Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Die Zwanziger Jahre

Die Zwanziger Jahre

E-Book
€ 9,99
€ 9,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Die Zwanziger Jahre — Inhalt

Zu Beginn erwartet ihn einer der größten Skandale in der deutschen Fußballgeschichte: die Betrugsaffäre um Schiedsrichter Robert Hoyzer. Am Ende wird Theo Zwanziger als DFB-Präsident wie kein anderer vor ihm für die Erneuerung des deutschen Fußballs stehen. Mit seinem Namen verbunden sind nicht nur zwei Weltmeisterschaften im eigenen Land und der Neustart der Nationalelf unter Jürgen Klinsmann und Joachim Löw, er bringt auch Themen wie Fußball und Homosexualität oder Frauenfußball einer breiten Öffentlichkeit nah und sorgt dafür, dass sich Vereine, Verband und Spieler offen gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus stellen. 2009 erlebt er die schwärzeste Stunde seiner Karriere, als er vom Suizid von Nationaltorhüter Robert Enke erfährt. In seinen Erinnerungen bietet Theo Zwanziger nicht nur einen faszinierenden Insiderblick auf Fußball und seine Macher, auf die großen Deals und die menschlichen Schicksale, die allzu oft im Verborgenen bleiben. Die Zwanziger Jahre sind auch die kluge und leidenschaftliche Bilanz einer Ära, in der Fußball endlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 12.11.2012
368 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7604-5

Leseprobe zu »Die Zwanziger Jahre«

1.
»Dann macht’s halt …«: Die Doppelspitze
Die rund dreißig Quadratmeter der DFB-Bibliothek stehen sinnbildlich
für das, was Fans und Journalisten an Fußball-Funktionären
zuweilen als mafiös bezeichnen: dunkles Parkett, schwere Teppiche,
edles Mobiliar, staubbedeckte Bücher in den Regalen. Über
allem thront eine überlebensgroße Büste von Sepp Herberger, dem
Chef. Fehlen noch die dunklen Sonnenbrillen, die Whiskygläser
und Zigarren, um das Bild abzurunden, das einige Medien von
diesem sagenumwobenen Raum mit Vorliebe verbreiten.
Ehrlich, es ist halb so schlimm. [...]

weiterlesen

1.
»Dann macht’s halt …«: Die Doppelspitze
Die rund dreißig Quadratmeter der DFB-Bibliothek stehen sinnbildlich
für das, was Fans und Journalisten an Fußball-Funktionären
zuweilen als mafiös bezeichnen: dunkles Parkett, schwere Teppiche,
edles Mobiliar, staubbedeckte Bücher in den Regalen. Über
allem thront eine überlebensgroße Büste von Sepp Herberger, dem
Chef. Fehlen noch die dunklen Sonnenbrillen, die Whiskygläser
und Zigarren, um das Bild abzurunden, das einige Medien von
diesem sagenumwobenen Raum mit Vorliebe verbreiten.
Ehrlich, es ist halb so schlimm. Sonnenbrillen werden bei den
Sitzungen nicht getragen, seit vielen Jahren herrscht Rauchverbot,
und auch Alkohol ist, zumindest während der Arbeitszeit, strikt
untersagt. Eines stimmt aber: In diesem Raum im ersten Stock der
Frankfurter DFB-Zentrale, unweit des Präsidentenbüros, werden
wichtige Entscheidungen getroffen – hier werden Verträge mit
Trainern und Sponsoren unterzeichnet, verdiente Mitarbeiter verabschiedet,
Ehrengäste empfangen. Hier treffen sich der Generalsekretär
und die Direktoren zu ihren wöchentlichen Sitzungen.
Auch an diesem 8. Juli 2004 tagen die Spitzenfunktionäre des
Deutschen Fußballbunds und des Ligaverbands DFL, der die Interessen
der Profivereine vertritt, in der Bibliothek. Die Luft ist stickig
jetzt im Hochsommer. Und eine wichtige Entscheidung steht an –
für den DFB, aber auch für mich persönlich. Nach dem blamablen
Auftritt unserer Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft
in Portugal ist die Stimmung in Fußballerkreisen am Boden. Nach
zwei Unentschieden gegen die Niederlande und Lettland hat Rudi
Völlers Mannschaft gegen Tschechiens B-Team verloren und ist
schon in der Vorrunde ausgeschieden. Teamchef Völler ist zurückgetreten,
die Suche nach einem Nachfolger war bisher eine Serie
von Pleiten und Pannen.
Der Unmut, der sich deswegen auch im Führungszirkel des deutschen
Fußballs angesammelt hat, entlädt sich an diesem heißen
Tag vor allem an DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder. Er habe
seinen Laden nicht mehr richtig im Griff, heißt es längst nicht mehr
nur hinter vorgehaltener Hand, sein Krisenmanagement und sein
Führungsstil seien alles andere als zeitgemäß.
Auch auf mich ist der Druck in den Tagen zuvor immer größer
geworden. Ich war bisher eigentlich sehr glücklich in meiner Rolle
als Schatzmeister – nun aber, so fordern die Chefs der mächtigen
Landesverbände, soll ich endlich etwas unternehmen. Doch was?
Soll ich eine Palastrevolution ausrufen und den Präsidenten, der
über weite Strecken eine gute Arbeit geleistet hat, einfach aus dem
Amt jagen? Eine Mehrheit für diesen Machtwechsel wäre wohl vorhanden,
die Vertreter des Amateurfußballs sind sich darin einig.
Doch meine Erfahrungen in der Politik haben mich gelehrt: Man
muss immer an den Tag danach denken. Wie geht es nach dem Umsturz
weiter? Was wird aus dem Verlierer und seinen Unterstützern?
Wer schüttet die Gräben zu, die zwischen den Parteien entstanden
sind? Häufig stellen vermeintliche Putsch-Gewinner nur wenig
später fest, dass sie eigentlich verloren haben.
Und genau das kann passieren, wenn wir Mayer-Vorfelder, den
Freunde und Gegner nur MV nennen, mit aller Macht aus dem
Präsidentenstuhl kippen. Die Zeitungen würden über eine Kampfabstimmung
natürlich jubeln, aber dem deutschen Fußball würde
die Spaltung drohen. Eine andere Lösung muss also her.
Werner Hackmann, der Präsident des Ligaverbands, steckt wohl
am tiefsten im Dilemma. Einerseits sehen die Profivereine, deren
Interessen er vertreten soll, keinen Anlass, den Präsidenten abzusetzen.
MV ist ja einer der ihren, hat vor seiner Wahl zum DFB-Präsidenten
als Vorsitzender des Ligaausschusses selbst die Sache der
Liga vertreten. Seine Abwahl würden viele Profivertreter auch als
ihre Niederlage verstehen. Andererseits teilt Hackmann einiges von
der Kritik, die gegen den Präsidenten vorgebracht wird, er fühlte
sich selbst so manches Mal von MVs forscher Selbstdarstellung ins
Abseits gestellt.
So bringt Hackmann, der als ehemaliger Innensenator von Hamburg
mit allen politischen Wassern gewaschen ist, die Idee einer
Doppelspitze ins Spiel. Auf der Suche nach einem Kompromiss hat
er mich gefragt, ob ich mir vorstellen könne, in dieser schwierigen
Lage die Macht zu teilen. Einem Präsidenten, der vornehmlich im
internationalen und im professionellen Fußball tätig ist, könne
man doch einen für das operative Geschäft zuständigen Kollegen
zur Seite stellen. Wenigstens für eine Übergangszeit.
Darum also geht es an diesem 8. Juli in der Bibliothek. Dutzende
Journalisten, bewaffnet mit Kameras, Mikrofonen und Kugelschreibern,
belagern an diesem schwülen Sommertag die DFB-Zentrale
in der Otto-Fleck-Schneise, einen Steinwurf entfernt von der WMArena
im Frankfurter Stadtwald. Fotografen versuchen auf allen
erdenklichen Wegen, Bilder aus der Bibliothek zu schießen, in der
vagen Hoffnung, MV und mich beim Duell zu erwischen.
Doch sie haben Pech, so weit kommt es nicht. Wohl wird es
auch mal laut, die Positionen sind zu unterschiedlich, wir kommen
nicht voran. Mayer-Vorfelder ist sich keiner Schuld bewusst und
kann nicht verstehen, warum er das Amt, das er so liebt, teilen oder
gar völlig aufgeben soll. Als erfahrener Politiker weiß er, dass eine
Kampfabstimmung Spuren hinterlassen wird, egal, wie sie ausgeht,
und er baut darauf, dass seine Gegner, die das auch wissen, eher
klein beigeben als er selbst. Andere in der Runde bezweifeln, ob ein
Duo an der Spitze des Verbands funktionieren kann.
Und Franz Beckenbauer sieht nur den Imageschaden, den der
Führungsstreit im DFB anrichten kann. Als Chef des Organisationskomitees
gilt seine ganze Sorge der WM, die wir in zwei Jahren
ausrichten, er will verhindern, dass sein Baby durch »diesen Mist«
Schaden nimmt. Ob MV bleibt oder geht, ist ihm im Grunde egal,
für ihn zählt, dass bald wieder Ruhe herrscht. Aber eine Lösung
hat er auch nicht parat. So dreht sich die Diskussion im Kreis, und
wenn es scheint, als könnten wir uns einigen, bringt uns die Frage
nach der Verteilung der Kompetenzen wieder auseinander.
Stunde um Stunde vergeht, irgendwann fordern die vielen Tassen
Kaffee, die ich wieder mal getrunken habe, ihren Preis. Als ich
vor dem WC stehe und über Auswege aus der Misere grübele, öffnet
sich die Tür. Herein kommen Franz Beckenbauer und Gerhard
Mayer-Vorfelder und diskutieren heftig, ob Hackmanns Idee die
Lösung sein kann. Ist es dieses durchaus spezielle Ambiente oder
schlicht die Tatsache, dass wir endlich mal unter sechs Augen reden
können? »Also gut«, sagt Beckenbauer und mustert uns beide von
der Seite, »dann macht’s halt diese Doppelspitze. Ihr schafft das
schon, und wir können uns endlich wieder um die WM kümmern.«
MV und ich schauen uns an und nicken. Einem Kaiser widerspricht
man nicht. Schon gar nicht an diesem Ort.
Mit Beckenbauers Segen wird sie also geboren, die erste Doppelspitze
in der mehr als hundertjährigen Geschichte des DFB. Zurück
in der Bibliothek, geht dann alles plötzlich ganz schnell. MV
erklärt sich bereit, mich fortan als Geschäftsführenden Präsidenten
neben sich zu akzeptieren, nicht ahnend, wie schwer ihm das in der
Folgezeit immer wieder fallen wird. Ich selbst bin erleichtert, dass
endlich Klarheit herrscht.
Noch ist mir nicht bewusst, dass das öffentliche Echo auf die
Doppelspitze nur einen Vorgeschmack auf das bietet, was mich
in den kommenden Jahren erwartet. Die Reaktionen in der Presse
auf unseren Beschluss sind skeptisch bis vernichtend: Vom »faulen
Kompromiss« ist die Rede und von einer »Schein-Lösung«, in
einem hämischen Kommentar heißt es: »Mayer-Vorfelder gibt der
WM 2006 sein Gesicht, er wird als strahlender Präsident im Fernsehen
auftreten – während Zwanziger am Schreibtisch sitzt und
die Arbeit erledigt.« Trotz aller Miesmacherei: Die Zukunft wird
zeigen, dass die Entscheidung richtig war.
Aber wie kam es überhaupt dazu, dass der DFB-Präsident in seinem
eigenen Verband so sehr unter Beschuss geriet, dass es Beckenbauers
spezieller Diplomatie bedurfte, um die Führungskrise zu lösen?
Mein persönliches Verhältnis zu Mayer-Vorfelder nach seiner Wahl
zum DFB-Präsidenten 2001 und meiner parallelen Berufung zum
Schatzmeister war intakt. Auf gewisse Weise ergänzten wir uns gut.
Sein Interesse galt dem Profifußball und der Nationalmannschaft –
unter seiner Ägide wurde nach der EM 2000 die Nachwuchsförderung
neu organisiert, ein Grund dafür, dass unsere Nationalmannschaft
heute so erfolgreich ist.
Ich hingegen konzentrierte mich darauf, das Verhältnis zwischen
dem DFB und seinen Landes- und Regionalverbänden zu pflegen,
ich rief soziale und gesellschaftliche Projekte ins Leben und sorgte
für ein transparentes Finanzgebaren, wie es ja eigentlich die Aufgabe
des Schatzmeisters ist. Erstmals in der DFB-Geschichte hielt
ich 2004 eine Bilanzpressekonferenz ab, um zu zeigen, woher welche
Gelder stammen, wofür diese verwendet werden und dass es die
Silos, in denen der DFB angeblich seine Millionen hortet, in Wirklichkeit
nicht gibt. Auch wenn ein bekannter Wurstgroßhändler aus
München diese Vermutung immer wieder lautstark äußert.
Doch für viele ehrenamtliche Funktionäre, deren tägliche Sorge
dem Fußball an der Basis und seiner gesellschaftlichen Rolle galt,
schien die Amtsführung des einstigen Berufspolitikers MV, der jahrelang
als Präsident des VfB Stuttgart Millionensummen bewegt,
teure Spieler verpflichtet und glücklose Trainer entlassen hatte,
geradezu symbolisch für den Graben, der sich mit der wachsenden
Kommerzialisierung zwischen dem Fußball der Profis und dem der
Amateure aufgetan hatte.
Auch in der Zentrale des Verbands kehrte sich die Stimmung
zunehmend gegen den Präsidenten, vor allem seit ihm der DFB
ein eigenes Büro in seiner Heimatstadt Stuttgart eingerichtet hatte.
Dort entwickelte sich eine Art Nebenregierung, die den Verband
quasi von außen steuern wollte. Mayer-Vorfelders Mitarbeiter, allen
voran sein intelligenter, ehrgeiziger Referent Jan Lengerke, der stets
bemüht war, seinen Chef gut aussehen zu lassen, versuchten von
Stuttgart aus, Einfluss auf die Vorgänge in den Direktionen des
DFB zu nehmen, im Generalsekretariat, im Jugendfußball und vor
allem in der Kommunikation – natürlich immer im Namen des
Präsidenten. Dies führte unweigerlich zu Abstimmungsproblemen,
und man braucht nicht viel Fantasie, um zu ahnen, dass die kompetenten
und selbstbewussten Mitarbeiter des DFB von diesem
Arrangement wenig begeistert waren.
In der Öffentlichkeit war es um das Image des Präsidenten nicht
zuletzt wegen seiner politischen Vergangenheit als machtbewusster
Kultus- und Finanzminister in Baden-Württemberg nicht
zum Besten bestellt. Er machte auch als Fußballfunktionär kein
Hehl aus seiner Herkunft und seiner politischen Neigung. Häufig
wurde ihm vorgeworfen, Sport und (Partei-)Politik gnadenlos zu
vermengen, was ich in meiner Amtszeit stets peinlich vermieden
habe – obwohl auch ich eine politische Karriere hinter mir habe,
und das in derselben Partei wie MV. Doch bei allen Differenzen:
Das durchweg negative öffentliche Bild von MV habe ich mir nie
zu eigen gemacht. Dazu habe ich ihn im Laufe der Jahre viel zu gut
kennengelernt.
Aber hinter den Kulissen rumorte es schon vor der Europameisterschaft
in Portugal. Dass und warum der Konflikt während dieses
Turniers und danach mit voller Härte ausbrach, sagt einiges darüber
aus, wie der größte Sportfachverband der Welt mit seinen mehr
als sechs Millionen Mitgliedern und seinen unzähligen stolzen Ehrenämtlern
funktioniert – nämlich eben nicht wie eine politische
Partei, die sich im ständigen Kampf um Wähler befindet.
Vielleicht wäre es anders gekommen, wenn unsere Nationalmannschaft,
die ja immerhin zwei Jahre zuvor, wenn auch mit einer
Portion Glück, Vizeweltmeister geworden war, in Portugal die Erwartungen
erfüllt und mit entsprechenden sportlichen Erfolgen
die Gemüter beruhigt hätte. Geblendet vom zweiten Platz in Japan
und Südkorea, glaubten damals ja viele, der deutsche Fußball habe
schon wieder Weltniveau erreicht und die Mannschaft werde bei
der EM ganz vorn mitspielen. Eine böse Selbsttäuschung, wie sich
zeigen sollte.
Doch nicht nur der Rumpelfußball unserer Mannschaft sorgte
für schlechte Stimmung in Portugal. Es knisterte auch zwischen
dem Präsidenten und den ehrenamtlichen Mitgliedern der Beob
achter-Delegation. MVs Vorgänger Egidius Braun hatte vor der
WM 1994, als sich die Kassenlage des DFB spürbar besserte, die
Sitte eingeführt, verdiente Ehrenamtler aus dem DFB-Vorstand sowie
den Landes- und Regionalverbänden zu den Länderspielen einzuladen.
Zum einen wollte Braun den Landesfürsten, wie sie bisweilen
nicht nur spöttisch genannt werden, damit einen Gefallen tun, zum
anderen hatten sie auch Aufgaben zu erfüllen: Gespräche führen,
Stadien und Verkehrssituation prüfen, Kartenverkauf und dergleichen
studieren, was ja gerade in Portugal im Hinblick auf die anstehende
WM in Deutschland zwei Jahre später nützlich sein konnte.
Aber für die meisten, so ehrlich muss man sein, ist das eher eine
sportliche Vergnügungsreise, bei der der Fußball im Vordergrund
steht.
Bis Jürgen Klinsmann den DFB durcheinanderwirbelte, war es
selbstverständlich, dass die offizielle DFB-Delegation mit dem Präsidenten,
dem Generalsekretär und den zwei ranghöchsten Ligavertretern
im Teamhotel wohnte und engen Kontakt zur Mannschaft
hatte. Zu diesen Privilegierten zählt heute übrigens auch unser
Ehrenspielführer Uwe Seeler, dem dieses Vorrecht anlässlich seines
70. Geburtstages im November 2006 gewährt wurde. Gerade Mayer-
Vorfelder war bekannt dafür, dass er die Spieler gern zu später
Stunde, wenn sie längst im Bett sein sollten, in Fachgespräche verwickelte,
wobei, wie berichtet wurde, auch der eine oder andere
Schoppen Rotwein geleert wurde.
Das kann kein Trainer gutheißen, weshalb sich zehn Jahre zuvor
bereits der ehemalige Bundestrainer Berti Vogts, der die Funktionäre
am liebsten ganz von der Mannschaft fernhalten wollte, nachhaltig
mit MV überworfen hatte. Auch in Portugal nahm Gerhard
Mayer-Vorfelder als Delegationsleiter ganz selbstverständlich für
sich in Anspruch, im Mannschaftshotel zu wohnen – mitsamt seiner
Familie und dem allgemein wenig beliebten Referenten.
Ligapräsident Werner Hackmann war spürbar erbost, denn für
ihn war es nicht nur eine Frage des persönlichen Prestiges, wie er
als zweiter Mann in der Hierarchie behandelt wurde und welches
Standing er genoss. Das wurde nämlich auch bei den Profivereinen
genau beobachtet.
Gewiss konnten die Mitglieder der Beobachter-Delegation, zu
denen auch ich zählte, nicht ernsthaft erwarten, der Mannschaft
wirklich nahe zu kommen. Die Spieler mussten sich auf ihr Turnier
konzentrieren, da blieb keine Zeit für Small Talk mit den Ehrenamtlern.
Trotzdem: Die räumliche Trennung empfanden viele
DFB-Funktionäre als deutliches Signal von MV, der ihre Anwesenheit
offenbar für überflüssig hielt.
Manche hegten wohl auch überzogene Erwartungen an ihre Rolle
im Gefolge des Nationalteams. Noch Egidius Braun hatte intensiven
Kontakt zu ihnen gepflegt und ihnen einen Besuch im Mannschaftsquartier
oder ein Treffen mit dem Bundestrainer ermöglicht.
Ich spürte den Unmut, der sich breitmachte, und gemeinsam mit
dem damaligen Generalsekretär Horst R. Schmidt gelang es mir,
Gerhard Mayer-Vorfelder wenigstens für einen Besuch im Hotel
der Delegation zu gewinnen. Doch auch das sorgte nur kurz für
Entspannung.
Was viele Funktionäre als präsidiale Arroganz interpretierten,
eskalierte beim zweiten Gruppenspiel unserer Mannschaft in Porto,
das mit einem enttäuschenden 0:0 gegen Lettland endete. Den Teilnehmern
der Beobachterreise waren nämlich Tribünenplätze im
gleißenden Sonnenlicht zugeteilt worden. Sie wurden sozusagen
ordentlich gebraten und schwitzten über alle Maßen.
Ein Stockwerk höher saßen der Präsident und sein Gefolge in der
UEFA Lounge im Schatten, und mancher dort zeigte, wie gut es ihm
erging. Das Schicksal der Ehrenamtler eine Etage tiefer schien dort
nicht zu interessieren. Einige Delegationsmitglieder kochten buchstäblich
vor Wut. Und vieles, was in diesen zwei Stunden gesagt
wurde, war kaum druckreif. Viele erwarteten, dass man wenigstens
der Gattin des Ehrenpräsidenten Egidius Braun einen Platz im
Schatten anbieten würde. Aber für solche Gesten fehlte das Gespür.
Rudi Völler war wichtig und die Mannschaft, sonst nichts.
Wenige Tage später erschien ein Interview, in dem MV nicht nur
seine erneute Kandidatur als DFB-Präsident für den Herbst ankün
digte – was normal gewesen wäre –, sondern auch verkündete, dass
er eine weitere Amtszeit nach 2007 anstrebe. Eine vermessene Aussage,
über die sich vor allem Hackmann bitter beklagte. Schließlich
hätte es schon der Anstand verlangt, dass MV den Ligapräsidenten
über solch weitreichende Pläne zumindest in Kenntnis setzte, bevor
er sie hinausposaunte. Hackmann war aufgebracht. Und bei den
anderen machte das Interview die Runde.
Die Verärgerung über Mayer-Vorfelder brauchte ein Ventil. Zu
später Stunde trafen sich zahlreiche Vertreter der Landesverbände
in der Hotelbar, um über die Lage zu beraten. Ich lag schon oben
im Bett und ahnte nichts von den Putschplänen. Derweil war man
unten entschlossen, sich von MV nicht weiter an die Wand drücken
zu lassen.
An diesem Abend wurden sich die Landesfürsten einig, bereits
im Herbst auf dem Bundestag, der alle drei Jahre stattfindenden
DFB-Versammlung, für eine Veränderung an der Spitze zu sorgen.
In entscheidender Rolle mit am Tisch saß mein 2009 verstorbener
Freund Eduard Schneider aus dem Westerwald, der im Kreise der
Landesvertreter hohes Ansehen genoss. Wie ich heute weiß, ist bei
dieser Gelegenheit auch schon mein Name als Konterpart zu MV
ins Gespräch gebracht worden. Zu diesem Zeitpunkt habe ich von
dieser Entwicklung nichts geahnt, geschweige denn von der Rolle,
die man mir offenbar zugedacht hatte.
Doch die Lunte war gelegt, und die Bombe ging hoch durch die
sportliche Pleite bei der EM. Wer weiß, wie es gekommen wäre,
wenn unsere Mannschaft in Portugal den Titel geholt hätte. Doch
das peinliche Aus gegen die Tschechen, die schon fürs Viertelfinale
qualifiziert waren und deshalb ihre besten Spieler schonten, trotzdem
aber mühelos 2:1 gewannen, löste die Kettenreaktion aus.
Noch in derselben Nacht erklärte Teamchef Rudi Völler, der dem
DFB mit seiner eher unfreiwilligen Amtsübernahme vier Jahre zuvor
aus einer schlimmen Patsche geholfen hatte, gegenüber Mayer-
Vorfelder und Horst R. Schmidt seinen Rücktritt. Der Generalsekretär
weckte mich noch in der Nacht und informierte mich über diese
Entmachtung. Da ich bei dem Gespräch nicht dabei war, kann ich
nicht beurteilen, ob es vielleicht doch möglich gewesen wäre, ihn
zum Bleiben zu überreden.
Die bittere Realität war: Am Morgen nach dem EM-Aus stand
der DFB ohne Bundestrainer da. Damit die Delegationsmitglieder,
die am nächsten Tag nach Hause reisten, nicht zuerst durch die
Medien vom Rücktritt erfuhren, rief ich frühmorgens am Flughafen
an und informierte sie über die Geschehnisse der vergangenen
Nacht.
Zum sportlichen Misserfolg und dem nicht gerade harmonischen
Verhältnis zwischen der DFB-Spitze und den Landesverbänden
kam nun auch noch die Suche nach einem neuen Bundestrainer,
in deren Verlauf Gerhard Mayer-Vorfelder wahrlich kein
glückliches Händchen bewies. Vielleicht hat er die Situation unterschätzt,
sonst wäre er nach dem Ausscheiden unserer Mannschaft
nicht in Portugal geblieben, um von dort aus einen neuen Bundestrainer
zu suchen – ohne die Führungsfiguren des DFB daheim einzubinden.
Eine fatale Fehleinschätzung, denn viele kleine Stürme
hatten das Meer aufgewühlt. Ich glaube bis heute, dass die »Doppelspitze« nicht gekommen wäre, wenn MV sofort in Deutschland
die Zügel in die Hand genommen hätte.
So war es ein gefundenes Fressen gerade für die Medien, die die
Krise ebenso befeuerten wie die zahlreichen Absagen potenzieller
Trainerkandidaten von Otto Rehhagel bis Ottmar Hitzfeld.
Eine Führungskrise, gepaart mit der für quälend lange Zeit ergebnislosen
Suche nach einem Bundestrainer – das ist so ziemlich
das Schlimmste, was einem Verband wie dem DFB widerfahren
kann. Die Vertreter der Landesverbände bedrängten mich, im
Herbst gegen Gerhard Mayer-Vorfelder anzutreten. Nach langem
Überlegen willigte ich schließlich ein.
Mein Interesse war aber nicht, MV zu stürzen. Schließlich hatte
ich nicht vergessen, dass wir in den Jahren zuvor gut zusammengearbeitet
hatten. Auch deshalb war ich in den Gesprächen, die
direkt nach Bekanntgabe meiner Kandidatur begannen, stets offen
für Kompromisse. Dennoch musste ich MV gegenüber Stärke zeigen,
immerhin war er sturmerprobt durch viele aktive Jahre in der
Politik. Und er dachte nicht daran, seine Macht als DFB-Präsident
mit mir zu teilen.

Über Stefan Kieffer

Biografie

Stefan Kieffer ist Sprt-Redakteur bei der Rhein-Zeitung.

Theo Zwanziger

Über Theo Zwanziger

Biografie

Theo Zwanziger, geboren 1945, hatte als promovierter Jurist verschiedene Ämter in Politik und Verwaltung inne, etwa als Regierungspräsident in Rheinland-Pfalz, bevor er 1992 in den DFB-Vorstand gewählt wurde. 2001 wurde er Schatzmeister und gehörte später dem Organisationskomitee für die WM 2006...

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden