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Die zerbrochene Welt

Die zerbrochene Welt

Roman (Die zerbrochene Welt 1)

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Die zerbrochene Welt — Inhalt

Die Welt Berith besteht aus unzähligen Inseln, die durch den Äther schweben. Als das grausame Volk der Dagonisier die Macht über das Reich an sich reißen will, überziehen sie es mit einem Krieg, der alles zu verschlingen droht. Einzig der Nebelwächter Taramis kann das Blutvergießen beenden. Gemeinsam mit seinen Gefährten setzt er alles daran, seine Welt vor den Dagonisiern zu retten. Doch ein grausamer Schicksalsschlag lässt den Helden fast versagen. Erst im Ange sicht der gefährlichsten Geheimnisse der zerbrochenen Welt gelingt es Taramis, sich auf seine Kräfte zu verlassen und die letzte Schlacht zu schlagen.

»RALF ISAU GEHÖRT ZUR ERSTEN LIGA DER DEUTSCHEN PHANTASTIKAUTOREN.« Bibliotheka Phantastika

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 14.01.2014
496 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98031-9

Leseprobe zu »Die zerbrochene Welt«

Gulloth

Er war auf die Insel seiner Vorväter geschickt worden, um ein Phantom zu jagen. Eine mordende Bestie, die niemand je richtig gesehen hatte. Nun lag der Beweis für ihre Existenz direkt vor ihm. Die Fährte des Ungeheuers funkelte wie Sternenstaub zwischen den Farnen und Kiefernnadeln im uralten Wald von Zeridia. Taramis sträubten sich die Nackenhaare.

Er ging in die Hocke. Mit den Fingerspitzen untersuchte er die riesigen Abdrücke. Vier Tatzen mit je sechs langen Klauen. Ein Wolfsdrache? Ihn schauderte. Er war nie einer dieser Kreaturen begegnet, [...]

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Gulloth

Er war auf die Insel seiner Vorväter geschickt worden, um ein Phantom zu jagen. Eine mordende Bestie, die niemand je richtig gesehen hatte. Nun lag der Beweis für ihre Existenz direkt vor ihm. Die Fährte des Ungeheuers funkelte wie Sternenstaub zwischen den Farnen und Kiefernnadeln im uralten Wald von Zeridia. Taramis sträubten sich die Nackenhaare.

Er ging in die Hocke. Mit den Fingerspitzen untersuchte er die riesigen Abdrücke. Vier Tatzen mit je sechs langen Klauen. Ein Wolfsdrache? Ihn schauderte. Er war nie einer dieser Kreaturen begegnet, von denen man sich Unglaubliches erzählte. Angeblich speicherten sie verschiedene Sekrete in ihrem Schädel, die sie bei Bedarf zusammenmischten, um aus den Nüstern Feuer zu speien.

Taramis schüttelte den Kopf. Sicher irrte er sich. Die vergleichsweise moderaten Temperaturen im zeridianischen Regenwald dürften den Grauechsen kaum behagen. Ihre Heimat waren die schwülheißen und subtropischen Inseln der Zentralregion. Außerdem hatte das Phantom Menschen als Beute gewählt, was doch eher auf einen Bären, Säbelzahnluchs, Tausendfüßigen Riesenblutegel oder eine andere einheimische Raubtierart schließen ließ. Das Blut des Volkes der Zeridianer gehörte zu den stärksten bekannten Giften. Die auf dem Archipel heimischen Raubtierarten waren zumeist dagegen unempfindlich, für Lebewesen aus anderen Regionen Beriths konnte dagegen schon ein Blutstropfen auf der Haut tödlich sein.

Doch was auch immer eine so tiefe Spur im Waldboden hinterlassen hatte, er durfte es auf keinen Fall unterschätzen. Taramis musste sich in Acht nehmen, damit sein erster Streifzug durch die Jagdgründe der Ahnen nicht zum letzten wurde.

Jede sich ihm bietende Deckung nutzend, folgte er den glitzernden Tupfen. Im Spurenlesen konnte ihm kaum jemand etwas vormachen. Sein besonderes Talent bestand darin, Fährten mittels Geisteskraft zu einem goldenen Funkeln anzuregen, eine seltene, ihm schon in die Wiege gelegte Gabe.

Und ebenso lang besaß er den Stab Ez, den er immer und überall mit sich trug. Er schien nicht von dieser Welt zu sein: Ez war schwarz wie Ebenholz, sieben Fuß lang, gerade wie ein Speerschaft, wohl ausbalanciert, dabei überraschend leichtgewichtig und unzerstörbar. Die Härte und Durchschlagskraft seiner Spitze übertraf die von Stahl. Seine eigentliche Macht lag in einer höchst ungewöhnlichen Eigenschaft, die ihn von allen anderen Waffen unterschied.

Ez wohnte ein Feuer inne, das sich an den Absichten des Herzens entzünden konnte. Je mehr ungezügelte Boshaftigkeit eine Person erfüllte, desto entflammbarer war ihre Seele. Die kleinste Berührung mit dem schwarzen Holz genügte, um einen hasserfüllten Gegner in eine lebende Fackel zu verwandeln.

Für Taramis verkörperte der wundersame Stecken überdies einen ideellen Wert. Gerade erst geboren, hatte sein Vater ihn und die Mutter vor vierundzwanzig Jahren verlassen. Daher besaß er keine Erinnerungen an diesen für ihn namenund gesichtslosen Mann. Nur den Feuerstab. So wurde Ez zum Abschiedsgeschenk, zu einem Vermächtnis des Unbekannten, der kein Zeridianer gewesen sein konnte – Taramis hatte oft darunter gelitten, ein Halbblut zu sein. Meister Marnas, sein Lehrer, war der Meinung, dieser geheimnisvolle Mensch müsse außergewöhnliche Macht besessen haben, weil er so einzigartige Fähigkeiten an seinen Sohn weitergegeben habe.

Mit Sinnen, die wie ein trockener Schwamm alles um sich herum aufsaugten, folgte Taramis der glitzernden Spur einen lang gestreckten Hang hinab. Dabei verschmolz er förmlich mit seiner Umgebung. Um ganz eins zu sein mit dem Wald, lief er barfuß. Nach Sitte seines Volkes hatte er das schwarze, bis zur Mitte des Rückens reichende Haar zu sieben Zöpfen geflochten. Damit die Luft ungehindert seinen Nacken umfächeln konnte, waren sie mithilfe von Lederbändern zu einem großen Rossschwanz zusammengefasst. Abgesehen von seinen Waffen trug er nur ein dünnes Lendentuch, das eine Handbreit über den Knien endete. Er hatte sich zur Tarnung mit einer grünbraunen Paste aus Wurzelsud, Kräutern und Schlamm eingeschmiert. So vermochten ihn die meisten Waldbewohner weder zu sehen noch zu wittern. Sein schlanker, muskulöser Körper bewegte sich so geschmeidig und unauffällig wie der Leib einer Schlange zwischen den rotbraunen Stämmen hindurch. Und wenn es darauf ankam, stieß Taramis mit seinen ihm eigenen Giftzähnen auch so plötzlich wie eine Viper zu.

Denn wie auf den Stab Ez, der auf große Entfernung töten konnte, verließ er sich für den Nahkampf auf sein zweischneidiges Kurzschwert Malmath. Die wellenförmige Klinge aus vielfach gefaltetem Stahl entsprang dem Griff so schmal wie ein Dolch, verbreiterte sich alsbald in elegantem Schwung und mündete jäh in einer lanzettenfeinen Spitze.

Obwohl auch im Umgang mit anderen Waffen geübt, verdankte Taramis den Ruf der Unbesiegbarkeit vor allem seinem Schwert und dem Feuerstab. Es hieß, er sei mit achtzehn Jahren in der Tempelgarde von Jâr’en bereits der beste Kämpfer gewesen. Er selbst gab auf solche Übertreibungen jedoch nicht viel.

Das Erbe seines Volkes vermochte er dennoch nicht zu leugnen. Glaubte man dem Sprichwort, dann kamen Zeridianer als Jäger zur Welt. Taramis verspürte die tiefere Wahrheit dieser Worte hier auf Zeridia so intensiv wie nie zuvor. Schon in seinen Vorbereitungen hatte sich dieser Jagdinstinkt gezeigt. Er war auf Allons Rücken über den Wald geflogen, hatte mit sicherem Blick die günstigsten Stellen ausgesucht und sich wie selbstverständlich seine Strategie zurechtgelegt. So als hätte er nie etwas anderes getan.

Jetzt, ganz auf sich allein gestellt, wurde er eins mit der Natur, diesem Ehrfurcht einflößenden, wahrhaft gigantischen Organismus. Moosfarne schienen ihm wie seine Schwestern zu sein und die grün überwucherten Findlinge wie Brüder. Er fühlte sich wie ein Sohn der Baumriesen, deren Äste voller Flechten hingen und an lange Bärte erinnerten. Unentwegt tastete er mit Händen, Füßen und Geist. Er lauschte mit seinen Ohren den Stimmen der Tiere und prüfte mit der Nase die dunstgeschwängerte Luft. Dreihundert Tage im Jahr verschleierte der Nebel hier das Licht, die Geräusche, den Regenwald, alles Leben darin.

Und immer häufiger verwandelte er sich für seine Bewohner in ein Leichentuch.

Am Widerhall seiner Schritte erkannte Taramis, dass die mächtigen Stämme hinter den wabernden Dunstschwaden zurücktraten. Der Wald lichtete sich. Ein Windhauch trug den Duft von Schilf herbei, ein Vorbote des Grünen Sees.

Am Eingang eines felsgesäumten Hohlweges duckte sich Taramis in die hüfthohen Farne. Die funkelnde Spur bog nach rechts ab, wo sie fast schnurgerade einen steilen Hang erklomm. Er hatte genau das Gegenteil vermutet, denn links ging es durch die Felsrinne zum Grünsee hinab. Dort unten, bei der Tränke, erwartete die Bestie mit den großen Tatzen reiche Beute. Deshalb hatte sich Taramis für das Zusammentreffen auch die Engstelle ausgesucht. Hier gab es kein Entkommen. Alle nötigen Vorkehrungen waren getroffen. Warum verhielt eine der räuberischsten Kreaturen, die je auf dieser Insel ihr Unwesen getrieben hatte, sich so völlig anders?

Taramis lauschte. Seine feinen Sinne atmeten förmlich die Umgebung ein. Er hörte den Wind in den Wipfeln, den Flügelschlag der Vögel, das Summen von Insekten, das Knistern eines Hirschkäfers, der sich seinen Weg durch Laub und Kiefernnadeln bahnte. Alles wirkte so friedlich, wie es in einer Welt des Fressens und Gefressenwerdens nur sein konnte.

Was nun?, fragte sich Taramis. Sollte er seinen Schlachtplan über den Haufen werfen und dem Phantom auf den Berg folgen? Das schwarze Holz in seinen Händen schien aufgeregt zu pulsieren. Er ließ sich davon nicht verunsichern. Nur sein Herz pochte wie verrückt, trieb Wogen heißen Blutes durch seine Adern. Ob der Stab seine Macht entfaltete, würde sich erst noch zeigen. Sollte die Bestie nämlich nur ein vernunftloses Tier sein, wäre sie für Ez ebenso unschuldig wie ein Kind. Er taugte dann bestenfalls als Ochsenstachel, wie Marnas einmal spöttisch bemerkt hatte, als ein kleiner Dorn, mit dem man schwerfällige Dickhäuter triezen konnte.

Plötzlich erscholl über Taramis ein lautes Rattern. Unwillkürlich duckte er sich tiefer in die Farne. Seine Augen suchten nach einem herbeischwirrenden Geschoss, einem Angreifer oder einer anderen Gefahrenquelle. Die Dunstschleier lichteten sich für einen Augenblick, und er entdeckte an einem Stamm weit oben den Verursacher des Lärms: Ein Specht hämmerte sich voller Übermut durch die Rinde.

Taramis atmete erleichtert auf. Er sondierte noch einmal gründlich das Terrain, ehe er aus der Deckung trat. Sein Blick folgte der glitzernden Fährte hangaufwärts, die nach etwa zweihundert Schritten im Nebel verschwand. Ihm fiel ein, wie die Bewohner von Zeridia die Kreatur nannten, der er nachstellte: den schleichenden Tod. Manche sagten, sie sei ein böser Geist, der sich nur in der wachsenden Zahl seiner Opfer spiegle.

Fast fünf Dutzend Männer hatte die Bestie schon geholt. Mit Vorliebe wählte sie die Jungen und Kräftigen, wodurch sie die Existenz des ganzen Stammes gefährdete, der seine besten Jäger verlor. Das Biest schien die Beute mit Haut und Haaren zu verschlingen, selten ließ es ein paar Leichenteile liegen. Und diese grauenhaft zugerichteten Überreste schienen wie eine Warnung, die es den Überlebenden zukommen ließ.

Immerhin war der Kreatur eine Handvoll Männer entkommen. Taramis hatte mit ihnen gesprochen, um sich ein Bild vom Gegner zu machen. Ihre widersprüchlichen Beschreibungen gaben ihm Rätsel auf.

Besonders merkwürdig fand er die Erinnerungen eines Flüchtlings von der Nachbarinsel Samunia. Er hieß Cellion und war ein ehemaliger Kamerad aus der Tempelgarde von Jâr’en. Taramis kannte ihn aus der Zeit ihres gemeinsamen Dienstes als verwegenen Krieger. Beim gestrigen Wiedersehen war er dagegen wie ausgewechselt. Völlig verängstigt stammelte er, dagonisische Sklavenjäger hätten eine blutrünstige Bestie auf Zeridia zurückgelassen, und dann berichtete er von einem Überfall der Menschenfänger auf sein Heimatdorf.

Die Fischköpfe banden, so behauptete er, die stärksten Männer auf ihre Drachenwürmer, trieben anschließend den Rest des Stammes in die Rundhäuser und zündeten sie an. Den Häuptling, den sie vorher mit ihren giftigen Stacheln gelähmt hatten, ließen sie dabei zusehen, um ihn schließlich aus sicherer Entfernung mit ihren dreizackigen Lanzen zu ermorden. »Seitdem träume ich jede Nacht davon. Ich sehe das Flammenmeer, aus dem entsetzliche Schreie dringen. Sie rufen immer wieder meinen Namen«, hatte Cellion mit starrem Blick geflüstert.

Ehe er unbemerkt hatte entkommen können, musste er sich anhören, wie die Fischköpfe den Häuptling verhöhnten. Sie prahlten von einem ihrer größten Menschenschlächter, den sie Gulloth nannten. Der wüte als das Phantom auf Zeridia und habe schon viele Seelen gefressen. Gegen Ende seines verworrenen Berichts meinte Cellion, er wisse nicht, welches Übel größer sei: die Mörderbanden aus Dagonis oder Gulloth, der schleichende Tod.

Taramis hielt die Schilderungen seines Kameraden für Zerrbilder der Wirklichkeit, die ein verwirrter Geist ausgebrütet hatte. Der einstige Tempelwächter musste irgendetwas Schreckliches erlebt haben. Zweifellos hatte es ihn um den Verstand gebracht. Fischköpfe konnten es aber nicht gewesen sein: Dagonisier waren Antische und somit kiemenatmendes Menschengeschlecht. In den Luftblasen des Archipels müssten sie jämmerlich ersticken. Nur wo solche Sphären fehlten, wie in ihrer Heimat oder im Ätherischen Meer, vermochten sie zu überleben.

Er verdrängte die Gedanken an die Unwägbarkeiten seines Vorhabens. Ginge es danach, wäre er gar nicht erst von Jâr’en aus aufgebrochen. Eigentlich zeugte sein Hiersein von der Unfähigkeit, den Überredungskünsten eines bestrickend schönen Mädchens zu widerstehen. Xydia hatte ihn angefleht, nach Zeridia zu gehen und das Phantom zu töten. Lauris war ihr älterer Bruder und ebenso wie ihr Vater Eli sorgte sie sich um ihn. Er war ein Unterhäuptling und zugleich der beste Krieger des Stammes, der am anderen Ende des Grünen Sees lagerte. Nach einigen erfolglos verlaufenen Treibjagden hatte der unerschrockene Jäger die Bestie allein zur Strecke bringen wollen – und war nicht mehr zurückgekehrt.

Wie hätte Taramis seiner Liebsten also den Wunsch abschlagen können? Er liebte die älteste Tochter des Hohepriesters wie sonst keinen Menschen auf der Welt. Vor seiner Abreise hatten sie sich heimlich verlobt. Ob er jedoch als gewöhnlicher Tempelwächter und als Halbblut in die angesehene Familie einheiraten durfte, musste sich erst noch zeigen.

Durch den Hohlweg strich ein Luftzug, der die Nebelschwaden aufwirbelte und dem Sonnenlicht eine Schneise schlug. Taramis verharrte mitten im Schritt. Seine scharfen Augen fixierten etwas auf dem Waldboden. Es schimmerte wie Perlmutt. Er bückte sich danach, hob es auf.

Zwei Fischschuppen?

Sie glichen den Nägeln seiner Mittelfinger, waren biegsam und halb durchsichtig. Eine schillerte weißlich, die andere orange. Hatte das Phantom im Grünsee einen stattlichen Fisch gefangen und ihn den Hang hinaufgeschleift? Taramis steckte sie in den Bund seines Lendentuches und folgte weiter der glitzernden Fährte. Sollte sich die Bestie am Ende doch nur als ein gewaltiges Raubtier entpuppen, das es gelegentlich nach Menschenfleisch gelüstete?

Unvermittelt drang ein Geräusch an sein Ohr. Es kam aus dem Hohlweg hinter ihm. Blitzschnell wirbelte er herum. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken.

Zwischen den felsigen Wänden stand etwas. Der Größe nach hätte es ein Wasserbüffel sein können. Genaueres ließ sich in den wirbelnden Nebelschwaden nicht erkennen. Es schien zu Taramis herüberzublicken. Sah er zum ersten Mal das Phantom? Ihn beschlich eine schlimme Ahnung.

Die Fährte, die ihn in die falsche Richtung gelockt hatte, musste eine List sein, kein tierischer Instinkt brachte derlei ausgeklügelte Finten hervor. Sie zeugten von Verstand und bewusster Planung. Dennoch wollte sich Taramis durch eine Feuerprobe Gewissheit verschaffen. Eine kurze Berührung mit dem Stab Ez würde dafür schon ausreichen. Dann würde sich zeigen, ob da im Nebel nur ein massiges Tier lauerte oder ein Wesen, das leicht entflammbare Gefühle trieben.

Taramis begann, auf den bulligen Schatten zuzueilen. Fast gleichzeitig setzte sich der Schemen in Bewegung. Unterschiedlicher konnten zwei Kämpfer kaum sein, der eine lief leichtfüßig wie eine Katze, der andere stampfte mit kraftvollen Schritten.

Wer ist hier eigentlich der Jäger und wer der Gejagte?

Entschlossen drängte Taramis die Frage an den Rand seines Bewusstseins. Er durfte sich jetzt von nichts mehr ablenken lassen, schon gar nicht von Zweifeln. Die momentane Ausgangsposition war nicht so günstig wie erhofft. Er wollte seinen Gegner unbedingt erreichen, bevor der den Hohlweg verlassen und seitlich ausbrechen konnte. Taramis steigerte das Tempo.

Als die Distanz zwischen den Kontrahenten etwa um die Hälfte zusammengeschmolzen war, hob sich unvermittelt der Nebelschleier. Das herbeistürmende Phantom erstrahlte im Abendlicht. Taramis umklammerte den Stab wurfbereit mit der Rechten. Also hatte er die Tatzenabdrücke doch richtig gedeutet.

Es war tatsächlich ein Wolfsdrache, ein fast vier Schritt langes, massiges Tier mit großem, breitem Schädel, bösartig blickenden rotbraunen Echsenaugen, warzenübersäter, grauschwarzer Haut, einem gedrungenen, papageienartigen Schnabel mit zwei kurzen Hauern und einem langen, glatten Schwanz. Die Kreatur stieß ein ohrenbetäubendes Brüllen aus.

Taramis nahm das Geräusch mit jener inneren Distanz wahr, die ihn zu einem so gefährlichen Kämpfer machte. Lebensbedrohliche Situationen wirkten auf viele Krieger wie ein starkes Rauschmittel: Sie erhöhten die Leistungsfähigkeit, setzten die Schmerzempfindlichkeit herab und benebelten den Verstand. Ihn hatten sie stets nur wachsamer gemacht. Sein Geist verfügte über die Gabe der Zähen Zeit. Sie zog jeden Augenblick in die Länge, wodurch sich alles um ihn herum zu verlangsamen schien – nur seine Reflexe nicht.

Der Wolfsdrache senkte sein breites Haupt zum Stoß. Gleich würde sich zeigen, was in ihm steckte. Ein boshafter Verstand, an dem sich die glühende Macht des Stabes entzünden konnte? Andernfalls würde Ez kalt bleiben – nur ein hölzerner Speer …

Etwa drei Schritte vor der Kreatur sprang Taramis mit ganzer Kraft in die Höhe. Der kurze Hals und das enorme Gewicht der Echse hinderten sie hoffentlich an einer schnellen Reaktion gegen einen Angriff aus der Luft. Im Flug packte er den schwarzen Schaft mit beiden Händen, riss die Arme nach oben und zielte mit der Spitze zwischen die Schulterblätter des Wolfsdrachen.

Plötzlich sah er etwas gleich einer Peitsche auf sich zurasen, am Ende hing ein Geröllbrocken. Es war der rattenhafte Echsenschwanz, der den Felstrümmer so geschickt wie eine Streitkeule schwang. Taramis beugte reflexartig den Kopf nach hinten, der Stein streifte seine Nasenspitze und schlug ihm mit brutaler Gewalt den Stab Ez aus den Händen. Der Krieger wirbelte in der Luft herum und landete hinter dem Wolfsdrachen auf den Beinen. Die Zähe Zeit hatte ihm das Leben gerettet, seine Entwaffnung indes nicht verhindern können.

Ez war in die andere Richtung geflogen und klapperte neben der bulligen Echse zu Boden. Rasch wälzte sie einen schweren Felsbrocken über den Stab und legte ihre Klaue darauf. Deutlicher konnte sie ihre Hinterhältigkeit kaum zeigen. Als wüsste sie genau, dass sie den Feuerstab nicht ungeschützt berühren durfte. Was verlieh dem Wolfsdrachen nur solche Fähigkeiten? Wurde er von einer Macht gelenkt, die sich der Tiergestalt bediente wie ein Puppenspieler seiner Marionette?

Lauernd standen sich die Kontrahenten gegenüber. Taramis ließ seinen Geist auf den Stab einwirken. Es kostete ihn schon Mühe, bewegliche Gegenstände mit der Kraft des Willens zu lenken, hier musste er vollends passen. Sosehr er auch an der Waffe rüttelte, er bekam sie nicht frei. Während ihm aus den linsenförmigen Pupillen der Echse die pure Häme entgegenschlug, überkam ihn ein Gefühl der Reue.

Wäre er seinem väterlichen Lehrmeister nur ein besserer Schüler gewesen! Marnas hatte ihn oft genug ermahnt, über den unermüdlichen Waffenübungen seine mentalen Fähigkeiten nicht zu vernachlässigen. In der Tempelgarde dienten einige der begabtesten Geistkämpfer von Berith. Aber der junge Eigenbrötler war stur geblieben. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass man der spirituellen Seite seines Ichs nicht trauen konnte.

Kein Wille, und sei er noch so stark, vermochte ihm nämlich ein Haar zu krümmen. Ein fester Blick in die Augen eines Widersachers genügte Taramis, um den Spieß umzudrehen: Wer ihn mit Blindheit schlagen wollte, verlor selbst das Augenlicht, und Bannsprüche fielen umgehend auf die Verfluchenden zurück. So war schon manchem die eigene Macht zum Verhängnis geworden. Meister Marnas nannte diese Begabung Spiegeln; er zählte sie zum Vermächtnis des geheimnisvollen Vaters seines talentiertesten Schülers.

Gegen körperliche Gewalt und List war Taramis indes ebenso wenig immun wie gegen indirekte mentale Angriffe oder die vielfältigen Spielarten der Illusion. Er gehörte selbst zu den Gauklern, die Trugbilder erschaffen konnten, wie andere Vogelstimmen nachahmten. Derlei Schimären auf den Wolfsdrachen loszulassen, konnte allerdings ins Auge gehen. Wer immer sich hinter der tierischen Maske verbarg, war ebenfalls ein Meister der Täuschung und ließ sich bestimmt nicht so leicht blenden.

Taramis zückte das Schwert.

Die hässliche Echse fasste diese Geste offensichtlich als Kampfansage auf. Aus ihren Nüstern fauchten zwei Flammenzungen. Brüllend stürmte sie auf den Menschen los.

Taramis wirbelte herum und floh. Seine Chance würde kommen, aber nicht jetzt und hier. Malmath stieß er fürs Erste wieder in die Scheide zurück. Hoffentlich war der Wolfsdrache kein Langstreckenläufer. Der abschüssige Hohlweg mündete nach ungefähr einer halben Meile am Ufer des Sees. Spätestens dort würde sich entscheiden, wer von beiden der größere Jäger war.

Unter dem Eindruck der Zähen Zeit wirkte die Echse hinter Taramis wie benommen. Sie brüllte und fauchte wütend, erreichte ihr volles Tempo aber erwartungsgemäß erst, nachdem er bereits fünfzig Schritte gesprintet war. So gewann er den Freiraum, den er für seinen Plan brauchte. Seine scharfen Augen entdeckten die Etappenmarke Nummer eins, einen großen Felsbrocken auf der rechten Seite. Behände bückte er sich dahinter, ohne seine Geschwindigkeit zu verringern. Als er sich wieder aufrichtete, hatte er einen zeridianischen Jagdspeer in der Hand. In vollem Lauf drehte er sich um und schleuderte die Waffe auf das Ungeheuer.

Der Wolfsdrache wich dem Geschoss mühelos aus. Er brüllte zornig und spie abermals Feuer. Zum Glück waren die Flammenzungen viel zu kurz, um auch nur in die Nähe des Menschen zu kommen.

Nach knapp einhundert Schritten erreichte Taramis das zweite Versteck. Wieder beugte er sich nach unten, förderte einen Wurfspieß zutage und schickte ihn noch in derselben Bewegung der Echse entgegen. Losgelöst von der Zähen Zeit zischte die Waffe durch die Luft.

Der Wolfsdrache war nur dem Anschein nach träge. Seine geradezu unheimlichen Reflexe retteten ihn abermals vor dem tödlichen Stahl. Er duckte sich genau im richtigen Winkel, um den Speer an seiner dicken Lederhaut wirkungslos abgleiten zu lassen.

Taramis rannte weiter. Die folgende Etappe war lang. Zügig holte die Echse auf. Schon tauchte vor ihm das Ende des Hohlweges auf. Dahinter glitzerten die smaragdgrünen Fluten des Sees. Der Zeridianer meinte im Nacken bereits den feurigen Atem des Drachen zu spüren, als er endlich das nächste Versteck erreichte. Aus einem Felsspalt riss er Speer Nummer drei. So geschmeidig wie zuvor nutzte er die Kraft seiner Bewegung, um die Waffe wie vom Katapult geschossen davonschnellen zu lassen.

Diesmal flog der Spieß steil nach oben.

Der Wolfsdrache triumphierte mit Getöse über den offenkundigen Fehlwurf.

Taramis kam stolpernd zum Stehen, zog dabei sein Schwert und drehte sich um. Die Lider hielt er geschlossen, weil das von ihm anvisierte Ziel im Nebel verborgen lag. Er konnte den Speer nur mit den Augen des Geistes verfolgen und ihn so auf die richtige Bahn lenken.

Malmaths eisblaues Schimmern verfehlte seine Wirkung nicht. Die Echse grub ihre Klauen in den Grund, um nicht blindlings in die Klinge zu rennen. Getragen von Taramis’ Willen durchtrennte unterdessen ein gutes Stück über ihnen die stählerne Speerspitze ein Haltetau.

Unter ohrenbetäubendem Poltern krachte eine Steinlawine den Hang hinab. Die Bestie versuchte noch auszuweichen. Mit einem kraftvollen Satz stieß sie sich vom Boden ab und flog direkt auf Taramis zu. Doch diesmal hatte sie zu spät reagiert. Die Felsbrocken trafen sie mitten im Sprung und begruben sie unter einer zwei Fuß dicken Geröllschicht.

Die Lawine hatte eine Menge Staub aufgewirbelt, der sich mit dem Nebel zu einem undurchsichtigen Schleier verband. Taramis musste husten. Hatte er das Phantom getötet? Während er sich mit stoßbereiter Klinge dem Schutthaufen näherte, hallte die Mahnung von Meister Marnas durch seinen Sinn: Ob in der Schlacht oder bei der Jagd, kehre einem Gegner nie den Rücken, ehe du nicht seine Leiche gesehen hast.

Plötzlich schien das Geröll zu explodieren. Steinbrocken wurden emporgeschleudert und ein feurig heißer Atem traf Taramis im Gesicht. Er wich rasch zurück. Der Geruch verbrannten Haars stieg ihm in die Nase. Polternd rutschten vor ihm Felsbrocken auseinander. Darunter kam die grauschwarze Warzenhaut der Echse zum Vorschein. Der Wolfsdrache schob sein Haupt ins Freie und schoss zwei Flammenspeere auf den Krieger ab.

Taramis duckte sich, fuhr auf der Stelle herum und rannte los. Der Jäger war endgültig zum Gejagten geworden.

Die Bestie erreichte schnell ihr volles Tempo – zu schnell. Taramis drehte sich nicht nach ihr um. Er konnte auch so fühlen, wie sie näher kam.

In weiser Voraussicht hatte er sich für diesen Fall eine Fluchtstrategie zurechtgelegt. Er suchte sein Heil im nassen Element. Dabei vertraute er auf eine körperliche Besonderheit des Nebelvolks, die es von allen anderen Menschenrassen unterschied. Zeridianer waren amphibische Wesen. Als solche verfügten sie über vier Paare von Kiemenschlitzen im Nacken. Diese erlaubten ihnen das Atmen sowohl im Wasser als auch im Äther, dem luftarmen Raum, in dem die Inseln der Welt Berith wie große Blasen im Weltenozean trieben.

Als er nur noch wenige Sätze vom See entfernt war, spürte er den Angriff der Echse. Taramis schlug einen Haken, und ihre Klauen fuhren hinter ihm ins Leere. Mit einem Hechtsprung rettete er sich in die grünen Fluten und tauchte unter wie ein Eisvogel.

Kraftvoll schwamm er dem Seegrund entgegen. Dort konnte er notfalls tagelang ausharren. Nach ein paar Zügen wandte er sich um, und der Schreck fuhr ihm in die Glieder: Die Kreatur hatte nicht aufgegeben, sondern bewegte sich im nassen Element so geschickt wie ein Fisch im Wasser.

Sie hatte sich in einen Antisch verwandelt.

Gulloth!

Der Name des Phantoms, den Taramis nur für ein Hirngespinst gehalten hatte, bekam plötzlich ein Gesicht. Mit seinen großen, vorstehenden Augen, der flachen Nase und den wurmartigen Barteln um die Kinnpartie sah es dem Antlitz eines Feuerfischs zum Verwechseln ähnlich. Deshalb nannte man die Bewohner von Dagonis auch Feuermenschen. Die überraschende Verwandlung der Echse raubte ihm für einen Moment die Fassung. Benommen sank er mit den Füßen voran auf den Grund des Sees, das Schwert abwehrbereit gezückt.

Der Dagonisier – er trug nur einen Lendenschurz – bewegte sich fließend, geradezu anmutig und beängstigend schnell. Von den Schultern abwärts war er ein Mensch, etwa anderthalb Mal so groß wie sein Gegner. Die gewaltigen Muskeln unter seiner geschuppten, braunrot-weiß getigerten Haut zeugten von unbändiger Kraft. Seinen Hals zierte ein Stachelkragen, der zugleich die Kiemenspalten schützte. Gulloths Hände und Füße hatten je sechs Glieder. In der Linken hielt er einen Dreizack, die Zinken deuteten drohend auf Taramis.

Dem fiel es wie Schuppen von den Augen. Sogar die einander widersprechenden Beschreibungen der Überlebenden ergaben plötzlich einen Sinn. Viele Feuermenschen, so erzählte man sich, seien Seelenfresser. Das bedeutete, sie konnten die Gestalt jedes Wesens annehmen, das sie getötet hatten. Selbst deren Erinnerungen und Fähigkeiten saugten sie dabei in sich auf. Gulloth musste zweifellos über dieses Talent verfügen und sich schon so manche Seele einverleibt haben.

Als Taramis den Dreizack auf seine Brust zuschießen sah, fiel die Benommenheit endlich von ihm ab. Die Gabe der Zähen Zeit schärfte seine Sinne. Obwohl das Wasser des Grünsees von Algen getrübt war, erschien ihm die Umgebung so klar wie die Luft an einem trockenen Wintertag. Er neigte sich gleich einem Schilfrohr im Wind und lenkte den Stoß mit dem Kurzschwert ab.

Der Feuermensch rammte seine Füße in den Schlick, um festen Stand zu finden. Er grunzte wütend, als seine Waffe wirkungslos ins Leere rauschte.

Aus den Augenwinkeln sah Taramis, wie sich aus dem Kragen des Riesen ein Stachel löste und auf seinen Kopf zuschoss. Er duckte sich, und der Dorn zischte an seinem Ohr vorbei. Cellions Schauergeschichte kam ihm in den Sinn. Vom Antischgift gelähmt, habe der Häuptling von Samunia sich nicht einmal wehren können, als die Fischköpfe ihn mit ihren dreizackigen Lanzen getötet hatten.

Wütend führte Taramis einen Befreiungsschlag gegen den Hals des Gegners. Dabei rasierte er ihm mehrere Giftstacheln ab. Gulloth wich zwei Schritte zurück. Das Wasser ließ ihn so plump wie ein Flusspferd erscheinen und auch ebenso gewaltig. Feindselig starrte er aus kalten Glubschaugen auf seinen Widersacher herab.

Eine Weile lang umschlichen sich die beiden. Ihre trägen Bewegungen trogen darüber hinweg, wie angespannt sie waren. Von dem vermeintlich friedlichen Tanz getäuscht, schwamm ein Fisch mitten zwischen ihnen hindurch. Genau in dem Moment, als dem Zeridianer die Sicht auf die Augen des Gegners genommen war, stieß der Dreizack abermals zu.

Taramis wirbelte zur Seite. Im ersten Moment glaubte er, dem Angriff knapp entgangen zu sein, doch dann spürte er einen brennenden Schmerz am Bauch. Eine der mit Widerhaken bewehrten Spitzen der Stoßwaffe hatte ihm die Haut aufgeritzt. Blut ergoss sich ins Wasser, es kräuselte sich wie Rauch in ruhiger Luft.

Der Antisch witterte seine Chance. Jede Zurückhaltung fiel jäh von ihm ab und die Lethargie wich einer tödlichen Schnelligkeit. Flink wie ein Stör attackierte er den Gegner, deckte ihn mit einem ganzen Hagelschauer von Giftpfeilen ein und stieß immer wieder mit dem Dreizack zu.

Mit schier übermenschlichen Reaktionen setzte sich Taramis verbissen zur Wehr. Gulloth schoss einen weiteren Giftstachel auf ihn ab – und verfehlte abermals sein Ziel. Noch einer löste sich aus seinem Kragen. Taramis schlug ihn mit dem Schwert zur Seite. Seine Muskeln brannten wie Feuer. Der Kampf unter Wasser war ungleich kräftezehrender als an der Luft.

Schließlich sauste der letzte Stachel auf ihn zu. Erneut drehte er sich, um dem Geschoss weniger Angriffsfläche zu bieten. Um Haaresbreite schoss es an seiner blutenden Wunde vorbei. Er wankte zurück. Gulloth gönnte ihm jedoch keine Verschnaufpause und setzte sofort nach.

Plötzlich befiel Taramis ein heftiger Schwindel. Er blinzelte benommen. Offenbar hatte sich das Antischgift im Wasser gelöst und war so in seine Blutbahn eingedrungen. Eine bleierne Schwere kroch langsam in seine Glieder. Er drängte die aufkommende Panik zurück und zwang seinen Verstand zu klarem Denken: Noch kannst du etwas tun! Erzwinge die Entscheidung, ehe du die Kontrolle über deinen Körper verlierst. Die stärkste Kraft von Berith ist der Geist.

Zur Überraschung von Gulloth wirbelte er jäh mit den Füßen Schlick und Sand empor. Die damit verbundene Anstrengung drohte ihn von den Beinen zu reißen. Während die aufsteigende Schmutzwolke ihn umhüllte, sammelte er seinen Willen.

Auf einmal erschienen um ihn herum wie aus dem Nichts ein halbes Dutzend Zeridianer. Es waren Trugbilder, so perfekt wie echte Doppelgänger. Diese mentale Gabe, die er von Kindesbeinen an besaß, führte ein Schattendasein in seinem Kriegerleben – der Argwohn gegen die Waffen des Geistes saß tief. Und die Einsicht kam fast zu spät.

Der Dreizack rauschte heran, durchbohrte links von Taramis eine Fata Morgana. Der nächste Stoß ging nach rechts. Die Attacken kamen schnell näher.

Mit einem Mal kehrte Stille ein.

Taramis’ Beine konnten das Gewicht des eigenen Körpers nicht länger tragen. Die Lähmung erfüllte ihn mit eisiger Kälte. Er sank auf die Knie. Seine Kiemenspalten sogen angestrengt das Wasser an. Jeden Moment erwartete er den tödlichen Angriff aus den Sand- und Schlickwolken, die ihn umgaben.

Er kam aber nicht.

Stattdessen legte sich das Gewirbel, und nur zwei Schritte von ihm entfernt erschien die mächtige Gestalt des Antischs. Er lag auf dem Rücken und zitterte. Sein Dreizack war ihm aus den Händen gefallen. Sie zuckten krampfhaft. In der Hitze des Gefechts hatte Taramis nicht an die gefährlichste Waffe der Zeridianer gedacht.

Ihr Blut.

Er war in einem Orden aufgewachsen, dessen Mitglieder ausschließlich vom Zeridia-Archipel stammten. Untereinander brauchten sie den Lebenssaft, der durch ihre Adern pulsierte, nicht zu fürchten. Obgleich er zum Tödlichsten gehörte, das es in Berith gab, dachte Taramis fast nie darüber nach. Hier, vom Seewasser stark verdünnt, hatte das Blut den Antisch offenbar nur langsam vergiftet. Dennoch, das wusste Taramis, würde er sterben.

Auf Knien kroch er näher an den Riesen heran. »Gulloth?«

»Woher kennst du meinen Namen?«, keuchte der Antisch. Seine kehlige Stimme klang ungewöhnlich dumpf.

»Du wirst nicht mehr lange genug leben, um die Geschichte anzuhören. Doch vorher sage mir eins: Bist du ein Kundschafter aus Dagonis?«

»Ja«, antwortete der Feuermensch überraschend unverblümt. Er zitterte wie unter heftigem Schüttelfrost.

Taramis musste an den grauenerregenden Bericht des Jägers von der Nachbarinsel denken. Alles fügte sich zusammen. Er setzte dem Antisch die Schwertklinge an den Hals. »Warum entführen die Dagonisier unsere stärksten Männer?«

Gulloths Antwort bestand in einem verächtlichen Blubbern.

»Seid ihr Sklavenjäger?«

Die Glubschaugen des Feuermenschen schienen Blitze zu verschießen, während er weiter schwieg. Sein Zittern steigerte sich.

Taramis ließ das Schwert sinken. Diese Kreatur fürchtete den Tod nicht mehr, sie sehnte ihn herbei. »Wer Wind sät, wird Sturm ernten«, sagte er grimmig. »Du und deine Brüder, ihr hättet meinem Volk nicht den Frieden rauben sollen.«

»Du Narr!«, stieß der Fischköpfige voller Verachtung hervor. Alle ihm verbliebene Lebenskraft schien in seine hasserfüllte Stimme zu strömen. »Wir werden euch heimsuchen wie eine Plage, die deine schlimmsten Vorstellungen übertrifft. Ihr Menschenvölker seid dem Untergang geweiht. Entweder unterwerft ihr euch Dagons Macht oder ihr werdet alle sterben. Bereits jetzt, während du noch triumphierst, wird dir das Liebste genommen, das du besitzt. Deine …«

Das krampfhafte Zucken raubte Gulloth die Sprache. Es steigerte sich auf grauenhafte Weise, bis sein riesiger Leib jäh erschlaffte.

Taramis sah dergleichen nicht zum ersten Mal. Trotzdem hatte er sich nie daran gewöhnt. Ein paar Tropfen seines Blutes konnten anderen Lebewesen solche unbeschreiblichen Qualen zufügen. Jedes Mal aufs Neue traf ihn diese Erkenntnis wie eine Keule.

Doch nicht er, sagte er sich trotzig, hatte hier mit dem Töten angefangen. Es war der Antisch gewesen. Diese vielgestaltige Kreatur, die ihm noch mit ihren letzten Worten so viel Furcht eingeflößt hatte.

Zornig sammelte er seinen Willen und bezwang das Gift in seinem Körper. Die erschlafften Muskeln spannten sich. Entschlossen nahm er das Schwert Malmath in beide Hände und trennte damit Gulloths Kopf vom Rumpf.

Bittersüßer Triumph

Gulloths blutiges Haupt steckte auf einer langen Stange. Taramis ließ es in der Mitte des Dorfplatzes zurück. Im Licht der untergehenden Sonne wirkte es noch schauerlicher, als es ohnehin aussah. Es sollte allen Dagonisiern fortan eine Warnung sein, hier nie wieder auf Beutefang zu gehen. Wenn das Fleisch des Feuermenschen längst verwest war, würde sein unverwechselbarer Schädel noch jahrelang von der Wehrhaftigkeit der Zeridianer zeugen.

Die Trophäe machte die Rückkehr ins Dorf zu einem Triumphzug. Jeder konnte sehen, dass Taramis, Sohn der Lasia, nicht nur ein ruhmreicher Tempelwächter war, sondern auch ein großer Jäger. Einen bitteren Beigeschmack hatte die Freude für jene Familien, die ihre Söhne, Männer und Väter betrauerten. Von ihnen gab es keinerlei Lebenszeichen, auch Xydias Bruder blieb verschwunden.

In Taramis regte sich eine dunkle Ahnung. Wie tödliche Flüche hallten Gulloths Hasstiraden in seinem Geist nach. Einem Orakel gleich hatte der Fischkopf eine entsetzliche Heimsuchung verheißen, eine Plage, die nicht weniger als den Untergang der Menschenvölker bringen solle. Sich selbst sparten die dagonisischen Kiemenatmer dabei wohl aus.

Eine Plage? Hatte der sterbende Antisch bewusst diesen unheilvollen Begriff aus den alten Weissagungen benutzt?

So finster diese Drohung auch klang, bei Weitem schlimmer waren für Taramis die allerletzten Worte des Feuermenschen; wie Blutegel hatten sie sich in seinem Bewusstsein festgebissen: Bereits jetzt, während du noch triumphierst, wird dir das Liebste genommen, das du besitzt. Deine …

Hatte der Antisch Braut sagen wollen?

Die Vorstellung, seiner Verlobten könne Gefahr drohen, brachte ihn fast um den Verstand. Ihretwegen hatte er sich ja überhaupt auf dieses Abenteuer eingelassen. Jetzt nicht bei ihr zu sein, sie in dieser Stunde nicht zu beschützen, machte ihn schier wahnsinnig. Hätte er nur auf ihre jüngere Schwester Shúria gehört!

Diese hatte Xydia vor zwei Jahren von einem verstörenden Traum erzählt. Abgesehen von kurzen Familienbesuchen lebte das stille, ausgesprochen hübsche Mädchen auf Luxania, der Insel der Seher, einer kleinen Scholle am Rande des Zeridia-Archipels. Shúria war, wie schon ihre verstorbene Mutter, eine Gesegnete – so bezeichnete man Menschen, die Gao mit besonderen Gaben beschenkt hatte. Sie sah seit frühester Kindheit zukünftige Ereignisse voraus. Auf Wunsch ihres Vaters wurde sie deshalb von den Weisen Luxanias in der Kunst des Prophezeiens unterwiesen. Mit vierzehn hatte sie ihr Elternhaus verlassen, inzwischen war sie sechzehn.

Bei ihrer vorletzten Stippvisite auf Jâr’en war Taramis unfreiwillig Zeuge des Gesprächs der beiden Schwestern geworden – er hatte Xydia ein Geschenk bringen wollen. Shúria wirkte wegen ihres Traums beunruhigt. Darin ging es um eine Bedrohung aus dem Schwarzen Herzen von Berith. Sie hatte das umwölkte Zentrum der Scherbenwelt gemeint, von dem Armeen der Finsternis über die Inseln des Lichts herfallen würden. In diesem Zusammenhang erwähnte sie eine uralte Weissagung der Nebelwächter von Luxania. Sie warnte vor dem Anbruch eines dunklen Zeitalters, sofern man der nahenden Plage nicht begegne.

Taramis hatte bis dahin weder etwas von Nebelwächtern noch von einer Bedrohung aus der innersten Zentralregion gehört. Er meinte, das zarte Mädchen habe sich diese Gruselgeschichte nur ausgedacht, um Xydia zu beeindrucken. Im Gegensatz zu ihm hatte die ihrer kleinen Schwester geglaubt und sie gefragt, wie man eine Nebelwächterin werden könne.

Erst jetzt war Taramis aufgewacht. Durch Gulloths Fluch. Auch der Antisch hatte von einer Plage gesprochen. Und die Heimatinsel seines Volkes lag nach einhelliger Gelehrtenmeinung in jener von Schatten beherrschten Region des Ätherischen Meeres, die zu erforschen nie ein Entdecker gewagt hatte.

Taramis liebte Xydia mit jeder Faser seiner Seele, und sie erwiderte seine Gefühle. Bei ihrem heimlichen Verlöbnis hatte sie gesagt: »Wir sind nebeneinander aufgewachsen, aber wir werden miteinander durchs ganze Leben gehen.« Was konnte beflügelnder sein als ein solches Versprechen? Vergessen waren danach die verletzenden Worte der Neider und Spötter, die ihn als menschenscheuen Einzelgänger belacht, als Halbblut verachtet und als Bastard beschimpft hatten. Der Triumph über das Phantom von Zeridia mochte vieles ändern. Dem Bezwinger Gulloths würde Xydias Vater sicher nicht die Hand seiner Tochter verweigern.

»Heute Nacht feiern wir dir zu Ehren ein Fest«, verkündete das Stammesoberhaupt Zorbas, ein kleiner, ungemein stämmiger Jäger von etwa sechzig Jahren. Zuvor hatte er den Helden vor der versammelten Dorfgemeinschaft zu seinem Sieg beglückwünscht. Der Häuptling war Elis Bruder und somit Xydias Onkel.

»Sollten wir lachen, wo so viele, darunter dein eigener Neffe, zu beweinen sind?«, entgegnete Taramis ernst. Er wollte so schnell wie möglich nach Jâr’en aufbrechen, wollte sehen, dass es seiner Verlobten gut ging.

Zorbas legte ihm mit feierlicher Miene die Hand auf die Schulter. Eine Geste von anrührender Komik, denn Taramis war mit seinen sechs Fuß und zwei Zoll um etliches größer als der Alte. »Du bist fernab deiner Heimat aufgewachsen, Junge, deshalb kennst du unsere Bräuche nicht. Lauris war ein Jäger. Ebenso all die anderen, die fortgegangen sind. Wir werden ihre Namen in Ehren halten. Doch auf Zeridia ist der Tod ein häufiger Gast. Wir dürfen nicht aufhören zu leben, wenn einige der Unsrigen sterben.«

Taramis seufzte. Die Gastfreundschaft war seinem Volk heilig. Wie konnte er sich aus dieser Situation nur herauswinden, ohne den Häuptling und das ganze Dorf zu beleidigen? »Ich muss mich um Allon kümmern«, sagte er lahm.

»Es war unseren jungen Reitern eine Ehre, dein Mamogh zu versorgen. Vor knapp einer Stunde hat es einen Wels verschlungen, der deinem Antisch an Größe sicher in nichts nachstand.« Zorbas deutete mit verschmitztem Lächeln auf Gulloths Haupt. »Dein Gefährte wird dich nachher auf seinen Schwingen umso kraftvoller durch den Äther tragen. Nur solltest du dich nicht heimlich davonstehlen.«

»Keine Angst«, wiegelte Taramis ab. »Mir steckt noch das Antischgift in den Knochen, und ich bin sehr erschöpft. Am liebsten würde ich mich sofort aufs Ohr hauen.«

»Das verstehe ich. Aber die Menschen hier wollen ihren Retter sehen, wenn sie seinen Sieg besingen. Ich verspreche dir, dass du dich nicht verausgaben musst. Die Frauen werden dich waschen, deine Wunden verbinden und dir ein Festgewand anziehen.«

Taramis räusperte sich verlegen. »Du bist zu gütig, Zorbas, aber in der Tempelgarde von Jâr’en lernen wir, uns um solche Dinge selbst zu kümmern.«

»Ist das der wahre Grund für deine Zurückhaltung?«, entgegnete der Alte mit wissendem Lächeln. »Oder willst du nur nicht die Leidenschaft zu einem anderen Weib in dir entbrennen lassen, weil du dein Herz schon meiner hübschen Nichte geschenkt hast?«

»Marnas sagt, wer sich verwöhnen lässt, wird leicht verwöhnt.«

Zorbas lachte. »Ich kenne den Kodex der Tempelwächter. War ja selbst einmal Hüter von Jâr’en, bevor ich das Amt an deinen Meister weitergab. Also, von mir aus. Mach wieder einen Menschen aus dir, und dann nimm beim Fest den Ehrenplatz zu meiner Rechten ein. Morgen früh darfst du meinetwegen in die Arme deiner Liebsten zurückkehren. Ich bin sicher, mein Bruder wird dir gerne ihre Hand überlassen.« Der Häuptling zwinkerte. »Und bestimmt noch ein bisschen mehr.«

Es war ein lauer Abend im Spätfrühling. Überall zwischen den Rundhütten brannten Feuer. Auf manchen drehten sich noch Spieße mit halb zerpflückten Braten. Es roch verführerisch nach knusprigem Fleisch und anderen Köstlichkeiten. Mit den Düften vermischten sich die Klänge. Die Nacht war erfüllt davon. Hier hörte man das monotone Bum-bum-bum-bum der Festtrommeln, dort fröhlichen Gesang und immer wieder befreites Lachen. Obwohl es längst auf Mitternacht zuging, war das ganze Dorf noch auf den Beinen. Selbst die Kleinsten feierten den jungen Helden oder tanzten auf dem zentralen Dorfplatz um die Stange mit dem gewaltigen Antischhaupt.

Am Rande des Geschehens saßen Taramis, der Häuptling und die Stammesältesten auf mehreren Lagen Fell, die man für sie auf dem Boden ausgebreitet hatte. Der junge Held übte sich in der für ihn typischen Zurückhaltung. Nicht einmal das perlenbestickte Festgewand hatte Taramis angelegt, um nicht für einen eitlen Pfau gehalten zu werden. Bescheidenheit gehörte zu den Tugenden, die Marnas ihn gelehrt hatte.

Statt des bunten Hemdes trug Taramis über der nicht ganz knielangen Tunika den leichten Lederharnisch der Tempelgarde. Den dicken Jagdzopf hatte er wieder in die sieben kleineren Haarflechten aufgelöst. Seine Füße steckten in weichen, zeridianischen Mokassins. Auf das Schwert Malmath, das gewöhnlich an seinem breiten Gürtel hing, hatte er verzichtet, um sich nicht allzu martialisch zu geben. Ez indes lag an seiner Seite. Zum Schutz der Unbedachten, die gerne einmal den legendären, auch als Flamme Gaos bekannten Stab anfassten, hatte er ihn wie gewöhnlich in ein schwarzes Futteral aus Leder gesteckt.

Seit Beginn des Festes zwang sich Taramis zum Lächeln. Sein Gesicht schmerzte von der albernen Grimasse. Wenigstens war die bleierne Schwere des Antischgifts nun völlig aus seinen Gliedern gewichen. Die heilenden Kräuter der Insel hatten wahre Wunder gewirkt. Nur die Sorge um Xydia konnten sie nicht vertreiben. Von Stunde zu Stunde wurde sie quälender.

Als der Genuss vergorener Stutenmilch bereits manche Hemmung fortgespült hatte, sammelte sich eine Gruppe junger Verehrerinnen vor dem Helden, um ihn zum Gemeinschafstanz einzuladen. Besonders mutig war ein stattliches, pralles Mädchen von vielleicht siebzehn Jahren. Es beugte sich ziemlich weit zu Taramis herab, als wolle es seine Aufmerksamkeit auf die festen Brüste lenken, die im sich kräuselnden Halsausschnitt erschreckend gut zur Geltung kamen. Die schwarzen Zöpfe umspielten sein Gesicht und ein schielendes Augenpaar fixierte ihn wie einen Fisch am Seegrund, als es mit rauchiger Stimme fragte: »Möchtest du mit uns tanzen?«

»Das werde ich«, antwortete Taramis. Endlich sah er seine Chance zur Flucht gekommen. Er entschuldigte sich bei Zorbas, stemmte sich, auf seinen Stab gestützt, mit gespielter Schwerfälligkeit aus dem Schneidersitz hoch und begleitete die Mädchen zum Kreis der Tanzenden.

Unter Gulloths Haupt sang er eine Weile lauthals und tat so, als fände er Freude an den rhythmischen Bewegungen im Takt der Trommeln. Das wohlbeleibte Mädchen gab sich alle Mühe, ihn mit den unglaublichsten Verrenkungen zu beeindrucken. Immer wieder spähte er an ihr vorbei zu Zorbas hinüber, der ihn nicht aus den Augen ließ. Als endlich ein anderer Stammesältester den Häuptling in ein Gespräch verwickelte, zog sich Taramis unauffällig aus dem Kreis zurück. Nach wenigen Schritten verschmolz er mit den Schatten der Nacht.

Die Vorbereitungen für seine überstürzte Abreise hatte er schon vor Festbeginn getroffen; das Marschgepäck eines Tempelkriegers war schnell gepackt. Mit Ausrüstung und Proviant schlich er sich, von innerer Unruhe zur Eile angetrieben, zu den Weideplätzen der Reit-, Flug- und Schwalltiere am Seeufer.

Schwalltiere waren Wesen, die sich aus eigener Kraft durch den Äther bewegen konnten. Wenn Menschen auf ihnen reisten, sprachen diese gewöhnlich von Schwallern. Früher, so behaupteten es das heilige Buch Jaschar und die Annalen von Berith, sei die Welt eine Kugel gewesen, auf deren Oberfläche die Bewohner herumgekrabbelt seien wie Ameisen auf einer Melone. Taramis konnte sich so etwas nur schwerlich vorstellen.

Laut den alten Überlieferungen hatte ein rebellischer Sohn Gaos namens Melech-Arez die Welt erschaffen. Dieser habe sein Werk der Legende nach mit dem vollkommenen Menschen krönen wollen. Stattdessen brachte er allerlei Bastardgeschlechter hervor. Dazu gehörten die amphibischen Zeridianer, die geflügelten, weißblütigen Zioraner und die kiemenatmenden Antische von Dagonis. Trotz ihrer Verschiedenartigkeit waren sie alle Menschen. Außerdem erweckte Melech-Arez wilde Bestien zum Leben, die meisten ohne, einige mit Verstand.

Weil seine Kreaturen im Laufe der Zeit zunehmend entarteten, habe sein Vater schließlich den Weltenball zerschmettert. Belimáh, der leere Raum, verschluckte die meisten Trümmer. Doch Gao ließ Berith nicht gänzlich untergehen, sondern umhüllte einige Bruchstücke mit Luftblasen. Alle geretteten Scherben umgab er wiederum mit einer schützenden Sphäre, die er Aura nannte. Diese füllte er mit Äther, einem Stoff, der dünner war als Wasser und dicker als Luft. Und weil man in diesem besonderen Ozean weder schwimmen noch fliegen konnte, hatten die Berither der Bewegung im Äther einen eigenen Namen gegeben: das Schwallen.

Seit Gaos Heilung schwammen die Inseln nun also wie Brotkrumen in der Brühe des Ätherischen Meeres. Gewöhnlich folgten sie dabei festen Bahnen. Nur manchmal brach eine der Schollen aus, vielleicht weil ein Meteorit sie getroffen hatte oder aus anderen, noch rätselhafteren Gründen.

Ein Pfiff gleich dem näselnden Klang einer Schalmei hallte durch die Nacht. Allon hatte das Kommen seines Herrn bemerkt. Das Mamogh richtete sich erwartungsvoll in seiner ganzen, imposanten Höhe auf.

Der Name des Tieres, der »stattlich« bedeutete, beschrieb die gefiederte Riesenschwallechse nur unzureichend. Majestätisch wäre wohl das treffendere Wort. Allons Flügelspannweite betrug nicht weniger als zehn Schritte, seine Kammhöhe etwa siebeneinhalb. Vollständig aufgerichtet überragte er Taramis um das Vierfache. Dieser konnte unter seinem Gefährten stehen, ohne dessen Bauch zu berühren, so lang waren Allons vier stelzenartige, klauenbewehrte Beine.

Wie Zeltplanen spannten sich die mit weichem Flaum bedeckten Schwallhäute zwischen den Gliedmaßen. Gemessen an der enormen Körpergröße des Tieres, waren die Schwingen trotz ihrer beachtlichen Fläche zum Fliegen eigentlich zu klein. Daher verfügten die riesigen Echsen wie die meisten Amphibien, deren Lebensraum sich vom Ätherischen Meer bis zu den Luftsphären der Inseln erstreckte, über zusätzliche natürliche Auftriebshilfen. Ihre netzartig verstrebten Knochen enthielten ein Gasgemisch, das viel leichter war als Luft. Zudem besaßen sie eine sogenannte Schwallblase, ein Organ, in dem sie die Menge des Auftriebsgases zu variieren vermochten. So konnten sie sich mit Leichtigkeit in den Äther emporschwingen und ebenso elegant auf den Inseln niedergehen.

Am Kopfansatz zierte ihren Schwanenhals eine feuerrote Krause aus beweglichen Kiemenästen, die ihnen das Atmen sowohl unter Wasser als auch im Weltenozean ermöglichte. Sie bildete gewissermaßen einen Kranz, auf dem das mächtige Haupt der Echse saß, das mit seinem enorm langen Schnabel einem spitzen Keil glich. Vom Scheitel bis zum Halsansatz verlief ein hoher, gewellter, messerscharfer Hornkamm. Dieser als Klinge bezeichnete Kamm war eine gefürchtete Verteidigungsund Angriffswaffe. Ihr verdankten die Mamoghs den Beinamen »Fliegendes Schwert«.

Taramis begrüßte seinen Gefährten wie einen Bruder. Allon rieb seinen flaumgefiederten Hals am Kopf des Reiters und stieß leise Gurrlaute aus. Die Riesenschwallechsen suchten sich gewöhnlich einen Lebenspartner, zu dem sie hielten, bis der sprichwörtliche Tod die beiden schied. Es musste kein Artgenosse, sondern konnte auch ein Mensch sein. Wenn Letzterer starb, ging oft auch das Mamogh ein.

»Gib’s zu, du hast mich vermisst, alter Bursche«, sagte Taramis, während er liebevoll den Federflaum seines Gefährten kraulte.

Die Riesenschwallechse antwortete mit einem verhaltenen Pfeiflaut, der beinahe wie ein Seufzer klang.

»Mir ist zu Ohren gekommen, dass du dir ordentlich den Magen vollgeschlagen hast. Hoffentlich ist dein Futterbedarf für die nächsten sechshundert Meilen gedeckt. Zum Rasten wird uns keine Zeit bleiben. Wir müssen schnellstens auf die Heilige Insel zurück.«

Allon schnarrte wie zur Bestätigung.

»Mach dich mal klein, damit ich dir das Geschirr anlegen kann.«

Taramis holte aus einem nahe gelegenen Stall das Sattelzeug. Es war zweckmäßig und leicht. Die Reiter anderer Menschenvölker mussten sich auf Reisen durch den Weltenozean in Luftkapseln einschließen. Er dagegen konnte sich gefahrlos den Äther um die Kiemen wehen lassen.

Mit oft geübten Griffen legte er Allon das Geschirr an. Eine Trense im Schnabel des Tieres gab es nicht. Die an den vorderen Schwallhäuten durch Ringe gezogenen Riemen dienten der temperamentvollen Echse lediglich als Orientierungshilfe, denn normalerweise dirigierte der Reiter sein Mamogh nur mithilfe seines Willens. Irgendwie spürten die Tiere, wohin ihre Gefährten sie lenken wollten.

Neben dem eigentlichen Sattel auf den Schultern der Echse bestand das Reitzeug aus einem dahinter angebrachten Lederschurz mit Halteschlaufen, in denen sich notfalls weitere Personen einhängen konnten. Außerdem verfügte das Sattelzeug über mehrere Taschen und Futterale zum Verstauen des Gepäcks und der Waffen. Der Schild Schélet hing ebenfalls in Griffweite, um ihn im Ätherkampf oder bei einem Luftgefecht sofort zur Hand zu haben. Er war ein Geschenk von Marnas und bestand aus dem ovalen, gewölbten, ungewöhnlich leichten Panzer einer jungen Lederschildkröte. Der legendäre Waffenschmied Barkas hatte ihn mit verschiedenen Baumharzen gehärtet, bis er die Festigkeit von Schwertstahl besaß. Außerdem verlieh er ihm Selbstheilungskräfte: Ob Loch, Kerbe oder Schrunde, jede Verletzung des Schilds schloss sich nach kurzer Zeit von allein.

Nachdem sämtliche Gurte festgezurrt und alle Schnallen kontrolliert waren, legte Allon seinen schwanenartigen Hals der Länge nach auf den Boden. Damit lud es seinen Reiter nicht nur zum Aufsteigen ein, es war auch eine Geste der Unterwerfung gegenüber dem Anführer – wie viele Schwarm- und Rudeltiere fühlten sich Mamoghs nur in einer Hierarchie wohl, in der sie einen festen Platz einnahmen.

Taramis setzte sich die Kristallbrille zum Schutz der Augen auf, schwang sich in den Sattel, umschloss den Hals des Mamoghs mit seinen Beinen und rief mit fester Stimme: »Bring mich nach Jâr’en, mein Freund. Ob ich nun schlafe oder wache, ruhe nicht, ehe wir im Garten der Seelen niedergehen.«

Rauch über der Heiligen Insel

Zeridianer schätzten Mamoghs wegen ihres Muts, ihrer wilden Kraft und ihrer Ausdauer. Tagesetappen von bis zu vierhundert Meilen bewältigten die riesigen Echsen, ohne merklich zu ermüden. Oft jagten sie obendrein während der Reise, und sie schliefen sogar im Schwallen. Um Letzteres beneidete Taramis seinen Gefährten.

Er hatte in den vergangenen dreißig Stunden kaum ein Auge zugetan. Die Sorge um Xydia brachte ihn noch um. Sie war für ihn der liebenswerteste Mensch der Welt. Selten sah man sie in gedrückter Stimmung oder schlechter Laune. Ihre Unbekümmertheit hatte etwas Ansteckendes – wer sich ihr missmutig näherte, verließ sie meist mit einem Gefühl der Leichtigkeit.

Von dieser hartnäckigen Art war auch Taramis’ derzeitiger Gemütszustand. Unaufhörlich kreisten seine Gedanken um Gulloths Fluch. Hatte der Antisch von einer realen Bedrohung gesprochen? Oder wollte er mit seinem letzten Atemzug nur Angst und Schrecken säen? Das war ihm zweifellos gelungen. Taramis sehnte sich danach, Xydia in die Arme zu schließen und das Erlebte wie einen bösen Traum hinter sich zu lassen. Und sie war nicht der einzige Mensch auf Jâr’en, den er innig liebte. Nicht minder sorgte er sich um seine Mutter Lasia. Hinzu kamen Marnas und Eli. Sie hatten seine Entwicklung zum Mann als väterliche Ratgeber begleitet. Und in manchem Kameraden der Tempelgarde sah er einen Bruder.

Als Jâr’en im Ätherischen Meer erschien, wurde die Anspannung unerträglich. Zum zweiten Mal seit dem Aufbruch dämmerte der Morgen. Die Heilige Insel schimmerte wie ein tiefgrüner Smaragd auf violettem Samt. Diese Illusion entstand hauptsächlich im Äther. Je nach Blickrichtung änderten sich die Farben des Himmels. Im direkten Umfeld der Sonne strahlte er hellblau, ihr gegenüber konnte er tiefschwarz sein. Auf dem Weg vom Licht zur Dunkelheit betörte er das Auge mit mannigfachen Schattierungen von Gelb, Orange, Rot und sattem Purpur. Je nach Lage einer Scholle im Weltenozean waren diese Wechsel dramatisch oder verschwindend gering.

Während Allon mit majestätischer Anmut auf Jâr’en zuschwallte, nahm Taramis die Details der Insel deutlicher wahr. Sie war wie die meisten Eilande Beriths von einer Sphäre aus Luft umgeben, die bei schräg einfallendem Licht irisierend schimmerte. Dann glich sie einer großen Seifenblase, wie Xydia einmal gescherzt hatte. Im Moment war diese schützende Hülle so gut wie unsichtbar.

Das Innere der ovalen Scholle bedeckte ein einzigartiger Wald: Gan Nephaschôth, der »Garten der Seelen«. Seine Pflege oblag den Ganesen, die über ein besonderes Gespür für die belebte Schöpfung verfügten. Sie dienten auf Jâr’en schon seit Äonen als Gärtner. Jedes vernunftbegabte Wesen von Berith hatte ein vitales Interesse am Gedeihen des Heiligen Hains, denn für jedes Kind, jede Frau und jeden Mann stand darin ein Baum. Als Sprössling war er im Augenblick ihrer Geburt aus dem Mutterboden emporgekommen, und er ging ein, sobald der Mensch für immer die Augen schloss. Welches Individuum am jenseitigen Ende dieses unsichtbaren Lebensbandes hing, das wusste niemand, nicht einmal die Symbionten selbst. Deshalb galten sämtliche Pflanzen im Garten der Seelen als unantastbar.

Beth Gao, das hinter dem Hain liegende Haus Gaos, konnte Taramis noch nicht sehen. In seiner wechselvollen Geschichte war aus dem einstigen Tempel ein heiliger Bezirk aus zahlreichen Gebäuden entstanden. Das ummauerte Areal ragte bis an den Rand des Eilands heran und grenzte gegenüber an einen fischreichen See.

Was unter Jâr’ens Oberfläche lag, offenbarte sich nur dem, der sich in den Weltenozean hinauswagte. Die fruchtbare Krume bildete nur die Krone eines gigantischen Zapfens, der tief in die Luftsphäre hinabragte. Manche Schollen sahen für Taramis aus wie Backenzähne mit mehreren Wurzelzweigen. Die Heilige Insel hatte im Gegensatz dazu ein nahezu kegelförmiges Fundament, so wie ein kopfstehender Vulkan.

Von dem Rauch aufstieg.

Der kam aber nicht unten aus der Kegelspitze heraus, sondern quoll als schwarzer Qualm hinter den Baumkronen hervor. Taramis’ Augen verengten sich. Das waren weder Herdfeuer noch der Altar. Da musste ein Haus in Flammen stehen, wenn nicht gar mehrere. Ihm schwante Übles. Gulloths Fluch drängte sich in seinen Sinn. Die Sorge um Xydia war also berechtigt gewesen. Mit bebenden Lippen formte er ihren Namen.

Im nächsten Moment hatte er sich wieder in der Gewalt und feuerte sein Mamogh an. »Schnell, Allon! Wir werden auf der Insel gebraucht.« Seine Stimme verlor sich fast in der dünnen Luft des Äthers. Doch die Echse verstand ihn auch ohne Worte. Sie erhöhte die Schlagzahl ihrer mächtigen Schwingen. Taramis löste Ez aus der Sattelschlaufe und streifte das Futteral ab. Nur eine Vorsichtsmaßnahme. Bestimmt würde er den Stab nicht brauchen …

Seine Hoffnung zerstob jäh, als er von der Insel Tiere aufsteigen sah. Er zählte ein halbes Dutzend großer Donnerkeile, die Geflügelten Streitäxte der Kirries. »Freibeuter?«, murmelte er verwundert. Die scheinbar nur aus Schwingen bestehenden Amphibien mit ihren flachen, rautenförmigen Körpern waren jedenfalls typisch für die gnomenhaften Bewohner der Höhlen von Malon. Ein Piratenüberfall auf Beriths größtes Heiligtum? Taramis konnte es nicht glauben.

Er ließ sein Mamogh tiefer schwallen, wodurch sich das Eiland zwischen ihm und die Kirries schob. Dabei fuhr ihm ein neuerlicher Schreck in die Glieder. Dicht unterhalb des Rands schwebte eine Drachenkröte von so gigantischer Größe, dass sie einem Hügel glich. Und das war noch nicht alles. Gerade durchstieß eine riesige Ätherschlange die jâr’enische Sphäre und steuerte geradewegs auf den gepanzerten Koloss zu. Taramis kannte nur ein Volk, das die widerspenstigen Drachenwürmer zu zähmen wagte.

Dagonisier.

Wir werden euch heimsuchen wie eine Plage, die deine schlimmsten Vorstellungen übertrifft …

Sein Körper hatte das Gift des Antischs längst besiegt, der Geist indes litt immer noch. Taramis schloss die Augen. Er musste den Kopf freibekommen, sonst würde Gulloths Fluch ihn genauso lähmen wie die Stacheln des Feuermenschen.

Energisch umfasste er mit der Linken die Lenkriemen des Mamoghs, während seine Rechte Ez schüttelte. »Wartet nur, ihr fischköpfigen Ungeheuer!«, rief er drohend. »Wehe, ihr habt auch nur einem von meinen Gefährten ein Haar gekrümmt. Ich werde nicht ruhen, ehe mein Stab euch alle wie eitrige Geschwüre aus der Welt herausgebrannt hat.«

Er schwenkte ab, um nicht vorzeitig von den dagonisischen Reitern entdeckt zu werden. Jedes Geplänkel konnte ihn kostbare Zeit kosten, Zeit, die er zur Rettung von Xydia, seiner Mutter und den anderen Freunden brauchte.

Allon schwallte am Wurzelstock der Insel vorbei und schwang sich zur Bruchkante empor, die vor Urzeiten beim Bersten der Weltenkugel entstanden war. In der Deckung des Waldes tauchten die Echse und ihr Reiter in die Sphäre ein.

Sogleich pfiff Taramis der Wind in den Ohren, und sein langes Haar flatterte ungestüm. Als Halbwüchsiger hatte er sich oft von seinem Mamogh in schwindelnde Höhen emportragen lassen, nur um sich gleich darauf übermütig am Sturzflug zu berauschen. Allon bewegte sich dank seiner natürlichen Auftriebshilfen so wendig wie ein Falke durch die Luft.

Dicht über den Wipfeln des Heiligen Hains näherten sich die beiden dem Tempelbezirk. Irgendwo da unten stand auch sein Seelenbaum. Und der von Xydia. Taramis wünschte, er könnte ihr Lebensband wie eine Fährte funkeln lassen, um ihm bis zu ihr zu folgen. Er machte sich auf das Schlimmste gefasst.

Die Grenze von Gan Nephaschôth stürzte förmlich auf ihn zu. Dahinter erstreckte sich das tiefblaue Gewässer, auf dem gewöhnlich die Reisetiere niedergingen. Ihm verdankte die Heilige Insel den zweiten Teil ihres Namens – jâr´en bedeutete in der alten Sprache »Wald der Quelle«. Xydia pflegte es wegen seines Umrisses auch scherzhaft »Bohnensee« zu nennen. An der schmalsten Stelle war dieser eine und an der weitesten knapp zwei Meilen breit. Die Mauer des Tempelbezirks schmiegte sich in die waldwärts gewölbte Uferlinie.

Das grüne Meer aus Blättern und Nadeln wechselte jäh zum Blau des Quellsees. Als Taramis durch die Kristallbrille zum Tempelareal hinüberblickte, stockte ihm der Atem. Vor der rauchumwölkten Silhouette der Anlage tummelte sich ein ganzer Schwarm Donnerkeile auf dem Wasser. Am Ufer lag ein totes Mamogh. Eine Ätherschlange riss aus dem Kadaver einen Happen heraus und verschlang ihn in einem Stück. Drei weitere dieser lindwurmartigen Kreaturen wälzten sich links davon im Schlamm. In sicherem Abstand zu den angriffslustigen Echsen standen zehn oder zwölf dagonisische Wachposten mit dreizackigen Spießen.

Taramis schüttelte ungläubig den Kopf. Obwohl die Feuermenschen zum Atmen nur Kiemen besaßen, bewegten sie sich so mühelos wie jeder andere Berither an der Luft. Wie machten sie das nur? Auch ihre Rolle bei dem Überfall wollte sich ihm nicht erschließen. Nach seiner ersten Einschätzung hielten sie sich im Hintergrund. Die Hauptstreitmacht stellten ihre Verbündeten.

Die Kirries.

Am Strand wimmelte es von den stämmigen kleinen Männern. Viele waren in Gefechte mit versprengten Gruppen von Tempelwächtern verwickelt. Die Bewaffnung der zwergenhaften Piraten bestand hauptsächlich aus Äxten, Streitkeulen und Spießen. Auch der ein oder andere Rundbogen kam zum Einsatz. Ihre dunklen Plattenpanzer schimmerten wie Grafit in der Morgensonne. Unter den Kegelhelmen ragten dicke Zöpfe in unterschiedlichen Farben hervor.

Die hochgewachsenen Zeridianer wehrten sich verbissen gegen die Übermacht. In Kreisformation kämpften sie Schulter an Schulter, schroffen Klippen gleich, die dem tosenden Meer trotzten. Dennoch schlugen die Speere und Pfeile des Feindes immer wieder Breschen in das Bollwerk der Tempelwächter. Manche fielen scheinbar ohne Gewalteinwirkung – ein sicheres Zeichen für den Einsatz mentaler Waffen. Am liebsten hätte sich Taramis sofort ins Schlachtgetümmel gestürzt. Er wollte seine Kameraden nicht im Stich lassen. Aber hieße das nicht, Xydia diesen bärtigen Barbaren auszuliefern? Nein, zuerst brauchte er Gewissheit. Er musste das Mädchen finden.

Ein Pfeil zischte an seinem Kopf vorbei. Man hatte ihn entdeckt. Rasch ließ er die Lenkriemen fallen und löste den gewölbten Schild Schélet vom Sattel. Seine Schenkel schmiegten sich um den Halsansatz des Mamoghs. Es fühlte sofort, was er von ihm wünschte und stieg etwas höher. Taramis wollte sich zunächst einen Überblick vom Geschehen innerhalb des steinernen Ringwalls verschaffen.

Allons Schatten wischte über die Kämpfenden am schmalen Ufer hinweg. Er streifte die Mauerkrone oberhalb des gänzlich unversehrten, weit geöffneten Tores und verdunkelte gleich darauf die Flachdächer des Tempelkomplexes.

Im Herzen des Areals stand Beth Gao, ein monumentaler sandfarbener Quaderbau. Das zwanzig Fuß hohe, von zwei mächtigen Kupfersäulen flankierte Bronzetor des Gotteshauses stand offen. Wie ein monströses Zyklopenauge blickte das schwarze Loch auf den rechteckigen Vorplatz hinaus, dessen Mitte ein kolossaler Gedenkstein aus Aschmur markierte.

Seit alters her symbolisierte der Kristall den Nabel der Welt. Ihren dunkelsten Tiefen sei er entrissen worden, als sie zerbarst, las man im Buch Jaschar. Ein Engel des Höchsten habe ihn hiernach zur Erinnerung an die Weltenheilung im Wald der Quelle errichtet. Viereinhalb Jahrtausende hatte er hier gestanden. Jetzt war er gestürzt.

Der Anblick des gefällten Riesen versetzte Taramis einen Schock. An dem fünfzehn Fuß langen Stein hingen noch dicke Taue. In seiner Nähe hielten sich ein halbes Dutzend Antische und fünfzig oder sechzig Kirries auf. Die Eindringlinge hatten die heilige Säule des Bundes mit voller Absicht entweiht. Dahinter steckte mehr als Siegerwillkür und Machtgehabe. Der Frevel war eine Botschaft an die Anbeter Gaos: Seht her! Wir haben euren Gott vom Thron gestürzt. Ihr Menschenvölker seid dem Untergang geweiht. Entweder unterwerft ihr euch Dagons Macht oder ihr werdet alle sterben.

Zornig schüttelte Taramis den Kopf, als könne er Gulloths Fluch damit abwerfen. Die Unheil verkündenden Worte ließen sich aber nicht aus dem Sinn verbannen. Dir wird das Liebste genommen, das du besitzt … Wo war Xydia? Er musste sie finden.

»Dreh eine Schleife, Allon.« Seine Stimme unterstrich nur den Befehl, den das Mamogh längst erspürt hatte. Während es mit ausgebreiteten Schwingen seine Kreise zog, suchte Taramis nach seiner Verlobten.

Um den zentralen Hof herum gruppierten sich die dem heiligen Dienst gewidmeten Gebäude: Schatzhaus, Skriptorium, Speisesäle, Unterweisungsräume und auch die Quartiere der Priester und ihrer Angehörigen. In einer zweiten Reihe dahinter lagen die Unterkünfte der Ganesen und der Tempelwächter.

Letztere standen in Flammen. Bestimmt hatten die Angreifer sie zur Ablenkung der Garde in Brand geschossen. Offenbar waren sie danach kampflos in den Bezirk gelangt. Jemand musste ihnen das Tor geöffnet haben.

Nirgends entdeckte Taramis eines jener leuchtenden Gewänder, die Xydias heiteres Wesen so trefflich erstrahlen ließen – Gelb war ihre Lieblingsfarbe. Stattdessen sah er nur erbitterte Kämpfe, die überall zwischen den Gebäuden tobten. Wiewohl ihm das Gewissen schlug, weil er nicht in das Geschehen eingriff, verschloss er seine Ohren vor den Schreien der Kameraden. Erneut wandte er sich dem Zentrum zu. Es war höchste Zeit, mit den Eindringlingen auf Tuchfühlung zu gehen.

Seinen geflügelten Freund in dem Kampfgetümmel landen zu lassen, wäre Wahnsinn gewesen. Die Freifläche rund um den Monolithen war nach wie vor kirrieverseucht. Und zwischen den Häusern konnte sich das Mamogh weder richtig verteidigen, noch ungehindert aufsteigen. Er würde abspringen müssen. Am besten auf dem Gebäude, in dem er mit der Suche beginnen wollte. Vielleicht hatte Xydia ihm dort eine Nachricht hinterlassen.

Das dreistöckige Haus des Hohepriesters stieß gegenüber von Beth Gao an die Stirnseite des Zentralplatzes. Sicher hatte es weit oben auf der Plünderliste der Freibeuter gestanden. Während Taramis darauf zusteuerte, zählte er ein halbes Dutzend Piraten auf dem flachen Dach. Sie waren ausnahmslos bärtig, runzlig, großohrig und gnomenhaft – eben so, wie man ihm die Bewohner Malons immer beschrieben hatte. Fünf trugen einheitliche Harnische. Der sechste, auffallend stattliche Kirrie stach durch seine Ausstattung hervor.

Neben der fast schon unvermeidlichen Streitaxt besaß er als Einziger der Gruppe ein Schwert. Von seinen breiten Schultern hing ein silbrig schimmernder Umhang. Eine Rüstung hatte er nicht. Seine tonnenförmige Brust wölbte sich unter einer Tunika, deren Saum ihm bis über die Knie reichte. Das weißgraue Gewebe changierte intensiv im Sonnenlicht. Vermutlich war der Mann mit der Statur eines kleinen Bären ein Anführer, der das hohepriesterliche Domizil als Befehlsstand nutzte.

»Nicht mehr lange«, knirschte Taramis.

Die Zwerge erwarteten ihn bereits mit ihren schweren Waffen. Vier stellten sich schützend vor den Silbermantel, der vorsichtig zum Niedergang in der Dachmitte zurückwich. Ein Soldat lief auf den nahenden Reiter zu. Er zielte mit seinem Bogen auf ihn – und ließ die Sehne los.

Die kampferprobte Riesenschwallechse neigte sich leicht zur Seite und zog die Flügel an, wodurch sich ihre Angriffsgeschwindigkeit erhöhte.

Unterdessen verwandelte sich das eine Geschoss auf wundersame Weise in einen ganzen Schwarm. Etwa zwei Dutzend Pfeile jagten heran, was selbst für Taramis und mehr noch für sein Mamogh eine ernste Bedrohung darstellte.

Sofern sie wirklich existierten.

Taramis hielt sie für Trugbilder und den Bogenschützen für einen Gaukler. Die Zähe Zeit verlieh ihm Gelassenheit. Er wartete für die Dauer eines Wimpernschlages und hob dann den ovalen Schild schräg in die Flugbahn des Geschosses, das er für real hielt. Zehn oder mehr huschten wie Geisterpfeile durch Allons Körper, ohne Schaden anzurichten. Das einzig tödliche prallte wirkungslos von Schélets gehärtetem Panzer ab.

Nur einen Wimpernschlag später zischte dahinter ein schwarzer Blitz hervor.

Das Gesicht des Bogenschützen spiegelte Entsetzen wider, als er den vermeintlichen Speer auf sich zukommen sah. Ehe er reagieren konnte, durchbohrte Ez erst seine Rüstung und dann sein Herz. Die Augen des Getroffenen verwandelten sich auf der Stelle in stumpfe, verschrumpelte Klumpen. Sein eben noch feistes Antlitz fiel in sich zusammen wie bei einer Mumie. Kein Laut drang aus der Kehle des Schützen, als das Feuer ihn verzehrte.

»Das ist Taramis. Haltet ihn auf!«, brüllte der Silbermantel.

Allon hatte unterdessen die Schwingen ausgebreitet, wodurch er nicht nur an Schwung verlor, sondern den sofort vorrückenden Kriegern auch die Sicht nahm.

»Verschwinde, bis ich dich rufe!«, rief Taramis und sprang aufs Dach herab. Katzenhaft landete er neben dem niedergestreckten Schützen und riss ihm den Stab aus der Brust. Ein weißgrauer, süßlich riechender Rauch entwich der Wunde.

Mit kräftigen Flügelschlägen gewann die Riesenschwallechse wieder an Tempo. Einer der fünf verbliebenen Kirries schleuderte seine Streitaxt auf sie. Offensichtlich hatte ihn niemand über die tödlichen Reflexe der Mamoghs und die Reichweite ihrer langen Hälse aufgeklärt. Allon lenkte die Waffe spielerisch mit dem Hornkamm ab, neigte den Kopf zur Seite und ließ ihn blitzschnell herumschwingen. Ehe der Mann sich’s versah, hatte ihn das Fliegende Schwert auf Höhe des Nabels halbiert. Allon stieß einen wilden Pfiff aus und rauschte himmelwärts davon.

Der jähe Verlust von einem Drittel ihrer Schlagkraft blieb ohne erkennbare Wirkung auf die Kampfmoral der verbliebenen Malonäer. Vom Silbermantel angestachelt, stürzten sich die drei Leibwächter auf den Mamoghreiter. Der vorderste rückte mit einer Lanze vor, an deren dreieckiger Eisenspitze sich Widerhaken befanden.

Taramis lief ihm entgegen. Ehe er in Reichweite der Pike gekommen war, schoss diese plötzlich wie eine Giftschlange auf seinen Kopf zu. Er riss den Schild hoch und konnte den Stoß gerade noch abwehren. Überrascht wich er nach links aus.

Was war das? Der Kirrie hatte seinen Spieß nicht etwa geworfen, das Ding war gewachsen!

»Gut so, Zartor«, rief der Anführer. »Beim nächsten Mal kriegst du ihn.«

Die seltsam dehnbare Waffe zuckte erneut vor.

Taramis neigte rasch den Oberkörper zur Seite. Als die dunkle Eisenspitze an seinem Gesicht vorbeizischte, packte er den Schaft mit der Schildhand und zog heftig daran.

Der unerwartete Ruck riss den Leibwächter fast von den Beinen. Er stolperte nach vorne, um sein Gleichgewicht wiederzuerlangen.

Taramis verkürzte den Abstand durch zwei schnelle Körperdrehungen entlang der Lanze. Dabei streckte er den rechten Arm aus und ließ den Stab im Herumwirbeln zwischen den Fingern hindurchrutschen. Ehe Ez ihm entgleiten konnte, schloss er die Hand und das Ende der Waffe traf den Kirrie im Gesicht.

Sofort wandte sich Taramis zu den anderen Piraten um. Keinen Moment zu früh. Einer der Zwerge holte bereits mit der Streitaxt aus – und verharrte plötzlich, als sähe er einen Geist.

Der junge Tempelwächter ließ sich davon nicht ablenken. Er kannte dieses Entsetzen im Blick seiner Gegner. Hinter sich hörte er einen gurgelnden Laut, gefolgt vom Klappern einer Rüstung. Ihr Träger rang am Boden mit dem Tod. Die jäh ermattenden, wie Backpflaumen zusammenschrumpelnden Augen und die sich in brüchiges Pergament verwandelnde Haut waren kein schöner Anblick. Sollte dem Leichnam auch noch Qualm entweichen – was nur ab und an geschah –, musste dies den Axtschwinger doppelt ängstigen.

»Willst du ihm ins Haus der Toten folgen?«, rief Taramis herausfordernd.

Der Kirrie blinzelte. Dann ließ er die Axt fallen, machte auf dem Absatz kehrt, rannte zur Dachkante, schwang sich über die Brüstung und verschwand. Einen Atemzug später folgte ein dumpfes Scheppern.

Der Anführer und sein verbliebener Leibwächter waren aus anderem Holz geschnitzt. Letzterer war ein Bulle von Mann mit besonders großen, abstehenden Ohren. In seinen Pranken lag eine stachelbewehrte Streitkeule von enormer Länge. Anstatt ihr Heil ebenfalls in der Flucht zu suchen, näherten sich die beiden dem Mamoghreiter mit grimmigen Mienen von zwei Seiten.

Unvermittelt stieß der Kirrie mit dem Prügel einen Kriegsschrei aus und stürmte auf den Tempelwächter los. Im Näherkommen streckte er ihm die freie Hand wie eine Kralle entgegen, eine typische Geste bei Angreifern, die ihren Willen auf einen Feind richteten.

Auch diesmal suchte Taramis mit schnellen Schritten die Tuchfühlung zum Gegner. Um dessen Bann zu spiegeln, fixierte er im Herannahen den Blick des anderen. Welches Übel wollte der zornige Gnom wohl auf ihn herabrufen?

Im nächsten Moment wusste er es. Die Augen des Kirries trübten sich schlagartig ein. Er geriet ins Stolpern, weil er nichts mehr sah. Um sich keine Blöße zu geben, ließ er den langen Prügel herumwirbeln wie ein Windrad.

Taramis suchte vergeblich eine Lücke, um mit dem Stab hindurchzustoßen. Am Rande des Blickfeldes nahm er ein Aufblitzen wahr: die Streitaxt des Anführers. Er tänzelte um den Geblendeten herum, um ihn als Deckung vor den Attacken des Silbermantels zu nutzen.

Der erblindete Zwerg schäumte vor Wut. Überraschenderweise blieb er so gefährlich, als habe die Streitkeule ihm das Augenlicht ersetzt – sein Geist verfügte wohl noch über andere Waffen. Mit einem gezielten Streich zum Kopf des Tempelwächters unterstrich er seine Wehrhaftigkeit.

Taramis wich aus, beschrieb mit kurzen Schritten einen Halbkreis und griff den Wüterich abermals an.

Der reagierte mit geradezu unheimlicher Präzision. Sein Prügel sauste auf die Knie des Angreifers zu.

Mit einem Hechtsprung setzte Taramis darüber hinweg. Während unter ihm die Eisenstacheln vorbeirauschten, schlug er nach dem zornigen Gnom. Der Streich galt dem Hals des Piraten, ganz leicht nur ritzte der Stab die ungeschützte Haut.

Der Geblendete lachte rau. »Mehr hast du nicht zu …?« Er verstummte und begann zu husten. Die kurze Berührung mit Ez hatte ausgereicht, um die boshafte Gier oder was immer ihn zum Überfall auf Jâr’en getrieben hatte, zu entzünden. Röchelnd sank er auf die Knie.

Unterdessen parierte Taramis mit dem Schild einen weiteren Axthieb des Anführers. Der weißzöpfige Zwerg hatte offenbar aus den Fehlern seiner Leibgarde gelernt und zog sich zurück, ehe ihn die gegnerische Waffe treffen konnte. Unwirsch knurrte er: »Ihr seid früher zurückgekommen als erwartet, Taramis.«

Der setzte ihm nach. »Woher kennt Ihr meinen Namen?«

»Euer Ruf eilt Euch voraus, junger Tempelwächter.«

Taramis stach blitzschnell zu.

Der Silbermantel wehrte den Stoß mit der Axt ab.

»Wer seid Ihr, kleiner Mann?«

»Wollt Ihr mich kränken, Zeridianer?«

Ein zweites Mal zuckte Ez vor. Diesmal war es nur eine Finte, um den Gegner in eine günstigere Position zu zwingen. »Weiß Euer König, welches Sakrileg Ihr hier begeht?«

»Ha!«, lachte der Silbermantel. »Das will ich wohl meinen.«

Abermals stieß Taramis zu. Diesmal traf er die ungepanzerte Brust des Recken. Mit solchen direkt gegen das Herz des Gegners gerichteten Stößen hatte er schon Kettenhemden gesprengt. Hier jedoch – er traute seinen Augen nicht – glitt die Spitze des Feuerstabs wirkungslos von der schillernden Tunika des Kirrie ab. »Was …?«

Ehe er sein Erstaunen in Worte fassen konnte, konterte der Zwerg mit einer Stafette von Axthieben und zwang Taramis in die Defensive. »Ihr habt anscheinend noch nie von Leviat gehört, dem Hemd der Unverwundbarkeit«, knurrte der Silbermantel. Der Kirrie entpuppte sich als geübter Kämpfer.

Das Abwehren der kraftvollen Attacken trieb Taramis den Schweiß aus den Poren. Zugleich gewann er darüber seine Fassung zurück und deckte den Gegner mit einem Hagel von Schlägen ein. »Die Flamme Gaos findet schon noch ein Fleckchen Kirriehaut, um Euch Eure Bosheit auszutreiben.«

Grimmig wehrte der Silbermantel die flinken Stöße und Hiebe des Stabes mit der Axt ab oder wich ihnen behände aus.

Taramis landete einen weiteren Treffer, streifte aber wieder nur das schillernde Hemd. »Lange könnt Ihr nicht mehr standhalten, Silbermantel. Befehlt Euren Freibeutern, sich zurückzuziehen, dann geschieht Euch nichts.«

Der Zwerg lachte. »Ich bin auf Eure Gnade nicht angewiesen, Taramis. Ihr seid zwar ein mächtiger Krieger, doch heute habt Ihr bereits verloren.«

Dem jungen Kämpfer lief ein Schauer über den Rücken. »Was meint Ihr damit?«

»Solltet Ihr noch lange genug leben, dann werdet Ihr es bald erfahren.«

Taramis beschlich eine schreckliche Ahnung. Wütend attackierte er den Anführer mit einer raschen Folge von Hieben und Stößen. Immer weiter drängte er ihn an die Brüstung zurück. Der Kirrie musste zwei neuerliche Treffer auf dem schillernden Hemd hinnehmen. Verbissen hielt er das Holz von seinen ungeschützten Körperstellen fern.

»Warum macht Ihr gemeinsame Sache mit den Anbetern des Fischgötzen?«, knurrte Taramis.

Ein mitleidiges Lächeln umspielte den Mund des Silbermantels. »Weil wir im Gegensatz zu Euch die Zeichen zu deuten wissen, junger Tempelwächter. Besser im Dunkeln überleben, als im Licht untergehen. Das entspricht ohnehin unserer Natur.«

»Was?«

Anstatt Taramis zu antworten, rannte der Zwerg unvermittelt auf die Dachkante zu. Nach etwa fünfzehn Schritten drehte er sich um und schleuderte seine Streitaxt.

Die Waffe verfing sich gleichsam im Netz der Zähen Zeit, was dem Tempelwächter das Leben rettete. Anstatt seinen Schädel zu spalten, blieb die schwere Eisenklinge nur im Krötenpanzer stecken. Unter dem enormen Aufprall ließ Taramis den Schild sinken und holte drohend mit dem Stab zum Wurf aus. Er verzichtete darauf, ihn zu schleudern, weil der Silbermantel, nachdem er seinen Frust herausgebrüllt hatte, die Flucht bereits fortsetzte. Ez war zu kostbar, um ihn für diesen Kirrie zu opfern.

Mit flatterndem Umhang erreichte der Zwerg die Dachumfriedung und setzte im Hechtsprung darüber hinweg. Kaum war er dahinter verschwunden, schwang sich ein riesiges, schwarzbraunes Flederwesen auf mächtigen Hautschwingen in die Lüfte.

»Ein Gestaltwandler?«, murmelte Taramis. Oder verbarg sich hinter dem gnomenhaften Äußeren ein Seelenfresser aus Dagonis? Er schüttelte ärgerlich den Kopf. Es spielte auch keine Rolle. Nicht jetzt, wo diese aufgeblasene Fledermaus ihn verhöhnt hatte. Heute habt Ihr bereits verloren. Was meinte der Silbermantel damit? Etwa dasselbe, was Gulloths Fluch androhte?

»Xydia!«, flüsterte Taramis. Er wandte sich um und lief zum Niedergang.

Blut, Schweiß und Tränen

Atemlos hetzte er durch die Zimmerfluchten. Sie boten ein Bild der Verwüstung: umgestürzte Möbel, zerschlagene Vasen, Blut auf den kostbaren Teppichen und Wandbehängen. Überall lagen Tote. Das Haus des Hohepriesters hatte sich in eine Gruft verwandelt.

Als Taramis das erste Stockwerk erreichte, stürzte er als Erstes in Xydias Räume. Sie waren verwaist. Auf dem Boden des Schlafgemachs schimmerte etwas. Um den Fund genauer zu untersuchen, ging er in die Hocke und legte seinen Schild ab – Schélets Axtwunde war inzwischen narbenlos verheilt. Er hob eine perlmuttartige Schuppe auf und verglich sie mit denen, die er aus dem Regenwald von Zeridia mitgenommen hatte. Sie waren von der gleichen Art.

Feuermenschen! Der Gedanke, dass die Fischköpfe seine Braut verschleppt haben könnten, verursachte ihm Übelkeit. Er schloss kurz die Augen, um sich zu konzentrieren. Als er sie wieder öffnete, glitzerten vor ihm unverwechselbar kleine Fußstapfen. Xydia war allein aus dem Haus geflohen. Die Antische hatten erst später ihre Zimmer aufgesucht und waren unverrichteter Dinge wieder abgezogen. Taramis schöpfte Hoffnung. Rasch schob er den Arm in die Halteschlaufen des Schildes und folgte der Spur seiner Braut über die große Granittreppe ins Vestibül hinab.

Dort lag bäuchlings inmitten einer Blutlache ein Mann im schlichten Leinengewand der Domestiken. Seine knorrige Hand bewegte sich. Der junge Tempelwächter eilte zu ihm, drehte ihn auf den Rücken und richtete seinen Oberkörper auf. Es war der alte Diener des Hohepriesters, dem zwei verliebte junge Menschen manches heimliche Treffen zu verdanken hatten. Eine große Wunde klaffte in seinem Unterbauch. Ein Wunder, dass er noch lebte. »Melaton!«, rief Taramis den Namen des Alten. »Hörst du mich?«

Die Augenlider des Todgeweihten flimmerten, als koste es ihn unbeschreibliche Mühen, sie zu öffnen. Er lächelte müde. »Kommst du wieder, um mit Xydia und Shúria zu spielen, mein Junge?«

Taramis biss sich auf die Unterlippe. Der Alte schien den Verstand verloren zu haben. »Warum stehen die Tempeltore offen, Melaton?«

Der Blick des Dieners wurde etwas klarer. »Verrat!«, keuchte er.

»Wer?«

»Niemand von uns«, stieß er so heftig hervor, als triebe ihn das schwindende Leben zur Eile an. »Es war … ein Pilger.«

»Sind der Hohepriester und seine Tochter in Sicherheit?«

»Eli versteckt sich mit seinen Töchtern im …« Der Alte schloss die Augen und schluckte. Sein Gesicht war aschfahl. Er hatte viel Blut verloren.

»Wo sind sie, Melaton?«, drängte Taramis. Am liebsten hätte er den Mann geschüttelt.

»Im Allerheiligsten«, flüsterte der Sterbende.

»Im …?« Taramis stockte der Atem und ihm brach erneut der Schweiß aus, weil er sich der weit geöffneten Flügel des Tempels entsann. Oder redete der Alte nur wirr? »Bist du ganz sicher? Zwei Töchter? Shúria ist doch auf der Insel der Seher.«

Der Diener riss die Augen auf, straffte den Rücken und schüttelte wie ein störrischer Greis den Kopf. »Ach was! Sie ist hier. Auf Familienbesuch. Gestern … erst angekommen. Geh, Taramis! Beeil dich! Vielleicht kannst du dein Mädchen noch …« Melaton sackte in sich zusammen.

Taramis ließ ihn sanft zu Boden gleiten und schloss ihm die Augen. »Lebewohl, alter Freund. Möge Gao am Tag der großen Heilung deiner gedenken.«

Auf den Stab Ez gestützt, erhob er sich und blickte durch das offene Tor auf den Zentralplatz hinaus. Dort war es still geworden. Hatte der Silbermantel seine Freibeuter zurückgepfiffen? Taramis lief aus dem Haus.

Er blieb unter dem Säulenvorbau stehen, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Zur Rechten, wo zuvor der kleine Axtschwinger vom Dach gesprungen war, bemerkte er einen Blutfleck. Von dem Piraten fehlte jede Spur. Offenbar war die sprichwörtliche Robustheit der Kirries mehr als nur ein Ammenmärchen.

Von links lief ein Antisch auf den Tempelhof. Er war an die zehn Fuß groß, etwas schlanker als Gulloth und wirkte nicht minder entschlossen, den Tempelwächter umzubringen. Sobald er diesen auf der Freitreppe des hohepriesterlichen Hauses entdeckt hatte, zog er sein Kurzschwert und stürmte auf ihn los.

Taramis seufzte. Über die flachen Stufen eilte er dem Feuermenschen entgegen. Als zwischen den beiden nur noch wenige Schritte lagen, löste sich ein giftiger Dorn aus dem Stachelkragen des Dagonisiers – und prallte wirkungslos vom Schildkrötenpanzer ab. Taramis sprang in die Höhe und stieß die Spitze des Stabes über den Schildrand des Gegners hinweg in dessen linkes Augen. Den Rest überließ er dem Feuer von Ez.

Während hinter ihm der Antisch innerlich verbrannte, folgte er Xydias glitzernder Spur. Sie kreuzte die Mitte des Platzes und strebte geradewegs auf Beth Gao zu.

Als Taramis am Fundament des gefällten Megalithen vorbeikam, wurden ihm die Beine schwer. Was hatte die Eindringlinge dazu bewogen, dieses Sakrileg zu begehen? Rings um die Kuhle lagen aufgeworfene Pflastersteine. Er blieb davor stehen. Seine Mutter und Eli hatten ihn zu einem gottesfürchtigen Mann erzogen. Die heilige Säule des Bundes so daliegen zu sehen, wühlte ihn innerlich auf. Wie oft war er hier vorbeigekommen, um innezuhalten und sich die alten Geschichten über die erste Weltenheilung ins Gedächtnis zu rufen! Er trat näher an den vom Kristall hinterlassenen Krater heran. Der Hüter von Jâr’en hatte einmal erzählt, unter der Basis des großen Steines befände sich …

Taramis’ Gedanken stockten. Es war kein Mythos! Marnas hatte die Wahrheit gesagt. Da gab es tatsächlich ein Epigraph im schalenartig ausgehöhlten Fundament des Monolithen. Die Form der Buchstaben war archaisch, doch er konnte die viereinhalbtausend Jahre alte Inschrift mühelos lesen.

Speer Jeschuruns, du ew’ger Born,

Bringst Leben sowie Gaos Zorn,

Hast sieben Säulen auserkor’n,

Zum Ruh’n, die Zeit zu messen und zum Trost.

Im Berg der Engel glimmt dein Licht.

Dagonis gibt dir Gleichgewicht.

Im Sternenhaus erlischst du nicht.

»Jeschuruns Speer?«, murmelt er benommen. Dieser Begriff war Legende und seine Deutungen vielfältig: Manche sahen in ihm einen zukünftigen Retter Beriths, andere eine bestimmte Konstellation von Inseln, und der Hohepriester Eli hatte sogar einmal den Stab Ez so genannt. Vielleicht steckte die Wahrheit in allen diesen …

Ärgerlich schüttelte Taramis den Kopf, weil er sich von einem Stein aufhalten ließ, während Menschen seine Hilfe brauchten. Entschlossen brachte er Xydias Spur erneut zum Leuchten. Die Fußstapfen strebten auf den Tempel zu und verschwanden im Halbdunkel hinter den Bronzetoren, die nach innen geöffnet waren. Im Laufschritt folgte er ihnen bis zu der großen Freitreppe, über die man zum Eingang gelangte. Um nicht blindlings in eine Falle zu stürmen, drosselte er auf den Stufen das Tempo und schlich zwischen den kupfernen Säulen hindurch ins Heiligtum. Dort huschte er sofort in die Schatten zu seiner Rechten.

Der riesige Innenraum von Beth Gao war in zwei Teile untergliedert. Im hinteren Drittel befand sich das Allerheiligste, das nur zu besonderen Anlässen vom Hohepriester betreten werden durfte. Das doppelt so große Heilige davor war an den Langseiten in Nischen mit quadratischem Grundriss unterteilt. Diese zur Hauptachse der Halle hin offenen Kammern dienten der Verrichtung priesterlicher Pflichten verschiedenster Art. Die zur gegenseitigen Abgrenzung eingezogenen Trennwände verjüngten sich nach oben hin zu schmalen Stützrippen.

In Deckennähe schoss die Morgensonne durch kleine Öffnungen Lichtspeere herein. Vereinzelt trafen diese auf goldene Zierschilde, die ringsum in schwindelnder Höhe an den Wänden hingen. So entstanden gleißende Reflexionen, die überall im Raum helle Tupfen hinterließen. Ansonsten sickerte nur wenig Licht bis ganz nach unten.

Im Heiligen herrschte Totenstille. Die Luft war schwer von Rauch. Offenbar hatten die Eindringlinge Brandpfeile durch die Fenster geschossen. Glücklicherweise war die hölzerne Trennwand zwischen den beiden Abteilungen des Tempels nicht in Brand geraten. Bis auf einen verkohlten Schaubrottisch in der Nähe des Durchgangs zum Allerheiligsten und einige geschwärzte Stellen am Boden ließen sich keine größeren Feuerschäden ausmachen. Hier und da lagen goldene Leuchter, Dochtscheren und andere Sakralgeräte herum. Seltsam, dass die Freibeuter sie nicht mitgenommen hatten.

Taramis wagte nicht, Xydias Namen zu rufen. Durch die Seitenkammern war das Heilige unüberschaubar. Überall konnte der Tod lauern. Den funkelnden Fußstapfen folgend, schlich er zunächst weiter nach rechts und dann auf das Allerheiligste zu. Dabei suchten seine scharfen Augen jedes Versteck ab. Er traute der Stille nicht.

Als er sich einer Stelle näherte, die das von den Zierschilden reflektierte Sonnenlicht aus dem Halbdunkel schälte, entdeckte er am Boden ein Paar Füße. Nackt, schmutzig und starr ragten sie aus der letzten Nische heraus. Davor lag ein umgefallener Hocker, der sie lange vor dem Blick des Suchers verborgen hatte. Sie waren zierlich, die Sohlen nach oben gerichtet – eine Frau, die auf dem Bauch lag. Taramis erschauderte. Sein Herz begann zu rasen.

Schnell, aber immer noch leise, näherte er sich der Trennwand, hinter der die Unbekannte Schutz gesucht hatte. Oder war sie dorthin geworfen worden, nachdem …?

Ihre Waden kamen zum Vorschein, wohlgeformt und fest wie bei einem Mädchen. Sein Puls beschleunigte sich. Ihm brach der Schweiß aus. Er zwang sich weiterzugehen und erblickte als Nächstes den Saum eines Gewandes.

Es war gelb.

»Xydia?« Taramis kümmerte sich nicht länger um die Gefahr, er musste den Namen aussprechen. Innerlich wappnete er sich gegen das Schlimmste und umrundete mit bleischweren Beinen die Trennwand. Was er dahinter fand, riss ihm das wild pochende Herz entzwei.

Ja, es war Xydias Gewand. Wie Melaton lag auch die Frau auf dem Bauch in einer Blutlache. Er ließ kraftlos die Waffen fallen, sank neben ihr auf den Boden und drehte sie um. Der Mörder hatte sie wie den Diener des Hohepriesters mit einem einzigen Stich getötet. Ihr Antlitz war von glattem, schwarzem Haar verhüllt. Taramis strich es ihr mit zitternder Hand aus dem Gesicht.

»Xydia!«

Sein verzweifelter Schrei dröhnte durch den Tempel. Ganz Jâr’en schien darunter zu erbeben. Für einen harten, unerschrockenen Krieger hatte er sich immer gehalten. Aber das war er nicht. Er wollte gar nicht stark sein, wollte nur noch fallen, in diesen bodenlosen Abgrund, den er unter sich fühlte.

Außer sich vor Leid drückte er Xydia an sich und ließ den Tränen freien Lauf. »Bitte komm zurück«, flehte er. »Ich will nicht ohne dich leben. Du darfst mich nicht verlassen. Xydia! Bitte lass mich nicht allein!«

Immer wieder rief er ihren Namen. Doch sie antwortete nicht. Gulloths Fluch hatte sich erfüllt. Ihm war das Liebste genommen, das er besaß.

Plötzlich spürte er eine Berührung an der Schulter. Er zuckte nicht zusammen, sondern schloss nur die Augen. Hoffentlich ist es ein Fischkopf, dachte er. So kann ich wenigstens neben Xydia sterben.

»Taramis!« Die leise Stimme klang freundlich. Sie war ihm vertraut, hatte sie doch oft an Vaters statt zu ihm gesprochen. Ein drängender Unterton schwang darin mit und … Kummer?

Wie ein trotziger kleiner Junge kniff er die Augen noch fester zu und verbarg sein Gesicht an Xydias Wange. »Lasst mich in Ruhe, Marnas.«

Er hörte ein Seufzen. »Wie könnte ich das, wenn du durch dein Klagegeschrei die anderen in Gefahr bringst? Die Dagonisier können jeden Moment zurückkommen.«

»Welche anderen?«

»Die Priester, Gärtner und ihre Familien, die ich in den Gewölben unter dem Allerheiligsten versteckt habe. Du steigst am besten gleich zu ihnen hinab. Folge dem Schechináh-Licht. Ich bin gerade auf dem Weg zurück zu meinen Männern gewesen, als ich deine Stimme hörte.«

Taramis kannte den Obersten der Tempelgarde lange genug, um dessen Rat als Befehl aufzufassen. Zorn mischte sich in seine Trauer. Er wollte sich nicht in den geheimen Kammern verkriechen, sondern Xydias Mörder finden. Sie verdienten den Tod. Behutsam ließ er das Mädchen auf den Boden herab, wandte sich endlich seinem Lehrmeister zu – und erschrak.

Marnas bot einen erbärmlichen Anblick. Asche hatte sein schwarzes, nur von wenigen silbernen Fäden durchzogenes Haar grau gefärbt. Das hagere, scheinbar um Jahre gealterte Antlitz war schmutzig, blutverschmiert und kaum wiederzuerkennen. Mit seiner aristokratischen Nase, den ausgeprägten Wangenknochen und einer Augenpartie, die an einen Falken erinnerte, hatte es vielen als Inbegriff natürlicher Autorität gegolten. Jetzt wirkte es nur noch hart. Ein Zug von Bitterkeit hatte sich in die steinerne Maske eingegraben.

Und das Elend setzte sich bis zu den Füßen hin fort. Die Rüstung des Ersten Tempelwächters war an mehreren Stellen beschädigt und völlig verdreckt. Das daran klebende Blut stammte zumindest teilweise von ihm selbst. Von zahlreichen Kratzern abgesehen, war Marnas an der Stirn, dem linken Arm und beiden Beinen verletzt, glücklicherweise nur leicht. Ihn so zu sehen, schmerzte Taramis. Ungeachtet seiner nun schon achtundvierzig Jahre war der Hüter von Jâr’en für ihn immer eine Ehrfurcht gebietende Erscheinung gewesen, ein Krieger, wie er im Buche stand: fast sechs Fuß groß, breitschultrig, sehnig und in seinen Bewegungen von sparsamer Effizienz. Nun glich er einem geprügelten Hund. Nein, einem ehemals tapferen Mann, der an etwas zerbrochen war.

Taramis empfand ähnlich. Er vermutete, dass Marnas am Gefühl des Versagens litt, war er als Hüter von Jâr’en doch für die Sicherheit der Insel verantwortlich. Ihn dagegen, den um die Liebe seines Lebens Betrogenen, plagte wie er meinte ein viel größerer Schmerz. Nur der Respekt vor seinem Lehrer hielt ihn davon ab, sofort loszustürmen und unter den Dagonisiern blutige Ernte zu halten. Er schüttelte den Kopf und antwortete so ruhig wie möglich: »Vergebt mir, Meister, aber Ihr verlangt Unmögliches von mir. Ich werde nicht eher ruhen, bis ich Xydia gerächt habe.« Um seine Entschlossenheit zu demonstrieren, bückte er sich nach Stab und Schild.

»Mein Sohn«, sagte Marnas ungewöhnlich mild. Es klang tatsächlich so, als spräche er als Vater zu ihm. »Ich kann deinen Zorn durchaus nachempfinden. Mir ist erst jetzt klar geworden, wie sehr du sie geliebt hast. Dein ständiges Gerede von ihr war für mich nur Schwärmerei – viele deiner Kameraden haben Elis Töchter angehimmelt. Trotzdem solltest du in deiner jetzigen Verfassung nicht kämpfen. Du bist nicht Herr deiner Sinne und …«

»Herr genug, um den Fischköpfen eine Lektion zu erteilen«, unterbrach ihn Taramis zornig und deutete auf die Leiche. »Seht Ihr die Wunde, Meister? Man könnte meinen, ein Arzt habe sie ihr beigebracht. Wahrscheinlich hat es nicht einmal gespritzt, als das Schwert sich in ihren Unterleib bohrte und sofort wieder herausgezogen wurde. Wer immer das getan hat, er wusste genau um das Gift in unserem Blut. Es war kaltblütiger Mord. Habt Ihr gesehen, wer es war? Er soll den gleichen Tod erleiden.«

»Nein«, antwortete der Hüter. »Ich hatte den Hohepriester mit seinen Töchtern und deiner Mutter vorgeschickt, um den geheimen Fluchtweg zu öffnen. Als ich mit den anderen Frauen, Kindern und Männern nachkam, war sie schon tot. Wir hatten nicht einmal Zeit, ihre Leiche zu bergen, weil uns die Kirries auf den Fersen waren.

Taramis erschrak. »Meine Mutter? Wo ist sie? Wie geht es ihr?«

»Wärst du mir nicht ins Wort gefallen, wüsstest du es bereits.« Marnas deutete mit bitterer Miene zum Allerheiligsten. Seine Stimme bebte. »Sie ist verletzt. Eine Schwertwunde. Ich habe sie nur wenige Schritte von hier gefunden. Besinnungslos. Es sieht ernst aus.«

Für Taramis schien sich erneut der Boden unter den Füßen aufzutun. Er schüttelte ungläubig den Kopf. Erst Xydia und jetzt seine Mutter? Es kam ihm vor, als lodere im Innern seiner Seele ein Feuer, das ihn zu verzehren drohte. Trotzdem entging ihm nicht die Qual, die auch in den tiefbraunen Augen des Hüters glomm. »Ich wusste nicht, dass meine Mutter Euch so sehr am Herzen liegt.«

»Du weißt so vieles nicht, Taramis: von deinem Vater, deiner Mutter, den Töchtern des Hohepriesters und von mir. Für mich bist du immer der Sohn gewesen, den ich nie gehabt habe. Ich liebe deine Mutter. Irgendetwas hinderte sie daran, meine Gefühle zu erwidern, obwohl auch sie Zuneigung für mich empfand. Sie hielt es für besser, manche Dinge von dir fernzuhalten, bis …« Marnas schüttelte verzweifelt den Kopf. »Dafür ist jetzt keine Zeit. Es bringt mich fast um, wieder mit dem Schwert hinauszumüssen, während sie da unten liegt und womöglich stirbt. Geh du zu ihr. Steh ihr bei. Wenn sie dich sieht, gibt ihr das neue Kraft.«

Was konnte Taramis darauf noch erwidern? Er wollte Xydias Mörder jagen – falls nötig bis ans Ende der Welt –, aber zunächst musste er seiner Mutter beistehen.

Marnas zog sein Schwert. Während er sich rückwärts auf den Ausgang zubewegte, deutete er auf das Allerheiligste. »Geh schon, Taramis. Wenn du über Lasia wachst, kann ich mich um den Feind kümmern.« Er drehte sich um und lief aus dem Tempel.

Der Mann mit dem Feuerfischschwert

Sein tränenverhangener Blick ruhte auf der Leiche im gelben Gewand, diesem noch im Tode verzaubernd schönen Gefäß der Liebe und Fröhlichkeit. Wer hatte es zerstört?

Taramis fühlte sich ausgebrannt. Es erschien ihm undenkbar, jemals wieder Freude zu empfinden. Sein Lachen war mit Xydia gestorben. Die Knöchel an seiner Rechten traten bleich hervor, weil er den Schaft des Stabes so fest umklammerte. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Er schüttelte den Kopf. Nein, sie durfte nicht dort liegen bleiben wie der Kadaver einer erschlagenen Hündin.

Vom Tempelvorhof drangen Stimmen ins Heilige, die gutturalen Rufe von Antischen.

Er hängte sich rasch den Schild über den Rücken und kniete neben dem Leichnam nieder. Behutsam, so als schliefe Xydia nur, hob er sie auf. Den Stab schob er unter ihren Körper, damit er beides tragen konnte. So eilte er mit der Toten ins Allerheiligste.

Kaum hatte er den schweren, golddurchwirkten Vorhang durchquert, der den inneren Tempelraum vor Blicken von draußen abschirmte, rief ein Dagonisier: »Hier ist niemand, Herr.«

»Aber da hat jemand geschrien. Durchsucht alles.«

Taramis sah sich gehetzt um. Er wusste zwar um die geheimen Kammern, hatte diese aber nie gesehen – in Friedenszeiten durfte ja nur der Hohepriester das Allerheiligste betreten.

Sein Blick schweifte über die hohen Wandbehänge, die an allen vier Seiten die Wände zierten. Gegenüber dem Durchgang waren zwei einander zugewandte Cherube dargestellt, die gemeinsam das strahlende Licht Schechináh hielten – das Symbol göttlicher Gegenwart. Jedes Himmelswesen hatte sechs Flügel und, so stand es im heiligen Buch, vier Gesichter: das eines Menschen, Löwen, Adlers und Stiers. Was hatte Marnas gesagt? Folge dem Schechináh-Licht.

Auf leisen Sohlen durchquerte er den Raum. Bis auf einen Altar in der Mitte war das Allerheiligste leer. Der Kubus hatte eine Kantenlänge von drei Ellen und bestand aus massivem Gold. Während Taramis auf den Wandteppich mit den Cheruben zulief, fragte er sich, was ihn dahinter erwartete. Zweifellos eine Geheimtür. Aber wie war sie gesichert? Würde er sie öffnen können? Er schickte ein Stoßgebet zum Himmel.

Unvermittelt hob sich das schwere Tuch und eine ihm gut bekannte, mollige Zeridianerin mit sehr langem, dunkelbraunem Haar kam zum Vorschein: Naría, die Kindermuhme und Lehrerin von Elis Töchtern, deren Mutter kurz nach der Geburt von Shúria gestorben war. Als sie die Tote in den Armen des Tempelwächters sah, verdüsterte Gram ihr gutmütiges Gesicht. Sie öffnete den Mund, wohl um ihrem Kummer Ausdruck zu verleihen.

»Pscht!«, flüsterte Taramis rasch. »Da kommen Dagonisier. Bringt mich schnell nach unten.«

Naría war Mitte vierzig, ein herzensguter Mensch, der im Leben schon manche Krise gemeistert hatte. Sie verlor selten die Fassung. Ohne lange zu fragen, hob sie den Wandbehang hoch. Als der Tempelwächter sich ihr mit seiner Last näherte, ging sie respektvoll auf Abstand zum Stab Ez, so als misstraue sie ihrem innersten Ich.

Taramis bugsierte den leblosen Körper durch die Geheimtür. Seine Muskeln brannten unter der Anstrengung. Der Durchgang führte auf ein kleines gemauertes Podest, dem sich eine aus dem Fels gehauene Treppe anschloss. In einem Eisenring an der Wand stak eine Fackel. Ihr unstetes Licht beleuchtete einen schmalen Niedergang, der nach wenigen Stufen in undurchdringliche Finsternis abtauchte.

Naría hatte den Teppich hinter Taramis sofort wieder fallen gelassen und betätigte nun einen Hebel. Mit kaum hörbarem Knirschen schloss sich eine Tür. Sie bestand aus den gleichen massiven Quadern wie die Mauer und würde sich darin so gut wie nahtlos einpassen.

»Ich hatte gehofft, den Hüter noch einzuholen, stattdessen bist du jetzt da«, sagte die Kindermuhme leise. Sie streichelte mit schmerzvoller Miene Xydias Gesicht und murmelte: »Mein kleines Mädchen. Wer hat dir das nur angetan?«

»Solltet Ihr nicht im Versteck bleiben?«, wunderte sich Taramis. Der Anblick des ehemaligen Kindermädchens versetzte ihn für die Dauer eines Herzschlags in eine sorglosere Zeit. Er spürte wieder das Ziehen am rechten Ohr, das Naría mit Vorliebe in die Länge gezogen hatte, wenn er Elis Töchtern Dummheiten beibrachte.

»Natürlich hat Marnas uns das befohlen«, antwortete sie. »Du kennst ihn besser als ich. Aber deine Mutter ist aufgewacht. Ich fürchte …« Sie riss die Fackel aus der Halterung. »Komm, und sieh.«

Mit bangem Gefühl im Magen und erlahmenden Armen folgte er ihr in die Tiefe. Er zählte nicht die Stufen. Sein Blick lag auf Xydias Antlitz, das nicht einmal der Tod entstellen konnte.

Die Treppe stieß auf einen etwa sieben Fuß breiten Tunnel mit grob behauenen Felswänden. Naría deutete auf den Boden. »Besser, du lässt unseren Schatz hier. Du kannst nachher von ihr Abschied nehmen. In den Kammern ist zu wenig Platz, und ihr Anblick würde die Brüder und Schwestern nur noch mehr entmutigen.«

Taramis zögerte.

»Ich kümmere mich um sie«, versprach Naría. »Wir nehmen sie heute Nacht mit. Es gibt einen geheimen Ausgang am See. Marnas hat uns befohlen, in den Garten der Seelen zu fliehen, sobald es dunkel geworden ist. Dort werden wir das Mädchen begraben.«

Er gehorchte, so wie er es meistens getan hatte, wenn diese Frau ihm Anweisungen gab. Den Stab Ez, Schwert und Schild legte er neben die Leiche. Zärtlich liebkoste er die Wange der Toten und küsste ihre Stirn, als wäre es der letzte Abschied. Dann folgte er Naría in den Gang.

Sie liefen nur wenige Schritte und nach einem Abzweig noch einmal ungefähr weitere dreißig, bis sie ein niedriges Gewölbe betraten. Offenbar hatte man es aus dem steinernen Wurzelstock der Insel herausgehauen oder eine bestehende Höhle erweitert.

Der von wenigen Öllampen schwach erhellte, annähernd runde Raum war voller Menschen. Er maß etwa fünfzig Fuß im Durchmesser. Es roch nach so ziemlich allem, was menschliche Körper absondern konnten. Die stickige Luft vibrierte vom Wimmern der Kinder und Stöhnen der Verletzten. Hier und da wurde leise gesprochen. Taramis suchte seine Mutter. Sein Blick wanderte über ängstliche, schmutzige Gesichter. Er kannte jedes einzelne. Nie hatte er sie so starr, die Augen so leer gesehen. Welches unsagbare Leid mussten sie erblickt haben!

»Sie liegt dahinten«, sagte Naría und zog den Tempelwächter am Ärmel zu einer Stelle an der Wand links vom Eingang. »Wir haben ihre Wunde verbunden, aber sie hat viel Blut verloren. Zu viel, fürchte ich. Bithya ist bei ihr.«

Taramis fand seine Mutter auf einem Lager aus Tüchern. Sie hielt die Augen geschlossen und war bis zum Kinn zugedeckt. An ihrer Seite saß ein Mädchen in Shúrias Alter, die Tochter eines Priesters, wie er sich erinnerte. Es tupfte ihr mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn. Als es ihn bemerkte, stand es sofort auf, drückte ihm tröstend den Arm, schüttelte fast unmerklich den Kopf und zog sich zurück.

Er sank neben Lasia auf die Knie und ergriff ihre Hand. »Mutter?«

Ihre langen schwarzen Wimpern begannen zu zittern. Es dauerte eine Weile, bis sie ihn ansehen und ein schwaches Lächeln hervorbringen konnte. »Taramis! Ich habe zu Gao gebetet, dich noch einmal sehen zu dürfen. Hast du das Phantom gefunden?«

»Es war ein Seelenfresser, ein Feuermensch aus Dagonis. Sein Kopf steckt jetzt auf einer Stange in deinem Heimatdorf.«

»Das wird Zorbas freuen.«

»Wie geht es dir, Mutter?«

Unter Mühen lächelte sie ein weiteres Mal. »Ich bin sehr müde, und mir ist so kalt. So fühlt es sich wohl an, wenn man stirbt.«

»Du hat nur viel Blut verloren. Bald wirst du wieder …«

»Nein, mein Lieber«, unterbrach sie ihn sanft. »Er wusste, was er tat, als er Xydia und mir das Schwert in den Leib gestoßen hat.«

»Es war derselbe?« Er musste schlucken. »Wer hat das getan, Mutter? War es ein Antisch oder ein Kirrie?«

Lasias Lider sanken flimmernd nach unten, während sie Kraft schöpfte. Erneut blickte sie zu ihrem Sohn auf. »Weder noch. Er nannte sich Purgor. Der Hohepriester hielt ihn für einen Pilger, einen alten Freund aus Gan. Ich bin sicher, dieser Mann hat in der letzten Nacht den Piraten und Fischköpfen das Tor geöffnet.«

»Ein Ganese?«, sagte er kopfschüttelnd. »Das Gartenvolk ist das friedlichste, das ich kenne.«

Seine Mutter verzog stöhnend das Gesicht. Einen Moment später entspannte sie sich wieder. »Es war nur eine Maske. Als ich ihn im Heiligen wiedersah, hatte er sein Äußeres verändert. Er glich einem Komanaer: fast so groß wie du, kräftigere Statur …« Abermals raubten ihr Schmerzen die Worte, und ihre Lider sanken herab.

Taramis biss sich auf die Unterlippe, um nicht laut zu schluchzen oder gar loszuschreien. Schon der Anblick seiner Geliebten hatte ihm das Herz herausgerissen. Und nun das Leid seiner Mutter. Obwohl ihr Gerede vom Sterben ihn zermürbte, klammerte er sich mit der ihm eigenen Starrköpfigkeit weiter an die Hoffnung auf ihre Genesung. Am Gefühl der Hilflosigkeit änderte dies freilich nichts – eine höchst verstörende Erfahrung für einen unerschrockenen Krieger wie ihn.

Eine Weile hielt er nur Lasias eiskalte Hand. Erst als ihre Finger plötzlich zuckten, fragte er: »Was ist im Tempel passiert?«

Ihr Mund begann sich zu bewegen; die Augen blieben geschlossen. Taramis beugte sich zu ihr herab und neigte sein Ohr ihren Lippen zu.

»… verräterische Pilger«, hörte er sie mit schwacher Stimme sagen. »Dieser Purgor. Er muss uns entdeckt haben, als wir über den Vorhof eilten. Kaum hatten wir Gaos Haus betreten, machte uns Shúria auf das Klappern von Rüstungen aufmerksam. ›Versteckt euch in den Nischen‹, rief Eli und lief zum Portal zurück. Ehe wir Frauen uns alle verbergen konnten, stürmten auch schon Purgor und mehrere Kirries herein …« Lasia riss jäh die Augen auf.

Taramis erschrak, und als er in das von Schmerzen gezeichnete Gesicht seiner Mutter sah, schauderte ihn. Ihr starrer, glasiger Blick schien ihn zu durchdringen, um zum Ort des blutigen Geschehens zurückzukehren. Mit unerwarteter Kraft presste sie seine Finger zusammen. »Was ist dann passiert?«, drängte er sie sanft. Er wollte wissen, warum der falsche Pilger auf wehrlose Frauen eingestochen hatte.

»Purgor …« Sie sog zischend die Luft ein. »Ich nehme an, dass der Mann, der jetzt wie ein Komanaer aussah, der Pilger war – jedenfalls trug er dessen Gewand.«

»Erzähl mir mehr von ihm.«

Lasia musste mehrmals innehalten und Kraft sammeln, während sie die Ereignisse schilderte. Sie habe hinter einer Trennwand hervorgelugt, weshalb der Fremde sie nicht sofort bemerkte. Er sei, ohne den Hohepriester weiter zu beachten, mit gezogenem Schwert geradewegs zu Xydia gelaufen. »Bist du die Nebelwächterin?«, herrschte er sie an. Sie reckte ihm mutig das Kinn entgegen und antwortete, er sei ein Verräter und habe kein Recht, solche Fragen zu stellen. Leise und kalt wiederholte er: »Bist – du – die – Nebelwächterin?« Er betonte jedes einzelne Wort, das letzte spritzte wie Gift aus ihm heraus. »Und wenn es so wäre?«, entgegnete Xydia kühl. »Dann müsstest du sterben«, antwortete er und stieß ihr im selben Moment sein Schwert in den Leib.

Taramis ließ den Kopf sinken und presste sich die Faust gegen die Stirn. Er konnte sich kaum beherrschen, nicht in lautes Klagen auszubrechen. Der Zorn auf den Mörder brannte wie Feuer in seinem Gebein. So mussten sich Menschen fühlen, die der Stab Ez entflammt hatte. »Warum?«, presste er zwischen bebenden Lippen hervor.

»Ich weiß es nicht«, hauchte seine Mutter. Einmal mehr sammelte sie Kraft, ehe sie ihre Schilderungen stockend fortsetzte. »Als … Als Purgor dein Mädchen kaltblütig niederstach, entrang sich mir ein Laut des Entsetzens. So …« Sie röchelte nach Luft.

Taramis schob seinen Arm unter ihre Schultern und richtete sie behutsam auf. Naría flößte ihr mithilfe eines getränkten Leinentuchs tröpfchenweise etwas Wasser ein.

Danach konnte Lasia besser atmen und sie fuhr flüssiger fort zu berichten, wie der Mörder sie hinter der Trennwand bemerkt hatte. Mit wenigen flinken Schritten sei er bei ihr gewesen und habe ihr wortlos ein Antischschwert in den Leib gerammt. Sie schluckte schwer. »Dieser Mensch scheint genau zu wissen, dass unser Blut ihn töten kann, so vorsichtig verrichtete er sein Werk. Im ersten Moment spürte ich kaum etwas. Ich hoffte, er habe mich nur leicht verletzt, ließ mich fallen und stellte mich tot.«

»Woran hast du erkannt, dass es eine dagonisische Klinge war?«

»An der Verzierung des Knaufs«, antwortete sie mit einem Aufflackern ihres alten Temperaments. »Wer sonst schmückt seine Waffen mit dem Antlitz eines Feuerfisches, wenn nicht ein Dagonisier?« Sie rang keuchend nach Luft. »Möge Gott ihn für den Mord bestrafen!«

Und ich werde das Richtschwert sein, das ihn zu Tode bringt, dachte Taramis. »Sind Eli und Shúria auch …?« Er wagte die schreckliche Ahnung nicht auszusprechen.

»Nein«, flüsterte seine Mutter erschöpft. »Er …« Sie rang nach Atem.

Er strich ihr besorgt über die schweißnasse Stirn. »Das Reden strengt dich zu sehr an. Warte, bis es dir besser geht.«

Sie wollte nicht auf ihn hören. Der Mann mit dem Feuerfischschwert habe Eli und sein Mädchen umbringen wollen, schilderte sie die Ereignisse stockend und mit schwächer werdender Stimme. Nachdem er sich von ihr, Lasia, abgewandt hatte, zerrte er Shúria aus ihrem Versteck und stellte ihr dieselbe Frage: »Bist du die Nebelwächterin?« Bevor sie antworten konnte, kam ein Malonäer mit einem silbrig schimmernden Umhang durch das Bronzetor. Er verlangte lautstark, dass der falsche Pilger den Hohepriester und seine Tochter herausgeben solle. Ein hitziger Wortstreit entbrannte. Der Verräter forderte den Tod der ganzen Familie. Nach einigem Hin und Her befahl Dov seinen Männern: »Nehmt den Chohén und seine Tochter mit.« Er benutzte den alten Titel für den höchsten Priester Gaos. »Wenn der Spion Schwierigkeiten macht, dann blast ihm etwas Qimmosch in die Nase. Das wird ihn daran erinnern, dass er eigentlich ein Kiemenatmer ist.« Er wandte dem Verräter den Rücken zu und verließ den Tempel.«

»Bist du sicher, dass der Name des Silbermantels Dov war?«

Sie schwieg, atmete nicht einmal mehr.

»Mutter?!«

Ihre Brust erbebte. Rasselnd füllte sie ihre Lungen mit Luft. »Ja. Purgor hat ihn Dov genannt. Das bedeutet …«

»… Bär, ich weiß, Mutter. So heißt der König der Kirries. Ich habe gerade gegen ihn gekämpft. Er ist mir erwischt.«

Lasia schloss die Augen. Ihre leise Stimme ging im allgemeinen Murmeln, Klagen und Weinen, das im Gewölbe widerhallte, fast unter. »Dann muss … muss der Überfall auf Jâr’en mehr als ein gewöhnlicher Raubzug sein.«

Das Gefühl hatte Taramis spätestens, seit er im Hof die umgestürzte Säule des Bundes gesehen hatte. »Was hat Dov mit Eli und Shúria vor? Sagte er irgendetwas darüber?«

Sie drückte wortlos seine Hand, kurz und sehr fest. Hierauf erschlaffte der Griff, und ein langer Atemzug entströmte ihrer einsinkenden Brust.

»Mutter?«

Lasia antwortete nicht.

»Mutter!«, brach es aus ihm hervor. Sein Herz schien sich in einen Stein zu verwandeln, als ihm die schreckliche Wahrheit bewusst wurde. Die Frau, der er sein Leben verdankte, hatte das ihre ausgehaucht.

Vermutlich war Taramis der Einzige im Raum, den Lasias Tod überraschte. Er starrte ungläubig in ihr friedliches Gesicht und meinte, sie müsse ihn im nächsten Moment wieder ansehen und weitersprechen.

Allmählich mischten sich andere Empfindungen unter die Benommenheit: das Gefühl eines unwiederbringlichen Verlustes und abgrundtiefe Trauer. Der Schmerz war anders als bei Xydia, aber nicht minder qualvoll. Für sie hatte er noch weinen können, nun waren seine Tränen im Seelenfeuer restlos verdampft.

Dann schlug sein Kummer in Zorn um. Zorn auf den Mörder mit dem Feuerfischschwert. Zorn auf die Dagonisier. Zorn auf den Silbermantel und seine Kirries. Der Überfall dieser unheiligen Allianz auf die Insel Jâr’en hatte die beiden Menschen getötet, die er am meisten liebte. Das war mehr, als dem tapfersten Mann zugemutet werden sollte.

Taramis ließ seine tote Mutter in das Lager aus Tüchern zurücksinken und erhob sich.

»Was hast du vor?«, fragte Naría. Sie wirkte so erschrocken, als sähe sie in seinen Augen Flammen lodern.

»Bitte tut, was ich Euch sage«, antwortete er tonlos. »Schließt hinter mir die Tür. Ich komme nicht zurück.«

Er wandte sich von ihr ab und verließ die Höhle. Zwar hörte er, wie sie ihm folgte, doch er drehte sich nicht mehr um. Mit seinen langen Beinen eilte er durch den Tunnel voraus bis zu Xydia. Zwei, drei heftige Herzschläge lang kauerte er neben ihr und streichelte ein allerletztes Mal die zarte Wange, die er viel zu selten geküsst hatte. »Lebe wohl, meine Liebste«, flüsterte er. »Ich ziehe aus, um deinen Mörder zu finden und ich schwöre dir, ich werde ihn zur Strecke bringen.«

Danach folgte sein Körper der Choreografie des Krieges, die ihm durch unzählige Übungen und nicht wenige Einsätze in Fleisch und Blut übergegangen war. Er schnallte das Schwert um, schob den linken Arm in die Schildschlaufen und ergriff mit der Rechten den Stab Ez.

»Das ist Wahnsinn, Taramis!«, hörte er Naría hinter sich rufen. »Du kannst nicht allein eine ganze Armee besiegen. Das hätte weder deine Mutter noch Xydia gewollt.«

Ihre Vernunftworte erreichten zwar sein Ohr, nicht aber den Verstand. Den hatte ein Erdrutsch aus bitteren Gefühlen zugeschüttet.

Am oberen Ende der Treppe betätigte er den Mechanismus, der die Geheimtür entriegelte. Wassergefüllte Ballasttanks zogen sie aus ihrer Verankerung. Sobald sie geöffnet war, stürmte Taramis hinaus ins Allerheiligste.

Das Geviert mit dem größten Goldblock Beriths lag verlassen vor ihm. Entweder hatten die Antische die Suche nach ihm aufgegeben oder …

Er hörte Stimmen. Sie kamen von der anderen Seite der hölzernen Trennwand. Die kehligen Laute waren unverkennbar. Im Heiligen hielten sich nach wie vor Dagonisier auf.

Ein letztes Überbleibsel von Besonnenheit und die Rücksicht auf seine Gefährten in den geheimen Kammern zwangen ihn, am Vorhang kurz innezuhalten. Durch einen Schlitz spähte er in das größere der beiden Tempelabteile. Sollte er dort den Mörder mit dem Fischkopfschwert sehen, dann würde es für ihn kein Halten mehr geben.

Seine Hoffnung wurde enttäuscht. In der Halle wimmelte es nur so von Feuermenschen. Ihre Rüstungen bestanden aus Panzerplatten: oben ein Wams, unten ein kurzer Schurz, der über den Knien endete. Die Arme waren bis zu den Ellenbogen geschützt. Zwischen den Harnischen und den runden Helmen, die wie Kochtöpfe aussahen, entfaltete sich die ganze Ambivalenz der antischen Physiognomie.

Allen Individuen gemein waren seltsame Tast- oder Riechorgane über den Glubschaugen, die den Antennen mancher Motten glichen – man hätte sie leicht für Blätter auf dünnen Zweigen halten können. Die Gesichter auf den Stachelkragen standen in ihrer Vielfältigkeit denen von Zeridianern, Ganesen oder Kirries in nichts nach.

Kaum weniger mannigfaltig erwies sich die Zeichnung ihrer Haut. Es hieß, sie sei bei jedem Antisch einzigartig. Die wie mit zittriger Hand aufgetragenen Streifen waren mal blasser, dann wieder kräftiger, oft bräunlich oder rot und manchmal sogar leuchtend blau, gelb oder in sattem Grün gefärbt. Eintönigkeit herrschte allenfalls im bleichen, fast weißen Grundton der Haut.

Hatte Taramis bei Gulloth noch eine gewisse Faszination ob der schönen Hässlichkeit dieser Wesen verspürt, empfand er jetzt nur Abscheu. Er begann sie zu zählen wie Schlachtvieh.

Bei vierzig brach er ab. Irgendwann spielte das Zahlenverhältnis keine Rolle mehr, und seine schäumende Wut ließ sich nicht länger im Zaum halten. In seiner ohnmächtigen Trauer hatte er jeden Sinn für vorsichtiges Taktieren verloren. Er suchte die Konfrontation, wollte kämpfen, bis zum Tod.

Als er den Durchgang zum Allerheiligsten unbeobachtet wähnte, schlüpfte er lautlos durch den Vorhang und huschte nach rechts. Dort riss eine Gruppe von sechs Fischköpfen kastenförmige Bänke aus einer Nische, um nach wer weiß wem zu suchen. Ehe er sie ganz erreicht hatte, gellte ein Warnschrei durchs Heilige. Die Dagonisier fuhren hoch und griffen nach ihren Waffen.

Taramis verwandelte sich in einen tödlichen Zyklon. Sein schwarzer Stab wirbelte so schnell wie Libellenflügel um die Gegner herum. Bevor sie auch nur einen einzigen Streich gegen ihn führen konnten, hatte er sie alle mit dem wirbelnden Stab getroffen. Im Sterben überließ er sie wieder sich selbst.

Damit war das Überraschungsmoment verpufft. Von allen Seiten stürmten jetzt die Dagonisier auf ihn zu. Wenn der Feind überlegen scheint und du dich nicht verschanzen kannst, dann bleibe in Bewegung, hatte Marnas ihn einst gelehrt. Und das tat er. Er wollte seine Haut nicht allzu billig verkaufen.

Das Rechteck des Heiligen verwandelte sich für ihn gleichsam in ein Schachbrett – er bestimmte den nächsten Zug und die Gegner mussten reagieren. Während hinter ihm sechs Antische mit dem Tod rangen, strebte er einem Feld entgegen, auf dem sich bestenfalls ein Dutzend Dagonisier zusammenziehen konnten.

Ein Wurfspeer zischte heran – in der Zähen Zeit schien er zu schleichen. Taramis duckte sich, schwang den Stab gegen die Beine eines Soldaten, richtete sich danach sofort wieder auf und nutzte seine enorme Sprungkraft, um einen weiteren Dagonisier von oben zu treffen. Wenige Schritte später traf er mit etwa zehn Kriegern zusammen.

»Kommt zu Gaos Feuerprobe«, brüllte er und fiel wie ein Todesengel über die Fischköpfe her. Im Bewusstsein, dass ihre Giftstachel für ihn die größte Gefahr bargen, stand er keinen Moment still. Während der Schild Schélet die tödlichen Geschosse abfing, flirrte Ez nur so durch die Luft.

Der Stab fällte die Mehrzahl der Gegner. Als ein Antisch mit heftig blutenden Augen und Ohren vor Taramis zusammenbrach, offenbarte sich ihm die unsichtbare Seite des Gefechts. Er hatte schon vermutet, dass auch die Dagonisier über mentale Waffen verfügten. Sobald einer diese einsetzte, schadete er sich damit unweigerlich selbst. Manche erlitten Schwächeanfälle, bei einem wuchsen Arme und Beine jäh am Körper fest, und einem weiteren steckte unvermittelt das eigene Schwert im Bein.

»Er setzt euren Willen gegen euch ein«, hallte es plötzlich durchs Gotteshaus. »Wenn ihr ihn nicht lebend bekommt, dann tötet ihn mit Gift und Schwert.«

Für die zehn kam der Hinweis zu spät. Taramis wirbelte aus dem Haufen sterbender Antische hervor und blickte zum Ausgang, von wo der Ruf gekommen war. In dem lichten Türausschnitt ragte der Schattenriss eines ungewöhnlich großen Dagonisiers auf. Er stand draußen auf dem Treppenabsatz und deutete mit einem Kurzschwert auf den Tempelwächter.

So spricht nur ein Anführer, dachte Taramis. Vermutlich hast du den Spion mit dem Fischkopfschwert nach Jâr’en geschickt. Also bist du auch der Anstifter der Morde und musst für die Verbrechen an Xydia und Mutter bezahlen. »Ich nehme dich mit in den Tod«, knurrte er.

Kurz bevor die Antische ihn umringen konnten, brach er nach hinten aus, umlief in einem Bogen die nachrückenden Gegner und rannte im Zickzackkurs auf das Bronzetor zu. Speere und Giftstachel umwirbelten ihn. Er schlug Haken, sprang über ein Loch hinweg, das jemand per Geisteskraft vor ihm geöffnet hatte, rollte sich unter Schwertern hindurch, teilte Hiebe mit dem Stab aus und hinterließ eine Spur sich windender Leiber. Unvermittelt fielen die Feuermenschen zurück.

Der dagonisische Anführer blieb ruhig stehen.

Umso besser, dachte Taramis. Dann wird die Flamme Gaos gleich deine Eingeweide verbrennen. Sein Zorn machte ihn in diesem Moment blind für jegliche Warnzeichen.

Als er die Tür erreichte, schnappte die Falle zu. Zu beiden Seiten traten hinter den Bronzetoren Antische hervor und schossen gleichzeitig ihre giftigen Stachel auf ihn ab. Er hechtete nach vorne, fing seinen Sturz mit dem Schild ab und rutschte einige Schritte weit auf dem Krötenpanzer über die Steinplatten. Lähmende Dorne zischten über ihn hinweg.

Taramis verlagerte den Körperschwerpunkt, um sich abzurollen und rechtzeitig vor dem Anführer wieder auf die Beine zu kommen. Schon wollte er seinen Stab nach vorne schnellen lassen, als er ein Brennen im Nacken spürte.

Er rollte zwar herum, konnte sich aber nicht mehr aufrichten. Sein ganzer Körper schien sich mit flüssigem Blei zu füllen. Die Hand mit dem Stab fiel schwer nach unten. Den Stachel aus dem Hals zu reißen, vermochte er ebenfalls nicht. Antischgift! Die Wirkung stellte sich ungleich schneller ein als bei dem Unterwasserkampf gegen Gulloth. Beinahe so lähmend wie das Sekret selbst war der Gedanke, den Fischköpfen wehrlos ausgeliefert zu sein.

Einen Moment lang schwankte er auf allen vieren und blickte benommen zu dem Dagonisier auf. Mit dem hellen Licht im Rücken blieb dieser nur eine Silhouette. Ohne es verhindern zu können, musste Taramis mit ansehen, wie der Riese seinen Stiefel auf den Stab stellte.

»Ich bin General Natsar«, sagte er mit überraschend angenehmer Stimme. »Und Ihr seid Taramis, wenn ich mich nicht irre, die lebende Legende. Ich muss zugeben, nie einen solchen Krieger gesehen zu haben wie Euch. Nur das Gerücht von Eurer Unbesiegbarkeit scheint mir etwas übertrieben.«

Mit dem unbändigen Willen, der in seinem erlahmenden Körper wie ein eingesperrtes Raubtier tobte, versuchte Taramis den Stab loszureißen. Nichts. Er nahm seinen Geist zu Hilfe. Tatsächlich ruckte Ez unter dem Fuß des Antisch ein Stück über den Boden.

Der General zückte sein Schwert. »Gebt endlich auf.«

»Niemals!«, presste Taramis zwischen den Zähnen hervor. Speichel tropfte ihm aus dem Mund. Mit Mühe konnte er den Blick heben und den Antisch trotzig anblitzen. Dabei bemerkte er einen Feuerfischkopf am Knauf der dagonisischen Waffe. War Natsar der Mörder Xydias und seiner Mutter?

Der Gedanke zerstob jäh unter einem dumpfen Schlag. Taramis sackte zusammen und meinte, sprühende Funken zu sehen. Seltsamerweise spürte er keinen Schmerz, obwohl der Antisch ihm die flache Seite der Klinge gegen die Schläfe geschlagen hatte. Hilflos musste er sich von ihm auf den Rücken drehen lassen. Der Dagonisier beugte sich zu ihm herab.

»Muss ich Euch erst ins Haus der Toten schicken?« Seine Stimme schien aus weiter Ferne zu hallen.

Nur, wenn du mitkommst! Taramis zerbiss sich die Unterlippe. Als er das warme Blut schmeckte, holte er tief Luft. Er würde seinen letzten Atemzug dazu nutzen, Natsar eine Lektion zu erteilen: Antischgift lähmte nur, das der Zeridianer indes war tödlich.

Plötzlich stach der General zu. Er ließ seine Klinge nur kurz nach unten zucken und zog sich sofort wieder zurück.

Taramis war zu überrascht, um gleich zu begreifen, was da geschehen war. Erst als er sein Blut an der Schwertspitze sah, glaubte er zu verstehen. So mussten Xydia und seine Mutter gestorben sein. Bestimmt hatten sie Schmerzen gelitten. Er dagegen spürte nichts. Ihm wurde lediglich schwarz vor Augen, ehe er die Besinnung verlor.

Xydias Vermächtnis

Im Schoß des Todes zu liegen, kann nicht so unbequem sein. Mit diesem Gedanken meldete sich Taramis’ Geist zurück, während er allmählich in die höheren Sphären des Bewusstseins aufstieg. Er lag auf einem harten Untergrund, Arme und Beine gefesselt, mit den Kiemen atmend. Die drückende Schwüle Jâr’ens war einer vertrauten Frische und Klarheit gewichen: Er befand sich im Ätherischen Meer.

Mit geschlossenen Augen durchwühlte er sein Gedächtnis. Warum lag er hier? Wieso spürte er einen ziehenden Schmerz in der Seite? Wer hatte ihn gebunden? Allmählich kehrten die Erinnerungen zurück. Verstörende Bilder tauchten daraus auf: Xydias blutüberströmte Leiche, seine sterbende Mutter und schließlich General Natsar, der ihm ein Schwert in den Körper stieß.

Erneut kochte Zorn empor, nicht mehr der Rachedurst, der Taramis zur Raserei gegen die Dagonisier aufgestachelt hatte, sondern der Ärger ob der eigenen Dummheit. Ihn reute die Unbesonnenheit, mit der er sich so blindwütig in den Kampf gestürzt hatte. Weder waren die ermordeten Frauen gerächt, noch hatte er vom Seelenschmerz Erlösung gefunden. Gao gefiel es, ihn am Leben zu lassen. Vielleicht hatte der Allmächtige andere Pläne mit ihm.

Taramis öffnete die Augen. Er hatte damit gerechnet, in die hässliche Fratze eines Fischkopfes zu blicken, sah zu seiner großen Überraschung jedoch das besorgte Gesicht von Marnas.

»Dem Allmächtigen sei Dank! Ich hatte schon befürchtet, du würdest nie mehr erwachen«, raunt der Hüter von Jâr’en mit ernster Miene. Er kniete mit vorne zusammengebundenen Handgelenken neben Taramis und bot ihm aus einem Flaschenkürbis etwas zu trinken an.

»Ging mir genauso«, antwortete Taramis ebenso leise. Dankbar nahm er das Wasser an. Während es ihm in kleinen Schlucken die Kehle hinabrann, wanderte sein Blick an den halb durchscheinenden Wänden des Gefängnisses entlang.

Die Kammer war eng, zu niedrig, um darin zu stehen, und irgendwie … organisch. Er hob den Kopf, damit er sich besser umsehen konnte. Ein pochender Schmerz ließ ihn die Neugierde sofort bereuen. Sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse.

»Du hast eine Beule von der Größe einer Wassermelone. Ernster ist allerdings das Loch oberhalb der Hüfte«, erklärte Marnas flüsternd und deutete mit dem Kinn in die ungefähre Richtung. »Ich durfte es verschließen und dich verbinden, nachdem wir uns bis auf das Untergewand hatten ausziehen müssen. Lebensnotwendige Organe sind wohl keine zu Schaden gekommen. Wollen hoffen, dass dir der Wundbrand erspart bleibt.« Die nüchterne Art, mit der Marnas über die Verletzungen sprach, war typisch für ihn. Ein Tempelwächter durfte nicht zimperlich sein. Wie Taramis dachten in seiner Truppe die meisten so.

»Hattet Ihr Nadel und Faden dabei, oder wie habt Ihr die Stichwunde geschlossen?«

»Kraft meines Geistes. Leider bin ich ein schlechter Heiler. Du solltest heftige Bewegungen vermeiden, sonst bricht sie wieder auf.«

»Wie lange war ich bewusstlos?«

»Schwer zu sagen, ohne Blick auf die Gestirne. Der Überfall begann gestern, bevor die Sonne erschien. Gegen Mittag sind wir hier eingepfercht worden. Schätze, das ist mindestens zwölf Stunden her.«

»Wir sind in einem Schwaller, nehme ich an?«

Marnas nickte. »Im Panzer einer Drachenkröte. Er ist wie ein wurmstichiger Holzschild: voller Löcher und Gänge. In den benachbarten Kammern liegen noch mehr von uns. Die Dagonisier haben alle überlebenden Tempelwächter mitgenommen.«

»Mir ist so ein Koloss aufgefallen, als ich zur Heiligen Insel zurückkehrte.«

»Hast du das Phantom von Zeridia zur Strecke gebracht?«

Taramis berichtete wortkarg von der Jagd auf den Seelenfresser. Auch Gulloths Fluch erwähnte er.

»Ich wusste, dass du dieser Aufgabe gewachsen sein würdest«, sagte Marnas und seufzte. »Wärst du nur rechtzeitig zurückgekommen!«

Die Worte gingen Taramis wie ein Stich durchs Herz, weil sie ihn wieder an seinen furchtbaren Verlust erinnerten. Hätte er den dagonisischen Kundschafter nur einen Tag früher getötet, stünde er jetzt nicht vor den Scherben seines Lebens. Er konnte vor Kummer um Xydia kaum atmen.

»Das war kein Vorwurf. Wenn hier einer versagt hat, dann ich«, fügte Marnas eilig hinzu. Einem aufmerksamen Mann wie ihm entging so leicht nichts, schon gar nicht die kummervolle Miene des Schülers, den er wie einen Sohn betrachtete.

»Euch trifft keine Schuld, Meister. Wir sind verraten worden, von der erdrückenden Übermacht des Feindes ganz zu schweigen. Nachdem es im Tempel von Fischköpfen nur so gewimmelt hat, war ich auf das Schlimmste gefasst. Ich bin so erleichtert, wenigstens Euch lebend wiederzusehen.«

Der Ausdruck auf Marnas’ Gesicht verriet, wie wenig empfänglich er für tröstende Worte war. »Ich weiß deinen Zuspruch zu schätzen, Taramis, aber mir wäre es lieber gewesen, mit meinen Männern zu fallen. Bis zum Tod werde ich an der Last tragen, den Überfall auf die Heilige Insel nicht verhindert zu haben. Dein Kummer – betrifft er nur Xydia? Ist Lasia …?«

»Mutter weilt jetzt im Haus der Toten.«

Der Hüter schloss die Augen und schüttelte den Kopf.

»Was genau sind die Nebelwächter, Meister?«

Marnas blickte auf. »Was?«

»Bevor Mutter einschlief, hat sie mir von einem Mann mit einem Fischkopfschwert erzählt. Purgor.«

»In Wahrheit dürfte er anders heißen. Purgors Aussehen diente ihm nur als Maske, weil der Ganese ein Freund des Hohepriesters war.«

»Dieser Fremde – er hatte von Xydia wissen wollen, ob sie die Nebelwächterin sei, bevor er sie mit dem Antischschwert …« Taramis schluckte. »Jedenfalls wären Eli und seine jüngere Tochter jetzt wahrscheinlich ebenfalls tot, wenn die Kirries sie nicht entführt hätten. Der dagonisische Scherge stellte Shúria dieselbe Frage, und ich weiß, dass sie zu dieser Gemeinschaft gehörte. Bisher dachte ich, die Nebelwächter seien ausnahmslos Seher, die vor dem Beginn eines Zeitalters der Finsternis warnten.«

»Das ist nur zum Teil richtig«, antwortete der Hüter. Er beugte sich tief zu Taramis’ Ohr hinab und flüsterte: »Ihnen gehören Menschen unterschiedlichster Herkunft und Begabung an. Ich sitze seit mehr als zehn Jahren in ihrem Rat.«

»Ihr?«

Marnas nickte. »Die Seher von Luxania sprachen nicht nur von einer Bedrohung. In ihrer Weissagung werden zwei Wege aufgezeigt. ›Untergang oder Erhebung kannst du wählen‹, heißt es darin wörtlich. Somit kann die Plage abgewendet werden. Ich habe geschworen, mich dafür einzusetzen. Shúria und Xydia ebenso.«

»Warum Nebelwächter? Was bedeutet der Name?«

»Das kann heute niemand mehr mit Sicherheit beantworten. Der Bund wurde vor langer Zeit auf Luxania gegründet, so viel steht fest. Bis heute kommt die Mehrzahl seiner Mitglieder vom dunstverhangenen Zeridia-Atoll. Im Nebel des Ungewissen halten wir nach Zeichen Ausschau, um zum richtigen Zeitpunkt einzugreifen und die Bedrohung abzuwenden – auch das mag bei der Namensgebung eine Rolle gespielt haben. Außerdem wirken wir im Verborgenen, gewissermaßen wie von Wolken verhüllt. Die meisten Berither wissen nicht einmal, dass jemand über sie wacht.«

»Offenbar ist es in Dagonis kein Geheimnis mehr. Natsars Scherge hat gezielt nach Nebelwächtern gesucht, um sie zu töten.«

»Natsar?«

»Der Oberfischkopf, der mich niedergestochen hat.«

»Du meinst diesen stattlichen General mit den leuchtend rotbraunen Streifen? Ich bin ihm kurz begegnet. Er ist sogar für einen Antisch furchterregend groß und kräftig. Übrigens sind deine Waffen und der Schild Schélet nun in seinem Besitz.«

»Hoffentlich wird Ez ihm zum Verhängnis. Er soll brennen für das, was er Xydia und meiner Mutter angetan hat.«

»Natsar hat die Flamme Gaos einwickeln lassen. Wie ich dich kenne, hast du ihm die Macht des Stabes vorgeführt. Du wirst schon selbst etwas tun müssen, um Rache zu üben.«

»Ihr mögt es Rache nennen, aber ich trachte nach Gerechtigkeit.«

»Es freut mich, das zu hören. Deine jüngsten Erfahrungen haben dich offenbar weise werden lassen. Weisheit wird im Bund der Nebelwächter als wichtige Tugend angesehen.«

»Was nützt mir alle Klugheit und Besonnenheit, wenn ich dem Recht nicht Geltung verschaffen kann! Ich bin halbtot, wir sind gefesselt und um uns herum wimmelt es vermutlich nur so von Dagonisiern.«

»Darauf kannst du Gift nehmen! Wir sind hier nur deshalb so ungestört, weil sie die Gefangenen in jedes noch so kleine Loch gestopft haben. Worauf ich hinauswollte, ist aber etwas anderes. Purgor und Natsar sind vielleicht nur Randfiguren im großen Spiel. Um die Plage abzuwenden, müssen wir den ganzen Plan verstehen. Nur so können wir die Strategie des Feindes wirkungsvoll durchkreuzen.«

Taramis zog die Stirn kraus. »Versucht Ihr mich gerade für Euren Bund zu gewinnen?«

»Muss ich dich denn überzeugen? Ich dachte, Xydias Ziele seien auch die deinen. Sie hatte die Zeichen erkannt und sich an die Seite ihrer Schwester gestellt. Dir ist es bestimmt, ihr Werk fortzusetzen. Betrachte es als ihr Vermächtnis an dich.«

»Das ist nicht fair, Meister.«

»Unser Gegner ist es noch viel weniger. Die Nebelwächter brauchen dich. Hast du die Inschrift unter der umgestürzten Säule des Bundes gesehen?«

»Ja. Sie hat mich verwirrt.«

»Der Hohepriester war überzeugt, dass sich in dir die uralte Verheißung erfüllt. Er sagte einmal zu mir, der Stab Ez sei der Speer Jeschuruns und seinem Träger sei es bestimmt, Berith in dunkler Stunde Licht zu bringen.«

»Mir hat Eli bisher nur den ersten Teil erzählt.«

»Du wurdest lange über deine mögliche Bestimmung im Ungewissen gelassen, Taramis, zu deinem und zu unser aller Schutz. Den Dagonisiern dürfte die zweite Zeile der Inschrift nicht gefallen: Bringst Leben sowie Gaos Zorn. Deine Mutter, der Hohepriester und ich waren uns selbst nicht im Klaren, ob du nur Verwahrer des Speers oder auch Vollstrecker des Zorns bist.«

»Und was denkt Ihr jetzt?«

»Untergang oder Erhebung – erst wenn entschieden ist, welchen dieser beiden Wege die Menschheit gehen muss, wird deine Aufgabe ganz verstanden sein. Doch so viel will ich dir sagen: Indem du den Nebelwächtern deine Unterstützung verwehrst, neigt sich die Waage nicht zum Licht.«

Taramis seufzte. »Was genau erwartet Ihr von mir?«

»Zunächst musst du wieder zu Kräften kommen. Wir sollten außerdem herausfinden, was die Dagonisier vorhaben.«

»Um ihren Plan zu vereiteln. Das sagtet Ihr bereits. Dazu brauchen wir aber unsere Freiheit.«

»Die Flucht wäre der nächste Schritt. Du sagtest, der Hohepriester und seine Tochter befänden sich in der Gewalt der Kirries?«

»Meine Mutter hat gehört, wie König Dov sie vor Purgors Schwert rettete und mitnahm. Vermutlich giert er nach Lösegeld.«

»Möglicherweise misstraut der kleine Bär auch nur seinen dagonisischen Waffenbrüdern. Einem verbreiteten Gerücht zufolge kennt Eli das Geheimnis des Gartens der Seelen. Dov könnte diese Fama aus reinem Selbsterhaltungstrieb gegen seine Verbündeten ausspielen.«

»Ihr meint, der Hohepriester weiß, welcher Baum zu wem gehört? Dann bräuchte er ja nur ein paar Stämme umzuhauen, und wir wären alle Unruhestifter auf einen Schlag los.«

»Ich denke nicht, dass Eli sich zu so einem Sakrileg hinreißen ließe. Es ist ohnedies zweifelhaft, ob er diese Fähigkeit besitzt. Der Überfall auf Jâr’en zeigt nichtsdestotrotz, was ein Gerücht zu bewirken vermag.«

»Das wirft ein ganz anderes Licht auf die Entführung des Hohepriesters. Solange seine vermeintliche Macht die Fischköpfe abschreckt, werden sie ihren Spießgesellen aus dem Kirrieland nichts tun.«

»Das Gleiche gilt für uns. Könnten wir Eli unter dem Schutz einer neu erstarkten Tempelgarde wieder nach Jâr’en zurückbringen und ihn dort unangreifbar machen, müssten sogar die Dagonisier ihn fürchten. Was meinst du, lohnt es sich, dafür zu kämpfen?«

Taramis nickte ungeachtet des pochenden Kopfschmerzes. »Ich stimme Euch zu. Xydia hat mir ein Vermächtnis hinterlassen, und ich werde mich dieser Aufgabe nicht verweigern. Ihre Lebensaufgabe soll zu der meinen werden. Nur eins noch.«

»Was?«

»Ich kämpfe nach meinen eigenen Regeln.«

Marnas musterte seinen Schüler mit ernster Miene. Schließlich nickte er. »Also schön. An ein paar Dinge solltest du dich aber doch gewöhnen. Sie könnten dir das Leben retten.«

»Und was wäre das?«

»Die Nebelwächter haben einen Gruß, der zugleich unser Erkennungszeichen ist. Lege wie zum Schwur Zeige- und Ringfinger der Linken zusammen und spreize den Daumen im rechten Winkel ab.«

»Man schwört aber mit der anderen Hand.«

»Bin ich der Lehrer oder du?«

»Entschuldigt, Meister.«

»Damit kannst du auch gleich aufhören. Klassenunterschiede werden im Bruderbund nicht geduldet.«

»Ihr meint, ich soll du zu Euch sagen?«

»Aus deinem Mund hört sich das wie ein Schimpfwort an. Es ist aber ein Ausdruck brüderlicher Vertrautheit. Nur so haben wir die Stürme der Zeit überdauert. Und jetzt mach das Zeichen – und zwar mit links, damit dein Gegenüber es von einem Schwur deutlich unterscheiden kann.«

Taramis formte mit den bezeichneten drei Fingern einen Winkel. »Richtig so?«

»Ja. Du musst die Hand nicht heben. Hauptsache, der andere sieht das Erkennungszeichen.«

»Und das genügt?«

Marnas stöhnte leise. »Nicht so ungeduldig, junger Wächter. Etwas Wichtiges fehlt noch.«

»Eine Grußformel?«

»Das war jetzt nicht schwer zu erraten. Sprich mir nach: ›Mögen deine Tage ohne Nebel sein.‹«

»Ist das schon alles?«

»Ich gebe dir die Gelegenheit, über den ungemein vielschichtigen Sinn dieser Worte einige Wochen nachzudenken. Danach darfst du deine törichte Frage zurückziehen. Hast du dir die Formel bis hierhin gemerkt?«

»Mögen deine Tage ohne Nebel sein.«

»Und die deinen voller Sonnenschein.«

»Lautet so die korrekte Antwort?«

»Es ist die einzig richtige.«

»Habe ich verstanden.«

»Schlimm, wenn es nicht so wäre.« Marnas bot Taramis erneut von dem Wasser an. »Vor uns liegen schwere Prüfungen. Du musst zu Kräften kommen. Trink, junger Nebelwächter.«

Die Insel der Verdammten

Die Enge in den Panzerkammern zerrte an jedermanns Nerven. Taramis kam sich vor wie ein Holzwurm unter der Borke. Wegen der mit seiner Verletzung einhergehenden Müdigkeit schlief er jedoch die meiste Zeit, und das Gefühl der Beklemmung tobte sich an anderen Tempelwächtern aus.

Um die Drachenkröte von Exkrementen sauber zu halten, trieben die Wachen ihre Gefangenen alle vier Stunden aus den Löchern. Wie viele große Schwaller, so besaßen auch diese amphibischen Riesenschildkröten eine Art biologischen Magnetismus, um ihre Jungen durch den Weltenozean zu tragen. Zahme Tiere hielten mit dieser körpereigenen Schwerkraft ihre Reiter und andere Lasten fest. Solange man keine großen Sprünge machte, konnte man also ohne Schlaufen oder sonstige Vorkehrungen auf ihnen laufen.

Erst wenn man auf dem Rücken der Kreatur stand, offenbarten sich ihre enormen Ausmaße. Der von natürlichen Hohlräumen durchsetzte Panzer glich einem flachen Hügel. In Schwallrichtung erhob sich auf einem kräftigen Hals das gigantische, gehörnte Drachenhaupt. Seitlich tauchten in gemächlichem Takt die beflossten Vorder- oder Hinterbeine auf, mit denen sich das Wesen durch den Äther bewegte.

Als Taramis das aus den Kammern drängende Häuflein Überlebender sah, verspürte er ohnmächtigen Zorn. Jeder zehnte Tempelwächter war beim Überfall auf Jâr’en gefallen, nur etwa sechzig lebten noch. Sie sahen niedergeschlagen aus, waren barfuß und hatten bis auf ihre Tuniken nichts mehr auf dem Leib.

In deutlichem Kontrast zur Erbärmlichkeit der gedemütigten Elitekämpfer stand das martialische Äußere der Feuermenschen. Allein durch ihre Größe und Kraft wirkten sie unüberwindbar. Hinzu kam ihr Rüstzeug, das dem der Tempelgarde überlegen war. Einige Dagonisier trugen Waffen, die Taramis nie zuvor gesehen hatte: kleine, auf Holzschäfte montierte Bogen. Marnas nannte sie Armbrüste. Er hatte auf Jâr’en erlebt, wie die Bolzen, die man mit ihnen verschoss, mühelos Brustpanzer durchschlugen.

In der Wachmannschaft des Schwallers bildeten die Armbrustschützen das stärkste Kontingent. Unter ihrer strengen Bewachung mussten sich die gefesselten Zeridianer am hinteren Rand des länglichen Schildes beiderseits des Stummelschwanzes hinhocken und ihre Notdurft verrichten. Für Taramis war das jedes Mal eine Tortur. Die Schmerzen in der Seite raubten ihm fast die Besinnung. Sein Verband war blutig. Ihn zu erneuern wurde Marnas nicht erlaubt.

Und wehe, wenn ein Verletzter wankte oder sich sonst wie eine Blöße gab! Dann machten sich die dagonisischen Wachen einen Spaß daraus, ihn so lange niederkauern zu lassen, bis ihn die Kräfte verließen und er vom Panzer fiel. Das Verlassen des Schwallers, ganz gleich, aus welchem Grund, galt jedoch als Fluchtversuch und wurde entsprechend geahndet. Hilflos mussten die Zeridianer mit ansehen, wie einer ihrer Kameraden einen Schwächeanfall erlitt und abrutschte. Die fischköpfigen Armbrustschützen spickten ihn kurzerhand mit Pfeilen.

Als Taramis dem Leichnam nachsah, entdeckte er vor der irisierenden Sphäre einer Insel die winzige Silhouette eines Mamoghs. Die Riesenschwallechse folgte der Drachenkröte in einiger Entfernung. Allon!, formten seine Lippen lautlos den Namen des geflügelten Gefährten.

Am Nachmittag rief das Signalhorn die Gefangenen abermals nach oben. Diesmal geriet Taramis ins Visier der Peiniger. Ein mehr als neun Fuß großer Antisch mit auffallend blasser Zeichnung und kehliger Nasalstimme zwang ihn mit gezücktem Schwert zum »Nachsitzen«. Die anderen Kameraden mussten zusehen.

Bald lief ihm der Schweiß in Strömen über den Körper. Die frische Stichwunde brach wieder auf, und die Schmerzen ließen Sterne vor seinen Augen tanzen. Ein Schwindelanfall brachte ihn zum Wanken. Er kippte nach hinten, breitete hilflos die Arme aus, sah schon, wie die Scharfschützen auf ihn anlegten …

Plötzlich packte ihn eine unsichtbare Hand und zog ihn auf den Panzer zurück, wo er kraftlos zusammenbrach.

Marnas’ Mundwinkel zuckten.

Der Antisch baute sich in seiner ganzen furchterregenden Größe vor dem Hüter von Jâr’en auf. Seine wurmartigen Barteln zitterten. »Warst du das, alter Mann?«

»Ich habe keine Ahnung, wovon Ihr redet, Herr.«

Der Dagonisier zeigte mit dem Schwert auf Taramis. »Dieser Schwächling hat bisher nur deinetwegen überlebt. Gib zu, dass du gerade deinen Willen benutzt hast, um ihn vor dem Absturz zu bewahren.«

»Wenn es mein Geist war, der Euch den Spaß verdorben hat, dann schneidet ihn doch heraus und bestraft ihn.«

Die vorstehenden Augen des Feuermenschen verengten sich. »Du scheinst darauf erpicht zu sein, alsbald ins Haus der Toten zu gehen. Noch so eine Eigenmächtigkeit und ich erfülle dir deinen Wunsch.«

»Seid Ihr sicher, damit im Sinne Eures Befehlshabers zu handeln?«, erwiderte der Hüter furchtlos. »Natsar schenkte meinem jungen Kameraden das Leben. Womöglich hat er für ihn eine besondere Verwendung. Es wird ihm nicht gefallen, wenn Ihr seine Pläne zunichtemacht.«

Der Antisch grinste. »Ob dein Freund dafür noch taugt, wird sich zeigen. Vielleicht wünschst du dir bald, du hättest ihn unseren Bogenschützen und den Aasfressern im Äther überlassen.«

Marnas zeigte dem Dagonisier die kalte Schulter und führte seinen Schüler zu den anderen Gefangenen, die bereits wieder in die Transportkammern hinabsteigen mussten.

»Wahrscheinlich hast du dir gerade einen Feind gemacht«, flüsterte Taramis.

Der Hüter schnaubte. »Das war er vorher schon.«

»Danke.«

»Hättest du deiner mentalen Ausbildung ebenso viel Aufmerksamkeit geschenkt wie den Waffenübungen, dann wäre mein Eingreifen nicht nötig gewesen.«

»Das habe ich inzwischen begriffen, und ich gelobe …«

»Maul halten, ihr zwei!«, dröhnte unvermittelt ein Antisch und versetzte Marnas einen Hieb mit der Siebenschwänzigen Katze, einer Geißel mit Knochensplittern an den Riemen. Obwohl diese ihm unter der Tunika die Haut aufrissen, nahm der Hüter die Züchtigung stumm entgegen.

Taramis zog seinen Lehrer fort. Er sah keinen Sinn darin, die Bewacher zu provozieren. Schweigend krochen sie in ihr Loch zurück. Kaum hatte sich der junge Nebelwächter dort niedergelegt, übermannte ihn einmal mehr die Erschöpfung.

Der schnarrende Klang des Signalhorns riss Taramis aus dem Schlaf. Staubkörnchen wirbelten vor seinen Augen und eine trockene Hitze schlug ihm entgegen. Erschrocken hob er den Kopf und blickte fragend in das Gesicht seines Lehrers.

Ein Ruck ging durch den riesigen Körper der Drachenkröte. Marnas spähte zu der Öffnung, die nach oben führte. »Fühlt sich so an, als hätten wir wieder festen Boden unter den Füßen.«

»Seltsam. Meine Lungen füllen sich nicht mit Luft.«

»Ich habe nichts anderes erwartet. Welchen Trick die Dagonisier auch immer benutzt haben, um auf Jâr’en oder Zeridia zu atmen, jetzt wird nach ihren Regeln gespielt. Deshalb haben sie auch die Gärtner des Heiligen Hains zurückgelassen. Mehr als hundert Atemzüge überlebt kaum ein Mensch im Äther. Ich schätze, wir sind für die nächste Zeit auf unsere Kiemen angewiesen.«

»Wenn ich meine Mutter richtig verstanden habe, hat der Kirriekönig seinen Männern befohlen, Purgors Atmung mit Qimmosch zu blockieren, falls er Schwierigkeiten macht. Hast du eine Ahnung, was er damit gemeint hat?«

»Qimmosch? Nie gehört. Es würde aber einen Sinn ergeben. Die Feuermenschen müssen sich irgendeiner Behandlung unterzogen haben, die ihnen Bewegungsfreiheit in den Sphären unserer Inseln verschafft. Dieses Qimmosch könnte eine Art Gegenmittel sein, das die Veränderung wieder aufhebt. Was du sagst, ist aber noch in anderer Hinsicht interessant: Dovs Drohung deutet an, dass sich unter Purgors Maske ein Antisch verbirgt.«

»Ein Seelenfresser so wie Gulloth?« Taramis nickte. »Das würde sowohl seine Wandlungsfähigkeit als auch den Feuerfischkopf auf dem Schwertknauf erklären.« Er verstummte, weil gerade ein zweites Hornsignal erscholl.

»Man ruft uns nach oben«, brummte Marnas.

Taramis wälzte sich ächzend herum, um sich auf allen vieren ins Freie zu schleppen. »Meinst du, wir sind auf Dagonis?«

»Bald werden wir es wissen. Versuche, dir deine Schmerzen nicht zu sehr anmerken zu lassen.«

Die Drachenkröte lag in einer brütend heißen, staubverhangenen Senke. Von ihrem Schild aus schweifte Taramis’ Blick über die undeutlichen Schemen eines nahen Höhenzuges. Ansonsten boten sich dem Auge wenig Anhaltspunkte. Nicht einmal Pflanzen oder Häuser konnte er entdecken. Er hatte nie einen trostloseren Ort gesehen.

»Wenn das Dagonis ist«, sagte er, »dann verstehe ich, warum es die Antische in die Ferne zieht.« Ein Peitschenhieb auf den Rücken brachte ihn zum Schweigen.

»Fresse halten!«, schnauzte ihn der Bewacher an, ein Hüne mit grünlich schimmerndem Zebramuster.

Sofort erschien der Dagonisier mit der blassen Zeichnung und erkundigte sich nach dem Grund des Aufruhrs – offenbar oblag ihm die Aufsicht über die Gefangenen.

»Er hat unsere Heimat beleidigt«, erklärte der Grüne.

»Das ist nicht wahr«, protestierte Marnas. Demonstrativ stellte er sich vor seinen Schüler. »Wir haben uns nur gewundert, wie sehr sich Dagonis von unseren Schollen unterscheidet.«

Der Oberaufseher nahm seinem Untergebenen die Geißel aus der Hand und schlenderte damit zu dem Hüter. »Falls du meinst, mich zu unbedachten Worten provozieren zu können, dann war deine Mühe umsonst. Der Name dieses Ortes ist kein Geheimnis. Bald schon wird es dir jeder zeridianische Hund hier entgegenbellen: ›Wir sind auf Zin gestrandet, der Insel der Verdammten.‹ Und nun werde ich dir dein loses Maul stopfen.« Er holte mit der Peitsche aus, um sie Marnas ins Gesicht zu schlagen.

Blitzschnell fuhr Taramis’ Rechte nach vorn, fing die sieben Riemen aus der Luft und riss dem Dagonisier die Geißel aus der Hand. Achtlos warf er sie fort, trat vor Marnas und funkelte den Kommandanten wütend an.

Der Antisch ballte die Fäuste und seine Barteln zuckten angriffslustig. Einen Moment lang sah es so aus, als wolle er seiner Autorität mit Gewalt Geltung verschaffen, doch dann grinste er nur. »Ihr zwei seid von Todessehnsucht getrieben, was? Eigentlich müsste ich euch auf der Stelle niederstrecken, aber das wäre eine zu große Gnade. In den Minen wird euch die Aufsässigkeit schon bald vergehen.« Er wandte sich seinen Soldaten zu und befahl, die Zeridianer in ihre Quartiere zu bringen.

»Das war knapp«, flüsterte Taramis. Ihm war schwindelig.

»Jetzt wissen wir aber, dass dem bleichen Fischkopf die Hände gebunden sind. Ich vermute, Natsar will uns lebend haben«, entgegnete der Hüter ebenso leise. Er lächelte mitleidig. »Du siehst grauenhaft aus.«

»Danke. Sich stark zu geben, wenn man es nicht ist, kostet viel Kraft.«

»Im Interesse unserer Sache sollten wir uns von jetzt an etwas mehr Zurückhaltung auferlegen. Um deine Verletzung kümmere ich mich später.«

Taramis nickte.

Über Leitern stiegen die Gefangenen von der Drachenkröte. Im Schatten des Kolosses mussten sie zum Appell antreten und durchzählen. Niemand fehlte. Anschließend trieben die Feuermenschen sie in Zweierreihen aus der Senke. Schon nach wenigen Schritten verhüllte eine Sandwolke die Sicht.

»Alle stehen bleiben. Wer sich rührt, stirbt«, brüllte ein Antisch.

»Unser Schildkrötlein macht sich im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Staub«, raunte Marnas.

»Sie wollen uns an der Flucht hindern«, gab Tamaris ebenso leise zurück.

»Ist dir aufgefallen, dass der Staub blau ist?«

Er hob die gefesselten Hände dicht vor die Augen. Tatsächlich! Die feinen Körnchen waren nicht etwa anthrazitfarben, wie er angenommen hatte, sondern tiefblau.

Nachdem sich das Gewirbel gelegt hatte, marschierte die Kolonne weiter. Einem Riesenwurm gleich kroch sie zunächst einen felsigen Hang hinauf und danach in ein schmales Tal hinab. Trotz der Hitze gaben die Bewacher ein unbarmherziges Tempo vor. Wer nicht spurte, bekam die »Katze« zu spüren. Wenn einer stolperte, setzte es ebenfalls Schläge. Und sollte einer fallen, drohte der Blasse, dann werde er nie wieder aufstehen. Dieses Vergnügen gönnten ihm die Tempelwächter nicht. Sie stützten sich gegenseitig und keiner ging verloren.

Der allgegenwärtige Staub drang in Augen, Nase, Mund, Ohren und Kiemenspalten ein. Von allen Seiten hörte Taramis das Husten seiner Gefährten. Wasser gab es nicht. Nach etwa einer halben Stunde – die Abenddämmerung setzte gerade ein – überkam ihn erneut der Schwindel. Hätte sein Arm nicht auf der Schulter des Hüters gelegen, er wäre mit Sicherheit gestürzt.

»Halt durch!«, raunte Marnas.

»Mein Schädel fühlt sich an wie ein Ei, das Natsar mit seinem Schwert aufgeklopft hat.«

»Keine Sorge. Wäre er gesprungen, dann hättest du aus der Nase geblutet.«

Das langgezogene Schnarren eines Horns sorgte für Unruhe unter den Gefangenen. Irgendwo in den Staubwolken vor ihnen musste das Lager liegen. Und Wasser! Die Hoffnung auf einen kühlen Trunk verlieh den Männern neue Kraft.

Wenig später erreichten sie ein Gittertor in einem etwa dreißig Fuß hohen Steinwall. Ein Wachtturm zur Linken und ein zweiter zur Rechten ließen auf weitere Bauten dieser Art schließen. Obwohl die Sicht im Staubnebel nur ungefähr fünfzig Schritte betrug, drückte bereits der erste Blick auf die Befestigungen Taramis’ Stimmung auf einen Tiefpunkt. Wollte er je von dieser Insel entkommen, würde er Verbündete mit Ortskenntnissen und einen guten Plan brauchen.

Der blasse Truppführer war den Torposten offenbar bekannt. Sie grüßten ihn respektvoll und kurbelten mithilfe einer Winde das Gitter hoch. Es blieb gerade lange genug oben, bis der ganze Zug innerhalb des Walls war. Erst jetzt nahmen die Dagonisier den Tempelwächtern die Fesseln ab. Deutlicher konnten sie ihnen kaum zeigen, für wie sicher sie ihr Lager hielten.

Die Karawane der Verdammten zog weiter. Zu beiden Seiten der Kolonne tauchten Langhäuser aus unbehauenen Felsbrocken auf. Die Unterkünfte der Gefangenen. Sonderlich solide sahen die mit flachen Spitzdächern gedeckten Gebäude nicht aus. Wahrscheinlich genügte ein Husten im Schlaf, um sie einstürzen zu lassen.

Der Zug marschierte unter einem zentralen Wachtturm entlang und kam auf einem großen rechteckigen Schotterplatz zum Stehen. Dort waren bereits etwa tausend Zeridianer angetreten, blau bestäubte Männer mit blank gescheuerten Blechnäpfen, die sie an Schnüren über ihren Tuniken trugen. Die Abendsonne zerrte ihre Schatten in die Länge. Auf einem flachen Podest standen drei Antische: links der Blasse, in der Mitte ein Gigant von zehn Fuß und rechts ein vergleichsweise kleiner, dafür aber umso massigerer Fischkopf mit Barteln so dick wie fette Raupen. Ersterer ließ die Ankömmlinge erneut durchzählen, ehe er seine Gefangenen an den Riesen übergab.

»Der Große ist Natsar«, flüsterte Taramis, nachdem die Neuankömmlinge vor den Lagerinsassen zwei weitere Reihen gebildet hatten; er und Marnas standen im zweiten Glied. Mit dem Kinn deutete er zu dem Riesen, der gerade ein türkisfarbenes Pulver vom Handrücken in die Nasenlöcher schnupfte.

Marnas nickte nur und bedeutete ihm zu schweigen.

»Arbeitssklaven«, begann der General seine Ansprache. Die wohltönende Stimme war unverkennbar. »Für euch ist heute ein Freudentag. Ihr bekommt Hilfe. Eure Heilige Insel ist gestern gefallen …« Er hielt inne, weil ein Raunen durch die Menge ging. Hier und da klatschten Peitschen auf Rücken. Schmerzensschreie erklangen. Natsar wartete, bis wieder Ruhe eingekehrt war.

»Nicht ganz fünf Dutzend eurer Krieger haben überlebt«, setzte er seinen Vortrag fort. »Sie werden euch beim Abbau des blauen Gesteins zur Hand gehen. Jedes Langhaus erhält ein paar Zugänge. Die Hausvorstände werden ihnen alles Nötige erklären. Morgen früh geht es in die Stollen und die Vorarbeiter weisen dort ihre neuen Männer ein. Prägt ihnen die Regeln ein! Ihr wisst, wie wichtig die erste Woche ist. Wäre doch schade, wenn eure Stammesbrüder sie nicht überlebten.«

»Wer sagt denn, dass wir das überhaupt wollen?«, rief eine vertraute Stimme nur wenige Schritte rechts von Taramis. Es war Pyron, ein zwanzigjähriger Hitzkopf aus Verdenia mit dem gedrungenen Körper einer Raubkatze und dem Organ eines Knaben im Stimmbruch. Als Feuerbändiger konnte er mittels Geisteskraft sowohl Flammen löschen als auch jedwedes Ding in Brand stecken. Und zeigte man ihm ein Häuflein Asche, dann erzählte es ihm seine Geschichte.

Natsar trat an den Rand des Podestes vor. Sein Blick wanderte durch die Reihen der Gefangenen. »Wer hat das gesagt?«

Niemand antwortete ihm.

Er deutete auf einen gedrungenen Krieger mit Kopfverband ganz vorne. Taramis erkannte in ihm das alte Raubein Landes, mit dem er schon manche Nachtwache geteilt hatte. »Du. Sag mir, wer da eben so vorlaut sein Maul aufgerissen hat.«

Der Recke schwieg.

»Ich dulde nicht, dass irgendjemand die Sklaven zum Aufruhr anstiftet. Also sprich, Tempelwächter!«

Landes spuckte verächtlich auf den Boden.

Im nächsten Moment keuchte er wie unter einem heftigen Schmerz. Sein Gesicht lief rot an, als stecke ihm eine Dattel im Hals. An seinen Schläfen traten die Adern hervor. Mit den gefesselten Händen hämmerte er sich gegen die Brust, aber was immer er damit bezwecken wollte, es fruchtete nicht. Er sank ächzend auf die Knie.

»Allmächtiger!«, zischte Marnas und ballte die Fäuste. Zum Entsetzen nicht nur seines Lieblingsschülers machte er einen Schritt auf Natsar zu und rief: »Wenn Ihr jemanden bestrafen wollt, dann nehmt mich! Es sind meine Männer, und es ist meine Verantwortung.«

»Schweigt, Kommandant, und tretet sofort zurück ins Glied, oder ich töte Euren ganzen Haufen!«, herrschte der General ihn an. Bei aller Unerbittlichkeit in der Sache hielt er sich im Gegensatz zu seinen Untergebenen an die Gepflogenheit, einen feindlichen Befehlshaber wie eine hochgestellte Persönlichkeit anzureden.

Taramis meinte zu hören, wie sein Lehrer mit den Zähnen knirschte, während er dem Befehl nachkam. Marnas plagten ohnehin Schuldgefühle wegen der vernichtenden Niederlage seiner Garde, er würde nicht leichtfertig weitere Menschenleben opfern.

Natsar wandte sich mit ausdrucksloser Miene wieder dem röchelnden Landes zu. Die herabhängende Rechte des Antischs sah aus, als presse sie eine unsichtbare Zitrone aus. »Bisweilen ist Mut von Dummheit schwer zu unterscheiden. Sei kein Tor, Soldat. Zeige mir den Rädelsführer, und ich will über deine Unbeherrschtheit von eben hinwegsehen.«

»Ihr habt keine Ahnung … vom Kodex der Tempelwächter«, krächzte der Gepeinigte. »Eher … sterben wir, als einen unserer Kameraden …« Er kippte mit dem Gesicht voraus in den Sand.

»So sei es«, sagte Natsar. Seine Rechte schloss sich ruckartig.

Landes bäumte sich kurz auf und sackte leblos zusammen.

Mit unbewegter Miene musterte der General die anderen Neuankömmlinge. »Als Mitglieder einer Elitetruppe versteht ihr sicher die Notwendigkeit von Disziplin. Wir sind jetzt eure Herren und ihr seid die Sklaven. Wenn ihr gehorcht, könnt ihr noch lange leben. Die Aufsässigen dagegen wandern in die Grube.« Er deutete zu dem vergleichsweise kleinen Antisch zu seiner Linken. »Ich übergebe nun an Lagerkommandant Qoqh.«

Der Schwergewichtige ergriff das Wort. Seine durchdringende Stimme ähnelte frappierend den dagonisischen Signalhörnern. Obwohl die Neuankömmlinge schier verdursteten, erging sich der Dicke in erschöpfenden Aufzählungen von Regeln und abstoßenden Schilderungen von Sanktionierungsmaßnahmen. Als er endlich die Gefangenen entließ, war Taramis kurz vor dem Zusammenbrechen.

Gestützt auf Marnas wankte er über den Platz. Der sinnlose Tod seines Kameraden ging ihm nicht aus dem Kopf. »Was ist da gerade mit Landes passiert?«

»Ich fürchte, der Fischkopf ist ein Manipulator«, raunte Marnas. Er bewegte kaum die Lippen.

»Natsar hielt seine rechte Hand so verkrampft.«

»Das ist typisch für diese Art von Geistwirkung. Er kann Dinge ertasten und darauf einwirken, selbst wenn er sie nicht sieht. Ich nehme an, er hat unserem tapferen Freund das Herz zerquetscht.«

Hilflos dem kaltblütigen Mord an einem geachteten Kameraden zusehen zu müssen, war eine zermürbende Erfahrung. Taramis beschlich zunehmend das Gefühl, einem übermächtigen Gegner ausgeliefert zu sein. Ihm war der Schreck so heftig in die Glieder gefahren, dass er ohne den starken Arm seines väterlichen Lehrers keine zehn Schritte mehr geschafft hätte. Die Gestalten der anderen Zeridianer verschwammen vor seinen Augen. Sämtliche Geräusche verwischten zu einem diffusen Rauschen. Jeden Moment konnte er das Bewusstsein verlieren. Die Strapazen waren einfach zu viel gewesen.

Plötzlich schlug eine flache Schwertklinge gegen die Brust des Hüters. Taramis nahm neben seinem Lehrer einen bleichen Schemen wahr.

»Halt! Ihr zwei werdet getrennt untergebracht.« Es war der Blasse.

Marnas schnaubte. »Ihr seht doch, dass er sich kaum auf den Beinen halten kann, Herr.«

»Wir haben hier ein ruhiges Plätzchen für Sklaven, die schlappmachen.«

»Lass gut sein, Reghosch«, meldete sich unvermittelt eine tiefe Stimme.

Taramis wandte sich überrascht General Natsar zu. Über dem Rauschen in seinen Ohren erhob sich dumpf der Protest des Blassen.

»Die beiden machen nur Schwierigkeiten.«

»Was hast du anderes erwartet? Das wussten wir von Anfang an. Haben wir Gulloth nicht seinetwegen nach Zeridia geschickt, nur um den jungen Taramis von der Heiligen Insel fortzulocken? Du hättest ihn kämpfen sehen sollen, Reghosch! Ein solcher Krieger und der Hüter von Jâr’en verdienen Respekt, selbst wenn sie unsere Feinde sind. Gewähre ihnen die Zweisamkeit. Andere Freuden werden sie in ihrem Leben kaum mehr finden.«

Insgeheim gönnte Taramis dem Blassen die Maßregelung, wenngleich er sie viel zu milde fand. Überraschend milde sogar. Von einem Eroberer und so unbarmherzigen Befehlshaber wie Natsar hätte er mehr Strenge erwartet.

»Du da!«, rief Reghosch und winkte einen Gefangenen herbei.

Inzwischen war die Verschwommenheit weitgehend aus Taramis’ Blick gewichen, weshalb er den herbeieilenden Zeridianer gebührend bestaunen konnte. Er war fast so groß wie der Lagerkommandant, wenngleich von ungleich athletischerer Statur. Wie bei den Jägern des Atolls üblich, trug er das schwarze Haar sehr lang und zu sieben Zöpfen geflochten. In seinem vierschrötigen Gesicht wucherte ein dichter Vollbart, der es schwer machte, das Alter des Mannes zu schätzen. Er mochte vierzig sein, möglicherweise auch ein paar Jahre jünger.

»Wie heißt du?«, knurrte Reghosch.

»Gabbar, Herr.« Die dröhnende Stimme des Hünen klang mürrisch, doch trotz ihrer Lautstärke überraschend sanft. Er mied den direkten Blickkontakt mit dem Feuermenschen.

»Du bist ein Hausvorstand, richtig?«

»Ja, Herr. Ich spreche für die Nummer zwölf.«

»Hast du noch Platz für zwei Neuzugänge?«

Der Zeridianer musterte Taramis und Marnas. Blitzte da in seinem Blick ein Erkennen auf? »Das kriegen wir hin, Herr.«

»Dann schaff sie mir aus den Augen.«

Er verneigte sich erst vor Natsar, danach vor Reghosch und gab darauf seinen neuen Mitbewohnern einen Wink. »Kommt.«

Ein kühler Empfang

Im Schlepptau des Hünen strebten sie auf ein Langhaus zu. Es stand in zweiter Reihe hinter dem Appellplatz. Leutseligkeit gehörte offenkundig nicht zu Gabbars Schwächen. Kein Sterbenswörtchen brachte er über die Lippen.

»Kennt Ihr uns, Gabbar?«, ächzte Taramis, als sie zwischen den vorderen Gebäuden hindurchliefen. Zuvor hatte er sich mehrmals nach den Wachen umgesehen.

»Ich bin kein hoher Herr, also braucht Ihr mich auch nicht so anzureden«, brummte der Gefragte.

»Das Gleiche gilt für mich«, sagte Taramis. Unter den niedrigen Dienstgraden der Tempelgarde herrschte ohnehin ein kameradschaftlicher Umgangston. Er wiederholte die Frage. »Kennst du uns, Gabbar?«

»Du bist Taramis. Und dein Gefährte ist Marnas, der Hüter von Jâr’en. Wir hatten gehofft, ihr würdet die dagonisische Plage ausmerzen, ehe sie weiter um sich greifen kann. Das ist die Nummer zwölf.« Gabbar wies mit seiner Pranke auf ein Gebäude, das aussah wie alle anderen.

»Interessant, was du da eben geäußert hast«, bemerkte Marnas beiläufig.

»Über die Zwölf?«

»Nein, über die dagonisische Plage … Wartet!«

Der Bärtige hatte sich gerade angeschickt, die Blechtür zu öffnen. Mit gerunzelter Stirn hielt er inne. »Worauf?«

»Mögen deine Tage ohne Nebel sein«, sagte Marnas leise. Drei Finger seiner linken Hand formten sich zu einem rechten Winkel.

Als der Hausvorsteher das Erkennungszeichen der Nebelwächter bemerkte, weiteten sich seine grünen Augen. Ebenso verhalten antwortete er: »Und die deinen voller Sonnenschein.« Sein Blick wanderte fragend zu Taramis.

Der wiederholte das geheime Ritual.

Gabbar hieß auch ihn als Bruder willkommen, ehe er sich wieder Marnas zuwandte. Dabei wirkte er so mürrisch wie zuvor. »Wir sind Bundesgenossen, aber das enthebt dich und deinen Schüler nicht der Pflicht, uns ein paar Antworten zu liefern. Macht euch auf einen kühlen Empfang gefasst.« Er packte den schmiedeeisernen Ring an der Tür. Mit vernehmlichem Quietschen schwang sie auf.

Der Geruch ungewaschener Körper schlug Taramis entgegen. Gestützt auf seinen Lehrer betrat er das Langhaus. Darin gab es nur einen einzigen Raum, in dem ungefähr fünfzig Menschen untergebracht waren. Sie lagen in vierstöckigen Eisenbetten oder standen zwischen den in drei Reihen angeordneten Gestellen. Den Neuzugängen wandten sich ernste, ausgemergelte Gesichter zu. In manchen spiegelte sich Neugier, vereinzelt sogar Feindseligkeit.

»Alles Leben auf Zin wurde entweder hergebracht oder vom Ätherischen Meer angeschwemmt. Darum findest du hier keine Bäume und nur wenige andere Pflanzen«, erklärte Gabbar mit einer vagen Geste zu den Nachtlagern hin. »Erze haben wir dafür umso mehr. Deshalb werdet ihr im Lager kaum Holz zu sehen bekommen. Was man braucht, wird aus Stein oder Metall gemacht. Ihr könnt euch da hinten links einrichten.«

Er lotste sie zu einem Stockbett am Ende des Saales. Währenddessen rief er: »Hört mal alle her. Das hier sind Marnas und sein Schüler Taramis. Ich nehme an, ihr kennt die Namen. Der Junge ist verletzt. Ihr wisst, was das heißt: Wenn wir ihn nicht schützen, wird er die nächsten Tage kaum überleben.«

»Wir sollen den Hals für sie riskieren?«, grunzte eine Stimme aus dem Hintergrund. »Du hast doch gehört, was auf Jâr’en passiert ist. Die Mehrzahl der Tempelwächter ist tot, und ausgerechnet die zwei größten Helden von Zeridia haben überlebt? Bist du sicher, dass sie unseren Beistand auch verdienen?«

»Noch so eine Bemerkung, Norgas, und ich breche dir beide Arme.«

»Aber …«

»Und die Beine.«

»Sie sind schuld …«

»Und deine Rippen. Wo warst du eigentlich, als Marnas auf dem Appellplatz seinen Hals riskiert hat? Handelt so ein Feigling?«

»Er hat vor Natsar gekuscht. Besonders mutig fand ich das nicht.«

»Halt endlich die Klappe, Norgas. Du kannst die zwei nicht verurteilen, ehe sie uns nicht ihre Geschichte erzählt haben. Benutz gefälligst deinen Grips und versetz dich in die Lage des Hüters. Hätte er eben nicht zurückgesteckt, wären seine Männer alle tot. Qoqh hätte mit Vergnügen fünf Dutzend Herzen zerquetscht.« Gabbar blickte über die Schulter zu den beiden Tempelwächtern. »Der Lagerkommandant ist kein so mächtiger Manipulator wie der General, aber dafür hätte es gereicht.«

Einige Insassen des Langhauses nickten oder murmelten zustimmend. Norgas’ Protest ging in einem unverständlichen Nörgeln unter.

Unterdessen hatten die drei das besagte Stockbett erreicht. Unten lag ein hagerer, etwa fünfzigjähriger Mann. Gabbar wedelte mit der Hand in seine Richtung. »Das ist Veridas von Luxania, ein zäher Knochen. Er ist fast so lange hier wie ich. Die Lager über ihm sind in der letzten Woche frei geworden.«

»Du meinst, ihre Besitzer sind tot«, sagte Marnas.

Der Sprecher des Langhauses nickte.

Veridas schwang die Beine aus dem Bett. Er war eine asketische Erscheinung: schmales Gesicht, messerscharfe krumme Nase, spitzes Kinn, schulterlanges, dünnes, schneeweißes Haar und schütterer Vollbart. Um den Hals trug er ein Lederband mit einem Anhänger, der einem sich nach unten verjüngenden, kantigen, schwarzen Feuerstein glich. Seine grauen Augen schienen sofort die Tiefen von Taramis’ Seele auszuloten.

»Seid Ihr ein Seher, Veridas?«, fragte der unbehaglich.

»Ja. Ich sehe, dass du gleich aus den Latschen kippst.« Veridas deutete einladend auf die Bettstatt. Sie bestand aus einem Netz eiserner Blattfedern. Eine Decke gab es nicht.

Taramis ließ sich dankbar darauf nieder. »Habt Ihr Shúria gekannt, die Tochter des Hohepriesters?«

»Sie war meine Schülerin, bis die Fischköpfe mich entführten.«

»Tatsächlich!«

»Ja. Damals war sie vierzehn. Sie hat mir von dir und ihrer großen Schwester Xydia erzählt. Shúria sagte, sie freue sich, dass ihr zwei euch liebt. Das Mädchen schwärmte so glühend von dir, als sei es selbst in dich verschossen.«

»Davon weiß ich nichts«, murmelte Taramis. Ein Zittern schüttelte seinen Körper. Würde er je den Namen seiner verlorenen Liebe hören oder gar aussprechen können, ohne diesen überwältigenden Schmerz zu fühlen? Er zwang die Gedanken in eine andere Richtung. »Ist es Euch zuzuschreiben, dass Gabbar wie selbstverständlich von der dagonisischen Plage spricht?«

»Willst du mich verhören oder dich ausruhen?«

Taramis senkte den Blick. Verstohlen formte er mit der Linken den Winkel. »Entschuldigt, weiser Mann. Mögen deine Tage ohne Nebel sein.«

»Und die deinen voller Sonnenschein«, kam umgehend die Erwiderung.

»Veridas gehört wie ich zum Rat der Nebelwächter«, raunte Marnas, zu leise für die Männer, die sie neugierig beobachteten.

Der Seher deutete einladend auf die unteren Schlafstellen. »Jetzt ruht euch erst einmal aus. Als Krankenlager eignet sich das erste Bett am besten. Du kannst das darüber haben, Marnas. Ich ziehe nach oben, wenn’s recht ist.«

Taramis bedankte sich und ließ sich auf die federnde Unterlage sinken.

»Die Bettruhe beginnt zwei Stunden nach Verblassen der Sonne«, erklärte Gabbar. »Wer danach einem Wärter in die Arme läuft, macht Bekanntschaft mit der Siebenschwänzigen Katze. Im Wiederholungsfall wird er in die Grube geworfen, wo er sich entweder den Hals bricht oder den Hunger der Nager stillt.«

»Hat Reghosch diesen Ort gemeint, als er von dem ruhigen Plätzchen für ermattete Sklaven sprach?«

»Ja. Die Grube ist ein zweihundert Fuß tiefes Loch. Als ich vor zwei Jahren mit den ersten Arbeitssklaven aus Paresia hierher verschleppt wurde, haben wir dort im Tagebau zu schürfen begonnen. Die Ader war bald erschöpft. Deshalb ließen uns die Fischköpfe unweit davon Stollen in die Berge treiben. Seitdem wird die Grube als Friedhof genutzt. Mancher, der aus der Reihe tanzte, ist bei lebendigem Leib hineingeworfen worden.«

»Wie viele von denen, die mit dir hierherkamen, sind umgekommen?«

»Alle außer mir. Es war hart, die Stammesbrüder sterben zu sehen, freie Jäger, die am Sklavendasein zerbrochen sind. Mich haben der Glaube und die Hoffnung auf den Tag der Befreiung am Leben erhalten. Und das Studium der Fischköpfe. Ich kenne alle ihre Stärken und Schwächen.«

»Schwächen? Welche zum Beispiel?«

Gabbar zupfte sich am Bart. »Ich habe gesehen, wie ein dagonisischer Soldat nach einem Disziplinverstoß in die Arrestzellen geführt wurde. Er trug eine Halsmanschette.«

»Damit er keine giftigen Dornen verschießen kann?«

»Das ist eher zweitrangig. Es gibt noch einen wichtigeren Grund. Ihre mentalen Kräfte fließen durch die abgespreizten Stacheln nach außen. Verschießt ein Dagonisier seinen ganzen Vorrat an Stacheln, ist er so gut wie wehrlos. Die Manschetten erfüllen den gleichen Zweck. Sie hindern die Antische daran, ihre Kragen aufzustellen.«

»Werde ich mir merken.«

Der Hüne grinste. »Am besten, ihr zwei haltet euch an mich. Wenn man wie ich gelernt hat, die Fischköpfe richtig zu nehmen, dann behandeln sie einen recht pfleglich. Sie wissen, was sie an uns haben. Nur amphibische Sklaven können auf dieser Insel überleben. Wir bekommen ausreichend Wasser und Nahrung, damit wir für sie das Mosphat aus dem Berg holen.«

»Mosphat?«

»Ein dunkelblaues Gestein. Hat die Konsistenz poröser Kohle. Es ist der Rohstoff für Neschamah, dieses türkisfarbene Pulver, das von den Feuermenschen wie Schnupftabak benutzt wird.«

»Schnupftabak?«

»Natürlich ist es keiner. Um den wahren Zweck des Zeugs machen die Fischköpfe ein großes Geheimnis.«

»Aber du hast es trotzdem herausgefunden«, sagte Marnas mit einem wissenden Ausdruck im Gesicht.

Gabbar grinste. »Der Dicke …«

»Wer?«

»So nennen wir den Lagerkommandanten Qoqh. Er hat auf der Latrine einmal mit einem Wärter über das Neschamah getuschelt. Sie wussten nicht, dass ich in der Nähe stand und sie hören konnte. So viel steht fest: Ohne das blaugrüne Zeug gäbe es keine dagonisische Plage.«

Mit einem Mal fiel es Taramis wie Schuppen von den Augen. »Lass mich raten: Mithilfe des Pulvers atmen die Antische Luft wie jeder andere Mensch.«

Gabbar nickte.

Marnas pfiff leise durch die Zähne. »Jetzt wird mir klar, wieso sie sich mit den Kirries verbündet haben. Wahrscheinlich hat ihr Vorrat an Neschamah nicht ausgereicht, um den Überfall auf Jâr’en allein zu bewältigen.«

»Oder sie horten das Zeug für ein größeres Vorhaben«, brummte der Hüne.

»Allmächtiger! Wenn sie eine ganze Armee mit diesem Mosphat behandeln, könnten sie diese überall in Berith einsetzen.«

»Nicht nur das«, sagte Veridas. »Bei ihrer körperlichen, mentalen und militärischen Stärke werden sie ihren Anspruch auf weltweite Vorherrschaft auch durchsetzen. Ich bin überzeugt, das Odempulver spielt eine Schlüsselrolle im Zusammenhang mit der Weissagung von der Bedrohung aus dem schwarzen Herzen Beriths. Ob das dunkle Zeitalter anbricht oder abgewendet werden kann, dürfte vom Mosphat abhängen. Das erklärt, warum die Fischköpfe keine Schwalltiere auf Zin halten. Ihr Geheimnis soll die Insel nicht verlassen.«

»Trotzdem müssen wir fliehen«, sagte Taramis.

Gabbar schnaubte. »Vergiss es. Ich suche seit zwei Jahren nach einer Möglichkeit, von hier wegzukommen. Vergeblich. Dreimal täglich zählen die Antische uns durch. Sie bewachen das Lager als sei es der Tempel ihres mistigen Götzen. Und wenn nicht genauso viele Männer aus den Stollen herauskommen wie hineingegangen sind, dann schicken sie ihre Wühler rein. Das hat noch keiner überlebt.«

»Wühler?«

»Der Tausendfüßige Riesenblutegel. Die Viecher werden zehn bis zwölf Fuß lang und atmen Luft oder Äther durch die Haut. Wenn dich so ein Biest erwischt, saugt es dir den letzten Tropfen Blut aus dem Leib.«

»Das würde ihm aber schlecht bekommen.«

»Die Riesenegel sind gegen unser Blut immun. Als die Feuermenschen vor etwa zwei Jahren die Inseln am Rand des Zeridia-Atolls auskundschafteten, haben sie einige Jungtiere auf meiner Heimatinsel Paresia gefangen. Seitdem züchten sie die Egel.«

Taramis schluckte. »Ich habe einen Wolfsdrachen getötet, der in Wirklichkeit ein dagonisischer Seelenfresser war, da wird mich auch ein Tausendfüßler nicht aufhalten.«

»Einer?« Gabbar lachte. »Die Fischköpfe hetzen dir Dutzende auf den Hals.«

»Trotzdem müssen wir irgendwie von dieser Insel entkommen und einen Weg finden, die Antische von ihrem Mosphatnachschub abzuschneiden.«

»In deinem Zustand?«, belustigte sich Marnas und schüttelte entschieden den Kopf. »Du musst gar nichts, außer wieder auf die Beine kommen. Alles andere wird sich zeigen.«

»Ausruhen ist hier lebenswichtig«, pflichtete ihm Gabbar bei. »Wer schlappmacht, kommt in die Grube. Hau dich ein Stündchen aufs Ohr, Taramis, und später wollen wir hören, was du mit dem Wolfsdrachen angestellt hast.«

»Ich kann sowieso nicht schlafen.«

»Sei nicht trotzig wie ein Rotzlöffel, der nicht ins Bett gehen will.«

»Aber ich bin viel zu aufgeregt, um …«

»Leg dich sofort hin und mach die Augen zu! Wenn du’s nicht tust, breche ich dir sämtliche Knochen im Leib. Dazu brauche ich dich nicht mal anzufassen.«

Der junge Nebelwächter beäugte den Hünen argwöhnisch. Knochenbrechen? Die vom Willen erleuchteten Gaben der Menschen waren so vielfältig wie ihre Gesichter – und manchmal ebenso bizarr. Selten begegnete man allerdings so mächtigen Geistwirkern wie in der Tempelgarde von Jâr’en, wo diese Talente in endlosen Übungen bis zur Meisterschaft entwickelt wurden. Taramis war zu müde, um seine Unempfindlichkeit gegenüber mentalen Angriffen zu erklären. Stattdessen ließ er sich rückwärts auf das Lager sinken. Etwas Entspannung konnte nicht schaden.

Wenige Augenblicke später hatte ihn die Erschöpfung übermannt.

Albträume

Es gibt Geräusche, die einem das Nervenkostüm zerfetzen, sodass man am liebsten aus der Haut fahren möchte. Das Schnarren des Signalhorns im Arbeitslager von Zin kam dieser Wirkung sehr nahe. Taramis schreckte aus dem Schlaf hoch. Einen Moment lang fehlte ihm jegliche Orientierung. Ein Teil seines Bewusstseins steckte noch in jenem düsteren Albtraum fest, aus dem er herausgerissen worden war. Zwei Antische hatten ihn wie einen Toten in eine große Grube geworfen, die voller Menschenknochen war.

Blinzelnd sah er sich um. Im Langhaus herrschte hektische Betriebsamkeit. Männer wälzten sich aus den Stockbetten. Es wurde gemurmelt, gegähnt, geflucht, gefurzt und gehustet. Durch das Gitter aus Eisenbändern über sich sah er den Hüter von Jâr’en.

»Es ist nur der Weckruf«, sagte Marnas beruhigend und schwang sich geschmeidig aus dem Bett. Seine Hand legte sich auf Taramis’ Stirn. »Fieber hast du nicht. Ich habe heute Nacht noch einmal deine Wunde versorgt, während du durchs Land der Träume gestreift bist. Du warst völlig weggetreten. Wie fühlst du dich?«

»Als hätte eine Drachenkröte auf mir geschlafen. Warum hast du mich nicht geweckt?«

»Gestern Abend meinst du? Das war nicht nötig. Nach dem Nachtessen habe ich für uns beide gesprochen. Die Männer wissen nun, was wirklich auf Jâr’en geschah. Und spätestens als ich von deinen Kämpfen gegen Gulloth und die fünf Dutzend Dagonisier im Tempel erzählte, war das Eis gebrochen. Jetzt wirft uns niemand mehr Feigheit vor.«

»Ich habe nie gesagt, dass es sechzig Antische waren.«

»Nein?« Marnas Miene blieb unbewegt. »Da muss ich wohl etwas falsch verstanden haben. Kannst du aufstehen?«

Taramis schob die Beine über die Bettkante und zog sich an dem Eisengestell hoch. Der Kopfschmerz und das Schwindelgefühl waren erträglich, nur das Stechen in der Seite ließ ihn das Gesicht verziehen. »Geht tadellos.«

Marnas behielt für sich, was er von den schlechten Schauspielkünsten seines Schülers hielt. »Gut. Dann bleib immer dicht bei mir und versuche, so wenig wie möglich aufzufallen. Du hast ja erlebt, was Fischköpfen und Raubtieren gemein ist: Beide fallen am liebsten über die Schwächsten her.«

Taramis blinzelte betont langsam. Er fühlte sich so kraftlos wie ein Neugeborenes. »Weißt du schon, wo wir heute eingesetzt werden?«

»Gabbar nimmt uns mit in seinen Stollenabschnitt. Er ist Vorarbeiter und wird dafür sorgen, dass du den Tag überstehst. Letzte Nacht hat er mich in die hiesigen Gepflogenheiten eingewiesen. Jeder Morgen beginnt mit dem Zählappell. Danach dürfen wir die Latrinen besuchen und essen. Beim nächsten Signal marschieren wir zur Mine.«

»Beeilt euch, Brüder, und vergesst eure Blechnäpfe nicht«, dröhnte Gabbars Stimme vom anderen Ende des Langhauses herüber. Sehen konnte Taramis den Sprecher der Nummer zwölf nicht.

Marnas drückte seinem Schüler ein verbeultes Gefäß in die Hand und schärfte ihm ein, es wie seinen Augapfel zu hüten. Es hing an einer Hanfschnur, die man sich tagsüber um den Hals hängte. Aus dem Napf werde gegessen und getrunken. Wer ihn verliere, sei so gut wie verloren, erklärte er.

Quietschend öffnete sich die Tür. Staub und fahles Licht quollen herein, die ersten Arbeitssklaven drängten hinaus. Während Taramis an der Seite seines Lehrers dem Ausgang entgegenstrebte, bemerkte er um sich herum viele ehrfürchtige Blicke. Zahlreiche Mitbewohner nickten ihm respektvoll zu. Was für Abenteuergeschichten hatte Marnas den Männern erzählt?

Auf dem Weg zum Frühappell fasste der Hüter einige der Lagerregeln zusammen, die ihm Gabbar wenige Stunden zuvor erläutert hatte. Unterwürfigkeit war oberstes Gebot. Die Dagonisier konnten sehr unangenehm werden, wenn man sie direkt ansah. Besonderes Augenmerk legten sie überdies auf Sauberkeit in den Schlafhäusern – angesichts des allgegenwärtigen blauen Staubs eine echte Herausforderung.

Die Arbeiter stellten sich auf dem staubigen Schotterplatz in langen Reihen auf. Taramis und Marnas nahmen wieder ihren Platz im zweiten Glied ein. Qoqh – der Dicke – überwachte den Zählappell vom Podest aus. Wärter mit Peitschen sorgten für einen zügigen Ablauf, und Soldaten mit Armbrüsten standen bereit, um Übergriffe seitens der Zeridianer schon im Keim zu ersticken. Taramis meinte den kalten Hauch des Todes zu spüren, der einen hier auf Schritt und Tritt begleitete.

Nachdem die Vollzähligkeit festgestellt worden war, kamen die körperlichen Bedürfnisse zu ihrem Recht. Einige Männer hatten es sehr eilig, die Latrinen aufzusuchen, andere drängten gleich zu den Bottichen der Essensausgabe. Morgens gab es immer Hirsebrei.

»Kraftnahrung für die Grubenschweine«, grunzte Gabbar, während er die fade schmeckende Pampe aus dem Blechnapf in sich hineinschaufelte. Die Sklaven aßen bei jedem Wetter im Freien an langen Eisentischen unter einem verrosteten Schutzdach. Mit verklebten Fingern deutete der Vorarbeiter auf die Schüsseln seiner ihm gegenüber sitzenden Schutzbefohlenen. »Esst schnell und so viel ihr könnt. Den nächsten Fraß gibt es erst nach dem Abendappell.«

Kurze Zeit später schnarrte vom zentralen Wachtturm erneut das Signalhorn herab. Die Gefangenen stellten sich in vier Kolonnen auf, um in die unterschiedlichen Minen auszurücken. Zur einfacheren Unterscheidung hatte jede Abteilung einen Farbennamen. Gabbar führte den blauen Trupp an, dem nun auch Taramis und Marnas angehörten. Der um fast zwei Köpfe kleinere Veridas lief neben dem Hünen.

Eskortiert von Wärtern mit Peitschen, Spießen und Armbrüsten rückten die Gruppen durch das einzige Tor des Lagers aus. Heiße Böen wirbelten unablässig Staub auf. Als die befestigte Anlage zur Hälfte umrundet war, erhob sich aus den Sandwolken ein dunkler Schemen. Er überragte den Steinwall um ein Vielfaches.

Während Mauer und Wachttürme hinter den Arbeitskolonnen zurückblieben, erkannte Taramis weitere Details des schattenhaften Riesen. Überraschenderweise entpuppte er sich als eine Festung mit quadratischem Grundriss und vier runden Türmchen an den Ecken. So wie Halbwüchsige, die scheinbar nur in die Höhe, nicht aber in die Breite schießen, wirkten auch die Proportionen des Gebäudes irgendwie verzerrt. Außen mochte es von Turm zu Turm gerade einmal einhundert Fuß messen. Die Entfernung vom Talboden zur Mauerzinne betrug mindestens das Dreifache. Im Grunde war der ganze Bau ein einziger Burgfried.

Gabbar drehte sich zu seinen beiden Schützlingen um und deutete mit dem Daumen auf das trutzige Geviert. »Der Turm von Zin. General Natsars Quartier, wenn er die Insel der Verdammten mit seiner Anwesenheit beehrt.«

»Er kommt öfter hierher?«, wunderte sich Marnas.

Ehe der Vorarbeiter antworten konnte, peitschten sieben Riemen über seinen Rücken, eine wohldosierte, schmerzhafte Warnung, ohne dass giftiges Blut die zerschlissene Tunika des Zeridianers tränkte. »Das Sprechverbot gilt auch für dich, du hirnloser Klotz«, zischte ein riesenhafter Antisch aus der Eskorte.

Taramis sah, wie Gabbar jäh auf der Stelle verharrte und seine Muskelmassen sich anspannten, hörte, wie Armbrüste in Anschlag gebracht wurden, fürchtete, der Gefährte könnte sich auf den Fischkopf stürzen. Das wäre nicht nur sein Todesurteil, sondern möglicherweise der Auftakt zu einem Massaker unter den Gefangenen.

»Na, komm schon!«, provozierte ihn der Dagonisier. »Zeig mir, dass du Mumm in den Knochen hast. Vielleicht bist du ja stärker als ich.«

Die nachfolgenden Kolonnen gerieten ins Stocken und kamen schließlich ganz zum Stehen. Unruhe entstand. Pfeile und Spieße richteten sich auf murmelnde Sklaven. Peitschen knallten.

Unvermittelt senkte Gabbar den Blick. Seine Muskeln entspannten sich. Wortlos setzte er den Marsch fort.

»Wusste ich doch, dass du genauso ein Feigling bist wie das ganze Zeridianerpack«, verhöhnte ihn der Antisch lauthals. Die Wachleute stimmten ein spöttisches Gelächter an.

Taramis atmete auf. Er bewunderte die Selbstbeherrschung des bärtigen Hünen. Gabbar hätte dem fischköpfigen Hetzer ohne einen Finger zu rühren sämtliche Knochen im Leib brechen können. Aber danach wäre er von Pfeilen der Armbrustschützen gespickt worden.

Kurz nach dem bedrohlichen Vorfall trennten sich die Wege der vier Arbeitskolonnen. Einige Stollen begannen in Sichtweite der kleinen Festung, die Mannschaft des gedemütigten Vorarbeiters folgte dem gewundenen Talverlauf am weitesten hangabwärts. Obwohl der Marsch kaum länger als eine Meile war, spürte Taramis schon bald die Anstrengung in den Gliedern. Die Verletzungen hatten ihn stärker geschwächt, als er sich eingestehen wollte. Aus den Augenwinkeln bemerkte er die lauernden Blicke der Wachen. Wie Hyänen schienen sie nur darauf zu warten, über ihn herzufallen. Um sich vor ihnen keine Blöße zu geben, verschmähte er Marnas’ stützenden Arm und quälte sich aus eigener Kraft durch den Staub.

Der heiße Wind nahm in dem Maße zu, wie die Talwände einander näherrückten. Zuletzt bildeten sie eine enge Schlucht, in die bestenfalls zur Mittagszeit ein Sonnenstrahl drang. Die Schatten milderten etwas die trockene Hitze, an den Staubwolken freilich änderte dies nichts.

Mit einem Mal tauchten aus dem Gewirbel zwei seltsame Eisenbänder auf, die parallel über den Boden verliefen. Hinter der nächsten Biegung standen vier blau bestäubte Wagen auf dem Strang.

»Das ist ein Lorenzug. Damit fahren wir ein«, bemerkte Gabbar leise. Sein reizbarer Bewacher war gerade ein Stück zurückgeblieben.

Taramis hatte nie zuvor ein Schienenfahrzeug gesehen. »Ich sehe keine Zugtiere.«

»Wart’s ab, bis wir die Grubenschweine angespannt haben. Sie verbringen die Nächte in der Mine, weil sie das Sonnenlicht nicht vertragen.«

Die Kolonne kam vor dem Stolleneingang zum Stehen, einer mit Eisenträgern abgestützten trapezförmigen Öffnung in der Felswand. Unter den wachsamen Blicken der Antische beaufsichtigte Gabbar die Ausgabe der Ausrüstung, die in einem Unterstand neben den Gleisen aufbewahrt wurde. Schweigend nahmen die Bergarbeiter Brechstangen, Meißel, Hämmer, Lampen, Staubschutztücher für die Kiemen, lederne Kappen und Hornpantoffeln in Empfang. Letztere unterstrichen das ambivalente Verhältnis der Dagonisier zu ihren Sklaven. Manchmal schien deren Leben ihnen nichts zu bedeuten, dann wieder behandelten sie die Zeridianer geradezu fürsorglich, damit ihre Arbeitskraft erhalten blieb.

Jenseits des Schienenstrangs, gegenüber dem Materiallager, standen drei große, niedrige Käfige. Das darin herrschende Gewusel ließ Taramis vor Abscheu erschaudern.

»Wühler«, bemerkte Gabbar. Bei den Vorbereitungen zur Grubeneinfahrt durfte er ungestraft sprechen. »Ihre Zwinger sind unten mit Eisenplatten verstärkt, damit sie sich nicht in den Boden bohren. In solchen Löchern lauern sie ihrer Beute auf. Seht zu, dass euch so ein Biest niemals mit seinen Saugnäpfen zu fassen bekommt. Falls doch, müsst ihr es sofort töten. Freiwillig lässt es ein Opfer erst wieder los, wenn es nichts mehr aus ihm heraussaugen kann.«

»Und wie bringt man so einen Egel um?«

»Keine Ahnung. Ich kenne niemanden, dem das je gelungen wäre. Sie haben nicht mal Knochen, die man ihnen brechen könnte.«

Taramis war ungeachtet seiner Jugend ein geübter Jäger. Er kannte die verwundbaren Stellen vieler Kreaturen. Tausendfüßige Riesenblutegel gehörten allerdings nicht dazu. Die etwa zehn Fuß langen Tiere glichen flachen Würmern. Die gefleckte Zeichnung ihrer ledrigen Haut wechselte zwischen Tiefbraun, Olivgrün und Schwarz. Augen oder Ohren ließen sich keine ausmachen. Nur wenn ein Egel sich bewegte, sah man die unzähligen Beinchen an der Unterseite des Körpers. Einer richtete sich gerade auf, wodurch das Saugnapfmaul mit dem Zahnkranz sichtbar wurde.

»Das ist für dich«, sagte Gabbar und reichte Taramis eine Brechstange sowie die obligatorische Schutzausrüstung. Marnas bekam neben Kappe, Kiemenschutz und Schuhen einen schweren Hammer und einen langen Meißel in die Hände gedrückt. Dann stiegen sie mit dem Vorarbeiter, Veridas und zwei weiteren Zeridianern in die vordere Lore ein.

»Die Feuermenschen meiden die Schächte«, raunte Gabbar. Seine Miene spiegelte Verachtung wider. »Ist ihnen zu nass, zu schmutzig, zu heiß und zu gefährlich. Meist begnügen sie sich mit der Bewachung des Mineneingangs. Nur alle paar Tage bequemen sich einige zu Kontrollgängen in die Mine hinab. Und ungefähr einmal im Monat gibt es einen Überraschungsbesuch des Dicken.«

»Qoqh?«

Gabbar nickte. »Er nimmt seine Aufgabe sehr ernst.«

»Fürchtet er einen Sklavenaufstand? Hat es je so etwas gegeben?«

»Von Zeit zu Zeit dreht ein Mann durch. Aber das kommt selten vor. Normalerweise vertreibt der Anblick der Wühler vor der Einfahrt jeden Anflug von Aufsässigkeit.«

Inzwischen waren hinter dem Lorenzug die Grubenschweine angespannt worden. Eigentlich hießen die urtümlichen Kiemenatmer Cingulas. Ihren landläufigen Namen verdankten sie mehr der Vorliebe für das Wühlen im feuchten Schmutz von Höhlen und Bergwerken als einer nennenswerten Ähnlichkeit mit Borstenvieh. Nur die Körperabmessungen entsprachen ungefähr jenen großer Hausschweine. Mit ihrem aus beweglichen Ringen bestehendem Panzer, der spitzen Schnauze, den winzigen Augen und beweglichen kleinen Ohren sowie den riesigen Klauen glichen sie eher überdimensionierten Gürteltieren. Ihre Kraft rühmte Gabbar als phänomenal. Für die vier Loren genügten acht Zugtiere.

Sobald die Räder nicht mehr blockiert waren, rollte die erste Fuhre in den Berg ein. Träge trotteten die Cingulas hinterher, wobei ihre krallenbewehrten Füße ein ganz markantes Geräusch erzeugten, eine Mischung aus Stampfen und Kratzen. Die enorme Kraft der Tiere war nur bei sehr steilem Gefälle und auf dem Rückweg gefragt. In jedem Eisenwagen saßen sechs Männer, jeweils einer von ihnen fungierte als Bremser. Insgesamt zwei Mal musste das Gespann in den Berg einfahren, um sämtliche Arbeiter unter Tage zu bringen.

Schon nach wenigen Wagenlängen rutschte Taramis die steife, viel zu große Lederkappe in die Augen. Die Pantoffeln, für die irgendeine Kreatur ihren Panzer oder die Hörner hatte hergeben müssen, kamen ihm wie Eisengewichte vor. Mit einem Paar Stiefel an den Füßen hätte er gut hineingepasst, barfuß würde das Laufen darin fast unmöglich sein. Doch derlei war ohnehin illusorisch. Er wünschte sich nichts sehnlicher als ein bequemes Bett und sieben Tage Schlaf. Ein Wassertropfen fiel ihm auf die Nasenspitze. Dankbar leckte er ihn ab.

Das Tageslicht verlor sich beängstigend schnell. Ohne die Grubenlampen wäre es bald stockfinster gewesen. Hinzu kam eine feuchte Hitze, die zunahm, je tiefer der Zug in den Berg eindrang. Ab und zu hallten die Rufe der Bremser durch den Schacht, wenn sie sich untereinander abstimmten oder dem Gespann Befehle erteilten.

Für Taramis geriet das Gerumpel zur Tortur. Jede größere Erschütterung fühlte sich wie ein neuerlicher Schwertstich an. Als der Lorenzug endlich zum Stillstand kam, war er schweißgebadet. Gabbar drehte sich zu ihm um, schielte an Veridas vorbei und grinste.

»Du siehst grauenhaft aus. Ist alles in Ordnung?«

Taramis zog den Mund schief. »Danke. Mir ging’s schon mal besser.«

»Das bedeutet, er kann uns jeden Moment zusammenklappen«, übersetzte Marnas im Hintergrund. »Gibt es hier einen geeigneten Ort zum Ausruhen?«

Veridas deutete nach rechts. »Da ist ein Seitentunnel, den wir für unsere Ruhepausen benutzen. Er ist einigermaßen trocken, und weiche Erde zum Drauflegen gibt es auch.«

Taramis kam sich erbärmlich vor, als er unter den besorgten Blicken der Männer mit Gabbar und Marnas in den abgelegenen Schacht humpelte. Während er sich ausruhen durfte, würden seine Gefährten bis zum Abend schuften müssen. Auch für ihn! Letztlich entschied die tägliche Pro-Kopf-Ausbeute darüber, ob die Kolonne das Wohlwollen oder den Zorn der Aufseher zu spüren bekam.

Gabbar zeigte ihm den besten Platz, eine mit trockenem Sand gefüllte Mulde. Seine grünen Augen funkelten im Lampenlicht. »Ich kann gut nachfühlen, was in dir vorgeht, Taramis. Vor einem Jahr habe ich selbst an dieser Stelle ein paar Fieberanfälle durchgestanden. Mach dir also keine Gedanken. Jeder hier unten weiß, dass er der Nächste sein könnte, der die Hilfe der anderen in Anspruch nehmen muss.«

»Danke, Gabbar. Du bist ein wahrer Bruder.«

Der Hüne grinste. »Wenn nicht wir Nebelwächter, wer dann? Ich lasse dir eine Grubenlampe hier. Später sehe ich nach dir.« Er entfernte sich in Richtung Hauptschacht.

Marnas wartete noch, bis Taramis es sich bequem gemacht hatte und lächelte ihm aufmunternd zu. »Im Tempel hatte ich dir gesagt, dass du für mich immer wie ein Sohn gewesen bist. Daran hat sich nichts geändert, nachdem deine Mutter von uns gegangen ist. Deshalb spreche ich als Vater zu dir, wenn ich dich anflehe, Gabbars Angebot anzunehmen. Ich werde für uns zwei arbeiten.«

Taramis lächelte schwach. »Danke, Marnas. Irgendwann zahle ich dir alles zurück.«

»Das musst du nicht. Meine Zeit ist abgelaufen, als die Heilige Insel überrannt wurde. Ich bin die Vergangenheit, aber du bist Beriths Zukunft, mein Junge.«

Der Verwesungsgeruch war betäubend. Taramis hob benommen den Kopf und blickte in die leeren Augenhöhlen eines menschlichen Schädels. Sein Herz setzte einen Schlag aus. Er drehte sich rasch vom Bauch auf den Rücken; unter ihm klapperten Knochen. Die Grube! Der Name war passend für ein Massengrab und zugleich eine zynische Untertreibung.

Er kniff die Augen zusammen. Als er sie wieder öffnete, war alles unverändert. Skelette, so weit der Blick reichte. An einigen hingen noch Haut, Fleisch und Sehnen. Kleine Käfer tummelten sich auf ihnen und nagten mit ihren winzigen Scheren die Gebeine blank. Dank ihrem emsigen Treiben sahen die meisten Knochenmänner wie sauber geleckt aus.

Taramis schüttelte den Kopf. Wie war er hierhergekommen? Sein Gedächtnis gaukelte ihm verwirrende Erinnerungen vor. Er meinte, schon einmal an diesem unheimlichen Ort gewesen zu sein, wusste aber nicht, wann oder warum. Gabbar hatte gesagt, die Grube sei ein Ort der Bestrafung. Wer hineinfalle und nicht sofort sterbe, der stille den Hunger der Nager. Er hatte gedacht, der Hüne spräche von Aas fressenden Ratten …

Seine Gedanken stockten, als ihm ein Käfer über die Hand krabbelte. Taramis geriet in Panik. Schreiend schüttelte er ihn ab und versuchte sich aufzurichten. Es gelang ihm nicht. Er klemmte in den Knochen fest. Ein schmerzhaftes Zwicken in der Wange ließ ihn abermals aufbrüllen. Ihm fiel beim besten Willen nicht ein, welchen Vergehens er sich schuldig gemacht hatte, um einen so grausamen Tod …

»Wach auf, Nebelwächter, du träumst nur!«

Schweißgebadet fuhr Taramis aus der Sandmulde hoch und blinzelte verwirrt den Mann an, der sich zu ihm hinabgebeugt und ihn an der Schulter geschüttelt hatte. »Veridas!«

Der Seher hielt ihm lächelnd einen Blechnapf mit klarem Wasser hin. »Immer noch derselbe. Hier, trink.«

Taramis nahm das Gefäß und leerte es mit großen Zügen. »Danke. Es schmeckt köstlich.«

»Bedanke dich bei dem Mosphat. Es reinigt das durch den Fels sickernde Wasser. Die eisenhaltige Brühe aus den Brunnen im Lager kannst du dagegen vergessen. Darf man fragen, was du geträumt hast? Sah aus, als kämpftest du um dein Leben.«

Taramis erzählte von seinen Traumerlebnissen und kam zu dem Schluss: »Gabbars Erwähnung der Grube muss mich tiefer beeindruckt haben, als mir bewusst geworden ist. Schon in der letzten Nacht habe ich sie im Schlaf …« Er schluckte. »Die Dagonisier haben mich wie einen Toten hineingeworfen.«

»Bist du ein Geistseher?«

»Was?«

»Dir dürfte bekannt sein, dass manche von uns Dinge erblicken können, die weit weg oder von dicken Mauern umgeben sind.«

»So was ist mir nie passiert.«

»Dann ist es ein Zeichen.«

»Wie bitte?«

Veridas kniete sich neben Taramis in den Sand, fasste ihn bei den Schultern und blickte ihm sichtlich erregt in die Augen. »Haben die Fischköpfe euch gestern die Grube gezeigt?«

»Nein. Ich weiß nicht einmal, wo sie sich befindet.«

»Dachte ich mir. Nun, wir haben das Lager heute früh auf der linken Seite umrundet. Das Loch liegt jenseits der Wälle, also genau gegenüber, in einer ausgetrockneten Klamm. Deine Beschreibung stimmt bis ins kleinste Detail. Sogar die Käfer gibt es – wir nennen sie Leichenfledderer.«

Taramis blinzelte den Nebelwächter verwirrt an. »Das ist doch unmöglich. Ich bin kein Seher …«

»Bei Gao ist nichts unmöglich«, unterbrach Veridas ihn erneut. »Er hat sich seinen Dienern schon oft in Träumen und Visionen mitgeteilt, auch solchen, die bis dahin nie als Propheten aufgefallen sind. Vielleicht ist die Grube ja wirklich ein Zeichen, das dir den Weg in die Freiheit weist.«

»Verstehe«, schnaubte Taramis. »Um von hier wegzukommen, muss ich erst sterben. So hatte ich mir die Flucht eigentlich nicht …«

»Du musst lernen, die Zeichen richtig zu lesen, junger Freund«, tadelte ihn Veridas. »Das ist es, was wir unseren Schülerinnen und Schülern auf Luxania beibringen. Das Knochenloch ist kein Symbol, sondern Tatsache. Wenn du es in allen Einzelheiten erblickt hast, obwohl du offensichtlich keine entsprechende Geistesgabe besitzt, dann muss höhere Fügung im Spiel sein. Richtig?«

Widerstrebend gab Taramis ihm recht. »Aber in dem Traum war ich ganz allein. Heißt das, mir wird als Einzigem die Flucht gelingen?«

»Nicht unbedingt.« Veridas strich sich versonnen durch den schütteren Bart und murmelte: »Du könntest dazu auserwählt sein, uns zu befreien.«

Taramis musste lachen, wenn auch ohne jede Heiterkeit. »Was denkst du dir? Du kennst die Steinwälle und Wachttürme und all die anderen Sicherheitsmaßnahmen auf Zin doch besser als ich. Ich vermag weder zu fliegen noch durch Wände zu gehen.«

»Und ob du das kannst.«

»Wie bitte?«

Der Seher nahm sein Halsband ab und legte es samt dem kantig spitzen Anhänger neben Taramis in den Sand. Hiernach suchte er sich im Schacht ein Stück Mosphat von der Größe einer Walnuss und kehrte damit zum Tempelwächter zurück. »Strecke deine Linke aus. Halte sie flach über den Sternensplitter.« Er deutete auf den schwarzen Stein am Lederriemen.

Taramis gehorchte. »Das Ding ist ein Meteorit?«

Veridas legte ihm den porösen blauen Stein in die Handfläche und murmelte: »Ich hatte vor vielen Jahren eine Sternschnuppe beobachtet. Sie ist mir direkt vor die Füße gefallen und verbrannte mir die Haut, als ich sie aufzuheben versuchte. Das war kein Zufall, wie ich zunächst dachte.«

»Du meinst, es war … eine Fügung?«

Der Seher nickte. »Ich war erst neun und meinte, Gao habe mich mit keiner einzigen wunderbaren Gabe gesegnet. Durch den Splitter wurde ich eines Besseren belehrt. Gib acht.«

Taramis betrachtete argwöhnisch das blaue Bröckchen in seiner Linken. Würde es gleich schweben?

Seine Gedanken stockten jäh, weil genau das Gegenteil geschah: Es fiel herab. Klickend landete es auf der erstarrten Sternschnuppe, sprang zur Seite und entschwand seinem Blick. Der verharrte nämlich weiter auf seiner Hand, die das Mosphat nicht hatte halten können.

Denn darin befand sich jetzt ein rundes Loch!

Es hatte sich überraschend unter dem blauen Steinchen geöffnet. Fast sein ganzer Handteller war verschwunden. Die Ränder der klaffenden Wunde, in denen eigentlich Knochen und Muskeln zu sehen sein müssten, waren sonderbar verschwommen. Taramis hatte das Gefühl, in wabernden Nebel zu blicken. Merkwürdigerweise spürte er keinen Schmerz.

»Veridas, was tust du …?« Er verstummte überrascht, weil sich das Loch unvermittelt wieder schloss.

Der Seher schmunzelte. »Was hast du gesagt? Du könntest nicht durch Wände gehen? Wie du siehst, ist das nicht wahr.«

Taramis drehte und wendete seine Hand, öffnete und schloss sie und schüttelte den Kopf. »Sie ist wieder völlig geheilt.«

»Ihr hat nie etwas gefehlt.«

»Ha! Und wie konnte dann der Stein hindurchfallen?«

»Keine Ahnung. Aber kannst du mir erklären, wie deine Augen und Ohren funktionieren? Vermutlich auch nicht. Trotzdem leidest du weder an Blindheit noch an Taubheit.«

»Ich hatte tatsächlich keinen Moment das Gefühl … unvollständig zu sein.«

»Meine Vermutung ist, dass es neben der Höhe, Breite und Tiefe weitere Ausdehnungen gibt, die unserer Wahrnehmung normalerweise verborgen bleiben. Eine davon könnte die Zeit sein, die etwas aus dem Hier und Jetzt entrücken kann.«

»Willst du damit andeuten, meine Hand sei in der Zukunft oder der Vergangenheit gewesen?«

»Vielleicht. Nenne es, wie du willst. Meinetwegen war sie auch im Drüben, im Jenseits oder im Nebenan. Ich stelle es mir wie eine Tür vor, die ich öffne. Selbst wenn sie dadurch vor deinen Augen verschwindet, hängt sie immer noch in den Angeln. Deswegen hast du keinen Schmerz gefühlt. Tatsache ist, ich weiß nicht genau, was da passiert.«

»Bist du imstande, eine Bresche in den Lagerwall zu schlagen, sodass wir fliehen könnten?«

Veridas hob sein Halsband auf und streifte es sich wieder über den Kopf. »Bresche ist vielleicht nicht das richtige Wort. Wenn jemand auf der anderen Seite der Mauer meinen Sternensplitter deponiert, bekäme ich ein Loch zum Durchschlüpfen hin. Allerdings nicht sehr lange. Je größer es ist, desto mehr Kraft muss ich aufwenden, um es offen zu halten.«

»Für wie viele Männer würde das reichen?«

Der Seher hob die Schultern. »Schwer zu sagen. Mit dem Versetzen verhält es sich genauso wie mit einer anderen körperlichen Anstrengung. Angenommen, ich müsste mich mehrmals an einer Querstange hochziehen – bei meiner Konstitution bekomme ich drei oder vier Klimmzüge hin, dann hänge ich herab wie ein nasser Sack.«

»Das kann ich mir gut vorstellen.«

»Übertreib es nicht, junger Freund. Ich möchte deine Erwartungen nur nicht zu sehr beflügeln. Es mag sein, dass ich zwölf Männer durch die Mauer bekäme, vielleicht auch fünfzehn, aber danach bräuchte ich eine Verschnaufpause.«

Taramis blickte gedankenvoll ins Dunkel jenseits des Scheins der Grubenlampe. »Warum habt ihr nie versucht zu fliehen? Mit deiner Begabung …«

»Mit meiner Begabung«, unterbrach Veridas ihn, »hätte ich bestenfalls ein Dutzend Männer in den Tod geschickt. Die Insel der Verdammten ist ein lebensfeindlicher Ort. Staub und Hitze gibt es im Überfluss, an Wasser und Essbarem dagegen herrscht Mangel. Ohne Tiere, die uns von hier wegbringen könnten, käme jeder Fluchtversuch einem Selbstmord gleich. Gegen die Dagonisier und ihre Wühler sind wir machtlos.«

»Vielleicht irrst du dich«, murmelte Taramis. »Gib mir etwas Zeit zum Nachdenken. Meine Träume und dein Sternensplitter – das waren womöglich wirklich Zeichen. Lass mich herausfinden, wie man sie richtig liest.«

Der Plan

Das ist Wahnsinn«, dröhnte Gabbar, und er schien es wörtlich zu meinen.

»Klingt wie eine ziemlich bizarre Methode, Selbstmord zu begehen«, pflichtete ihm Masor unaufgeregt bei. Der junge Krieger mit den olivfarbenen Mandelaugen und auffallend langen blauschwarzen Haaren war ebenfalls ein Nebelwächter.

Taramis hatte mit solchen Reaktionen gerechnet. Wäre er denn begeistert gewesen, wenn ihm jemand einen so gewagten Fluchtplan unterbreitet hätte? Ganz bestimmt nicht. Eigentlich handelte es sich auch nicht um einen richtigen Plan, sondern eher um eine Skizze. Er hatte sie aus den im Tagesverlauf zusammengetragenen Gedankenschnipseln erstellt und sie vorerst nur fünf Gefährten anvertraut. Zwei von ihnen gehörten der Tempelgarde an und verdankten ihre Berufung in den konspirativen Kreis der Empfehlung des Hüters von Jâr’en.

Bei Masor hatte Taramis damit auch keine Probleme. Beide bekleideten den Rang eines Hauptmanns, waren gleichaltrig und hatten einander mehr als einmal bewiesen, dass man sich aufeinander verlassen konnte. Der sechseinhalb Fuß große Krieger von der Atollinsel Zeremin gehörte dem verarmten Zweig eines alten Geschlechts von Stammesfürsten an. Die edle Herkunft fand ihren Widerhall in einer altersuntypischen Gelassenheit und würdevollen Ausstrahlung. Masor war von athletischer Statur, ohne ein Jota Fett zu viel auf den Rippen. Das kantige Gesicht zierte eine Adlernase, die seiner aristokratischen Erscheinung etwas Verwegenes verlieh. Bei den weiblichen Bewohnern der Heiligen Insel genoss er den Ruf eines Herzensbrechers. Allein durch Willenskraft vermochte er aus Nebel Regen zu machen und umgekehrt. Seine bevorzugten Waffen waren der Langbogen und der Beidhänder, in deren meisterhaftem Gebrauch sich nur Taramis mit ihm messen konnte.

Der war einigermaßen überrascht, auch Pyron in der Sechserrunde zu sehen, da dessen vorlautes Mundwerk tags zuvor ja einem Kameraden das Leben gekostet hatte. Der Hitzkopf war nicht einmal Manns genug gewesen, für seinen folgenschweren Ausrutscher selbst einzustehen. Marnas vertraute ihm trotzdem. Im Kampf habe Pyron sich schon mehrmals bewährt, erklärte der Hüter. Er könne es mit zwei Dutzend Gegnern gleichzeitig aufnehmen. Und er verfüge über viele gute Eigenschaften. Dazu gehöre auch das Eingeständnis der eigenen Schwächen. Er habe seinen Mangel an Selbstbeherrschung bitter bereut und um eine Gelegenheit zur Wiedergutmachung gefleht. »Unter großem Druck macht man manchmal große Fehler, Taramis. Wichtig ist, was wir daraus lernen. Kannst du Pyron guten Gewissens eine zweite Chance verwehren?«

Die Frage hatte Taramis beschämt. Anstatt beim Überfall auf Jâr’en in die Schlacht einzugreifen, war er zum Haus des Hohepriesters weitergeflogen. Er hatte wegen persönlicher Gefühle seine Pflicht verletzt. Trotzdem war deswegen kein anklagendes Wort über Marnas’ Lippen gekommen. Der Hüter verstand, dass die Liebe zu Xydia seinem besten Krieger keine andere Möglichkeit gelassen hatte. Die Vorwürfe machte Taramis sich selbst. Wie viele Kameraden könnten noch leben, wenn er sich früher zum Kampf entschieden hätte? »Eine zweite Chance verdient wohl jeder«, hatte er deshalb geantwortet und seinen Einspruch gegen die Berufung von Pyron zurückgezogen.

Beim Nachtmahl war das Sprechverbot aufgehoben, was die Abstimmung zwischen Taramis, Marnas, Gabbar, Veridas, Masor und Pyron ungemein erleichterte. Sie saßen an einem der langen Eisentafeln im offenen Speisesaal und gaben sich so natürlich, wie es für Sklaven in ihrer Lage angemessen erschien: kein Raunen, kein verschwörerisches Über-den-Tisch-beugen, nur ungezwungenes Plaudern. Gabbar lachte sogar hin und wieder an völlig unpassenden Stellen der Unterhaltung, damit der Schein gewahrt wurde. Um sie herum redeten Hunderte anderer Bergarbeiter. Am Rand des überdachten Bereiches langweilten sich die dagonisischen Wärter.

»Was hältst du von meinen Überlegungen?«, fragte Taramis seinen Lehrer. Lustlos fischte er ein Stück lilafarbenes Gemüse aus der blassbraunen Brühe in seinem Blechnapf.

»Etwas unausgegoren«, antwortete der Hüter kauend von der anderen Seite des Tisches.

»Das ist mir klar. Eine Frage, Meister …«

»Marnas. Über den Meister sind wir längst hinaus.«

Taramis nickte. Nach den Strapazen des Tages fiel es ihm schwer, sich zu konzentrieren. Er konnte kaum noch die unvermindert heftigen Schmerzen in der Seite vor den Wärtern verbergen, geschweige denn einen klaren Gedanken fassen. Sein Schädel brummte, als habe sich darin ein Wespenschwarm häuslich eingerichtet. »Du hast mich auf der Drachenkröte vor dem Sturz ins Meer bewahrt«, setzte er ein zweites Mal an. »Wie groß ist diese Kraft?«

»Das Fernwirken? Stärker als meine Muskelkraft. Worauf willst du hinaus, Taramis?«

»Kannst du damit fliegen?«

Marnas lachte, diesmal wohl nicht allein zur Beruhigung der Wärter. »Du machst dir völlig falsche Vorstellungen. Kein Wunder, ich konnte dich ja nie davon überzeugen, deine mentalen Fähigkeiten zu entwickeln. Weißt du noch, wie du als Dreikäsehoch mit einem Männlein gespielt hast?«

Masor und Gabbar grinsten.

Taramis errötete. Das Spielen mit Puppen galt als unmännlich. Zu seiner Ehrenrettung sagte er: »Mein hölzerner Krieger stellte dich dar, Marnas, den Hüter von Jâr’en. Ich habe dich bewundert.«

»Und mich auf einer prall gefüllten Schweineblase tanzen lassen.«

»Die stellte unsere Scholle dar.«

»Wie auch immer. Ist es dir je gelungen, das Männlein auf die Blase zu stellen?«

»Kaum. Sie hätte sich darunter weggedreht und die Figur wäre hinuntergestürzt.«

»Was, glaubst du, wäre passiert, wenn du sie auf deine Insel hättest herabfallen lassen?«

Taramis zuckte die Achseln. »Die Blase hätte den Sturz abgefangen.«

»Und dein hölzerner Marnas wäre in federndem Sprung wieder in den Äther katapultiert worden.«

»Was willst du mir erklären?«

»Ich möchte dir eine Vorstellung davon vermitteln, was mein Fernwirken kann und was nicht. Damit zu fliegen, käme dem Tanz auf der Schweineblase gleich – es ist so gut wie unmöglich. Aber einen Fall aus größerer Höhe abzufangen und dann mehr oder weniger elegant zu Boden zu gleiten, das gelänge schon. Nur …«

Taramis hob erwartungsvoll die Augenbrauen. »Was?«

»Vermutlich denkst du daran, wie du auf Zeridia deinen Stab Ez unter dem Fuß des Wolfsdrachen losreißen wolltest.«

»Bin ich etwa kein Fernwirker?«

»Doch. Der erbärmlichste, der mir je untergekommen ist.«

Nun mussten sogar Veridas und Pyron schmunzeln.

»Hast du vorhin nicht gesagt, dass man manchmal große Fehler macht? Wichtig sei nur, was wir daraus lernen?«

»In einem etwas anderen Zusammenhang, Taramis.«

Er straffte den Rücken. »Könntest du mir helfen, meine mentalen Fähigkeiten zu vervollkommnen?«

»Ohne Frage. In dir schlummert ein mächtiger Geist. Hättest du dein Potenzial nicht verkümmern lassen, wärst du längst …«

»Wirst du es mich lehren?«, unterbrach Taramis den Hüter. Er war erregt, und den besorgten Mienen der Gefährten nach zu schließen, sah man ihm das auch an.

Marnas atmete geräuschvoll aus. »Das werde ich, und ich bin sicher, du wirst mich eines Tages überflügeln, sofern du lange genug an dir arbeitest. Aber dazu sind Zeit und Ausdauer nötig. Momentan hast du weder das eine noch das andere. Du bist geschwächt und musst dich ausruhen.«

»Mein Wille ist ungebrochen. Ich kann mich erholen und gleichzeitig üben.«

»Die Grube ist nur eine der Ungereimtheiten in deinem Plan«, meldete sich Gabbar zu Wort. Er war gerade damit beschäftigt, eine Graupe einzufangen, die sich im Dickicht seines Vollbartes verirrt hatte. »Du hast von einem Dutzend Männer gesprochen, die du mitnehmen möchtest. Das ist vernünftig, denn die Flucht muss unauffällig vonstattengehen. Jeder offene Kampf mit den Feuermenschen wäre das Ende – sie sind einfach zu stark.«

»Ich will unsere Brüder hier nicht im Stich lassen. Wir kommen mit einer großen Streitmacht zurück und werden sie befreien.«

»Ich bleibe im Lager und bereite sie darauf vor«, verkündete der Hüter von Jâr’en.

Taramis erschrak. Er liebte diesen Mann wie einen Vater. Ihn zurückzulassen kam für ihn nicht infrage. Er schüttelte den Kopf. »Dein Großmut ehrt dich, Marnas, aber ich kann nicht auf dich verzichten. Ohne richtige Waffen könntest du hier wenig ausrichten. Wenn ich zurückkehre, brauche ich an meiner Seite einen so erfahrenen Anführer und Strategen wie dich.«

Masor nickte. »Da muss ich ihm zustimmen.«

»Dürfte ich auch mal aussprechen?«, beschwerte sich Gabbar.

Alle sahen ihn verdutzt an.

Er schnaufte. »Angenommen, wir entkommen aus dem Lager, wie verlassen wir dann die Insel? Die Dagonisier schicken alle Transporttiere sofort wieder in den Äther hinaus, sobald sie ihre Last abgeladen haben.«

»Keine Sorge, ich beschaffe uns eine Drachenkröte oder eine Ätherschlange«, erklärte Taramis selbstbewusst.

»Und wie? Kannst du jetzt doch fliegen?«

Er verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. »In gewisser Weise.«

»Hast du bedacht, dass die Biester nur ihren Reitern gehorchen?«

»Trifft das auch auf die Ätherschlangen zu?«

»Die sind sogar noch heikler. So eine Kröte rührt sich einfach nicht vom Fleck, wenn sie dich nicht kennt. Näherst du dich aber einem reiterlosen Drachenwurm, beißt er dir sofort den Kopf ab.«

Im Sinn strich Taramis einen Teil seiner Fluchtplanskizze durch und sagte trotzig: »Dann schnappen wir uns eben einen der Schlangenbändiger.«

Gabbar verdrehte die Augen. »Taramis, wir sollen dir unser Leben anvertrauen, und du kommst mit lauter – wie hat Marnas es ausgedrückt? – unausgegorenen Ideen?«

»Deshalb rede ich ja mit euch darüber. Kein Gefangener kennt sich hier so gut aus wie du. Eigentlich hatte ich gehofft, du könntest mir …«

»Du da!«, unterbrach die heiser kehlige Stimme eines Dagonisiers das Gespräch.

Wie Dutzende anderer wandte sich auch Taramis dem Ende der Tischreihe zu, von wo der Ruf gekommen war. Ein Antisch ohne Peitsche und Spieß – ein Anführer also – starrte ihn aus großen Augen an. »Meint Ihr mich, Herr?«, fragte Taramis.

»Ja. Komm zu mir. Sofort!«

Die Gefährten wechselten besorgte Blicke. Hatte ein Denunziant sie belauscht und bei den Dagonisiern angeschwärzt?

»Tu, was er sagt und sprich nur, wenn er es verlangt«, raunte Gabbar.

Taramis stemmte sich von der Bank hoch und humpelte zu dem Antisch. Als er aus den Tischreihen heraustrat, hielt er unterwürfig den Kopf gesenkt.

»Komm mit!«, sagte der Hauptmann.

»Wohin?« Die Frage war heraus, ehe ihm Gabbars Warnung einfiel.

Der Fischkopf blitzte ihn zornig an. Es sah aus, als wolle er zum Schwert greifen und den dreisten Sklaven auf der Stelle erschlagen. »Ins Haus des Generals«, antwortete er stattdessen. »Natsar möchte mit dir reden.«

Untergang oder Erhebung

Die Sonne war schon lange untergegangen, als sie endlich den Turm von Zin erreichten. Im unruhigen Licht der Fackeln wirkte der Burgfried so unheimlich wie ein versteinerter Riese. Taramis konnte sich kaum auf den Beinen halten. Die Dagonisier, die ihn eskortierten, hatten ein mörderisches Tempo angeschlagen. Seine Wunde schmerzte, der Kopf drohte ihm zu explodieren. Nur sein Wille hielt ihn noch aufrecht. Er durfte nicht schlappmachen. Die Grube musste warten.

»Halt! Wer da?«, hallte eine Stimme durch die Nacht.

Taramis hob die Augen. Zwei Posten blickten von der Zinne des rechten Turms zu ihnen herab. Einer hatte eine Armbrust im Anschlag.

»Luth«, antwortete der Hauptmann, der ihn vom Essen weggeholt hatte. »Wir bringen den Gefangenen zum Verhör. Der Wachhabende muss Euch informiert haben.«

»Ihr könnt passieren. Sagt dem Kameraden an der Pforte Bescheid.«

Luth meldete den Besucher einem Wächter, dessen hässliches Fischgesicht eine Luke in der eisernen Tür ausfüllte. Kurz darauf rasselten Ketten und das Tor glitt auf Schienen seitwärts in die Mauer hinein.

Taramis bekam einen Stoß. Er stolperte in einen winzigen Innenhof, gerade groß genug, um einen Wagen wenden zu lassen. Auf die Soldaten mochte der wankende Zeridianer schwach wirken, doch seine Sinne atmeten die Umgebung, so als befände er sich wieder im Regenwald auf der Jagd nach dem Phantom.

Seine nackten Füße überquerten ein raues Steinpflaster. Vor ihm erhob sich ein himmelstürmendes Bauwerk aus grob behauenen Steinen. Wie die ganze Festung war es mehr ein Turm als ein Haus oder Palast.

Über einige Stufen gelangte er in das Gebäude. Das untere Geschoss bildete eine Wachstube, in der sechs Feuermenschen an Tischen saßen. Die meisten waren mit der Pflege ihrer Schwerter beschäftigt. Sie begrüßten Taramis mit mürrischen Blicken. Nach einem kurzen, für ihn weitgehend unverständlichen Wortwechsel im dagonisischen Dialekt erhoben sich vier Soldaten und übernahmen den Sklaven. Einer eilte los, um dem Herrn des Hauses die Ankunft des Besuchers anzukündigen. Bange blickte Taramis die steile Treppe hinauf, die den Weg in die oberen Stockwerke wies. Sie kam ihm wie eine senkrechte Wand vor. Er fühlte sich außerstande, sie zu erklimmen.

Ein derber Stoß in den Rücken erinnerte ihn daran, dass derlei Bedenken auf Zin irrelevant waren. Stolpernd überwand er die ersten Stufen, bis er sich gefangen hatte und sich ächzend weiterkämpfte.

Im nächsten Geschoss standen nur eine Bank und ein paar Stühle. Es handelte sich augenscheinlich um ein Wartezimmer für Gäste. Taramis wurde nicht die Gnade gewährt, sich auf den eisernen Möbeln auszuruhen. Obwohl ihm so schwindelig war, dass er wie ein Betrunkener wankte, schubsten ihn die Wachen weiter die Treppe hinauf. Es folgten ein Empfangsraum, eine Kammer mit Esstisch und Zinngeschirr in den Wandregalen sowie ein Gemach für einen Adjutanten, Diener oder Leibwächter.

»Keine Müdigkeit vorschützen«, knurrte der Wachmann.

Taramis bekam einen neuerlichen Stoß in den Rücken und fiel der Länge nach auf die Stufen, die zur sechsten Ebene des Turmhauses führten.

»Aufstehen! Schlafen kannst du später«, blaffte es hinter ihm.

Er schloss die Augen, seine Kiefer malmten. Rühr mich noch einmal an!, dachte er. Ich bohr dir die Glubschaugen aus dem Kopf, egal, was ihr danach mit mir anstellt. Wie zur Antwort hallte Marnas’ Stimme aus der Erinnerung herauf: Du bist Beriths Zukunft, mein Junge … Nein, er durfte sich nicht aufgeben. Er hatte kein Recht dazu. Ein Nebelwächter diente dem Wohl aller und nicht irgendwelchen kleinlichen Rachegelüsten.

Mühevoll stemmte er sich hoch und heftete den Blick auf die rauen Stufen der Treppe. Er sah sie nur verschwommen. Keuchend quälte er sich weiter hinauf. Jeder Schritt fiel ihm schwerer. Nach vieren begann sich alles um ihn herum zu drehen, für den fünften brauchte er seine ganze Kraft und beim sechsten brach er zusammen. Die Drohungen der wütenden Wachen verhallten, so schien es, in einem tiefen Schlund. Es war ihm einerlei. Sein Bewusstsein machte sich auf und davon.

Natsars Barteln zitterten. Er schäumte. Sein Zorn galt nicht dem besinnungslosen Zeridianer, er richtete sich gegen die Männer, die den Schwerverletzten ohne Sinn und Verstand in die Ohnmacht getrieben hatten. »Hatte ich Euch nicht ausdrücklich angewiesen, auf die Verfassung des Tempelwächters Rücksicht zu nehmen, Ulath?«, fuhr er den Kommandanten der Leibgarde an.

»Ich habe ihn erst in der Wachstube in Empfang …«

»Ihr hättet die Eskorte besser instruieren müssen«, schnitt ihm der Befehlshaber barsch das Wort ab. »Mag sein, dass ihr Krieger nur Verachtung für die Amphibienmenschen empfindet, aber vom Überleben dieses einen kann der Erfolg unserer ganzen Sache abhängen. Lasst einen Wagen kommen, der ihn später zurückbringt. Und jetzt geht mir aus den Augen, oder ich vergesse mich.«

Der muskulöse Hauptmann verbeugte sich tief und gab seinen drei Kameraden per Fingerzeig das Kommando zum Rückzug.

»Aber bleibt in der Nähe!«, fügte sein Herr hinzu. »Ich traue diesem Zeridianer nicht.«

»Wie Ihr befiehlt.« Ulath neigte das Haupt und scheuchte seine Männer die Treppe hinab.

Dem Befehlshaber der dagonisischen Armee sträubte sich der Stachelkragen, so sehr erzürnte ihn die Ignoranz der Soldaten. Er strafte sie mit Nichtachtung und ließ den Blick demonstrativ durch das Arbeitszimmer schweifen, bis sie sich entfernt hatten.

Für eine so bedeutende Persönlichkeit wie ihn war das Gemach geradezu spartanisch eingerichtet. Es maß wie alle Räume des Wohnturmes exakt sechzehn Fuß im Quadrat. Der einzige Luxus, den er sich gönnte, war die hölzerne Einrichtung und ein bequemer Diwan mit Nackenlehne – Ulath hatte den Gefangenen darauf abgeladen. Das übrige Mobiliar bestand aus einem grob gezimmerten Arbeitstisch, vier ungepolsterten Stühlen, zwei Holztruhen und einem Regal, in dem sich Bücher, Karten und allerlei Dokumentenrollen stapelten. Der Boden war mit rauen Steinplatten ausgelegt.

Ende der Leseprobe aus 412 Seiten

Ralf Isau

Über Ralf Isau

Biografie

Ralf Isau, geboren 1956 in Berlin, arbeitete lange als Informatiker. In seinen Büchern entwirft der mehrfach preisgekrönte Autor detailreiche Welten und gilt als großer Erzähler phantastischer Literatur. Seine Romane werden in 14 Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien bei Piper die Fantasy-Saga »Die...

Pressestimmen

Wochen-Kurier Heidelberg

»Mit seiner actionreichen Saga um die faszinierende Welt Berith widmet sich der bekannte deutsche Fantasy-Autor Ralf Isau endlich wieder der High-Fantasy.«

phantastik-journal.ch

»Ein Roman den man in der Tat am liebsten erst aus der Hand legen würde, wenn man ihn voll und ganz verschlungen hat.«

Tirolerin

»Ralf Isau erzeugt mit seinem aktuellen Roman die perfekte Mischung aus Magie, Abenteuer und Spannung.«

Bibliotheka Phantastika

Ralf Isau gehört in die erste Liga der deutschen Autoren im Phantastik-Genre.

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