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Drei Schritte nach RusslandDrei Schritte nach Russland

Drei Schritte nach Russland

Erzählung

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Drei Schritte nach Russland — Inhalt

»Russland, das Land, das sich einmal die Errichtung einer neuen Welt vorgenommen hatte und nun in den Trümmerstücken davon allein dasteht. Russland, das Land meiner Mutter, und als sie gestorben war, bin ich hingefahren ...« Irina Liebmann stellt sich in diesem Buch eine so einfache wie herausfordernde Frage: Was ist Russland?

Siebzig Jahre lang kannte die Welt nur die Sowjetunion, ihre Politik, ihre Kultur — dort, wo einst das Zarenreich gewesen war. Nun ist die Sowjetunion verschwunden, an ihrer Stelle ist Russland erschienen, aber was ist Russland? Diese Frage führte Irina Liebmann in den letzten Jahren drei Mal zurück in das Land, in dem sie geboren wurde, das Land ihrer Mutter.Nur einer Schriftstellerin vom Format Irina Liebmanns gelingt es, sich so auf Orte einzulassen, ob die gegenwärtigen oder bereits untergegangenen, dass schon der Rhythmus ihrer Sprache, die Auswahl an Beobachtungen und Begegnungen, jene große diagnostische Kraft entfaltet, wie wir sie von den Reiseschriftstellern der Weltliteratur kennen.

€ 16,99 [D], € 17,50 [A]
Erschienen am 12.03.2013
208 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-8270-1138-1
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 12.03.2013
208 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7640-3
„Fast schreibt sie ein wenig atemlos. In Andeutungen, kurzen Sätzen, Seufzern, Dialogen, traumgleichen Assoziationen. Das ist ihr Kunstgriff.“
Die Welt

Leseprobe zu »Drei Schritte nach Russland«

Die Russen. Siebzig Jahre lang eingeschlossen, abgesperrt, beinahe
vergessen.
Von uns jedenfalls beinahe vergessen. Ich weiß es genau, es
war mir nicht angenehm, dass wir im Osten Deutschlands
manchmal über sie sprachen, als ob es sie kaum noch gibt: »Bei
denen.«
»Bei denen ist es natürlich noch schlechter.«
Es hatte so zu sein, dass es ihnen schlechter ging als uns, wir
hatten uns angewöhnt, so zu denken, wir haben nie wirklich
nach ihnen gefragt.
Wir blickten nach Westen.
Und jetzt?
Was Westen war, hat seine Leuchtkraft verloren.
Aber angenehm ist es im Westen [...]

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Die Russen. Siebzig Jahre lang eingeschlossen, abgesperrt, beinahe
vergessen.
Von uns jedenfalls beinahe vergessen. Ich weiß es genau, es
war mir nicht angenehm, dass wir im Osten Deutschlands
manchmal über sie sprachen, als ob es sie kaum noch gibt: »Bei
denen.«
»Bei denen ist es natürlich noch schlechter.«
Es hatte so zu sein, dass es ihnen schlechter ging als uns, wir
hatten uns angewöhnt, so zu denken, wir haben nie wirklich
nach ihnen gefragt.
Wir blickten nach Westen.
Und jetzt?
Was Westen war, hat seine Leuchtkraft verloren.
Aber angenehm ist es im Westen noch. Ich sitze in einer großen
Wohnung, seit acht Wochen ist Winter mit Schnee und
mit Eis wie niemals zuvor, und doch sind die Geschäfte voller
Waren und die Heizung warm, nur die Zahlen auf meinem
Bankkonto muss ich im Auge behalten, diese Zahlen sind der
Kilometerzähler meines Lebens geworden, und nicht meines
alleine, denn schon sitzen alle Regierungen Tag und Nacht zusammen
und reden über nichts anderes als die Zahlen auf ihren
eigenen Kilometerzählern, wir können abstürzen, rufen sie,
abstürzen, ins Meer fallen, in ein Meer der wertlosen Scheine,
die kein Konto wahrnehmen wird, keinen Meter wird es mehr
anzeigen als zuvor, keine Zahl dafür in die Höhe treiben, wir
fallen, wir fallen – und die da, die Russen? Die sehen zu.
Sollen wir zu ihnen blicken? In ihre Richtung?
Was ist denn dort? Was?
Und was waren das für Jahre, die letzten zwanzig? Was war das
für ein Glanz, dem wir nachliefen? War es überhaupt Licht?
War es Glitzerkram?
Haben wir einen Fehler gemacht?
Wann? Warum? Was ist geschehen?
Diese Frage muss man in Russland nicht stellen. In Russland
springt sie einem von jedem Büchertisch entgegen, an jedem
Zeitungskiosk brüllen sie regelrecht, diese Schlagzeilen:
Wann? Warum? Was ist geschehen?
Was ist mit uns geschehen?

– Mussten wir das sein?! Die Vogelscheuche unter den Völkern?!
– Wir haben euch geliebt.
– Wer?
– Unsere Kindergartengruppe zum Beispiel. Wir haben russische
Tänze geübt.
– Na wunderbar, ich sage es ja! Vogelscheuche unter den Völkern!
Und das sind wir immer noch!
Gespräch in einer Moskauer Küche. Diese Küche ist so klein,
dass gerade mal ein winziges Tischchen mit zwei Hockern hineinpasst
und ein Hängeschrank über dem Abwaschtisch.
Direkt unter dem Küchenfenster stehen Bäume, Schnee auf
den Ästen, ein Kiosk, die Sonne scheint. Minus 14 Grad.
Die Heizkörper der Wohnung haben keine Ventile, im zentralen
Heizwerk wissen sie schon, wie kalt es ist, und schicken
genau die Wärme, die gebraucht wird, die bullige Wärme hier
in der Küche kostet fast nichts.
– Gas haben wir genug! Wir sind Gas!
Sie lacht, meine Wirtin. Kein gutes Lachen ist das.
– Und verschone mich mit der Vergangenheit. Ich bin eine erwachsene
Frau, weißt du, ich habe genug erlebt. Ich spare jetzt
meine Kräfte.
Ich bin auch eine erwachsene Frau, ich trinke Tee und überlege,
was ich sagen kann, um meine Bekannte zu trösten, zu
verblüffen.
Das Sportstadion an der Berliner Chausseestraße fällt mir ein,
wie ich dort als Kind erlebte, dass riesiger Jubel ausbrach, als
es aus den Lautsprechern tönte, dass die Delegation der Sowjetunion
die Aschenbahn betreten hat: »… begrüßen wir die
Vertreter des ersten sozialistischen Staates der Erde!«, und mit
ihren roten Fahnen kamen lachend und singend unendlich
viele junge Frauen und Männer in weißer Kleidung, ja, weißer
Kleidung gelaufen.
Da lief sie, da unten, die Weltmacht meiner Kindheit, Garant
des Friedens, so hat sie sich selber bezeichnet, und besonders
wir sollten sie so nennen, wir, die Kinder im Osten Deutschlands.
Aber auch die übrige Welt führte ihre Losungen immerzu
im Munde, ihre Abrüstungsinitiativen, ihre Führer, ihre
Raketen, ihre Filme und ihre Sportler natürlich.
In meiner Erinnerung sehe ich sie wieder und wieder auf
die Siegertreppchen steigen, junge Leute mit drei halbrunden
Kreisen auf der Brust und dem großen P: CCCP!
Und ihre Fahne wird hochgezogen, die rote, mit Hammer und
Sichel, und die Hymne erklingt, ihre Hymne, die ganz große
Opernmusik:
»Von Russland, dem großen, auf ewig verbündet, steht machtvoll
der Volksrepubliken Bastion!
Es lebe, vom Willen der Völker gegründet, die einig und mächtige
Sowjetunion!«
– Ihr singt sie immer noch, stimmt’s?
– Nein.
Doch, doch. Sie singen sie noch, und sie singen sie auch nicht.
Der Text ist geändert. Und die Kremltürme auf dem Roten
Platz tragen den zaristischen Doppeladler und sie tragen ihn
auch nicht – denn vom höchsten und wichtigsten Turm blitzt
wie immer der rote Stern.
Ob er auch immer noch leuchtet nachts? Wie früher, als ich ein
Kind war, auf der Durchreise in Moskau?
Wir sind hier in Moskau. Die Wohnung gehört einer Frau,
die oft auch nach Deutschland kommt, und schon hier, in der
Winzigkeit des Raumes und der Heftigkeit des Gefühls ist die
ganze Entfernung zu spüren, die zwischen uns liegt.
Zwei Frauen in Moskau. Denn sie wird dort bleiben, sie lebt
dort, es ist ihr Land, und sie will auch kein anderes, und ich
weiß für alles eine andere Variante: Einen besseren Küchentisch,
einen besseren Abwaschschrank, der Kiosk da draußen
müsste gestrichen werden – zwei Planeten sind wir, die sich
schon lange nicht mehr berühren, sehr lange schon.
Der Leser kann es nicht wissen und ich hatte es vergessen, aber
ich bin einmal ein sowjetisches Kind gewesen. Ein Moskauer
Kind. Nur kurz, ganz am Anfang des Lebens nur, aber der Anfang
ist wichtig bei jeder Geschichte, und mein Anfang war
eben dort, dort im Sowjetreich, in seiner Hauptstadt sogar, und
so was vergisst man nicht.
Ganz im Gegenteil. Sei stolz darauf, hieß es öfter, sag nichts davon,
hieß es auch, das kannst du vergessen, so hieß es zuletzt,
und das sagte ich mir dann selber – vergiss es.
Es bedeutet nichts. Gar nichts. Es ist nur ein Wort: geboren in
Moskau. Na und?
Die Geschichte, die dahintersteht, ist die Geschichte meiner
Eltern. Meine Geschichte dagegen hat dort nur begonnen,
nichts weiter.
Allerdings gehört es zu dieser Geschichte, dass ich Russisch
sprechen konnte und russische Kinderbücher geschenkt bekam
und dass mir Schleifen ins Haar gebunden wurden von meiner
Mutter, die ich auf Russisch, mit russischem Klang eben,
Mama nannte.
Es gehört auch dazu, dass meine Mutter mit mir und meiner
Schwester wochenlang durch die Sowjetunion fuhr, um ihre
eigene
Mutter zu besuchen und die eigene Schwester.
Das war in Sibirien, dort wohnten die, und es waren die ersten
Jahre nach dem Ende des Krieges, als sie es schaffte, nach
Hause zu fahren mit uns und dann wieder zurück nach Berlin,
wo mein Vater schon wartete, mehr Familie hatten wir nicht.
Berlin war die Stadt, wo wir hingehörten, daran bestand nie
ein Zweifel.
Die Reisen damals in dieser Nachkriegszeit dauerten lange,
und nie werde ich die stundenlangen Wartezeiten der Züge auf
allen Bahnhöfen der Sowjetunion vergessen, die an der Strecke
liegen, ihre klingenden Namen beim Einschlafen manchmal
auf der Schlafwagenpritsche, oder beim Anhalten, mitten
in der Nacht: SWERDLOWSK, OMSK, NOWOSIBIRSK,
ULAN-UDE.
Diese Bahnhöfe – sie waren wie Ameisenhaufen, schwarz vor
Menschen, die überall saßen, lagen, schliefen, manche mit leeren
Augenhöhlen oder Beinstümpfen, an die ein Holzstiel gebunden
war, und so viele in Lumpen. Ihre Not, ihre Hast, ihre
Ratlosigkeit – das war der Krieg. Aber einmal sprang ein Mann
in unseren Waggon, als der Zug grade abfuhr, dieser Mann war
»ohne Dokumente«. Er stand auf der Plattform ohne Gepäck,
aufatmend, als die Räder unter ihm rollten, immer schneller
rollten, und so angstvoll und so erleichtert zugleich sah er dem
Schaffner fest in die Augen – lange.
Es war Zufall, dass ich dabei war und dann beobachten konnte,
dass er den Schaffner mit seinen Augen bezwungen hat,
und der ließ ihn mitfahren, einfach so, »ohne Dokumente«,
diese sagenhaften »Dokumente«, ohne die ein Mensch hier ein
Nichts war, ein Bündel von Angst, ja, das konnte man sehen.
Das war nicht der Krieg, aber darüber sagte meine Mutter nur:
»Er hat sie verloren. Komm rein ins Coupé.«
So eine Reise nach Sibirien war nicht nur weit, sie war auch
teuer. Schon bald konnten meine Eltern das Geld dafür nicht
mehr aufbringen, und diese Reisen und die Sowjetunion überhaupt
entfernten sich schnell aus unserem Leben. Die Großmutter
starb, die Tante besuchte uns nun in Deutschland, und
im Jahr 1983 war ich selber das letzte Mal dort, zu Besuch bei
ihr, weit hinter dem Baikalsee, in einer Ein-Zimmer-Neubauwohnung,
die man ihr zugeteilt hatte.
Im Sommer war es gewesen, alle Parks hatten Zäune aus geformten
Betonteilen, alle Autobusse zerschlissene Sitzpolster,
und nach dem Regen standen die Straßen im Zentrum der
Stadt voller Wasser, denn es gab kein Gullysystem. Mit durchweichten
Schuhen wateten wir nach Hause, und da ich das
alles fortgesetzt unfreundlich kommentierte, schimpfte meine
Tante unaufhörlich auf mich ein und wollte mich auch nicht
mehr zum Flughafen bringen am letzten Tag.
Aber vielleicht wollte sie auch nur zu Hause bleiben, weil er so
früh am Morgen angesetzt war, der Abflug nach Moskau.
Wir Passagiere standen dann nach zehn Stunden immer noch
dort, mal im Freien, mal wieder im Wartesaal, wo es kaum etwas
zum Essen oder zum Trinken gab.
Damals dachte ich, ich müsste für immer dort bleiben, käme
nie mehr zurück nach Europa, und als ich zurück war, dachte
ich, ich fahre nie mehr dorthin.
Und nun? Ich bin wieder gefahren.
Ich wollte wissen, was Russland ist. Ich kannte nur
die Sowjetunion.

Irina Liebmann

Über Irina Liebmann

Biografie

Irina Liebmann, geboren 1943 in Moskau, studierte Sinologie in Leipzig. Seit 1975 lebt sie als freie Schriftstellerin in Ost-, später in Westberlin. Für ihre Bücher erhielt sie zahlreiche Preise, u. a. den Aspekte-Literaturpreis und den Berliner Literaturpreis.

Pressestimmen

Die Welt

„Fast schreibt sie ein wenig atemlos. In Andeutungen, kurzen Sätzen, Seufzern, Dialogen, traumgleichen Assoziationen. Das ist ihr Kunstgriff.“

Cicero

»In einer wunderbar klaren Sprache entsteht so eine reizvolle Mischung aus Reisetagebuch, Essay und poetischer Prosa. Autobiografisches verknüpft Vergangenheit und Gegenwart, Vertrautes und Fremdes prallen aufeinander. [...]. Wer mit Liebmann die 'Drei Schritte nach Russland' geht, erlebt, wie Angst und Ärger einer neuen Liebe weichen. Und der Erkenntnis, dass Antworten nicht einfach gegeben, sondern gelebt werden müssen. Wer sind die Russen? Was bleibt übrig nach dem Absturz als Weltmacht? 'Wie werden sie damit fertig? Das war meine Frage gewesen. Die Antwort ist kurz: gar nicht.'«

Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Eine kurzweilige und lebenskluge Reiseerzählung."

Bayerisches Fernsehen "Lesezeichen"

"Irina Liebmanns Bericht vom Besuch im Land der Geburt ist spannend und anrührend."

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