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DrachenläuferDrachenläufer

Drachenläufer

Roman

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Drachenläufer — Inhalt

Afghanistan 1975: ein Land im Schatten der Geschichte. In Kabul wächst der zwölfjährige Amir auf, der unbedingt einen Wettbewerb im Drachensteigen gewinnen will, um seinem Vater seine Stärke zu beweisen. Dazu braucht er die Hilfe seines Freundes Hassan. Hassans Vater ist der Diener von Amirs Vater. Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft verbindet die beiden Jungen eine innige Freundschaft, die allen Herausforderungen aus der Nachbarschaft standhält. Bis am Ende des erfolgreichen Wettkampfs diese Freundschaft von Amir auf schreckliche Weise verraten wird. Diese Tat verändert das Leben beider dramatisch, ihre Wege trennen sich, während das Land gleichzeitig seiner Zerstörung entgegengeht. Viele Jahre später kehrt der erwachsene Amir aus dem Ausland in seine Heimatstadt Kabul zurück, um seine Schuld zu tilgen. Der Leser wird Zeuge der dramatischen Schicksale der beiden Jungen, ihrer Väter und Freunde, und erlebt ihre Liebe und ihre Lügen, ihre Trennung und Wiedergutmachung. Drachenläufer ist ein bemerkenswertes Debüt.

»An einem eiskalten, bedeckten Wintertag des Jahres 1975 wurde ich — im Alter von zwölf Jahren — zu dem, der ich heute bin. Ich erinnere mich noch genau an den Moment: Ich hockte hinter einer bröckelnden Lehmmauer und spähte in die Gasse, die in der Nähe des zugefrorenen Baches lag. Viel Zeit ist inzwischen vergangen, aber das, was man über die Vergangenheit sagt, dass man sie begraben kann, stimmt nicht. So viel weiß ich nun. Die Vergangenheit wühlt sich mit ihren Krallen immer wieder hervor.«

Eine bewegende Geschichte über Freundschaft und Verrat aus dem heutigen Afghanistan.

Erschienen am 11.11.2004
Übersetzer: Angelika Naujokat, Michael Windgassen
384 Seiten
ISBN 978-3-8333-0149-0
Erschienen am 01.02.2010
Übersetzer: Angelika Naujokat, Michael Windgassen
384 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7023-4

Leseprobe zu »Drachenläufer«

An einem eiskalten, bedeckten Wintertag des Jahres 1975 wurde
ich – im Alter von zwölf Jahren – zu dem, der ich heute bin. Ich
erinnere mich noch genau an den Moment: Ich hockte hinter einer
bröckelnden Lehmmauer und spähte in die Gasse in der Nähe des
zugefrorenen Bachs. Viel Zeit ist inzwischen vergangen, aber das,
was man über die Vergangenheit sagt, dass man sie begraben
kann, stimmt nicht. So viel weiß ich nun. Die Vergangenheit wühlt
sich mit ihren Krallen immer wieder hervor. Wenn ich heute zurückblicke,
wird mir bewusst, dass ich die letzten [...]

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An einem eiskalten, bedeckten Wintertag des Jahres 1975 wurde
ich – im Alter von zwölf Jahren – zu dem, der ich heute bin. Ich
erinnere mich noch genau an den Moment: Ich hockte hinter einer
bröckelnden Lehmmauer und spähte in die Gasse in der Nähe des
zugefrorenen Bachs. Viel Zeit ist inzwischen vergangen, aber das,
was man über die Vergangenheit sagt, dass man sie begraben
kann, stimmt nicht. So viel weiß ich nun. Die Vergangenheit wühlt
sich mit ihren Krallen immer wieder hervor. Wenn ich heute zurückblicke,
wird mir bewusst, dass ich die letzten sechsundzwanzig
Jahre immerzu in diese einsame Gasse gespäht habe.
Im vergangenen Sommer rief mich eines Tages mein Freund
Rahim Khan aus Pakistan an. Er bat mich, ihn zu besuchen. Während
ich in der Küche stand und den Hörer ans Ohr hielt, wusste
ich, dass das da am Telefon nicht nur Rahim Khan war. Es war
die ungesühnte Schuld meiner Vergangenheit. Nachdem ich aufgelegt
hatte, machte ich einen Spaziergang entlang dem Spreckels
Lake am nördlichen Rand des Golden Gate Parks. Die frühe Nachmittagssonne
glitzerte auf dem Wasser, wo Dutzende von Spielzeugbooten,
von einer frischen Brise angetrieben, dahinsegelten.
Als ich aufblickte, entdeckte ich am Himmel zwei Drachen – rot
mit langen blauen Schwänzen. Sie tanzten hoch oben über den
Bäumen am westlichen Ende des Parks, schwebten Seite an Seite
wie ein Augenpaar, das auf San Francisco hinunterblickte, die
Stadt, die ich heute mein Zuhause nenne. Und plötzlich flüsterte
Hassans Stimme in meinem Kopf: Für dich – tausendmal. Hassan
mit der Hasenscharte, der so gern Drachen steigen ließ.
Ich setzte mich auf eine Parkbank in der Nähe einer Weide und
dachte über etwas nach, was Rahim Khan, kurz bevor er auflegte
– als wäre es ihm im letzten Moment noch eingefallen –,
gesagt hatte. Es gibt eine Möglichkeit, es wieder gutzumachen. Ich
blickte zu den beiden Drachen hinauf. Ich dachte an Hassan. An
Baba. An Ali. An Kabul. Ich dachte an das Leben, das ich geführt
hatte, bis jener Winter des Jahres 1975 kam und alles veränderte.
Und mich zu dem machte, der ich heute bin.

2

Als Kinder kletterten Hassan und ich auf die Pappeln entlang der
Auffahrt zum Haus meines Vaters und ärgerten unsere Nachbarn,
indem wir die Sonnenstrahlen mit einer Spiegelscherbe in ihre
Häuser reflektierten. Wir saßen mit baumelnden nackten Füßen
auf zwei hohen Ästen einander gegenüber, die Taschen voller getrockneter
Maulbeeren und Walnüsse, und wechselten uns mit
dem Spiegel ab, während wir die Maulbeeren vertilgten und uns
kichernd damit bewarfen. Ich sehe Hassan immer noch vor mir
auf diesem Baum. Das durch die Blätter gefilterte Sonnenlicht
schimmerte auf seinem beinahe perfekt gerundeten Gesicht, dem
Gesicht einer chinesischen Puppe, aus Hartholz geschnitten: flache,
breite Nase und schräge, schmale Augen, die an Bambusblätter
erinnerten, Augen, die je nach Licht gold, grün oder sogar
saphirblau glänzten. Ich sehe immer noch seine winzigen, tief am
Kopf sitzenden Ohren und diesen spitzen Stummel von einem
Kinn vor mir, der wie nachträglich angeklebt wirkte. Und den
Spalt in der Oberlippe, direkt links neben der Einbuchtung, wo
das Werkzeug des chinesischen Puppenmachers wohl abgerutscht
sein musste – oder vielleicht war er auch einfach müde und nachlässig
geworden.
Manchmal, wenn wir dort oben in den Bäumen saßen, überredete
ich Hassan, mit seiner Schleuder Walnüsse auf den einäugigen
deutschen Schäferhund unseres Nachbarn zu schießen.
Hassan wollte das eigentlich nie, aber wenn ich ihn darum bat,
ihn wirklich darum bat, konnte er es mir nicht abschlagen. Hassan
schlug mir nie etwas ab. Und er war unglaublich treffsicher mit
seiner Schleuder. Hassans Vater, Ali, erwischte uns für gewöhnlich
dabei und wurde wütend – oder zumindest so wütend, wie jemand,
der so sanft war wie Ali, eben werden konnte. Er drohte
uns mit dem Finger und winkte uns vom Baum herunter. Dann
nahm er uns den Spiegel ab und belehrte uns mit den Worten, die
er von seiner Mutter kannte und die besagten, dass auch der Teufel
mit Spiegeln blendete, sie dazu benutzte, Muslime vom Beten
abzulenken. »Und er lacht dabei«, fügte er immer hinzu und bedachte
seinen Sohn mit einem finsteren Blick.
»Ja, Vater«, murmelte Hassan dann und sah auf seine Füße hinunter.
Aber er verriet mich nie. Verriet nie, dass der Spiegel ebenso
wie das Schießen der Walnüsse auf den Nachbarhund immer
meine Idee gewesen war.
Die Pappeln säumten die mit roten Ziegelsteinen gepflasterte
Auffahrt, die zu dem schmiedeeisernen Flügeltor führte. Das Tor
wiederum öffnete sich auf eine Verlängerung der Auffahrt, die Vaters
Anwesen durchquerte. Das Haus befand sich auf der linken
Seite des Weges, der Garten am Ende.
Alle waren sich einig, dass mein Vater, mein Baba, das schönste
Haus im ganzen Wazir-Akbar-Khan-Viertel, einem neuen und
wohlhabenden Stadtteil im Norden Kabuls, gebaut hatte. Manche
hielten es sogar für das schönste Haus in ganz Kabul. Ein breiter,
von Rosenbüschen flankierter Weg führte zu dem geräumigen
Haus mit den Marmorböden und großen Fenstern. Mosaikfliesen
mit komplizierten Mustern, von Baba sorgfältig in Isfahan ausgewählt,
bedeckten die Böden der vier Badezimmer. Mit Goldfäden
durchwirkte Gobelins, die Baba in Kalkutta gekauft hatte, zierten
die Wände; ein kristallener Kronleuchter hing von der gewölbten
Decke herab.
Oben befanden sich mein Zimmer, Babas Zimmer und sein
Arbeitszimmer, auch »Rauchzimmer« genannt, in dem es ständig
nach Tabak und Zimt roch. Nachdem Ali das Abendessen serviert
hatte, ruhten sich in diesem Zimmer Baba und seine Freunde in
schwarzen Ledersesseln aus. Sie stopften ihre Pfeifen – was Baba
immer als »füttern« bezeichnete – und unterhielten sich über ihre
drei Lieblingsthemen: Politik, Geschäfte und Fußball. Manchmal
fragte ich Baba, ob ich bei ihnen sitzen dürfe, aber Baba blieb im
Türrahmen stehen und sagte: »Jetzt geh nur. Diese Zeit gehört den
Erwachsenen. Warum liest du nicht eins deiner Bücher?« Dann
schloss er die Tür, und ich blieb zurück und fragte mich, warum
seine Zeit immer nur den Erwachsenen vorbehalten war. Ich setzte
mich neben die Tür und zog die Knie an die Brust. Manchmal
saß ich eine ganze Stunde so da, manchmal auch zwei, und
lauschte ihrem Lachen und ihrem Plaudern.
Im Wohnzimmer unten gab es eine halbrunde Wand mit speziell
angefertigten Vitrinen. Darin standen gerahmte Familienfotos: ein
altes, unscharfes Foto von meinem Großvater und König Nadir
Shah, das 1931 gemacht worden war, zwei Jahre vor dem tödlichen
Attentat auf den König; darauf sind sie mit einem toten
Hirsch zu sehen, der vor ihren in kniehohen Stiefeln steckenden
Füßen liegt, und über die Schulter haben sie Gewehre gehängt. Ein
anderes Foto zeigte meine Eltern an ihrem Hochzeitsabend: ein
schneidig aussehender Baba in einem schwarzen Anzug und meine
Mutter, eine lächelnde junge Prinzessin in Weiß. Und da war
Baba mit seinem besten Freund und Geschäftspartner, Rahim
Khan. Die beiden stehen draußen vor unserem Haus. Keiner von
ihnen lächelt. Ich bin auf diesem Foto noch ein Baby, und ein
müder und grimmig dreinblickender Baba hält mich auf dem
Arm, aber es ist Rahim Khans kleiner Finger, den ich mit meiner
Hand umklammere.
Der halbrunden Wand folgend, gelangte man zum Esszimmer,
in dessen Mitte ein Mahagonitisch stand, an dem leicht dreißig
Gäste Platz fanden – und angesichts der Vorliebe meines Vaters
für aufwändige Partys geschah das fast jede Woche. Am anderen
Ende des Esszimmers befand sich ein großer marmorner Kamin.
Eine gläserne Schiebetür öffnete sich auf eine halbkreisförmige
Terrasse, von der aus man einen knapp ein Hektar großen Garten
und Kirschbaumreihen überblickte. Baba und Ali hatten entlang
der östlichen Mauer einen kleinen Gemüsegarten angelegt, Tomaten,
Minze, Paprika und eine Reihe Mais, der aber nie richtig gedieh.
Hassan und ich hatten sie »Mauer des kränkelnden Maises«
getauft.
Am südlichen Ende des Gartens, im Schatten eines Mispelbaumes,
befand sich die Dienstbotenunterkunft, eine bescheidene,
kleine Lehmhütte, wo Hassan mit seinem Vater lebte. Und dort, in
dieser kleinen Hütte, war Hassan im Winter des Jahres 1963, nur
ein Jahr nach dem Tod meiner Mutter, die bei meiner Geburt gestorben
war, zur Welt gekommen.
In den achtzehn Jahren, die ich in dem Haus gelebt habe, habe ich
Hassans und Alis Hütte nur rund ein Dutzend Mal betreten.
Wenn die Sonne hinter den Hügeln versank und wir unser Spiel für
den Tag beendet hatten, trennten sich unsere Wege. Ich ging an
den Rosenbüschen vorbei auf Babas Villa zu und Hassan auf die
Lehmhütte, in der er geboren war und in der er sein ganzes Leben
gewohnt hatte. Ich weiß noch, dass sie spärlich eingerichtet und
sauber war und von zwei Petroleumlampen beleuchtet wurde. Es
gab zwei Matratzen auf gegenüberliegenden Seiten des Raumes,
dazwischen lag ein abgetretener Herati-Teppich mit ausgefransten
Rändern, und in einer Ecke standen ein dreibeiniger Stuhl und
ein Holztisch, an dem Hassan seine Zeichnungen anfertigte. Die
Wände waren nackt bis auf einen einzigen Wandteppich mit eingenähten
Perlen, die die Worte Allah-u-akbar formten. Baba hatte
ihn auf einer seiner Reisen nach Mashad für Ali gekauft.
In dieser kleinen Hütte schenkte Hassans Mutter, Sanaubar,
ihm an einem kalten Wintertag des Jahres 1963 das Leben. Während
meine Mutter bei meiner Geburt verblutete, verlor Hassan
seine Mutter eine Woche nachdem er auf die Welt gekommen war.
Er verlor sie an ein Schicksal, das für die meisten Afghanen viel
schlimmer war als der Tod: Sie lief mit einer Truppe reisender
Sänger und Tänzer davon.
Hassan sprach nie über seine Mutter, ganz so, als hätte sie niemals
existiert. Ich habe mich immer gefragt, ob er wohl von ihr
träumte, davon, wie sie aussah, wo sie lebte. Ich fragte mich, ob er
sie gern wiedergesehen hätte. Ob er sich nach ihr sehnte, wie ich
mich nach der Mutter sehnte, die ich nie gekannt hatte. Eines
Tages, als wir vom Haus meines Vaters zum Zainab-Kino liefen,
um uns einen neuen iranischen Film anzusehen, nahmen wir die
Abkürzung über das Gelände der Militärkaserne nahe der Istiqlal-
Mittelschule – Baba hatte uns verboten, diese Abkürzung zu nehmen,
aber er war zu der Zeit mit Rahim Khan in Pakistan. Wir
kletterten über den Zaun, der die Kaserne umgab, sprangen über
einen kleinen Bach und machten uns daran, das offene Feld zu
überqueren, auf dem alte, stehen gelassene Panzer verstaubten.
Eine Gruppe von Soldaten kauerte im Schatten eines der Panzer,
rauchte Zigaretten und spielte Karten. Einer der Soldaten sah uns,
stieß dem Mann neben sich den Ellbogen in die Seite und rief zu
Hassan hinüber: »He du! Ich kenne dich.«
Wir hatten ihn noch nie gesehen. Er war ein gedrungener Kerl
mit rasiertem Kopf und schwarzen Stoppeln im Gesicht. Die Art
und Weise, wie er uns angrinste – so anzüglich –, jagte mir Angst
ein. »Geh einfach weiter«, raunte ich Hassan zu.
»Du da! Hazara! Sieh mich an, wenn ich mit dir rede!«, kläffte
der Soldat. Er reichte dem Mann neben ihm seine Zigarette und
formte mit der Hand einen Kreis aus Daumen und Zeigefinger.
Dann steckte er den Mittelfinger der anderen Hand durch den
Kreis. Stieß ihn immer wieder hindurch. »Ich hab deine Mutter
gekannt, wusstest du das? Und wie ich sie gekannt habe! Hab sie
da drüben neben dem Bach von hinten genommen.«
Die Soldaten lachten. Einer von ihnen gab vor Vergnügen einen
quiekenden Laut von sich. Ich riet Hassan weiterzugehen, bloß
weiterzugehen.
»Was für eine enge, kleine, süße Muschi die hatte!«, sagte der
Soldat und schüttelte grinsend die Hände seiner Kameraden. Später,
im Dunkeln, als der Film begonnen hatte, hörte ich, wie Hassan
neben mir schluchzte. Tränen liefen ihm über die Wangen. Ich
griff über meinen Sitz hinweg, schlang den Arm um ihn und zog
ihn an mich. Er legte den Kopf an meine Schulter. »Er hat dich mit
jemandem verwechselt«, flüsterte ich.
Es hieß, dass niemand wirklich überrascht gewesen sei, als
Sanaubar weglief. Die Leute hatten ohnehin schon die Augenbrauen
hochgezogen, als Ali, ein Mann, der den Koran auswendig
kannte, Sanaubar heiratete, eine Frau, die neunzehn Jahre jünger
war als er, schön, aber berüchtigt für ihre Skrupellosigkeit, und
die ihrem unehrenhaften Ruf gerecht wurde. Wie Ali war auch
sie Schiitin und gehörte der ethnischen Minderheit der Hazara an.
Sie war außerdem seine Cousine ersten Grades und daher als Ehefrau
eine verständliche Wahl. Aber über diese Verbindung hinaus
hatten Ali und Sanaubar kaum etwas gemein, am wenigsten, was
ihr Aussehen betraf. Wenn man den Gerüchten Glauben schenken
durfte, hatten Sanaubars strahlende grüne Augen und ihr lausbübisches
Gesicht zahllose Männer zur Sünde verführt. Ali dagegen
litt unter einer angeborenen Lähmung der unteren Gesichtsmuskulatur,
was es ihm unmöglich machte zu lächeln und seinem
Gesicht einen ständigen grimmigen Ausdruck verlieh. Es war seltsam,
Ali mit dem versteinerten Gesicht glücklich oder traurig zu
sehen, denn dann glitzerte lediglich ein Lächeln in seinen schräg
gestellten Augen, oder sie füllten sich vor Kummer mit Tränen. Es
heißt, die Augen seien die Fenster der Seele. Auf niemanden traf
das so zu wie auf Ali, der sich nur durch seine Augen zu offenbaren
vermochte.
Man sagte, dass Sanaubars aufreizender Gang und ihre schwingenden
Hüften die Männer zum Träumen brachten. Dagegen hatte
Ali seit einer Polioinfektion ein verwachsenes, verkümmertes rechtes
Bein, das aus bleicher Haut und Knochen bestand und dazwischen
nicht viel mehr als eine hauchdünne Muskelschicht aufwies.
Ich weiß noch, wie ich einmal – ich muss wohl acht Jahre alt
gewesen sein – mit Ali zum Basar ging, um naan-Brot zu kaufen.
Ich marschierte summend hinter ihm her und versuchte seinen
Gang nachzuahmen. Ich beobachtete, wie er sein dürres Bein in
einem weiten Bogen schwang, beobachtete, wie sein ganzer Körper
jedes Mal, wenn er den dazugehörigen Fuß aufsetzte, unmöglich
weit nach rechts wegkippte. Es erschien mir wie ein kleines
Wunder, dass er nicht bei jedem Schritt umfiel. Als ich es versuchte,
wäre ich beinahe in den Rinnstein gefallen. Das brachte mich
zum Kichern. Ali drehte sich um und erwischte mich dabei, wie
ich ihn nachäffte. Er sagte kein Wort. Damals nicht und auch später
niemals. Er ging einfach weiter.
Alis Gesicht und sein Gang jagten einigen der jüngeren Kinder
im Viertel Angst ein. Aber den wirklichen Ärger bereiteten ihm die
älteren Kinder. Sie jagten ihn auf der Straße, verspotteten ihn,
wenn er vorbeihinkte. Einige waren auf die Idee verfallen, ihn
Babalu, Schwarzer Mann, zu nennen. »Hallo Babalu, wen hast
du denn heute gefressen?«, riefen sie unter schallendem Gelächter,
»Wen hast du heute gefressen, du flachnasiger Babalu?«
Sie nannten ihn »flachnasig« wegen Alis und Hassans mongolider
Züge, die den Hazara eigen sind. Viele Jahre lang war dies
das Einzige, was ich über die Hazara wusste: dass sie mongolischer
Abstammung sind und ein wenig wie Chinesen aussehen. In den
Schulbüchern wurden sie nur beiläufig erwähnt, und über ihre
Herkunft erfuhr man kaum etwas. Doch eines Tages, als ich in
Babas Arbeitszimmer in seinen Büchern kramte, entdeckte ich ein
altes Geschichtsbuch meiner Mutter. Es war von einem Iraner
namens Khorami verfasst worden. Ich blies den Staub herunter,
schmuggelte es am selben Abend mit ins Bett und stellte erstaunt
fest, dass es darin ein ganzes Kapitel über die Geschichte der Hazara
gab. Ein ganzes Kapitel, das Hassans Volk gewidmet war!
Darin las ich, dass mein eigenes Volk, die Paschtunen, die Hazara
verfolgt und unterdrückt hatte. Es hieß darin, dass die Hazara
durch die Jahrhunderte immer wieder versucht hatten, sich zu
befreien, doch die Paschtunen hatten all diese Versuche »mit unbeschreiblicher
Gewalt niedergeschlagen«. In dem Buch hieß es,
dass mein Volk die Hazara gefoltert, ihre Häuser angesteckt und
ihre Frauen verkauft hatte. In dem Buch hieß es, dass die Paschtunen
die Hazara auch deswegen niedergemetzelt hatten, weil die
Paschtunen Sunniten und die Hazara Schiiten sind. In dem Buch
stand vieles, was ich nicht wusste, Dinge, die meine Lehrer nie
erwähnt hatten. Dinge, über die auch Baba niemals gesprochen
hatte. Es standen auch einige Dinge darin, die ich wusste, so zum
Beispiel, dass die Leute die Hazara als Mäuse fressende, flachnasige
Esel bezeichneten, die nur zum Arbeiten taugten. Ich hatte schon
gehört, wie manche Kinder im Viertel Hassan auf diese Weise beschimpften.
In der folgenden Woche zeigte ich das Buch nach dem Unterricht
meinem Lehrer und deutete auf das Kapitel über die Hazara.
Er überflog einige Seiten, kicherte und reichte es mir zurück.
»Eins können die Schiiten wirklich gut«, sagte er und griff nach
seinen Unterlagen, »sich selbst als Märtyrer hinstellen.« Er rümpfte
die Nase, als er das Wort Schiiten aussprach, ganz so, als handelte
es sich dabei um eine Krankheit.
Doch trotz ihres gemeinsamen ethnischen Erbes und obwohl
das gleiche Blut in ihren Adern floss, tat es Sanaubar den Kindern
des Viertels nach und verspottete Ali. Es hieß, sie habe kein Geheimnis
aus ihrer Verachtung für sein Aussehen gemacht.
»Soll das etwa ein Ehemann sein?«, lauteten ihre höhnischen
Worte. »Ich habe schon alte Esel gesehen, die besser als Ehemänner
getaugt hätten.«
Am Ende vermuteten die meisten Leute, dass die Ehe eine Vereinbarung
oder etwas Ähnliches zwischen Ali und seinem Onkel,
Sanaubars Vater, gewesen war. Sie behaupteten, Ali habe seine
Cousine geheiratet, um dabei zu helfen, den befleckten Namen
des Onkels ein wenig reinzuwaschen und dessen Ehre wiederherzustellen,
auch wenn er, der mit fünf Jahren zum Waisen geworden
war, kein nennenswertes Erbe oder sonstigen Besitz vorweisen
konnte.
Ali wehrte sich niemals gegen seine Peiniger. Ich nehme an, das
hatte zum Teil damit zu tun, dass er sie mit seinem verwachsenen
Bein niemals erwischt hätte. Aber eigentlich lag es wohl daran,
dass Ali den Beleidigungen seiner Angreifer gegenüber immun war.
Er hatte seine Freude, sein Gegenmittel in dem Moment gefunden,
als Sanaubar Hassan zur Welt brachte. Es war eine unkomplizierte
Geburt gewesen. Keine Gynäkologen, keine Anästhesisten, keine
aufwändigen Überwachungsgeräte. Nur Sanaubar, die auf einer
fleckigen, nackten Matratze lag, und Ali und eine Hebamme, die
ihr halfen. Dabei hatte sie gar nicht viel Hilfe gebraucht, denn
gleich bei seiner Geburt offenbarte Hassan seine Natur: Er war unfähig,
einem anderen Wesen Schmerz zuzufügen. Ein paar Ächzer,
ein paarmal pressen, und schon kam Hassan heraus. Lächelnd.
Laut der geschwätzigen Hebamme, die es der Dienerin eines
Nachbarn anvertraut hatte, die es wiederum jedem erzählte hatte,
der es hören wollte, hatte Sanaubar nur einen einzigen Blick auf
das Baby in Alis Armen geworfen, die gespaltene Lippe gesehen
und dann ein bitteres Lachen ausgestoßen.
»Na also«, hatte sie gesagt, »jetzt hast du ja deinen eigenen
Schwachkopf von einem Sohn, der das Lächeln für dich übernehmen
kann!« Sie hatte sich geweigert, Hassan auch nur einmal zu
halten, und nur fünf Tage später war sie verschwunden.
Baba stellte für Ali die gleiche Amme ein, die schon mich gestillt
hatte. Ali erzählte uns, sie sei eine blauäugige Hazara-Frau
aus Bamiyan gewesen, der Stadt mit den riesigen Buddha-Statuen.
»Was für eine liebliche Stimme sie hatte, wenn sie sang«, erklärte
er uns immer wieder.
Was sie denn gesungen habe, fragten Hassan und ich dann für
gewöhnlich, obwohl wir es längst wussten – Ali hatte es uns schon
unzählige Male erzählt. Wir wollten ihn bloß singen hören.
Er räusperte sich dann immer und begann:
Ich stand auf einem hohen Berg
Und rief den Namen Alis, des Löwen Gottes.
Oh Ali, Löwe Gottes, König der Menschen,
Bring Freude in unsere traurigen Herzen.
Anschließend erinnerte er uns daran, dass eine Brüderlichkeit zwischen
Menschen besteht, die von derselben Brust getrunken haben,
eine Verwandtschaft, die nicht einmal die Zeit zu zerstören
vermag.
Hassan und ich hatten von derselben Brust getrunken. Wir
machten unsere ersten Schritte auf demselben Rasen im selben
Garten. Und unter demselben Dach sprachen wir unsere ersten
Worte.
Meins lautete Baba.
Seins lautete Amir. Mein Name.
Wenn ich heute zurückblicke, so glaube ich, dass das Fundament
für das, was im Winter des Jahres 1975 geschah – und auch
für das, was folgte –, bereits mit diesen ersten Worten gelegt
wurde.


3

Wenn man den Erzählungen glauben darf, hat mein Vater einmal
in Belutschistan mit bloßen Händen mit einem Schwarzbären
gerungen. Wäre in den Geschichten von jemand anderem die Rede
gewesen, hätte man sie wohl als laaf abgetan, jene afghanische
Vorliebe fürs Übertreiben – leider beinahe so etwas wie eine
Nationalkrankheit. Wenn einer damit prahlte, dass sein Sohn Arzt
war, konnte man davon ausgehen, dass das Kind in der Schule
einmal eine Biologieprüfung bestanden hatte. Aber niemand bezweifelte
jemals die Richtigkeit irgendeiner Geschichte, in der es
um Baba ging. Und falls jemand es doch wagte, nun, Baba hatte
tatsächlich diese drei parallel verlaufenden Narben, die einen
schartigen Pfad über seinen Rücken zogen. Ich habe mir unzählige
Male Babas Ringkampf vorgestellt, sogar davon geträumt. Und in
diesen Träumen vermag ich Baba nie von dem Bären zu unterscheiden.
Es war Rahim Khan, der zum ersten Mal in einer Weise von
ihm sprach, die später zu Babas berühmtem Spitznamen führen
sollte: Toophan agha, Herr Wirbelsturm. Es war ein überaus passender
Spitzname. Mein Vater war eine Naturgewalt, ein hoch
gewachsenes Exemplar von einem Paschtunen mit einem dichten
Bart, eigensinnigem, lockigem braunem Haar, das zu einem Kurzhaarschnitt
gestutzt und ebenso ungebärdig war wie der Mann
selbst, mit Händen, die den Eindruck erweckten, eine Weide mitsamt
ihrer Wurzel ausreißen zu können, und einem düsteren,
stechenden Blick, der es vermochte, »den Teufel in die Knie zu
zwingen und um Gnade flehen zu lassen«, wie Rahim Khan es
auszudrücken pflegte. Wenn er auf Partys mit seinen gut einen
Meter fünfundachtzig in den Raum gestürmt kam, richtete sich die
Aufmerksamkeit auf ihn wie Sonnenblumen, die sich der Sonne
zuwenden.
Es war unmöglich, Baba zu ignorieren, selbst wenn er schlief.
Ich steckte mir Baumwollbüschel in die Ohren, zog mir die Decke
über den Kopf, und dennoch drangen die Geräusche von Babas
Schnarchen – die einem brummenden Lastwagenmotor ähnelten –
durch die Wände. Und mein Zimmer lag auf der anderen Seite des
Flurs, gegenüber von seinem Schlafzimmer. Wie meine Mutter es
jemals geschafft hat, im selben Zimmer mit ihm zu schlafen, ist
eine der vielen Fragen, die ich meiner Mutter gern gestellt hätte,
wenn es mir vergönnt gewesen wäre, sie kennen zu lernen.
Ende der 60er-Jahre, als ich fünf oder sechs war, beschloss
Baba, ein Waisenhaus zu bauen. Ich hörte die Geschichte von
Rahim Khan. Er erzählte mir, dass Baba die Blaupausen selbst
gezeichnet habe, obwohl er überhaupt keine Erfahrung auf dem
Gebiet der Architektur besaß. Skeptiker hatten ihn gedrängt, mit
dieser Tollheit aufzuhören und einen Architekten zu beauftragen.
Natürlich hatte sich Baba geweigert, und alle hatten angesichts
seiner Sturheit die Köpfe geschüttelt. Doch Baba hatte Erfolg, und
so schüttelten sie schon bald angesichts seines Triumphes die Köpfe.
Baba bezahlte die Errichtung des zweistöckigen Waisenhauses
an der Jadeh Maywand – einer der Hauptstraßen Kabuls, südlich
des Kabul-Flusses – aus eigener Tasche. Rahim Khan erzählte mir,
dass Baba das ganze Projekt allein finanzierte, die Löhne der Ingenieure,
Elektriker, Klempner, der Arbeiter und nicht zu vergessen
der städtischen Beamten, deren »Schnurrbärte geölt werden
mussten«, eingeschlossen.
Der Bau des Waisenhauses dauerte drei Jahre. Ich war inzwischen
acht. Ich erinnere mich noch an den Tag vor der Eröffnung,
als Baba mich zum Ghargha-See mitnahm, der einige Kilometer
nördlich von Kabul liegt. Er trug mir auf, Hassan zu holen, damit
er auch mitfahren konnte, doch ich log und behauptete, dass
Hassan Durchfall habe. Ich wollte Baba für mich allein haben.
Und außerdem hatte es Hassan, als wir einmal gemeinsam am
Ghargha-See waren und Steine über das Wasser hüpfen ließen, ge-
schafft, seinen Stein achtmal springen zu lassen. Meine Bestleistung
war fünfmal gewesen. Baba war damals dabei gewesen, hatte uns
zugesehen und Hassan auf den Rücken geklopft. Sogar den Arm
um ihn gelegt.
Wir saßen an einem Picknicktisch am Ufer des Sees, nur Baba
und ich, und aßen hart gekochte Eier mit kofta-Broten – in naan
gerollte Fleischklöße mit sauren Gurken. Das Wasser war von
einem tiefen Blau, und das Sonnenlicht glitzerte auf der glasklaren
Oberfläche. Freitags herrschte reges Treiben am See, viele Familien
kamen hierher, um einen Tag in der Sonne zu genießen. Aber
es war Mittwoch, und so waren nur Baba und ich da und außer
uns noch zwei langhaarige, bärtige Touristen – Hippies nannte
man sie wohl, so hatte ich gehört. Sie saßen mit Angelruten in den
Händen auf dem Steg und ließen die Beine ins Wasser baumeln.
Ich fragte Baba, warum sie ihre Haare so lang wachsen ließen,
aber Baba grunzte nur, antwortete nicht. Er bereitete seine Rede
für den nächsten Tag vor, blätterte durch ein Chaos handgeschriebener
Seiten und machte sich hin und wieder Notizen mit einem
Bleistift. Ich biss in mein Ei und fragte Baba, ob es stimme, was
ein Junge in der Schule erzählt habe, dass man nämlich, wenn
man ein Stück Eierschale gegessen habe, es wieder auspinkeln
müsse. Baba grunzte wieder.
Ich nahm einen Bissen von meinem Brot. Einer der Touristen
mit den gelbblonden Haaren lachte und schlug dem anderen auf
den Rücken. In der Ferne, auf der anderen Seite des Sees, rumpelte
ein Lastwagen auf dem Hügel um eine Kurve. Sonnenlicht funkelte
in seinem Außenspiegel.
»Ich glaube, ich habe saratan«, sagte ich. Krebs. Baba hob den
Kopf von den Seiten, die in der leichten Brise flatterten. Sagte mir,
ich solle das Sodawasser selbst holen, ich müsse nichts weiter tun,
als in den Kofferraum des Wagens zu schauen.
Am nächsten Tag fehlte es draußen vor dem Waisenhaus an
Stühlen. Eine Menge Leute mussten stehen, um sich die Eröffnungsfeierlichkeiten
anzusehen. Es war ein windiger Tag, und ich
saß hinter Baba auf dem kleinen Podest direkt vor dem Haupteingang
des neuen Gebäudes. Baba trug einen grünen Anzug und
einen Hut aus Karakulfell. Mitten in seiner Rede blies ihm der
Wind den Hut vom Kopf, und alle lachten. Er bedeutete mir, den
Hut für ihn festzuhalten, und das tat ich nur allzu gern, denn so
konnte jeder sehen, dass er mein Vater war, mein Baba. Er wandte
sich wieder dem Mikrofon zu und erklärte, er hoffe, dass das Gebäude
stabiler sei als sein Hut, und wieder lachten alle. Als Baba
seine Rede beendet hatte, standen die Leute auf und klatschten.
Sie klatschten lange Zeit. Danach schüttelten sie ihm die Hand.
Einige von ihnen zausten mir das Haar und schüttelten auch mir
die Hand. Ich war so stolz auf Baba, auf uns beide.
Doch trotz Babas Erfolgen zweifelten die Leute immer an ihm.
Sie erklärten ihm, dass es ihm nicht im Blut liege, ein Geschäft zu
führen, er solle lieber Jura studieren wie sein Vater. Also bewies
Baba ihnen, dass sie Unrecht hatten, indem er nicht nur sein eigenes
Geschäft leitete, sondern überdies einer der reichsten Händler
Kabuls wurde. Baba und Rahim Khan bauten ein unglaublich erfolgreiches
Teppichexport-Unternehmen auf. Außerdem gehörten
ihnen zwei Apotheken und ein Restaurant.
Als die Leute spotteten, dass Baba niemals eine gute Partie machen
würde – schließlich war er nicht von königlichem Blut –, heiratete
er meine Mutter, Sofia Akrami, eine hochgebildete Frau, die
allgemein als eine von Kabuls geachtetsten, schönsten und tugendhaftesten
Damen galt. Sie lehrte nicht nur klassische Farsi-Literatur
an der Universität, sondern war außerdem mit der königlichen
Familie verwandt, eine Tatsache, die mein Vater den Skeptikern
unter die Nase rieb, indem er sie »meine Prinzessin« nannte, wann
immer er von ihr sprach.
Mit Ausnahme von mir formte sich mein Vater die Welt um
sich herum ganz nach seinem Geschmack. Das Problem daran war
natürlich, dass Baba die Welt in Schwarz und Weiß sah. Und er
entschied, was Schwarz war und was Weiß. Man kann keinen
Menschen, der auf eine solche Weise lebt, lieben, ohne ihn zugleich
zu fürchten. Ihn sogar ein klein wenig zu hassen.
Als ich in die fünfte Klasse der alten Istiqlal-Mittelschule ging,
hatten wir einen Mullah, der uns den Islam lehrte. Sein Name war
Mullah Fatiullah Khan, ein kleiner, stämmiger Mann mit einem
Gesicht voller Aknenarben und einer barschen Stimme. Er hielt
uns einen Vortrag über die Tugenden der zakat, der religiösen
Abgabe, und die Pflicht der hadj, der Pilgerfahrt nach Mekka, er
lehrte uns all die Feinheiten zur Verrichtung der fünf täglichen
namaz-Gebete und ließ uns Verse aus dem Koran auswendig lernen
– und obwohl er die Worte niemals für uns übersetzte, betonte
er dennoch, manchmal mit Hilfe einer Weidenrute, dass wir
die arabischen Wörter richtig aussprechen müssten, damit uns
Gott besser verstehen könne. Er erklärte uns eines Tages, dass der
Islam das Trinken von Alkohol als eine schreckliche Sünde erachte;
die, die tranken, würden für ihre Sünden am Tag des Qiyamat, des
Jüngsten Gerichts, Rechenschaft ablegen müssen. In jenen Tagen
war das Trinken von Alkohol in Kabul recht verbreitet. Niemand
wurde deshalb öffentlich ausgepeitscht, aber die Afghanen, die
tranken, taten dies aus Rücksichtnahme nicht in aller Öffentlichkeit.
Die Leute kauften sich ihren Scotch in besonderen »Apotheken
« als »Medizin« in braunen Papiertüten, die sie sogleich zwischen
ihren Kleidern verbargen, um beim Verlassen des Ladens
dennoch verstohlene, missbilligende Blicke derjenigen auf sich zu
ziehen, die wussten, in welchem Ruf das jeweilige Geschäft stand.
Wir waren gerade oben in Babas Arbeitszimmer, dem Rauchzimmer,
als ich ihm erzählte, was uns der Mullah Fatiullah Khan
im Unterricht beigebracht hatte. Baba goss sich an der Bar, die er
in der Ecke des Raums hatte einbauen lassen, einen Whisky ein.
Er hörte zu, nickte und nahm einen Schluck von seinem Drink.
Dann ließ er sich auf dem Ledersofa nieder, stellte den Drink ab
und hob mich auf seinen Schoß. Es kam mir vor, als würde ich auf
zwei Baumstämmen sitzen. Er atmete tief ein und durch die Nase
wieder aus, wobei die Luft eine Ewigkeit durch seinen Schnurrbart
zu zischen schien. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich
ihn umarmen oder vor lauter Todesangst von seinem Schoß
herunterspringen sollte.
»Wie ich sehe, verwechselst du das, was du in der Schule lernst,
mit tatsächlicher Bildung«, sagte er mit seiner trägen Stimme.
»Aber wenn es stimmt, was er gesagt hat, macht dich das dann
nicht zu einem Sünder, Baba?«
»Hmm.« Baba zermalmte einen Eiswürfel zwischen den Zähnen.
»Möchtest du hören, was dein Vater über die Sünde denkt?«
»Ja.«
»Dann werde ich es dir sagen«, erwiderte er, »aber eins solltest
du wissen und es dir ein für alle Mal merken, Amir: Du wirst von
diesen bärtigen Idioten niemals irgendetwas von Wert lernen.«
»Meinst du damit Mullah Fatiullah Khan?«
Baba vollführte eine Geste mit seinem Glas. Das Eis klirrte.
»Ich meine damit alle. Man sollte auf die Bärte dieser ganzen
selbstgerechten Affen pinkeln.«
Ich begann zu kichern. Die Vorstellung, wie Baba auf den Bart
irgendeines Affen, ob selbstgerecht oder nicht, pinkelte, war einfach
zu komisch für mich.
»Sie tun nichts anderes, als ihre Gebetsperlen zu befingern und
aus einem Buch aufzusagen, das in einer Sprache geschrieben
ist, die sie nicht einmal verstehen.« Er nahm einen Schluck. »Gott
stehe uns bei, sollte Afghanistan jemals in ihre Hände fallen.«
»Aber Mullah Fatiullah Khan scheint nett zu sein«, brachte ich
zwischen meinen Kicheranfällen hervor.
»Das war Dschingis Khan angeblich auch«, sagte Baba. »Aber
genug davon. Du hast mich nach der Sünde gefragt, und ich
möchte dir darauf antworten. Hörst du mir auch zu?«
»Ja«, sagte ich und presste die Lippen zusammen. Aber ein
Gluckser entwich mir durch die Nase und verursachte ein schnaubendes
Geräusch. Das brachte mich wieder zum Kichern.
Baba durchbohrte mich mit einem kalten Blick, und mit einem
Mal lachte ich nicht mehr. »Ich möchte mit dir von Mann zu
Mann reden. Meinst du, dass du das ausnahmsweise einmal
schaffst?«
»Ja, Baba jan«, murmelte ich und staunte nicht zum ersten Mal
darüber, wie sehr mich Baba mit einigen wenigen Worten zu verletzen
vermochte. Wir hatten einen flüchtigen guten Moment miteinander
gehabt – es kam nicht oft vor, dass Baba sich mit mir
unterhielt, und noch seltener setzte er mich dazu auf seine Knie –,
und ich war ein Narr gewesen, ihn zu verschwenden.
»Gut«, sagte Baba, aber seine Augen zweifelten. »Also, egal,
was der Mullah auch lehren mag, es gibt nur eine Sünde, eine einzige
Sünde. Und das ist der Diebstahl. Jede andere Sünde ist nur
eine Variation davon. Verstehst du das?«
»Nein, Baba jan«, erwiderte ich und wünschte mir verzweifelt,
Scotch trinke oder Schweinefleisch esse. Und jetzt spring runter.
Dieses ganze Gerede über die Sünde hat mich wieder durstig gemacht,
ein Scotch ist jetzt genau das Richtige.«
Ich sah zu, wie er sich sein Glas an der Bar füllte und fragte
mich, wann wir wohl das nächste Mal so wie gerade eben miteinander
sprechen würden. Denn ehrlich gesagt, hatte ich immer
das Gefühl, als würde Baba mich ein wenig hassen. Und warum
auch nicht? Schließlich hatte ich ja seine geliebte Frau getötet, seine
schöne Prinzessin. Da hätte ich doch zumindest den Anstand
besitzen können, ein klein wenig mehr nach ihm zu geraten. Aber
ich geriet nicht nach ihm. Ganz und gar nicht.
Scotch trinke oder Schweinefleisch esse. Und jetzt spring runter.
Dieses ganze Gerede über die Sünde hat mich wieder durstig gemacht,
ein Scotch ist jetzt genau das Richtige.«
Ich sah zu, wie er sich sein Glas an der Bar füllte und fragte
mich, wann wir wohl das nächste Mal so wie gerade eben miteinander
sprechen würden. Denn ehrlich gesagt, hatte ich immer
das Gefühl, als würde Baba mich ein wenig hassen. Und warum
auch nicht? Schließlich hatte ich ja seine geliebte Frau getötet, seine
schöne Prinzessin. Da hätte ich doch zumindest den Anstand
besitzen können, ein klein wenig mehr nach ihm zu geraten. Aber
ich geriet nicht nach ihm. Ganz und gar nicht.

Khaled Hosseini

Über Khaled Hosseini

Biographie

Khaled Hosseini wurde 1965 in Kabul, Afghanistan, als Sohn eines Diplomaten geboren. Seine Mutter unterrichtete Persisch und Geschichte. Die Familie verließ Afghanistan 1976, als Khaleds Vater eine Stelle an der Afghanischen Botschaft in Paris bekam. 1980 emigrierte die Familie in die Vereinigten...

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