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Die weiße Kriegerin

Die weiße Kriegerin

Wie ich als erste Frau zur Massai-Kriegerin wurde

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Die weiße Kriegerin — Inhalt

Für ein Entwicklungshilfeprojekt geht die Hochschulabsolventin Mindy Budgor nach Kenia. Als sie die beeindruckenden Rituale der Massai-Krieger kennenlernt, wächst ihr Wunsch, selbst eine Massai-Kriegerin zu werden. Doch das ist nur Männern erlaubt - Frauen sind angeblich viel zu ängstlich und schwach. Nur dank ihrer Hartnäckigkeit bewegt Mindy den Stammeshäuptling Winston dazu, es mit ihr zu versuchen. Sollte sie es schaffen, werden künftig auch Frauen zugelassen. Mindy wird mit einer Gruppe Trainees im Busch ausgesetzt. Dort lernt sie nicht nur frisches Rinderblut als Hauptnahrung kennen, sondern auch, Spuren zu lesen, Speere zu werfen und die Gemeinschaft gegen Hyänen und Büffel zu verteidigen. Doch die größte Bewährungsprobe steht ihr noch bevor ...

 

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 15.09.2014
Übersetzt von: Gaby Wurster
288 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96757-0

Leseprobe zu »Die weiße Kriegerin«

Vorwort
Dinosaurier!

 

Tief im kenianischen Loita Forest, dem »Wald des verlorenen Kindes« – 9799,9 Meilen von zu Hause und mindestens fünfzig Meilen von einer Toilette und einer Steckdose entfernt –, sah ich mit großen, weit aufgerissenen Augen, wie Bäume zu Boden stürzten. Stämme brachen entzwei, übrig blieben spitze Holzsplitter.

Ein riesiger weißer Stoßzahn fuhr in den Himmel.

Mir entfuhr ein Schrei.

»Ein Dinosaurier!«, rief ich.

Ein paar Meter über dem Boden schob sich ein grauer, runzliger Hintern aus dem Wald. Wütend peitschte ein Schwanz die [...]

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Vorwort
Dinosaurier!

 

Tief im kenianischen Loita Forest, dem »Wald des verlorenen Kindes« – 9799,9 Meilen von zu Hause und mindestens fünfzig Meilen von einer Toilette und einer Steckdose entfernt –, sah ich mit großen, weit aufgerissenen Augen, wie Bäume zu Boden stürzten. Stämme brachen entzwei, übrig blieben spitze Holzsplitter.

Ein riesiger weißer Stoßzahn fuhr in den Himmel.

Mir entfuhr ein Schrei.

»Ein Dinosaurier!«, rief ich.

Ein paar Meter über dem Boden schob sich ein grauer, runzliger Hintern aus dem Wald. Wütend peitschte ein Schwanz die Luft. Ich musste hilflos zusehen, wie das Ungeheuer einen Schritt nach hinten machte. Auf das Lager zu. Auf uns zu. Diese Reise – und mein Leben gleich mit – würde nun gleich ein furioses Ende nehmen.

Lanet, unter dessen Obhut wir zu Massai-Kriegerinnen ausgebildet werden sollten, packte meine Freundin Becca und mich an den Perlengürteln und zerrte uns zurück. Er riss uns aus der Schockstarre, warf jeder von uns einen Speer zu und schubste uns aus dem Lager. Dann rannte er zu den anderen Kriegern. Ein Stammesgenosse – ein knackiger Kerl mit strahlendem Lächeln und megalangen Ohrläppchen, die zusammengezwirbelt waren und aussahen wie die Haarschnecken von Prinzessin Leia – gab uns ein Zeichen, ihm zu folgen.

Die tiefen, wuchtigen Stimmen der Massai hallten durch den Wald: »OoooooOOOOO!!! OooooOOOO!! OoooooooOOOOO! OOO! OOO! OOOO! OOOOOOOOOO! Sorr, HORROLAGOLAG! SORR!«

Mit klirrenden Perlenketten sprinteten wir hinter ihm her – die Speerspitzen voraus, um uns besser durch das Dickicht schlagen zu können. Wir sprangen über umgestürzte Baumstämme und Büsche und rannten zwischen den Bäumen hindurch wie bei einem Slalom. Alle paar Sekunden sah der Krieger mit dem perfekten Body nach hinten, um sich zu vergewissern, dass mit uns alles okay war, und schenkte uns dabei jedes Mal ein breites, ermutigendes Lächeln. Kurz darauf blieb er vor einem Mammutbaum stehen, nickte lächelnd und deutete mit seinem Speer zur Baumkrone hinauf.

Hechelnd wie ein Golden Retriever drehte ich mich zu Becca um. »Er … er … will, dass wir den Baum hinaufklettern.«

»Los, los, los! Ich will nicht gleich am allerersten Tag im Busch sterben, verflucht noch mal! Meine Zeit ist noch nicht gekommen!«, schrie Becca und schlug mir auf den Hintern, damit ich mich bewegte.

Mehr Antrieb brauchte ich nicht. Ich hastete den Baum hinauf, als wäre der Teufel persönlich hinter mir her.

Becca und ich waren erst am Morgen zum Buschcamp der Massai gebracht worden und hatten auch gleich unsere erste Aufgabe zugeteilt bekommen: Äste hacken, bis man nicht mehr kann. Und dann noch mehr Äste hacken. Da es unser erster Tag und damit auch unser allererster Job im Krieger-Trainingslager war – und ich außerdem von Männern mit Speeren und Schwertern umgeben war –, beschloss ich, die Anweisungen stillschweigend zu befolgen und erst später Fragen zu stellen. Was sonst eigentlich gar nicht meine Art war.

Nach drei Stunden pausenlosem Hacken setzte ich mich zu einer wohlverdienten Pause auf die kühle Erde und besah mir die Umgebung. Lichtstrahlen fielen durch kleine Lücken im dichten Laubdach, die Schreie der Stummelaffen hallten durch den Wald, Beccas kinnlange Locken hüpften auf und ab, während sie mit dem Schwert auf eine Astgabel hieb.

Ich betrachtete meine brennenden Handflächen. Schon hatten sich Blasen von der Größe einer Halbdollarmünze gebildet – was daran lag, dass der Holzgriff meines Riesenmessers meine zuvor makellose Haut übel aufgescheuert hatte. Immerhin: Meine knallrot lackierten Nägel waren heil geblieben. Als ich vor der Wahl stand, welche Luxusgegenstände ich mit in den Busch schleppen wollte, war das kostbare Fläschchen Nagellack unabdingbar gewesen. Mit dem glänzenden roten Lack und den frischen Blasen sahen meine Hände nun aus wie echte Löwenpratzen. Ich fühlte mich zwar noch nicht so richtig wie die harte Kriegerin, die ich werden wollte, aber ich sah zumindest so aus.

Keine Angst, du schaffst das, redete ich mir gut zu.

Becca schlich sich, mit Zweigen beladen, von der Seite an: »Na klar! Du inspizierst mal wieder deinen Nagellack! Was machst du eigentlich, wenn ein Affe einen deiner gehätschelten Daumen frisst?«

Als Becca und ich endlich wieder ins Camp zurückkehrten – ein wohlwollender Begriff für das kleine Fleckchen Erde, das unsere Gemeinschaftsunterkunft darstellte –, wurden wir von einem Zaun aus Tausenden kreuz und quer ineinander verwobenen Ästen begrüßt, der das Lager bis zur Höhe von etwa einem halben Meter umgab.

»Das soll wohl wilde Tiere abhalten«, meinte Becca.

»Na, dann viel Glück!«, sagte ich. »Ein Elefant reißt diesen Scheißzaun doch mit der kleinen Zehe ein.«

Während Becca unser neues Sicherheitssystem begutachtete, sah ich einen Meter vor uns ein paar Blätter sanft schaukeln. Als Becca sachte an dem Zaun rüttelte, kam das ganze Ding in Schwingung. »Ja, das ist echt ein Scheiß. Aber wenn unsere Zeit gekommen ist, dann ist es eben so.«

Ich konnte mich Beccas Friede-Freude-C’est la vie-Einstellung nicht anschließen. Meine Haltung war da sehr viel kämpferischer: »Wenn der Tod an deine Tür klopft, mach auf, tritt ihm in die Eier, und lauf um dein Leben.«

Und da sah ich es wieder: eine Bewegung in den Bäumen, und dieses Mal raschelten die Blätter nicht nur – eine ganze Baumgruppe schwang hin und her wie Scheibenwischer.

Ein Tag im Busch, und schon standen wir dem Feind von Angesicht zu Angesicht gegenüber.

Nun hockten wir also auf dem Baum und sahen, wie drei Elefanten direkt vor diesem Scheißzaun herumhingen.

Becca boxte mich an den Arm. »He, und du hast gedacht, das wären Dinosaurier!«

»Schau dir doch mal an, wie groß die sind«, sagte ich. »Fünfmal größer als jeder Elefant, den ich je gesehen habe. Die haben Stoßzähne, so lang wie Flugzeugflügel!«

Sie schnaubte. »Ja, wie eine abgefahrene Version von Jurassic Park. Aber zum Glück hält der Scheißzaun ziemlich gut.«

Ich lachte. »Sieht fast so aus, als würden die Elefanten auf eine Einladung oder so was warten. Als hätten sie Manieren! Der Zaun geht ihnen nicht mal bis zum Knöchel, aber er erfüllt seinen Zweck.«

Wir sahen zu, wie Lanet und die anderen Mitglieder unserer neuen Familie zügig Feuer machten. In wenigen Minuten brannte eine kleine Flamme. Drei Männer zündeten je zwei Stöcke an und versteckten sich damit hinter großen, dicken Bäumen, wobei sie abwechselnd tiefe, kehlige OOO-Rufe ausstießen, die unsere Gäste verscheuchen sollten. Einer nach dem anderen warfen die Krieger ihre Fackeln auf die Elefanten. Die Riesenviecher rührten sich nicht von der Stelle.

In meiner relativ sicheren Position oben auf dem Baum versuchte ich mich daran zu erinnern, warum ich Massai-Kriegerin werden wollte. Ganz allgemein ging es mir darum, den Frauen des Stamms zu einer eigenen Stimme zu verhelfen, denn dieses Mitspracherecht hatten sie längst verdient: Wenn sie Kriegerinnen werden wollten, sollten sie das auch tun dürfen. Außerdem wollte ich herauszufinden, was meine eigene innere Stimme mir sagte. Bevor ich mich auf dieses große Abenteuer einließ und in den Busch ging, war mir nämlich klar geworden, dass das Leben, das ich »lebte«, nicht mein eigenes war. Ich existierte im Schatten anderer Menschen. Zwar wusste ich, was mir wichtig war, aber ich war mir selbst nicht treu geblieben. Ich war der Meinung, dass ich gezwungen wäre, aus dem Schatten der anderen herauszutreten, wenn ich auf grundlegende Notwendigkeiten wie ein Dach über dem Kopf, eine Toilette und Strom verzichtete und mit mir selbst und meinen Gedanken allein wäre. Dass eine Frau zur Kriegerin ausgebildet wurde, war ein wichtiger Schritt für die Massai – so etwas hatte es noch nie gegeben. Doch habe ich mich auf diese Reise begeben, weil ich lernen musste, meinen eigenen Schatten zu werfen und mich nicht hinter meinen Eltern und meinen Altersgenossen und deren Erwartungen zu verstecken.

Tod durch einen Elefanten am allerersten Tag war jedoch nicht Teil des Plans.

In einem Flash reiste ich plötzlich drei Monate zurück in meine Heimatstadt Chicago, wo diese ganze Buschgeschichte angefangen hatte.

 

1 Kribbeln

 

In Chicago wurde es Winter, während ich über den Bewerbungsunterlagen für diverse Business Schools brütete. Ich hatte gedacht, durch die Berufserfahrung, die ich nach dem College gesammelt hatte und auf die ich ziemlich stolz war, wäre dies ein Klacks, doch das Ganze stellte sich als mühsam, frustrierend und nervtötend heraus. Ich musste mich den paar notenmäßigen Ausrutschern stellen, die mir während der vier Jahre College passiert waren – ein paar miese Zensuren reckten nun ihre hässlichen Köpfe und versperrten mir den Zugang zu jenen Unis, wo ich meiner Meinung nach hingehörte. Noch quälender war, dass ich mir diese Noten geholt hatte, als ich versucht hatte, etwas zu sein, das ich nicht bin. Ich hatte mein Grundstudium mit dem Ziel begonnen, Ärztin zu werden, denn das wollten meine Eltern aus mir machen.

In einem düsteren Vorlesungssaal, der nach altem Holz und Desinfektionsmittel roch, stießen mich die Kommilitonen im Anatomiekurs immer in die Rippen, wenn meine tiefe Atmung in rasselndes Schnarchen überging. Die Professoren fand ich uninspirierend, den Unterricht todlangweilig, aber der eigentliche Grund für meine ablehnende Haltung war, dass ich mich unheimlich schwer damit tue, irgendwo eingesperrt zu sein. Bei dem stundenlangen Auswendiglernen hatte ich das Gefühl, förmlich zu ersticken. Dafür war ich viel zu kreativ und impulsiv. Ich erinnere mich noch an ein Gespräch mit meiner Beratungslehrerin gleich im ersten Studienjahr. Es ging darum, dass jeder für irgendetwas eine Leidenschaft hegt, ich aber in der Hinsicht die große Ausnahme war.

»Wenn du genügend Straßen erkundest, wirst du für dich die richtige finden, und hoffentlich hast du dann den Mut, den Zeichen zu folgen und dein Ziel zu erreichen«, sagte sie.

Ich erwiderte, dass die Verkehrszeichen, die mich in Richtung Arztberuf führten, ein großer weißer Balken auf rotem Grund – Durchfahrt verboten! – und U-Turn-Pfeile seien, die heller leuchteten als alle Lichter auf dem Las Vegas Strip zusammen.

Mit einem schweren Seufzen sagte sie: »Ich kann dir nur einen Rat geben – du bist dein eigener Boss und bestimmst über dein Leben, und am Ende musst du allein herausfinden, was richtig für dich ist.«

Ich nahm mir ihre Worte zu Herzen und schnupperte im nächsten Semester in Kunstgeschichte, Literatur, Volks- und Betriebswirtschaft hinein. In meinem ersten Seminar über Unternehmensführung fand ich schließlich meine Berufung. Ich setzte mich im Kursraum von hinten nach vorn und fand Herausforderung, Gefahr, Leidenschaft und Freiheit, indem ich eine Geschäftsidee entwickelte und diese dann mit einer Mischung aus Entschlossenheit, richtigem Timing und Glück in die Tat umsetzte. Noch während meines Studiums gründete ich meine eigene kleine Firma. Es war eine Gratwanderung zwischen Erfolg und Scheitern, ein Kreuzungspunkt, an dem all meine Leidenschaft gefragt war.

Doch nun, sieben Jahre später, gingen die Business Schools meine akademische Vergangenheit mit »ts, ts« oder einem vielsagenden Kopfschütteln durch, und mir war klar, dass das Gespräch beendet war, bevor es überhaupt begonnen hatte. Meine schlechten Zeugnisse machten sie blind für das, was in mir steckte, aber ich wusste, dass ich – ähnlich wie zuvor mit meinem kleinen Unternehmen – mit Entschlossenheit, dem ­richtigen ­Timing und Glück irgendwann auch einen Studienplatz bekäme. Wenn der direkte Weg versperrt ist, muss man eben eine Umleitung nehmen.

Ich komme aus einer Familie von Ehrlichkeitsfanatikern. Selbstverständlich will ich, dass man aufrichtig zu mir ist, aber oft sehne ich mich nach Ohrenschützern, um nicht hören zu müssen, wie das eine oder andere Familienmitglied sich mein Leben vorstellt – immer schön verpackt in einer ordentlichen, brav den Konventionen entsprechenden Schachtel.

Mein Vater wurde in einem Flüchtlingslager geboren, seine Eltern waren beide Holocaust-Überlebende. Seine Weltanschauung besteht aus harter Arbeit, für ihn ist das Leben ein ewiger Überlebenskampf. Man soll keine Ecken und Kanten zeigen und der Befehlskette folgen. Diesem Denken passt er sein Handeln an, persönlich wie beruflich. Meine Mutter hingegen wuchs in einer vermögenden, gut situierten Familie mit Gartenpartys, Konzertbesuchen und Weltreisen auf. Schon früh wurde ersichtlich, dass mein Bruder, der bereits im Mutterbauch beschlossen hatte, Investmentbanker zu werden, ein Klon meines Vaters sein würde. Meine Abstammung war jedoch nicht so offensichtlich. Ich war einfach anders.

Als meine Eltern mich mit fünf Jahren zum Ballett anmeldeten, verstand ich nicht, warum die Lehrerin so verflucht ernst war. Wo war ihr Lächeln? Was hatte es mit diesem hochmütigen Blick auf sich? Ich beschloss, ein bisschen Spaß in ihr Leben zu bringen: Während die anderen rosafarbenen Tutus rund herum Pirouetten drehten, schlug ich ein Rad und machte die Tutus nacheinander platt. Von diesem Moment an betrachtete mein Vater mich eher skeptisch. Mein erster Tag im Ballett war also auch mein letzter, aber Rad schlug ich weiterhin.

Als Jugendliche wollte ich dann Eiskunstläuferin werden. Ich verliebte mich sofort in diesen Sport, auch wenn die kurzen, neonfarbenen Röckchen für mich nicht tragbar und die Pirouetten und Salti nicht machbar waren. Eines Tages nahm mich meine Trainerin zur Seite und gab mir zu verstehen, dass mein Hintern und meine Schenkel zu dick seien für eine gute Eisläuferin, ich müsste also ein paar Pfund abnehmen und versuchen, mich anmutiger zu bewegen. Aus den Augenwinkeln nahm ich auf der angrenzenden Eisfläche ein Eishockeyteam wahr, die Spieler schmetterten sich gegenseitig an die Bande. Ich sah meine Trainerin an und sagte: »Ich glaube, ich sollte Eishockey spielen.«

Ihre Antwort war wohl typisch für die Neunzigerjahre: »Das ist ein Sport für Jungs! Geh nach Hause, und rede mit deinen Eltern über das, was ich gesagt habe. Ich bin mir sicher, wir kriegen dich so hin, dass du eine Chance hast, eine gute Eiskunstläuferin zu werden.«

Zumindest hatte ich es so verstanden. Noch bevor ich vom Eis war, warf ich die Kunstlaufschlittschuhe weg. Ich hatte mich in Eishockey verguckt. Ich ging nach Hause und schilderte meinen Eltern die Situation:

»Meine Trainerin hat gesagt, ich sei zu fett für eine Eiskunstläuferin.«

Meine Mutter sagte: »Nun, das war nicht nett, aber es würde dir guttun, ein bisschen abzunehmen.«

Mein Vater stieß in dasselbe Horn: »Du kannst nicht einfach alles hinschmeißen! Iss weniger und streng dich mehr an!«

Ihre Ratschläge stießen auf taube Ohren.

»Ich habe beschlossen, Eishockey zu spielen.«

Meiner Mutter klappte die Kinnlade herunter. »Eishockey! Nein, Mindy! Du bist ein Mädchen!«

Mein Vater gab auch seinen Senf dazu: »Du wirst zur Lesbe, wenn du Eishockey spielst.«

»Beim Kunstlaufen komme ich mir vor wie ein Trampel«, widersprach ich. »Ich werde nie super gut darin sein, nicht mal halbwegs gut, und Spaß macht es auch keinen!«

Während meine Eltern weiter versuchten, mich eines Besseren zu belehren, fand ich eine andere Lösung: die Großeltern anrufen. Meine Großmutter mütterlicherseits hatte Verständnis für meine Chuzpe, und innerhalb weniger Wochen hatte ich eine Eishockeyausrüstung und eine Trainerin. Dieser Sport mit seiner Kombination aus Zielgenauigkeit und Draufgängertum tat mir in der Seele gut, und ich trat der einzigen Mädchenmannschaft in meiner Gegend bei. Wir wurden im Lauf der Zeit ziemlich gut, fuhren zu Spielen sogar an die Ostküste, aber das reichte mir nicht. Als ich kurz darauf in die Highschool kam, hatte in der näheren Umgebung jede Schule eine Eishockeymannschaft – außer meiner. Das war inakzeptabel. Als ich meinen Schulleiter darauf ansprach, meinte er nur, dass nicht ausreichend Interesse bestehe, um eine Mannschaft zu bilden.

»Ich glaube nicht, dass Sie damit recht haben, Mr Marco.«

Er sah mich verständnislos an, zuckte mit den Schultern und entließ mich. Meine Eltern, die mittlerweile von meinem Eifer überzeugt waren, halfen mir dabei, Unterschriften zu sammeln, einen Trainer zu finden und Geld für die Ausrüstung der Schulmannschaft aufzutreiben. Bei so viel Rückhalt konnte der Rektor unmöglich Nein sagen. Der Plan ging auf. Ich spielte in der Highschool drei Jahre lang als einziges Mädchen in einem Jungenteam.

Anstatt mich für die Zeit nach dem College auf ein Praktikum mit Aussicht auf eine geregelte Vollzeitarbeit zu bewerben, beschloss ich, selbst eine kleine Firma zu gründen: einen Wäscherei-/Lagerhaltungsservice für Studenten. Es gab nur ein kleines Problem – ich müsste die Idee schnell umsetzen und ein paar Monate bei den Seminaren und Vorlesungen pausieren, und das ausgerechnet in meinem Abschlussjahr. Wie zu erwarten, bekamen meine Eltern einen Anfall. Zwei Monate lang rief mich meine Mutter mindestens ein Dutzend Mal am Tag an und hielt mir mein drohendes fatales Scheitern vor Augen, während ich meinen Geschäftsplan erstellte.

Obwohl ich wegen der zusätzlichen Arbeit mit einem neu ­gegründeten Unternehmen offiziell erst ein Semester später meinen Abschluss machen konnte, schaffte ich es durch Verhandlungsgeschick trotzdem, bei der feierlichen Verabschiedung meines Jahrgangs mit dabei zu sein. Nachdem ich mein Diplom in der Hand hatte, drehte meine Mutter ihr Fähnchen und wurde zum größten Cheerleader meines Unternehmens. Wochenweise flog sie nach Chicago, um mir zu helfen – angefangen bei der Mail-Korrespondenz mit Kunden bis dahin, dass sie mir ein dickes, kuscheliges Kissen besorgte, weil ich oft unter dem Schreibtisch schlief. Vier Jahre später verkaufte ich die Firma für ausreichend Geld, um mir eine eigene Wohnung kaufen und noch etwas für Notzeiten auf die hohe Kante legen zu können.

Ich war ziemlich stolz auf diese Leistung, doch nachdem der Verkauf abgewickelt war, hatte ich plötzlich kein Projekt mehr, in das ich mich verbeißen konnte. Gefühlte dreißig Sekunden nach Vertragsabschluss setzten die elterlichen Anrufe wieder ein. Unter dem Druck, mir bitte schön einen neuen Job zu suchen, arbeitete ich ein paar Jahre für andere Firmen. Leider war die Umgebung farblos, das unternehmerische Feuer in mir erlosch schnell. Ständig hinterfragte ich den Sinn meines Lebens und fühlte mich erdrückt von den trostlosen Zukunftsaussichten. Wie konnte ich mich mit sechsundzwanzig Jahren noch immer dahingehend beeinflussen lassen, dass ich etwas tat, von dem ich wusste, dass es nicht das Beste für mich war? Wollte ich mich so verzweifelt anpassen und meiner Familie einen Gefallen tun, dass ich bereit war, mein Glück dafür aufs Spiel zu ­setzen?

Nach einer beträchtlichen Bedenkzeit fand ich wieder zu mir selbst. Ich reichte meine Kündigung ein und begann, mich für diverse Business Schools zu bewerben. Als ich mein Geschäft aufgebaut hatte, hatte ich meine Entscheidungen oft hinterfragt und den Rat von anderen gesucht. Ich hatte ständig Angst, dass mein Sachverstand nicht ausreichte, um beurteilen zu können, ob jemand aus Versehen eine Kalkulation falsch angesetzt hatte oder ob er mich bescheißen wollte. Vielleicht wäre ich ja in der Lage, mit dem theoretischen Wissen aus der Business School etwas richtig Tolles auf die Beine zu stellen; etwas, auf das nicht nur ich stolz war, sondern auch meine ganze Familie. Doch aus irgendeinem Grund war mein Vater der Meinung, dass ein MBA-Abschluss sich für mich unterm Strich nicht lohnen ­würde.

»Mindy, das hatten wir doch alles schon einmal. Du hast deine eigene kleine Firma aufgezogen und am Ende Glück gehabt. Aber was soll das jetzt? Du wirfst einen guten Job hin und willst einen Haufen Schulden aufnehmen, um die Studiengebühren für die Business School bezahlen zu können?« Und er schloss mit dem Hinweis: »Konzentrier dich auf eine Sache, und bleib dabei.«

Dem hatte ich nichts entgegenzusetzen. Aber allein der Gedanke, etwas zu tun, was mich nicht erfüllte, ließ mich das genaue Gegenteil machen. Und so trieb ich – trotz oder gerade wegen der Zweifel meiner Familie – meinen Plan voran

Mindy Budgor

Über Mindy Budgor

Biografie

Mindy Budgor, 1981 in Santa Barbara/Kalifornien geboren, studierte Medizin und Wirtschaft und gründete schon damals ihre erste eigene Firma. Für ein Entwicklungshilfeprojekt ging sie 2010 nach Kenia und kehrte später dorthin zurück, um sich als »moran«, als junger Krieger, ausbilden zu lassen und...

Pressestimmen

Meine Revue

»Ein Buch, das berührt.«

Inhaltsangabe

Vorwort: Dinosaurier!  

1 Kribbeln   

2 Habari!   

3 Per Handschlag   

4 Zwei auf dem Weg   

5 New York–Nairobi   

6 Im Busch   

7 Orpul   

8 Fußmärsche und Speerwerfen   

9 Haare flechten und Blut trinken   

10 Schwänzen   

11 Hunger   

12 Der Nashornclan   

13 Die Stammeszusammenkunft   

14 Stabübergabe   

15 Ein zweischneidiges Schwert   

Was danach kam …   

Nachwort   

Danksagung

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