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DonnerDonner

Donner

Die Chroniken von Hara 3

Taschenbuch
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Donner — Inhalt

Vom russischen Erfolgsautor der »Chroniken von Siala« kommt der dritte Band der »Hara«-Chroniken erstmals im Taschenbuch. Von Hass und Rachsucht getrieben, begibt sich Ness auf die Suche nach den Mördern seiner Frau. Doch die Spuren weisen in zu viele Richtungen und Ness ist gezwungen, ein unheilvolles Bündnis mit dem Feind einzugehen. Einzig Shen, Lahens Schüler, steht an seiner Seite. Welche Verbündeten können Ness und Shen in dieser gefährlichen Lage um sich scharen? Wem können sie trauen? Am Ende muss jeder der Gefährten selbst entscheiden, was er mehr fürchtet: den dunklen Funken oder das Dunkel in sich selbst …

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 13.04.2015
Übersetzer: Christiane Pöhlmann
480 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-26985-8
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 14.05.2013
Übersetzer: Christiane Pöhlmann
448 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96165-3

Leseprobe zu »Donner«

Kapitel 1


»Da platzt doch die Kröte!«, stöhnte Luk unter der Kapuze hervor. »Nicht schon wieder!«

»Nicht schon wieder was?«, fragte Ga-nor, der sich das zu einem Zopf zusammengebundene Haar auswrang.

»Nicht schon wieder Regen! Falls du es noch nicht bemerkt hast: Das geht jetzt schon zwei verfluchte Wochen so.«

Ga-nor murmelte nur etwas, das Luk nicht verstand.

»Ist dir dieses Wetter wirklich einerlei?«, hakte er nach.

»Solange mich der Regen nicht umbringt, ja.«

Darauf folgten ein gewaltiger Nieser und weitere Nörgelei vonseiten Luks. In letzter Zeit [...]

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Kapitel 1


»Da platzt doch die Kröte!«, stöhnte Luk unter der Kapuze hervor. »Nicht schon wieder!«

»Nicht schon wieder was?«, fragte Ga-nor, der sich das zu einem Zopf zusammengebundene Haar auswrang.

»Nicht schon wieder Regen! Falls du es noch nicht bemerkt hast: Das geht jetzt schon zwei verfluchte Wochen so.«

Ga-nor murmelte nur etwas, das Luk nicht verstand.

»Ist dir dieses Wetter wirklich einerlei?«, hakte er nach.

»Solange mich der Regen nicht umbringt, ja.«

Darauf folgten ein gewaltiger Nieser und weitere Nörgelei vonseiten Luks. In letzter Zeit lag er Ga-nor unaufhörlich damit in den Ohren, wie sehr ihm die ewige Reiterei zuwider sei, noch dazu bei diesem miserablen Herbstwetter.

»Ich hab dir schon hundertmal gesagt, wir sollten uns irgendwo verkriechen, wo wir ein Dach überm Kopf haben. Mir erzählt doch niemand, dass es hier nirgends eine Schenke gibt. Da könnten wir wenigstens im Trockenen sitzen. Und bekämen was Gutes zu essen, heißen Shaf …«, schwärmte er – und sein Magen fing erbärmlich an zu knurren. »Die Hauptsache wär aber, nach diesem ständigen Regen endlich mal durchzutrocknen. Sieh dir bloß mal mein Pferd an. Ja, genau, mein Pferd. Meinst du nicht auch, es verwandelt sich allmählich in Wasser? Hör auf zu lachen. Falls ich nicht demnächst in dieser Saukälte verrecke, wachsen mir bestimmt Kiemen, du wirst schon sehen.«

»Wir dürfen unsere Zeit nicht in einer Schenke vertrödeln«, entgegnete Ga-nor, der sich jetzt ebenfalls die Kapuze über das nasse Haar zog. »Glaub mir, mich entzückt dieses Wetter auch nicht. Aber wir müssen weiter. Der erste Herbstmonat neigt sich bereits dem Ende zu, und wenn der dritte erst einmal vorbei ist, sind die Pässe durch die Katuger Berge zugeschneit. Dann kommen wir da nicht mehr durch, sondern müssen bis zum Frühjahr hier unten im Süden bleiben. In Gesellschaft der Herren Nekromanten. Würde dir das vielleicht gefallen?«

Für den wortkargen Nordländer war dies eine außergewöhnlich lange Rede. Luk nieste erneut und schnäuzte sich geräuschvoll. »Ich habe es schon einmal gesagt, doch ich wiederhole es gern«, brummte er schließlich. »Wir kommen nie im Leben über die Treppe des Gehenkten. Die Nabatorer mögen vielleicht unfähig sein – blind sind sie nicht. Der Pass ist zu schmal, als dass wir uns da unbemerkt rüberstehlen könnten.«

»Dann mach halt einen anderen Vorschlag«, verlangte Ga-nor gelassen.

Und beendete damit die Auseinandersetzung. Im Grunde wusste Luk selbst, dass es nur diese eine Möglichkeit für sie gab, nach Norden vorzustoßen: die Treppe des Gehenkten. Der zweite Pass, bei Burg Donnerhauer, lag zu weit westlich. Der Weg dorthin würde sie noch mehr Zeit kosten, obendrein führte er durch die Bluttäler, was die Sache zusätzlich erschweren würde, denn vor Gash-shaku und Altz dürfte es inzwischen von Nabatorern nur so wimmeln.

»Wenn du nicht durch die Berge willst, bliebe uns nur, uns irgendwo zu verkriechen und abzuwarten«, hielt Ga-nor fest.

»Alles, nur das nicht! Da würden uns mit Sicherheit irgendwann Untote oder Ascheseelen aufspüren. Nein, die ganze Zeit in irgendeinem Versteck zu hocken und in Erwartung dieser ehrenwerten Gäste mit den Zähnen zu klappern, das ist nichts für mich«, wehrte Luk ab. »Wie weit ist es denn eigentlich noch bis zur Treppe des Gehenkten?«

Ga-nor richtete sich in den Steigbügeln auf, sah sich aufmerksam um und zuckte die Achseln. Das war die Antwort, die er in letzter Zeit auf alle Fragen Luks am häufigsten gab.

»Aber wir reiten in die richtige Richtung?«

»Ja.«

Luk seufzte. Mitunter brachten ihn die einsilbigen Äußerungen seines Freundes schier um den Verstand. War es denn zu viel verlangt, sich ein wenig miteinander zu unterhalten? Statt immer nur mit sich selbst?

Die Gegend, durch die sie ritten, trug auch nicht gerade zu ihrer Aufmunterung bei: spärlicher Wald, wenige gelbe Blätter an den Zweigen, meist aber kahle Bäume, ein grauer Himmel, eine blasse Sonne, die sich kaum durch die Wolken brach, ganz zu schweigen vom Regen, der alle Tümpel übertreten ließ.

»Vor zwei Tagen hast du auch schon behauptet, wir würden uns in die richtige Richtung bewegen«, knurrte Luk. »Aber die westlichen Ausläufer der Blinden Berge sind immer noch nicht in Sicht.«

Ga-nor jedoch hielt mal wieder nur Schweigen für ihn bereit.

»Da platzt doch die Kröte!«, brauste Luk auf. »Ich ertrag das nicht länger.«

»Sprichst du von deiner ewigen Nörgelei?«

»Nein! Ich spreche davon, dass mir diese Ödnis zum Hals raushängt! Erinnerst du dich eigentlich noch, wann wir das letzte Mal etwas Anständiges zu essen bekommen haben? Ich nämlich nicht. Und mein Magen erst recht nicht. Die ganze Zeit über stopfen wir nur irgendwelchen Mist in uns hinein. Pass auf, es dauert nicht mehr lange, dann futtern wir Ratten.«

»Schon geschehen.«

»Bitte?!«, fragte Luk verständnislos zurück.

»Gestern Abend standen Ratten auf unserem Speiseplan«, erklärte Ga-nor seelenruhig. »Genauer gesagt, Zieselmäuse.«

Luk sah Ga-nor entsetzt an, begriff, dass dieser keineswegs gescherzt hatte, und sagte mit brechender Stimme: »Ich glaub, ich muss gleich kotzen.«

»Stell dich nicht so an. Schließlich hast du gestern ordentlich zugelangt.«

»Da wusste ich ja auch nicht, dass wir Rattenfl…«

In dieser Sekunde riss Ga-nor jedoch die Hand hoch und gebot Luk zu schweigen. Dieser griff sofort nach dem Streitflegel. Die Stille, die sich herabsenkte, wurde nur vom Regen, der auf ihre Kapuzen prasselte, und vom Schnauben ihrer unruhigen Pferde durchbrochen. Die Straße verschwand weitgehend hinter einem Regenvorhang, sodass sie eine Sicht von weniger als hundert Yard hatten.

Eine Minute verstrich. Noch eine.

»Runter von der Straße!«, befahl Ga-nor. »Sofort!«

Das taten sie zwar, doch es änderte nicht viel. Der Wald war viel zu spärlich, als dass sie beide und die Tiere sich dort hätten verstecken können, die schmalen Espen boten kaum Deckung, die wenigen Sträucher verbargen die Spuren der Tiere nicht.

Luk knüpfte sogleich einen Lederbeutel vom Sattel, der die Armbrust gegen den Regen schützte, entnahm die Waffe, untersuchte die Sehne, spannte sie, holte einen Bolzen aus einem zweiten Beutel und setzte ihn ein. Fünf Minuten bangen Wartens vergingen, ehe Ga-nor schließlich sagte: »Ich habe mich getäuscht.«

»Meloth sei gepriesen«, stieß Luk aus. Da er Ga-nors Instinkten blind vertraute, entlud er die Armbrust wieder und steckte sie rasch in den Lederbeutel, um sie nicht länger als nötig der Feuchtigkeit auszusetzen.

Wortlos führten sie die Pferde auf die Straße zurück und saßen wieder auf.

»Du hast dich also getäuscht?«, fragte Luk, wenn auch nicht in vorwurfsvollem Ton, denn auch er vertrat die Ansicht, dass sie gar nicht vorsichtig genug sein konnten. Sobald Ga-nor auch nur den geringsten Verdacht schöpfte, suchten sie deshalb stets Deckung. Zweimal waren sie den Nabatorern auf diese Weise bereits entkommen. In den letzten Tagen jedoch stellten sich Ga-nors Warnungen häufig als falscher Alarm heraus.

»Ich habe ein Wiehern gehört«, brachte Ga-nor zögernd heraus.

»Glaubst du etwa, in dieser Ödnis streift außer uns noch jemand herum?«

»Das nennst du Ödnis? Ich schwöre dir bei Ug, dass ganz in der Nähe ein Dorf ist.«

»Wie kommst du denn darauf?«

»Riechst du den Rauch nicht?«

Luk sog die Luft tief in sich ein, doch der Geruch der nassen Pferde überlagerte alles andere.

»Vielleicht hast du also gar kein Wiehern, sondern Geräusche aus dem Dorf gehört?«, schlug Luk vor.

»Red keinen Unsinn! Bis zu dem ist es noch eine Viertelleague.«

Ga-nor streifte die Kapuze zurück und lauschte zum wiederholten Mal an diesem Tag in den kalten Regen hinein. In letzter Zeit schlief er kaum noch. Wenn das so weiterging, würden ihm schon bald gravierende Fehler unterlaufen – die ihn in die eisigen Hallen Ugs brächten.

»Vielleicht sollten wir doch zusehen, dass du zu deinem heißen Shaf kommst«, sagte er schließlich. »Und ich zu etwas Stroh zum Schlafen. Wir müssen beide frische Kräfte sammeln.«

»Das ist die erste gute Nachricht seit einer Woche!«, meinte Luk strahlend. »Außerdem dürfte es bald Frost geben, da könnten wir gut etwas Wärmeres als unsere Umhänge gebrauchen. Vielleicht können wir im Dorf ja ein paar Sachen kaufen …«

Ga-nor verzog das Gesicht. Sie hatten nur wenig Geld. Und für einen Kupferling und etwas Silber würde ihnen sicher niemand Winterkleidung überlassen.

Die Pferde liefen nun schneller, als spürten auch sie, dass sie bald ausspannen durften.

Doch kurze Zeit später zügelte Ga-nor abrupt sein Tier, sprang aus dem Sattel und untersuchte aufmerksam den Boden.

»Ist da was?«, fragte Luk ungeduldig.

»Spuren. Von Pferden.«

»Bist du sicher?« Luk vermochte sich einfach nicht vorzustellen, wie irgendjemand diesem Schlamm eine brauchbare Spur entnehmen wollte.

»Hier ist vor gut einer Stunde jemand langgeritten.«

»Bestimmt Bauern«, brachte Luk heraus, der auf gar keinen Fall von der Aussicht auf heißen Shaf Abschied nehmen wollte.

»Bauern gehen zu Fuß. Und wenn sie ein Tier haben, dann nur eine alte Mähre, die ihren wackeligen Karren zieht.« Ga-nor sprang wieder in den Sattel und wendete sein Pferd. »Hier sind aber viele Tiere langgekommen. Wir reiten wieder in den Wald. Schlagen wir uns durch ihn zu den Blinden Bergen. Wenn alles gut geht, müssten wir sie in ein paar Tagen erreichen.«

Nur vereitelte da Hufgetrappel ihren Plan.

Aus der Richtung, aus der auch sie gekommen waren, näherten sich über die Straße Pferde. Um sie herum erstreckten sich nur Felder, die der Regen in die reinste Sumpflandschaft verwandelt hatte. Ihre Tiere würden darin keine zwanzig Yard weit kommen. In der Zeit wären die Verfolger längst heran. Und wenn es unter ihnen Armbrustschützen gäbe, würde die Sache übel enden.

Deshalb traf Ga-nor die einzig mögliche Entscheidung: Mit Ugs Namen auf den Lippen sprengte er die Straße hinunter. Luk zögerte nur eine Sekunde, ehe er ihm folgte.

Links und rechts von ihnen flog Schlamm auf, sodass Tiere wie Reiter schon bald mit Dreck bespritzt waren. Der Regen schlug ihnen in die Augen. Ihre Finger krallten sich derart um die Zügel, dass sie binnen Kurzem ertaubten. Luk schmiegte sich gegen die streng riechende Mähne seines Pferdes und versuchte, nicht hinter Ga-nor zurückzubleiben. Dieser Ritt erinnerte ihn an die missglückte Flucht aus Alsgara, an jenen Tag, als Rowan die Stadt mit seinen Katapulten angegriffen hatte.

Irgendwann verengte sich die Straße, zog sich auch nicht länger schnurgerade hin, sondern wand sich in ein Tal hinein, das zwischen zwei kleineren Hügeln mit Lehmhängen lag. Selbst bei Sonnenschein wäre es nicht gerade einfach gewesen, diese Anhöhen zu erklimmen, bei dem Regen aber konnte erst recht keine Rede davon sein. Verzweifelt preschten sie weiter und hielten nach einer Stelle Ausschau, an der sie die Straße verlassen konnten.

Der Regen nahm immer stärker zu, ja, er ging allmählich sogar in Schneeregen über. Die Tiere, durch den Ritt erhitzt, schüttelten unzufrieden die Köpfe. Sie waren bereits müde und fingen an zu straucheln.

Endlich sahen sie weit vor sich über den kahlen Wipfeln einzelner Espen graublauen Rauch und einen Glockenturm.

»Ins Dorf!«, schrie Ga-nor.

»Was, wenn da Feinde lauern?«

»Schlimmer kann’s jetzt auch nicht mehr kommen! Siehst du den Wald hinterm Dorf? Wenn wir den erreichen, sind wir in Sicherheit.«

Während sie die Straße hinunterjagten, betete Luk inständig zu Meloth, dass die Pferde sie nicht im Stich ließen. Schon erreichten sie den kleinen Friedhof, auf dem Birken wuchsen und der eine windschiefe hölzerne Einfriedung hatte. Dahinter stand ein moosbewachsener Kahler Stein – und ein grober, klotziger Galgen, an dem einige Leichen hingen. Luk sah ihn in dem Augenblick, als ein Bolzen durch den Regen schoss und in den Hals von Ga-nors Pferd einschlug.

Ga-nor gelang es, geschickt über die Schulter abzurollen. Er landete neben dem Galgen. Luk, der in solchen Situationen eine schnelle Auffassungsgabe zeigte, zügelte sein Pferd, sprang aus dem Sattel, stolperte, fiel, rollte ebenfalls ab – und entkam damit einem weiteren Bolzen. Wie eine Schlange kriechend, arbeitete er sich zu Ga-nor vor.

»Da platzt doch die Kröte!«, knurrte er.

»Halt den Kopf unten!«

Sie lagen unter einem kümmerlichen Strauch am Straßenrand.

»Nabatorer!«, flüsterte Luk. »Und jede Menge Tote.«

Die Leichen am Galgen, bereits blau angelaufen und von den Aasgeiern benagt, schwankten sanft hin und her. Der Kleidung nach zu urteilen, handelte es sich um Bauern.

Im Unterschied zu Luk, der ein Gebet murmelte, achtete Ga-nor nicht auf die Toten, sondern suchte fieberhaft nach einem Versteck. Bis zum Friedhof würden sie es nicht schaffen, das waren hundert Yard über offenes Gelände. Da wäre ein Wunder nötig, um ihn zu erreichen, ohne sich einen Bolzen in den Rücken einzufangen. Das Dorf schied auch aus – denn hinter den Heuballen am Straßenrand lauerten ebenjene Schützen, die sie beschossen.

Obwohl Luk eine nur kaum merkliche Bewegung machte, pfiff sofort der nächste Bolzen durch die Luft, der ihn beinahe am Kopf getroffen hätte. Er stieß einen Fluch aus, presste sich noch stärker in den Schlamm und schielte zu Ga-nor hinüber, der sein Schultergehänge abgeknüpft hatte, um die Scheide mit dem Schwert an sich zu nehmen und die Klinge blankzuziehen. Luk folgte seinem Beispiel und bewaffnete sich sowohl mit dem schmalen Dolch wie auch mit dem Krummmesser.

»Was ist, mein Freund?«, fragte er Ga-nor. »Zeigen wir es diesen Nabatorern?«

»Das sind keine Nabatorer.«

Mittlerweile waren ihre Verfolger in Sichtweite gekommen, auch sie auf völlig erschöpften Pferden. Es waren Soldaten, manche in Kettenhemd, andere in Rüstung. An der Spitze ritt der Bannerträger. In dem durchweichten Lappen, der an der Fahnenstange klebte, ließ sich nur noch mit Mühe die Standarte des Imperiums erkennen.

»Da platzt doch die Kröte, das sind ja unsere Leute!«, schrie Luk aufgeregt und wollte schon aufstehen, doch Ga-nor drückte ihn zu Boden.

»Bleib liegen!«, zischte er. Er behielt die heranrückende Einheit fest im Blick. Auch das Schwert lag nach wie vor griffbereit neben ihm, ja, er hatte sogar die Beine angezogen, damit er notfalls aufspringen konnte.

»Aber das sind doch unsere …«, murmelte Luk noch einmal.

»Dann mach denen mal klar, dass wir keine Feinde sind«, brummte Ga-nor.

In diesem Augenblick entdeckten die Verfolger sie, und fünf Mann scherten aus, um auf die beiden zuzuhalten. Die Übrigen preschten, ohne die Geschwindigkeit zu zügeln, weiter auf das Dorf zu. Dennoch entging Ga-nor nicht, wie erschöpft die Soldaten waren und dass sich viele von ihnen aufgrund von Verletzungen kaum noch im Sattel halten konnten.

Den fünf Männern, die sich ihnen näherten, ritten zwei Soldaten in Rüstung voran, auf deren stählernen Harnischen springende Leoparden eingraviert waren.

Einer der beiden war noch jung. Das dunkelblonde Haar zeigte ein mattes Silber an den Schläfen, was darauf deutete, dass in seinen Adern das Blut der Imperatorfamilie floss. Die blauen Augen unter den geraden Augenbrauen blickten aufmerksam und müde. Das feine, edle Gesicht wurde durch eine gebrochene Nase entstellt, die noch nicht wieder verheilt war. Die eingefallenen Wangen wurden von Bartstoppeln bedeckt. Über der rechten Braue prangte eine kleine, notdürftig vernähte Wunde.

Der zweite Mann schien ein echter Gigant zu sein; er hatte den Helm noch auf.

Die drei Soldaten hinter ihnen trugen einfache Rüstungen: Jacken mit aufgesetzten stählernen Platten sowie Kettenhemden mit Kapuzen. Zwei von ihnen hielten die Armbrust im Anschlag.

»Wer seid ihr?«, fragte der Gigant. Die Stimme hinter dem heruntergelassenen Visier klang dumpf und dröhnend, wie eine Tempelglocke.

»Wir sind Freunde«, antwortete Luk.

Beide standen nun vorsichtig auf.

»Werft die Waffen weg«, verlangte der junge Mann.

Ga-nor kam dem Befehl rasch nach, Luk grummelte etwas, folgte dann aber dem Beispiel seines Gefährten. Der Dolch und das Messer flogen auf den Boden. Aber selbst jetzt senkten die zwei Reiter die Armbrüste nicht.

»Führt sie ab«, befahl der Gigant. Daraufhin jagte er mit dem jungen Mann in Richtung Dorf davon.

»Was soll das heißen?!«, empörte sich Luk, als ihm die Hände gefesselt wurden. »Wir sind doch Freunde!«

»Das klären wir später«, erwiderte einer der beiden Armbrustschützen in bedrohlichem Ton. »Steht still. Das gilt vor allem für dich, Rotschopf. Ich kenne euer Volk.«

»Da platzt doch die Kröte, wir sind keine Feinde!«, versuchte es Luk ein letztes Mal.

»Halt jetzt endlich den Mund, sonst werd ich dir mal zeigen, was eine Kröte ist, du elender Kerl!«, zischte der andere Armbrustschütze. Nun endlich begriff Luk, wie dieser Streit enden würde, und schwieg.

»Du kannst unseren Kommandeuren erzählen, wer du bist. Falls sie dir zuhören«, erklärte der Erste, während er die Schnüre um Ga-nors Hände so fest anzog, dass dieser mit den Zähnen knirschte.

Von den drei Reitern eskortiert, mussten die beiden durch den Schlamm stapfen. An einem Gemüsegarten kauerten zwei weitere Armbrustschützen unter ihren Umhängen verborgen, um die Straße im Auge zu behalten.

»Ihr seid flink«, bemerkte einer von ihnen. »Und so sauber!«

»Wenn hier Dreckschweine anwesend sind, dann seid ihr das!«, knurrte Luk, doch zum Glück hörte ihn niemand.

Im Dorf wimmelte es von Soldaten, von den eigentlichen Bewohnern war dagegen nichts zu sehen. Entweder versteckten sie sich oder hatten längst das Weite gesucht.

»He! Mann!«, rief einer ihrer Bewacher. »Wohin sollen die beiden?«

»Zu Mylord Rando.«

»Und wo finde ich den? Oder soll ich etwa in jedem Hof nach ihm suchen?«

»Er ist im Tempel.«

»Klar, jetzt muss er beten«, brummte Luk, wofür er sich einen leichten Stoß in den Rücken einfing.

Durch das kleine Dorf führte nur eine einzige dreckige Straße, die von zwei Dutzend unansehnlichen Häusern gesäumt wurde. Die Gemüsegärten schützten niedrige Zäune, am Brunnen gab es einen länglichen Schwingbaum. Dann entdeckten sie noch eine einstöckige Schenke, deren Schild schon völlig verblichen war, den Tempel mit breiter Vortreppe und hölzernem Glockenturm, der so brüchig wirkte, dass er bei der nächsten Bö einzustürzen drohte, sowie hinter den Bauernhäusern eine Wassermühle.

Jemand verlangte über die ganze Straße hinweg nach einem Hurensohn von Medikus. Rechts unter einem Strohdach, das vom Regen durchnässt war, lagen drei Tote. Der in ein Kettenhemd gewandete Priester des Meloth murmelte ein Gebet und segnete sie.

Jemand führte die Pferde zum Schutz vor dem Regen in eines der Häuser. Am Dorfrand wurden mit verzweifelter Hast Beile geschwungen, immer wieder waren scharfe Befehle zu hören. Auf dem Glockenturm hatten sich bereits einige Bogenschützen eingerichtet. Luk war sich sicher, dass sie selbst bei diesem miesen Wetter die Umgebung gut einsehen konnten. Nachdem er den Blick hatte schweifen lassen, kam er zu dem Schluss, dass sich im Dorf etwa fünfzig Soldaten aufhielten.

Die Tür zum Tempel stand sperrangelweit offen. In seinem Innern war es schummrig, ihn schmückten lediglich ungeschickt gemalte Darstellungen des Meloth.

»Wir können uns das auf gar keinen Fall erlauben, Rando!«, tönte jemand mit tiefem Bass. Die Stimme gehörte jenem Giganten, den Luk und Ga-nor bereits kennengelernt hatten. Jetzt hatte der Mann seinen Helm abgenommen und sein grobes, kantiges Gesicht mit der fleischigen Nase und dem breiten Kinn voller Bartstoppeln entblößt. »Eine solche Verzögerung wäre unser Tod!«

»Nein, weiterzureiten wäre Wahnsinn«, widersprach Rando, ebenjener junge Mann, der den Giganten vorhin begleitet hatte. »Die Pferde sind müde. Und die Männer auch. Wir brauchen mindestens einen Tag Ruhe.«

»Aber die Nabatorer sind uns auf den Fersen.«

Außer diesen beiden waren noch fünf weitere Männer anwesend, zwei in Rüstungen mit dem Leoparden-Emblem, die Übrigen in Kettenhemden, schweinsledernen Jacken und verdreckten Hosen. Sie alle blickten finster und ausgelaugt drein und vermochten sich kaum noch auf den Beinen zu halten.

»Ich glaube, fürs Erste haben wir sie abgehängt«, bemerkte nun einer von ihnen.

»Da täuschst du dich, Glum«, widersprach ihm ein schwarzbärtiger Mann mit einem Falchion am Gürtel, allem Anschein nach ein gebürtiger Morassier. »Sie werden uns nachsetzen, denn wir sind eine zu große Gefahr in ihrem Rücken. Dennoch hat Mylord Rando recht. Noch eine Stunde, und sowohl die Pferde als auch die Männer sterben vor Erschöpfung.«

»Das tun sie bereits«, verbesserte ihn ein blonder Mann, der gerade den Tempel betrat. »Ich habe die Verwundeten in einem der Häuser unterbringen lassen. Der Medikus ist bei ihnen.«

»Ich danke dir, Kallen. Woder, ich habe Befehl erteilt, die Straße zu versperren und das Dorf zu sichern«, setzte Mylord Rando den Giganten in Kenntnis.

»Du bist der Kommandeur«, entgegnete Woder. Dann drehte er sich dem Eingang des Tempels zu, an dem Ga-nor und Luk warteten. »Also, wenn ihr jetzt noch mal erklären würdet, wer ihr seid.«

»Luk, Soldat im Eisturm in der Burg der Sechs Türme.«

Daraufhin stieß Kallen einen erstaunten Pfiff aus und kniff die Augen zusammen.

»Ga-nor aus dem Irbisklan. Fährtenleser in der Burg der Sechs Türme.«

»Wir haben gehört, niemand habe den Sturm auf die Burg überlebt«, sagte der Morassier.

»Und wir haben gehört, vom Himmel fliegen Kröten«, knurrte Luk. »Wir konnten jedenfalls entkommen.«

»Bei Altz wurde uns versichert, in den Bergen seien alle gestorben«, mischte sich nun ein hagerer, fast schon skelettöser Mann mit einer schmalen Nase und großen Segelohren ein, der bis jetzt geschwiegen hatte. Seine Kleidung wies ihn als Glimmenden aus.

»Lassen wir das Spekulieren, Jurgon. Wir haben andere Möglichkeiten, das zu klären«, sagte Rando, um sich dann an Glum zu wenden. »Crayg soll herkommen.« Daraufhin eilte Glum zum Ausgang, während Rando fortfuhr: »Gut, nehmen wir einmal an, ich glaube euch. Aber selbst in dem Fall seid ihr lange unterwegs gewesen. Fast vier Monate. Offenbar hattet ihr keine große Eile, euch wieder der Armee anzuschließen. Zum Beispiel am Linaer Moorpfad, wo es die ganze Zeit über Kämpfe gab. Oder an der Treppe des Gehenkten.«

»Wir sind keine Deserteure«, blaffte Luk ihn an.

»Darüber entscheiden wir!«, brüllte Woder.

»Von der Burg der Sechs Türme aus haben wir uns durch den Wald nach Alsgara geschlagen«, gab Ga-nor Auskunft. »Zu den Schreitenden.«

»Wozu das denn?!«, fuhr ihn der Glimmende Jurgon an, und der Adamsapfel in seinem schmalen Hals hüpfte unter der durchscheinenden, pergamentenen Haut.

»Weil uns die Schreitende aus der Burg der Sechs Türme darum gebeten hatte. Das heißt, sie hat mich darum gebeten … bevor sie gestorben ist«, erklärte Luk. Die Schnüre schnitten ihm erbarmungslos in die Handgelenke, die kalte, nasse Kleidung klebte an seinem Körper, und die ganze Situation kam ihm unglaublich ungerecht vor.

»Und?«, wollte Jurgon wissen. »Seid ihr im Turm gewesen?«

»Ja.«

»Mit wem habt ihr gesprochen?«

»Mit der Herrin Irla.«

Jurgon nickte Rando kaum merklich zu.

»Gut. Und dann habt ihr die Stadt verlassen?«

»Ja. Wir wollten zur Treppe des Gehenkten«, antwortete Ga-nor. »Und von dort aus weiter nach Norden.«

»Wie sieht es in Alsgara aus?«, fragte einer der Männer.

»Wir haben die Stadt vor fast einem Monat verlassen. Seitdem haben wir selbst nichts mehr gehört. Wir haben uns durch die Wälder gekämpft, weil die Straßen voller Nabatorer waren.«

»Auch euch haben wir zunächst für Nabatorer gehalten«, sagte Luk. »Deshalb sind wir so schnell wie möglich abgehauen. Nachdem Alsgara belagert worden ist, machen wir nichts anderes, als uns vor dem Aussatz aus Nabator und Sdiss zu verstecken.«

»Die Stadt wird belagert?«, fragte der Morassier erstaunt. Auf die Übrigen hatte diese Mitteilung die gleiche Wirkung.

»Mhm, seit dem letzten Sommermonat«, murmelte Luk. »Wusstet ihr das etwa nicht?«

»Sämtliche Nachrichten erreichen uns nur mit ungeheurer Verspätung«, erklärte Jurgon.

In dieser Sekunde kam Glum mit einem Bogenschützen zurück. Der musterte die beiden Gefangenen genauestens und antwortete auf die unausgesprochene Frage Randos, indem er den Kopf schüttelte. »Die sehe ich zum ersten Mal, Kommandeur.«

»Und?«, fragte Woder. »Was ist mit euch? Kennt ihr diesen Mann?«

»Nein«, antwortete Luk, obwohl er eine Fangfrage vermutete. Ga-nor zuckte nur die Achseln.

»Crayg hat in der Burg der Sechs Türme Dienst getan.«

»Vor wie vielen Jahren?«

»Vor fünfzehn«, antwortete der Mann verlegen.

»Vor fünfzehn Jahren kannte ich noch nicht mal das Wort Buchsbaumberge«, fuhr Luk ihn an. »Sucht euch jemand andern, den ihr über dem Löffel barbieren könnt!«

Daraufhin erntete er nur finstere Blicke.

»Wie heißt die Statue des ersten Hauptmanns?«, wollte Crayg weiter wissen.

»Langer Esel«, antwortete Luk in herausforderndem Ton. »Weiter?«

»Wie viele Tore gibt es in der Gartenmauer?«

»Sechs. Das zweite von links ist bereits seit neun Jahren vermauert.«

»Was ist auf der Kuppel des Feuerturms dargestellt?«

»Nichts – denn die Kuppel ist nie fertig gebaut worden.«

»Scheint alles zu stimmen«, wandte sich Crayg wieder den anderen Männern zu.

»Scheint!«, spie Woder aus. »Auf dein scheint können wir verzichten. Bist du dir sicher, dass sie in der Burg gedient haben?«

»Scheint so … äh … ja. Wer noch nie in der Burg gewesen ist, hätte diese Fragen nicht beantworten können.«

»Gut. Du kannst gehen.«

»Und was sollen wir jetzt mit denen machen?«, fragte der Morassier.

Schweigen hing in der Luft.

»Sperrt sie ein«, entschied Rando schließlich. »Und stellt ihnen eine Wache vor die Tür.«

Alexey Pehov

Über Alexey Pehov

Biografie

Alexey Pehov, geboren 1978 in Moskau, studierte Medizin. Seine wahre Leidenschaft gilt jedoch dem Schreiben von Fantasy- und Science-Fiction-Romanen. Er ist neben Sergej Lukianenko der erfolgreichste phantastische Schriftsteller Russlands. »Die Chroniken von Siala« wurden zu...

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