarnung. Wer hat Lust?«
Erneute Stille.
Nadine rutscht hoch motiviert auf ihrem Stuhl nach vorn. Sie hat zwar kein Kind, aber in ihrem Blick liegt die Aussicht auf die Chance, demnächst eines gemacht zu bekommen.
Wenn die wüsste! Ich kann keine Kinder zeugen. Wollte als Junge mal über einen Jägerzaun grätschen. Hat nicht geklappt. Vielleicht habe ich deshalb keine Lust auf Familie – wie gesagt, alles biologisch bedingt.
Schade sieht Nadine an und schüttelt den Kopf. Sein Blick wandert weiter zu Anne.
»Das wäre doch etwas für Sie?«
Unsere Frauenbeauftragte läuft vor Wut rot an. »Ha!«, ruft sie und zerbricht den billigen »Münchner«-Kugelschreiber in ihren Händen. »Ich will Caspar nicht von Dingen überzeugen, von denen er nichts versteht. Er ist kein Familienvater und wird auch nie einer werden. Außerdem heirate ich in drei Wochen meinen Verlobten ! «
Ein Raunen geht durch die Kollegen, vor allem bei den Leuten, die nicht eingeladen sind.
Herr Schade hält Annes Blick. »Ist es immer noch wegen der Weihnachtsfeier? «
Anne nimmt Nadine blitzschnell deren Kugelschreiber aus der Hand und zerbricht ihn ebenfalls. Auf dem Tisch liegt nun ein kleiner Trümmerhaufen. Ein gutes Bild für unser Verhältnis seit jener Feier.
Sie fand im »Grande Principe« statt, einem dieser sündhaft teuren Lokale, die es cool finden, eine einzige enge Toilette für Männer und Frauen zu haben. Wir waren betrunken, hatten uns mal wieder gestritten, Anne stand vor dem Spiegel und machte sich frisch. Ich kam herein, streckte meine Hand an ihr vorbei zum Seifenspender. Ihre Hand war auch da. Wir sind dann irgendwie ineinandergerutscht. Erst die Hände, dann die Lippen und schließlich der Rest. Entscheidende drei Minuten später betrat Kollege Landgraf die Toilette. Von solchen Momenten träumen Klatschreporter ihr ganzes Leben lang. Am nächsten Tag waren wir die Breaking News des Flurfunks.
Anne und ich haben nie wieder darüber gesprochen. Was auf der Weihnachtsfeier passiert, bleibt auf der Weihnachtsfeier. Allerdings ist unsere Beziehung seit jenem Abend schlechter als die zwischen Israel und Palästina. Anne hat dann schnell einen Mann mit Haus kennengelernt, ihre Leonie bekommen und ist in Elternzeit verschwunden.
Seit ein paar Monaten arbeitet sie wieder, aber wir verstehen uns noch weniger als vorher. Über die Sache ist kein Gras gewachsen, weil das Fundament eine faulende, schwelende und vor allem ungeklärte Klärgrube ist.
»Caspar fährt mit Anne ins Familienhotel«, bestimmt Schade. »Sie soll ihm zeigen, wie erfüllend und wunderschön das Leben in geordneten Bahnen sein kann.«
Erfüllend und wunderschön? Mein Chef hat doch am eigenen Körper erfahren müssen, wie schrecklich es dort ist.
Auch Anne findet das nicht lustig. Sie spuckt ihm die Wörter nur so ins Gesicht: »Und warum bitte sollte ich mich darauf einlassen? «
»Weil Sie dafür Ihre Halbtagsstelle bekommen.«
Unsere Frauenbeauftragte stützt die Stirn in die Hände und lacht zynisch. Es klingt, als stünde sie an der Grenze zur Hysterie. Oder schon einen Schritt weiter.
»Ich habe Ihnen mit dem Betriebsrat gedroht«, presst sie heraus. »Das hat Sie nicht interessiert. Ich wollte kündigen – war Ihnen wurscht. Und jetzt kriege ich die Halbtagsstelle, wenn ich mit dem Idioten da zwei Wochen wegfahre? Wenn das wieder so ein Männerwitz ist, finde ich ihn echt nicht lustig.«
Herr Schade wirft einen Blick auf die fliederfarbene Einladung und sieht dann wieder hoch.
»Bis zu Ihrer Hochzeit sind Sie längst wieder da. Und Ihre Tochter nehmen Sie einfach mit. Sie beschweren sich ja dauernd über mangelnde Betreuungsmöglichkeiten.«
Anne überlegt, dann entspannen sich ihre Züge. Sie nickt.
»Ich bekomme meine Stelle – vor Zeugen«, postuliert sie und blickt die Kollegen an, die sich Mühe geben, so neutral dreinzuschauen wie die Mitglieder einer Grand Jury. Anne streckt die Hand aus. Schade ergreift sie quer über den Tisch.
»Und Sie, Caspar«, sagt er, »geben sich ein bisschen Mühe und lassen sich auf diese neue Welt ein. Ein bisschen Erholung wird Ihnen guttun. Sie waren die letzten Monate Tag und Nacht im Einsatz. Sehen Sie das hier einfach mal als Entspannungsurlaub. «
Wie bitte? Okay, ich habe tiefere Augenringe als ein Dortmunder Grubenarbeiter und wahrscheinlich ein gleichwertiges Alkoholproblem, aber wenn sich Schade ernsthaft um das Wohl seiner Mitarbeiter sorgen würde, wäre er nie Chef geworden. Was führt er im Schilde?
Es klopft an der Tür. Assistentin Nora Schnittchenmacher, deren Einstellungskriterien nicht bloß auf der Hand, sondern mitunter sogar auf der Tastatur liegen, steckt ihr Dekolleté herein. » Herr Dr. Schade, Sie haben einen Termin in fünf Minuten «, sagt das Dekolleté.
Schade sucht seine Zettel zusammen und erhebt sich. Die Konferenz ist beendet. Anne und ich sehen uns an wie Duellanten, die gerade erfahren haben, dass sie durch einen schlechten Scherz des Schicksals zwei Wochen in einem Zimmer wohnen müssen, bevor sie sich erschießen dürfen.
Die anderen Redakteure rücken mit den Stühlen herum und verlassen so schnell wie möglich den Raum. Als Letzte erhebt sich Anne und trottet wie in Trance der Herde hinterher.
Als ich aufstehen will, geht Schade zur Tür und schließt sie vorsichtig. Dann legt er mir die Hand auf die Schulter. »Einen Moment noch. Sie haben von meinem letzten Ausflug nach Tirol gehört? «
Oha! Dünnes Eis. Die Gesichtszüge meines Chefs verhärten sich, seine Augen werden schmal.
»Ich will Rache.«
Sicherheitshalber schaue auch ich böse und nicke.
»Dieses verschissene Hotel hat mir ein Wochenende verdorben, auf das ich mich seit Beginn des Sommerlochs gefreut habe. « Schade scheint die Doppeldeutigkeit gar nicht weiter aufzufallen. »In meinem Leben gibt es nicht mehr viele Höhepunkte. Das wäre einer gewesen.«
Fast tut mir mein Chef ein ganz kleines bisschen leid. Betreten schaue ich nach unten. Das Bild seines Höhepunkts geht einfach nicht aus meinem Kopf.
»Ich will, dass Sie einen Verriss über das ›Wilde Mannle‹ schreiben. Machen Sie den Laden fertig.«
» Aber Sie haben doch eben gesagt, ich soll ein Familienmensch werden. «
»Das hier ist eine geheime Mission, Hartmann.«
»Ich bin nicht Günter Wallraff«, gebe ich zu bedenken.
Herr Schade deutet mit dem Finger auf mich. »Nein, Sie sind James Bond. Der James Bond des Journalismus. Und ich bin Ihr M. «
Schweres Fieber, eindeutig. Er phantasiert in veralteten Metaphern. »M ist mittlerweile eine Frau.«
Kurz stutzt mein Chef, dann schüttelt er fatalistisch den Kopf. »Sehen Sie, das ist das Problem. Wir Männer werden weibisch – durch diese ganze Familienkacke. Schreiben Sie ein Loblied auf schlüpfrigere Zeiten, eine Enthüllungsgeschichte, die ihren Namen verdient, ein Plädoyer für das Liebesnest, die Freiheit und den Hedonismus.« Er sieht mir tief in die Augen. »Das Problem des modernen Mannes ist die Familie. Schauen Sie sich unsere Redaktion an: lauter weichgespülte Daddyluschen. Und keiner traut sich, das auszusprechen.«
Kein Wunder. Wer sich gegen das Prinzip Familie stellt, wird sozial geteert, gefedert und zur freien Liebe in eine Vogelgrippezuchtfarm gesperrt.
»Aber ich kann doch nichts gegen Familien schreiben. Das ist schlimmer, als den Sommer nicht zu mögen oder grundsätzlich keinen Alkohol zu trinken. So etwas macht man nicht.«
Schade grinst. »Doch. Sie machen das. Für die Nachtlebenkolumne. «
»Ich kriege Landgrafs Job?«
Schade nickt. »Und zwar unbefristet. Sie haben mein Wort. Die neue Halbtagsstelle Ihrer Kollegin dagegen wird nächstes Jahr wahrscheinlich betriebsbedingt gekürzt. Das bleibt aber bitte unter uns.«
Als Journalist muss man ja immer flexibel sein – auch moralisch. Eigentlich klingt es zu schön, um wahr zu sein. Ich darf offen über die nervigen Familien lästern und kriege dafür meinen Traumjob. Warum eigentlich nicht?
» Aber wenn wir die Pressereise wahrnehmen, wissen die doch, dass wir Journalisten sind, oder?«
»Sie nehmen gar nicht offiziell an der Pressereise teil. Frau Schnittchenmacher bucht Ihnen ein Zimmer auf Redaktionskosten – inkognito. Sonst noch Fragen?«
Allerdings: Wie soll ich denn zwei Wochen mit unserer Frauenbeauftragten in einem Zimmer überleben? Wie kann ich mir auf so engem Raum ihr Kind vom Leib halten? Wo soll ich schlafen? Doch bevor ich etwas erwidern kann, klopft es erneut. Das Dekolleté verlangt jetzt dringend nach Herrn Schade. Der mustert mich.
»Hartmann, Sie sind mein bestes Pferd im Stall, ein wilder Hengst. Sie können es hier weit bringen. Nach so einer Titelgeschichte kann ich Sie ohne Probleme zum Kolumnisten machen. Vielleicht stehen Sie irgendwann sogar einmal an meiner Stelle. Lassen Sie mich jetzt nicht hängen.«
Nie hätte ich gedacht, dass der erste Mensch, der mich einen wilden Hengst nennt, mein Chef sein wird. Er streckt die Hand aus und lacht kernig.
Ich ergreife sie und verkaufe ihm mit einem verlegenen Wiehern meine Pferdeseele.

Sebastian Glubrecht

Über Sebastian Glubrecht

Biografie

Sebastian Glubrecht, 1976 in der Weltstadt Hannover geboren, entwickelte sich nach Pubertät und Adoleszenz über Umwege vom wilden Kerl zum domestizierten Mann. Er hat ein ordentliches Allgemeinwissen, einen anerkannten Journalistenpreis, trägt eine schlaue Brille und macht sowohl Yoga als auch...

Medien zu »Dreibettzimmer«

Pressestimmen

Bremer Stadtmagazin

»Nette, leichte Urluabslektüre über das vorgetäuschte Familienleben voll kleiner oder auch größerer Katastrophen, amüsant geschrieben mit einem Hauch Hollywood, der (...) den Charme dieser Lektüre ausmacht.«

Indigo

»Ein spannendes und überaus witziges Buch, mit dennoch ernsthaften Thematiken.«

Frankfurter Rundschau

»Ein witziges, wahres Buch.«

Lea

»Lustiger Lesestoff!«

Bunte

»Pointenfeuerwerk.«

myself

»Lustige Sommerlektüre (…).«

Freundin

»"Dreibettzimmer" (...) eignet sich bestens für eine klamaukige Verfilmung.«

Süddeutsche Zeitung

Eine Attacke auf die Lachnerven!

momag Mostviertel Magazin

»Sebastian Glubrecht schreibt mit viel Humor und Sinn für Situationskomik, die Protagonisten sind sowohl sympathisch als auch facettenreich.«

Kommentare zum Buch

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