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Dorn

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Roman

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Dorn — Inhalt

Ein Abenteuer voller Intrigen, Verrat und großer Schlachten: Dorn ist eine Welt, aus der die alte Magie längst entschwunden ist. Und auch das Eherne Reich, welches den Kontinent eint, ist im Zerfall begriffen. Als Markgraf Deckard von Falkenberg ein geheimnisvolles Elbenmädchen unter seinen Schutz stellt, ahnt er nicht, dass dieses etwas bei sich trägt, das sowohl die Rettung als auch den Untergang des Reiches bedeuten könnte. Und dass ihr dunkler Verfolger vor nichts zurückschrecken wird ...

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 10.12.2013
416 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96295-7

Leseprobe zu »Dorn«

Und so zog der junge Sohn des Falkenkönigs aus, um seine Schwester aus der Gewalt des Drachen zu befreien und das Untier zu erschlagen.

Doch da wusste er noch nicht, wie schwer seine Prüfung in Wirklichkeit war. Denn bevor er das Untier vom Liliengebirge würde töten können, musste er zunächst den Drachen in seinem eigenen Inneren finden und zur Strecke bringen. Erst dann würde sein Blick frei sein und ungetrübt die eigentliche Bedrohung erkennen.

(Die Legende von Pewynna und Palaan)



Präludium

Worauf es sich zu warten lohnt


In Wahrheit ist die [...]

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Und so zog der junge Sohn des Falkenkönigs aus, um seine Schwester aus der Gewalt des Drachen zu befreien und das Untier zu erschlagen.

Doch da wusste er noch nicht, wie schwer seine Prüfung in Wirklichkeit war. Denn bevor er das Untier vom Liliengebirge würde töten können, musste er zunächst den Drachen in seinem eigenen Inneren finden und zur Strecke bringen. Erst dann würde sein Blick frei sein und ungetrübt die eigentliche Bedrohung erkennen.

(Die Legende von Pewynna und Palaan)



Präludium

Worauf es sich zu warten lohnt


In Wahrheit ist die Hoffnung ein wildes Tier, das sich ungezähmt und mit markerschütterndem Geschrei immer wieder gegen seine Gitterstäbe aus Vernunft wirft.

Abwägen, lautet die magische Formel stets.

Abwägen, worauf es sich zu warten lohnt und worauf nicht.

Eine Übung, die niemals leichter wird – ganz gleich, wie viel Jahre jemand dafür auch aufwenden mag.

Hinck war der Junge des örtlichen Gastwirtes. Hier an einem verschwindend kleinen Ort an der südlichen Küste des Ehernen Reiches auf dem großen Kontinent Dorn. Ein Ort, der niemanden interessierte und der wahrscheinlich auch in den nächsten hundert Jahren völlig uninteressant bleiben würde.

Das Leben war beschaulich hier und … na ja, beschaulich eben. Es kam stets darauf an, den Spagat zu schaffen, zwischen jugendlichem Eifer und den Erwartungen der Alten. Überhaupt wurde Tradition hier groß geschrieben. Alles, was fremd war oder auch nur fremd schien, wurde misstrauisch beäugt.

In Hincks Vorstellung konnte man auf einer Karte unendlich viele interessante und spannende Orte finden. Und der eine Ort, der am weitesten entfernt von ihnen allen lag, war hier. Hier, wo Hinck groß geworden war.

Selbst die politischen Unruhen im Ehernen Reich, die sich über die vergangenen Monate erstreckt hatten, hatte man hier nur am Rande gespürt. Wenn überhaupt. Obwohl die angeblich so tief schneidenden Ereignisse mitunter gar nicht so weit entfernt stattgefunden hatten.

Doch etwas war anders seit ein paar Tagen. Etwas war spannender, mysteriöser als zuvor und trug einen Hauch von Abenteuer mit sich.

Es war der Gast, der sich seit einigen Tagen im Gasthaus seines Vaters eingemietet hatte. Kein gewöhnlicher Gast, soviel stand fest.

Im Stall stand ein großer blasser Wallach von einer Pferderasse, die Hinck noch nie gesehen hatte. Ein stolzes Tier, beinahe erhaben. Das alleine war schon aufregend andersartig genug. Doch da war auch noch der Gast selbst.

Hinck schätzte ihn auf irgendetwas um die dreißig Sommer, vielleicht etwas mehr, vielleicht auch etwas weniger. Er wirkte auf eine eigenartige Weise entrückt, obwohl er sich nicht so gab. Im Gegenteil, er war äußerst nett und zurückhaltend, trank nicht viel, war im Großen und Ganzen bescheiden. Vielleicht war er ein Adeliger? Schwierig einzuschätzen. Seine Haare gaben das auf jeden Fall nicht her. Die waren von einem satten Braun, leicht gelockt und derart widerspenstig, dass sie jeden Barbier in den Wahnsinn treiben mussten.

Eine dünne Narbe zog sich über seine linke Augenbraue und über Teile der Wange – ob sie jedoch aus einer Schlacht (das war die abenteuerliche Variante) oder von einem einfachen Unfall herrührte, war nicht zu beantworten.

Auffällig war auch seine Kleidung. Die war … irgendwie anders. Die Schnitte von Oberhemd und Hose passten nicht in diese Gegend. Wenn Hinck an Berichte von anderen Reisenden dachte, hätte er die Kleidung vermutlich am ehesten an einem Nordmann aus dem Harjenner Reich vermutet. Wulstige, große Nähte, die dennoch sauber in einem ungewöhnlichen Kreuzmuster verarbeitet waren. Grober Leinenstoff, der trotzdem sehr gründlich in dunklem Grün durchgefärbt war. Dazu trug der Fremde breite Stiefel mit einer Krempe aus Fell. Bequemes, aber auch sehr warmes Schuhwerk, das im sonnigen Herbst eigentlich noch nicht wirklich angemessen war.

Quer über dem Rücken trug er stets ein Schwert in einer langen, dünnen Scheide, eben auf jene Weise, wie man solche Waffen auf der Reise transportierte. Niemals ließ er die Waffe unbeaufsichtigt – ihr Wert schien hoch zu sein, zumal Hinck ein derart schlankes Schwert noch nie zuvor gesehen hatte.

Am Hals baumelte an einem silbernen Kettchen ein ebenso silberner Anhänger. Ein Symbol. Hinck hatte es noch nie gesehen und auch nicht im Entferntesten eine Ahnung, um was es sich handeln könnte.

Geredet hatte er nur das Nötigste seit seiner Ankunft. Ab und an ging er an der Kaimauer spazieren oder auf den wenigen Straßen des Ortes.

Das Eigenartigste aber war die Art und Weise, wie er stundenlang auf der Bank vor dem Gasthaus sitzen konnte und mit seinen tannengrünen Augen aufs Meer hinausblickte. Sein Blick dabei war nicht einzuschätzen – mal wirkte er versonnen, mal traurig, mal vollkommen leer. Ab und an ließ er sich von Hincks Vater einen Becher kalten Kräutertee bringen. Seltener lieh er sich das Königsturm-Spiel, stellte das Spielbrett vor sich auf den Steg und spielte offenbar gegen sich selbst. Jeden Zug bedachte er viele Minuten, während die Herbstsonne über ihm ihre lange Bahn zog. Die Geräusche des Hafens, das Geschrei des örtlichen Marktes und überhaupt jede Geschäftigkeit ließen ihn dabei völlig unbeeindruckt.

Seinen Namen hatte er niemandem verraten. Und niemand hatte ihn danach gefragt. Hinck vermutete, dass er seinem Vater das nötige Kleingeld extra zugesteckt hatte, damit ein Name keine Rolle spielte.

Kurzum, der namenlose Gast gab Hinck ein interessantes Rätsel auf.

Es dauerte noch einige Tage, bis Hinck sich traute, den Fremden anzusprechen.

Zögerlich versuchte er es, als der Gast wieder einmal draußen auf der Bank saß und so eigentümlich auf die schillernden Wellen des Großen Golfs hinausblickte.

»Guten Tag, Herr«, sagte Hinck, genauso artig, wie er es gelernt hatte. »Brauchst du irgendetwas? Kann ich dir mit irgendetwas zu Diensten sein?«

Der Blick des Fremden glitt vom Meer hinüber zu ihm.

»Guten Tag, Hinck«, meinte der Fremde. »Nein, ich brauche nichts. Aber danke der Nachfrage.«

Verlegen trat Hinck von einem Fuß auf den anderen.

»Dann wünsche ich dir … äh … sanfte Wege, Herr«, wählte Hinck eine der üblichen Abschiedsformeln, mit denen man Reisende bedachte.

Der Hauch eines amüsierten Lächelns huschte über das Gesicht des Gastes.

»Du brauchst mich nicht zu verabschieden, Hinck. Ich bleibe möglicherweise noch eine Weile.«

»Was … was heißt denn möglicherweise?«, erkundigte Hinck sich neugierig. »Wieso weißt du denn nicht, wann du weiterreist?«

»Oh, das weiß ich schon«, antwortete der Gast. »Ich erkenne den Zeitpunkt, wenn er da ist. Aber ich weiß nicht genau, wann es soweit ist.«

Nun wurde Hinck forscher.

»Also wartest du hier auf etwas? Darauf, dass etwas Bestimmtes passiert?«

Der Gast nickte nur. Und Hinck hakte behutsam nach.

»Aber wie kann man denn auf etwas warten, von dem man nicht weiß, wann es eintrifft?«, fragte er weiter. »Ich meine, was ist, wenn das, worauf du wartest niemals passiert?«

»Ach, Wirtsjunge«, seufzte da der Gast. »Du kannst gerne noch ein wenig fragen, aber ich werde dir keine Antwort geben, die dich zufriedenstellen wird. Ja, ich warte hier darauf, dass etwas Bestimmtes geschieht. Und nein, ich weiß nicht wann und ehrlich gesagt nicht einmal ob es irgendwann einmal geschieht. Aber ich hoffe doch sehr darauf, um ehrlich zu sein.

Und wenn du jetzt weiter fragen solltest, wie man sich auf so ein unsägliches Geschäft mit der eigenen Hoffnung einlassen kann, dann muss ich dir sagen: Es lohnt sich darauf zu warten.

Wenn die Dinge so geschehen, wie ich es mir erhoffe, dann lohnt es sich auf jeden Fall.

Denn eines habe ich gelernt in der letzten Zeit: Geduld macht sich nur dann bezahlt, wenn man weiß, worauf es sich zu warten lohnt.«

Diesmal huschte ein wirkliches Lächeln über die Mundwinkel des Gastes. »Und bevor du fleißig weiter fragst, Hinck: Nein, ich werde nicht mehr dazu sagen. Du weißt jetzt alles, was ich dazu zu sagen habe.«

Diesmal, war es Hinck, der nickte.

»Danke, Herr«, sagte er und versuchte, nicht allzu respektlos zu klingen. »Ich denke, ich habe verstanden.«

Und damit ließ er den Gast in Ruhe. Vorerst zumindest.

Denn Hinck wäre nicht Hinck gewesen, wenn er nicht eine gewisse Beharrlichkeit an den Tag gelegt hätte. Andere Leute – besonders sein Vater – sahen darin bisweilen so etwas wie Starrköpfigkeit. Aber starrköpfig zu sein, hätte bedeutet, nicht zu wissen, wann eine Grenze erreicht ist. Und Hinck wusste genau, dass er noch keine Grenze erreicht hatte, solange ihm die Ideen nicht ausgingen.

Denn im Nachbardorf gab es den alten Bermert. Ein bärbeißiger Mann, jenseits der Sechzig. Früher einmal war er Fischer gewesen, wie die meisten hier in den Dörfern der südlichen Küste. Nach dem Tod seiner Frau hatte er jedoch umgesattelt und betrieb nun den winzigen Náia-Tempel am Marktplatz des Nachbardorfes. Jeder Ort im Reich, der vom Meer lebte, hatte mindestens einen kleinen Schrein der Gezeiten-Göttin. Immerhin stand und fiel mit den Fluten alles hier.

Und der alte Bermert war seit jeher für eine besondere Beschäftigung bekannt: Er sammelte kleine Bilder aller Persönlichkeiten des Ehernen Reiches. Hauptsächlich natürlich von Adeligen, aber auch von verdienten Legaten oder jenen berühmten Marschällen, die in missionarischer Absicht unermüdlich die Verlorenen Lande durchkämmten.

Und im Laufe eines langen Lebens hatte Bermert eine beträchtliche Sammlung angelegt.

»Ach, der junge Hinck«, knarrte die Stimme des Alten im Türrahmen.

Hinck hatte mehrmals forsch angeklopft und eine halbe Ewigkeit gewartet – immerhin war er für die fünf Meilen zum Nachbardorf eine Stunde lang stramm marschiert. Zwischenzeitlich hatte er sich ausgemalt, wie das Leben doch auf bittere Weise mit ihm spielen würde, wenn der alte Bermert ausgerechnet jetzt das Zeitliche gesegnet haben und auf der sonnenlosen Straße wandeln sollte. Schließlich bestand die Gefahr bei Leuten eines gewissen Alters quasi immerzu.

Aber Bermert hatte ihm schließlich aufgemacht.

»Was, kann ich für dich tun, Wirtsjunge?«

»Guter Bermert«, sagte Hinck. »Wir haben seit einigen Tagen einen seltsamen Gast bei uns im Haus und … ich …«

»Du bist neugierig, wer er ist?«, vollendete der Alte den Satz für ihn.

Hinck nickte unbeholfen.

»Und außerdem hegst du die Hoffnung, euer Gast könnte sich vielleicht in der Ahnengalerie meiner Sammlung befinden?«, fragte Bermert weiter, obwohl beide wussten, dass es eigentlich keine Frage war.

»Na ja«, meinte Hinck. »Im Grunde ist es nur eine Idee. Es ist nur eine Vermutung, dass der Fremde aus Adelskreisen stammen könnte. Er trägt ein sicherlich teures Schwert mit sich herum …«

Bermert rümpfte die Nase. »Das könnte er gestohlen haben.«

»Ja, ich weiß«, sagte Hinck. »Aber er trägt außerdem einen seltsamen, silbernen Anhänger um den Hals …«

»Den könnte er auch gestohlen haben.«

»Aber er wirkt nicht wie ein Dieb«, warf Hinck ein.

»Gerade das würde ihn ja zu einem guten Dieb machen«, grinste Bermert ein Grinsen, dem einige Zähne fehlten. Die kleinen Augen des ehemaligen Fischers strahlten Belustigung aus.

»Er spielt das Königsturm-Spiel«, bedachte Hinck.

»Dann könnte er also auch ein gelehriger und sehr neugieriger Wirtsjunge sein«, erwiderte Bermert amüsiert und zwinkerte erneut. Er spielte darauf an, dass er Hinck vor Jahren einmal das Königsturm-Spiel beigebracht hatte, was dieser seitdem ab und zu mit einem Gast auf der Durchreise spielte. Meist verlor er dabei kläglich.

»Nein, nein, nein. Er spielt es mit sich selbst. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der das Königsturm-Spiel gegen sich selbst spielt. Ich wäre ja nicht einmal auf die Idee gekommen, dass man es auch mit sich selbst als Gegner spielen kann.«

Bermert seufzte. »Kurzum, Junge«, brachte er es auf den Punkt. »Du möchtest gern einmal einen Blick auf die Ahnengalerie werfen. Sag das doch einfach!«

Er stieß die Holztür weit auf, die zur Wohnung neben dem Tempel gehörte. Durch seine Lage direkt an den Mauern des Tempels, besaß das Häuschen des örtlichen Priesters den Luxus einer gemauerten Wand. Als Bermerts Arme noch ein wenig mehr Arbeitswillen hergegeben hatten, hatte er persönlich auch noch eine zweite gezogen. Der Stabilität halber, hatte er behauptet. Das war wohl nicht gelogen, denn die Behausung seines Vorgängers hatte vor einigen Jahren zugegebenermaßen schon ziemlich windschief ausgesehen. Und wenn im tiefen Herbst die Stürme von den Weiten des Golfs herüberzogen, konnte man nie sicher sein, dass alle Wände hielten, was sie im Sommer noch versprachen.

Hinck duckte sich unter den Querbalken hinweg und ließ sich von Bermert durch die Unordnung der Wohnung bis in die Stube führen.

Aha, dafür war die zweite Steinwand also auch gut, dachte Hinck, als er erspähte, wonach er suchte. Die sogenannte Ahnengalerie. Bermerts Sammlung kleiner Portraits und Bilder. Die meisten kaum größer als eine halbe Handfläche. Fein säuberlich mit selbstgezimmerten Holzrahmen umgeben. Dicke Wachsschnüre verbanden die Abbildungen untereinander, um Verwandtschaftsgrade anzuzeigen.

»Da ist sie«, wies Bermert den Wirtsjungen mit einer weitläufigen Geste an. »Links beginnt es mit den hohen Adelshäusern, den Familien der Markgrafen. Je weiter nach rechts man kommt, desto unbedeutender werden die Adelsgeschlechter. Es gibt sogar manche, die kaum mehr Geld besitzen als wir Fischer hier im Dorf. Denen ist bloß noch ihr Name geblieben.«

Die Sammlung war beeindruckend. Und obwohl die Qualität der Bilder sicher nicht die Beste war, konnte Hinck sich vorstellen, dass es den ehemaligen Fischer im Laufe der Jahre einige Erträge gekostet haben dürfte, seiner exzentrischen Freizeitbeschäftigung nachzugehen.

»Noch weiter rechts findest du ein paar bedeutende Kaufmannsgeschlechter und verdiente Ritter des Reiches. Eben jeden, den man irgendwie kennen könnte. Selbst, wenn man in so verlotterten Käffern am Ende der Welt wohnt wie wir.«

Wieder grinste Bermert sein Lächeln mit halber Zahnstärke.

Hinck starrte ungläubig auf die kleinen Bildchen. Es waren Hunderte! Seine Mission schien mit einem Mal ziemlich aussichtslos zu sein. Wie sollte er hier überhaupt irgendjemanden finden?

Aber Bermert gab Hilfestellung. Und wie!

»Dann frag ich einmal, Junge«, begann er. »Auf welches Alter schätzt du denn euren geheimnisvollen Gast?«

Hinck überlegte kurz.

»Etwa dreißig Sommer«, sagte er schließlich. »Vielleicht etwas älter.«

»Haarfarbe?«

»Sattes Kastanienbraun, stark gelockt«, meinte Hinck.

»Hm …«

Hinck betrachtete die Bildchen. Die wenigsten waren farbig und mit Öl gemalt. Vielfach hingen dort nur Wachszeichungen, Radierungen oder ähnliches. Woher um alles in der Welt, wollte Bermert also die Haarfarbe kennen?

»Also, beginnen wir mit der unwahrscheinlichsten Lösung. Der hier müsste mittlerweile etwa so um die zweiunddreißig oder dreiunddreißig Sommer alt sein.«

Bermert deutete auf einen Adeligen ziemlich weit am linken Rand seiner Sammlung. Und Hinck blieb beinahe das Herz stehen.

Das Bild war aus Öl und zeigte einen Jungen, der etwa so alt war wie er selbst. Aber das Gesicht war unverkennbar. Die Narbe, die sich über Augenbraue und Wange zog, hatte der Junge noch nicht. Aber die Gesichtszüge sowie das unbändige Haar, waren ziemlich markant.

Hinck riss sich zusammen. Der Alte durfte nichts merken. Bei den Göttern! Denn selbst jetzt, wo sein Plan zur Hälfte aufgegangen war, durfte außer Hinck niemand wissen, wer bei ihnen zu Gast war. Die andere Hälfte seines Plans wäre nämlich sonst zunichte. Also zeigte Hinck sich ebenso interessiert an den drei oder vier weiteren Möglichkeiten, die Bermert ihm im Laufe des Nachmittags anbot. Zu jedem hatte er einiges an Geschichten zu erzählen. Ob sie stimmten, wusste Hinck nicht.

Er leistete Bermert bis in die frühen Abendstunden Gesellschaft. Dann zog er mit gespieltem Enttäuschen von dannen. Die Arbeit im Gasthaus wartete und außerdem hatte er ja immer noch die Stunde Fußmarsch vor sich.

Innerlich aber lächelte er. Hatte er doch dem Alten einen Gefallen getan, da dieser endlich einmal wieder jemandem seine Geschichten erzählen konnte. Und das Beste war, dass er nun wusste, wer sie als Gast beehrte und seinen Namen nicht verraten wollte. Hinck konnte es ihm nicht einmal verdenken. Wäre sein Name im Ort bekannt, so hätten die ruhigen Stunden des Wartens für den Mann sicherlich der Vergangenheit angehört.

Tags darauf suchte er den Gast auf. Tja, sollte doch ruhig noch mal jemand sagen, Hinck sei auf den Kopf gefallen!

Der Fremde (oder eben der Nicht-mehr-ganz-so-Fremde) saß am Ende des kurzen Stegs und ließ die gestiefelten Beine herunterbaumeln. Das gleißende Herbstlicht ließ den Großen Golf glitzern und über ihnen schrien die Möwen, während der Gast wieder einfach nur hinaus aufs Meer blickte.

»Was gibt es denn?«, fragte der, als Hinck noch einige Schritte entfernt war. Der Wirtsjunge fühlte sich ertappt, ging aber unbeirrt weiter und setzte sich neben den Fremden an die Kante des Stegs.

Er erntete einen skeptischen Blick.

»Ich habe dir doch gesagt, dass ich dir nicht erzählen werde, worauf ich warte.«

Hinck begann zu grinsen. Es mochte ein wenig unverschämt wirken. Aber das war nicht so wichtig.

»Ich wäre ja dafür, dass du es mir doch erzählst, Herr«, meinte Hinck beinahe beiläufig, wie er fand, während er ebenfalls auf das Meer hinausblickte. »Andernfalls muss ich wohl jedem hier erzählen, wer du wirklich bist. Und dann ist es um deine Ruhe des Wartens geschehen.«

»So?«, fragte der Gast. Es klang weit weniger aufgeregt, als Hinck es sich insgeheim erhofft hatte. Es ärgerte ihn ein Stück weit, kannte er doch das Geheimnis des Mannes. »Und wer glaubst du, bin ich?«

Hinck spielte seinen Trumpf aus.

»Markgraf Deckard von Falkenberg.«

Es war für einige Augenblicke still zwischen ihnen. Wieder waren nur die Brandung und das Gekreische der Möwen zu hören.

Schließlich sagte der Fremde behutsam: »Das ist richtig.«

Hinck war etwas verblüfft. Mit dieser Offenheit hatte er nicht gerechnet. Er hatte vermutet, der Markgraf würde es zunächst leugnen.

»Aber sag mir, Hinck«, fuhr der Adelige fort, »warum solltest du Unfrieden stiften wollen? Ist es so dringend, dass du erfahren willst, warum ich hier bin und worauf ich hier warte?«

Der Wirtsjunge seufzte ergeben und schnippte einen Span ins Wasser, den er mit den Fingernägeln aus dem Steg gepult hatte.

»Weißt du, Herr, es ist so unfassbar langweilig hier im Ort. Das Leben spielt sich da draußen ab.«

Er wandte sich um und deutete ins Landesinnere. »Das Eherne Reich«, schwärmte er wie von einem schmackhaften Kuchen. »Dort spielen sich Kriege und Abenteuer ab. Dort gibt es Ritter und Elben. Alleine die große Krise, wie sie hier alle nennen. Die hat sich im selben Land abgespielt, in dem ich lebe. Gar nicht mal so weit entfernt. Aber bis auf den einen oder anderen abgehetzten Söldner, der hier nächtigte, haben wir nichts davon mitbekommen. Gar nichts.«

Deckard von Falkenberg überlegte kurz.

»Weißt du«, meinte er zu dem Wirtsjungen, »dass ihr damit eine Menge Glück hattet?«

Hinck sah ihn an. Der Ausdruck in seinem Blick musste nahe an Entsetzen herangekommen sein. Natürlich konnte so etwas nur ein Fürst und Regent sagen! Wenn er die Geschichten der jüngsten Zeit, die an den Tischen im Gasthaus erzählt wurden, richtig verstand … dann hatte ausgerechnet Deckard von Falkenberg genug Abenteuer für zehn Menschenleben erlebt. Kein Wunder, dass er die Nase voll hatte. Aber Hinck hatte eben auch die Nase voll vom Dasein eines Wirtsjungen. Auf seinem Weg lauerten keine Riesen und keine Elben, keine Drachen und Jungfrauen, keine Ritter und kein ruhmreicher Krieg. Auf seinem Weg gab es nur das Gasthaus, das er eines Tages übernehmen würde, um sich weiterhin nur die Geschichten der Durchreisenden anzuhören.

Deckard sah ihm tief in die Augen. Hinck schluckte. Da war schon wieder dieser Blick. Wie tiefgründig er war, wie eigenartig. Alt, viel zu alt für das Gesicht des Mannes.

Doch er sprach eine eindeutige Sprache: Ich weiß, worum es dir geht, Wirtsjunge Hinck.

Hinck wandte sich ab, bevor ihm die Tränen in die Augen schossen. Natürlich konnte er dem Graf Ärger machen. Aber was sollte das bringen?

»Ich habe einen Vorschlag«, sagte Deckard von Falkenberg auf einmal.

Hinck sah wieder hin, mit großen Augen.

»Die Geschichte, die mich hierher führt, ist ziemlich lang«, fuhr der Markgraf fort. »Und das, worauf es sich hier für mich zu warten lohnt, wird frühestens in einigen Tagen geschehen … wenn es denn überhaupt passiert.«

Hinck meinte für die Zeit eines Wimpernschlags einen Anflug von Wehmut in den grünen Augen des Gastes zu entdecken. Aber bevor er näher hinsehen konnte, war sie auch schon wieder fort.

»Ich werde dir einfach erzählen, was in den letzten Monaten geschehen ist. Warum ich hier bin. Und warum ich auf das, was du Abenteuer nennst, in Zukunft gerne verzichten kann.«

Hincks Augen leuchteten.

»Es wird eine Weile dauern«, meinte Deckard weiter. »Und du hast sicherlich genug zu arbeiten, sodass ich trotzdem von Zeit zu Zeit meine Ruhe haben kann, oder?«

Hinck nickte. Nein, zur Last fallen wollte er dem Herrn von Falkenberg nicht. Nicht, nachdem er ihm dieses großzügige Angebot gemacht hatte.

»Und noch etwas«, sagte der junge Markgraf.

Der Wirtsjunge spitzte die Ohren.

»Wenn geschehen sollte, worauf ich warte, bevor ich fertig erzählt habe … dann belassen wir es dabei.«

Wieder nickte Hinck eifrig – und hoffte inständig, dass sich jenes Ereignis bitte noch einige Tage gedulden möge.

Stille legte sich zwischen sie. Nur das Kreischen der Möwen und das Rauschen der Brandung war zu hören.

»Also?«, fragte Hinck schließlich vorsichtig nach.

Deckard lachte auf.

»Hast du denn nichts zu tun?«

»Es ist Vormittag«, wand Hinck ein. »Ich habe das Vieh versorgt und die Betten gemacht. Die Wirtsstube ist gewischt und –«

»Ist schon gut«, fiel Deckard lachend dazwischen. »Ist schon gut. Ich fange ja schon an. Lass mich nur kurz überlegen, wo ich beginnen soll.«

Er dachte eine Weile nach. Viel zu lange für den ungeduldigen Hinck. Aber er ließ ihn, aus Angst, der Herr von Falkenberg könnte sich im allerletzten Moment doch noch anders entscheiden.

»Ich glaube«, hob Deckard an, »ich fange bei den drei Besuchen an.«

»Die drei Besuche?«

Deckard nickte und holte zu einer großen Erzählung aus: »Denn wenn ich recht überlege, haben die Ereignisse der letzten Monate für mich genau damit begonnen. Drei unerwartete Besuche …«

Thilo Corzilius

Über Thilo Corzilius

Biografie

Thilo Corzilius, 1986 in Dortmund geboren, studierte in Münster Evangelische Theologie. Er geht häufig ins Kino, spielt in diversen Bands und reist leidenschaftlich gerne in Länder mit rauem Klima – zum Beispiel nach Schottland. Der bekennende Whisky-Liebhaber fand für sein Debüt "Ravinia" sehr...

Medien zu »Dorn«

Pressestimmen

bluenaversum.blogspot.de

»Ich kann das Buch guten Gewissens allen Fantasy Lesern weiterempfehlen.«

Armarium Nostrum (Blog)

»Spannung, Hintergrund und Flair stehen in einem genau passenden Verhältnis zueinander. (...) Mit ›Dorn‹ hat Thilo Corzilius einen wirklich gelungenen High-Fantasy-Roman vorgelegt, der wirklich atmosphärisch und mitreißend geschrieben ist.«

LiteraTopia

»Thilo Corzilius bietet nahezu alles, was das Fantasyherz begehrt: eine bunt gemischte Heldentruppe, finstere Antagonisten, magische Artefakte und einen epischen Kampf um das Schicksal eines riesigen Reiches.«

LiteraTopia

»Thilo Corzilius bietet nahezu alles, was das Fantasyherz begehrt: eine bunt gemischte Heldentruppe, finstere Antagonisten, magische Artefakte und einen epischen Kampf um das Schicksal eines riesigen Reiches.«

booksection.de

»Thilo Corzilius ist hier ein Buch gelungen, das durchweg fesselt und das man absolut gerne liest.«

Biblio Fantastica

»›Dorn‹ ist eine fantastische Geschichte, in einer fast greifbar wirkenden Welt mit einem Helden, dem schon mit den ersten Seiten die Herzen der Leser zufliegen werden. Durchgehend spannend, aber auch emotional. (...) Eine Geschichte, die ich bedenkenlos jedem Fantasyleser empfehlen kann.«

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