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Die Unverbesserlichen

Roman

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Die Unverbesserlichen — Inhalt

Jonas Alberding lebt mit seiner Partnerin Ellis in der Flughafenregion Zürich. Dort betreibt er eine kleine Bar, pflegt über Jahre gewachsene Freundschaften und wäre eigentlich glücklich. Wenn Ellis es auch wäre. Aber die ist unzufrieden mit dem, was sie bisher erreicht hat. Sie möchte noch einmal wahrgenommen werden - nicht allein von Jonas. Während Jonas dabei zusehen muss, wie seine Frau eine neue Karriere beginnt, kommt auch sonst Bewegung in die Nachbarschaft: Alte Freunde nehmen Abschied, und neue Menschen von anderen Kontinenten ziehen hinzu. Muss sich auch Jonas neu erfinden, um seine Beziehung zu retten? Wie in seiner Freiamt-Trilogie verwebt Silvio Blatter die Schicksale der Menschen mit dem Fortgang unserer Gesellschaft - zu einem feinsinnigen, warmherzigen und klugen Buch.

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erschienen am 03.04.2017
352 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-492-05814-8
€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 03.04.2017
352 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97604-6

Leseprobe zu »Die Unverbesserlichen«

 Ich lösche das Licht, ich bin der Letzte, der die Bar verlässt und nach Hause fährt. Mein Name ist Jonas Alberding, mir gehört die Tangente, die unvermeidliche Bar an der Main Street vor der historischen Brücke. Wenn ich den VW Passat anlasse und losfahre, schneidet das Scheinwerferlicht in ein samtiges Dunkel. Schwarz ist die Nacht nie, schwarz war sie in einem anderen Jahrhundert.

Die Straße, gesäumt von alten Kandelabern mit neuen LED-Strahlern, führt durch dicht besiedeltes Gebiet. Hier und dort brennt noch Licht, helle Fenster bilden ein Muster. [...]

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 Ich lösche das Licht, ich bin der Letzte, der die Bar verlässt und nach Hause fährt. Mein Name ist Jonas Alberding, mir gehört die Tangente, die unvermeidliche Bar an der Main Street vor der historischen Brücke. Wenn ich den VW Passat anlasse und losfahre, schneidet das Scheinwerferlicht in ein samtiges Dunkel. Schwarz ist die Nacht nie, schwarz war sie in einem anderen Jahrhundert.

Die Straße, gesäumt von alten Kandelabern mit neuen LED-Strahlern, führt durch dicht besiedeltes Gebiet. Hier und dort brennt noch Licht, helle Fenster bilden ein Muster. Nichts blinkt und flirrt und bewegt sich am Himmel, kein Flugzeug landet oder startet zu so später Stunde. Nachtflugverbot. Der Himmel ist leer. Die Sterne zählen nicht, sie sind zu weit entfernt und haben für mich nicht mehr Bedeutung als die blinden Ungeheuer der Tiefsee.

Auf der Anhöhe pulsieren rote Ampeln. Das Ewige Licht der Flughafenregion. Es warnt zu tief anfliegende Maschinen. Seit ich in Glow-M ansässig bin, hat sich das Schicksal dreimal falsch entschieden. Zuletzt köpfte ein Jumbolino (ein Avro RJ100) die Bäume und stürzte ab. Flammen schossen hoch. Stichflammen, als explodierte das Gehölz, als würde der Wald von einer Feuerwalze verschlungen.

Der Flug Berlin–Zürich.

Vierundzwanzig Tote, neun Überlebende.

Menschliches Versagen.

Sterben kann man auch auf der Straße, und wer ständig mit dem Schlimmsten rechnet, sollte sich in kein Auto setzen. Der Straßentod schlägt launisch zu. Ich verdränge das. Auf dem lokalen Netz beginnt um Mitternacht die Geisterstunde der Raser. Getaktet von der Sirene des Krankenwagens, dauert sie am Wochenende bis zum Morgengrauen. Der Gegenverkehr ist schnell, jede Gerade fordert die Berufenen heraus.

Zugedröhnte junge Männer.

Musik und Pillen und Alkohol und Hormone.

Aber in meinem Passat duftet es nach Kuchen, heute ist Dreikönigstag, ich habe für die Bar Dreikönigskuchen gekauft und die übrig gebliebenen Stücke mitgenommen, ich liebe dieses Gebäck.

 

 Scheinwerfer blenden auf, das Licht schießt vor dem Auto aus der Kurve. Ich nehme die Strecke wie im Schlaf, gleite durch die Wellen der Nacht, fahre eine Minute den Schienenstrang der Bahn entlang, neben einem schwarzen Güterzug, den ich langsam überhole. Der Wolf fällt mir ein, der hier gesichtet wurde, der erste Wolf seit einhundert Jahren. Und nach ein paar Tagen war er tot. Er kam quer über die Gleise, eine Lok erfasste ihn.

Trotz der Gefahren gefällt es mir, durch die Nacht zu fahren, an Wohnblöcken und Siedlungen und vereinzelten Häusern vorbei, in denen die meisten Bewohner nun schlafen. Taucht ein flatteriges Licht auf, ist es die Stirnlampe des Seniorenweltmeisters. Er trainiert unermüdlich: für den 100-km-Lauf von Biel, für den Silvesterlauf in São Paulo, für den Marathon rund um den See Genezareth. Ich hatte ihn gebeten, in der Tangente von seinen Läufen zu erzählen. Seitdem grüßen wir einander, wenn unsere Wege sich kreuzen, ich hebe den Arm, er winkelt die Hand an die Schläfe wie ein tadelloser Soldat.

In einem langen Bogen nähere ich mich dem Haus meines Vaters und stelle fest, dass mein alter Herr noch auf ist. Er scheut das Bett, liest und hört Musik und hat eine Heidenangst vor seinen Träumen. Mitten in der Nacht tigert er durchs tote Haus, dimmt das Licht hoch und späht in leere Zimmer hinein. Er hat moderne Leuchten einbauen lassen, die er mit einer Fernbedienung ansteuert. Das Gebäude ragt in voller Beleuchtung aus der dunklen Umgebung heraus. Ich nehme es wahr und behalte es im Kopf, nachdem ich daran vorbeigefahren bin, das Bild glüht nach.

Frage ich meinen Vater, welcher Art seine Träume sind, rettet er sich mit einem Witz.

»Einen ganzen Apfelkuchen musste ich allein aufessen. Und als ich erwachte, war die Bettdecke weg.«

Stopp.

Das Verkehrsschild ist rund um die Uhr verbindlich. Ich halte an und warte kurz, bevor ich wieder Gas gebe. Es wäre mir peinlich, von meinem Freund erwischt zu werden. Officer Silvio Rocchinotti ist im Streifenwagen unterwegs. Noch am Nachmittag haben wir auf dem Sportplatz Elfmeter geübt. Er stand im Tor, ich habe geschossen. Er fluchte und verzog das Gesicht, ich grinste, weil ein scharf getretener Ball, nach dem er sprang, ihm die Finger umbog und ins Tor flitzte.

Jetzt ist er im Dienst.

Langsam gleite ich über die neue Brücke, eine elegante Konstruktion aus Stahlträgern und Drahtseilen, und biege in die kurze Straße ein, in der wir wohnen, Ellis Nemec und ich. Auf dem Parkfeld stelle ich meinen VW Passat neben ihren Mini Cooper. Ich steige aus und lege die Hand auf die Kühlerhaube des Mini. Sie ist kalt. Ellis ist längst zu Hause, sie wird schlafen, Ellis hat einen langen Arbeitstag, ist oft erschöpft und muss früh wieder aus dem Bett. Ich blicke zu unserer Wohnung hoch, die Fenster sind dunkel.

Die Luft regeneriert sich.

Ich achte auf das silbrige Wispern der Bäume, träge plätschert der Fluss, ein vertrautes Aroma lässt mich an Rosen denken, obwohl ich weiß, dass es nicht möglich ist, es ist zu früh im Jahr. Mit Rosen kenne ich mich aus, mein Vater zieht sie, er lässt sie in Bäume klettern.

»Weißt du, warum Rosen in der Nacht so intensiv duften?«, hat er mich einmal gefragt und, ohne mein Nein abzuwarten, behauptet: »Rosen wollen wahrgenommen werden, die Rose stirbt ohne Bewunderung.«

Ich war sein Junge und glaubte ihm. Nun steigt mir der unmögliche Duft in die Nase, dabei liegen abgeräumte Weihnachtsbäume in den winterlichen Gärten, und über mir streichen seltsam von unten beleuchtete Wolken träge westwärts.

Ich schließe nicht die Augen, um die Stimmung auszukosten, ich spule das Heimkommen zügig ab. Es ist immer dasselbe, es bündelt den Tag und entlässt ihn. Es bleibt kein Ballast zurück. Unhörbar setzen meine Turnschuhe auf dem Asphalt auf, und ich könnte jetzt ganz genau sagen, was in meinem Leben das Wichtigste ist. Ich könnte es an den Fingern einer Hand abzählen: Ellis, meine Bar, meine Freunde, Fußball und mein Vater.

Der Lift steigt nach oben.

Ich bin leise, trinke ein Glas Wasser, gehe ins Bad und schmiege mich, endlich im Bett, an Ellis. Der Gedanke, dass wir im Bett nebeneinanderliegen, wie unten auf dem Parkplatz unsere Autos nebeneinanderstehen, sagt mir zu. Unten: zwei Motoren, beide abgestellt, der eine kalt, der andere warm, sie wissen nichts voneinander. Oben: Zwei Herzen pochen, zwei Herzen, die auch nichts voneinander wissen.

Ellis schläft auf dem Bauch, ich lege eine Hand auf ihre Pobacken, ihr Körper nimmt es wahr. So soll es sein. Meine Hand ist wärmer als ihr Po, das gleicht sich rasch aus.

»Es würde mir fehlen«, raunte sie noch im letzten Sommer. »Bevor ich einschlafe, denke ich, dass du bald neben mir liegst, die Pfote auf meinem Hintern.«

Sie hat gelacht und sich auf mich gerollt und mich heftig umarmt. Ich genoss es und denke, dass ich körperliche Nähe mehr suche und brauche als sie. Nun fehlt mir die Zuwendung. Das liegt nicht unbedingt an der Jahreszeit, an den kalten Winternächten, in denen Ellis einen dicken Pyjama trägt und sich in ihre Decke einwickelt. Meine Hand muss sich zu ihr durchwühlen. Sie findet den Po und liegt da, und es dauert nicht lange, bis die Grenze zwischen den Körpern verwischt, ich werde dösig und schlaff und habe kurz vor dem Wegdämmern den Geruch von feuchtem Moos in der Nase.

 

∞ Ellis arbeitet für ein Projekt, das sich The Circle nennt und in Flughafennähe eine Bürostadt aus dem Boden stampfen will. Glas und Stahl. Das ausgewiesene Überangebot an Büro- und Gewerberäumen schreckt die Investoren nicht, anderswo mag so nüchterner Befund Bremswirkung haben, nicht in Glow-M, dem am besten erschlossenen Raum des Landes. Der öffentliche Verkehr ist vorbildlich, Bus, Tram, S-Bahn und Bahn sind optimal verbunden und smart koordiniert. Das Straßennetz ist feinmaschig, das feinmaschigste in Europa, die Autobahn hat ausreichend Zubringer und Abfahrten, moderne Bahnhöfe und der Flughafen gewähren den Anschluss.

Ellis fühlt sich in der Baubranche deplatziert, sie ist seit längerer Zeit schon unglücklich mit ihrer Arbeit. Ich könnte den Beginn ihrer Unzufriedenheit datieren. Die Firma wurde global neu strukturiert, der Job, den sie zu erledigen hat, entspricht nicht mehr der Ausschreibung, auf die sie sich beworben hat. Die anfängliche Begeisterung ist längst der Enttäuschung gewichen, die neuen Forderungen, das neue Anforderungsprofil geht Ellis gegen den Strich. Sie ist überqualifiziert und mental überfordert, findet es irreal, ständig vor Bildschirmen zu sitzen und Tabellen zu erstellen und normierte Formulare auszufüllen, den ganzen Tag nackte Codes einzulesen, unpersönliche E-Mails zu versenden und bunt aufgeplusterte Dokumentationen zu verschicken, die eine moderne Bürowelt simulieren. Man kann im Lift eines noch nicht gebauten Gebäudes in den obersten Stock fahren und in einem fiktiven Großraumbüro mit Arbeitsplätzen, die nach neuen dynamischen und ergonomischen Erkenntnissen designt sind, aus Fenstern mit Storen schauen, die intelligent, wie sich weitende und verengende Pupillen, auf die Sonneneinstrahlung reagieren. Hinausschauen auf eine von japanischen und kalifornischen Gartenbauern gestaltete Landschaft, die es so noch nicht gibt – und die es genauso bestimmt nie geben wird. Ein Teich ist vorgesehen, auf dem Demomaterial ist er so blau und flirrend real, dass niemand sich wunderte, wenn ein bärtiger junger Mann verheißungsvoll lächelnd übers Wasser dahergewandelt käme. Nicht einmal die zahmen Kois im Teich wären überrascht.

Wunder sind angesagt, Börsenwunder und Umsatzwunder. Und am Computer kannst du digital auch Himmel und Hölle designen und visualisieren: mit gemeinsamen Elementen. Aus guten Gründen traut Ellis ihren Augen nicht, der Ist-Zustand und der Soll-Zustand erinnern sie an reißerische Projekte in der arabischen Wüste, die reine Fata Morgana. Mit Musik. Jetzt sind da öde Brachen, auf denen Tiere herumlaufen, Enten und ein angriffslustiger Schwan und ein struppiges Pony, das einem Typen gehört, der in einem Wohnwagen haust.

Im Weiteren sind verstreutes Kleingewerbe und mittelgroße Betriebe zu sehen, langweilige Buden mit Dächern aus Wellblech. Die Wände sind so dünn, dass du mit der Faust ein Loch schlagen kannst. Ein schmaler Bach fließt dahin, an dem ein alter Chinese mit Pfadfinderhut angelt.

Mit ähnlichen Worten hat Ellis mir die Umgebung schon mehrmals beschrieben, in der Tangente, wenn sie nach einem langen Bürotag vorbeischaute, oder zu Hause, bei einem Brunch auf dem Balkon. Es bricht aus ihr heraus, sie wird erleichtert sein, wenn die großen Baumaschinen vorfahren und die Kräne aufgerichtet werden und der Aushub gemacht wird und die Fundamente gegossen werden und endlich die virtuelle Phase beendet ist und die Umsetzung beginnt. Beton, Glas, Stahl. Woran sie längst nicht mehr glaubt, es ist eine Blase, vermutet sie, sie wird platzen.

»Ich will hier weg, ich halte den Job nicht länger aus«, ereifert sie sich. »Der Job ist überhaupt nicht mehr das, was ich will, ich muss wechseln, bevor ich zu alt dafür bin.«

Ich zögere, ihr eine Antwort zu geben, ich kenne ihre Art, den gordischen Knoten zu lösen, Ellis kann aufstehen und den Raum wie ferngesteuert verlassen. Ohne den PC herunterzufahren. Das war es, basta. Sie ist eine energische Frau, und ich fürchte, sie strebt seit Wochen nicht nach Harmonie, sondern wartet, bis ich mich verplappere. Sie hat mich im Visier. Ich weiß in diesen geladenen Momenten genau, was ich sagen müsste, damit sie hochgeht. Ich müsste eine Bemerkung über ihr Äußeres machen, sagen, dass sie gerade jetzt toll aussieht.

Ellis explodiert stimmlich, wenn sie sich veralbert statt ernst genommen wähnt. Sie verabscheut es, eine Herablassung. Wenn ihr etwas ganz wichtig ist, und jemand verniedlicht es. Die Jahre als Mann hinter dem Tresen haben mich gelehrt, wann ich besser schweige. Und mich zurücknehme. Ich halte Abstand. Selbst wenn es sich um die Wahrheit handelt. Ich gebe nie ungefragt Ratschläge. Bilde mir ein, eine besondere Antenne für Dinge zu besitzen, die … Firlefanz, für Ellis ist meine Intuition Firlefanz. Ihr weißes Gesicht verrät alles. Ich hingegen glaube, dass die Intuition die schnellste Art des Denkens ist. Sie nimmt keinen Umweg, sie führt zu Handlungen.

»Du lebst in einer kleinen Welt«, sagt sie scharf, und was meine Zurückhaltung betrifft: »Manchmal wünsche ich, dass auch du einmal aus der Haut fährst.«

»Mir ist meine Welt groß genug.«

Ellis mustert mich, als wäre ich ein trotziger Junge. Ihr Blick hat etwas Dunkles. Ich kenne diesen verdrossenen Ausdruck. Sie klagt über Langeweile, Stress, Ausweglosigkeit, sie denkt, in die Falle gegangen zu sein, und hört im Echo der eigenen Stimme eine fremde, die ihren Sermon wiederholt, aber missbilligend.

»Ich muss bei The Circle bleiben«, fährt Ellis fort, als wäre sie in meinen Gedankenstrom eingetaucht und fühlte sich genötigt, mein nicht ausgesprochenes Kompliment über ihre Attraktivität zu torpedieren. Sie steigert sich: »Ich werde für immer und ewig in dieser Firma hängen bleiben, ich habe keine Wahl, weil ich für einen neuen Job schon zu alt bin.«

Streitlust und Frustration sind ihr ins Gesicht geschrieben. Was ich auch antworte und anspreche, sie entscheidet, ob es sie nervt oder nicht. Mir ist klar, dass zwischen uns ungleiche Verhältnisse herrschen. Ellis sieht sich am falschen Platz, ich denke, ich bin am richtigen. Ich habe eine mich erfüllende Aufgabe. Sie nicht. Es ist ein Privileg, sagen zu können: Ich mache mein eigenes Ding. Sie gönnt und neidet mir das, ich erkenne und bedaure ihre missliche Lage und möchte nicht mit ihr tauschen. Aber ich habe auch gelernt, Ärger aus dem Weg zu gehen.

 

 Eine Woche nach unserem Gespräch. Während ich in der Tangente Belege sortiere, schneit Ellis herein und setzt sich an den Tresen. Ihr Körper ist schmal, das Gesicht wirkt asymmetrisch, sie hat den Pferdeschwanz mit einem grünen Gummi ganz straff gebunden, zieht die Schultern hoch und presst die Ellenbogen an den Körper.

Meinen Gruß erwidert sie knapp, und mein Lachen gefriert.

»Was ist denn los?«

»Frag nichts.«

Ich gehe zu ihr hin, schlinge beide Arme um sie. Ihr Körper ist ungelenk und hart und verkrampft. Ich halte sie umfangen, lege meine Wange an ihre, bis sie sich ein wenig entspannt.

»Ich hol dir ein paar Häppchen«, tröste ich.

Ihre Augen wirken trüb, der Lidstrich ist ein wenig verschmiert, als hätte sie eine Träne weggewischt. Bestimmt ist sie unterzuckert. Ganz bestimmt hatte sie Ärger im Geschäft. Die senkrechte Falte zwischen den Augen ist ein Zeichen für Migräne oder Kummer und Ratlosigkeit, ihre Sorgenfalte. Ich fahre die Musik herunter, der alte Eric Clapton und seine bluesige Gitarre sind nicht gerade Stimmungsaufheller.

Zuerst bringe ich ihr ein Glas Wein.

Beim Essen schaut Ellis auf den Teller, als fiele es ihr unendlich schwer, sich für eines der Häppchen zu entscheiden. Grüne oder schwarze Oliven, gelber oder weißer Käse? Sie leert das halbe Glas in einem Zug und gelangt zum Punkt, als hätten wir das Gespräch über The Circle und darüber, dass sie da unbedingt wegwill, nie unterbrochen.

Sie redet und redet, Ellis ist eine Frau, die laut denken muss und einen Zuhörer braucht und Verwirrungen hasst.

Ich unterbreche sie nicht.

»Wer stellt eine weibliche Person ein, die … wer stellt eine Frau ein«, schnaubt Ellis mit zunehmender Verzweiflung: »Ich bin über fünfzig, das kannst du vergessen«, macht sie mich an, als ich sie zu beschwichtigen suche, als ich tröstend behaupte: »Du hast noch jede Menge Möglichkeiten.«

»In welcher Welt lebst du?«

Sie rümpft die Nase, ihre Stimme klingt, als würde sie lieber beißen statt sprechen, und es kostet sie Überwindung, als handelte es sich um eine Beichte, mir mitzuteilen: »Einmal mehr bin ich bei einer erhofften Beförderung übergangen worden.«

»Bullshit«, sage ich, und sie jault auf.

Ellis bedeckt das Gesicht mit den Händen, sie schämt sich. Ich weiß gleich, dass das ein schlechtes Zeichen ist. Sie hat keinen Grund, sich zu schämen, das falsche Schamgefühl wird sich in Zorn verwandeln. Sie wird die Schmach nicht auf sich sitzen lassen.

»Wie hat man das begründet?«

»Gar nicht.«

»Wer hat es dir gesagt?«

»Niemand. Es gab eine E-Mail der Geschäftsführung.«

»Dass du den Job nicht bekommst?«

»Nein, dass Toby Salter der neue Chef der Abteilung ist.«

Ellis fühlt sich betrogen, sie hat diesen Schritt nach vorn unbedingt machen wollen und ist gekränkt. Eine lange Abfolge von Ungerechtigkeiten hat den Höhepunkt erreicht: Ein dreißigjähriger Mann ist ihr vorgezogen worden und jetzt ihr Chef, ein korrekter Amerikaner mit Schlafzimmerblick. Sie nimmt das ganz persönlich.

»Es wird sich eine andere Tür öffnen«, bleibe ich positiv.

»Du redest Blech, Jonas.«

Sie überdenkt alles und stellt es auf den Prüfstand. Und wenn es ganz arg kommt, stellt sie es sogar an den Pranger. Das ist seit Längerem der Fall. Ein Zustand. Eine innere Spannung. Und falls da in ihr eine Saite gespannt sein sollte, wird sie bald reißen.

»Ich habe meine Position«, sagt sie resigniert. »Ein weiterer Aufstieg ist nicht vorgesehen.«

Ihr Job ist Horror, unser Zusammenleben betroffen, ihr Hormonspiegel launisch. Ich bin nicht mehr unantastbar. Schlechte Aussichten. Ich errate ihre Gedanken nicht, ihre Absichten sind mir schleierhaft, und wenn man endlich merkt, dass die Dinge anfangen schiefzulaufen, läuft meist alles schon längst schief.

»Es gab eine muntere Feier«, sagt Ellis zögernd. »Ein Glas Sekt … im Büro, ich konnte mich nicht drücken. Mein Gesicht schmerzte von der versteiften Artigkeit, aber mittendrin bin ich abgehauen, und nun sitze ich hier.«

»Das hast du gut gemacht«, lobe ich sie.

»Nein, ich war nicht souverän, ich habe mir eine Blöße gegeben, ich hätte mir nichts anmerken lassen dürfen.«

»Du hättest die Sonnenbrille aufsetzen und cool bleiben sollen?«

»Ja, das wäre besser gewesen.«

»Nein, so bist du eben nicht.«

»Du denkst nicht strategisch«, sagt sie. »Es geht nicht darum, wie ich bin, sondern wie ich wahrgenommen werde, capito?«

Was Ellis hasst, ist Schwäche. Sie empfindet es als eine Demütigung, Schwäche zeigen zu müssen. Sie hält die Fäden gern in den Händen. Sie sollte sich lockern.

Da wir ein Paar sind, stehe ich mit ihr im Regen, bin ich Teil ihrer Misere. Ich möchte das Verstrickte aufdröseln. Unsere Lebensumstände klären. Wir müssen die Krise als Paar durchstehen. Den ganzen Murks. Vorerst bleibt mir nichts als Passivität.

»Ich bin hin- und hergerissen«, sagt Ellis.

Sie stockt, sie hat für das, was sie mir sagen möchte, noch nicht die treffenden Worte parat: dafür, dass die Beziehung mit mir, so schön sie auch ist, sich in ihrem Kopf den Platz mit anderen Dingen zu teilen hat. Mit einem neuen Rahmen, den sie für sich schaffen will.

»Jonas, was denkst du von mir?«

Sie schaut mich mit zusammengebissenen Backenzähnen an. Ich habe die Antwort sofort auf der Zunge, nein, ich verschlucke sie nicht, ich spreche sie aus.

»Ich liebe dich, Ellis.«

Ihr Gesicht entspannt sich.

»Jonas, in der Firma werde ich wie Luft behandelt. Ich bin da, und sie sehen mich nicht. Ich sage etwas, und sie hören es nicht, sie denken, sie hätten dies gerade selbst gedacht und gesagt.«

 

 Vor zwanzig Jahren hat Ellis einen Fehler gemacht. In der S-Bahn war sie für einen Augenblick unaufmerksam. Und schon hatte sie zwei Ortsnamen verwechselt. Als Ellis den Irrtum bemerkte, stand sie auf dem Bahnsteig, die Türen des Zuges verschlossen. Es nützte nichts, panisch auf den Öffner zu drücken und die Faust Richtung Lokführer zu erheben.

»Ich stand da, wie vor den Kopf geschlagen«, erzählt sie noch heute gern, wenn sie jemandem die Umstände unseres Kennenlernens schildert. »Ich musste zuschauen, wie die S5 ohne mich abfuhr.«

Es war ein warmer Frühlingstag voller frischer Düfte, die Bäume blühten, die Vögel lärmten, Kinder spielten Fußball auf dem Pausenplatz, mein Vater schnitt die Rosentriebe zurück, die schweren Motorräder waren losgelassen, Gemüsebeete wurden mit Folien bedeckt, die Tennissaison hatte begonnen, man hörte von den Plätzen den satten Klang der Bälle, die volley geschlagen werden.

Ich hantierte hinter dem Tresen. Vielleicht seit einer Viertelstunde hielt ich mich in der Bar auf und wollte eben die Treppe hoch in mein Büro, als eine Frau um die dreißig in die Tangente stürmte.

Ich schaute sie an, verblüfft.

»Beim Bahnhof ist das öffentliche Telefon kaputt«, begann sie gleich zu schimpfen. »Irgendein Idiot hat das Kabel ausgerissen.«

»Schon wieder«, wunderte ich mich.

Wir hatten eben geöffnet, die aufgebrachte Fremde war der erste Gast. Das Haar trug sie offen, es wallte über ihre Schultern. Ein skeptischer Blick traf mich: helle, türkisfarbene Augen, im Weiß nicht die geringste Unreinheit.

»Kann ich hier telefonieren?«

 

 Liebe auf den ersten Blick? Ja! Unbedingt. Trotzdem: Bevor Liebe eine Tatsache wird, ist sie ein Versprechen. Ist es nicht so?

Ellis Nemec, eine gereizte Frau mit strohblondem Haar, hob meine Welt aus den Angeln. Ohne es zu merken. Sie war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, mit ihrem Missgeschick, um das Beben zu erkennen, das ihr Auftritt bei mir auslöste.

In weniger Zeit, als ich benötige, um ein Helles zu zapfen, veränderte sie mein Leben. Ich geriet in ihren Bann, und hätte mich jemand bei ihrem Auftritt fotografiert, wäre auf dem Bild das verdutzte Gesicht eines Mannes zu sehen, der eben von einem hart geschlagenen Tennisball am Kopf getroffen worden war.

Ich wischte mit dem Ärmel über die Augen und die heiß-kalte Stirn, als könnte ich so meine Betriebstemperatur normalisieren.

Wie ungehalten und verächtlich die Frau in der leeren Bar um sich blickte, wie mies gelaunt sie hereingekommen war. Und wie konsterniert sie ihren süßen Hintern auf den Barhocker schob.

Wo bin ich da gelandet? In der Pampa?

Sie zog eine Schnute, kämmte mit den Händen durchs Haar, trommelte mit den Fingern auf den Tresen.

Ich war erschossen, fast schnappte ich nach Luft. Eine tolle Frau, sie war nervös, ich glaubte, dass sie jetzt am liebsten etwas kaputt schlagen würde. Zu meiner Verwunderung bestellte sie keinen trockenen Sherry, um sich zu entspannen, sie orderte einen frisch gepressten Orangensaft und wiederholte:

»Kann ich hier telefonieren?«

Ich gab ihr das schnurlose Telefon.

Ihr Adressbuch lag offen auf dem Tresen, sie wählte eine Nummer, niemand hob ab, und das Signal schien sich in ihrem Ohr mit jeder Wiederholung zu verstärken, bis sie den Hörer auflegte und den Kopf schüttelte.

Ich hatte sie beim Telefonieren beobachtet, ihre Stimmung verdüsterte sich, und mir ging das Herz endgültig auf. Ich halbierte mit dem Messer Orangen und presste den Saft heraus.

»Bitte«, sagte ich und stellte das Glas vor sie.

»Mist«, sagte sie. »So ein verdammter Mist.«

Ich nahm die Äußerung zur Kenntnis. Ich wusste haargenau, dass es ein Fehler wäre, nun einen witzigen Kommentar abzugeben oder eine falsche Frage zu stellen. Ich fühlte mich mit Macht zu ihr hingezogen und musste mir befehlen, sie nicht anzustarren. Sie trug einen blauen Pullover und eine Jeansjacke, dazu einen glockigen Rock und flache Schuhe.

Sie benutzte nochmals das Telefon.

Ich wandte mich ab, reinigte die Saftpresse, warf die Orangenschalen in den Müll und spürte, als sie den Hörer wieder auf den Tresen legte, ihren Blick auf meinem Rücken. Mir war als sei ein Wärmestrahler darauf gerichtet. Die Frau machte mich verrückt. Sie musterte ausführlich meinen Rücken, sie unterzog ihn einer Prüfung. Im Nachhinein weiß ich, sie fand trotz des Ärgers über ihr Ungeschick Gefallen an ihm.

Rasend schnell überschlug ich, was ich tun könnte, um sie hierzuhalten. Wie reagiere ich, falls sie (worst case) vom Barhocker rutscht, den Saft im Stehen austrinkt, bezahlt und geht.

Ich war zweiunddreißig, und mein Rücken war der eines Mannes, der täglich Sport treibt, verstecken musste ich diesen Rücken nicht, ich trug ein blaues T-Shirt mit kurzen Ärmeln, es war Frühling –

»Es darf nicht wahr sein, ich bin einfach zu blöd«, erklärte die Frau sauer und blieb sitzen (best case). »Ich habe die S-Bahn-Haltestellen Glattbrugg und Oberglatt verwechselt, shit, ich war dümmer, als die Polizei erlaubt, oder etwa nicht?«

Sie hatte das Bedürfnis zu sprechen.

»Ich bin richtig fuchsig«, fuhr sie fort. »Der Besichtigungstermin ist verpasst, dabei war ich mir sicher, dass ich die Wohnung bekomme, shit, und jetzt brauche ich etwas Alkoholisches.«

»So was kann jedem passieren, schlecht gelaufen«, begütigte ich vorsichtig, ich musste meine Freude vertuschen.

»In meinem Leben läuft zurzeit zu viel falsch«, sinnierte sie mit einem schiefen Lächeln, verwundert darüber, dass sie das einem Fremden anvertraute.

Silvio Blatter

Über Silvio Blatter

Biografie

Silvio Blatter gilt als einer der »herausragenden Schweizer Gegenwartsautoren« (Südwest Presse). Seine Romantrilogie »Zunehmendes Heimweh«, »Kein schöner Land«, und »Das sanfte Gesetz« machte ihn bei einem breiten Publikum bekannt. Blatter erhielt zahlreiche literarische Auszeichnungen, u.a. den...

Pressestimmen

Passauer Neue Presse

»Unaufgeregt, unterhaltsam und sehr menschlich erzählt Silvio Blatter dialogreich von einer Liebe in der Midlife-Crisis, von der Zerbrechlichkeit des Glücks und inniger Freundschaft.«

041 Das Kulturmagazin (CH)

»Silvio Blatter zeigt sich einmal mehr als grosser Geschichtenerzähler, als genauer Beobachter. Ganz der Tradition von Ernest Hemingway oder Raymond Carver verpflichtet. Es geht ums Älterwerden, um Freundschaften und darum, wie sich die Gesellschaft entwickelt. ›Die Unverbesserlichen‹ ist ein glaubwürdiges Buch. Ein unterhaltsames Buch. Ein kluges Buch.«

literaturmarkt.info

»Die Story feiert das Leben und die Liebe auf besonders schöne und poetische Weise.«

Ruhr Nachrichten

»Lesenswert!«

Aargauer Kulturmagazin (CH)

»Silvio Blatter erzählt in einem unaufgeregten, aber auf zwischenmenschliche Verschiebungen sensiblen Ton von der Spannung zwischen Zufriedenheit, Desillusionierung und ungestillten Sehnsüchten, wie wir sie alle mit uns herumtragen.«

Basler Zeitung (CH)

»Denn auch diese Fußball-Leidenschaft gehört zu Blatters Welt – wie sein in der Schweizer Literatur einmaliges Interesse an Durchschnittsmenschen, über die seine Kolleginnen und Kollegen sonst eher schnöde hinwegsehen. Dieser mittlerweile 71-jährige Schriftsteller ist und bleibt als beharrlich eigene Stimme ein ›Unverbesserlicher‹ (…)«

Luzerner Zeitung (CH)

»Viele kleinere Geschichten, auch mit Nebenfiguren im Zentrum, ergeben ein stimmiges Gesamtbild. (…) Dieses Buch liest man gerne, nicht zuletzt aufgrund der sorgfältigen Sprache und des gedanklichen Reichtums.«

SRF Buchzeichen

»Eine Geschichte aus dem Hier und Heute, leichtfüssig und unterhaltsam, glaubwürdig und ohne Moral. Blatter baut keine Luftschlösser, keine Fantasiewelten. Man kann sich in seinen Figuren wiedererkennen. Und lernt ganz nebenbei viel über das Leben.«

SPIEGEL Online

»Die verwobenen individuellen Dramen führen zu überraschenden Pointen. (...) eine literarische Soziologie des Lebens in der Agglomeration (...).«

Sempacher Woche (CH)

»Blatter erzählt glaubwürdig und realistisch vom Leben in der anonymen Flughafenregion, von den Träumen und Hoffnungen, alltäglichen Ereignissen und vielen persönlichen Hochs und Tiefs seiner Bewohner. Farbig und mit vielen Dialogen spannt sich der Bogen dieses modernen Gesellschaftsromans über die Jahre und zeigt nicht nur die Veränderungen an der Landschaft, sondern auch die der modernen Gesellschaft.«

Schweiz am Wochenende (CH)

»In seinem neuen Heimatroman beweist Silvio Blatter seine Begabung als Gegenwartsautor.«

Mosquito

»Wie in seiner Freiamt-Trilogie verwebt Silvio Blatter die Schicksale der Menschen mit dem Fortgang unserer Gesellschaft - zu einem feinsinnigen, warmherzigen und klugen Buch.«

MYWAY

»Mit Tiefgang.«

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