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Die verschwundenen Mädchen

Dale Bailey
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Roman

„Gekonnt spielt Bailey mit der Vorstellungskraft seiner Leser:innen und kreiert ein faszinierendes Leseerlebnis.“ - StadtRadio Göttingen „Book´s n´ Rock´s“

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Die verschwundenen Mädchen — Inhalt

„Eine düstere Liebesgeschichte, wunderschön geschrieben.“ Publishers Weekly

Ein altes Buch – ein finsteres Familiengeheimnis
Vom Verlust ihrer Tochter erschüttert, ziehen sich Charles Hayden und seine Frau Erin zurück – bis Erin erfährt, dass sie das Anwesen eines mysteriösen Schriftstellers geerbt hat, tief in den Wäldern von Yorkhsire: Hollow House. Dort wollen sie neu anfangen.

Doch in den Gemäuern von Hollow House geraten beide in das Gespinst ihrer Schuldgefühle. Charles ist besessen von einem Kinderbuch, und beide hören Stimmen in der Bibliothek des Hauses. Als Charles behauptet, seine Tochter gesehen zu haben, begreift Erin, dass nur ihre unerschütterliche Liebe den Bann der Vergangenheit brechen kann ...

„Eine düstere Liebesgeschichte, wunderschön geschrieben.“ Publishers Weekly

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 31.03.2022
Übersetzt von: Elisabeth Mahler
336 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70624-7
Download Cover
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 31.03.2022
Übersetzt von: Elisabeth Mahler
336 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-60146-7
Download Cover

Leseprobe zu „Die verschwundenen Mädchen“

1


Hollow House fiel ihnen wie durch ein Wunder zu. Wie zwei armen Waisenkindern im Märchen, unerwartet und in der Stunde größter Not. Die Erlösung kam in Form eines großen blauen Umschlags, der irgendwo in der täglichen Ladung von Pizzadienst-Flyern, Werbekatalogen und Kreditkarten-Anfragen steckte. So zumindest wollte Charles es Erin gegenüber erklären, wenn er ihr abends in der Küche gegenübersitzen und der Umschlag mit der leicht exotisch anmutenden Briefmarke der Royal Mail zwischen ihnen auf dem Tisch liegen würde. Für Charles Hayden fühlte es sich [...]

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1


Hollow House fiel ihnen wie durch ein Wunder zu. Wie zwei armen Waisenkindern im Märchen, unerwartet und in der Stunde größter Not. Die Erlösung kam in Form eines großen blauen Umschlags, der irgendwo in der täglichen Ladung von Pizzadienst-Flyern, Werbekatalogen und Kreditkarten-Anfragen steckte. So zumindest wollte Charles es Erin gegenüber erklären, wenn er ihr abends in der Küche gegenübersitzen und der Umschlag mit der leicht exotisch anmutenden Briefmarke der Royal Mail zwischen ihnen auf dem Tisch liegen würde. Für Charles Hayden fühlte es sich an wie der Höhepunkt einer obskuren Kette von Ereignissen, die sich Glied für Glied durch die sechsunddreißig Jahre seines Lebens gezogen hatte – durch Jahrhunderte sogar, obwohl er sich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht hätte vorstellen können.

Denn wie beginnen alle Märchen?

Es war einmal …

In den folgenden Monaten hallten diese Worte – und die Märchen, an die sie ihn erinnerten – in Charles’ Kopf nach. Rotkäppchen und Dornröschen und Hänsel und Gretel, die von ihrem geizigen Vater und seiner bösen zweiten Frau im dunklen Wald ausgesetzt wurden. Vor allem an sie musste Charles denken, wie sie sich die Füße wund liefen und furchtbare Angst hatten, bis sie endlich, erschöpft und völlig ausgehungert, auf das Lebkuchenhäuschen mit allerlei Zuckerwerk stießen und sich daran gütlich tun wollten, ohne zu ahnen, dass darin eine Hexe lauerte, die selbst einen Bärenhunger hatte.

Es war einmal …

So beginnen alle Märchen, jedes in seiner eigenen misslichen Zeit. Doch wie viele Schicksale – Ausgangspunkte für ganz andere Geschichten – warten im Erdreich jeder Geschichte darauf, sich zu entfalten, wie Samen, die zwischen den Wurzeln eines ausgewachsenen Baumes keimen? Wie kam es, dass der Vater so treulos wurde? Was ließ seine Frau so grausam werden? Wie kam die Hexe in den Wald, und was bescherte ihr so grausige Essgelüste?

So viele Glieder in der Kette. So viele Geschichten in Geschichten, die darauf warten, erzählt zu werden.

Es war einmal …

Es war einmal ein Junge namens Charles Hayden. Er war das einzige Kind seiner Mutter, dürr und bebrillt und immer ein wenig ängstlich. Bei der Totenwache seines Großvaters, den er nie kennengelernt hatte, suchte er Zuflucht in der Bibliothek des weitläufigen Hauses, in dem seine Mutter aufgewachsen war. „Der Stammsitz der Ahnen“ hatte Kit (sie war diese Art von Mutter) es genannt, als sie ihm erzählt hatte, dass sie dorthin fahren würden, und selbst im Alter von acht Jahren hatte er den bitteren Unterton in ihrer Stimme registriert.

Charles hatte so etwas noch nie gesehen – nicht nur das Haus, sondern auch die Bibliothek selbst, ein Raum, der zwei- oder dreimal so groß war wie die ganze Wohnung, die er mit Kit teilte, mit dunklem, glänzendem Holz und weichem Leder, mit Bücherregalen an jeder Wand. Die Plüschteppiche verschluckten jedes Geräusch, das seine Turnschuhe hätten verursachen können, und während er sich staunend umsah, drang das laute Geschrei seiner Cousins und Cousinen auf dem Rasen im Garten durch die von der Sonne beschienene klassizistische Fensterfront.

Charles war seinen Cousins noch nie zuvor begegnet. Er war noch nie auch nur einem dieser Leute hier begegnet; er hatte nicht einmal gewusst, dass es sie gab. Als er mit seiner Mutter an jenem Morgen in ihrem keuchenden alten Honda die kurvenreiche Auffahrt hinaufgefahren war, hatte er sich wie ein Kind in einem Märchen gefühlt: Eines Morgens wacht es auf und stellt fest, dass es ein Prinz ist, der sich versteckt, und dass seine Eltern (oder vielmehr sein Elternteil) gar nicht seine Eltern sind, sondern treue Gefolgsleute eines verbannten Königs. Ob Prinz oder nicht, die Cousins – ein rabaukenhaftes Trio älterer Jungs in eleganter Kleidung, neben denen seine schlecht sitzenden Cordhosen und der getragene Gehrock richtig schäbig aussahen – hatten sofort eine Abneigung gegen den Hochstapler in ihrer Mitte entwickelt.

Auch sonst schien niemand von Charles’ Anwesenheit besonders angetan zu sein. Auch hier konnte er die Erwachsenen in den eleganten Gemächern jenseits der offenen Tür hören, Kits quengelige und flehende Stimme und die seiner beiden Tanten (Regan und Goneril, wie Kit sie nannte), hart und unnachgiebig.

Erwachsenenangelegenheiten. Charles richtete seine Aufmerksamkeit auf die Bücher. Er schlenderte an einem Regal entlang und fuhr mit einem Finger müßig neben sich her, der dumpf von Buchrücken zu Buchrücken hüpfte, wie bei einem Kind, das einen Stock an einem Zaun entlangzieht. Irgendwann drehte er sich zu einem Regal und tippte per Zufall auf ein Buch, das in glänzendes braunes Leder gebunden war und dessen Rücken rote Querstreifen zierte.

Draußen vor der Tür erhob sich die Stimme seiner Mutter. Eine der Tanten schnauzte eine Antwort.

In der darauffolgenden Stille – selbst die Cousins waren verstummt – nahm Charles das Buch in näheren Augenschein. Auf den geschmeidigen Ledereinband war ein komplexes Muster geprägt. Er studierte es und fuhr das Muster – ein Labyrinth aus Rillen und Schnörkeln – mit seinem Daumenballen nach. Dann schlug er das Buch auf. Das Frontispiz spiegelte das Motiv auf dem Einband wider, das er hier deutlich erkennen konnte. Es war eine stilisierte Waldszenerie: knorrige Bäume mit verschlungenen Wurzeln und Ästen, die sich umeinanderwanden. Verdreht und mit Flechten bewachsen, verströmten die Bäume eine bedrohliche Aura, als wären es lebendige Wesen – Äste wie klammernde Finger, eine Höhle gleich einem schreienden Mund. Skurrile Gesichter, scheinbar zufällige Kreuzungen von Blättern und Zweigen, blickten ihn aus dem Laub an: eine grinsende Schlange, eine bösartige Katze, eine Eule mit dem Gesicht eines verängstigten Kindes.

Auf der gegenüberliegenden Seite prangte der Titel:

 

Im Nachtwald

von Caedmon Hollow

 

Während er auf diese Zeilen und das Titelbild blickte, spürte Charles sein Herz schneller schlagen. Die altersdunklen Seiten rochen wie ein Keller voller exotischer Gewürze, und ihre Textur, die unter seinen Fingern leicht geriffelt und von blassen, gleichmäßig verteilten Linien durchzogen war, fühlte sich an wie die Breitengrade einer noch nicht kartierten Welt. Die schlauen, fuchsartigen Gesichter, die ihn überall aus dem Gewirr von Blättern und Dornengestrüpp heraus anblickten, schienen sich untereinander zu beraten, wie ein Flüstern, das zu schwach war, um es ganz zu erkennen, das noch im selben Atemzug wieder verstummte. Sein Finger kroch langsam hervor, um die Seite umzublättern.

„Charles!“

Er sah erschrocken auf.

Kit stand in der Tür, ihren schmalen Mund zu einer blutleeren Linie zusammengepresst. Charles starrte sie an und erkannte zum ersten Mal – mit den Augen eines Erwachsenen –, wie alt sie aussah, wie müde, wie anders als ihre makellosen, bis in den letzten Winkel ihres Lebens gelackten Schwestern. Er dachte an seinen toten Großvater – ein Fremder im Sarg, der Kits markante Wangenknochen und tiefblaue Augen hatte. Dieses Bild traf ihn wie ein Schlag. Es brachte ihn fast zum Taumeln.

„Wir fahren, Charles. Hol deine Sachen.“

Er schluckte. „Okay.“

Sie hielt seinem Blick noch einen Moment stand. Dann war sie weg.

Charles wollte das Buch wieder ins Regal schieben, aber er zögerte. Wieder spürte er dieses Gefühl von beunruhigender Bedeutsamkeit, als sei der Fluss der Ereignisse in einen neuen und ungeahnten Kanal gelenkt worden. Als wären Throne und Königreiche, die mächtiger waren, als er sich vorstellen konnte, für einen Wimpernschlag hinter einem verborgenen Vorhang hervorgetreten. Der Raum schien fast zu summen von ihrer Anwesenheit.

Charles konnte das Buch nicht aus der Hand geben, dieses Artefakt eines Lebens, das ohne Kit sein eigenes hätte sein können: ein Leben auf gepflegten Rasenflächen, in riesigen Zimmern und vor allem in dieser gewaltigen Bibliothek. (Von nun an sollten Bibliotheken ihn magisch anziehen.)

Er musste es in seinen Rucksack packen und aus dem Haus schmuggeln.

Er musste es stehlen.

Als sich dieser Entschluss in ihm verfestigte, spürte Charles eine Welle der Panik. Schrecken und Erregung schwangen in ihm wie ein greller Akkord.

Er wollte alldem entfliehen, das Buch loswerden und zum ersten Mal an diesem Tag die Nähe eines Menschen suchen. Sogar die Nähe seiner unerträglichen Cousins. Aber Charles konnte seine wie festgefrorenen Finger nicht von dem Buch lösen. Wie von selbst lag der Band plötzlich wieder in seinen Händen, und der Junge blätterte über das Titelbild und die Titelseite hinweg zum eigentlichen Text: Kapitel eins.

Das Initial des ersten Satzes war kunstvoll verwoben in Ausläufer von Blättern und Ranken. Einen Moment lang konnte sein ungeübtes Auge ihn nicht entziffern. Doch dann stand der erste Satz plötzlich klar und deutlich da.

Es war einmal …



2


Wäre das Buch nicht gewesen, hätte Charles die ganze Episode vielleicht vergessen. Nach allem, was Kit dazu zu sagen hatte, war der ganze Tag vielleicht nur ein kunstvolles Hirngespinst, befeuert von ihrem Wanderleben in einer Aneinanderreihung von billigen Apartments, die von diversen Mindestlohnjobs („Schon wieder gefeuert“, gestand sie ihm immer reumütig, wenn sie weiterziehen mussten) und wohlmeinenden, aber unbrauchbaren Liebhabern unterhalten wurden, von denen die meisten einen süßlichen Dunst verströmten, den Charles viele Jahre später als den Geruch von Gras erkennen sollte.

Aber das gestohlene Buch im Ledereinband tauchte bei jedem neuen Umzug wieder auf – in einer Schachtel mit durchgescheuerten Socken oder zwischen den zerlesenen Taschenbüchern in Kits Schlafzimmerregal. Irgendwann, als er eines Nachmittags krank zu Hause lag – sie waren gerade erst nach Baltimore gezogen, er musste damals neun oder zehn Jahre alt gewesen sein –, begann Charles schließlich es zu lesen.

Tagelang träumte er von der Geschichte: eine halluzinatorische Montage großer Bäume, die sich dicht an einen Waldweg drängten, ein verängstigtes Kind, ein Gehörnter König, dessen bleiches Pferd in der Mitternachtskälte aus den Nüstern dampfte. Im Nachhinein war sich Charles nicht ganz sicher, ob er die Detailtreue dieser Bilder dem Buch selbst oder dem fiebrigen Zustand zuschreiben sollte, in dem er selbst sich beim Lesen befunden hatte. Am liebsten wäre er in die Geschichte zurückgekehrt, wollte das Buch noch einmal lesen, aber der Druck als Neuer in der Schule (er war immer der Neue in der Schule, ein Bücherwurm und ein fleißiger Schüler noch dazu) kam ihm dazwischen.

Als er es dann zwei oder drei Umzüge später wieder zur Hand nehmen wollte, war das Buch verschwunden. Und schließlich vergaß er es.

Vielleicht wäre es auch dabei geblieben, hätte Charles nicht fünfzehn Jahre später ein Seminar über viktorianische Nonsens-Literatur belegt. Zu diesem Zeitpunkt war er schon seit Jahren allein (manchmal kam es ihm so vor, als wäre er schon immer allein gewesen, als hätte er mehr Zeit damit verbracht, Kit zu erziehen, als umgekehrt), ein Stipendiat, der im Grundstudium der Anglistik gut genug abgeschnitten hatte, um einen Lehrauftrag an einer der großen staatlichen Doktorandenschmieden zu bekommen. Dort teilte er seine Zeit auf zwischen einer heruntergekommenen Wohnung im Studentengetto, engen Seminarräumen, in denen er gelangweilten Studienanfängern, die nur vier oder fünf Jahre jünger waren als er, die Vorzüge einer Dissertation erläuterte, und den von ihm besuchten Kursen, in denen die Luft von intellektuellem Gehabe und beruflichen Ängsten erfüllt war. Aus der Not heraus hatte er sich für das Nonsens-Seminar eingeschrieben, da der Kurs bereits voll war, den er eigentlich belegen wollte – ein Literaturtheorie-Seminar, das von einem verblassenden Enfant terrible, irgendeinem Ivy-League-Typen, gehalten wurde, der nur einmal in der Woche zum Unterrichten erschien und dann sofort wieder verschwand.

So kam es, dass sich Charles – fünfundzwanzig Jahre alt, immer noch dürr und bebrillt, immer noch ein wenig schüchtern und befangen – an einem kalten Februarabend in der Universitätsbibliothek wiederfand, um über Edward Lear zu lesen. Er war gerade im Begriff einzunicken, als sein Blick auf eine Fußnote fiel, in der ein obskurer viktorianischer Fantast namens Caedmon Hollow erwähnt wurde. Charles las, dass der fast völlig vergessene Schriftsteller nur ein einziges Buch geschrieben habe: Im Nachtwald.

Der Titel rüttelte Charles schlagartig wach. Die Bibliothek war still, kühl und zu dieser vorgerückten Stunde beinahe menschenleer. Schnee prasselte gegen die Fenster, aber trotz der Kälte stieg ein Strom von Wärme in Charles auf.

Als er die Fußnote noch einmal las, wurde er zurück in die Vergangenheit katapultiert. Er war wieder ein Kind, allein in der riesigen Bibliothek seines Großvaters, während die Schreie des schrecklichen Dreigestirns von Cousins weit entfernt hinter den großen Bogenfenstern ertönten. Scheinbar längst vergessene Details aus jener späteren einzigen fieberhaften Lektüre durchfluteten ihn: ein Vollmond, der durch die Nebel des Nachtwaldes lugte; ein Teich, schwarz in mitternächtlicher Lichtung; das Kind, das eine Allee flüsternder Bäume entlangläuft; der Gehörnte König auf seinem bleichen Pferd.

„Verflucht“, flüsterte er und legte das Buch beiseite. Er stand auf, ging durch den Lesesaal zu einer Reihe von Terminals und tippte den Titel in das Suchfeld des Katalogs ein. Mit dem Nummernzettel in der Hand nahm Charles wenig später den Aufzug in ein höher gelegenes Stockwerk. Als er dort die Regalreihen entlanglief, fuhr er die Regalreihen müßig mit einem Finger entlang, der dumpf von Buchrücken zu Buchrücken hüpfte.

Beinahe hätte Charles den Band übersehen. Er hatte ein schönes, in Leder gebundenes Exemplar erwartet, wie er es aus dem Regal seines Großvaters kannte. Das Exemplar in der Bibliothek aber war viel nüchterner ausgestattet: ein dünner, stabiler Band, in zwei blaue Pappdeckel eingebunden. Neu gebunden, vermutete Charles, als er das Buch aufschlug und das vertraute barocke Frontispiz erblickte. Er sah, dass es sich um einen Holzschnitt handelte, die Linien waren klar und deutlich.

Hinter den Stämmen der uralten, von Flechten überwucherten Bäume, deren große, gespreizte Wurzeln sich in die reiche, feuchte Erde bohrten, funkelten ihn verschlagene Gesichter an. Während er sie betrachtete, schienen sich die Gesichter zu verschieben und ins Laub zurückzuziehen, um dann wieder an anderer Stelle hervorzukommen und ihn aus hölzernen Höhlungen heraus anzustarren. Er stellte sich vor, dass er ihren geflüsterten Gesprächen lauschen könnte.

Mit dem Buch in der Hand ging er zurück zum Aufzug und blätterte zum ersten Kapitel, dem beschwörenden ersten Satz:

 

Es war einmal …

 

der in seinem Kopf nachklang. Als er um die Ecke bog, stieß er mit jemandem zusammen, der ihm entgegenkam. Charles hatte kurz den nicht unangenehmen Eindruck, in eine Wolke von Weiblichkeit gehüllt zu sein, die nach Lavendel duftete.

„Pass doch auf!“, rief die junge Frau und sprang zurück. Charles stolperte und fiel auf den Boden, seine Brille flog in die eine Richtung, sein Buch in die andere. Während er nach dem Buch tastete, hüllte ihn die Parfümwolke erneut ein.

„Ganz ruhig“, sagte die junge Frau. „Bist du okay?“

Er blinzelte sie eulenhaft an. „Ja, ich …“ Seine Finger schlossen sich um seine Brille. Er versuchte, sich die Brille aufzusetzen, und die Frau erschien kurz in seinem Blickfeld, eine kleine, schlanke Brünette Mitte zwanzig mit einem markanten Gesicht und weit auseinanderliegenden haselnussbraunen Augen, die amüsiert leuchteten – nicht wirklich attraktiv, aber … auffallend, hätte Kit sie genannt. Jedenfalls war sie außerhalb seiner Liga, so viel stand fest. „Ich schätze, ich habe nicht darauf geachtet, wo ich hinlaufe.“

„Das schätze ich auch.“ Sie nahm seine Hand und hob ihn auf die Füße, was ihn irritiert zurückzucken ließ. „Ganz ruhig“, sagte sie, als er nach dem nächsten Regal griff. Er war immer noch damit beschäftigt, seine Brille zurechtzurücken – wahrscheinlich war das Gestell verbogen –, als sie mit seinem Buch auftauchte. „Womit hast du’s denn so eilig?“

„Mit nichts“, stotterte er. „Es war … ich …“

Sie winkte ab und blätterte in dem Buch. Dann musste sie laut lachen. „Die Welt ist klein.“

„Was?“, fragte Charles, der immer noch an seiner Brille herumfummelte. „Du kennst das Buch?“

„Es war einmal … vor langer Zeit.“

„Dieses Buch kennen, glaube ich, nicht viele.“

„Zumindest nicht so wie ich“, sagte sie.

„Wie meinst du das?“

„Das würdest du mir eh nicht glauben“, sagte sie und schob ihm das Buch zu. „Hier. Halt endlich still.“ Kopfschüttelnd streckte sie die Hand aus und rückte seine Brille zurecht. Vielleicht war sie ja doch nicht verbogen. „Besser?“

„Ja, ich denke schon. Danke.“

„Sehr gerne.“ Sie streckte erneut die Hand aus – Charles zwang sich, nicht zurückzuzucken – und tätschelte ihm sacht die Schulter. „Alles wieder im Lot?“

„Ja, ich meine … Ja.“

„Gut.“

Lächelnd schlüpfte die Frau an ihm vorbei zwischen die Bücherregale.

„Warte!“, rief Charles. „Ich wollte …“

Aber schon war sie weg und hinterließ nur den Duft ihres Parfüms. „Mist“, sagte Charles und drehte sich um, um ihr nachzusehen, aber die Bibliothek war kalt und leer, ein Wald von meterhohen Regalen, die sich verzweigten, so weit das Auge reichte.

Dann traf er eine der wenigen mutigen Entscheidungen seines damaligen Lebens und nahm die Verfolgung auf. Er bog um eine Regalreihe und lief schneller.

„He!“, rief er. „Warte mal!“ Und als er fast im Laufschritt das Ende der nächsten Regalreihe erreichte, wäre er um ein Haar wieder mit ihr zusammengestoßen. Sie wartete an ein Regal gelehnt, die Arme verschränkt, ein verschmitztes Lächeln im Gesicht.

„Du hast heute Lust auf eine Gehirnerschütterung, oder?“, sagte sie. „Als du hingefallen bist, hat es sich angehört wie eine Herde Gnus. Ich dachte, du hättest dir den Schädel gebrochen.“

„Ich wollte dich was fragen“, sagte er. „Was hast du eben gemeint, als wir über das Buch gesprochen haben?“

„Das ist kompliziert.“

„Ich gebe einen Kaffee aus.“ Kaum war der Satz über seine Lippen gekommen, schien es plötzlich so still zu sein, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören. Er war nicht der Typ Mann, der fremde Frauen auf einen Kaffee einlud. Eigentlich war er überhaupt nicht der Typ Mann, der Frauen einlud – nicht aus mangelndem Interesse, sondern aus mangelndem Selbstvertrauen. Ehe er einen Korb bekam, sparte er sich lieber die Mühe. Als sie aber sagte: „Klar. Kaffee klingt gut“, atmete er erleichtert aus.



3


Ihr Name war Erin, ihr Geheimnis überraschend (um es vorsichtig auszudrücken).

Zufall, nannte Charles es. Zufall, dass er dieses Buch in der Bibliothek seines Großvaters gefunden hatte (sie tat das alles als Zufall ab). Zufall, dass er später einen Doktortitel in Englisch anstrebte. Zufall, dass er an einem späten Abend in der Bibliothek, als Schnee aus dem schwarzen Februarhimmel fiel, (buchstäblich) dem Urururur-irgendetwas von Caedmon Hollow selbst begegnete, der auf subtile Weise Charles’ Weg an diesen Ort beeinflusst haben könnte.

Schicksal, dachte er. Der Wurm Ouroboros. Die Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt. Der Kreis hatte sich geschlossen. Und für einen Moment erblickte Charles eine riesige, geheime Welt, sich kreuzende Machtlinien, die gerade jenseits der Grenzen der menschlichen Wahrnehmung verliefen – eine große Geschichte, in die sie alle eingebettet waren und die auf ein unvorstellbares Ende zusteuerte.

Was Geheimnisse angeht, so war es kein großes, vertraute Erin ihm an. Der Zweig der Familie, der nach Amerika ausgewandert war, hatte vor Generationen den Kontakt zum Rest der in England zurückgebliebenen Familie abgebrochen – vielleicht hatte es irgendeinen Konflikt gegeben, einen formellen Bruch. Sie wusste es nicht, und es interessierte sie auch nicht besonders. Aber Caedmon Hollow war bei ihnen geblieben, wenn auch nur als Legende: eine exzentrische Figur aus der fernen Vergangenheit, die einen großen Teil ihres kurzen Lebens mit Alkohol und Ausschweifungen vergeudet hatte, und die auch das Talent vergeudet hatte, das es ihm ermöglicht hatte, nur einen einzigen Band Belletristik herauszubringen.

„Jeder in der Familie liest es irgendwann einmal. Es ist wie ein Ritual“, sagte sie. „Ist nicht wirklich eine Geschichte für Kinder, oder? Eigentlich überhaupt kaum eine Geschichte, eher das Geschwätz eines Mannes, der vom Trinken halb verrückt geworden ist.“

„Vermutlich“, sagte er und erinnerte sich an die seltsam lebhaften Albträume, die seine eigene Lektüre hervorgerufen hatte. „Aber es hat eine gewisse Kraft, nicht wahr?“

„Ich denke schon. Ich habe es jedenfalls nicht vergessen.“

„Gibt es noch mehr, was meinst du? Etwas Unveröffentlichtes?“

„Mir scheint, ich höre dein Doktorandenherz höher schlagen“, sagte sie. „Auf der Jagd nach einem Dissertationsthema, was?“ Und als er errötete – er spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht kroch –, berührte sie seine Hand, und er errötete noch mehr. „Ein Scherz“, sagte sie. „Du kannst meinen verrückten alten Ururur-Was-auch-immer haben. Es spielt für mich keine Rolle.“

So begann ihre Einführung in den Treibstoff, von dem sich die Liebe ernährt: Geschichten.

An diesem Abend erzählten sie sich ihre Geschichten – zumindest den Anfang, so wie sie sie damals verstanden. Sie begannen an der Oberfläche, wie es alle guten Geschichten tun. So sprachen sie über ihr Studium (ihr graduelles Studium, sagte er und wagte einen seltenen Scherz), über ihre schäbigen Apartments und ihre noch schäbigeren Autos. Er sprach über den Druck, etwas veröffentlichen zu müssen, sie über ihr Examen.

Und dann, wie es alle guten Geschichten tun, gingen sie tiefer.

Sie unterhielten sich. Erin war eine Waise, allein auf der Welt. Ihre Eltern waren vor drei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. In gewisser Weise war auch Charles ein Waisenkind. Kit war nie wirklich eine Mutter für ihn gewesen, und in seinem ersten Jahr am College war sie in eine Kommune in Nova Scotia gezogen. Seitdem hatte er sie nicht mehr gesehen.

Träume und Sehnsüchte, zwei Tassen Kaffee, dann drei. Sie waren beide zu aufgedreht, um zu schlafen, also gingen sie zu Erin, um noch ein wenig weiterzureden. Sie untersuchte seinen Kopf, um sich zu vergewissern, dass er sich nicht verletzt hatte, als sie zusammenstießen, seine Lippen berührten ihre, und eins führte zum anderen, wie es eben so läuft.

Alles Wichtige, was ihm je passiert war, hatte sich in Bibliotheken abgespielt, dachte Charles und zog sie zu sich aufs Bett. Dann hörte er auf, überhaupt zu denken. Sechs Monate später heirateten sie.

Und lebten glücklich bis an ihr Lebensende.

Dale Bailey

Über Dale Bailey

Biografie

Dale Bailey ist dem Schreiben verfallen und liebt es, Geschichten über die düsteren Seiten des Menschen zu erzählen. Unter anderem wurde er mit dem Shirley Jackson Award ausgezeichnet, seine Fangemeinde in den USA wächst von Tag zu Tag – und von Nacht zu Nacht. Dale Bailey lebt mit seiner Familie in...

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