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Die Verschwundenen von Helsinki

Die Verschwundenen von Helsinki

Roman

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Die Verschwundenen von Helsinki — Inhalt

Schon von weitem fasziniert ihn diese Frau, ihre unschlüssige Art, ihr stolpernder Gang. Als sie aneinander vorbeigehen, fegt der Wind plötzlich ihren Schirm weg. Gemeinsam schauen sie ihm nach, wie er bis über die Giebel in die Lüfte getragenwird. Als sie verloren im Regen stehenbleibt, bietet er ihr seine Hilfe an, lädt sie ein ins Café, wo sie ihm reglos gegenübersitzt und dann zögerlich beginnt zu erzählen – von ihrem verschwundenen Exmann und ihrer einzigen Spur, einer Postkarte aus einer Pension nicht weit entfernt. Er will Magda nicht allein lassen und so begeben sie sich gemeinsam auf die Suche und folgen einem zweiten Hinweis: einem finnischen Roman, der irgendwie mit dem Verschwundenen in Verbindung stehen muss, da ist Magda sich sicher. Und dann verschwindet auch sie. Was trieb den Mann davon? Und Magda hinterher? Und wohin nur treibt es den Erzähler, der sich immer weiter in ihre Geschichte verstrickt?

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 12.03.2013
Übersetzt von: Sandra Doyen
128 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7634-2

Leseprobe zu »Die Verschwundenen von Helsinki«

Die Frau auf der Strasse
An dieser Frau fesselte mich etwas schon von weitem. Vielleicht
war es ihre Art zu gehen: unvorhersehbar, unschlüssig,
als müsste sie mit jedem Schritt neu entscheiden, wohin
sie wollte. Möglich, dass der Eindruck auch durch ihre
Schuhe entstand, die für stürmisches Oktoberwetter völlig
ungeeignet waren, ihre hohen Absätze kippelten, wenn sie
den Pfützen auswich und sich auf dem windigen Boulevard
vorankämpfte; damals hatte es schon viele Tage geregnet.
An jenem Morgen kam ich von meiner Sprechstunde an
der Albertinkatu, und als wir [...]

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Die Frau auf der Strasse
An dieser Frau fesselte mich etwas schon von weitem. Vielleicht
war es ihre Art zu gehen: unvorhersehbar, unschlüssig,
als müsste sie mit jedem Schritt neu entscheiden, wohin
sie wollte. Möglich, dass der Eindruck auch durch ihre
Schuhe entstand, die für stürmisches Oktoberwetter völlig
ungeeignet waren, ihre hohen Absätze kippelten, wenn sie
den Pfützen auswich und sich auf dem windigen Boulevard
vorankämpfte; damals hatte es schon viele Tage geregnet.
An jenem Morgen kam ich von meiner Sprechstunde an
der Albertinkatu, und als wir aneinander vorbeigingen, ergriff
der Wind ihren Regenschirm mit einem plötzlichen
Ruck. Er riss ihn aus ihrer Hand, schleuderte ihn hoch und
höher, eine thermische Spirale führte ihn mit sich. Ich blieb
stehen, sah zu, wie er sich in die Luft schraubte, und überlegte,
wie hoch er noch steigen würde – jetzt tanzte er schon
zwischen den Dächern. Die Frau stand da, beobachtete voller
Bewunderung ihren Schirm und lachte los. Das neue,
freie Leben des Regenschirms sah tatsächlich so irrwitzig
aus, dass ich auch lachen musste.
Der Schirm wagte einen letzten tollkühnen Aufschwung
zum Gipfelpunkt seines kurzen Lebens in ungeahntem
Glanz. Und dann, als der Wind plötzlich nachließ, blieb er
in der Luft hängen, änderte seine Richtung und schwebte
sachte schaukelnd auf die Straße. Aus Höflichkeit lief ich
ein paar Schritte hinter ihm her, doch es war schon zu spät.
Ein Bus donnerte über das Kopfsteinpflaster und überrollte
den Regenschirm, ich hörte nur das leise Knacken des
Metalls. Als ich mich umdrehte, stand die Frau schweigend
vor mir.
So standen wir eine Weile da, doch sie schien mich gar
nicht wahrzunehmen. Sie war hager, zwischen vierzig und
fünfzig, an ihrem Handgelenk baumelte eine Tasche. Auf
der Straße lag das verbogene Gestänge, der Buslärm verebbte,
der Frau klebten die Haare nass an der Stirn. Es tut
mir leid um Ihren Regenschirm, sagte ich, der ist nun wohl
dahin.
Ich sah sie an und konnte mir kaum vorstellen, dass sie gerade
noch gelacht hatte; es war wie fortgewischt. Entschuldigen
Sie, erwiderte sie schließlich auf Englisch, kein Problem,
sie bekäme jederzeit einen neuen Schirm. Dann schüttelte
sie sich vor Kälte, in einer Pfütze spiegelte sich der Himmel,
und ich fragte, ob alles in Ordnung sei, der Regen habe sie
völlig durchnässt, sie würde sich erkälten. In der Nähe gäbe
es ein Café, und Cafés seien voll von vergessenen R egenschirmen
– ob sie Lust auf eine Tasse Kaffee hätte.
Sie nickte und ich führte sie ins Café Ekberg, das warm
und hell war, zu einem Tisch am Fenster. Sie zog ihre Jacke
nicht aus, obwohl sie klitschnass war. Der Kragen klebte an
ihrer Haut, und ihre Haltung erinnerte mich irgendwie an
früher, einen anderen Tag, ein vages Bild. Jetzt lächelte sie
wieder und spielte mit einem kleinen Stein – wo kam der
auf einmal her?
Sie bedankte sich für meine Freundlichkeit und erzählte,
sie sei erst gestern in die Stadt gekommen. Offen gesagt habe
sie sich verlaufen, auch wenn sie noch gar nicht lange unterwegs
gewesen war. Heute scheint einfach nichts zu klappen,
fuhr sie fort, und ich antwortete, manche Tage sind so.
Der Regen nahm zu und rann jetzt die Scheiben hinunter.
Auf der Straße war es dunkel, im Café fast leer, in der Vitrine
lag Gebäck bereit. Bald schon würden die Menschen zum
Essen kommen, den Raum mit mittäglichem Trubel und mit
dem stechenden Dunst feuchter Jacken füllen. Ich bestellte
Kaffee, bat die Bedienung um ein Telefonbuch und schlug
die Seite mit dem Stadtplan auf. Als ich auf einen Punkt am
Boulevard tippte, mitten in der Stadt, blieb auf dem Papier
ein nasser Fleck zurück. Hier, sagte ich, hier sind wir. Wohin
sie denn wolle? Ich könne ihr den Weg weisen.
Die Frau überflog die Karte mit zerstreutem Blick, fahrig,
als wolle sie gar nicht wissen, wo sie sich befand. Schließlich
erklärte sie, in einem Hotel namens Torni zu wohnen,
vielleicht würde sie einfach dorthin zurückkehren. Das Torni
ist ganz in der Nähe, erwiderte ich, nur wenige Blocks
entfernt, Sie haben sich nicht wirklich weit verlaufen. Sie
schwieg, und weil ich fürchtete, ihre Stimmung könnte wieder
kippen, erzählte ich von der Terrasse auf dem Hoteldach
und von der schönen Aussicht, die sich von oben über die
ganze Stadt und das Meer bot – ob sie schon dort gewesen
sei?
Sie schüttelte den Kopf: Nein, doch anscheinend lohne
es sich. Das Meer habe sie immer gemocht, aber wer nicht?
Regenwasser lief ihr über die Stirn, und ich verspürte den
Impuls,
es fortzuwischen, mit meinem trockenen Ärmel wegzutupfen.
Ich fragte sie, was sie in der Stadt mache, Urlaub
vielleicht? Sie zögerte einen Augenblick und erzählte dann,
sie sei gekommen, um ihren Mann Paul zu suchen. Genau
genommen wären sie aber schon einige Jahre geschieden.
Wissen Sie nicht, wo er ist, fragte ich, und sie schüttelte
wieder den Kopf: Nicht genau. Sie kramte in ihrer Handtasche,
ließ eine Puderdose fallen, bückte sich danach,
klappte den Deckel auf, betrachtete ihr Gesicht in dem kleinen
Spiegel und lächelte. Ich sehe furchtbar aus, stellte
sie fest, schloss die Dose wieder und wühlte weiter in der
Tasche. Schließlich fand sie eine Postkarte, die an allen vier
Ecken zerknickt war. Sie sah aus, als sei sie schon lange mitgereist.
Sie reichte mir die Postkarte und fragte, ob ich Französisch
verstünde. Ein paar Worte, sagte ich, es sei schon mal
besser gewesen, sprechen könne ich heute kaum noch. Ich
drehte und wendete die Karte. Ihre Vorderseite zeigte eine
sommerliche Marktszene, weiße Wolken, Fischerboote, die
im Hafen, schaukelten. Auf dem Adressfeld stand: Magda
Roux, 26, R ue Durantin, 75018 Paris, France. Ich versuchte
den Text zu entziffern. Die Nachricht beschränkte sich auf
einen kurzen Gruß von ihrem Exmann und eine Adresse:
Fremdenheim Lahja, Tarkk’ampujankatu 2. Sie war auf April
datiert, sechs Monate alt; unterschrieben mit Paul.
Die Karte erinnerte mich an einen viele Jahre zurückliegenden
Urlaub in Frankreich mit meiner Frau, damals
waren wir noch nicht verheiratet. Wir machten einen Abstecher
nach Montpellier, zu Europas ältester medizinischer
Fakultät mit ihrem unvergleichlichen anatomischen Museum.
Ich erklärte dem Wärter damals, dass ich Medizin studierte,
woraufhin er uns in einen wunderschönen Saal mit
Vitrinen und Regalen aus dunkel schimmerndem Holz führte.
Lotta setzte sich wartend ans andere Ende, aber ich umkreiste
gewissenhaft die Sehenswürdigkeiten der Ausstellung,
die die Grenzen meiner Vorstellungskraft sprengten.
Doppelköpfige Embryos schlummerten in grünlichen Glasflaschen,
warteten auf ihr nie gelebtes Leben; deformierte
Knochengerüste, Kinder zum Teil, neigten sich von Sockeln
herab. Gipsabdrücke demonstrierten die Auswirkungen tropischer
Krankheiten auf die Haut, berühmt-berüchtigte Folgen
geschlechtlicher Abenteuer, Andenken an Napoleons
Feldzüge. Blankgeputzte Instrumente lagen in Vitrinen zum
Gebrauch bereit, auch wenn die verschiedenen Zangen, Haken,
Sägen und Spritzen mich eher an Foltertechniken der
Inquisition erinnerten als an Heilkunst.
Ich durchstreifte den Saal mit wachsender Verwunderung,
halb begeistert, halb entsetzt, und stellte mir das gelbliche
Licht eines Kellers vor, in dem Körper heimlich geöffnet
wurden, dazu den Gesichtsausdruck des Anatomen,
die Anspannung, sein Zittern, als die seltsamen Organe sich
zum ersten Mal einem menschlichen Auge zeigten; wie er,
selbst unter Androhung der Todesstrafe, auch in den Folgenächten
in das Kellergewölbe kam und im Laufe von Monaten
und Jahren immer mehr bloßlegte, immer kleinere Teile,
Nerven, Adern, und doch so vieles verborgen blieb; immer
noch gab es Stellen, bis zu denen sein Blick nicht reichte.
Später saßen wir im Zug auf dem Weg zum Atlantik – keine
Dunkelheit, kein Staub mehr, nur Licht und das Rattern
der Schienen, dann das Meer, das sich vor Saint-Malo öffnete,
seine Weite, unser kühles Zimmer am Abend. Wir
liefen bei Ebbe am Strand entlang, unsere Zehen versanken
im Sand, die Luft roch nach Algen. Lass uns ein Haus kaufen,
hier leben, sagte Lotta. Aber wir wussten schon, dass
wir nicht bleiben würden, dass Träume platzten, sobald sie
ausgesprochen wurden. Doch vorher noch Paris und seine
gläsernen Bahnhofsdächer, die Rue Durantin. Als wäre auch
sie mir vertraut.
Magda Roux steckte die Karte zurück in ihre Handtasche,
und ich fragte sie, ob dies die letzte Nachricht von ihrem
Mann sei. Sie strich sich die nassen Haare aus der Stirn und
erklärte, Paul habe sich etwa einmal im Monat bei ihr gemeldet,
habe angerufen oder geschrieben, meistens Postkarten,
als wollte er trotz der Trennung an etwas festhalten. Doch
jetzt sei nichts mehr gekommen, seit über einem halben Jahr.
Draußen bogen sich die Bäume, durch die Fenster pfiff
der Wind. Magda hatte ihren Kaffee nicht angerührt, und
der Regen fiel in schrägen trostlosen Bindfäden vom Himmel.
Die steinerne Tischplatte hatte einen Sprung, ein ausgetrocknetes
Flussbett, das Magda mit dem Finger entlangfuhr.
Ich schlug vor, sie zum Hotel zu bringen, oder wenn
sie wollte, könnte ich ihr auch helfen, die Pension Lahja zu
finden, die ebenfalls nicht weit entfernt lag. Vielleicht war
Paul noch dort, oder sie könnte sich wenigstens nach seinem
Verbleib erkundigen. Magda zögerte wieder, und ich fragte
mich, ob sie ihren Exmann wirklich finden wollte, oder ob
es für ihre Reise einen anderen Grund gab.
Dann entschied sie sich, stand auf, strich ihren Rock glatt
und sagte, ja, die Pension wolle sie heute eigentlich aufsuchen,
aber sie sei so schlecht im Kartenlesen, die würden
ihr nicht viel sagen. Auf ihren gemeinsamen Reisen habe
Paul immer die Richtung vorgegeben, und sie war ihm gefolgt,
vielleicht hätten sie sich auch deswegen getrennt.
Wir traten hinaus in einen Tag ohne Licht. An der Straße
warteten wir, bis die Bahn vorbeigerattert und mit quietschenden
Bremsen in Richtung Punavuori abgebogen war.
Wir gingen die Frederikinkatu hinunter bis zur Kreuzung
Viiskulma, wo der Wind wieder an uns zerrte. Magda hielt
ihren Rock mit beiden Händen fest und lächelte wie ein
Mädchen, das eine unvermittelte, aber sympathische Offensive
abwehrt. Ihr Lächeln an meiner Seite bezauberte mich,
fegte für einen Moment alle Traurigkeit fort.
Wir mussten die Tarkk’ampujankatu ganz bis zum anderen
Ende hinuntergehen, bis ich das unauffällige Schild der
Pension Lahja an einem mehrstöckigen roten Backsteinhaus
fand. Hinter den Fenstern hingen verblichene Gardinen,
die einmal grün gewesen sein mochten. Die Scheiben sahen
trübe und ungeputzt aus, hinter ihnen war keine Bewegung
auszumachen, nicht einmal ein Schatten.
Ich öffnete die Eingangstür, und wir stiegen ein paar Stufen
hinauf in eine kleine Empfangshalle. Hinter der Theke
saß eine Frau um die sechzig mit grauen Haaren, wie niedergedrückt
vom langen Sitzen. Der Raum lag in fahlem, staubigem
Licht, einige Lampen waren kaputt, an den Wänden
wellten sich Tapeten mit Lilienmuster. Hier und da hing ein
Bild, ein alter Druck zeigte Jesus bei einer Taufe am Fluss.
Alle Täuflinge trugen weiße Gewänder, und Jesus stand im
Wasser, seine Hand über der Stirn eines Mannes, eine leise,
angehaltene Geste. Hinter dem Empfangstresen hatte jemand
ein Kruzifix an die Vertäfelung genagelt.
Die Empfangsdame lächelte milde, ließ ihr Kreuzworträtsel
sinken und drehte das Radio leiser. Ich grüßte, Magda
stand abwartend hinter mir. Mein Anliegen ist etwas eigen
tümlich, begann ich, aber ich suche einen Mann namens
Paul Roux, der meines Wissens im Frühjahr in dieser Pension
gewohnt hat. Dies ist seine Frau, der ich versprochen
habe zu helfen. Magda nickte der Dame zu, blieb aber
stumm. Ich erklärte, dass Frau Roux gestern aus Paris gekommen
und sehr besorgt um ihren Ehemann sei, von dem
sie lange nichts gehört habe.
Aus dem Radio klang gedämpfte Musik, und die Empfangsdame
riet uns zur Polizei zu gehen, wenn jemand verschwunden
war. Das werden wir sicher tun, sofern sich jetzt
nichts ergibt, entgegnete ich freundlich. Ich bat Magda um
die Postkarte und reichte sie der Empfangsdame über die
Theke. Die Karte ist im April angekommen, erläuterte ich,
mit der Adresse dieser Pension; danach hat niemand mehr
von ihm gehört.
Sie drehte und wendete die Karte, dachte nach und begann
daraufhin, in dem dicken Buch vor sich zu blättern.
Dann zog sie einen hölzernen Kasten mit einer vergilbten
Kartei hervor. Sie breche jetzt die Regeln, sagte sie, immerhin
unterliege sie der Schweigepflicht.
Ich wartete, lehnte mich an die Theke und dachte an
einen Patienten, der mich im letzten Jahr aufgesucht hatte.
Er litt unter einem Zustand, der als dissoziativer Wandertrieb
bezeichnet wird. Eines Sommermorgens war er sorgfältig
gekleidet in einer fremden Stadt, einem anderen Land, in
einem dunklen Hafencontainer aufgewacht. Später stellte er
fest, dass er sich in Polen befand, hatte aber nicht die leiseste
Ahnung, wie er dorthin gelangt sein konnte. Er erinnerte
sich an seinen Namen und seine Adresse, mehr nicht. Als
er von der Polizeistation seine Frau in Helsinki anrief, erfuhr
er, dass er schon seit dreißig Tagen vermisst wurde. Der
Patient begann sich erst nach vielen Sitzungen zu erinnern.
Eines Tages bemerkte er zufällig einen Zettel, der auf meinem
Tisch liegen geblieben war und der ihn an einen Brief
denken ließ, den er kurz vor seiner Flucht erhielt. Und da,
nach und nach, fiel ihm wieder ein, dass er eine andere Frau
gehabt hatte. Zu Beginn konnte er sich nicht einmal an ihren
Namen erinnern, nur an ihr Gesicht. Doch bald wusste er
wieder, wie sie hieß, und es überkam ihn noch einmal dieses
Gefühl, plötzlich ruiniert zu sein. Denn in ihrem Schreiben
teilte ihm diese Frau mit, dass sie im September sein Kind
erwarte.
Bald darauf blieb der Patient meinen Sprechstunden fern,
und ich hörte nicht wieder von ihm. Vielleicht ging für ihn
alles gut aus, auch wenn manche von ihrer Wanderung nie
wiederkehren. Sie nehmen eine neue Identität an und führen
ihr Leben an einem anderen Ort, in einem fremden L and
fort, ohne Vergangenheit, leer, finden Gnade im Vergessen.
In der Stadt kommen sie uns entgegen wie jeder andere,
bewegen sich wie im Traum; der kalte Mechanismus ihres
Körpers funktioniert erbarmungslos bis zum Ende.
Die Empfangsdame sah von ihrem Buch auf und erklärte,
sich gut an Herrn Roux zu erinnern. Ein sehr höflicher
Mann, fand sie, wenn auch schweigsam, was ja an sich
nichts Schlechtes sei. Ihren Unterlagen nach hatte er am
3. März in der Pension ein- und am 17. August wieder ausgecheckt,
vor wenigen Wochen also. Auf seiner Karteikarte
gab er an, auf Geschäftsreise zu sein. Mehr könne sie nicht
sagen, leider. Sie beherberge viele ausländische Gäste, die
lange blieben. Aus Russland, Deutschland, sogar Gambia,
fuhr sie fort, denn das Lahja sei preiswert und zumindest die
Zimmer zum Hof hinaus ziemlich ruhig.
Ich übermittelte Magda alle Informationen, ihr Exmann
sei leider nicht mehr hier. Sah sie eine Spur erleichtert aus,
oder bildete ich mir das ein? Die Empfangsdame reichte
die Ausweiskarte über die Theke, die Paul ausgefüllt hatte,
ein offiziell wirkendes Dokument mit seiner Unterschrift,
einem nachlässigen Gekrakel. Als Geburtsort hatte er Lyon
eingetragen, als Anschrift 258, Rue Marcadet, 75018 Paris,
France, und als Reisegrund das Feld Arbeit / A rbete / work
angekreuzt.
Mit der Karte in der Hand bat Magda darum, sein Zimmer
sehen zu dürfen, sofern es frei sei. Die Rezeptionistin
schaute sie verwundert an. An der Wand tickte die Uhr, Jesu
Hand weilte auf dem Kopf seines Täuflings, die Menschen
waren in ewiger Erwartung erstarrt. Ich wäre Ihnen sehr
dankbar, sagte Magda, und die Dame blätterte wieder in
ihrem Buch, kontrollierte das Schlüsselbord an der Wand.
Das Zimmer ist gerade nicht belegt, räumte sie ein, aber …
Gut, wir können einmal schnell reingehen, allerdings gibt es
da nichts zu sehen.
Sie stellte ein Schild mit der Aufschrift »Komme gleich
wieder« auf die Theke, drehte das Radio auf und erhob sich
mühsam von ihrem Stuhl. Ich überlegte, wie viel Zeit ihres
Lebens sie wohl dort gesessen hatte, wie lange dies schon
der Nabel ihrer Welt war. Schließlich erkundigte ich mich,
seit wann es diese Pension gab, denn sie sei mir noch nie
aufgefallen, auch wenn ich hier oft vorbeiging. Die Frau
humpelte die Treppe hoch, blieb auf dem Absatz stehen
und erzählte, sie habe die Pension 1967 gemeinsam mit ihrer
Mutter eröffnet, vor vierzig Jahren. Doch ihre Mutter starb
schon in den achtziger Jahren, und seitdem bewirtschafte
sie alles allein, abgesehen von der Putzfrau. Es sei eben sehr
klein, nur zehn Zimmer, auch in dieser Hinsicht ein ruhiger
Ort. Aber vielleicht kämen die Gäste gerade deshalb gern
wieder, viele kannte sie schon seit Jahrzehnten.

Joel Haahtela

Über Joel Haahtela

Biografie

Joel Haahtela, geboren 1972, lebt als Schriftsteller und Psychiater mit seiner Familie in der Nähe von Helsinki. Seine bislang fünf Romane wurden für den Runeberg-Preis und den renommierten Finlandia-Preis nominiert. Leser und Kritiker begeisterte an seinem ersten Roman »Der Schmetterlingssammler«...

Pressestimmen

Finnland Magazin

"Es ist ein wunderschöner stiller Roman über das Erinnern, das Schreiben und das Sehnen nach der eigenen Geschichte, die so nie stattgefunden hat. Es ist aber auch eine psychoanalytische Detektivgeschichte, welche reale und seelische Bilder zu einem dichten poetischen Netz verflechtet, dem die Figuren zu entrinnen versuchen. Ein Buch, über das nicht mehr gesagt werden muss, es soll schlicht gelesen werden!"

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