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Drei Dinge über Elsie

Drei Dinge über Elsie

Roman

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Drei Dinge über Elsie — Inhalt

Als die 84-jährige Florence in dem neuen Bewohner der Seniorenresidenz einen Mann aus ihrer Vergangenheit wiedererkennt, wird ihr angst und bange. Denn derjenige, für den sie ihn hält, müsste eigentlich 1953 in einem Fluss ertrunken sein! Zurück in ihrer Wohnung stürzt die alte Frau. Während sie auf Hilfe wartet, befürchtet sie, dass ein altes Geheimnis ans Licht kommen könnte. Und das hätte nicht nur für sie fatale Folgen, sondern auch für ihre beste Freundin. Denn Florence und Elsie verbindet eine schreckliche Tat. Fieberhaft tüftelt die alte Dame an einem Notfallplan …

€ 20,00 [D], € 20,60 [A]
Erschienen am 02.04.2019
Übersetzt von: Susanne Keller
448 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-86612-465-3

Leseprobe zu »Drei Dinge über Elsie«

16:48 Uhr

»Wie kam es, dass Sie gefallen sind, Flo?«, werden sie fragen, wenn sie mich finden. »Ist Ihnen schwindelig geworden? Hatten Sie Ihre Brille nicht auf? Sind Sie gestolpert?«

Während sie noch mit mir sprechen, werden sie sich schon an mir zu schaffen machen. Mir eine Manschette um den Arm legen und eine Plastikklammer an meinem Finger befestigen, die Kabel für eines ihrer Geräte auswickeln. Einer wird mir in die Augen leuchten, ein anderer wird in meinen Tabletten kramen und dann alle in einer seiner großen Taschen verstauen.

»Hatten Sie das [...]

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16:48 Uhr

»Wie kam es, dass Sie gefallen sind, Flo?«, werden sie fragen, wenn sie mich finden. »Ist Ihnen schwindelig geworden? Hatten Sie Ihre Brille nicht auf? Sind Sie gestolpert?«

Während sie noch mit mir sprechen, werden sie sich schon an mir zu schaffen machen. Mir eine Manschette um den Arm legen und eine Plastikklammer an meinem Finger befestigen, die Kabel für eines ihrer Geräte auswickeln. Einer wird mir in die Augen leuchten, ein anderer wird in meinen Tabletten kramen und dann alle in einer seiner großen Taschen verstauen.

»Hatten Sie das Gefühl, in Ohnmacht zu fallen? Können Sie mich anlächeln? Können Sie einmal meine Hand drücken?«

Sie werden mich aus dem Flur tragen und ihre liebe Not damit haben, denn der ist kaum groß genug für mich, geschweige denn für die zwei Männer und ihre Uniformen. Sie werden mich hinten in ihren Krankenwagen hineinschieben, in die grellweiße, von Decken geschützte Welt, in der sie zu Hause sind, und ich werde blinzeln müssen und die Augen zusammenkneifen und versuchen, aus ihrem Gesichtsausdruck schlau zu werden.

»Alles in Ordnung, Flo«, werden sie sagen. »Das wird schon wieder, Flo.«

Dabei kennen sie mich gar nicht. Dabei habe ich ihnen gar nicht erlaubt, Flo zu mir zu sagen. Dabei hat mich überhaupt nie jemand so genannt außer Elsie.

Einer von ihnen wird sich neben mich setzen, während wir durch die Straßen fahren, über uns dreht sich das Blaulicht. Ich werde sehen, wie es immer wieder auf sein Gesicht fällt, und ab und zu wird er mir zulächeln, und irgendwie wird seine Hand in der Dunkelheit meine finden.

Wenn wir dann im Krankenhaus sind, werden sie mich ratternd durch die Notaufnahme rollen, durch rote Flügeltüren hindurch, und die Leute dort werden die gleichen Fragen in dem gleichen grellen Licht stellen und mich über leere Korridore schieben und all ihre Routineuntersuchungen machen. Eine junge Frau an einem Schreibtisch wird flüchtig aufblicken, wenn sie mich vorbeirollen, und wird sich gleich wieder wegdrehen, weil ich nur eine von diesen in Decken gehüllten Alten auf einer Trage bin, die krampfhaft versucht, am Leben festzuhalten.

Sie werden mich auf eine Station bringen, zu einer Krankenschwester mit ruhigen Händen. Sie wird sich ganz langsam bewegen und dennoch alles im Handumdrehen erledigen, und die Schwester mit den ruhigen Händen wird die Erste sein, die mir mit den Augen zuhört. Das Bett wird warm und weich sein, und wenn sie das Licht löschen, wird es mir überhaupt nichts ausmachen.

Was ich hier erzähle, muss allerdings erst noch geschehen. Nichts davon hat sich bisher ereignet. Denn im Augenblick liege ich hier auf dem Boden im Wohnzimmer und warte noch darauf, dass man mich findet. Ich warte darauf, dass jemandem auffällt, dass ich nicht mehr da bin.

Bis sie kommen, habe ich genügend Zeit, mir zu überlegen, was ich sagen werde. Genügend Zeit, mich genau an alles zu erinnern, von Anfang an, und es dann so wiederzugeben, dass sie es auch verstehen. So, dass sie es mir auch abnehmen. Man sollte meinen, die Stille hilft dabei, aber das stimmt nicht. Ich höre nur andauernd meinen Atem, der sich hinaus- und wieder hineinkämpft, und immer wenn ich denke, dass ich eine Idee am Wickel habe, flutscht sie mir aus den Fingern, und ich muss wieder ganz von vorn anfangen.

»Du musst dich konzentrieren, Flo«, sagt Elsie immer. »Immer ein Wort nach dem anderen.«

Aber Elsie ist nicht hier, um mir zu helfen, also muss ich mich ganz allein durch die Worte arbeiten, weil ich zwischen diesen Bergen aus Wörtern einen Platz für das Schweigen finden muss. Jeder trägt im Leben ein Geheimnis mit sich herum, etwas, über das er niemals spricht. Jeder hat Worte, die er für sich behält. Wichtig ist, wie man mit seinem Geheimnis umgeht. Zieht man es für immer hinter sich her, wie einen sperrigen Koffer, oder sucht man sich jemanden, dem man sich anvertraut? Ich hatte mir fest vorgenommen, es nie zu verraten. Es sollte für immer mein Geheimnis bleiben. Aber jetzt, wie ich hier so liege und darauf warte, dass sie mich finden, fürchte ich fast, dass hier gerade mein letztes Kapitel aufgeschlagen wird. Vielleicht wird der Schlusssatz in einem Zimmer gesprochen, das in erster Linie beige und voller Vergesslichkeit ist, und niemand wird ihn hören. Man weiß erst, welches die letzte Seite ist, wenn man sie aufgeschlagen hat, nicht wahr?

Ich frage mich, ob das jetzt das Ende der Geschichte ist.

Ich frage mich, ob es gekommen ist, mein Für-immer-und-ewig.

Florence

Vor einem Monat hat das alles angefangen. An einem Freitagmorgen. Ich sah mich gerade im Wohnzimmer um und überlegte, wo ich bloß die Fernsehzeitung gelassen hatte, als es mir auffiel.

Er stand falsch herum. Der Elefant, auf dem Kaminsims. Er steht immer in Richtung Fenster, weil ich irgendwo gelesen habe, dass das Glück bringt. Ich weiß natürlich, dass das Unsinn ist. Es ist wie mit neuen Schuhen, die man nicht auf den Tisch stellen darf, oder mit der Regel, nicht die Treppe hochzugehen, wenn gerade jemand herunterkommt. Da ist eine Stelle ganz hinten im Kopf, die sich nicht richtig anfühlt, wenn man sich nicht daran hält. Normalerweise hätte ich vermutet, dass es einer von den Kitteln war, aber ich gehe immer noch einmal mit dem Staubwedel über alles, wenn sie wieder weg sind. Was meistens nicht nötig ist, aber es hilft dabei, sich die Zeit zu vertreiben. Ich hätte es also sofort bemerkt. Mir entgeht nichts.

»Fällt Ihnen etwas auf?«

Miss Ambrose war zu unserem wöchentlichen Plausch gekommen. Sie ist hibbelig. Riecht nach Haarspray. Hat einen Cousin in Truro. Ich beschloss, sie auf die Probe zu stellen. Sie blickte sich im Zimmer um, aber jeder Narr konnte sehen, dass sie nicht bei der Sache war.

»Sie müssen richtig hinsehen«, sagte ich. »Sie müssen sich konzentrieren.«

Sie wickelte sich den Schal vom Hals. »Das tue ich«, versicherte sie. »Ganz bestimmt.«

Ich wartete.

»Der Elefant. Der Elefant auf dem Kaminsims.« Ich deutete mit dem Finger auf ihn. »Er ist zum Fernseher hin ausgerichtet. Dabei sieht er sonst immer in Richtung Fenster. Er steht falsch.«

Sie meinte, ich hätte wohl Lust auf ein bisschen Abwechslung gehabt? Abwechslung! Ich zeigte wieder mit dem Finger und sagte: »Das war ich nicht.«

Sie nahm mich nicht ernst. Das tut sie nie. »Das muss jemand von den Reinigungskräften gewesen sein«, sagte sie.

»Es waren nicht die Reinigungskräfte. Als ich gestern Abend ins Bett ging, stand er noch richtig. Als ich heute Morgen aufstand, stand er falsch herum.«

»Haben Sie mal wieder Staub gewischt, Florence? Staubwischen ist doch unsere Aufgabe«, mahnte sie.

Ich wollte nicht, dass sie mir in die Augen sah. Deswegen blickte ich stattdessen den Heizkörper an. »Das fiele mir im Traum nicht ein«, sagte ich.

Sie saß im Sessel neben dem Kamin und seufzte leise. »Vielleicht ist er ja heruntergefallen?«

»Und dann von alleine wieder hochgeklettert?«

»Manchmal spielt uns unser Gedächtnis einfach einen Streich, nicht wahr? Wir tun Dinge ganz automatisch, ohne groß darüber nachzudenken. Sicher haben Sie ihn unbewusst andersherum hingestellt.«

Ich ging zum Kaminsims und drehte den Elefanten wieder mit dem Gesicht in Richtung Fenster, alles, ohne den Blick von Miss Ambrose abzuwenden.

»Es ist ja nur Deko, Florence. Es ist ja nichts weiter passiert. Soll ich Teewasser aufsetzen?«

Ich betrachtete den Elefanten, während sie sich in der Küche zu schaffen machte und Ingwerkekse suchte.

»In der Vorratskammer, ganz oben im Regal«, rief ich. »Nicht zu übersehen.«

Miss Ambrose kam mit einem Tablett zurück. »Genau genommen waren sie gleich auf dem untersten Brett. Manchmal ist man einfach zerstreut, nicht wahr?«

Ich musterte ihren Pullover. Er hatte untenrum ganz viele kleine Troddeln, in allen Regenbogenfarben. »Ja«, sagte ich. »Schon möglich.«

Miss Ambrose saß auf der äußersten Kante des Sessels. Sie hat ein Faible für farbenfrohe Kleidung, schade nur, dass ihr Gesicht irgendwie nicht dazu passt. Elsie und ich hatten uns einmal darüber unterhalten, wie alt Miss Ambrose wohl sein mochte. Elsie tippte auf Ende dreißig, aber ich glaube, dass dieser Zug schon vor langer Zeit abgefahren ist. Sie sieht immer so aus, als schlafe sie nicht genug und versuche, das mit einer Extraportion Lippenstift und Enthusiasmus auszugleichen, damit der Rest der Welt es nicht mitbekommt. Ich zog es vor, wieder die Heizung anzustarren, weil Miss Ambrose so ein Talent hat, Dinge in den Augen anderer Leute zu sehen, die niemand außer ihr bemerken würde.

»Also, wie ist es Ihnen ergangen, Florence?«

Der Heizkörper hat fünfundzwanzig Rippen.

»Mir geht es gut, danke.«

»Was haben Sie in der vergangenen Woche denn Schönes unternommen?«

Es ist gar nicht so einfach, sie zu zählen, denn wenn man länger hinguckt, machen die Augen, was sie wollen.

»Ich war ziemlich beschäftigt.«

»Im Tagesraum haben Sie sich ganz schön rargemacht. Dabei finden dort so viele Veranstaltungen statt – hatten Sie gestern keine Lust, am Kartenbasteln teilzunehmen?«

Ich habe eine ganze Schublade voll mit diesen Karten. Ein Griff hinein, und ich könnte einem Dutzend Leute zur Geburt ihres bezaubernden Töchterchens gratulieren.

»Nächste Woche vielleicht«, sagte ich.

Ich hörte, wie Miss Ambrose tief einatmete. Das konnte nur Ärger bedeuten, denn das tut sie nur, wenn sie eine zusätzliche Dosis Sauerstoff benötigt, um irgendeine Diskussion anzuzetteln.

»Florence«, begann sie.

Ich reagierte nicht.

»Florence. Ich möchte einfach ganz sichergehen, dass Sie sich bei uns in Cherry Tree auch wirklich wohlfühlen?«

Miss Ambrose gehört zu den Leuten, deren Stimme am Ende ihrer Sätze immer nach oben geht. Als traue sie Gott und der Welt so wenig über den Weg, dass sie ständiger Hinterfragung bedürfen. Ich sah zum Fenster hinaus. Nichts als Ziegel und Beton, gerade Linien und tadellose rechte Winkel, außerdem winzige Fenster, die Licht in kleine Leben ließen. Kein Horizont. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass man neben all den anderen Dingen auch den Horizont verliert. In welche Richtung man im Alter auch blickt – man hat immer eine Landschaft vor Augen, die aus nichts als Verlust besteht.

»Vielleicht sollten wir noch einmal darüber nachdenken, ob Sie in Cherry Tree wirklich gut aufgehoben sind?«, sagte sie. »Vielleicht würde es Ihnen anderswo ja besser gefallen?«

Ich drehte mich zu ihr um. »Sie werden mich nicht nach Greenbank schicken.«

»Aber Greenbank hat einen so viel höheren Pflegeschlüssel.« Miss Ambrose neigte den Kopf zur Seite. Ich konnte sehen, wie sich die vielen kleinen Fältchen an ihrem Hals mitbewegten. »Sie hätten dort viel mehr Einzelbetreuung.«

»Ich will keine Einzelbetreuung. Ich will überhaupt keine Betreuung. Ich will in Ruhe gelassen werden.«

»Florence, wenn wir älter werden, können wir nicht mehr so richtig beurteilen, was das Beste für uns ist. Das ist völlig normal. Sie würden sich in Greenbank bestimmt wohlfühlen. Wahrscheinlich fänden Sie es dort ganz toll.«

»Es ist nicht so toll, wenn einem niemand zuhört«, sagte ich zu dem Heizkörper.

»Wie bitte?«

»Ich gehe da nicht hin. Sie können mich nicht zwingen.«

Miss Ambrose wollte etwas sagen, entschied sich dann aber dafür, es herunterzuschlucken. »Was halten Sie von einem Kompromiss? Sollen wir abwarten, wie sich die Dinge entwickeln – sagen wir … einen Monat lang? Dann sehen wir weiter.«

»Einen Monat?«

»Dann beurteilen wir die Lage neu. Wir beraten uns erneut. Eine Art Bewährungszeit.«

»Bewährung? Was habe ich denn verbrochen?«

»Das ist nur so eine Redewendung, Florence, weiter nichts.« Miss Ambrose’ Schuh tippte eine kleine beige Melodie auf den Teppich.

Sie ließ eine längere Stille eintreten, das tun sie immer, weil sie hoffen, dass man sie mit irgendetwas füllt, auf das sie sich stürzen können, aber darauf fiel ich nicht mehr herein.

»Morgen Nachmittag gibt es Vom Winde verweht«, sagte sie schließlich, nachdem das mit der Stille nicht geklappt hatte.

»Habe ich schon gesehen«, sagte ich.

»Jeder hat ihn schon gesehen. Darum geht es doch nicht.«

»Clark Gable konnte ich noch nie besonders viel abgewinnen.«

Ich fixierte immer noch den Heizkörper, aber ich konnte hören, wie Miss Ambrose sich nach vorn beugte. »Sie dürfen sich nicht hier drin verkriechen, Florence. Denken Sie daran: ein Monat Bewährung. Sie müssen mir schon ein wenig entgegenkommen.«

Ich wollte schon sagen: »Warum soll ich jemandem entgegenkommen? Und in welche Richtung?«, aber ich ließ es lieber. Stattdessen konzentrierte ich mich weiter auf den Heizkörper, und zwar so lange, bis ich die Wohnungstür ins Schloss fallen hörte.

»Clark Gable hatte Mundgeruch«, rief ich. »Das habe ich gelesen. In einer Zeitschrift.«

 

Drei Dinge sollte man über Elsie wissen, und eines davon ist, dass sie meine beste Freundin ist.

Die Leute wechseln ihre besten Freunde wie Kleidung, mal ist es der eine, mal der andere, je nach Laune oder je nachdem, mit wem sie gerade reden, aber meine beste Freundin war immer Elsie, und sie wird es auch immer bleiben. Das ist ja der Sinn einer besten Freundin, nicht wahr? Jemand, der zu einem hält, egal, was geschieht. Sicher, wir hatten im Laufe der Jahre auch mal Streit, aber das liegt daran, dass wir so unterschiedlich sind. Wir unterscheiden uns sogar äußerlich völlig. Elsie ist klein, und ich bin groß. Elsie ist zierlich, und ich habe große Füße. Größe einundvierzigeinhalb. Das kann ruhig jeder wissen. Elsie meint nämlich, dass einem ab einer bestimmten Schuhgröße nichts anderes übrig bleibt, als mit seinen Füßen anzugeben.

Wir verbringen fast die ganze Zeit zusammen, Elsie und ich. Wir essen sogar zusammen, was den Kitteln das Leben leichter macht. Es ist schön, Gesellschaft zu haben. Nichts klingt trostloser als das einsame Klappern eines Messers und einer Gabel beim Abendessen.

Später an dem Tag, an dem Miss Ambrose mir mein Ultimatum gestellt hatte, saßen Elsie und ich in meiner Wohnung am Fenster und aßen zu Mittag.

»Die haben sich noch nicht blicken lassen«, sagte ich.

Ich wusste, sie hörte mich, die Frau im rosa Kittel. Sie war gerade dabei, mir mein Essen auf Rädern auszugeben, und stand nicht mal zwei Schritte von mir entfernt. Ich spreche grundsätzlich laut und deutlich, komme, was wolle. Elsie findet immer, ich schreie, aber ich schreie nicht. Ich will nur, dass mich jeder versteht. Ich klopfte sogar gegen das Glas, um ganz sicherzugehen.

»Nummer zwölf«, klopfte ich. »Ich sagte, die haben sich noch nicht blicken lassen. Die müssen da schon ein paar Tage wohnen, denn ich habe gesehen, wie das Licht an- und ausgeht.«

Die Frau im rosa Kittel gab einen Schöpflöffel weiße Bohnen in Tomatensoße auf meinen Teller. Sie zeigte keinerlei Reaktion.

Elsie sah auf.

»Schrei nicht so, Flo«, sagte sie.

»Ich schreie ja gar nicht«, sagte ich. »Ich wollte nur darauf aufmerksam machen. Es gibt nicht mehr viel, was ich noch tun kann, aber ich kann noch auf Dinge aufmerksam machen. Außerdem steht der Container immer noch da. Man sollte ihnen einen Brief schreiben.«

»Dann schreib doch«, sagte Elsie.

Ich sah sie an und sah wieder weg. »Ich kann keinen Brief schreiben, weil sie mir ein Ultimatum gestellt haben.«

»Was haben sie?«

»Miss Ambrose sagt, ich bin auf Bewährung«, nuschelte ich in mein Glas.

»Was hast du denn verbrochen?«

»Das ist nur so eine Redewendung«, sagte ich. »Weiter nichts.«

»Der Container kommt bald weg, Miss Claybourne«, meinte die Frau.

Ich drehte mich zu ihr um. »Es ist nicht richtig, ein Leben einfach so wegzuwerfen. Man sollte jemanden benachrichtigen.«

»Wenn man erst mal tot ist, können sie tun und lassen, was sie wollen«, sagte Elsie. »Dann haben sie freie Bahn, Florence.«

Unten im Innenhof sammelten sich die Blätter an der Rasenkante, und orange und rote Tupfen wirbelten über die Betonplatten. »Ich habe sie letzte Woche noch gesehen. Sie ging mit einer Einkaufstasche dort den Weg entlang.«

Die Frau im rosa Kittel blickte auf.

»Ich finde, das ist wichtig«, sagte ich. »Dass ich sie gesehen habe. Und jetzt liegt alles, was sie war, in diesem Container.«

»Sie mussten die Wohnung ausräumen«, wandte sie ein, »für den nächsten Bewohner.«

Wir beobachteten sie stumm. Sie ließ sich nichts anmerken.

»Wer das wohl sein wird?«, sagte ich.

Keine Reaktion.

»Das wüsste ich auch gern«, sagte Elsie.

Die Frau im rosa Kittel runzelte die Stirn, an sich selbst gerichtet. »Ich hatte frei. Und überhaupt, für solche Sachen ist Miss Bissell zuständig.«

Ich zog eine Augenbraue hoch, aber Elsie widmete sich wieder ihrem Fischstäbchen. Ich finde ja, dass Elsie immer viel zu schnell klein beigibt. Auf dem Kittel der Frau prangte ein Aufnäher: »Wie kann ich helfen?«

»Hilfreich wäre«, sagte ich zu dem Aufnäher, »wenn Sie uns an eventuellen Gerüchten teilhaben ließen.«

Die Worte hingen eine Weile in der Luft.

»Ich weiß nur, dass es ein Mann ist«, sagte sie.

»Ein Mann?«, sagte ich.

Elsie blickte auf. »Ein Mann?«

»Sind Sie sicher?«, fragte ich.

Ja, sagte sie. Ja, da sei sie sich ziemlich sicher.

Über das Tischtuch hinweg tauschten Elsie und ich einen Blick. In Cherry Tree gab es so gut wie keine Männer. Hier und da sah man einen, wie er in einer Ecke des Tagesraums hockte oder draußen auf dem Gelände umherging, einen Weg entlang, der nirgendwohin führte außer zurück zum Ausgangspunkt. Aber die meisten, die hier wohnten, waren Frauen. Frauen, die ihre Männer schon vor langer Zeit verloren hatten. Obwohl ich das Wort »verloren« immer schon seltsam fand – als ob sie ihren Ehemann versehentlich auf einem Bahnsteig vergessen hätten.

»Ich frage mich, wie viele auf ihrem Begräbnis waren«, sagte ich. »Dem von der Frau aus Nummer zwölf. Vielleicht hätten wir doch gehen sollen.«

»In letzter Zeit lässt die Anteilnahme generell zu wünschen übrig.« Elsie zog ihre Strickjacke enger um sich. Sie war aus mahagonifarbener Wolle. Die Farbe stand ihr nicht besonders. »Das ist das Problem mit Beerdigungen, wenn man alt wird. Die meisten auf der Gästeliste sind schon um Haaresbreite vor dir ins Ziel eingelaufen.«

»Sie war nicht lange hier«, sagte ich.

Elsie schob etwas Kartoffelpüree auf ihre Gabel. »Wie war noch mal ihr Name?«

»Brenda, glaube ich. Es könnte auch Barbara gewesen sein. Oder vielleicht Betty.«

Ihr Leben – das von Brenda oder Barbara oder vielleicht auch Betty – füllte jetzt den Container. Der Zierrat, der ihr lieb und teuer gewesen war, und die Bilder, die sie ausgesucht hatte. Die Bücher, die sie gelesen hatte, und die, die nun ungelesen bleiben würden. Fotografien, die aus ihren Rahmen geschleudert worden waren, als sie auf das Metall des Containers trafen. Fotos, die sie stets liebevoll von Staub befreit hatte, von Leuten, die ganz offensichtlich nicht mehr zur Stelle waren, um sich davor zu retten, zwischen Gerümpel zu landen.

Wie schnell ein Leben weggeworfen werden konnte, wie einfach es war, es in Einzelteile zu zerlegen. Eine kleine Existenz, im Nu verschwunden. Nichts war geblieben, das davon zeugte, dass sie hier gewesen war. Alles war wieder wie vorher. Als hätte jemand ein Lesezeichen in ihr Leben eingelegt und es zugeknallt.

»Ich wüsste gern, wer mein Foto abstaubt, wenn ich nicht mehr da bin«, sagte ich.

Ich hörte, wie Elsie ihr Besteck am Rand des Tellers ablegte. »Wie meinst du das?«

Ich musterte das Pflaster des Gehsteigs. »Ich frage mich, ob ich mit meinem Leben Spuren hinterlassen habe.«

»Ist das denn wichtig, Flo?«, fragte sie.

Meine Gedanken entwischten mir, in ein Flüstern hinein. »O ja, das ist wichtig. Sogar sehr wichtig.«

Als ich mich umdrehte, lächelte Elsie mich an.

 

»Welche war das eigentlich?«, fragte ich.

Der rosa Kittel war wieder gegangen, zurück blieben ein Tunnock’s Tea Cake und das Light Programme auf BBC. Elsie sagte immer, dass es jetzt Radio 2 heißt, aber sie schien aufgegeben zu haben, mich ständig zu korrigieren.

»Die mit dem Freund namens Daryl und dem Sodbrennen«, sagte sie. Wir beobachteten den Kittel, wie er im gegenüberliegenden Treppenhaus die Stufen hochstieg – rosa Flecken, die vor beigem Hintergrund aufblitzten. »Macht gern aus einer Mücke einen Elefanten.«

»Ist das die Neunmalkluge?«, fragte ich.

»Nein.« Elsie rührte in ihrem Tee. »Die kommt samstags. Blauer Kittel. Kleine Ohren. Du musst dir das merken. Das ist wichtig.«

»Warum ist das wichtig?«

»Einfach so, Florence. Weil es so ist. Wenn ich mal nicht da bin, musst du das auch ohne meine Hilfe wissen.«

»Ich kann die unmöglich alle auseinanderhalten«, sagte ich. »Es sind zu viele.«

Es waren wirklich viele. Miss Bissell unterstand eine ganze Armee von Pflegekräften. Sie marschierten durch Cherry Tree, sorgten dafür, dass die alten Leute satt und sauber waren, und schoben sie hin und her wie Spielkarten. Einige der Bewohner benötigten mehr Hilfe als andere, aber Elsie und ich hatten Glück. Wir waren Einser. Wir wurden gefüttert und getränkt, aber darüber hinaus waren wir üblicherweise uns selbst überlassen. Miss Bissell pflegte zu sagen, mit ihrem Dreihundertsechzig-Grad-Blick behalte sie auch die Einser immer im Auge, was eine komische Vorstellung war – als rotierten ihre Augen ständig, um auch ja alle auf Spur zu halten. Wer Pflegestufe drei überschritt, wurde weitergeschickt, wie unerwünschtes Publikum im Leben anderer. Die meisten, die die Gastfreundschaft des Hauses überbeansprucht hatten, wurden nach Greenbank verfrachtet, das weder grün noch für seine Bänke berühmt war, sondern ein Ort, an dem die Leute, während sie in durchnummerierten Zimmern auf Gott warteten, nach der Vergangenheit riefen – als ob die Vergangenheit plötzlich aus dem Nichts erscheinen und sie retten würde.

»Ich frage mich, welche Pflegestufe er wohl hat.« Ich spähte hinüber zu Nummer zwölf. »Der Neue.«

»Bestimmt Stufe zwei«, sagte Elsie. »Wahrscheinlich eher drei. Du weißt doch, wie Männer sind. Einfach nicht robust genug.«

»Hoffentlich ist er kein Dreier, sonst bekommen wir ihn nie zu Gesicht.«

»Warum, um alles in der Welt, sollte das eine Rolle spielen, Florence?« Elsie lehnte sich zurück, und ihre Strickjacke verschmolz mit der Anrichte.

»Es hilft, die Zeit totzuschlagen«, sagte ich. »Wie das Light Programme.«

 

Wir saßen in meiner Wohnung am Fenster, weil Elsie meint, dass man von dort den besten Blick hat, und der Nachmittag zog vor unseren Augen vorüber. Im Hof war eigentlich immer etwas los. Wenn ich nicht weiß, was ich machen soll, sehe ich immer aus dem Fenster. Das ist das Beste seit der Erfindung von Brot in Scheiben. Viel unterhaltsamer als Fernsehen. Gärtner und Reinigungskräfte und Briefträger. Keiner nimmt auch nur die leiseste Notiz von den anderen. All diese einzelnen kleinen Leben, und alle beeilen sich, so schnell wie möglich hindurch- und auf die andere Seite zu kommen, wobei ich überhaupt nicht sicher bin, dass es ihnen dort gefallen wird.

Ich glaube nicht, dass die Frau, die uns unsere Bohnen serviert hat, etwas damit zu tun hatte, aber kurz nachdem sie gegangen war, holten sie den Container ab. Ich habe ihnen dabei zugesehen. Sie haben das ganze Leben eines Menschen auf einen Lkw geladen und sind davongefahren. Es hat nicht einmal einen Fleck auf dem Gehsteig hinterlassen.

Ich beobachtete, wie jemand über die Stelle lief, wo der Container gestanden hatte. Alles ging seinen Gang, als wäre nichts geschehen. Leute hasteten auf der Flucht vor dem Regen von einer Überdachung zur nächsten, Kittel stiegen die Treppen hinauf und wieder hinunter, Tauben zählten ihre Zeit an den Regenrinnen ab und warteten auf den richtigen Augenblick, um woanders hinzufliegen. Es war, als wären die Spuren, die die Frau von gegenüber hinterlassen hatte, so unbedeutend, dass sie sich in dem Moment, in dem sie nicht mehr da war, in nichts aufgelöst hatten.

»Du bist aber ganz schön gefühlsduselig heute Nachmittag, Florence.«

»Ich sag nur, wie es ist«, verteidigte ich mich. »Es bleibt mir ja nicht mehr viel, was ich noch tun kann, aber ich darf doch wenigstens noch meine Beobachtungen machen.«

Ich hätte schwören können, dass sie lächelte, aber ganz sicher war ich nicht, weil ich mir nicht die Blöße geben wollte hinzusehen.

 

Ich behielt Nummer zwölf im Auge, aber nichts passierte. Gegen drei kam Miss Bissell mit einem Klemmbrett die Treppe hochmarschiert. Ihrer Miene nach zu urteilen, war sie in einer Sache von gewisser Dringlichkeit unterwegs.

»Miss Bissell«, sagte ich und deutete mit dem Finger auf sie.

»Tatsächlich«, sagte Elsie.

»Sie hat ein Klemmbrett dabei, Elsie. Sicher will sie seine Pflegestufe prüfen.«

»Ja, sieht ganz danach aus.«

Wir maßen den Nachmittag in Teekannenfüllungen, aber das Septemberlicht spülte über die Stunden hinweg und schien sie zu dehnen und den Tag bis zum Zerreißen zu spannen. Ich fand immer schon, dass September ein eigenartiger Monat war. Man tat nichts anderes, als auf die Kälte zu warten, das Ende vom Lied, und wir vertrödelten dann meist die Zeit damit, in den Himmel zu starren und auf die Bestätigung unserer Vorahnungen zu warten. Die Sommerzeit war vorüber, doch der Frost ließ noch auf sich warten und mit ihm die Glätte der vereisten Fußwege und der stechende Hauch eines Wintermorgens. Stattdessen befand sich unser gehsteiggraues Leben in einer Art Schwebe unter porridgefarbenem Himmel. Ein Nachmittag verging wie der andere. Gegen vier Uhr stellte für gewöhnlich eine von uns fest, dass es nun früher dunkel wurde, und unweigerlich nickte die andere zustimmend. Dann widmeten wir uns der Frage, wie viele Tage noch bis Weihnachten blieben, um daraufhin regelmäßig anzumerken, wie schnell die Zeit doch verging, und anzumerken, wie schnell die Zeit doch verging, half wiederum ein wenig, die Zeit weiter totzuschlagen.

Die Winter in Cherry Tree waren länger als anderswo, und dieser war mein fünfter. Es nannte sich Leben in geschütztem Umfeld, aber ich habe nie ganz herausfinden können, wovor wir eigentlich geschützt werden sollten. Die Welt existierte noch, wenn auch außerhalb von Cherry Tree. Über Zeitungen und das Fernsehen schlich sie sich zu uns herein. Sie glitt durch die Ritzen in den Gesprächen der anderen und sang ihr Lied auf ihren Mobiltelefonen. Wir waren diejenigen, die man versteckt hielt, die man aufgelesen und rasch außer Sichtweite gebracht hatte, und ich fragte mich oft, ob es nicht eher die Welt war, die vor uns geschützt werden sollte.

»Es wird jetzt früher dunkel, nicht wahr?«, sagte Elsie.

Wir sahen zu, wie in den Wohnungen gegenüber das Licht eingeschaltet wurde. Ganze Reihen von Fenstern. Ein Puzzle aus Menschen, deren Abende in die Septemberdämmerung sickerten. Zu dieser Tageszeit konnte man in unterschiedliche Leben schauen, ein Stück von den anderen erhaschen, bevor sich der Vorhang vor ihrem Kosmos schloss und sie sich den fremden Blicken wieder entzogen.

»Da ist jemand«, sagte ich.

Die meisten Kittel hatten bereits Feierabend, und auch Miss Bissell und ihr greiser Mini Metro waren längst an den Lichtern am Ende der Straße vorbeigerauscht und auf die Umgehungsstraße eingebogen, aber im Wohnzimmer von Nummer zwölf hatte jemand eine Glühbirne angeknipst. Sie flackerte wie die Spule eines Kinofilms, und ich verfolgte Bild für Bild, wie ein Mann den Raum durchquerte. Ein Mann mittleren Alters, schätzte ich, aber in der schlechten Beleuchtung war das schwer zu sagen.

Ich spürte, wie mir der Atem stockte.

»Wie viele Tage sind es noch bis Weihnachten?«, fragte Elsie. »Willst du sie mit mir zählen?«

»Nein«, sagte ich. »Will ich nicht, kein Interesse.«

»Es sind achtundneunzig«, sagte sie. »Achtundneunzig!«

»Ach ja?«

Ich beobachtete den Mann. Er trug Hut und Mantel und stand mit dem Rücken zu uns, doch ab und zu zeigte er sich von der Seite, und mein Gehirn versuchte zu verstehen, was ihm meine Augen sagen wollten.

»Wie überaus sonderbar«, flüsterte ich.

»Ich weiß.« Elsie wischte ein paar Krümel vom Tischtuch. »Mir kommt es vor, als sei letztes Weihnachten erst gestern gewesen.«

Der Mann ging im Raum umher. Da war etwas in der Art, wie er seinen Kragen hochzog, mit den Schultern zuckte – dass mir ganz anders wurde, als drehte sich die ganze Welt in meinem Magen um. »Sehr sonderbar. Aber das kann nicht sein.«

»Doch. Achtundneunzig. Ich habe gezählt, während du deine Zeit mit Löcher-in-das-Fenster-Starren vergeudet hast.«

Stirnrunzelnd sah ich Elsie an. »Achtundneunzig was?«

»Tage bis Weihnachten.«

»Das meinte ich nicht …« Ich sah wieder hinüber, aber die Glühbirne hatte aufgegeben, und der Mann mit dem Kragen und dem Schulterzucken war verschwunden. »Ich dachte, ich hätte jemanden gesehen, den ich kenne.«

Elsie spähte in die Dunkelheit. »Einen von den Gärtnern vielleicht?«

»Nein, in Nummer zwölf.« Ich sah sie an. Ich überlegte es mir anders und drehte mich wieder weg. »Ich habe mich bestimmt geirrt.«

»Es ist dunkel, Florence. Da kann man sich leicht irren.«

»Ja, so muss es sein«, sagte ich. »Ich habe mich geirrt.«

Elsie widmete sich wieder ihren Krümeln, und ich schob die Ärmel meiner Jacke herunter.

»Sollen wir den Heizlüfter etwas höher stellen?«, fragte ich. »Es ist ein bisschen kalt geworden, findest du nicht?«

»Aber Florence, das ist der reinste Backofen hier.«

Erschauernd starrte ich hinaus in die Schatten, und das Fenster von Nummer zwölf starrte zurück. »Wo ein Gespenst ist, ist der Teufel nicht weit.«

»Gespenst?«

Ich musste mich einfach geirrt haben.

Denn eine andere Möglichkeit gab es nicht.

»Das ist nur so eine Redewendung«, sagte ich. »Weiter nichts.«

 

Wir hatten den Dienstag schon halb geschafft, als ich ihn wiedersah.

Elsie ließ sich gerade ihre Fußnägel machen, was für gewöhnlich einige Zeit in Anspruch nimmt, weil das bei ihr immer ein Staatsakt ist. Ein Kittel war dabei, in meinem Apartment Staub zu wischen, also behielt ich das Mädchen im Auge, denn ich habe festgestellt, dass die Leute ihren Job viel gründlicher erledigen, wenn jemand auf sie aufpasst. Außerdem scheinen sie durchaus dankbar für Hinweise zu sein, wenn sie etwas übersehen haben.

»Was würden wir nur ohne Sie tun, Miss Claybourne?«, sagen sie dann.

Dieser spezielle Kittel arbeitete besonders schluderig. Plattfüße. Schmale Handgelenke. Ohrringe in der Nase, den Lippen, den Augenbrauen – überall, nur nicht in den Ohren.

Draußen hing der Nebel. Die Sorte Nebel, die den Himmel am Horizont festtackert, damit ja kein Tageslicht durchkommt, aber ich habe ihn sofort gesehen, gleich in dem Moment, in dem ich aus dem Fenster geblickt habe. Er saß mitten im Hof auf einer der Bänke und starrte zu Nummer zwölf hoch. Er trug wieder denselben Mantel und denselben Hut, aber das war nicht der Grund, weshalb ich ihn sofort erkannt habe. Es war die Art, wie er den Kragen hochzog. Die Art, wie er seinen Filzhut trug. Seine ganze Erscheinung. Jemand, den man kennt, fällt einem auch an einem ungewohnten Ort oder in einer großen Menschenmenge ins Auge. Irgendetwas an der Person drängt sich einem in den Blick.

Ich wollte ihn dem Mädchen mit den Ohrringen zeigen. Ich wollte sicher sein, dass es ihn auch sah. Solche Dinge sollen ja vorkommen, nicht wahr? Alte Leute beschwören Sachen aus der Vergangenheit herauf und erfinden allen möglichen Unsinn, nur um die Leere zu füllen, aber das Mädchen war gerade in ein Selbstgespräch vertieft und fuhr mit dem Staubtuch über den Kaminsims. Und ich war auf Bewährung. Miss Ambrose hatte nichts Genaueres erwähnt, aber ich war mir ziemlich sicher, dass sich Halluzinationen überhaupt nicht gut machen würden.

Ich sah wieder aus dem Fenster, und der Mann saß immer noch da, nur dass er inzwischen seine Ellbogen auf die Rückenlehne gestützt hatte, ganz wie früher. Während ich zu ihm hinunterblickte, spürte ich, wie mir die Farbe aus dem Gesicht wich. Ich wollte an die Scheibe klopfen, damit er sich umdrehte, aber ich brachte es nicht fertig.

»Miss Claybourne?«

Wer weiß, ob ich meinen Blick dann je wieder hätte abwenden können.

»Miss Claybourne? Ist alles in Ordnung?«

Ich konnte mich nicht vom Fenster wegrühren. »Nein, nichts ist in Ordnung«, sagte ich. »Es ist so wenig in Ordnung, wie man es sich nur vorstellen kann.«

»Aber ich habe den Kaminsims schon zweimal abgestaubt. Wenn ich es noch einmal mache, komme ich zu spät zum nächsten Bewohner.«

Das Mädchen stand vor dem Fernseher, die Möbelpolitur in der Hand. Die Ohrringe verteilten sich in ihrem Gesicht wie Satzzeichen.

»Nicht der Kaminsims«, sagte ich. »Dort draußen. Ronnie Butler. Auf der Bank. Sehen Sie ihn?«

Manchmal fallen einem die Wörter mir nichts, dir nichts aus dem Mund. In dem Moment, in dem sie den Mund verlassen, weiß man, dass das keine gute Idee war, aber dann ist es schon zu spät, und man hat keine andere Wahl mehr, als sich selbst zuzuhören. Das Mädchen sagte: »Wer ist Ronnie Butler?«, und die Neugier sorgte dafür, dass sich die Ohrringe in ihrem Gesicht neu formierten.

»Jemand aus der Vergangenheit. Jemand, den ich früher einmal kannte.«

Ich zog am Saum der Gardine, obwohl sie schnurgerade hing.

Das Mädchen fing an, ihre ganzen Sprühdosen und Lappen und Staubwedel einzusammeln und alles in einem rosa Körbchen zu verstauen. »Aber das ist doch etwas Gutes, nicht? Dann können Sie sich doch prima über die alten Zeiten austauschen.«

Ich blickte wieder hinunter in den Hof. Er war aufgestanden, und ich beobachtete, wie er den Weg entlangging, der zum Haupttor führte. »Nein«, sagte ich. »Das ist überhaupt nicht gut. Ganz und gar nicht gut.«

»Aber warum denn nicht?«

Ich ließ mir Zeit mit meiner Antwort. Ich wartete, bis alles im Körbchen war, bis ich die Wohnungstür ins Schloss fallen hörte und die schlurfenden Schritte des Mädchens draußen auf dem Flur. Ich musste warten, bevor ich die Frage des Mädchens beantworten konnte. Und als ich die Worte endlich sagen konnte, brachte ich nur ein Flüstern zustande.

»Weil Ronnie Butler 1953 ertrunken ist.«

 

»Bildest du dir manchmal ein, etwas zu sehen, was nicht da ist?«

Elsie war zurück vom Fußpfleger und bewunderte das Werk seiner kundigen Hände durch ihre Strumpfhose. »Aber ja, die ganze Zeit«, sagte sie.

»Ist das wahr?«

»O ja.« Elsie wackelte mit den Zehen, die in ihrem Dreißig-Denier-Gefängnis knacksten. »Ich bilde mir ein, es regnet, und wenn ich rausgehe, stelle ich fest, dass das gar nicht stimmt. Und ganz oft bilde ich mir ein, dass noch viel mehr Milch im Kühlschrank ist, als ich in Wirklichkeit habe.«

»Nein, ich meine Leute. Bildest du dir jemals ein, jemanden zu sehen, der gar nicht da ist?«

Elsie hörte mit dem Zehengewackel auf und blickte mich an. »Du stellst vielleicht Fragen. Ich glaube nicht«, sagte sie. »Aber im Zweifel würde ich es auch gar nicht merken, oder?«

Ich hatte mich nicht vom Fenster wegbewegt, seit ich ihn gesehen hatte. Oder meinte, ihn gesehen zu haben. Ich hatte beobachtet, wie Angestellte in den Gebäuden verschwanden und Besucher unwillig mit verblassenden Angehörigen über das Gelände schlichen, aber der Mann war nicht mehr aufgetaucht. Nummer zwölf war dunkel und verlassen, die Bank leer. Vielleicht hatte ich ihn mir nur eingebildet. Vielleicht war der Moment gekommen, in dem meine Gedanken begannen, die Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit zu überqueren, und zwar auf Nimmerwiedersehen.

Jetzt hatte ich Elsies Aufmerksamkeit. »Wen glaubst du denn gesehen zu haben?«

»Niemanden.« Ich fing an, die Zierfiguren und Andenken auf der Anrichte wieder ordentlich hinzustellen. »Ich muss mal wieder zum Optiker. Ich brauche neue Gläser.«

»Du hast dir doch gerade erst neue einsetzen lassen«, sagte sie. »Und wieso nimmst du dauernd Sachen hoch, nur um sie gleich wieder an denselben Platz zu stellen, an dem sie vorher waren?«

Ich ließ die Strandpromenade von Brighton stehen und blickte sie an. Elsies Sorgen passten bequem in eine Streichholzschachtel. »Hast du jemanden gesehen?«, fragte ich. »Als du hergekommen bist?«

Sie runzelte die Stirn. »Niemand Besonderen«, sagte sie. »Warum, wen hast du denn gesehen?«

»Miss Bissell«, sagte ich. »Einen Mann, der Briefe brachte.«

»Den Postboten?«

Ich nickte. »Und diese eigenartige kleine Frau aus Nummer vier. Rundes Gesicht. Spricht nie ein Wort. Hat Probleme mit Treppen.«

»Mrs Honeyman?«

»Ich glaube schon. Und ich habe Dora Dunlop gesehen. Sie hatte aber ausnahmsweise nicht ihr Nachthemd an. War vollständig angezogen.«

Elsie zog die Augenbrauen nach oben. »Sie schicken sie nach Greenbank, weißt du. Das habe ich zufällig mitbekommen.«

Ich spürte, wie sich der Raum hinter meinen Augen füllte. »Sie wird dort nicht klarkommen«, flüsterte ich.

Elsie antwortete nicht, aber ich meinte zu sehen, wie sie leicht die Achseln zuckte.

»Also hast du niemand besonders Interessanten gesehen?«, fragte ich.

»Nein, niemanden.«

Ich nahm einen Schluck Tee.

»Warum spuckst du es nicht einfach endlich aus, Florence?«

»Ich dachte nur, ich hätte jemanden gesehen, den wir früher mal kannten«, sagte ich in die Tasse hinein. »An seinen Namen kann ich mich nicht erinnern.«

»Oh, aber wer könnte das gewesen sein? Jemand aus der Schule? Aus der Fabrik?«

Ich schluckte noch etwas Tee. »Ich weiß es nicht genau. Ich bringe ihn irgendwie nicht unter.«

»Ich weiß es bestimmt noch.« Elsie inspizierte den menschenleeren Hof durch die Scheibe. »Mit Gesichtern war ich immer schon besser als du.«

Sie war die Letzte, die noch übrig war. Die Einzige, die beurteilen konnte, ob sich mein Kopf auf den Weg gemacht und mich im Stich gelassen hatte. Aber vor sechzig Jahren hatten wir die Vergangenheit in eine Kiste gepackt und sie fest verschlossen, und wir hatten einander geschworen, nie wieder davon zu sprechen. Jetzt waren wir alt. Jetzt waren wir zu anderen Menschen geworden, und es fühlte sich an, als ob alles, was geschehen war, jemand Fremdem passiert wäre und wir nur von der Zukunft aus dabeigestanden und zugesehen hätten.

Sie versuchte, etwas tiefer in die Dunkelheit zu spähen. »Ich hoffe, ich bekomme ihn auch noch zu Gesicht.«

»Ich auch«, sagte ich in die Tasse hinein.

Joanna Cannon

Über Joanna Cannon

Biografie

Joanna Cannon studierte an der Leicester Medical School und arbeitete als Ärztin, bevor sie schließlich Psychiaterin wurde. Gemeinsam mit Familie und Hund lebt sie im englischen Peak District.

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