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Die zerbrochene Welt

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Weltendämmerung (Die zerbrochene Welt 3)

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Die zerbrochene Welt — Inhalt

Eine nachtschwarze Wolke breitet sich undurchdringlich über die zerbrochene Welt Berith aus. Ein düsteres Omen für das friedliche Land. Als auch Taramis’ Erzfeind, der Dagonisier Gaal, von den Toten aufersteht und den Nebelwächter im »Garten der Seelen« erneut angreift, muss dieser handeln. Denn Gaal bedroht alles, was Taramis heilig ist: sein Leben, seine Familie und ganz Berith. Erst wenn Gaal endgültig vernichtet ist, wird der Nebelwächter Frieden finden. Doch der Weg dahin ist weit und führt die Kontrahenten auf einer atemberaubenden Reise durch die gefährlichen Welteninseln …

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 10.03.2014
464 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98063-0

Leseprobe zu »Die zerbrochene Welt«

Prolog

 

Die Annalen von Berith, 7. Buch

 

Seit Menschengedenken war der Mittelpunkt von Berith dunkel und geheimnisvoll. Irgendetwas verschlang dort alles Licht. Dieses Etwas, so glaubten einige Gelehrte, sei ein Überbleibsel jener Kugel, die vor dem Großen Weltenbruch Barah hieß. Bis zu Taramis war aber nie jemand dazu bereit gewesen, solch kühnen Gedankenpalästen mit eigenen Erkundungen Stütze und Halt zu geben. Selbst die Schollen, die auf ihren Bahnen durch das Ätherische Meer zogen, schienen geflissentlich einen weiten Bogen um das finstere Herz [...]

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Prolog

 

Die Annalen von Berith, 7. Buch

 

Seit Menschengedenken war der Mittelpunkt von Berith dunkel und geheimnisvoll. Irgendetwas verschlang dort alles Licht. Dieses Etwas, so glaubten einige Gelehrte, sei ein Überbleibsel jener Kugel, die vor dem Großen Weltenbruch Barah hieß. Bis zu Taramis war aber nie jemand dazu bereit gewesen, solch kühnen Gedankenpalästen mit eigenen Erkundungen Stütze und Halt zu geben. Selbst die Schollen, die auf ihren Bahnen durch das Ätherische Meer zogen, schienen geflissentlich einen weiten Bogen um das finstere Herz der Scherbenwelt zu machen.
Daher gab es jahrhundertelang kaum verlässliche Erkenntnisse über das dunkle Zentrum der Welt. Man wusste, dass es bewohnt war. Gefräßige Seeungetüme wie Ätherschlangen lebten dort. Und ein Volk, das diese Bestien zu bändigen verstand : die Feuermenschen.
Obwohl die Antische, wie sie sich selbst nannten, zur bunten Völkerfamilie von Berith gehörten, hatte man sie lange nicht für menschlich gehalten. Ein folgenschwerer Irrtum, wie noch zu erzählen sein wird. Sie atmeten durch Kiemen, ihre Haut war gestreift wie bei einem Tiger, und ihre Gesichter glichen denen von Feuerfischen. Nach ihrer Heimatinsel Dagonis bezeichnete man sie auch als Dagonisier.
Bis zu dem Tag, als die Scherbenwelt am Abgrund stand, gab es über all diese Dinge kaum verlässliche Berichte. Lediglich die Annalen, einige alte Lieder und das heilige Buch Jaschar erwähnten die Schlafende Insel, die unbeweglich im Zentrum von allem ruhte. So verwundert es nicht, dass nur wenige von den unheilvollen Plänen ahnten, die das Volk der Antische im undurchdringlichen Dunkel von Dagonis schmiedete.
Bereits in seinen Anfangsworten warnte das Buch Jaschar vor einer Plage, die Berith in ein dunkles Zeitalter zu reißen drohe. Ob es dazu komme, ließ der Schreiber uns wissen, werde davon abhängen, ob die Kinder des Lichts – die Anbeter Gaos – mutig und entschlossen gegen die Gefahr ankämpften. Diese Prophezeiung führte zur Gründung der Nebelwächter, einem lange im Verborgenen wirkenden Orden, der sich seit Äonen auf den Tag des Scheidewegs vorbereitete. Beim ersten dagonisischen Überfall auf Jâr’en waren aber selbst diese Wachsamen überrascht.
Die Feuermenschen eroberten die Heilige Insel im Handstreich. Ihre Verbündeten, die zwergenwüchsigen Kirries, entführten den Hohepriester Eli und seine Tochter Shúria. Die düstere Prophezeiung schien sich über Nacht erfüllt zu haben.
Wie wir bereits an früherer Stelle berichtet haben, erweckte Gao den Kindern des Lichts in jener prüfungsreichen Stunde einen Hoffnungsträger mit Namen Taramis. Nur zögernd hatte dieser sich in seine Rolle gefügt. Anfangs suchte er nur Vergeltung für den Mord an seiner Braut und der eigenen Mutter. Im Laufe seines Kampfes gegen die dagonisische Plage wandelte er sich dann vom Rächer zum Befreier. Er besiegte den Kirriekönig Dov im Zweikampf, wodurch der Hohepriester und seine Tochter die Freiheit zurückerlangten. Schließlich eroberte er mithilfe treuer Gefährten und des uralten Geschöpfes Har-Abbirím – dem »Berg der Engel« – die Insel Jâr’en zurück und tötete Gaal, den Herrscher von Dagonis.
Taramis ahnte nicht, dass der König zuvor schon den Weg der Unsterblichkeit beschritten hatte : Um wiedergeboren zu werden, pflanzen Antische bisweilen eine ihrer Larven in einen anderen Menschen. Wer immer diese Brut in sich trägt, ist dem Tode geweiht. Mit seiner Lebenskraft gehen auch alle Erinnerungen und Fähigkeiten an den heranwachsenden Feuermenschen über. So war es mit Eglon geschehen, dem Oberpriester von Komana. Er hauchte unbemerkt seinen Geist aus, während der Herr von Dagonis seinen Platz einnahm.
Nachdem Gaal sich so erneuert hatte, führte er im Reich des fetten Königs Og den Feuerkult ein. Zu Ehren seines Gottes Dagon trieb er in Peor den Bau des Bluttempels voran und ließ davor monströse Opferöfen errichten. Tausende Unschuldiger starben in den Flammen einen grausamen Tod.
Furcht lähmte die Menschen, ein Gefühl, das in Gaal ungeheure Kräfte weckte, die er in den Dienst eines teuflischen Plans stellte. Er wollte Taramis dazu bewegen, ihm den Reif der Erkenntnis zu beschaffen. Der hölzerne Kopfreif konnte seinen Träger auf der Heiligen Insel zum Seelenbaum jeder Person führen, ganz gleich, wo sie sich in der Welt gerade befand. So gewönne Gaal Macht über das Leben aller Berither, denn der Tod eines Seelenbaumes bedeutete auch das Ende seines menschlichen Gegenstücks.
Um seinen gefährlichsten Gegner in Zugzwang zu setzen, entführte der König zunächst Shúria, die Gemahlin von Taramis, sowie dessen mittlerweile zehnjährigen Sohn Ari. Unter Anwendung dunkler Kräfte brach der Antisch ihre heimatliche Scholle von der Insel Barnea ab und schleppte sie nach Peor.
Um Frau und Kind zu retten, stellte sich Taramis schweren Prüfungen. So bezwang er den doppelköpfigen Drachen Lurkon, wodurch dessen Feuer in ihn überging – eine für ihn kaum zu bändigende Quelle der Macht. Er reiste über die Grenzen der Welt hinaus und fand seinen Vater Olam, den Äonenschläfer. Aus dessen Haus der Sterne stahl er den Reif der Erkenntnis, welcher daraufhin seinem Erzfeind in die Hände fiel. In Peor tötete Taramis zunächst Asor, den Mörder seiner einstigen Braut Xydia und seiner Mutter Lasia, der sich selbst Bochim nannte. Schließlich forderte er auf dem Dach des Bluttempels Gaal zum Kampf heraus. Der König von Dagonis unterlag dem jungen Krieger, als dieser Lurkons Drachenfeuer entfesselte. Unerkannt floh der Besiegte aus Komana – viele glaubten, er sei tot. Der Erkenntnisreif blieb verschollen.
Die Berither sehnten sich nach Frieden und Sicherheit. In der Vertreibung der Dagonisier und dem Ende der Feueropfer sahen sie die Erfüllung der Prophezeiung. Taramis indes hielt es für verfrüht, die Wachsamkeit aufzugeben. Die Gefahr sei erst gebannt, wenn der Reif der Erkenntnis zurückerobert und Gaal getötet wäre, warnte er wiederholt. Seine düsteren Ahnungen waren keine Hirngespinste. Als er auf der Insel Barnea der Geburt seines zweiten Kindes entgegenfieberte, braute sich im dunklen Zentrum der Scherbenwelt bereits neues Unheil zusammen.

 

1. Der schlafende Gott

 

Gedankenversunken setzte König Gaal einen Fuß vor den anderen, er achtete kaum auf das Keuchen seines Sohnes hinter ihm. Malakh war völlig ahnungslos. Gehorsam schleppte er die gläserne Amphore mit der leuchtenden Flüssigkeit den steilen Hang des Gedogh hinauf. Der heilige Berg der Dagonisier glich einem Vulkan, wenngleich er niemals Lava spuckte. Das Loch auf dem abgeflachten Gipfel war im Gegenteil ein gefräßiger Schlund, der nicht mehr hergab, was er einmal verschlungen hatte. Das würde sich bald ändern, hoffte Gaal.
Je näher sie dem Kraterrand kamen, desto stärker roch es nach Rost. Ohne seinen Schritt zu verlangsamen, wandte der König den Blick zum schmutzig roten Himmel empor. Bleigraue Wolken, die an den Rändern wie Kohlen glühten, türmten sich bis weit ins Ätherische Meer hinein. Sie gehörten zu den vielen Rätseln dieser Insel, die keine Lufthülle besaß, ganz aus Eisen bestand und mit ihrer Kugelform noch an die ursprüngliche Gestalt der zerbrochenen Welt erinnerte. Sie war gar nicht so düster, wie man allgemein meinte. Das gedämpfte Sonnenlicht erreichte sie zwar, entkam ihr aber nicht mehr, weil Dagon es verbrauchte. Der schlafende Gott atmete es wie Luft. Es sicherte sein Überleben.
»Dagon!«, rief Gaal voller Inbrunst. An diesem Tag war er nicht nur König, sondern auch oberster Priester seines Reiches. Wegmarkierungen gemahnten ihn, den Gottesnamen in der vorgeschriebenen Häufigkeit zu wiederholen. Die Entfernung zum Gipfel betrug genau sechsundsechzig »Dagon«. Gaal fieberte dem neuen Zeitalter entgegen, das man nach dem wiedererwachten Fischgott benennen würde. Die Völker von Berith ahnten nicht, wie nahe die Große Erweckung war. Bald schon sollte der alte Bann gebrochen werden, und Gao würde sein Tun bereuen.
Gaal glaubte an die Legende vom Herrn der Himmlischen Lichter, wie man ihn außerhalb von Dagonis nannte, und von seinem widerspenstigen Sohn Dagon. Ihr zufolge hatte der Vater den Rebellen vor undenklichen Zeiten in einen tiefen Schlund geworfen. Den Tartaros. Ob es stimmte, dass dieser Abgrund in allen Welten existierte und überall denselben Namen hatte? Jedenfalls, so hieß es, schlafe dort in finsterster Abgeschiedenheit der fischhäuptige Gott, bis ein König käme, der ihn mit drei besonderen Opfern wiedererweckte.
Jahrtausendelang hatten die Weisen von Dagonis darüber gestritten, wie diese außergewöhnlichen Gaben beschaffen sein müssten. Nur Leben konnte neues Leben hervorbringen, darin waren sich die meisten einig. Doch was oder vielmehr wer war kostbar genug, um einen so machtvollen Geist zu beseelen? Gaal lächelte. Er meinte, die Antwort zu kennen.
Bald würde er Gewissheit haben.
»Sagtet Ihr etwas, Vater?«, keuchte es hinter ihm.
Er wandte sich zu dem Jungen um. Malakhs kindlich weiche Kinnbarteln zitterten in der Ätherströmung – die einzige Art von Wind, die es auf Dagonis gab. »Halt durch, Sohn. Es ist nicht mehr weit bis zum Gipfel.«
» Könntet Ihr mir die Amphore nicht eine Weile abnehmen ? «
»Nein. Du musst sie selbst tragen. Sonst wäre alles umsonst. «
Das Henkelgefäß bestand aus zu Glas geschmolzenem Sternenstaub. Der Knabe hatte sichtlich Mühe, es die Bergflanke hinaufzuschleppen. Sein vor Anstrengung verzerrtes Gesicht schimmerte im rötlichen Licht des Trankopfers. Das Leuchten rührte von einer der beiden Hauptzutaten her : geläuterter Angst.
Genau genommen handelte es sich um die konzentrierte Energie der Furcht. Tausende Menschen waren in den Feueröfen zu Peor gestorben, um das Elixier zu gewinnen. Und viele Hundert Frauen hatten um ihre neugeborenen Kinder gebangt, damit es zu einem besonderen Lebenssaft für Dagon würde. Gaal hatte nämlich in den Göttertrank eine zweite, kaum weniger machtvolle Ingredienz gemischt. Es war wohl angemessen, sie als den eigentlichen Rohstoff des Lebens zu bezeichnen.
Malakh ächzte. Für einen sechsjährigen Antisch besaß er zwar eine erstaunliche Kraft, aber die bis zum Rand gefüllte Amphore war schwer wie ein Schmelztiegel voll flüssigen Eisens. Die kurze, ärmellose, aus schneeweißer Wolle gewebte Tunika des Prinzen leuchtete blutrot im Widerschein des Trankopfers. Wie sehr der Junge mit seiner blass getigerten Haut doch Reghosch glich !
Beim Gedanken an den Sohn, den ihm die komanaische Regentin Lebesi geboren hatte, ging Gaal ein Stich durchs Herz. Er schnaubte unwillig. Solche Empfindungen machten ihn reizbar. Sie waren wie ein verrostetes Schwert, auf das man sich nicht verlassen konnte. Der König von Dagonis musste stark sein und durfte sich nicht von väterlichen Gefühlen schwächen lassen. Er hätte der Stammvater eines neuen Antischgeschlechts werden sollen. Aber Taramis hatte ihn getötet. Bald würde der elende Mörder dafür bezahlen.
Vor dem inneren Auge des Königs erschien ein lichtes Band, das ihm die Richtung zu diesem verfluchten Lurch wies. Unwirsch riss er sich den hölzernen Ring vom Kopf, dem er die Sinnestäuschung verdankte. Manchmal war der Reif der Erkenntnis weniger Segen als Fluch. Er las die Gedanken seines Trägers und zeigte ihm den Weg zu demjenigen, den er am sehnlichsten zu finden begehrte. Auch wenn es der meistgehasste Feind war. »Eins nach dem anderen«, murmelte Gaal und setzte sich die Krone des Wissens erneut aufs Haupt.
Endlich erreichten sie den Kraterrand.
»Du darfst das Gefäß abstellen. Aber sei vorsichtig!«, sagte der Vater zum Sohn.
Malakh ließ die Amphore behutsam zu Boden sinken. Weil sie nach unten spitz zulief, musste er sie weiter festhalten, damit sie nicht umkippte und ihren kostbaren Inhalt zu früh entleerte.
Der König blickte in den finsteren Schlund des Gedogh. Die Weisen behaupteten, er sei bodenlos, doch gebe es Zugänge in allen Welten, die Melech-Arez einst erschaffen habe. Der Götterfürst hatte seinen Knecht Dagon zum Herrscher über Berith eingesetzt. Er wäre es immer noch, wenn Gao ihre Rebellion nicht mit dem Großen Weltenbruch beendet hätte. Vorübergehend.
»Beginnen wir das Ritual der Erneuerung«, sagte Gaal und deutete auf das leuchtende Gefäß.
»Was muss ich damit tun, Vater?«, fragte Malakh.
»Es ist ein Trankopfer. Leere es vorsichtig in den Götterschlund. Aber gib acht, dass kein Tropfen zu Boden fällt!«
Der junge Antisch hievte den Behälter wieder hoch.
»Geh dicht an den Rand des Kraters heran.«
Malakh trat einen Schritt vor und neigte die Amphore. Wie Öl floss die Opfergabe heraus und ergoss sich ins Dunkel des Schlunds. Das Elixier glich einem leuchtenden Faden, der die Welt der Lebenden mit dem Ruheort des schlafenden Gottes verband. Als oben der letzte Tropfen aus der Opfervase rann, hatte unten der erste immer noch keinen Boden erreicht. Das Leuchten verging einfach in der unergründlichen Finsternis.
Mit einem Mal spürte der König, dass sich in dem Loch etwas rührte. Er hörte ein Grollen wie von fernem Donner. Gaals Herz begann heftig zu schlagen. Es fiel ihm schwer, an sich zu halten und nicht vor Begeisterung zu schreien – die Würde des Augenblicks verbot derlei Unbeherrschtheit. Endlich zahlten sich seine jahrelangen Studien aus! Er hatte das Rätsel der drei Opfer gelöst. Oder zumindest das des ersten, denn der schlafende Gott erwachte.
» Wer bist du? «, drang eine dunkle Stimme aus dem Schlund. Sie klang müde und doch so gewaltig wie Donnerschall.
Malakh ließ vor Schreck das Henkelgefäß in den Krater fallen.
Sein Vater fiel zur Erde nieder und presste die Stirn auf den Boden. »Mein Name ist Gaal, Herr der unendlichen Tiefen. Ich bin der König von Dagonis.«
»Ihr habt ein Land nach mir benannt?«, staunte der Gott.
»Es ist eher eine Insel«, erwiderte der Gefragte mit gequälter Miene. » Allerdings ist sie einzigartig und gefürchtet in der ganzen Welt …« Aus den Augenwinkeln sah er, wie sein Sohn bäuchlings vom Kraterrand wegkroch. Gaal zischte ihn an und schüttelte energisch den Kopf, was Malakh innehalten ließ.
»Das hört sich an, als wäre dein Königreich ziemlich klein«, tönte es aus der Dunkelheit.
» Nach der Großen Erweckung wird das Eure, mein Herr Dagon, von einem Ende der Aura bis zum anderen reichen, das verspreche ich Euch.« Gaal erhob sich, und während er weitersprach, bedeutete er auch dem Knaben, sich wieder hinzustellen. »Bislang leisten die Anbeter Gaos, die sich Kinder des Lichts nennen, erbitterten Widerstand. Sie vermögen die Luft der Inseln zu atmen, das Volk der Antische dagegen nur den Äther des Weltenozeans. Vor einigen Jahren fand ich jedoch einen Weg, uns beide Reiche zu erschließen. Er ist steinig gewesen, es gab schmachvolle Rückschläge und zwei schmerzliche Niederlagen, aber ich habe nie aufgegeben, wie Ihr seht.«
»Ich kann nichts sehen. Dazu bedarf es eines weiteren Opfers. «
»Auch daran habe ich gedacht, mein Herr. In dem Trankopfer, das mein Sohn Euch dargebracht hat, liegt der Schlüssel zu unbegrenzter Macht. Ich bitte Euch nur, es zu segnen und zu mehren, bis der Same Dagons über das ganze Feld der Welt ausgebracht ist. «
»Es ist wirklich ein besonderer Trank, mein kluger Gaal. Ich verstehe, was du beabsichtigst, und es findet mein Wohlgefallen. Du sollst bekommen, wonach du verlangst. Mein schwarzer Nebel wird das Leichentuch für die Kinder Gaos sein. Jedoch …« Die Stimme aus dem Berg erstarb.
»Mein Herr?«, fragte Gaal. Er fürchtete schon, Dagon sei wieder eingeschlafen.
»Meine alte Kraft ist noch nicht wiederhergestellt«, hallte es abermals müde aus dem finsteren Schlund. » Mit deinem ersten Opfer hast du mich geweckt. Das zweite wird mir die Augen öffnen, und ich werde meine Macht nach deinem Wunsch lenken können. Bist du bereit, es mir aus freien Stücken zu geben ? «
Gaal spürte sein Herz wie ein wild um sich schlagendes Tier, das aus seiner Brust zu entkommen versuchte. »Das bin ich, mein Herr Dagon.«
Malakhs Stachelkragen sträubte sich.
»Was hast du?«, fragte ihn der König.
»Wenn er uns ansieht, werden wir dann nicht geblendet?«, hauchte der junge Antisch.
Gaal legte ihm die Hand auf die Schulter. » Aus Dagons Augen kommt kein Licht, mein Sohn. Sie verströmen Finsternis.«
Der Knabe sah sich beklommen um. »Und woher nehmen wir das andere Opfer für die Große Erweckung, Vater?«
Ein trauriges Lächeln umspielte Gaals Mund. »Es ist bereits hier, Malakh. Hättest du die Amphore nicht verloren, könntest du sein Spiegelbild darin sehen.«
»Ich bin …?« Der Prinz riss erschrocken die Augen auf.
»Ja, du bist die zweite Gabe«, erwiderte der König, und mit diesen Worten stieß er seinen Sohn in den Schlund.
Schreiend stürzte der junge Antisch in die finstere Tiefe.
» O Dagon, ich schenke dir die Frucht meiner Lenden «, murmelte Gaal mit bebender Stimme. »Lebendig fährt der Knabe zu dir in den Tartaros hinab, um dir, mein Gott, neues Leben zu geben. «
»Und ich empfange ihn mit Wohlwollen«, antwortete es aus dem Berg. »Weil du mir dein eigen Fleisch und Blut nicht vorenthalten hast, will ich dich mehren wie die Staubkörnchen auf dem Gedogh. «
Aufgewühlt blickte der König dem brüllenden Kind nach, das in immer tiefere Schatten fiel. Ehe er es ganz aus den Augen verlor, schoss plötzlich von unten eine Fontäne reiner Schwärze empor. Sie verschlang den Knaben, und Malakhs Stimme erstarb.
Gaals Gesicht war wie aus Stein gemeißelt. »Nun, mein Herr Dagon, fehlt Euch nur noch das letzte und machtvollste Opfer «, murmelte er.

 

2. Eine Nacht zwischen Leben und Tod

 

Der Schrei zerriss die Stille der Nacht. Er kündete von unsäglichen Schmerzen, von Qualen, wie sie kein Mann freiwillig ertrug. Weit hallte er über das Ackerland. Das furchterregende Geschrei ließ Füchse die Ohren spitzen, Wollmäuse in ihre Löcher fliehen und Flughunde ihre feinen Nasen gierig in den Wind recken. Sie witterten Blut.
Taramis sprang von der Sitzbank auf, als die heisere Stimme aus dem Haus zu neuem Klagen anhob. Der Schrei seiner Frau ging ihm durch Mark und Bein.
» Setz dich hin, Freund. Das dauert noch «, sagte Jagur. Es war ein lauer Frühlingsabend, den der Kirrie sichtlich genoss. Seelenruhig kraulte er sich den krausen Vollbart. Sein rollender Bass verströmte Gelassenheit. Rechts neben ihm lehnte seine Streitaxt an der Bank, zu seiner Linken stand ein Krug mit kühlem Bier.
»Du hast gut reden«, stöhnte Taramis. »Es ist ja nicht deine Frau, die da wie am Spieß brüllt.«
»Aber es ist meine Lehi, die danebensteht und es sich anhören muss. «
Seufzend nahm Taramis wieder unter dem Vordach an der Seite des weißhaarigen Freundes Platz und lehnte sich mit dem Rücken an die Hauswand. Sein neues Heim, ein ehemaliger Zuchthof für Wollmäuse, war aus Feldsteinen gebaut, weiß verputzt und mit Ried gedeckt. Shúria hatte es in den letzten Monaten zu einer Oase des Friedens gemacht, obgleich ihr Leib in dieser Zeit stärker angeschwollen war als bei Ari. So klaglos, wie sie die Beschwernisse der Schwangerschaft ertragen hatte, so geräuschvoll durchlitt sie jetzt die Wehen. »Ich dachte immer, beim Zweiten sei alles leichter.«
»Mach dir keine Sorgen. Lehi hat schon viele Bälger ins Leben geholt. Und Siath ist auch noch da. Niemand ist so im Einklang mit der Natur wie die Ganesen. Etwas Besseres als diese beiden Geburtshelferinnen kann deiner Shúria gar nicht passieren.«
Unweigerlich musste Taramis grinsen. » Ich hätte nie gedacht, einmal meine Frau und mein Kind einer bärtigen Hebamme anzuvertrauen. «
Jagur nahm einen tiefen Schluck aus dem Krug. » Du kommst eben langsam in das Alter, wo man klug wird.«
Die Tür öffnete sich, und Siath kam mit Ari heraus. Von einem nahestehenden Baum schwebte ein Greifvogel herbei und landete auf ihrem Arm. Es war Tosu, ihr ständiger Begleiter. Sie begrüßte den Goldmilan in einer Sprache, die nur sie verstand. So kühl das Äußere der hübschen Ganesin war, so warm und einschmeichelnd klang ihre volle Stimme. Sie trug ein leichtes, flachsfarbenes Kleid, das ihre Schultern und Arme freiließ. Ihre helle Haut glänzte von Schweiß. Bei was auch immer sie Shúria geholfen hatte, es musste sie angestrengt haben. Ihre freie Hand lag entspannt im Nacken des Jungen, während sie sich Taramis zuwandte. »Dein Sohn ist aufgewacht.«
»Jetzt erst?«, wunderte er sich.
» Kinder haben einen festen Schlaf. Aber nun sorgt er sich um seine Mutter. Lenkt ihn etwas ab.«
Jagur zwinkerte dem Elfjährigen zu. »Habe ich dir schon mal erzählt, wie meine Lehi drei Schurken auf einmal enthauptet hat ? «
Ari machte große Augen. » Tante Lehi hat Männern den Kopf abgeschlagen ? «
»Ich rede von meiner Axt, Junge.« Der Kirrie hob seine doppelschneidige Waffe hoch.
»Stell sie sofort wieder weg«, verlangte Taramis. »Du willst wohl, dass er Albträume kriegt.«
»Wie denn? Er kann ja nicht schlafen.«
Taramis breitete die Arme aus. »Komm mal her, kleiner Löwe. «
Ari löste sich von Siath. Seiner zarten Statur sah man nicht an, dass er der Sohn des größten Kriegers war, den Berith je gesehen hatte. Sowohl äußerlich wie auch von seinem Wesen her schlug er mehr nach der Mutter. Nichts beunruhigte den empfindsamen Jungen so sehr wie die Leiden anderer Lebewesen, ganz gleich ob Mensch oder Tier. Er ließ sich an die Brust des Vaters sinken. »Wird Mama sterben?«
Unwillkürlich wechselte Taramis einen Blick mit der Ganesin. Sie schüttelte den Kopf. Kein Grund zur Sorge. Ihr Gesicht blieb jedoch ernst.
»Deiner Mutter passiert nichts«, sagte Taramis und verwuschelte Aris schwarzen Haarschopf. »Sie schenkt deinem Bruder oder deiner Schwester das Leben. Eine Geburt ist ziemlich anstrengend. «
»Ich schreie nie, wenn ich etwas Anstrengendes mache, Papa. «
»Solltest du aber«, mischte Jagur sich erneut ein. »Bei mir wirkt ein ordentliches Gebrüll wahre Wunder. Einmal wollten mir sieben Seeleute gleichzeitig die Falten aus dem Gesicht bügeln. Da habe ich meine Lehi beim Stiel gepackt und …«
»Trink noch einen Schluck Bier«, unterbrach ihn Taramis schnell.
Jagur klappte den Mund zu, brummte wie ein Bär und schnappte sich den Krug.
»Ich gehe dann mal wieder rein«, erklärte Siath, schickte ihren gefiederten Freund in die Nacht zurück und verschwand im Haus.
Nach einer Weile verstummten Shúrias Schreie, und die Ganesin erschien abermals in der Tür.
Taramis sprang von der Bank auf. »Ist es …? Hat sie …? Ich habe gar kein Kindergeschrei gehört.«
Siath lächelte. Sie wirkte erschöpft. »Shúria geht es den Umständen entsprechend gut. Die Wehen haben nachgelassen. Sie möchte dich sprechen, ehe es wieder losgeht.«
Wortlos lief er an ihr vorbei. Shúria und Ari verdankten der ehemaligen Hetäre, die sich selbst als Feuermädchen bezeichnete, gleich mehrfach ihr Leben. Vor nicht einmal neun Monaten hatte sie mit ihrem Körper in einem Opferofen die Flammen von den beiden ferngehalten.
Taramis stürzte ins Schlafzimmer. Durch das Fenster auf der Meerseite schimmerten die Lichter ferner Inseln und Sterne. Davor stand das große Bett, in dem Shúria unter einem schneeweißen Laken auf sauber ausgekochten Tüchern lag. Ihre Augen waren geschlossen. Lehi tupfte ihr gerade den Schweiß von der Stirn. Als sie den nervösen Vater bemerkte, lächelte sie ihm aufmunternd zu. Sie war noch kleiner als ihr Ehemann, ansonsten überwogen bei ihnen jedoch die Gemeinsamkeiten. Ihre Gesichter waren ungefähr gleich faltig, Jagurs Frau hatte ihr buttergelbes Haar zu einem ganz ähnlichen Zopf geflochten wie er, und ihr Vollbart war mindestens so dicht wie der seine. Nur hatte sie ihn auf eine Länge gestutzt, die ihr bei der Geburtshilfe nicht hinderlich war.
»Wie geht es ihr?«, fragte Taramis.
» Sie ist eine Kämpferin «, antwortete Lehi. » Aber das wusstest du ja schon vorher.«
Er nickte. Wie Shúria sich in Komana gegen lüsterne Freier gewehrt und ihren Sohn vor tödlichen Gefahren beschützt hatte, war unglaublich. Ihre Standhaftigkeit hatte das Band der Liebe zwischen Taramis und ihr noch fester geschmiedet.
Sie öffnete die Augen und lächelte erschöpft. »Warum fragst du sie und nicht mich?«
Er ließ sich neben ihr auf der Bettkante nieder und nahm ihre Hand. »Es sah aus, als schliefest du.«
» Schwindler. «
»Du bist so tapfer, Schatz. Ich bin unglaublich stolz auf dich. «
Ihre Miene wurde ernst.
»Was beschäftigt dich, Shúria?«
»Ich muss dir noch etwas sagen, Taramis.«
Noch? Warum hatte sie noch gesagt? »Hat das nicht Zeit bis später ? Bis … ? «
»Nein!«, unterbrach sie ihn barsch. »Ich möchte, dass du es jetzt weißt. «
Er schluckte. »Wie du willst, Liebes.«
Sie schloss die Augen, holte tief Luft und sah ihn wieder an. »Ich hatte einen Traum.«
»War es einer von der Sorte, die du früher …?«
»Ja«, fiel sie ihm abermals ins Wort. »Ich habe die Zukunft gesehen. Leider nur sehr undeutlich …« Ihr Blick wurde gläsern.
Er streichelte mit dem Daumen ihren Handrücken. » Es scheint dich beunruhigt zu haben.«
Sie sah ihn wieder an. »Unser Kind ist in großer Gefahr, Taramis. «
» Ari ? «
» Nein, Aïschah. «
Er räusperte sich. »Aïschah?«
» Deine Tochter. Ich finde es passend, dass wir sie nach deiner Großmutter nennen. Du nicht?«
»Ich bekomme ein Mädchen?«
»Nein, ich bekomme es. Aber du bist der Vater.«
Sie wirkte aufgelöst und reizbar, was Taramis nach all den Schmerzen der Wehen für allzu verständlich hielt. Übertrieben geduldig fragte er : »Schatz, was genau hast du gesehen?«
»Jemand will uns etwas antun.«
Er zuckte zusammen. »Wer?«
»Ich weiß es nicht.«
» Gaal ? «
»Gao hat mir nicht ohne Grund verraten, dass uns jemand nach dem Leben trachtet. Wir dürfen seine Warnung nicht auf die leichte Schulter nehmen, Taramis.«
Er schloss die Augen und rang mit malenden Kiefern um Fassung. Du glaubst, mich besiegt zu haben, aber du bist ein Narr, hatte Gaal ihn vor dreizehn Jahren im Garten der Seelen verhöhnt, eine Drohung, die wie ein böses Omen klang. Ich komme wieder, Taramis, und es wird schrecklicher sein als zuvor. Wenige Augenblicke danach war der König von Dagonis ins Haus der Toten eingegangen.
Und trotzdem war er zurückgekehrt – auf dem Weg der Unsterblichkeit.
»Denkst du an Gulloths Fluch?«, fragte Shúria. Sie verzog das Gesicht. Offenbar setzten die Wehen wieder ein.
»In meinem Kopf schwirrt so vieles herum«, antwortete er ausweichend und küsste sie auf die Stirn.
Sie schrie unter Schmerzen auf.
»Entschuldige bitte, Schatz, ich wollte nicht …«
»Das warst nicht du«, keuchte sie kurzatmig, »sondern deine Tochter. Sag ihr gefälligst, dass sie endlich damit aufhören und herauskommen soll. «

Ralf Isau

Über Ralf Isau

Biografie

Ralf Isau, geboren 1956 in Berlin, arbeitete lange als Informatiker. In seinen Büchern entwirft der mehrfach preisgekrönte Autor detailreiche Welten und gilt als großer Erzähler phantastischer Literatur. Seine Romane werden in 14 Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien bei Piper die Fantasy-Saga »Die...

Pressestimmen

Wochen-Kurier Heidelberg

»Mit seiner actionreichen Saga um die faszinierende Welt Berith widmet sich der bekannte deutsche Fantasy-Autor Ralf Isau endlich wieder der High-Fantasy.«

phantastik-journal.ch

»Ein Roman den man in der Tat am liebsten erst aus der Hand legen würde, wenn man ihn voll und ganz verschlungen hat.«

Tirolerin

»Ralf Isau erzeugt mit seinem aktuellen Roman die perfekte Mischung aus Magie, Abenteuer und Spannung.«

Bibliotheka Phantastika

Ralf Isau gehört in die erste Liga der deutschen Autoren im Phantastik-Genre.

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