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Die zerbrochene Welt

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Feueropfer (Die zerbrochene Welt 2)

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Die zerbrochene Welt — Inhalt

Der Kampf um die zerbrochene Welt ist noch nicht gewonnen! In Berith breitet sich Panik aus, da immer mehr Schollen in kleine Teile zerbrechen und zum Labyrinth der tausend Scherben treiben. Dort lauern die gefürchteten Dagonisier, um die Bewohner ihrem grausamen Gott als Feueropfer darzubringen. Als sie schließlich die Familie von Taramis entführen, muss dieser erneut beweisen, dass er seinem Ruf als größter Held Beriths gerecht wird. Er will nicht eher ruhen, bis er seine Frau und sein Kind aus den erbarmungslosen Fängen der Dagonisier befreit hat. Doch auf seiner Reise erwartet ihn mehr als nur eine unlieb same Überraschung …

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 17.02.2014
432 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98047-0

Leseprobe zu »Die zerbrochene Welt«

Prolog

 

Die Annalen von Berith, 6. Buch

 

Seit Äonen hatten die Seher von Luxania vor der Gefahr gewarnt. Vor dem Beginn eines dunklen Zeitalters. Vor Kriegsscharen der Finsternis, die gegen Jâr’en heraufziehen werden. Die uralten Weissagungen sprachen von einem Tag, an dem die Menschen zwischen Untergang und Erhebung wählen müssten. Als dann der junge Nebelwächter Taramis den König von Dagonis tötete, schien sich die Prophezeiung zu erfüllen. Die Kinder des Lichts hatten gesiegt. Zwölf Jahre später wären am guten Ausgang der Geschichte kaum jemandem [...]

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Prolog

 

Die Annalen von Berith, 6. Buch

 

Seit Äonen hatten die Seher von Luxania vor der Gefahr gewarnt. Vor dem Beginn eines dunklen Zeitalters. Vor Kriegsscharen der Finsternis, die gegen Jâr’en heraufziehen werden. Die uralten Weissagungen sprachen von einem Tag, an dem die Menschen zwischen Untergang und Erhebung wählen müssten. Als dann der junge Nebelwächter Taramis den König von Dagonis tötete, schien sich die Prophezeiung zu erfüllen. Die Kinder des Lichts hatten gesiegt. Zwölf Jahre später wären am guten Ausgang der Geschichte kaum jemandem mehr Zweifel gekommen. Doch das war ein folgenschwerer Irrtum. Die Völker von Berith hatten nur einen Sieg errungen, nicht aber die Schlacht gewonnen. Ihre schwerste Prüfung stand ihnen noch bevor.
Der Traum vom Frieden endete an einem Morgen im Frühling. Die Nacht zog sich gerade zurück. Das Licht der Sonne streichelte sanft die Lufthülle über der Heiligen Insel. Dadurch leuchtete die Sphäre in sämtlichen Farben des Regenbogens. Die Stunde der Liebenden nannten die Tempelwächter diese Zeit: Man war berauscht und zugleich blind. Auch ihre Feinde wussten das.
Der Angriffüberraschte alle. Die Tempelgarde, weil die Armada des Gegners wie aus dem Nichts erschien. Den Hohepriester Eli, weil er schon lange keinen Gedanken mehr an die alten Weissagungen verschwendet hatte. Und die Ganesen, jene Gärtner von Gan Nephaschôth, weil die Seelenbäume für sie unantastbar waren. Nie wieder, so glaubten sie, würde jemand im Heiligen Hain so wüten, wie es einst König Gaal getan hatte.
Wie ein Blitz aus heiterem Himmel fielen die vereinigten Armeen von Dagonis und Komana über die Scholle her. Ätherschlangen stießen aus dem irisierenden Morgenhimmel herab. Mancher Wachposten bemerkte die Gefahr erst, als ihn ein Armbrustbolzen traf. Die Hälfte von ihnen war bereits gefallen, ehe das Alarmhorn erscholl.
Von diesem Augenblick an schossen die fischköpfigen Scharfschützen auf alles, was sich bewegte: Gardisten, Priester, Gärtner, Frauen und sogar Kinder. Zudem setzten die Dagonisier Brandpfeile ein. Seltsamerweise erloschen die meisten Feuer jedoch sofort wieder.
Unterdessen rollte die zweite Angriffswelle über Jâr’en hinweg. Sie bestand aus Drachenkröten, gigantische schildkrötenartige Geschöpfe, die viele Dutzend Krieger zu tragen vermochten. Mehr als hundert Tiere schwebten herab. Sie brachten Soldaten aus Komana, wie die Spitzhelme und brünierten Rüstungen der Kämpfer verrieten. Im Gegensatz zu den Antischen waren diese Menschen kiemenlos, konnten also mühelos die Luft der Insel atmen.
Der Hauptverband landete am Ufer des Sees vor den Mauern des Tempelareals. Etliche Trupps seilten sich zudem über dem Bezirk ab, der einer kleinen Stadt mit Plätzen und engen Gassen glich. Im Zentrum stand Beth Gao, das »Haus Gaos«.
Masor schreckte beim ersten Schall des Alarmhorns aus dem Schlaf. Er gehörte den Nebelwächtern an, jenem geheimen Orden also, der Berith vor dem Anbruch des dunklen Zeitalters zu schützen versuchte. Überdies bekleidete er seit zehn Jahren das Amt des Hüters von Jâr’en. Sein Freund Taramis hatte das Kommando damals an ihn abgetreten. Die sechshundert Mann starke Tempelgarde war eine zwar kleine, aber ungemein schlagkräftige Armee. In der Truppe dienten ausschließlich Zeridianer, darunter einige der mächtigsten Geistkämpfer von Berith. Masor selbst konnte Staub und Rauch in Nebel und Regen verwandeln.
Als er den Lärm im Tempelbezirk hörte, rechnete er mit dem Schlimmsten. Noch unter Taramis’ Führung hatte es in der Zeridianergarde viele Veränderungen gegeben, um einen Überfall wie den vor zwölf Jahren zu verhindern. Wenn nun alle diese Maßnahmen wirkungslos blieben, dann konnte das nur eines bedeuten:
Der Feind war übermächtig.
Masor nahm sich nicht die Zeit, erst den Harnisch anzulegen. Seine Männer brauchten ihn. Lediglich mit einer Tunika bekleidet sowie mit Langbogen, Pfeilköcher und Schwert bewaffnet, lief er aus dem Haus, das hinter dem monumentalen Tempelbau lag. Bis hierhin waren die feindlichen Krieger noch nicht vorgedrungen.
Wohin er seinen Blick auch wendete, überall stieg Qualm auf. Er sammelte seinen Willen und formte schwere Regenwolken aus dem Rauch. Bald fielen die ersten Tropfen.
In der Nähe des Tempels erschien ein Gardist, der für zeridianische Verhältnisse eher klein war und sich wie eine Raubkatze bewegte.
»Pyron!«, rief Masor dessen Namen.
Der Krieger wandte sich zu ihm um und kam herbeigelaufen. »Gott sei Dank, du lebst!«
»Du hattest Wache, nicht wahr? Was ist denn los?«
Pyron schilderte in knappen Worten die Lage. Aus dem ehemaligen Hitzkopf war längst ein verlässlicher Hauptmann geworden, der genau wusste, worauf es ankam. Sein Bericht ließ erahnen, dass die Verteidiger von Jâr’en auf verlorenem Posten standen.
Fassungslos schüttelte Masor den Kopf. »Ich muss mich sofort um den Hohepriester, die Frauen und die Kinder kümmern.«
»Eli hat angeordnet, sie in die Höhlen unter dem Tempel bringen zu lassen.«
» Das ist gut. Such dir ein Dutzend Mamoghreiter und komm mit ihnen in die Höhlen. Nachts sollen sie ihre Tiere rufen und so viele Brüder und Schwestern wie möglich von der Insel schaffen. Sollte mir etwas zustoßen, führst du die Flüchtlinge durch die geheimen Ausgänge in den Garten der Seelen. Dort seid ihr fürs Erste sicher. Die Ganesen kennen dort viele Verstecke. «
Pyron nickte mit grimmiger Miene. » Und ich dachte, mit der Zerstörung von Zin seien wir die Plage ein für alle Mal los.«
» Ging mir genauso. Die Fischköpfe haben kein Mosphat mehr. Ich möchte wissen, wie sie hier überhaupt atmen können.«
»Als Mobula seinerzeit die Insel zerquetschte, hat sie eine Menge Schutt hinterlassen. Die Dagonisier könnten das Zeug aus dem Äther gefischt und neues Neschamah daraus gewonnen haben. Viel brauchen sie für die paar Scharfschützen ja nicht. Die Hauptstreitmacht der Angreifer besteht aus Komanaern. «
»So wie damals, als sie die Kirries für sich eingespannt haben. «
»Heute sieht es schlimmer aus, Masor. Sehr viel schlimmer sogar. Sie haben uns auf dem linken Fuß erwischt.«
» Vielleicht können wir sie uns mit unseren Geistwaffen noch eine Weile vom Hals halten.«
»Das tun wir doch längst. Hätte ich nicht Dutzende von Bränden gelöscht, wäre aus dem Tempelbezirk längst ein Flammenmeer geworden. Sie werden uns allein durch ihre schiere Überzahl erdrücken. «
»Weißt du, wo Zur ist?«
» Verdammt ! «
» Was ist? «
» Er hat gesagt, er wolle dich wecken. Wenn er noch nicht hier ist … «
»… dann wurde er aufgehalten«, fiel Masor seinem Freund ins Wort. Jede andere Erklärung wäre zu niederschmetternd gewesen. »Bevor du die Reiter einsammelst, suchst du den Lauscher, hörst du? Er soll mit seinem Mamogh nach Barnea schwallen und Taramis von dem Überfall berichten.«
»Sonst nichts? Keine Anweisungen?«
»Taramis wird wissen, was zu tun ist.«
»Und falls Kater Zur … den Auftrag nicht ausführen kann?«
» Dann reist du an seiner statt nach Barnea. Aber nicht, bevor du das Dutzend Mamoghreiter eingesammelt hast. Kommt zum Haupttor des Tempels und helft bei der Evakuierung unserer Brüder und Schwestern. Ich werde hoffentlich auch dort sein. Pass gut auf dich auf, mein Freund.«
Pyron nickte und rannte davon.
Der Hüter von Jâr’en lief in die entgegengesetzte Richtung. Er umgab sich mit einer hauchzarten Nebelwolke, gerade dicht genug, um die Scharfschützen der Dagonisier zu narren. Nach wenigen Schritten befand er sich mitten im Kampfgetümmel. Es regnete noch immer. Waffen klirrten aufeinander. Männer schrien, um sich aufzustacheln, aus blanker Wut oder weil sie Schmerzen litten. Der Lärm war ohrenbetäubend. Überall lagen Tote und Verletzte. Es stank nach Blut und Eingeweiden.
Er entdeckte Usa, einen jungen Hauptmann der Tempelgarde, der gerade von fünf Komanaern in die Mangel genommen wurde. Zwei tötete Usa mit Schwert und Speer. Dann stürzte er und drohte selbst aufgespießt zu werden. In schneller Folge verschoss Masor drei Pfeile. Jeder kostete einem Feind das Leben.
»Die Männer versuchen den Tempelplatz abzuschirmen«, berichtete Usa keuchend, nachdem ihm sein Kommandant wieder auf die Beine geholfen hatte. Er blickte gehetzt.
»Was ist mit den Wehrgängen auf den Mauern?«
»Alle in Feindeshand. Sämtliche Tore ebenfalls. Ständig strömen weitere komanaische Kämpfer in den Bezirk. Es sind einfach zu viele. Sie werden uns alle vernichten.«
Masor legte dem Soldaten die Hand auf die Schulter und redete in beschwörendem Ton auf ihn ein. Er sei doch ein Hauptmann der Tempelgarde und schließlich für solche Einsätze ausgebildet. Der Zuspruch tat Usa gut. Er fasste neuen Mut. Mit klaren Anweisungen für die Verteidigung des Viertels rund um die Säule des Bundes schickte ihn Masor fort.
Hierauf wandte sich der Hüter dem rechteckigen Tempelplatz zu. Als er sich diesem von einer Seitengasse aus näherte, bot sich ihm ein Bild des Grauens. Er konnte nur einen kleinen Teil des freien Areals zwischen Elis Haus und Beth Gao überblicken, sah aber schon jetzt mehrere Leichen von Kindern, Frauen und Männern. Fischköpfige Krieger stachen mit ihren dreizackigen Lanzen auf solche ein, die sich noch bewegten. Hysterische Schreie hallten zu ihm herüber. Und dann erschien ein Antisch, bei dessen Anblick Masor eine Gänsehaut bekam.
»Gaal?«, hauchte er.
Der Feuermensch hatte die gleiche Zeichnung aus leuchtend rotbraunen Streifen wie einst der König der Dagonisier. Mit etwa zehn Fuß war er auch genauso groß. Sogar der Brustpanzer aus silbrig glänzenden Platten schien derselbe zu sein. Wie war das möglich? Taramis hatte das Ungeheuer doch besiegt. Der Seelenfresser war durch das Feuer von Ez getötet worden. Masor hatte es mit eigenen Augen gesehen.
Er legte einen neuen Pfeil auf die Sehne. Auf dem Platz herrschte ein solches Durcheinander, dass ihn noch niemand entdeckt hatte. Um wen auch immer es sich bei dem Dagonisier handeln mochte, sein Harnisch war der eines Befehlshabers. Auch sein Verhalten deutete darauf hin. Mit seinem breiten Kurzschwert zeigte er mal hierhin, dann wieder dorthin und rief unentwegt Kommandos.
Vielleicht, dachte Masor, kann ich den Spuk beenden, wenn ich ihn töte.
Die Sonne ging gerade erst über der Heiligen Insel auf. Ihr Licht vertrieb die Schatten vom Tempelplatz. In den Gassen ringsum boten sie dem Hüter aber noch Deckung. Und zum Schutz gegen die Scharfschützen hatte er ja die Wolke aus Nebel. Darunter war er für den Feind so gut wie unsichtbar. Bis er sich verraten musste. Wahrscheinlich würde ihm nur Zeit für einen einzigen Schuss bleiben, bestenfalls für zwei. Lautlos pirschte er sich an den riesigen Dagonisier heran.
Plötzlich wurde ein Greis in einem langen weißen Gewand vor den Anführer gezerrt. Masor stockte der Atem. Es war der Hohepriester.
»Gaal?«, keuchte Eli.
Das Fischmaul des Kriegers verzog sich zu einem hämischen Grinsen. »Der Chohén gibt sich die Ehre. Ihr wirkt überrascht, mich zu sehen.«
»Ihr müsstet … tot sein. Ich war dabei, als Taramis Euch …«
»Taramis war ein Narr!«, herrschte der Antisch den Priester an. »Er glaubte, mich auslöschen zu können. Obwohl ich ihn gewarnt hatte. Nun bin ich – wie vorhergesagt – zurückgekehrt. Auf dem Weg der Unsterblichkeit.«
»Dann wird er Euch abermals ins Haus der Toten schicken. Und diesmal endgültig.«
Gaal lachte. »Nein. Ich werde ihm das Furchtbarste antun, das er sich vorstellen kann. So habe ich es ihm versprochen, so werde ich es halten. Euch stellt sich allerdings die Frage, wo Ihr stehen wollt. Seid Ihr bereit, Dagonis als Hohepriester zu dienen? «
Eli straffte die Schultern. »Etwa so wie der Verräter Eglon? Niemals ! «
Der König nickte versonnen. »Das dachte ich mir. Dann werde ich Euch leider töten müssen …«
Masor ließ die Bogensehne los. Der Pfeil zischte auf den Kopf des Antischs zu.
Gaal duckte sich jäh, als habe er die tödliche Gefahr gespürt. Das Geschoss verfehlte ihn.
Sofort schickte Masor einen weiteren Pfeil hinterher. Ehe dieser sein Ziel erreichen konnte, stürzten die Leibwächter des Königs in die Gasse. Einer rannte in die Flugbahn des Geschosses, wurde am Hals getroffen und sank zu Boden.
Danach durchsiebten Armbrustbolzen die Luft.
Einer bohrte sich in Masors Oberschenkel. Ächzend duckte er sich in einen Hauseingang und riss den dritten Pfeil aus dem Köcher. Unterdessen spähte er an den nahenden Kriegern vorbei zum Platz hinüber. Erhobenen Hauptes stand der Hohepriester immer noch vor dem König von Dagonis.
Plötzlich rammte ihm Gaal das Schwert in den Unterleib. Ebenso schnell, wie er zustieß, zog er die Klinge auch wieder zurück und ging sofort auf Abstand zum Priester. Der kleinste Blutspritzer eines Zeridianers konnte ihn töten.
Eli brach zusammen.
Masor schrie vor Verzweiflung auf. Wütend schoss er den nächsten Pfeil ab und tötete einen Leibwächter. Dann spürte er einen heftigen Schlag – und sah an sich herab. Ein Armbrustbolzen stak tief in seiner rechten Brust. Seltsamerweise fühlte er kaum Schmerz. Du wirst sterben. Erstaunlich, wie wenig ihn der Gedanke schreckte.
Von diesem Augenblick an verwandelte sich der Hüter von Jâr’en für die Gegner in einen Todesengel. Brüllend verschoss er drei weitere Pfeile und wurde selbst zweimal getroffen – im linken Arm und an der Hüfte –, noch ehe die fischköpfigen Krieger herangekommen waren. Zornig schleuderte er den Bogen weg und riss sich die Pfeile aus den Wunden. Mit gezücktem Schwert warf er sich auf die Dagonisier.
Sein Blut tötete mehr Feinde als seine Klinge. Tatsächlich sah es so aus, als könne er sich gegen sie behaupten. Ihre Reihen lichteten sich und schließlich zogen sie sich sogar entsetzt vor ihm zurück.
»Aus dem Weg!«, donnerte Gaal.
Masor erkannte die Stimme, obwohl es in seinen Ohren wie unter einem Wasserfall rauschte. Er wankte, vermochte sich kaum noch auf den Beinen zu halten. Mit verschleiertem Blick sah er, wie die dagonisischen Krieger für ihren König eine Gasse bildeten.
Gaal war knapp zehn Schritte entfernt, hielt eine Armbrust im Anschlag und schoss.
Der Bolzen bohrte sich tief in Masors Herz. Keuchend sank er auf die Knie. Er hatte das Gefühl, in einen eiskalten Bergsee zu sinken. So als sähe er die Gestalt seines Mörders durch Wasser hindurch, verschwamm sie rasch vor seinen Augen. Dann spürte und sah er überhaupt nichts mehr.

 

1. Der Bruch

 

Als sich das flache Eisen in die Ackerkrume grub, erzitterte der Boden. Ein dunkles Grollen stieg aus den Tiefen der Scholle auf. Taramis stutzte. Die Feldarbeit war hart und es mangelte ihm auch gewiss nicht an Kraft, doch er konnte wohl kaum mit einer einzigen Feldhacke ein ganzes Erdbeben auslösen. Die Stöße wollten gar kein Ende nehmen. Was geschah da?
Besorgt blickte er über den Acker hinweg zu den Gebäuden. Sie lagen auf einer schmalen Landzunge, die weit ins Ätherische Meer hinausragte. Shúria kam gerade aus dem Wohnhaus gelaufen, um nach Ari zu sehen. Der Zehnjährige hatte im Spiel innegehalten und den Kopf in den Nacken gelegt. Irgendetwas am Himmel bannte seine Aufmerksamkeit.
Und dann sah es auch Taramis. Eine irisierende, halb durchscheinende Wand senkte sich aus den Höhen herab, so als wolle sich eine gigantische Seifenblase in zwei Hälften teilen. Ihm war sofort klar, dass es sich dabei nicht nur um eines der üblichen Lichtphänomene handelte, die man zu früher Stunde in der Lufthülle von Barnea beobachten konnte. Nein, hier geschah etwas Gewaltigeres, Unheilvolles.
»Weg vom Haus! Kommt sofort zu mir!«, rief er seiner Frau und dem Jungen zu. Er ließ die Hacke fallen und lief ihnen entgegen. Zuletzt hatte er vor einem Dutzend Jahren solche Angst verspürt, im Zweikampf gegen Gaal. Wie damals dachte er auch jetzt nicht an sich selbst. Er wollte diejenigen beschützen, die er mehr liebte als jeden anderen Menschen auf der Welt. Shúria und Ari waren in Lebensgefahr.
Mit langen Sätzen eilte er zum Feldrand. Über den Weg aus gestampfter Erde hetzte er an Büschen und Bäumen vorbei auf das Haus zu. Am Ende des Ackers stak in seiner weichen, schwarzen Hirschhauthülle der Stab Ez. Zu Beginn des Tagewerks hatte er ihn dort tief in den Boden gerammt und seine dunkelbraune Lederweste daran aufgehängt. In diesem Moment schüttelte das Beben sie wie reifes Obst herab.
Plötzlich sah er aus den Augenwinkeln eine Bewegung am Wegrand. Ein schlangenhafter, grüner Zweig schoss unter einem dicht belaubten Strauch hervor. Taramis sprang …
Für die Dauer eines Wimpernschlags meinte er noch, dem Borstenwürger zu entkommen. Dann aber spürte er, wie sich der Fangarm um sein rechtes Fußgelenk schlang. Gegen den darauf folgenden Schmerz waren ein Bad in Brennnesseln oder die Stiche der Feuerqualle das reinste Vergnügen. Mit einem lang gezogenen Schrei fiel er zu Boden.
Schon zuckte ein weiterer Tentakel vor und fing auch das zweite Bein ein. Taramis krallte die Hände ins Erdreich. Er suchte verzweifelt nach Wurzeln, um sich daran festzuhalten, oder nach Steinen, die er als Waffe benutzen konnte. Er fand jedoch nichts. Die Pflanze schleifte ihn langsam, doch unerbittlich über den Feldweg. Wahrscheinlich hinderte sie nur das dichte Geäst ihres Verstecks daran, ihm sofort den nächsten Fangarm um die Brust oder den Hals zu winden. Borstenwürger pflegten ihre Beute erst zu betäuben, dann zu erdrosseln und ganz zum Schluss zu verdauen.
Taramis brüllte. Weniger die Qualen und das zunehmende Schwindelgefühl entfachten seinen Zorn als vielmehr die eigene Hilflosigkeit. Anstatt Shúria und Ari beizustehen, musste er gegen die Yateveo kämpfen – so nannten die Bewohner von Barnea diese fleischfressenden Pflanzen. Die Yateveos waren hinterlistige Jäger. Sie schlichen im Schneckentempo von Versteck zu Versteck. Manchmal warteten sie unter den Blättern eines größeren Busches wochenlang auf Beute. Sie verschmähten weder Schafe noch Wölfe, fraßen Echsen und Vögel. Und wenn ein Mensch dumm genug war, sich in die Nähe ihres agilen Geästs zu wagen, dann verleibten sie sich sogar diesen ein.
» Shúria ! «, schrie Taramis und streckte die Hand nach Ez aus. Das Dröhnen aus dem Innern der Scholle war ohrenbetäubend. Als er den Ruf wiederholen wollte, kamen nur noch unverständliche Laute hervor. Seine Zunge fühlte sich pelzig an. Das Nesselgift wirkte erschreckend schnell. Er brachte nicht einmal mehr die Kraft auf, den Feuerstab mithilfe seines Willens aus dem Boden zu ziehen. Der Stecken zitterte zwar, kam aber nicht frei. Taramis verfluchte seine Selbstgefälligkeit. Er war auf seinen großen, muskulösen, raubtierhaften Körper und die schnellen Reflexe immer so stolz gewesen, und ebenso auf die Fähigkeit, Trugbilder zu erschaffen und verborgene Spuren sichtbar zu machen. Seine anderen Geistesgaben hatte er ein Jahrzehnt lang brachliegen lassen, bis sie verkümmert waren. Jetzt rächte sich diese Nachlässigkeit.
Während ihn die Yateveo Zoll um Zoll über den Weg schleifte, wankte Shúria mit ihrem Sohn an der Hand näher. Sie hatten Mühe, sich auf den Beinen zu halten, denn der Boden bebte immer stärker. Und plötzlich, fast hatten sie den Acker erreicht, riss er vor ihnen auf. Sie stolperten. Ari fiel. Shúria schrie.
Taramis brüllte vor ohnmächtiger Wut. Vor seinen Augen tanzten Sterne. Sein umnebeltes Bewusstsein klammerte sich verzweifelt an den Feuerstab. Ez zitterte noch heftiger. Das Futteral aus Hirschkalbsleder kroch an seinem schwarzen Schaft empor, bis es herabfiel. Der Stecken selbst wollte sich aber nicht aus dem Erdreich lösen.
Shúria war auf die Knie gegangen. Sie hatte ihren Sohn nicht losgelassen. Er hing in dem etwa sechs Fuß breiten Spalt, der sich als dunkle, gezackte Linie quer über die Landzunge erstreckte. Mit verzerrtem Gesicht zog sie ihn zu sich herauf, presste ihn an sich und sank mit ihm rückwärts hin.
Taramis spürte Zweige im Rücken. Was das bedeutete, war klar. Die Yateveo hatte ihn schon fast bis in ihr Versteck gezerrt. Gleich würde sie zum tödlichen Würgegriff ansetzen. Wahrscheinlich hatte sich ihr schlauchartiger Leib schon geöffnet, um die erdrosselte Nahrung aufzunehmen.
Da riss sich endlich Ez aus dem Boden los, glitt aus dem Lederfutteral und flog über etwa dreißig Schritte hinweg in Taramis’ ausgestreckte Rechte.
Er wälzte sich auf den Rücken herum und stieß zu. Die Spitze des Stabes durchbohrte einen Ast, der sich gerade um seinen Hals hatte winden wollen. Der getroffene Fangarm zuckte zurück wie eine Hand von einem glühend heißen Ofen.
Die übrigen Tentakel packten dafür umso schmerzhafter zu. Das Blattwerk des Strauches raschelte, als bebe die darin verborgene Kreatur vor Zorn. Offenbar fand das Feuer von Ez in der Yateveo aber keinen boshaften Geist, an dem es sich entzünden konnte, sonst wäre ihr Widerstand längst erlahmt.
Wütend stach Taramis auf die Zweige ein, die an seinen Beinen zerrten. Glücklicherweise taugte das schwarze, fast unzerstörbare Holz des Stabes auch als gewöhnlicher Speer recht gut. Beim wiederholten Durchbohren des zweiten Tentakels nahm das Zittern des Geästs noch zu. Als Taramis den dritten Fangarm attackierte, wurden die Zweige des Strauches unversehens auseinandergerissen.
Über ihm ragte die bis in die Wurzelspitzen bebende Yateveo wie ein bizarrer, grünbrauner, knorriger Baum auf. Ihre Borke glänzte wie Siegelwachs. Die Blätter an den borstigen Ästen hatte sie eingerollt und dadurch zu kleineren Fangarmen umgeformt. Wie ein Haarkranz umgaben andere Tentakel ihre Fressöffnung am oberen Ende des etwa zehn Fuß hohen, schlauchartigen Stammes. Der gierige Schlund neigte sich zu Taramis herab.
Er quälte sich auf die Füße, obwohl ihm die Schmerzen fast die Besinnung raubten und der Boden unvermindert bebte. Ein Fangarm schoss auf seine Brust zu. Mit einer gezielten Parade wehrte ihn Taramis ab und stieß Ez in den Leib des Borstenwürgers. Einmal. Zweimal. Immer wieder durchbohrte das schwarze Holz die Rinde. Die Yateveo hatte kein Herz, deshalb musste man sie auch herzlos bekämpfen.
Unversehens ließ sie das Geäst des Strauches los. Zweige peitschten Taramis ins Gesicht. Er warf sich flach auf den Boden und wappnete sich für den nächsten Angriff, doch die fleischfressende Pflanze zog sich zurück. Ihre beweglichen Wurzeln trugen sie schneller fort, als er es bei einer Yateveo für möglich gehalten hatte.
Alles um ihn herum drehte sich. Er schloss ganz kurz die Augen, um die Benommenheit abzuschütteln. Jetzt nur nicht ohnmächtig werden! Am liebsten wäre er einfach liegen geblieben und hätte das Ende des Erdbebens abgewartet – es wurde bereits schwächer. Doch das durfte er nicht.
Sein von Schmerzen und Nesselgift gepeinigtes Bewusstsein richtete sich an der Sorge um seine Familie auf. Mühsam kroch er unter dem Blattwerk des Strauches hervor. Als er zum Ende des Feldes blickte, durchfuhr ihn ein kalter Schauer.
Eine schillernde Wand hatte sich vom Himmel bis zum Acker herabgesenkt. Jenseits davon knieten, einander umarmend, Shúria und Ari. Sie entfernten sich rasch. Und mit ihnen trieben sein Haus, die Scheune und der Stall von ihm fort. Die gesamte Landzunge war von der Insel Barnea abgebrochen.
Wieder schrie Taramis auf. Er kämpfte sich unter Schmerzen auf die Beine und wankte auf das Ende des Feldes zu, die Arme verzweifelt nach seiner Frau und dem Sohn ausgestreckt. Vergeblich klammerte sich sein Geist an die Scholle, während diese sich rasch entfernte – schließlich konnte er keine ganze Halbinsel festhalten. Selbst ohne das Nesselgift im Körper hätte er das nicht vermocht.
Mit Tränen in den Augen sank er auf die Knie. Seine bebenden Lippen formten immer wieder die Namen von Shúria und Ari, während er das Unfassbare hilflos mit ansehen musste.
Unaufhaltsam entschwand die Landzunge samt Frau und Sohn im Weltenozean.

 

2. Fortgerissen

 

Jetzt kannst du dein Versprechen einlösen.« Shúria hatte den Kopf zur Seite geneigt, während sie Taramis von unten herauf anlächelte. Sie standen auf dem Dach des hohepriesterlichen Hauses. Über ihnen strahlte der Abendhimmel in feurigen Farben. In der Ferne konnte man den Garten der Seelen sehen, einen dunklen, von Dunstschleiern umwaberten Saum.
»Versprechen?«, echote er. »Welches Versprechen?«
»Dass ich bei dir bleiben darf. Für immer.«
Der Hüter von Jâr’en, der seine Krieger stets so souverän führte, wirkte mit einem Mal verunsichert. Sein Blick wanderte Hilfe suchend über die Dachterrasse hinweg zu einem Korbsessel, in dem der Hohepriester saß. Eli nickte ihm lächelnd zu. Es war eine Geste der wohlwollenden Zustimmung. Ein stilles Wenn du meine Tochter zur Frau nehmen willst, meinen Segen dazu hast du.
»Weißt du noch, was ich dich vor einem Jahr gefragt habe?«, hakte Shúria nach.
Taramis runzelte die Stirn. »Sollte ich?«
Sie warf den Kopf in den Nacken und verdrehte die Augen.
»Typisch Mann! Ich wollte von dir wissen, ob es dir unangenehm ist. «
» Was? «
»Dass du mein Held bist.«
» Ach das ! «
»Du meintest, du seist gespannt, was als Nächstes kommt.«
»Und du sagtest schmunzelnd: ›Da fällt mir schon was ein.‹«
»Also erinnerst du dich doch. Damals hatte jeder von uns genug mit seiner Trauer um Xydia zu tun. Inzwischen sind zwölf Monate vergangen, wir haben uns fast täglich gesehen und ich konnte viel über uns beide nachdenken.«
»Sag mal, wird das jetzt so etwas wie ein Heiratsantrag?«
Sie zuckte die Schultern. »Wenn du mich nicht fragst …« Wirkungsvoll ließ sie ihre Stimme verstummen und bedachte ihn mit einem Augenaufschlag.
Er räusperte sich. »Ich weiß nicht, ob ich schon so weit bin.«
»Ist das die Frage, die du dir beantworten musst?«
» Wie bitte? «
Sie legte ihre Hand an seine Wange. »Solange du den Glocken der Trauer in deinem Herzen lauschst, wirst du sie auch hören. Aber wie steht es mit dem Klang des Glücks? Wirst du jemals wieder einen Menschen finden, der so gut zu dir passt wie ich? «
Überrascht sah er sie an. »Manchmal wundere ich mich, wie ungeniert du solche Dinge sagst.«
Shúria lächelte keck. »Aus mir spricht der Freimut einer Neunzehnjährigen. Meine Zunge ist noch nicht vom Gift der Bedenken gelähmt. «
» Das einfältige Mädchen nehme ich dir nicht ab. Dazu kenne ich dich inzwischen zu gut. Es stimmt nämlich.«
» Was … stimmt? «
»Du hast nicht nur das Licht in mein Herz zurückgebracht, sondern auch die Freude. Und die Fähigkeit, Menschen innig zu lieben.« Er schüttelte den Kopf. »Nein.«
Shúria merkte, wie ihr der Mut sank. »Nein? Was meinst du jetzt damit? «

Ralf Isau

Über Ralf Isau

Biografie

Ralf Isau, geboren 1956 in Berlin, arbeitete lange als Informatiker. In seinen Büchern entwirft der mehrfach preisgekrönte Autor detailreiche Welten und gilt als großer Erzähler phantastischer Literatur. Seine Romane werden in 14 Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien bei Piper die Fantasy-Saga »Die...

Pressestimmen

Wochen-Kurier Heidelberg

»Mit seiner actionreichen Saga um die faszinierende Welt Berith widmet sich der bekannte deutsche Fantasy-Autor Ralf Isau endlich wieder der High-Fantasy.«

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»Ein Roman den man in der Tat am liebsten erst aus der Hand legen würde, wenn man ihn voll und ganz verschlungen hat.«

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»Ralf Isau erzeugt mit seinem aktuellen Roman die perfekte Mischung aus Magie, Abenteuer und Spannung.«

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Ralf Isau gehört in die erste Liga der deutschen Autoren im Phantastik-Genre.

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