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Drachenmahr

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Roman

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Drachenmahr — Inhalt

Einst zwang die Glasbläserin Josefa einen mächtigen Drachen unter ihre Herrschaft und bewahrte so die Stadt Koda vor der Vernichtung. Seitdem sind Jahrzehnte vergangen und noch immer halten starke Ketten das Monstrum in der Kathedrale. Die Zerrissenen Lande schotten die Stadt von der Außenwelt ab, Geister von Tausenden Erschlagener streifen auf der Suche nach Lebenden um ihre Mauern. Niemand entkommt den Albträumen, die die Kinder des Drachen säen. Als die junge Zarria zur Obristin der Drachengarde aufsteigt, wird sie zur Figur im Lügen- und Intrigenspiel der Patrizier. Doch Zarria vertraut nicht auf Schmeicheleien, sondern auf ihren Verstand, und so erkundet sie die dunklen Geheimnisse der Stadt, die zu Füßen des Drachen liegt ...

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 13.07.2015
400 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96932-1
»High Fantasy vom Feinsten«
Nautilus

Leseprobe zu »Drachenmahr«

Prolog

Das Mädchen

 


Das Mädchen sang, aber noch nicht einmal die vier Män­­­ner, die hinter ihm die Truhe die endlos erscheinende Treppe nach oben schleppten, verstanden sein Lied. Der donnernde Wasserfall übertönte die kindliche Stimme. Zehn Meter über ihnen brach er aus dem Fels, sechzig Meter tiefer traf er mit solcher Wucht auf, dass er die Treppe auf ihrer gesamten Länge mit Sprühnebel bedeckte, wenn der Wind aus Osten kam. An diesem Tag wehte jedoch eine stetige Brise von Westen her, wo die Sonne dem Horizont entgegenwanderte und ihre roten [...]

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Prolog

Das Mädchen

 


Das Mädchen sang, aber noch nicht einmal die vier Män­­­ner, die hinter ihm die Truhe die endlos erscheinende Treppe nach oben schleppten, verstanden sein Lied. Der donnernde Wasserfall übertönte die kindliche Stimme. Zehn Meter über ihnen brach er aus dem Fels, sechzig Meter tiefer traf er mit solcher Wucht auf, dass er die Treppe auf ihrer gesamten Länge mit Sprühnebel bedeckte, wenn der Wind aus Osten kam. An diesem Tag wehte jedoch eine stetige Brise von Westen her, wo die Sonne dem Horizont entgegenwanderte und ihre roten Strahlen auf die fünf Wanderer warf.
Das Mädchen blieb auf dem nächsten Absatz stehen und wandte sich um. Es wartete auf die Träger, die ihm mit beständigem, aber langsamem Schritt folgten. Das Mädchen war froh, den Lärm und den Rauch der Schlacht zurückgelassen zu haben. Von hier oben sah man kein Blut, und auch die vielen Feuer in der Stadt wirkten so harmlos wie jene, auf denen man bei einem Ausflug in den Wald das Essen briet.
Die Erwachsenen stritten darüber, was das Chaos, das dort unten tobte, bedeutete. Manche sagten, man werde diesen Angriff zurückschlagen wie jeden zuvor. Nicht zum ersten Mal wurde die Stadtmauer überrannt. Alle Brücken waren noch in der Hand der Verteidiger, ebenso wie die meisten Paläste und überhaupt der Großteil der Stadt. Hier kannten sich die Bewohner aus, hier waren sie im Vorteil. Die Wurfmaschinen, deren Knallen jedem Angst machte, konnten nicht länger gezielt schießen. Kampfformationen aus Kriegern, die in Quadraten aufgestellt vorrückten, wogen leichter als Hinterhalte oder kochendes Öl aus den oberen Stockwerken.
Aber die Zuversicht wich mit jedem Familienmitglied, das mit zerschlagenen Gliedern und starren Augen nach Hause kam. Inzwischen flüsterten auch diejenigen nicht mehr heimlich, die glaubten, die letzte Nacht der Stadt bräche an. Schon morgen sei sie eine Hure, die einem fremden Herrn zu Gefallen wäre. Das Mädchen wusste nicht genau, was eine Hure war, aber so, wie die Erwachsenen das Wort verwendeten, verachtete man so jemanden.
Unten in der Stadt herrschte ein Gewimmel wie in einem Ameisenhaufen. Wo kamen nur all die Menschen her? Auch jenseits der Stadtmauer kämpften sie, so weit das Auge reichte. Männer und Frauen, die ihre Waffen für jene schwangen, die ihnen Gold gaben. Sie lebten in Zeltlagern, um die sie Palisaden errichtet hatten. Das Mädchen hatte es nachgespielt.
Die Männer erreichten den Absatz. »Weiter, junge Herrin?«, fragte einer von ihnen mit schweißglänzendem Gesicht. Die Truhe hing sicher an den beiden Stangen, die durch die eisernen Halteringe geschoben waren.
Das Mädchen nickte.
Ein anderer Träger murrte, dass ihm der Holm auf die Schulter drücke. Er solle noch durchhalten, forderte der Erste ihn auf, man sei gleich am Ziel. Warum man sich von einer Achtjährigen herumkommandieren lassen müsse, fragte der mit der wunden Schulter. Weil sie eben eine Patrizierin und dies die Ordnung der Welt sei.
»Schöne Ordnung. Bald geht sowieso alles zum Teufel.«
Aber sie trugen ihre Last.
Das Mädchen nahm sein Lied wieder auf und hüpfte an den Männern vorbei. So erreichte es die Kathedrale zuerst. Auf dem Vorplatz hörte es das Rauschen des Flusses, der unter dem Pflaster strömte, um sich dahinter in die Tiefe zu stürzen. Jetzt wurden sie trotz der Windrichtung nass, aber das Mädchen fand das nicht schlimm. Es ging den Trägern voran durch das offene Portal.
Das Bauwerk war so hoch, dass das Kind den Kopf in den Nacken legen musste, um das Gewölbe zu betrachten. Die schlanken Pfeiler zwischen Mittel- und Seitenschiffen zogen den Blick nach oben. In der vorderen Hälfte stach die Sonne durch die farbigen Glasfenster der Westseite und schuf auf diese Weise bunte Finger, aber weiter hinten erhellten nur noch Kerzen die Kathedrale. Sie war in den Fels des Berghangs hineingeschlagen. Dort führten Stufen auf einen erhöhten Bereich, über dem weißer Rauch in schweren Schwaden hing.
Auch hier gab es Bewaffnete. Ihre schlaffe Körperhaltung verriet Müdigkeit, doch die Augen huschten unruhig. Einer von ihnen setzte unentwegt den Helm auf und wieder ab, ein anderer bewegte den Mund, ohne dass ein Wort herausgefunden hätte. Alle trugen Verbände, bei einigen waren diese dunkelrot verfärbt.
Das Mädchen führte die Träger durch den Mittelgang an leeren Bänken vorbei. Erst näher am Kardinal, der am Altar auf dem erhöhten Bereich etwas zurechtrückte, standen die Bewaffneten und sangen einen Hymnus. Blicke folgten dem Mädchen, das jetzt schwieg, sowie der Truhe. Auch die Träger waren nun still, und selbst der Wasserfall rauschte nur noch und dröhnte nicht mehr.
Vor den nur leicht Verletzten, die in den Reihen standen, lagen die Verwundeten auf den Bänken. Bei vielen umwickelten Binden einen Stumpf, wo ein Arm oder ein Bein hätte sein sollen. Manche hielten den Blick gebannt auf das Geschehen am Altar gerichtet, als erwarteten sie von dort Rettung. Aber das Mädchen wusste, dass es selbst die Rettung brachte, niemand sonst. Es lächelte, als es bemerkte, dass der Gesang der Gläubigen ins Stocken geriet. Beschwingt sprang es die zwölf Stufen zum erhöhten Bereich hinauf. Die Träger stöhnten, aber der Vater hatte dem Mädchen beigebracht, dass eine Patrizierin ihre Macht nur mit Selbstverständlichkeit benutzen musste, dann gehorchten die Bürgerlichen. Sie waren so erzogen.
Der Kardinal drehte sich um. In seinem weißen Haar leuchtete eine feuerrote Kappe, auf die Brust seines grünen Gewands war mit Goldfaden ein Kelch gestickt. Seine Diener eilten herbei, aber der alte Mann hielt sie mit ausgestrecktem Arm zurück. Er kam zu dem Mädchen, sah auf es herab, wobei seine große Nase wie ein Axtblatt drohte, und sagte, dass es sich in eine Bank setzen solle, um die Messe mitzufeiern.
»Dazu bin ich nicht hier«, erwiderte es. »Ich werde die Stadt retten.«
Der Kardinal schwieg lange. Seine Augen zuckten, als er wieder sprach. »Ich weiß, dass deine Eltern und deine Geschwister tot sind. Ich habe sie selbst beerdigt. Es ist hart für eine Waise …«
»Es war auch vorher hart für mich!«, unterbrach das Mädchen, und die Menge raunte ob dieser Dreistigkeit. »Alles war schön, als ich mit den Glasbläsern spielen durfte. Dann kamt Ihr und habt es verboten!«
»Du musstest deinen Eltern gehorchen«, sagte der Kardinal mit dünner Stimme. »So hat Gott es gefügt.«
Wütend drehte sich das Mädchen um und machte sich an den Verschlüssen der Truhe zu schaffen, die die Träger inzwischen abgesetzt hatten. Es bekam sie nicht auf und musste sich helfen lassen. Dann aber gelang es ihm, den Deckel hochzustemmen.
Der Kardinal und die Träger waren die Einzigen, die nahe genug standen, um zu erkennen, was auf dem dunkelroten Samt lag. Die Fracht hatte den Transport unbeschadet überstanden. Sie glitzerte in voller Schönheit.
Die Männer weinten, und das Mädchen lächelte.
»Du hast dich selbst übertroffen«, hauchte der Kardinal. »Mehr noch, du hast eine Vollkommenheit geschaffen, die das Menschenmögliche übersteigt.« Er hatte Mühe, weiterzusprechen. »Auf Erden darf solch eine Schönheit nicht existieren. Sie ist dem Paradies vorbehalten. Wir wollen dein Opfer auf den Altar legen und es dort zerstören, auf dass der Allmächtige es uns anrechne und uns errette.«
»Nein«, sagte das Mädchen. »Hebt ihn heraus«, befahl es den Trägern. Es musste die Aufforderung zweimal wiederholen, bis die Männer ihre Erstarrung überwanden.
Als die Gemeinde den Gegenstand sah, verstummten auch die letzten Sänger. Manche schluchzten, die meisten weinten stumm.
»Ihr irrt Euch, alter Mann«, sagte das Mädchen. »Ich werde die Stadt retten, aber Euer Verbot war Unrecht. Dafür werdet Ihr büßen.«

 

 

1. Ostwacht


»Wenn du aus dieser Tür gehst, bevor ich es dir erlaube«, sagte ich und hörte dabei das Knurren in meiner eigenen Stimme, »wirst du die Nacht am Pranger verbringen, Bentur arn Worda.«
Die Laterne in seiner Hand schlug einen senkrechten Schatten auf die linke Hälfte seines Gesichts. Dort verlief die Furche, die von dem Bruch geblieben war, den ihm die Liebkosung eines Straßenschlägers eingebracht hatte. Ärger und Unglauben mischten sich in seinen Zügen mit der Frage, ob ich jemanden, der bis vor einem Monat noch ein Kamerad und kein Untergebener gewesen war, wirklich den Albträumen ausliefern würde.
»Glaube es nur!«, forderte ich ihn genauso auf wie mich selbst.
Ich wusste, dass Bentur sich für den besseren Leutnant hielt, und uns beiden war klar, dass er mit dieser Einschätzung nicht allein dastand. Er war zehn Jahre älter als ich, fast dreißig, und diente der Stadtwache seit zwölf Jahren. Er konnte mit den Gaunern umgehen, das Geschmeiß nahm Reißaus, wenn er kam, und niemand hatte mehr Flüsterer an der Hand, die ihm für ein paar Kupfermünzen zutrugen, was sich in den Gassen zusammenbraute. Zwar hatte ich schon als Mädchen die Straßen außerhalb der Paläste erkundet, aber Bentur hatte mir viel von dem beigebracht, was ich über die Arbeit eines Büttels wusste.
Doch es war nicht mein Problem, dass ich trotz meiner Jugend von gerade einmal achtzehn Jahren an seiner statt befördert worden war. Der Hauptmann hatte entschieden, und ich hatte wahrlich meinen Preis gezahlt. Auch wenn Bentur daran zweifelte, konnte er noch immer Leutnant werden, aber niemand würde mir mein linkes Auge zurückgeben.
»Von den Zinnen kann man sie schon kommen sehen.« Dass er die gleiche Stimmlage benutzte wie zu Beginn meiner Ausbildung, als ich noch nicht gewusst hatte, welches das gefährliche Ende an einem Rapier ist, fachte meine Wut an. Oder war es Unsicherheit?
Mein Onkel Podro, der auch der Hauptmann der Stadtwache war, hatte mir eingeschärft, dass sich eine frisch ernannte Offizierin nichts bieten lassen durfte, sonst wurde sie zum Spielzeug der Büttel. Ich hatte nie mit Puppen gespielt und verspürte keine Lust, jetzt selbst wie eine behandelt zu werden. Andererseits wusste ich, dass Offiziere, die auf Banalitäten beharrten, zu Witzfiguren wurden.
Trotzdem, ich hatte mich festgelegt. »Wenn wir sie sehen können, dann können wir auch die kurze Zeit bis zu ihrem Eintreffen abwarten.« Nicht nur Bentur, der in seinem schweren blauen Mantel so unbewegt wie eine Statue stand, starrte mich an. Ich spürte auch die Blicke der anderen drei Büttel auf mir. »Setz dich wieder hin«, sagte ich kühl. »Sofort.«
Bentur schnaubte, wobei er den Kopf zurücknahm. Das brachte seinen gesamten Körper in Bewegung. Er machte den Rücken gerade, drehte einen Stuhl mit der Lehne zum Tisch, ließ sich rittlings darauf nieder und stellte die Laterne geräuschvoll auf dem Boden ab. »Sehr wohl, Frau Leutnant Zarria Machon!«
»Hast du ein Problem mit meiner Familie?« Ich achtete darauf, die Hände von Parierdolch und Rapier fernzuhalten.
»Wie könnte ich?«, fragte er mit abfälligem Tonfall. »Die Hohen Häuser haben sich Verdienste um die Stadt erworben, die in Ewigkeit nicht abzugelten sind.«
»Dann stimmen wir überein«, stellte ich fest.
Er schnaubte nochmals und wölbte die Hände um die offene Kerze auf dem Tisch, als wolle er sich die Finger wärmen. Das nahm dem runden Wachraum viel von seiner Helligkeit. Der Kamin war erloschen, ich hatte kein Feuerholz sammeln lassen, obwohl das Vorschrift war. Wir hatten zu Beginn der Wache auch keine Scheite vorgefunden, sollten sich unsere Nachfolger doch ebenfalls selbst Brennmaterial beschaffen! Das war jedenfalls Benturs Meinung, und ich hatte ihm nicht widersprochen. Inzwischen wünschte ich, ich hätte es getan. Offensichtlich erprobte der Mann seine Grenzen, und jede Schwäche meinerseits ermutigte ihn.
»Bentur und ich warten hier!«, verkündete ich. »Die anderen steigen auf die Plattform!«
»Was sollen die denn bei dem Nebel sehen?«, fragte Bentur.
»Immerhin kann man schon unsere Ablösung erkennen«, versetzte ich.
»Die trägt auch Laternen. Kommen Angreifer mit Lichtern? Wie war denn das vor hundert Jahren, als die letzten gegen die Stadt vorgerückt sind?«
»So lange liegt es noch nicht zurück.«
Bentur lachte auf. »Außer der Drachenmeisterin lebt niemand mehr, der dabei war. Und die ist gut und gern hundert Jahre alt.«
Er wollte mich in ein albernes Wortgeplänkel verwickeln. Jeder wusste, dass man Josefa Rubinsteyns einhundertsten Geburtstag erst in zwei Jahren feiern würde. Ich ging nicht darauf ein und wandte mich stattdessen zu meinen anderen Untergebenen um. »Seid ihr schwerhörig? Ich glaube, man kann sich die Ohren frei stechen lassen.«
Sie wichen dem Blick meines verbliebenen Auges aus und schlichen die Treppe nach oben. In diesem Moment war mir ihre Folgsamkeit recht, aber wenn der Pöbel wieder einmal in den Straßen des Weberviertels marodierte, wüsste ich lieber jemanden wie Bentur an meiner Seite, der seine Stellung behauptete. Damals ahnte ich noch nicht, dass ich bald für jeden Weichling in der Stadtwache dankbar sein würde.
Als die anderen oben waren, stellte ich mich Bentur gegenüber an den Tisch. Er war ein raues Möbelstück mit fingerbreiten Lücken zwischen den Bohlen, sodass der Inhalt eines umgestürzten Bechers ablaufen konnte. Der Dienst in den Wachtürmen war alles andere als ein Fanal der Sinnhaftigkeit, dafür aber der Gipfel der Eintönigkeit. Einstmals hatten diese Befestigungsanlagen die Handelsstraße entlang des Bergs geschützt, die schmalen Durchlässe, die das Moor östlich und westlich der Stadt freiließ. Beide standen an einem Fluss, der aus der Bergflanke kam. Die Brücken waren längst eingestürzt. Jetzt gab es in diesem Gebiet nur noch Geister, wie im gesamten Leidenden Land. Jenseits der Türme sicher mehr als näher an der Stadt, aber außer in Schauergeschichten hatte ich nie davon gehört, dass sie versucht hätten, weiter vorzudringen. Und selbst wenn, hätte niemand gewusst, wie sie aufzuhalten gewesen wären. Sie respektierten die Stadtmauer, warum auch immer, und die Wachtürme schützten ebenfalls. Also starrte man immerfort in den Nebel, und wenn das Gespenstergeheul zu sehr an den Nerven zerrte, betrank man sich. Ein Teil des Unmuts meiner Mannschaft rührte daher, dass ich versäumt hatte, ausreichende Weinvorräte für die Woche zu beschaffen. Ich hatte es schlicht vergessen.
Auch das hatte Bentur angesprochen, aber darum ging es ihm nicht. Dieses Gejammer diente nur als Vorwand.
Durch meine dünnen Handschuhe spürte ich die rauen Bohlen. »Jetzt, wo die anderen uns nicht hören, sollten wir klären, was zu klären ist«, sagte ich. »Bevor die Ablösung eintrifft.«
»Was sollte zu klären sein, Zarria Machon?« Er beobachtete das Kerzenlicht.
»Du hast deinen Kopf oft für die Wache hingehalten.« Ich zog den Handschuh von meiner Linken, obwohl ich meine Hände ungern der Luft aussetzte. »Wie oft hat man dich zusammengeschlagen, weil du die rote Schärpe trägst?«
Sein Blick huschte über die Silberborte, die das Band zier­­te, das quer über meine Brust lief. »Ich habe aufgehört, zu zählen.«
»Glaubst du, du bist härter als ich, weil dein Schädel wieder zusammengewachsen ist, nachdem ein Knüppel ihn gebrochen hat?«
»Es war eine Eisenstange.«
Ich bemühte mich um ein kaltes Lächeln, senkte meine Stirn ein wenig und fesselte seinen Blick, während ich meine nackten Fingerspitzen mit seinen verhakte und seine linke Hand gemeinsam mit meiner über die Kerzenflamme zog. »Tut es noch weh?«
»Unsinn! Das ist Jahre her!«
Dafür biss jetzt die Hitze in unsere Haut.
»Was ist es dann?«, flüsterte ich. »Dass ich eine junge Frau bin? Dass es bei mir so schnell ging? Dass der Hauptmann zufällig mein Onkel ist?«
Meine Hand zitterte, als sie der Flamme entgegensank, aber seine zitterte auch. Er presste die Zähne aufeinander. Natürlich hätte er die Hand wegziehen können, aber dabei wäre sein Stolz verbrannt.
»Hältst du dich für stärker als mich?«, fragte ich. Dass er die Zähne nicht auseinanderbekam, fand ich amüsant. Er fürchtete wohl, dass der Schmerz sich mit einem unwürdigen Laut Luft machen würde. In der Tat verschmorte die Flamme unsere kleinen Finger. Seiner zuckte ein Stück nach oben, aber er zwang ihn zurück.
»So viele Jahre, und noch immer nur ein Schwertbüttel. Wie kommt das, Bentur? Ein alter Fehler, der dir nachhängt?« Ich schnalzte mit der Zunge. »Trotzdem, so lange Zeit treuer Dienst. Bestimmt denkst du, du wärest ungerecht behandelt worden. Und weißt du was?« Ich führte die Hände noch ein Stück tiefer. »Es ist mir vollkommen gleichgültig.«
Die Furche, die sich durch die linke Seite seines Gesichts zog, ähnelte jetzt einem Spalt in einem vertrockneten Holzstück. Der Widerschein der Flamme tanzte in den grünen Augen. Er blinzelte, als Schweiß hineinlief.
»Ist dir heiß?«, fragte ich. »Du hast deinen Mantel zu früh angelegt.«
Er öffnete die Lippen, um zischend zwischen den zusammengepressten Zähnen einzuatmen. Sein Schmerz und seine Wut beruhigten mich. Sie gaben mir das Gefühl, Herrin der Lage zu sein. Nicht ich war es, die litt. Oder wenigstens nicht am meisten.
»Willst du etwas sagen, Bentur? Ich höre. Was bekümmert dich?«
Als unsere Ablösung anklopfte, riss er sich los. »Du bist ja verrückt!«
Ich betrachtete die dunkle Stelle an meinem kleinen Finger, zuckte mit den Schultern und zog den Handschuh über. »Vor allem bin ich dein Leutnant. Ich gebe hier die Befehle, und wenn du noch einmal dagegen aufbegehrst, stehst du heute Nacht am Pranger.«
Ohne seine Antwort abzuwarten, umrundete ich den Tisch und öffnete die Tür.
Harik arn Worda murmelte einen Gruß und führte seine vier Büttel herein. »Kalt hier«, sagte er mit Blick auf den erloschenen Kamin. Er nahm den Hut ab. An einem sonnigen Tag hatte sein Haar die gleiche hellgelbe Farbe wie der Urin von jemandem, der den ganzen Tag nur Wasser trinkt. Im Schein von Kerze und Laterne war es kaum von der Haut zu unterscheiden, zumal er es kurz gestutzt trug und die Strähnen eng anlagen.
Die Mäntel der Neuankömmlinge tropften, der Regen hatte sich erst vor einer halben Stunde gelegt. Die beiden Fuhrleute, die mit ihnen gekommen waren, wendeten den Ochsenkarren, um dann die Vorräte für die kommende Woche abzuladen.
»Du hast an Wein gedacht«, sagte ich. »Gut.«
»Nur ein Trottel vergisst den Wein für die Turmwache«, murmelte Bentur so leise, dass er hätte behaupten können, ich hätte mich verhört. Er nahm die Laterne wieder auf.
»Irgendwelche Vorkommnisse?«, leierte Harik. Ich sah ihm an, dass er die letzten Stunden in der Stadt für ausgiebiges Feiern genutzt hatte und möglichst rasch auf die Pritsche wollte.
»Keine«, meldete ich. »Aber müssten wir die Übergabe nicht eigentlich vor der Tänzerin machen?«
Er grinste müde. »Ach ja, du bist ja gerade erst Leutnant geworden.«
»Was hat das damit zu tun?«
»Irgendwann lernt man, welche Regeln man etwas lässiger auslegen kann.«
Tatsächlich erinnerte ich mich daran, dass die Leutnants in meiner Zeit als Büttel die Übergabe oft in der Tür vollzogen hatten. Aber konnte ich Harik trauen? Er war ein arn Worda, also ebenso wie Bentur ein Bürgerlicher, der unter dem Schutz der Familie Worda stand. Die beiden mochten sich absprechen, um mir meine Verfehlungen beim Hauptmann anzukreiden. Daher gab ich mir besser keine Blöße.
Schweigend nahm ich die Kerze vom Tisch und stieg in den Keller. Dort stand in einer Nische zwischen zwei Lichtern die Figur einer unbekleideten Frau, die ein Bein in die Höhe und die Schultern zurückwarf, sodass sie ihre üppigen Brüste präsentierte. Das Haar hing bis zu ihrer Hüfte herab. Ihre Linke war ungewöhnlich groß geraten. Dennoch glaubte ich nicht an eine Nachlässigkeit der Künstlerin. Josefa Rubin­steyn, die Drachenmeisterin, formte solche Figuren aus Glas, und ich hätte mich gewundert, wenn diese spezielle von jemand anderem gestammt hätte. Die sinnlichen Lippen, die Zehen, die Ohrmuscheln, einzelne Haarsträhnen und sonstige Kleinigkeiten waren mit solcher Treue wiedergegeben, dass ein Fehler eigentlich ausgeschlossen war. Also war es beabsichtigt, dass die linke Hand einer Pranke glich.
»Nun – auf welche besonderen Gefahren soll ich bei meiner Wache ein Auge haben?«, fragte Harik.
Ich schluckte. Jetzt kam ich mir dumm vor, weil ich darauf bestanden hatte, in das Gewölbe zu gehen. »Ihr müsst neues Feuerholz holen«, sagte ich, um nicht zu schweigen.
»Wir haben welches dabei. Es brennt besser, wenn es einige Zeit getrocknet ist.«
Ich nickte und sah die Figur an, um Hariks Blick auszuweichen. Eine ähnliche gab es auch im Westturm und weitere in jedem Palast der Hohen Häuser. Sie alle waren meisterlich aus Glas geformt, und jede zeigte einen Menschen. Mal einen Jüngling, mal einen grimmigen Greis, manche bekleidet und andere nackt wie die Tänzerin. Es ging das Gerücht, dass Josefa nur ein einziges Mal die gleiche Figur in doppelter Ausführung geformt hatte. Unter den jungen Patriziern hegten viele den Ehrgeiz, diese Zwillinge zu finden.
Das war schwierig, weil die Statuetten über die gesamte Stadt verteilt waren. Josefa machte sie den Familien zum Geschenk, und ab und zu bedachte sie auch die Stadtwache. Niemand hätte etwas abgelehnt, das von der Drachenmeisterin kam. Offenbar gingen einige aber nicht allzu achtsam damit um. Einmal hatte ich eine Glasfigur in der verfallenen Stadtmauer gefunden.
»Was noch?«, fragte Harik.
Als bemerke mein kleiner Finger die Verbrennung erst jetzt, begann er zu pochen. »Das ist alles.«
»Na wunderbar«, seufzte er und wandte sich ab.
Ich runzelte die Stirn. »Kommt sie dir nicht auch irgendwie … anders vor?« Ich brachte mein Gesicht näher an die Tänzerin. »Wo sind die Funken?«
Normalerweise bewegten sich Lichter durch das Glas der Figuren, die wir Funken nannten, weil sie so klein waren. Damit endete die Ähnlichkeit allerdings schon. Aus der Nähe betrachtet waren diese Lichter winzige Ringe, und sie stoben auch nicht auf, wie es die Funken eines Feuers taten, sondern wanderten in den Statuetten umher. Bei manchen waren es nur ein Dutzend, bei anderen Hunderte. Sie unterschieden sich auch in ihrer Farbe. Bei der Tänzerin hatte ich sie rot in Erinnerung. Manchmal sammelten sie sich im Haar oder am Standfuß, aber diesmal waren sie nirgendwo zu entdecken.
Seufzend beugte sich Harik ebenfalls herab.
»Du hast recht«, räumte er missmutig ein. »Aber wen interessiert das schon? Hier draußen sieht sich sowieso niemand die Figur an.«
»Das ist nicht normal«, beharrte ich. »Ich war gestern noch hier, um die Kerzen zu erneuern. Da waren die Funken noch nicht erloschen.«
»Du wirst es übersehen haben.« Harik richtete sich auf.
»Das habe ich nicht!«
»Dann eben nicht.« Er wandte sich zur Treppe. »Die Tänzerin ist alt. Sie wird ihren Brennstoff aufgebraucht haben, wie beim Öl einer Laterne.«
Ich blieb allein neben der Figur zurück. Machte ich mich lächerlich, wenn ich eine solche Nebensächlichkeit betonte? Oder wurde ich angreifbar, wenn ich den Vorgang auf sich beruhen ließ?
Man konnte mir keinen Vorwurf machen, entschied ich. Die Anweisung lautete, dass die Figur in Ehren zu halten war. Ich hatte sie abputzen lassen und dafür gesorgt, dass immer Kerzen neben ihr brannten. Der einzige andere Befehl, der mir im Zusammenhang mit der Statuette bekannt war, besagte, dass sie auf die Zinnen zu bringen war, wenn der Turm angegriffen würde, was aber nie geschah, weil es keine Feinde gab. Sollten die Gegner, die seit neunzig Jahren niemand mehr zu Gesicht bekommen hatte, die Stellung gar überrennen, musste sie zerschlagen werden. Sicher hatte Drachenmeisterin Josefa auf diese Anweisung gedrungen. Jeder wusste um die merkwürdigen Anwandlungen der alten Frau, deren Geist mehr beim Drachen weilte als in der Welt, in der wir Menschen lebten.
Ich legte meinen Umhang an und führte meine Büttel hinaus. Die Fuhrleute fragten, ob sie sich uns anschließen dürften, nachdem sie den Wagen abgeladen hätten. Ich sah meinen Leuten an, dass sie keine Lust verspürten, neben dem langsamen Ochsen herzutrotten. Tatsächlich wären wir dann erst eine Stunde später in der Stadt angekommen.
Ich lehnte ab.
Auf der nächsten Hügelkuppe wandte ich mich um. Der Karren war jetzt leer, das Tor des Turms verschlossen. Die Fuhrleute zogen den Ochsen vorwärts. Hariks Trupp war wohl gerade dabei, die nassen Sachen abzulegen und die Pritschen für die kommende Woche aufzuteilen. An den Zinnen machte ich jedenfalls noch keinen der Büttel aus. Dafür fiel mir etwas anderes auf.
»Die Geister kommen dem Turm sehr nahe.« Die gestaltlosen Schemen leuchteten grün, fahlgrau oder hellgelb im Nebel.
»Das geht uns nichts mehr an«, murmelte Bentur. »Unsere Wache ist vorüber.«
»Wartet!«, forderte ich.
»Allmählich übertreibst du, Zarria!«, fuhr er auf. »Eine ganze Woche haben wir hier verschwendet! Wir wollen zurück in die Stadt!«
Ich brauchte nicht zu fragen, um zu wissen, dass die anderen seine Meinung teilten.
»Seht euch das an«, bat ich. »Hat einer von euch die Geister jemals so nah gesehen?«
»Nein!«, blaffte Bentur. »Und es ist auch nicht unser Problem, sondern Hariks! Ich will mir ein paar pralle Titten ansehen, keine zerfetzten Nebelschwaden. Eine Hure stöhnt auch viel geiler als diese Geister.«
Die anderen lachten.
»Ich höre sie nicht stöhnen«, sagte ich. Die bunten Schlieren trieben lautlos auf den Turm zu.
»Der Wind wird ungünstig stehen.«
Ich nahm meinen Hut ab und betrachtete die buschige Feder, die darauf angebracht war. »Es ist windstill.«
Bentur stieß seinen Spieß auf den Boden. »Es reicht jetzt, Zarria! Wenn du willst, schwärz mich beim Hauptmann an, aber ich gehe! Unsere Wache ist vorüber!«
Ich legte die Hand an mein Rapier. »Wenn du das tust, werde ich mit dem Hauptmann nicht über deinen Ungehorsam sprechen, sondern über die Trauerrede, die wir für dich halten wollen.«
»Du übertreibst wirklich, Zarria«, sagte Jeros, einer der anderen Büttel. Seine Augen waren aufgequollen, das nächtliche Gespenstergeheul hatte ihn wohl um den Schlaf gebracht. »Auf die Entfernung sieht man nicht genau, ob …« Er verstummte.
Ein grüner Geist, ein formloses Wabern, sank an der runden Turmwand herab, bis er eine der schmalen Öffnungen erreichte. Außer an besonders heißen Tagen hielt sich niemand gern im obersten Stockwerk auf, weil die Fenster dort zwar vergittert, aber nicht mit Scheiben versehen waren. Der Wind zog unangenehm kalt durch dieses Geschoss.
Für den Geist war das Gitter kein Hindernis. Er verschwand im Turm.
»Ich habe noch nie gehört, dass sie so etwas getan hätten«, sagte Bentur tonlos.
»Da läuft etwas schief!« Ich drückte den Griff des Rapiers hinunter, damit mir die Waffe nicht zwischen die Beine kam, ließ meinen Hut fallen und rannte los.
Die Fuhrleute hielten an und wandten sich dem Turm zu. Als ich sie erreichte, hörte ich die Schreie. Das war nicht das Geheul der Geister, nicht das Klagen abgrundtiefer Traurigkeit und nicht das Seufzen hoffnungsloser Verzweiflung, mit dem diese Wesenheiten den Aufenthalt im Turm zur Tortur machten. Die Laute kündeten von der Qual des Wachtrupps. Harik und seine Leute schrien, als zöge ihnen jemand bei lebendigem Leib die Haut ab.
Ich beschleunigte meinen Lauf, was wegen des schlagenden Umhangs schwerfiel. Außer Atem erreichte ich den Turm und riss das Rapier aus der Scheide. Mit dem Knauf hämmerte ich gegen die Tür. »Macht auf! Wir helfen euch! Öffnet uns!«
Die Schreie, die mir antworteten, ließen mich schaudern.
»Komm hier weg, Zarria!«, rief Bentur.
»Die Geister sind da drin!« Meine Stimme überschlug sich. »Sie sind im Turm!«
»Und dann willst du da rein? Bist du wahnsinnig?«
»Harik und seine Leute! Sie brauchen uns!« Eisenbänder verstärkten die aus festem Holz gezimmerte Tür. Ich warf mich dagegen, was aber außer einem dumpfen Schmerz in meiner Schulter nichts bewirkte.
Bentur packte meinen Oberarm und zog mich weg. »Was willst du denn gegen die ausrichten, Mädchen?«
Ich rammte einen Ellbogen in seine Brust. Pfeifend stieß er die Luft aus und ließ mich los.
»Sie gehören zu uns!« Sofort war ich wieder an der Tür.
Bentur und die Kameraden verloren endgültig die Geduld mit mir. Ich spürte einen harten Schlag in der Beuge von rechter Schulter und Hals, dann entglitt mir das Bewusstsein.

Robert Corvus

Über Robert Corvus

Biografie

Robert Corvus, 1972 geboren, lebt in Köln. Der Diplom-Wirtschaftsinformatiker war in verschiedenen internationalen Konzernen als Strategieberater und Projektleiter tätig. Corvus ist Metalhead, Kinofan und Tänzer. Er veröffentlichte zahlreiche Romane in den Reihen »Das schwarze Auge« und...

Pressestimmen

Nautilus

»High Fantasy vom Feinsten«

dominikschmeller.de

»Drachenmahr ist ein faszinierendes Werk mit einer grandiosen und düsteren Weltidee«

buechertreff.de

»Ich bewundere Fantasy-Autoren, denen immer wieder etwas völlig Neues einfällt. Robert Corvus ist so einer.«

Geek!

»Seine Ideen sind frisch und originell, sein Stil ist geradlinig, seine Figuren sind überzeugend. Das Ergebnis: begeisternd! Ein Autor, den man sich merken muss!«

Phantast

»Ein sehr interessanter und spannender Fantasyroman, der aus der Masse hervorsticht.«

Kommentare zum Buch

Karin am 03.09.2015

Eine Stadt, ein Drache und seine Meisterin – und ihren dunklen Geheimnisse   Vor vielen Jahrzehnten konnte die Glasbläserin Josefa Rubinsteyn mithilfe eines Drachen ihre Heimatstadt retten. Seitdem liegt der Drache in der Kathedrale angekettet und sorgt dafür, daß der Stadt weiterhin keine Gefahr durch die Geister droht, die rund um die Stadt durch das Leidende Land streifen. Als der Obrist der Drachengarde ermordet wird, wird die junge Zarria Machon, Leutnant der Stadtwache, mit den Ermittlungen beauftragt. Sie erkennt die Gefahr, eine Spielfigur der Hohen Häuser zu sein und verlässt sich auf ihren Verstand und dringt immer tiefer in das Geheimnis des Drachen, der Geister und der Geschichte der Stadt.   Aus der Ich-Perspektive der Zarria Machon lernt der Leser die Stadt Koda, ihre Bewohner, Gepflogenheiten und Geheimnisse kennen. Immer mehr Details werden im Laufe des Romans aufgedeckt, die nicht nur Fragen beantworten, sondern auch neue Fragen aufwerfen. Immer tiefer gräbt sich Zarria in die dunklen Geheimnisse, die niemand erfahren soll. Dabei kommt es zu Wendungen, die ich überhaupt nicht erwartet hatte.   Wie auch in den anderen Büchern des Autors verbirgt sich hinter Kodas Geheimnis nicht nur eine einfache Wahrheit, sondern sie besteht aus verschiedenen Facetten, die sich gegenseitig beeinflussen und nicht einfach nur in Gut oder Böse einzuteilen ist.   Diese Mehrdimensionalität zieht sich auch wieder durch die Figuren, was sie besonders spannend und unberechenbar macht, man kann sich als Leser nie sicher sein, wie sie reagieren werden oder was sie wirklich denken. Und ebenso unsicher ist es, welche der Figuren das Ende des Buches überleben werden oder nicht. Aber ganz so düster wie in der Schattenherrentrilogie geht es in Drachenmahr nicht zu.   Sehr gut hat mir die wunderschöne Kartenzeichnung der Stadt Koda und seiner näheren Umgebung am Anfang des Buches gefallen – es lohnt sich, während des Lesens immer wieder einen Blick darauf zu werfen. Der Autor bietet übrigens auf seiner Homepage als besonders Bonbon eine interaktive Version der Karte an.   Das Ende beantwortet alle relevanten Fragen und kommt einerseits kämpferisch, andererseits auch ruhig daher.   Mich konnte dieser raffiniert aufgebaute Roman wieder voll überzeugen und in seinen Bann ziehen, spätestens jetzt ist Robert Corvus zu einem meiner Lieblingsautoren der deutschen Fantasy geworden. 

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