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Dr. Hope – Eine Frau gibt nicht auf

Dr. Hope – Eine Frau gibt nicht auf

Deutschlands erste Ärztin

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Dr. Hope – Eine Frau gibt nicht auf — Inhalt

Deutschland, Ende des 19. Jahrhunderts: Ein Skandal bahnt sich in der Familie Bridges an. Hope, die ungewöhnlich intelligente und lebhafte Tochter, studiert gegen den Willen ihrer Familie – mit dem Ziel, die erste praktizierende Ärztin Deutschlands zu werden! Bald darauf eröffnet sie gemeinsam mit ihrem Mann eine Praxis, um den Armen und Schwachen zu helfen. Doch als Hope im hitzköpfigen Revolutionär Carl Lehmann die Liebe ihres Lebens findet, zerbricht ihre Ehe. Eine große Liebe, ein faszinierendes Leben, eine starke Frau – die wahre Geschichte der ersten Ärztin Deutschlands.

€ 4,99 [D], € 4,99 [A]
Erschienen am 10.03.2014
288 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96719-8

Leseprobe zu »Dr. Hope – Eine Frau gibt nicht auf«

Dresden, 1874

 

»Was ist denn da drin? Steine?« Der rotgesichtige Mann hob ächzend den abgeschabten Koffer an.

»Meine Bücher«, erklärte Hope. »Ich habe auf dem Bedford College…«

»Für solchen Kinderkram ist keine Zeit mehr«, unterbrach er sie. »Jetzt musst du wirklich arbeiten.«

Hope holte tief Luft, um ihm eine passende Antwort zu geben. Was bildete sich dieser Sachse nur ein? Noch bestimmte sie selber, was sie mit ihrer Zeit anfing. Und Bücher ließ sie sich auf gar keinen Fall verbieten! Schon gar nicht von einem angeheirateten Cousin. Bevor sie jedoch [...]

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Dresden, 1874

 

»Was ist denn da drin? Steine?« Der rotgesichtige Mann hob ächzend den abgeschabten Koffer an.

»Meine Bücher«, erklärte Hope. »Ich habe auf dem Bedford College…«

»Für solchen Kinderkram ist keine Zeit mehr«, unterbrach er sie. »Jetzt musst du wirklich arbeiten.«

Hope holte tief Luft, um ihm eine passende Antwort zu geben. Was bildete sich dieser Sachse nur ein? Noch bestimmte sie selber, was sie mit ihrer Zeit anfing. Und Bücher ließ sie sich auf gar keinen Fall verbieten! Schon gar nicht von einem angeheirateten Cousin. Bevor sie jedoch den Mund öffnen konnte, spürte sie den spitzen Ellbogen ihrer Mutter Ellen Bridges in ihrer Seite. Überrascht sah Hope sie an.

»Nicht jetzt!«, deutete Ellen mit lautlosen Lippenbewegungen an. Hope runzelte die Stirn. Sie sollte diese Beleidigung ihrer Bildung einfach dulden? Insgeheim schwor sie sich, dass Gregor ihre Meinung schon noch hören würde.

Erst einmal wollten sie sich allerdings einrichten. Seit Tagen war sie mit ihrer Mutter unterwegs, spätestens seit der rauen Überfahrt auf dem Kanal hatte sie von dieser Reise genug. Und jetzt dieses Land, in dem sie eine neue Heimat finden sollte. Obwohl ihre Mutter seit Hopes Kindheit darauf bestanden hatte, dass sie Deutsch lernte, klang das, was sie von dem Schaffner und den Mitreisenden gehört hatte, fremd und hart. Vor allem, seitdem sie im Königreich Sachsen angekommen waren. Das sollte Deutsch sein? Es klang eher wie eine merkwürdige, eigene Sprache.

Hier würde sie mit ihrer Mutter bei Gregor und Lisbeth leben. Lisbeth war Ellens Cousine und damit wohl so etwas wie eine Großcousine für Hope. Seit einem »Missgeschick« – niemand hatte Hope erklären können, was damit gemeint war – konnte Lisbeth den Alltag nicht mehr ohne Hilfe bewältigen. Diese Hilfe kam ab heute von Ellen. Hope war sich nicht sicher, was das für sie bedeutete.

Die Droschke vor dem Dresdner Bahnhof verdiente kaum diesen Namen. Karren traf es viel genauer. Die eisenbeschlagenen Räder hingen schief an der Nabe, die Sitze waren ungepolsterte Holzbänke. Und die beiden Gäule wurden wohl nur von der Deichsel am Umfallen gehindert. Gregor stapelte die Koffer und Taschen auf der Ladefläche und setzte sich zu dem Kutscher auf den Bock. Mit einer herrischen Handbewegung wies er Ellen und Hope ihren Platz zu. Kaum hatten sie Platz genommen, setzte sich das Gefährt schaukelnd in Bewegung.

Während sie über das holprige Pflaster ratterten, hing Hope ihren Gedanken nach. Es schien ihr noch nicht lange her, dass sie mit ihrer Mutter und ihrem Vater in einem schönen Haus in London gelebt hatte. Aber dann war der Husten gekommen, der ihrem Vater die Gesundheit geraubt hatte. Sie erinnerte sich noch genau: In diesem Winter hatte es genauso geregnet…

 

 

London, 1871

 

»Und beste Grüße zur Genesung an den Herrn Papa!« Der Apotheker zwinkerte, und Hope fragte sich, ob er damit eine verschlüsselte Botschaft loswerden wollte – oder ob er lediglich eine merkwürdige Marotte hatte. Ihre Finger schlossen sich um das kleine Glasfläschchen, das er ihr reichte. »Das werde ich ihm gerne ausrichten«, entgegnete sie ernst. »Aber es geht ihm nicht gut. Seine Lunge…«

Sie sah durch die trüben Scheiben der Schaufenster hinaus. Der Regen vermischte sich mit dem Dreck auf dem Kopfsteinpflaster zu einem schmierigen Film. Es dämmerte schon wieder, obwohl doch eben erst Mittagszeit gewesen war. Höchste Zeit, sich auf den Weg nach Hause zu machen. Sie nickte dem Apotheker zu, zog den Schal fester über ihre Zöpfe, und schon stand sie auf dem Bürgersteig. Die Londoner drängten sich dicht an dicht, der kalte Geruch nach ungewaschenen Menschen und feuchter Wolle drang in ihre Nase. Obwohl die neue Untergrundlinie jetzt schon einige Zeit in Betrieb war, wurden die Menschenmengen nicht weniger. Ihr schien es fast, als ob die ganze Welt ihr Glück in London suchte. Oder wenigstens eine Arbeitsstelle. Sie schüttelte den Kopf und machte sich auf den Weg. So schnell es ging, lief sie an den Hauswänden entlang nach Hause.

»Victoria!«

Der Schrei einer Frau ein paar Meter entfernt. Eine junge Stimme. Hope hob ihren Blick – und entdeckte ein pausbäckiges kleines Mädchen, das mit weit ausgebreiteten Armen über die Straße rannte. Sie sah aus wie ein kleiner Engel, mit blonden Locken und großen, dunklen Augen. Was immer sie auf der anderen Seite entdeckt haben mochte – Hope hatte nur Augen für die elegante Droschke, die um die Ecke bog. Auf dem Kopfsteinpflaster schlingerte sie kurz, dann nahm sie wieder Fahrt auf. Das blonde Mädchen entdeckte die Gefahr erst jetzt. Sie hielt mitten auf der Straße an und sah mit offen stehendem Mund den beiden Pferden entgegen. Der Klang der eisenbeschlagenen Hufe mischte sich mit dem Ruf des Kindermädchens. »Victoria! Komm sofort zurück.«

»Jetzt haltet doch an!«, schrie jetzt auch Hope, während sie auf die Straße rannte. Sie packte das Mädchen und zerrte es weiter. Das Rad der Kutsche verfing sich einen Augenblick in ihrem weiten Rock, bis es sich mit dem scharfen Geräusch von reißendem Stoff löste. Hope strauchelte und fiel mit dem Mädchen im Arm auf das Kopfsteinpflaster. Während sie noch die glatten Sohlen der Schnürstiefel verfluchte, blieb ihr die Luft weg. Das eng geschnürte Korsett war einfach nicht für solche Übungen gedacht. Kurz verschwammen der Regen, das Kopfsteinpflaster und das zappelnde Mädchen in ihrem Arm zu einem fernen Traum, dann drangen die Geräusche allmählich wieder klar an ihre Ohren.

Vorsichtig richtete sie sich auf und sah sich um. Die Droschke verschwand am Ende der Straße. Der Fahrer hielt es für überflüssig, sich nach den Mädchen umzusehen, die ihm da vor die Pferde gesprungen waren. Wenigstens beugte sich ein verängstigtes Gesicht besorgt über Hope. Die Sorge galt allerdings nicht ihrer Gesundheit. Offensichtlich war es das Kindermädchen, ungefähr im gleichen Alter wie Hope. Sie griff nach dem rundlichen Kinderarm des kleinen Mädchens, das jetzt angefangen hatte, schrill zu heulen und sich aus Hopes festem Griff zu winden.

»Das ist deine eigene Schuld! Ich habe dir doch gesagt, dass du immer bei mir bleiben sollst! Ich werde es deiner Mutter sagen, dass du wieder ungehorsam warst – sie wird sich schon um deine Strafe kümmern!«, schimpfte das Kindermädchen, während sie das Mädchen auf die Beine zog. Ohne einen weiteren Blick auf Hope zu werfen, nahm sie das Mädchen auf den Arm und verschwand in der gaffenden Menge auf dem Bürgersteig.

Hope kam ächzend auf die Beine. Wenigstens ein kleines Dankeschön wäre nett gewesen. Ihr Knöchel tat weh, das Kleid hatte einen langen Riss und war mit dem Dreck der Straße verschmiert. Hastig fingerte sie nach dem Glasfläschchen in ihrer Tasche. Es war noch ganz, das war das Wichtigste. Sehr viel langsamer als vorher humpelte sie nach Hause.

Als sie schließlich die schwere Tür zum Haus ihrer Eltern aufdrückte, war sie völlig durchnässt. Sie setzte sich auf die Treppe und machte sich an ihrem klammen Schnürstiefel zu schaffen. Mit steifen Fingern öffnete sie vorsichtig die Schnürsenkel. Langsam zog sie den Fuß heraus, bewegte vorsichtig den Knöchel und zog eine Grimasse. Dafür hatte sie eigentlich ewige Dankbarkeit von diesem Kindermädchen verdient! Sie hörte die leise Stimme ihrer Mutter im Salon und humpelte schnell durch die Tür – sie musste unbedingt ihre Empörung loswerden.

»Stell dir vor…«, begann sie, als sie in der Tür wie vom Donner gerührt stehen blieb. Ihre Eltern hatten Besuch – und sie tauchte ausgerechnet jetzt in diesem nassen, zerrissenen Kleid auf. Auf dem Sofa saß eine schmale Frau, die sie neugierig aus ihren ernsten Augen musterte.

William Bridges hob eine Augenbraue in die Höhe. »Hope, du siehst aus, als ob du in einen Krieg geraten wärst – dabei solltest du doch nur meine Medizin abholen.« Er lächelte sie warm an. »Hat sich der Apotheker etwa geweigert, meine Tropfen herauszugeben?«

Hope griff in ihre Manteltasche und reichte ihm das Glasfläschchen. »Der Apotheker war kein Problem – ich habe mich nur auf dem Heimweg vor eine Kutsche geworfen…« Mit wenigen Worten erzählte sie von ihrem Abenteuer.

Die Besucherin richtete sich auf. »Kann ich deinen Knöchel sehen?« Fragend sah Hope ihre Eltern an. Sie sollte einer wildfremden Frau ihr Bein entgegenstrecken?

»Beth ist Ärztin, sie kann dir sicher sagen, ob du dich ernsthaft verletzt hast!«, ermunterte ihre Mutter sie. Zögernd raffte Hope ihre Röcke nach oben. Mit erstaunlich festem Griff packte die Besucherin ihr Bein und verdrehte den Knöchel etwas. Hope entwich ein überraschter Schmerzenslaut. Mit einem zufriedenen Nicken ließ die Frau ihren Knöchel wieder los. »Der ist wirklich nur verstaucht, mach dir keine Sorgen!«

»Sind Sie wirklich Ärztin?«, platzte es aus Hope heraus. »Ich meine – es gibt doch gar keine Ärztinnen! Das können doch nur Männer!« Sie musterte die Frau kurz. Das lange dunkle Haar trug sie in einem eleganten Knoten im Nacken, das graue Kleid ließ ihre Haut noch heller wirken, als sie ohnehin war. Die dunklen Augen waren von einem kleinen Kranz feiner Fältchen umgeben – ansonsten wirkte sie erstaunlich jung. »Vielleicht sind Sie ja Krankenschwester, so wie Florence Nightingale?«, schlug Hope verlegen vor.

»Du hast recht: Es gibt nicht viele wie mich«, nickte die Frau freundlich und streckte ihr die Hand entgegen. »Ich habe mich auch noch nicht vorgestellt: Mein Name ist Elizabeth Garrett. Und seit letztem Jahr bin ich Ärztin. Mit Florence habe ich zusammen ein College gegründet, an dem Frauen Medizin studieren können.«

Hope strich sich aufgeregt eine Strähne ihrer glatten, dunkelblonden Haare hinter das Ohr. »Ehrlich?« Erst jetzt fiel ihr auf, wie unhöflich die Frage war. »Ich meine: Dieses College ist hier in London? Und es dürfen alle Frauen dorthin? Wo haben Sie denn Ihre Praxis? Behandeln Sie auch Männer? Was sagt Ihr Mann dazu – oder haben Sie vielleicht gar keinen Mann?«

»Halt, halt«, unterbrach sie ihr Vater. »Du kannst unseren Besuch nicht mit all deinen Fragen gleichzeitig bombardieren. Du musst Beth schon Zeit geben, dir zu antworten…«

»Verzeihen Sie«, murmelte Hope verlegen. »Aber ich hätte so gerne gewusst…«

Beth hob die Hände. »Du musst dich nicht entschuldigen. Die Antwort ist kompliziert: Ja, ich durfte in England Medizin studieren. Aber ein Studienabschluss wurde mit verwehrt, den habe ich letztes Jahr erst an der Sorbonne in Paris gemacht. Aber jetzt bin ich hier – und ich habe meinen Traumberuf!«

»Können Sie meinen Vater gesund machen?«, platzte Hope heraus und biss sich sofort wieder auf die Unterlippe. Sie musste endlich aufhören, sich wie ein kleines Mädchen zu benehmen. Für eine junge Dame geziemte es sich nicht, immer das zu sagen, was ihr gerade durch den Kopf ging.

Elizabeth Garrett sah verwirrt zu dem stattlichen, weißhaarigen Mann in dem Lehnstuhl hin. »Dein Vater?« Sie runzelte die Stirn. »Fehlt ihm denn etwas?«

»Nein, nein«, antwortete William Bridges hastig. »Wir unterhalten uns mit Beth, um sie für einen Vortrag für die Emanzipationsbewegung zu gewinnen. Unsere Mitglieder würden von einem Bericht über ihren Werdegang sicher profitieren.«

Ellen Bridges strich ihrem Mann liebevoll über den Rücken. Sie war fast vierzig Jahre jünger als ihr Mann, aber ihrer Zuneigung tat das keinen Abbruch. »Wer weiß. Vielleicht hätte Beth ja eine Idee, wie sie deine Krankheit bekämpfen könnte. Hast du sie denn schon befragt?«

Unwirsch schüttelte Hopes Vater den Kopf. »Ich habe einen schlimmen Husten. Das ist alles. Wenn ich richtig informiert bin, dann ist Beths Spezialgebiet die weibliche Gesundheit. Das hat wohl kaum etwas mit meinem Leiden zu tun! Ich wollte von ihr auch keinen kostenlosen Rat einholen, bloß weil ich sie um einen Vortrag bei der Emanzipationsbewegung bitte.«

Mit hellwachen Blicken folgte Beth dem kurzen Austausch, bevor sie sich einmischte. »Mit Verlaub, lieber William, ich musste zuerst die ganze Medizin studieren, bevor ich mich auf den weiblichen Körper spezialisiert habe. Und diese Spezialisierung entsprang nicht meiner ureigenen Neigung, sondern den Normen, die mir die Gesellschaft aufzwang. Von mir erwartet jeder, dass ich mich lediglich mit Geburten oder Frauenkrankheiten auskenne. Das ist allerdings kaum der Fall. Ich bin enttäuscht, dass sogar du das so siehst.«

William Bridges errötete leicht und sah verlegen auf seine Hände. »Du hast recht, Beth. Ich bin genauso verbohrt wie alle anderen, die von einem weiblichen Arzt nichts wissen wollen. Aber glaube mir: Bei diesem Husten werden die Tropfen von Dr. Pierce sicher ihre Wirkung tun. Ich will dich mit solchen Kleinigkeiten nicht von deinen wichtigen Patienten abhalten.«

Beth Garrett musterte ihn noch einmal eindringlich und zeigte dann mit einem Finger anklagend auf das Glasfläschchen, das Hope gerade erst besorgt hatte. »Dann lassen wir es doch dabei bewenden. Ich möchte allerdings darauf hinweisen, dass diese Tropfen, die Dr. Pierce so gerne verschreibt, wirklich nur in den seltensten und harmlosesten Fällen Wirkung zeigen. Ansonsten unterstützt du lediglich die Kasse des Apothekers. Wenn du doch noch Wert auf meine Meinung legst, dann tu dir keinen Zwang an, ich helfe gerne.« Sie machte eine kurze Pause und griff zu der Teetasse, die vor ihr stand. »Bis dahin können wir uns gerne über den Vortrag unterhalten.«

Hope stellte schnell fest, dass ihre vielen Fragen, die sie gerne an diese Besucherin gestellt hätte, keine Rolle spielten. Es ging– wieder einmal – nur um die Politik. Sie bemühte sich zwar, interessiert zu lauschen – aber nach einer Weile war es ihr in dem nassen Kleid kalt. Sie erhob sich, deutete einen Knicks an und bat um die Erlaubnis, sich zurückziehen zu dürfen.

Als sie die dunkle Treppe mit den ausgetretenen Stufen zu ihrem Zimmer nach oben lief, kreisten ihre Gedanken trotzdem weiter um diese außergewöhnliche Besucherin, die da in dem Salon ihrer Eltern saß. Wenn es wirklich für eine Frau möglich war, Ärztin zu werden – dann könnte vielleicht sogar sie einen solchen Weg einschlagen? In ihrer Phantasie konnte sie die Stimmen schon genau hören. Sie würde dereinst die Straße entlanggehen, und die Menschen würden sich zuwispern: »Das ist Hope Bridges. Sie ist Ärztin und rettet regelmäßig Menschenleben…«

Lächelnd streifte sie ihr Kleid ab und schnürte das feuchte Korsett auf, das ihr am Leib klebte. Ja, das war ganz genau, was sie wollte… Nachdem sie sich ein warmes Hauskleid übergezogen hatte, lauschte sie noch ein Weilchen auf die Stimmen im Salon. Die Ärztin verabschiedete sich erst kurz vor dem Abendessen.

Wenig später löffelte Hope gemeinsam mit ihren Eltern eine kräftige Suppe im Salon. »Ich habe mich jetzt entschieden, was ich machen möchte!«, verkündete sie triumphierend.

Ihr Vater sah sie nachsichtig an. »Was ist dieses Mal dein Begehr? Wenn ich es richtig erinnere, dann waren es zuletzt Biologin, Dichterin, Schauspielerin und Erfinderin. Habe ich etwas vergessen? Oder die Reihenfolge durcheinandergebracht?«

Hope warf ihrem Vater einen wütenden Blick zu. »Das waren doch Kinderträume. Dieses Mal ist es ernst. Ich will Ärztin werden! So wie Elizabeth Garrett!«

William Bridges fuhr sich mit seinen knotigen Fingern durch seine weißen Haare. »Hast du auch gut zugehört? Beth hat dir doch gesagt, dass es ihr verwehrt war, einen Abschluss hier in England zu machen. Sie musste sehr viel auf sich nehmen, um als Ärztin hier in London arbeiten zu dürfen. Bist du bereit, auch diese Opfer zu bringen?«

»Bis ich studieren kann, vergehen doch noch ein paar Jahre«, belehrte Hope ihren Vater. »Bis dahin wird sich noch so viel ändern. Dafür kämpft ihr doch schließlich mit deinem Emanzipationsverein! Außerdem kann ich sicher problemlos in Beths Schule gehen, die sie gemeinsam mit Florence Nightingale gegründet hat.«

»Ein paar Jahre sind nichts, wenn man an die Unterdrückung der Frau denkt, die schon Jahrtausende währt«, murmelte William Bridges. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass es jetzt so schnell gehen soll. Aber vielleicht hast du ja recht, und das nächste Jahrhundert bringt den Frauen alle Rechte, die ihnen bisher verwehrt blieben…« Seine Rede wurde von einem heftigen Hustenanfall unterbrochen. Ellen Bridges sprang auf und reichte ihm die Tropfen aus der Apotheke, von denen er schnell ein paar auf einen Löffel gab und hastig herunterschluckte. Der Husten ging unvermindert weiter. Hope dachte an die Worte von Beth Garrett. Was, wenn sie recht hatte und die Tropfen des Dr. Pierce nichts gegen den Husten ausrichten konnten? Mit Schweißtropfen auf der Stirn kam ihr Vater nur langsam wieder zur Ruhe. Er musterte seine Tochter nachdenklich.

»Aber wenn es dir wirklich ernst ist mit diesem Plan, dann musst du auch eine entsprechende Schulbildung haben. Du musst auf eine andere Schule! Bist du dazu bereit? Es wird dich sicher keine deiner Freundinnen auf diesem Weg begleiten.«

Auf keinen Fall wollte Hope jetzt noch einen Rückzieher machen. Sie nickte entschlossen. »Welche Schule schwebt dir denn vor?«

»Das Bedford College. Ein Internat. Du könntest uns immer noch am Wochenende besuchen. Die Direktorin ist eine gute Bekannte, ich kenne sie über den Emanzipationsverein. Sie wird dich sicher aufnehmen. Soll ich sie fragen?«

Hope nickte noch einmal. »Ja, Vater.«

»Wenn es dein Wunsch ist, Ärztin zu werden, dann werde ich dich unterstützen. Aber glaube mir…der Weg ist lang und hart, und eine Frau muss sich den Weg erst bahnen. Es gibt noch keine ausgetretenen Pfade, denen du folgen kannst.« Er sah sie aus seinen hellblauen Augen an. »Aber ich werde dir helfen, wo ich nur kann. Das verspreche ich dir.«

Ellen Bridges folgte der Unterhaltung schweigend. Erst jetzt mischte sie sich zögernd ein. »William – können wir uns das Bedford College wirklich leisten? Ich weiß, es ist das beste College für Frauen, aber deine Medizin und Dr. Pierce…«

»Der alte Quacksalber«, lächelte William Bridges. »Da lege ich mein letztes Geld doch lieber in etwas Vernünftigem an. Nämlich in der Bildung meiner Tochter! Das wäre hiermit beschlossene Sache!« Seine Stimme ließ erkennen, dass er keinen Widerspruch mehr duldete.

 

 

 

Dresden, 1874

Hope wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sie vor einem einfachen, gedrungenen Haus aus grauem Stein hielten.

Gregor zerrte den ersten Koffer von der Kutsche und bedeutete den beiden Frauen mit einer unwirschen Kopfbewegung, dass sie vor ihm eintreten sollten. Sie gehorchten zögernd.

Durch einen breiten Gang mit einem dunklen, abgetretenen Holzboden kamen Ellen und Hope in die Küche. An einem groben Eichentisch saß eine Frau mit strähnigen grauen Haaren und einem bitteren Zug um den Mund. Sie schälte Kartoffeln und sah kurz auf. »Da seid ihr ja.«

Der Ton grenzte an Unhöflichkeit. Mutter und Tochter zogen ihre nassen Mäntel aus und sahen sich verlegen an. Gregor betrat hinter ihnen den Gang und ging mit zwei Koffern sofort zur Treppe. »Ich bring die Sachen nach oben.«

Ellen machte dem unbehaglichen Schweigen ein Ende. Sie legte Hope entschlossen ihren Mantel über den Arm, machte ein paar Schritte nach vorne und umarmte Lisbeth. Ihre Stimme klang angestrengt fröhlich. »Cousine Lisbeth. Ich habe dich vermisst. Ich hätte dir so gerne London gezeigt.«

Durch diese Bemerkung besserte sich Lisbeths Laune nicht im Geringsten. Ihre Mundwinkel sanken noch tiefer. »Seit dem Missgeschick komme ich nicht mehr so viel heraus.« Sie schob sich ein wenig zurück – und zum ersten Mal konnte Hope erkennen, was es mit diesem Missgeschick auf sich hatte. Die großen Räder an dem einfachen Stuhl machten deutlich, dass Lisbeth ihre Beine nicht mehr benutzen konnte. Lisbeth musterte Hope, ohne eine Miene zu verziehen. Schließlich streckte sie die Hand aus. »Du musst Hope sein.«

Unsicher deutete Hope einen Knicks an. »Guten Tag, Tante Lisbeth.« Sie spürte den mahnenden Blick ihrer Mutter und redete weiter. »Danke, dass ihr uns aufnehmt.«

Lisbeth hob die Schultern ein wenig. »Familie ist Familie. Und seit meinem Missgeschick können wir jede Hilfe brauchen.«

»Wir gehen euch gerne zur Hand«, versicherte Ellen hastig. Unwillkürlich machte Hope einen Schritt zurück. Ihre unabhängige Mutter machte sich so klein in ihrer Dankbarkeit. Sie war froh, dass ihr Vater das nicht sehen musste.

Gregor nahm Ellens Versicherungen mit einem Achselzucken hin. »Ist nicht viel Platz unterm Dach. Aber ist ja auch nur für ein Weilchen.« Er griff nach seiner speckigen Jacke. »Ich gehe ins Wirtshaus. Essen dauert ja wohl noch.« Damit verschwand er durch die Haustür. Die drei Frauen blieben zurück, es herrschte unbehagliches Schweigen. Ellen nahm schließlich Lisbeth den Kochtopf mit den Kartoffeln ab und wuchtete ihn auf den altmodischen Herd. »Was meint Gregor denn mit ›nur ein Weilchen‹?«, fragte sie, und ein Fünkchen der alten, freimütigen Ellen blitzte dabei auf.

Lisbeth merkte nichts. »Sobald deine Hope sich eingelebt hat, werden die Galane Schlange stehen – ist ja ein frisches und gesundes Ding. So was verheiratet sich schnell.«

Hope wollte auf diesen Blödsinn eine erboste Bemerkung machen. Doch noch bevor sie etwas sagen konnte, ergriff Ellen ihre Hand und drückte sie fest. Als Hope sie überrascht ansah, schüttelte Ellen fast unmerklich den Kopf. Gleichzeitig antwortete sie: »Wenn der rechte Mann kommt, wird es sich ergeben.«

An Lisbeth war der stumme Dialog zwischen Mutter und Tochter unbemerkt vorübergegangen. »Dresden hat viele stramme Junggesellen«, erklärte sie. »Vielleicht erbarmt sich sogar ein Offizier. Oder ein Beamter. Witwer. Mit Pension.« Zum ersten Mal verzog sich ihr Mund zu einem leichten Lächeln, während sie Daumen und Zeigefinger aneinanderrieb. Hope hielt diese altmodische Verlogenheit nicht mehr aus. Sie zwang sich zu einem kleinen Lächeln. »Ich glaube, ich möchte meine Sachen auspacken!« Damit verschwand sie zu der Treppe und machte sich auf die Suche nach ihrem neuen Zimmer. Sie musste nicht lange suchen. Eine weitere Treppe führte zu einer winzigen Kammer direkt unter dem Dach. Niedrige Balken sorgten dafür, dass sie sich ducken musste. Zwei schmale Betten mit dünnen Decken füllten fast den gesamten Raum. Ein kleiner Tisch, zwei einfache Stühle, eine schlichte Kommode und ein fadenscheiniger Teppich vervollständigten die Einrichtung. Hope sah die Waschschüssel auf dem Tisch und kräuselte verächtlich die Nase. Hatten sie hier in Dresden etwa keine Waschzimmer? Barbaren.

Achtlos warf sie ihre wenige Wäsche in die Kommode. Ellen kam herein und räumte ihre Kleidung schweigend ein. Aber anders als vorher in der Küche war dieses Schweigen vertraut und voller Verständnis. Schließlich murmelte Ellen: »Sie hat es nicht so gemeint.«

»Man hat uns nicht als Familie aufgenommen«, entgegnete Hope. »Sondern als Hausmägde eingestellt. Wir arbeiten gegen Kost und Logis. Das heißt: Du arbeitest gegen Kost und Logis, und ich werde so schnell wie möglich verheiratet. Wenn Papa das gesehen hätte…« Sie brach mitten im Satz ab.

»Du siehst doch, wie das Schicksal Lisbeth geschlagen hat. Wie kann ich es da ablehnen, ihr zur Hand zu gehen?«

»Und ich?« Hope spürte den Zorn trotz ihrer Erschöpfung nach der langen Reise. »Soll ich mich auf dem Markt feilbieten, zwischen Hühnern und Kühen? Junges Gemüse für einen alten Sack?«

»Sprich nicht so! Dein Vater war beträchtlich älter als ich – doch das hat der Liebe keinen Abbruch getan.«

»Ich will aber nicht heiraten!« Hope klang trotzig.

Ellen legte den Arm um ihre unglückliche Tochter. »Und niemand verlangt das von dir.« Sie lächelte leise. »Mit offenen Augen sollst du durch die Gegend laufen. Und nicht gar so dickköpfig sein, wenn ein Kavalier dich nach deinem Namen fragt.«

Hope musterte ihre Mutter. »Hast du es so eilig, mich loszuwerden?«

»Nein.« Ellen schüttelte müde den Kopf. »Ich habe fürwahr schon genug verloren.«

Mit einem Schlag kam Hope sich selbstsüchtig vor. Sie jammerte über ihre Zukunft – und die Zukunft ihrer Mutter lag schon hinter ihr. Was jetzt noch kommen sollte, konnte nur dunkler sein als alles, was sie bisher erlebt hatte. Welch düstere Aussichten mit noch nicht einmal vierzig Jahren! Sie umarmte ihre Mutter.

»Es tut mir leid. Das habe ich nicht gemeint. Wirklich nicht.«

»Eine Ehe ist eine gute Sache«, flüsterte Ellen leise. »Sie nimmt das flatterhafte Herz in die Pflicht. Daran kannst du dich auch in schweren Stunden halten. Wie Lisbeth jetzt bei Gregor.«

»Glücklich scheinen sie nicht zu sein«, beobachtete Hope. »Nicht so wie du und Papa.«

»Dein Vater und ich – das war eine andere Welt. Seine Liebe war so groß wie sein Respekt. Doch das zu erwarten, hieße, im Meer einen einzelnen Tropfen zu suchen.«

Hope ließ sich auf ihr Bett fallen, das unter ihrem Gewicht quietschend nachgab. Sie seufzte. »Dann muss ich fleißig ins Wasser starren, scheint mir.«

Ellen sah ihre Tochter mit einem tapferen Lächeln an. Dann begann sie langsam, ihr Kleid aufzuknöpfen. »Es war eine lange Reise. Lass uns erst einmal schlafen. Morgen ist ein neuer Tag.« Sie strich mit dem Finger über die staubige Kommode und verzog den Mund mit unterdrücktem Ekel. »Dann können wir auch unser neues Zuhause ein wenig behaglicher gestalten.«

Müde ließ Hope sich auf ihre Pritsche fallen. Aber so schwer ihre Augenlider auch waren, sie konnte nicht einschlafen. Sie lauschte den Atemzügen ihrer Mutter, während ihre Gedanken langsam wieder in die Vergangenheit rutschten.

Torsten Dewi

Über Torsten Dewi

Biografie

Torsten Dewi, geboren 1968, lebt in München. Aus seiner Feder stammen die Romane »Der Ring der Nibelungen« und »Die Rache der Nibelungen« sowie Drehbücher zu Filmen wie »Apokalypse Eis« und »Lost City Raiders«. Gemeinsam mit Katrin Tempel verfasste er das Drehbuch zum TV-Film »Dr. Hope – eine Frau...

Katrin Tempel

Über Katrin Tempel

Biografie

Katrin Tempel wurde in Düsseldorf geboren und wuchs in München auf. Nach ihrem Geschichtsstudium arbeitete sie als Journalistin, heute ist sie Chefredakteurin der Zeitschrift »LandIdee«. Außerdem schreibt sie Drehbücher (unter anderem den historischen ZDF-Zweiteiler »Dr. Hope«). Mit ihren Romanen,...

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