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Dolce Vita, süßer Tod

Dolce Vita, süßer Tod

Kriminalroman

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Dolce Vita, süßer Tod — Inhalt

Eine nackte Leiche im Schaufenster, und das mitten in der Weihnachtszeit! Das norditalienische Treviso ist in heller Aufruhr. Schafft Inspektor Stucky es, den Tod der jungen Verkäuferin Jolanda bis zum Festtag aufzuklären? Als der Psychiater und Detektiv Kuto Tarfusser auftaucht, erzählt er ihm von einem seiner verrückten Patienten, und diese Spur führt geradewegs zu einem hocherotischen Geheimnis, das die Verkäuferin gut gehütet hat.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 15.10.2013
Übersetzer: Sylvia Höfer
384 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7664-9

Leseprobe zu »Dolce Vita, süßer Tod«

1. Dezember
»Antimama …«, seufzte Inspektor Stucky und zwang
sich, den Worten der jungen Verkäuferin mehr Aufmerksamkeit
zu schenken. Erst am Morgen zuvor hatten sie
Martini zu Grabe getragen, und jetzt gab es schon wieder
Ärger.
Er ließ die Frau ihren leidvollen Weg zum Arbeitsplatz
schildern, sie, die das Autofahren hasste, und von
dem Rollgitter berichten, das sie jeden Tag hochschieben
und herunterlassen musste; er ließ sie über den Vorfall
klagen und darüber, dass sie sich mit ganzer Kraft
den Aufgaben widmete, die sie zu erfüllen hatte. Er ließ
sie von dem [...]

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1. Dezember
»Antimama …«, seufzte Inspektor Stucky und zwang
sich, den Worten der jungen Verkäuferin mehr Aufmerksamkeit
zu schenken. Erst am Morgen zuvor hatten sie
Martini zu Grabe getragen, und jetzt gab es schon wieder
Ärger.
Er ließ die Frau ihren leidvollen Weg zum Arbeitsplatz
schildern, sie, die das Autofahren hasste, und von
dem Rollgitter berichten, das sie jeden Tag hochschieben
und herunterlassen musste; er ließ sie über den Vorfall
klagen und darüber, dass sie sich mit ganzer Kraft
den Aufgaben widmete, die sie zu erfüllen hatte. Er ließ
sie von dem Geschäft für Geschenkartikel erzählen, von
den blauen Plastikkrügen, den Kämmen für Labradorfelle,
den Untersetzern aus Glas und den mit küssenden
Fischchen bedruckten Post-its, denn die Ideen zu einem
großen Teil dieses Krimskrams stammten von ihrem Verlobten,
einem Art-Irgendwas, einem aufstrebenden Kreativen,
der sie samstags zur Arbeit begleitete und sein Auto
auf der Piazza della Vittoria – »wirklich auf der Piazza
della Vittoria?«, versuchte Stucky, ihren Redefluss zu unterbrechen
– abstellte, um dann einen Bummel durchs
Zentrum zu machen, vielleicht auch, um ihr durch das
Schaufenster bei der Arbeit zuzusehen. Und schließlich
ließ er sich von ihr über den Wert der Objekte, dieser tausend
kleinen Dinge von fragwürdigem Nutzen, die sie
verkaufte, aufklären, denn das Überflüssige wirkt beruhigend
und kann dem Käufer vor Augen führen, wie weit
er auf dem Weg zwischen dem Wissen, nichts zu haben,
und dem Glauben, viel zu besitzen, bereits vorangekommen
ist.
Inspektor Stucky betrachtete die gelbe Aktenmappe
auf seinem Schreibtisch. »Verkäuferinnen« hätte er auf
das blau umrandete Etikett schreiben sollen, aber irgendwie
kam ihm das albern vor.
»Haben Sie jetzt ein ruhigeres Gefühl, Signorina Leonardi?«
Sie strich die Haarsträhne zurück, die ihr über die Augen
gefallen war, und fixierte ihn einen Moment. Dann
antwortete sie: »Nicht unbedingt.«
Stucky versuchte herauszufinden, ob ihn die Gesichtszüge
des Mädchens irgendwie an die von Kommissar Leonardi
erinnerten. Nein, sie hatte keinerlei Ähnlichkeit
mit ihrem Onkel. Nebenbei bemerkt, hatte es dem Kommissar
überhaupt nicht gefallen, dass seine einzige Nichte
so behandelt wurde, als wäre sie irgendwer.
»Es ist gestern Abend auf dem Parkplatz vor Ihrem
Haus passiert, nicht wahr?«
»Ja, im Bezirk Sant’Artemio. Ich kam gerade von der
Arbeit.«
»Hat er etwas gesagt, der Angreifer?«
»›Dumme Gans‹, hat er gesagt.«
»Noch immer hinter Ihrem Rücken.«
»Ja, das kam von hinten. Gesehen habe ich nichts, Signor
Inspektor.«
»Und wann haben Sie die Praline entdeckt?«
»Ich habe nur gespürt, dass er mir blitzschnell die
Hand in eine Tasche gesteckt hat. Als er weg war, habe ich
dann die Praline herausgenommen …«
Diese Schokopraline lag jetzt auf dem Schreibtisch,
und Stucky konnte sich kaum vom Anblick dieses kleinen,
in sternchenverziertes Stanniolpapier gewickelten
Schokoladenhäufchens losreißen. Was konnte das bloß
für ein Angreifer sein, der seinem Opfer eine Süßigkeit in
die Manteltasche schob? Diese Sache hatte zweifellos ihre
kuriosen Seiten. Vielleicht hatte Kommissar Leonardo
eine Vorahnung und seine Verwandte zu ihm geschickt,
bevor noch ein Unglück geschah.
»Sind Sie schon einmal von jemandem belästigt worden?«
»Was verstehen Sie unter ›belästigen‹?«
Das Mädchen hatte dichte schwarze Wimpern und
ausdrucksvolle blaue Augen, die den Betrachter anstrahlten.
Stucky dachte an die Energie, die diesem Alter eigen
war. Was für Feinde kann man haben, wenn man zwanzig
ist? Und er überlegte, wie seltsam es war, die Nichte eines
Kollegen in der Rolle des Opfers vor sich zu sehen, dasselbe
Mädchen, das hin und wieder im Polizeipräsidium
auftauchte und dem Martini – natürlich nur so, dass niemand
es hörte – mehr als nur galante Komplimente zugeworfen
hatte. Es war tatsächlich so, dass man manchmal
auf der Seite des Mikroskops und ein andermal auf der
der Mikroben war.
»Schon gut«, sagte er, »denken Sie nicht mehr daran.
Lassen Sie das unsere Sorge sein.«
Es konnte sich um eine Dummheit handeln. Von der
Sorte hatte er schon einiges erlebt. Schließlich und endlich
wurde der größte Teil der Missetaten, unter denen die
Leute zu leiden hatten, unter der Rubrik »Dummheit«
eingeordnet und fand keinen Eingang in die Handbücher
der Kriminologie.
Stucky beruhigte den Kommissar: »Nichts passiert.
Nur ein Spinner. Vielleicht ein Betrunkener. Machen Sie
sich keine Sorgen.«
»Ich bin die Ruhe selbst.«
»Ich lasse Ihre Nichte ein paar Tage lang nach Hause
begleiten.«
Der Inspektor verschwand hinter der Piazza dei Signori.
Aus den Augenwinkeln nahm er die Ansammlung von
Messingschildern wahr, die neben den Portalen vornehmer
Palazzi auf Anwalts- und Notarskanzleien oder Arztpraxen
hinwiesen. Einige offen stehende Tore gaben den Blick
auf elegante Interieurs frei, auf Treppen aus Marmor und
Stein, auf Gärten und Ziegelmauern. Unversehens fand
sich Stucky auf dem Ponte di San Francesco wieder. Er
blieb stehen, lehnte sich gegen die Brüstung und dachte an
die Handvoll Erde, die er auf Martinis Sarg hatte fallen lassen.
Ich hätte merken müssen, dass etwas nicht in Ordnung
war, sagte er sich. Im Oktober hatte Martini, im Gegensatz
zu den vorangegangenen Jahren, die Ombralonga, den traditionellen
nächtlichen Zug durch die Trevisaner Weinlokale,
nicht mitmachen wollen. »Ich habe keine Lust, mich
volllaufen zu lassen«, hatte er gesagt, in einem Ton, der
überhaupt nicht zu ihm passte.
Im Jahr davor hatten sie die Uniformen im Schrank
gelassen und sich gegenseitig geschworen, sich nach allen
Regeln der Chamäleonkunst so zu verhalten wie tausend
andere, die sich einen Rausch antranken, also ein
bisschen beschwingt, ein bisschen beduselt und sehr gesellig.
Wie die anderen, die sich betranken, hatten sie bei
allen Weinlokalen angeklopft, und überall hatte man sie
erbarmungslos hereingewinkt. Das Ganze hatte spät in
der Nacht auf einer Bank geendet, und als sie schließlich
am Ufer eines Baches saßen, die Füße so gut wie im Wasser,
hatte Martini ihn gefragt, ob er, Stucky, jemals einen
flotten Dreier hingelegt habe. Hingelegt? Ich? Mit wem?
Na, das frage ich Sie, Signor Inspektor. Sobald die Rede
auf Sex kam, pflegten sie sich zu siezen. Das war einer von
Martinis Vorzügen, die er so sehr geschätzt hatte, diese
Art, wie er sich annäherte und dann wieder auf Distanz
ging, sein ständiges Bemühen, die Grenzen des Erlaubten
nicht zu überschreiten.
Stucky bog in die enge Via Trevisi ein und warf vom
Ponte della Malvasia einen Blick auf den Riesenteppich,
der einen Großteil des Schaufensters eines Ladens auf der
rechten Seite ausfüllte.
Als er drinnen daij Cyrus auf einem Stapel Teppiche
sitzen sah, musste er lächeln. Er beobachtete seinen Onkel
durch die Scheibe – im Schneidersitz, in seinem üblichen
dunkelgrauen Anzug, das weiße Hemd bis oben zugeknöpft.
Er hielt das unvermeidliche Gläschen ciaj auf
der Höhe des Mundes und war wie immer tief in Gedanken
versunken. Onkel Cyrus war inzwischen der Einzige
aus seiner persischen Verwandtschaft, der für ihn noch einigermaßen
erreichbar war.
»Alles in Ordnung, Dadà?«, fragte Stucky, während er
die Tür aufdrückte und die Ladenklingel Sturm läutete.
Hinter Onkel Cyrus hingen vergilbte Fotos von Dr.
Mossadegh, dem »Präsidenten«, wie er ihn nannte. Er zog
die Beine noch näher an sich heran und stellte das Glas
auf das vor ihm liegende Tablett. Einen Moment musterte
er seinen Neffen mit melancholischem Blick, schenkte
ihm dann ein breites höfliches Lächeln, streckte die Hand
aus und gab ihm einen Kuss.
»Cetori?«
»Khubam. Und was machen die Geschäfte, Dadà?
»Denen geht es besser als mir.«
»Die Gesundheit, Onkel?«
»Der Magen. Auf den Teppichen zu sitzen bekommt
mir nicht mehr so gut wie früher. Aber ich beklage mich
nicht. Und du, beklagst du dich?«
»Nicht einmal im Traum! Auch wenn …«
Cyrus wartete schweigend, damit der Inspektor den
Satz nur dann zu Ende brachte, wenn er es auch wirklich
wollte.
»Na ja, womöglich Ärger bei der Arbeit.«
»Sonst nichts?«
»Auch Trauer … ein Freund.«
»Manchmal vergeht der Winter, aber es bleibt trotzdem
finster«, verkündete Cyrus, ohne Stucky anzuschauen.

2. Dezember
Am nächsten Tag musste Stucky sich eingestehen, dass
die Sache offensichtlich doch noch nicht ausgestanden
war. Eine andere Verkäuferin.
Sie hatte das Geschäft abgeschlossen und war zum
Parkplatz auf der Piazza della Vittoria zu ihrem Auto gegangen,
als ein Typ sie einholte, von hinten anrempelte
und sie, bevor er davonrannte, noch mit einer Beleidigung
bedachte.
Die Ärmste war ins Polizeipräsidium gestürzt, wobei
sie am Eingang beinahe den wachhabenden Polizisten
umgerannt hätte.
Man hatte sie zu Stucky geführt, genau in dem Moment,
als seine Schicht eigentlich zu Ende war. Er brachte
gerade seinen Schreibtisch in Ordnung, und als er die
junge Frau an der Tür sah, fragte er sie, noch ehe diese den
Mund auftat: »Eine Verkäuferin? Zeigen Sie mir die Praline!«
Die verstörte Frau schüttelte den Kopf und versuchte,
ihre Geschichte zu erzählen, brach aber in Schluchzen
aus.
Stucky wartete ab, bis sie sich die Augen getrocknet
hatte, forderte sie dann auf, die Hände in die Taschen zu
stecken, und prompt zog sie aus der linken die kleine, mit
Silberpapier umwickelte Schokoladenpraline hervor.
»Haben Sie die gekauft?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Dann hat der Angreifer sie hineingesteckt. Haben Sie
ihn gesehen?«
»Von hinten …«, wisperte das Mädchen.
»Groß? Klein?«
»Hm … mittelgroß.«
Na großartig! Aber der Inspektor hielt sich zurück,
weil ihn an dem Ganzen etwas störte, und das war vor allem
die Praline.
»Ist Ihnen schon mal etwas Ähnliches passiert?«
»Wann?«
»Vor heute Abend.«
»Nein, nie.«
»Seien Sie unbesorgt. Wir werden Sie beschützen. Es
wird nicht noch mal vorkommen.«
»Mein Onkel arbeitet beim Gazzettino. Darf ich ihm
von diesem Vorfall berichten?«
»Du lieber Himmel! Lassen Sie bloß die Zeitungen
und die Journalisten aus dem Spiel!«
»Aber, vielleicht … bekommt der Lump Angst, wenn
im Gazzettino etwas darüber steht, und er fühlt sich beobachtet
…«
»Und wenn er den Gazzettino gar nicht liest?«
»Alle lesen den Gazzettino! Wie sollte man sonst wissen,
was los ist?«
»Tja …«
So ging es die Woche über weiter: Am Dienstagabend
eine kleine Attacke und am Donnerstagabend das Gleiche
noch einmal. Ein Verrückter, wahrscheinlich. Davon
liefen, wenn man es recht bedachte, doch immer noch einige
herum.
»Ein Verrückter?«
»Ein Verrückter, Herr Kommissar«, log Stucky, als
wollte er ein Gewitter, das er herannahen fühlte, vertreiben.
Damit es nicht hagelte. Ganz übel, so ein Hagel im
Winter. Er kratzte sich den ein paar Tage alten Bart.
Ȇbrigens konnte mir Ihre Nichte keine sachdienlichen
Hinweise liefern, Signor Kommissar …«
»Weil sie keine hatte, Stucky! Sie hat keine …«
»Bei allem Respekt, Signor Kommissar! Was wissen
wir schon wirklich über unsere Verwandten?«
Verärgert beauftragte Kommissar Leonardi zwei Polizisten,
die Geschäfte rund um die Piazza dei Signori unauffällig
zu überwachen, denn er war davon überzeugt,
dass der Täter seine Opfer am Ende der Arbeitsschicht
auf der Straße abpasste und ihnen dann bis zum Ort der
Attacke folgte.

Über Fulvio Ervas

Biografie

Fulvio Ervas, geboren 1955, studierte Agrarwissenschaften und forschte über Tierhaltung, insbesondere bei Kühen. Heute arbeitet er hauptsächlich als Schriftsteller und lebt in der Nähe von Treviso mit seiner Familie und vielen Haustieren. Sein Sachbuch »Wenn ich dich umarme, hab keine Angst« war...

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