Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Die Zerbrechlichkeit der Liebe

Die Zerbrechlichkeit der Liebe

Roman

E-Book
€ 7,99
€ 7,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Die Zerbrechlichkeit der Liebe — Inhalt

Alberto führt ein glückliches Familienleben, bis er eines Tages seiner ersten großen Liebe wiederbegegnet. Camille hatte ihn damals verlassen, um in Paris Karriere als Ballerina zu machen. Jetzt, 18 Jahre später, steht sie wieder vor ihm, und Alberto ist machtlos gegen die lange verdrängten Gefühle. Was soll er tun? Mit Camille ein neues Leben beginnen? Oder bei seiner Frau und seinen beiden Kindern bleiben, von denen ihn der stumm geborene Matteo ganz besonders braucht. Das Drama nimmt seinen Lauf, als ihn seine 14-jährige Tochter Alice auf der Straße trifft – in den Armen Camilles ...

€ 7,99 [D], € 7,99 [A]
Erschienen am 15.09.2014
Übersetzt von: Christiane Burkhardt
240 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96758-7

Leseprobe zu »Die Zerbrechlichkeit der Liebe«

HAUPTSACHE, DIE NERVEN BEHALTEN!

 

Als ich von deiner Existenz erfuhr, traf mich fast der Schlag. Ich hatte nicht die geringste Lust auf einen Neuankömmling in der Familie. Mama, Papa und ich verstanden uns prächtig. An besagtem Abend goss es in Strömen, und der Donner hatte etwas Bedrohliches. Am liebsten hätte ich Mama gesagt, dass es keine gute Idee ist, dich in dieser Nacht zur Welt zu bringen. Aber sie war viel zu aufgeregt, und sie tat wie immer so, als wäre alles bestens. Obwohl sie schreckliche Schmerzen hatte, kümmerte sie sich darum, dass ich [...]

weiterlesen

HAUPTSACHE, DIE NERVEN BEHALTEN!

 

Als ich von deiner Existenz erfuhr, traf mich fast der Schlag. Ich hatte nicht die geringste Lust auf einen Neuankömmling in der Familie. Mama, Papa und ich verstanden uns prächtig. An besagtem Abend goss es in Strömen, und der Donner hatte etwas Bedrohliches. Am liebsten hätte ich Mama gesagt, dass es keine gute Idee ist, dich in dieser Nacht zur Welt zu bringen. Aber sie war viel zu aufgeregt, und sie tat wie immer so, als wäre alles bestens. Obwohl sie schreckliche Schmerzen hatte, kümmerte sie sich darum, dass ich nicht allein war und sie nicht schreien hörte.

Dann kamst du, und ich weiß noch, wie friedlich du in ­ihren Armen geschlafen hast, als ich das Krankenhauszimmer betrat – ganz so, als gehörte sie nur dir. So schnell würde ich dich wohl nicht wieder los. Sie drückte dich fest an sich. Unsicher blieb ich vor dem Bett stehen und starrte dich an, bis Mama die Hand nach mir ausstreckte und mich an sich zog.

»Ali, das ist Matteo, dein Bruder. Du wirst eine wichtige Rolle in seinem Leben spielen.« Während Papa Hunderte von Fotos machte, legte ich den Kopf auf ihren Arm, direkt neben dich. Ich glaube, damals hat alles angefangen. Wie in den schönsten Märchen mit einem schlichten »Es war einmal …«.

Alle fanden dich wunderschön. Mama lobte dich, weil du so brav warst und sie fast sieben Stunden am Stück hast schlafen lassen und in regelmäßigen Abständen getrunken hast. Ich war nicht beeindruckt, schließlich tat ich das schon seit acht Jahren, und niemand machte sich die Mühe, mich dafür zu loben. Freunde, Verwandte und Nachbarn pilgerten zu uns nach Hause, um dich kennenzulernen. Eines Abends lud Papa sogar all seine Kollegen ein, auch die legendäre Greta, seine Sekretärin – eine Frau, die etwa in Papas Alter sein musste und längst nicht so hässlich war, wie er immer behauptete. Ich glaube, Mama entging das ebenso wenig, aber genau wie ich sagte sie nichts dazu. So war Papa nun mal: ein sympathischer Charmeur.

Einige Monate später wurde alles anders. Mama war gereizt und weinte oft, während Papa irgendwie verloren wirkte. Auf einmal kam dich niemand mehr besuchen, und gelobt wurdest du auch nicht mehr. Sie gingen seltsam mit dir um und verglichen dich ständig mit anderen Kindern. Auf mich hast du gewirkt wie immer. Deshalb trat ich eines Abends an deine Wiege und begann, dich näher zu untersuchen. Ich suchte nach einer Fehlbildung. Ich zog dich mehr oder weniger aus und sah auch zwischen den Zehen, im Nacken und unter den Achseln nach, konnte aber nichts Auffälliges entdecken. Ich weiß noch, dass du mich dabei angesehen und gelacht hast – vielleicht weil ich dich gekitzelt hatte. Sofort rannte ich in die Küche zu meinen Eltern und sagte: »Ich habe ihn genau untersucht, mit Matteo ist alles in Ordnung. Außerdem lacht er immer, deshalb gefällt er mir besser als der kleine Bruder meines Schulfreunds, denn der schreit ständig. Warum nehmen wir ihn nicht einfach, wie er ist?«

Mamas Augen füllten sich mit Tränen, und sie umarmte mich stumm, während Papa mir erklärte, das Problem befinde sich in deinen Ohren. Trotzdem würdest du ein gutes Leben haben, aber ich müsse immer in deiner Nähe bleiben und dich beschützen. Und ich habe ihm geglaubt.

Als du größer wurdest, gingst du fast jeden Nachmittag zur Logopädin. Eines Tages musste ich auch mit, weil Oma nicht auf mich aufpassen konnte und Papa bei der Arbeit war.

Mama kaufte mir ein Malbuch und sagte, deine Sitzung würde länger dauern. In dem Zimmer war es still, bis auf die Stimme der Logopädin Iris, die dir die immer gleiche Frage stellte.

»Also, Matteo, schau dir diese Zeichnung gut an. Du siehst fünf Vögel auf einem Zweig. Wenn einer wegfliegt, wie viele Vögel bleiben dann übrig?«

Vier, dachte ich. Es war ganz leicht, aber du hast nicht reagiert.

»Matteo, du siehst fünf Vögel auf einem Zweig. Wenn ­einer wegfliegt, wie viele Vögel bleiben dann übrig?«

Keine Antwort. Mama erstarrte, denn Iris’ Stimme wurde schneidend, als wollte sie dich beschimpfen.

»Warum antwortet Matteo nicht?«, fragte ich und schaute von meiner Zeichnung auf, als du, unschuldig wie ein kleiner Spatz, sagtest: »Aber warum fliegt er weg?«

Iris schrie dich an: »Ich habe dich nicht gefragt, warum er wegfliegt, sondern wie viele übrig bleiben, Matteo!«

Mama hielt die Luft an und sagte dann mit bebender Stimme: »Warum schreien Sie ihn so an? Matteo hat doch nur eine Frage gestellt!«

Und genau dort, in dem kleinen Zimmer mit den bunt zusammengewürfelten Stühlen, ging Mama vor mir auf die Knie, trocknete ihre Tränen und sagte: »Alice, egal, was ­passiert, du wirst ihm immer helfen! Versprichst du mir das?«

Ich nickte und strich ihr über die Wange.

Noch heute, wenn ich es wieder mal nicht schaffe, mehr als ein paar Tage von dir getrennt zu sein, sage ich automa­tisch, dass die Vögel an allem schuld sind – das bringt Mama zum Lachen.

Es kommt nicht darauf an, was geschieht, sondern wie man damit umgeht. Es kann einem dabei helfen, erwachsen zu wer­den. Denn zu einer wirklich sicheren Erkenntnis gelangt man erst durch einen schweren Fehler, einen Patzer oder eine schmerzhafte Erfahrung.

An dieser Geschichte möchte ich nur eines korrigieren: Du bist derjenige, der eine sehr wichtige Rolle in meinem Leben gespielt hat und immer noch spielt.

 

 

ERSTE REGEL:
SCHÜTZE DEINEN KÖNIG!

1.

Ordnung machen – das bringt man uns bei. Erst die Spiel­sachen, dann unser Zimmer. Erst außen, dann innen.

Wir schreiben Zahlen in Spalten, damit die Rechnung aufgeht, achten strikt darauf, den Schreibtisch aufzuräumen, und sortieren Strümpfe zwanghaft nach Farben. Wir bringen Be­lege in Ordnung, Verträge, den Motor, wenn er zu laut dröhnt. Wir rücken die Waschmaschine zurecht sowie die Köpfe unverschämter Rechthaber. Und zwar, weil wir es gelernt haben. Es steckt in uns drin, wir können es einfach nicht lassen. Aber wenn es um unser eigenes Leben geht, regiert das Chaos. Denn Ordnung zu machen bedeutet immer auch, eine innere Logik zu erkennen, eine Wahl zu treffen – sprich, sich von etwas zu trennen. Oder von jemandem.

»Alberto, Alice ist verschwunden!« Sandras Stimme dröhnte in meinem Kopf.

»Wie bitte?«

»Sie war nicht beim Tennis, und ihr Handy ist aus.«

»Beruhige dich! Bestimmt hat sie das Training vergessen. Du weißt doch, dass es ihr keinen Spaß macht. Wahrscheinlich hatte sie einfach keine Lust. Du wirst schon sehen, heute Abend hat sie mit Sicherheit eine Erklärung dafür.«

»Was redest du denn da? Wenn es so einfach wäre, hätte ich dich doch nicht angerufen. Alice ist verschwunden, und ich habe Angst, dass ihr etwas zugestoßen ist!«

Und ob ihr etwas zugestoßen ist!, hätte ich am liebsten gesagt.

»Hast du ihre Freundinnen angerufen?«, fragte ich und versuchte, auf sie einzugehen, um keinen Verdacht zu erregen.

Wenn Alice verschwunden war, ohne etwas zu sagen, ­hatte ich vielleicht noch die Chance, mich aus der Affäre zu ­ziehen: Vielleicht konnte ich sie überzeugen, dass das Ganze nur ein Missverständnis war oder zumindest nichts von Bedeutung. Sie war schließlich kein Kind mehr, sondern eine Frau, und so sind Frauen nun mal: Nichts lieben sie mehr als das Schuldeingeständnis eines reuigen Mistkerls.

»Natürlich habe ich sie angerufen. Seit Schulschluss hat niemand mehr was von ihr gehört. Ich werde die Polizei benachrichtigen.«

»Die Polizei? Ist das nicht etwas voreilig? Es gibt bestimmt eine ganz harmlose Erklärung dafür, wahrscheinlich will sie bloß ein bisschen allein sein.«

»Alberto, sie ist erst sechzehn! Was ist nur in dich gefahren? Vielleicht hatte sie einen Unfall oder wurde entführt! Wie kannst du, nach allem, was man in den Nachrichten sieht, so ruhig bleiben?«

»Hör zu, ich komm gleich nach Hause. Aber bitte beruhige dich doch und überleg noch mal, wo sie sein könnte. Wenn sie bis zu meiner Rückkehr nach wie vor nicht da ist, können wir immer noch die Polizei benachrichtigen.«

»Einverstanden.«

Ich wusste, dass sie gleich nach dem Auflegen anfangen würde zu weinen.

Folgendes war passiert:

Camilla und ich schlossen das Eingangstor des Mehrfamilienhauses, in dem sie während unserer Affäre wohnte.

Camilla spähte die Straße hinunter. »Die Luft ist rein!«, flüsterte sie nicht ohne bittere Ironie, und ich folgte ihr. Dann drehte sie sich ganz plötzlich um und sank mir in die Arme. Ihr Parfüm hüllte mich ein, und ihre Lippen waren nur noch Millimeter von meinen entfernt. Ich umschlang die Frau, die ich liebte, und fiel über ihren vollen roten Mund her. Ich fühlte mich wie ein sorgloser Teenager, und in diesem Moment war alles so, wie es sein sollte, sämtliche Diskussionen und Zweifel der letzten Monate lösten sich in Luft auf.

»Papa!« Zwei schrille Silben ließen mich erstarren. Noch immer eng umschlungen fuhren Camilla und ich herum und starrten auf die Person, die für meine Geliebte nichts weiter war als ein für ihr Alter zu stark geschminktes Mädchen: Alice, meine Tochter, stand da, nur wenige Meter von mir entfernt. Breitbeinig, als wäre sie abrupt stehen ­geblieben, mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen. Das Eis fiel ihr aus der Hand. Kopfschüttelnd wich sie zurück: »Nein, nein, nein!« Ohne mir Zeit zu geben, mich aus der Umarmung zu lösen, drehte sie sich um und lief davon. So schnell, dass ich fast hoffte, mir die Begegnung bloß eingebildet zu haben.

Verletzen, betrügen, Schmerzen zufügen – zu alldem sind wir fähig. Sosehr wir uns auch bemühen, vorsichtig zu sein, so wachsam wir auch sind, bleibt uns anschließend immer nur eine Möglichkeit: die von uns geschlagenen Wunden ­irgendwie zu heilen.

Ich lief ihr nach, konnte sie jedoch nicht einholen. ­Wenige Schritte genügten, um mich den Unterschied zwischen ­einem untersetzten Übervierzigjährigen und einer sportlichen Sechzehnjährigen spüren zu lassen.

Ich ging hinauf ins Büro, weil ich hoffte, sie dort anzutreffen, aber Greta bestätigte nur, was ich bereits ahnte. »Alice war gerade hier und hat nach Ihnen gesucht, Dottore.«

»Und was haben Sie ihr gesagt?«

»Dass Sie beim Zahnarzt sind. Was hätte ich ihr sonst ­sagen sollen?«

»Haben Sie gefragt, was sie hier wollte?«

»Nein. Sie hat kurz gewartet und ist dann nach unten gegangen, um sich ein Eis zu holen. Sie ist bestimmt gleich wieder da.« Mit diesen Worten ging sie zum Kopierer.

Ich griff zum Handy und wählte die Nummer meiner Tochter. Sofort ging die Mailbox dran.

»Alice, ich bin’s, Papa. Ruf mich bitte sofort zurück. Wir müssen reden. Bitte, ich kann dir alles erklären.« Beschwörend fügte ich noch hinzu: »Wir finden schon eine Lösung, versprochen!«

Ich setzte mich an den Schreibtisch und flehte das Telefon an zu läuten. Gleichzeitig suchte ich nach den richtigen ­Worten: Alice, es ist nicht so, wie du denkst. Oder: Alice, hör zu, ich kann dir das erklären. Sie ist bloß eine alte Freundin, die ich schon ewig nicht mehr gesehen habe …

Ich schlug mir die Hände vors Gesicht und schimpfte laut: »Wem willst du hier eigentlich was vormachen? Bestimmt ist sie zu ihrer Mutter gerannt, um ihr brühwarm alles zu erzählen. Wie konnte ich nur so dumm sein? Und jetzt?«

Ich weiß nicht, wie lange meine Gedanken um alle nur erdenklichen Ausreden kreisten, bis endlich mein Telefon klingelte. Ich griff danach und bekam eine Gänsehaut: Der Name meiner Frau blinkte vor meinen Augen auf.

Wie stellt man es richtig an, etwas Falsches zu tun? Darüber zerbreche ich mir schon ein Leben lang den Kopf, ohne je zu einem Ergebnis gekommen zu sein. Und so kollidiert mein ganzer Stolz als Vater und Ehemann mit diesem halb geträumten Traum, und ich fühle mich einfach nur ekelhaft. Dann schiebst du dich in mein Bewusstsein, und ich schmelze sofort wieder dahin – damals wie heute.

2.

Wie besessen rief ich Alice immer wieder an. Ich musste unbedingt als Erster mit ihr sprechen. Ich wusste, dass etwas unwiderruflich zerstört war.

Irgendwann nahm ich mein Jackett und machte mich auf den Heimweg. Die Autofahrt schien kein Ende zu nehmen. Was mich wohl hinter der Wohnungstür erwartete? Alice und ihre Mutter Arm in Arm, eine Art weibliche Allianz gegen mich, den Mistkerl?

Das Telefon klingelte.

»Alice ist immer noch nicht zurück. Ich werde noch wahnsinnig! Wo steckst du?«

»Ich bin gleich da.«

»Du solltest längst hier sein. Was zum Teufel hast du gemacht?«

»Zu viel Verkehr.« Sehr überzeugend klang das nicht.

»Was interessiert mich der Verkehr? Es ist fast sechs, schon viel zu dunkel und Ali …« Ihre Stimme wurde schrill.

»Sandra, beruhige dich! Denk an Matteo, ich will nicht, dass er Angst bekommt.« Ich konnte nur hoffen, dass ihn seine Hörprobleme vor der Aufregung bewahren würden.

Beim Betreten der Wohnung rannte mir Sandra entgegen. Sie hielt einen Zettel und ihr Handy in der Hand.

»Wo ist Matteo?«

»Nebenan bei meiner Mutter. Er hat schon nach seiner Schwester gefragt, und ich weiß nicht, was ich ihm sagen soll. Zum Glück kann er nicht alles hören.«

Ich ging auf sie zu und umarmte sie. »Alles wird gut. Du wirst schon sehen, das ist bloß so eine Eskapade.«

»Wir reden hier von unserer Tochter. Die macht keine Eskapaden. Sie hat einen tauben Bruder und von klein auf gelernt, Verantwortung zu übernehmen und pünktlich zu sein. Ich verstehe nicht, wie du unter diesen Umständen so gelassen bleiben kannst!«

Alice, die gemeinsam mit uns die Gebärdensprache büffelt. Die sich weigert, dabei Worte zu benutzen, damit ihr Bruder lernt, auf beide Arten zu kommunizieren. Alice, die mit Matteo Zeichentrickfilme ohne Ton anschaut und sich zwingt, die Untertitel zu lesen. Die mit ihm stundenlang sämtliche Buchstaben des Alphabets durchgeht, so wie die ­Logopädin es ihr gezeigt hat. Alice, die seine Hörgeräte »Sternchen« nennt. Alice, Alice, Alice … Wann habe ich eigentlich verges­sen, wie wichtig du bist?

»Gelassen? Einer von uns beiden muss ja die Ruhe bewahren«, erwiderte ich.

»Das muss wohl an deinen Team-Management-Fortbildungen liegen, dass du so kaltschnäuzig bist. Es ist schon sechs, und wir haben seit ein Uhr nichts mehr von Alice gehört. Ihr ist etwas zugestoßen, und ich …« Ihr versagte die Stimme, und sie fing an zu weinen. Ich zog sie an mich, strich ihr übers Haar. Am liebsten hätte ich ihr gesagt, dass ich unsere Tochter gegen halb vier gesehen hatte, doch ich blieb stumm.

Dann löste sie sich von mir und sagte: »Ich rufe jetzt die Polizei an. Sie ist minderjährig, die müssen was ­unternehmen!« Und während sie wählte, versuchte ich erneut, meine Tochter anzurufen, in der Hoffnung, ihre Stimme könnte mir die Angst nehmen.

Sie ging nicht ran.

»Vielleicht ist es nur ein dummer Streich. So was kommt bei Teenagern häufig vor. Die meisten sind vor Mitternacht wieder zu Hause«, sagte der Polizist, der nach dem Anruf herbeigeeilt war.

»Es reicht! Wenn ich das noch einmal höre …« Meine Frau stürzte sich auf den Mann in Uniform und schrie: »Meine Tochter tut so was nicht! Es kann doch nicht sein, dass keiner einen Finger rührt!«

Die Worte des Polizisten konnten sie nicht überzeugen. Nicht Sandra.

Sie war eine Mutter, der man sieben Jahre zuvor eine schockierende Nachricht überbracht hatte: »Ihr Sohn leidet an ­einer schweren Form beidseitiger Hypakusis.« Und obwohl sie damals keine Ahnung gehabt hatte, was das bedeutete, hatte sie sich nicht geschlagen gegeben und beschlossen, ­alles über diese Hörstörung zu lernen.

Alice war schon sieben, wir selbst waren nicht mehr ganz jung – trotzdem hatten wir das Gefühl, dass etwas ­fehlte. Deshalb beschlossen wir, Matteo zu bekommen. Es war ­keine einfache Schwangerschaft, aber wir wollten dieses Kind, wollten nur das Beste für unseren Sohn. Matteo war gesund, schön und stark, und wir setzten große Hoffnungen in ihn. Wir stimulierten ihn mit pädagogisch ­wertvollen Spielen, Puzzles, Klängen und Übungen, wollten ihm un­bedingt alles mit auf den Weg geben, was ihm das Leben erleichtern konnte. Wir hatten Großes mit ihm vor: die internationale Schule direkt nach dem Kindergarten, damit er zweisprachig aufwachsen und sich später als Weltbürger fühlen konnte, Sport und Musikunterricht. Wir hatten jede Menge Pläne, und was wir bei Alice noch vorsichtig erwogen hatten, sollte bei Matteo Realität werden. Wir waren reifer, erfahrener, finanziell abgesicherter und konnten uns diese Förderung erlauben.

Eines Tages kam Sandra beunruhigt nach Hause, den etwas über ein halbes Jahr alten Matteo auf dem Arm. Ich hatte Alice gerade von ihrer Oma abgeholt und sah mir mit ihr ­einen Zeichentrickfilm an.

Meine Frau erzählte, wie sich ein Mädchen in Matteos ­Alter zu ihrer Mutter umgedreht hatte, als die es rief, während unser Sohn nicht zu hören schien, wenn man seinen Namen rief.

»Er ist ein Junge, Sandra. Du vergleichst ihn mit Mädchen … Wir sind eben langsamer von Begriff, darüber beschwert ihr euch doch immer. Matteo ist da bestimmt keine Ausnahme. Du wirst schon sehen: Wenn wir es am wenigsten erwarten, wird er einem Ball nachjagen, um seine Gegner herumdribbeln, ein phantastisches Tor schießen und sich dann nach der Fankurve umdrehen, die seinen Namen skandiert.«

In den kommenden Wochen wurde Sandra immer nervöser. »Er kann Schubladen aufziehen und Bauklötze aufeinanderstapeln, aber er spricht kein Wort.«

»Warst du mit ihm beim Kinderarzt?«

»Ja. Der hat hinter seinem Rücken mit einem Glöckchen geklingelt, und daraufhin hat er sich bewegt. Deshalb meint der Arzt, es sei alles im grünen Bereich. Trotzdem hat er mir geraten, einen Neurologen aufzusuchen, um auf Nummer ­sicher zu gehen.«

»Findest du das nicht etwas übertrieben? Ein ­Neurologe? Unser Sohn ist perfekt. Gönn ihm doch diese kurze Zeit ohne jeden Zwang. Wenn du wüsstest, wie gern ich wieder in seinem Alter wäre und nur ans Essen und Schlafen denken müsste!«

Anschließend strich ich ihr über die Wange, küsste sie, weil ich nicht ganz so herzlos erscheinen wollte, und ­flüsterte: »Es ist alles in bester Ordnung. Außerdem braucht Matteo eine Mutter, die sich keine Sorgen macht. Er wird sich noch ein Leben lang mit hysterischen Frauen herumschlagen müssen. Nimm ihm nicht gleich sämtliche Illusionen.«

Matteo lutschte schläfrig an seinem Daumen. Sandra legte ihn in die Wiege, und er schlief friedlich ein.

»Soll ich dir ein heißes Bad einlassen? Ich pass schon auf Matteo auf, damit du dich ein bisschen entspannen kannst.«

»Ich habe keine Lust zu baden, Alberto. Ich werde den Gedanken einfach nicht los, dass etwas nicht stimmt. Ich spüre es, schließlich bin ich seine Mutter. Bei Alice war das anders …«

»Bei welcher Alice? Bei unserer Tochter, die nur Einser schreibt, seit sie sechs ist?«, fragte ich betont ironisch. Dann nahm ich ihre Hände und fuhr fort: »Alice ist phantastisch, genau wie du! Und Matteo kommt eben ganz nach seinem Vater. Tut mir leid, aber er ist nun mal ein Junge. Und bei uns ist der Unterschied zwischen einem halben Jahr und ­vierzig gar nicht so groß!« Ich hoffte, ihr ein Lächeln zu entlocken.

Sie seufzte und wirkte nicht sehr überzeugt. Also beschloss ich zu handeln.

»Nimm mir das jetzt nicht übel, mein Schatz, wir machen gleich hier einen Test, dann sind all deine Sorgen vergessen, versprochen!«

»Was hast du vor?«

Ich ging in Alices Zimmer, nahm ihren Kassettenrekorder und stellte ihn neben die Wiege.

»Alberto, er schläft!«

Ich drückte auf die Play-Taste und drehte den Lautstärke­regler bis zum Anschlag auf. Ein schrilles Quietschen ­hallte von den Wänden wider. Sandra zuckte zusammen. Sie streck­te die Arme nach der Wiege aus und wollte das Kind sofort hochnehmen. Ich riss die Augen auf.

Dann starrten wir Matteo an, der selig schlief.

Das hatte ich eigentlich nicht beweisen wollen.

»Signora, ich weiß, was ich tue. Bitte machen Sie mir eine Liste mit allen Orten, an denen Ihre Tochter sich aufhalten könnte, und mit allen Personen, die wir befragen können.« Der Polizist versuchte, sich kooperativ zu zeigen, um Sandra zu beruhigen.

»Aber wenn ich wüsste, wo sie steckt, hätte ich Sie wohl kaum gerufen.«

»Trotzdem, wir sollten nichts unversucht lassen. Hat Ihre Tochter einen Freund? Könnte sie durchgebrannt oder davongelaufen sein?«

»Nein, sie hat keinen Freund.«

»Entschuldigen Sie, Signora, aber oft erfahren das die ­Eltern zuletzt. Fällt Ihnen kein Freund ein, von dem sie öfter spricht? Das kann ein Schulfreund sein oder der Sohn eines Bekannten.«

Sandra schüttelte weiterhin den Kopf.

»Ist etwas Ungewöhnliches vorgefallen? Etwas, das sie verstört haben könnte?«

Mir fiel das Herz in die Hose.

»Nein, sie ist ganz normal zur Schule gegangen. Dann hat sie die Tennisstunde ausfallen lassen und ist verschwunden.«

»Tennis macht ihr keinen Spaß«, mischte ich mich ein, in dem Versuch, die Wogen zu glätten.

»Gut, das könnte bedeuten, dass sie absichtlich nicht hingegangen ist, und dann …«

»Dann was? Es ist sieben Uhr abends. Selbst wenn sie noch eine Runde gedreht hätte, wäre sie längst wieder zu Hause. Sie weiß, dass ihr Bruder Angst bekommt, wenn sie nicht pünktlich zurück ist. Sie hätte ihm Bescheid gegeben!«

»Sie hätte ihrem Bruder Bescheid gegeben? Wo ist er, und wie alt ist er?«

»Matteo ist acht und hörgeschädigt. Er braucht seine Routine, sie gibt ihm Sicherheit. Es ist wichtig, dass wir gemeinsam essen, und zwar immer zur selben Zeit. Alice weiß das.« Wie ein Ballon, aus dem Luft entweicht, ließ sie sich aufs Sofa fallen. »Ich flehe Sie an, unternehmen Sie etwas!« Sie rollte sich zusammen und fing an, abermals zu weinen.

»Das Handy Ihrer Tochter, auf wen läuft das?«

»Auf mich«, erwiderte Sandra.

»Das vereinfacht die Dinge. Wir können ihre Mailbox abhören. Haben Sie die PIN, Signora?«

Sandra war sprachlos. Nie wäre es ihr eingefallen, die Anrufe von Alice abzuhören. Das traf sie unvorbereitet. Während sie aufstand, sagte sie: »Ich weiß sie nicht auswendig, aber ich glaube, sie steht im Vertrag oder liegt in der Ori­ginalverpackung.« Sie ging sie holen.

So langsam wurde ich nervös. »Da werden unsere heuti­gen Nachrichten drauf sein. Wir haben sie bestimmt tausend­mal angerufen.«

Sandra kehrte mit einer Schachtel und diversen Unterlagen zurück. »Sie müsste hier drin sein«, meinte sie und übergab alles dem Beamten, der anfing zu lesen.

»Da ist sie!«, hörte ich ihn rufen und hoffte, irgendetwas würde sie ablenken.

»Falsche PIN. Leider hat Ihre Tochter die PIN zum Ab­hören ihrer Mailbox geändert. Haben Sie irgendeine Ahnung, wie sie lauten könnte?«

»Vielleicht ihr Geburtsdatum, 0906«, murmelte Sandra.

»Nein. Fällt Ihnen noch etwas ein?«

»Versuchen Sie’s mit 1207!«

»Jawohl, die stimmt. Sehr gut!« Der Beamte strahlte, als wäre das ein Spiel.

»Das ist Matteos Geburtsdatum«, flüsterte Sandra und streckte ihre eiskalte Hand nach mir aus.

Sara Rattaro

Über Sara Rattaro

Biografie

Sara Rattaro, 1975 in Genua geboren und aufgewachsen, studierte Biologie und Kommunikationswissenschaften und arbeitet heute als Pharmavertreterin. Ihre Passion fürs Schreiben begleitet sie schon ein Leben lang. »Mehr als mein Leben«, ihr zweites Buch, wurde in Italien zum Überraschungsbestseller....

Pressestimmen

legimus.blogspot.de

»Eine sympathische Liebesgeschichte gepaart mit einer rühernden Familiengeschichte machen diesen Roman von Sara Rattaro zu einem wirklich lesenswerten. Buch.«

bookreviews.at

»Ein Buch, das definitiv unter die Haut geht. Keine leichte Lektüre, aber eine, die zum Nachdenken anregt, zum Kämpfen und Weitermachen. Für alle, die gerne auch etwas Tiefsinnigeres lesen eine großartige Empfehlung!«

BC Bipa Card Mag (A)

»Packend!«

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden