Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Die Unseligen

Die Unseligen

Thriller

E-Book
€ 9,99
€ 9,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Die Unseligen — Inhalt

»Als hätte sich Joseph Conrad mit Stephen King zusammengetan.« Le Monde

Im Auftrag von Ärzte ohne Grenzen sollen die beiden Franzosen Benjamin Dufrais und Jacques Rougée die Zustände in einem nigerianischen Waisenhaus überprüfen. Als sie bei der staatlichen Einrichtung ankommen, fällt ihnen schnell ein Mädchen auf. Obwohl sie an einem Magengeschwür leiden soll, kann Benjamin keinerlei Anomalien in ihrem Blutbild erkennen. Aber warum schenken die einheimischen Ärzte ihr dann weit mehr Aufmerksamkeit als den anderen, teils schwer kranken Kindern? Noch bevor Benjamin dieser Frage nachgehen kann, stürmt eine schwer bewaffnete Rebellengruppe das Waisenhaus. Und schnell wird klar, dass sie nur ein Ziel haben: Naïs. Sie entführen das einzigartige Mädchen, und auch die beiden jungen Ärzte sind unter den Geißeln…

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 01.07.2016
Übersetzt von: Thorsten Schmidt
544 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98290-0

Leseprobe zu »Die Unseligen«

1

Das Säuseln des Waldes war verstummt.

Die einzigen Hintergrundgeräusche waren jetzt das anhaltende Prasseln des Regens auf das Dach des Waisenhauses und die verängstigten Schreie der Kinder. Pater David war beunruhigt. Er stand an einem Fenster im ersten Stock und betrachtete die Wedel der Dattelpalme, die das große Holzkreuz in einem gleichbleibenden Takt peitschten. Dahinter wogte der in der Finsternis fast unsichtbare Dschungel im Rhythmus des Sturms.

Der katholische Missionar führte die Wasserflasche zum Mund. Die feuchte Luft des Deltas schien [...]

weiterlesen

1

Das Säuseln des Waldes war verstummt.

Die einzigen Hintergrundgeräusche waren jetzt das anhaltende Prasseln des Regens auf das Dach des Waisenhauses und die verängstigten Schreie der Kinder. Pater David war beunruhigt. Er stand an einem Fenster im ersten Stock und betrachtete die Wedel der Dattelpalme, die das große Holzkreuz in einem gleichbleibenden Takt peitschten. Dahinter wogte der in der Finsternis fast unsichtbare Dschungel im Rhythmus des Sturms.

Der katholische Missionar führte die Wasserflasche zum Mund. Die feuchte Luft des Deltas schien mit jeder Stunde unerträglicher zu werden. Er räusperte sich laut, spuckte in einen Aschenbecher und wischte sich die Lippen an einem Hemdsärmel ab. Weder das Wasser noch die Zigarren schafften es, seine Bronchien frei zu machen und den rostigen, erdigen Nachgeschmack auf der Zunge zu lindern.

Er hatte gerade sein achtundsechzigstes Jahr auf dieser Erde gefeiert, als die Sintflut eingesetzt hatte. Seit zwölf Tagen verdunkelten die Wasserhosen jegliches Licht, abgesehen von den hellweißen Adern der Blitze. Pater David seufzte und wandte sich von dem Fenster ab. Mit der Spitze seiner Sandale schob er den Blechtopf, der das Wasser aufnahm, das aus einem Riss in der Decke tropfte, ein Stück vor und drückte auf gut Glück auf den Schalter. Die nackte Glühbirne, die am Ende des ausgefransten Kabels pendelte, leuchtete nicht auf – es war zum Verzweifeln. Der Priester seufzte abermals und ließ sich in den alten Sessel fallen, gegenüber dem Kruzifix, das er schemenhaft über seinem Schreibtisch erkannte.

Am Morgen des dritten Tages war der Strom ausgefallen, und er kehrte nur noch ab und zu für ein oder zwei Stunden zurück. Das gesamte Waisenhaus der Petits Frères du Peuple lebte im Halbdunkel und in der Ungewissheit, ob die Nacht endlich dem Tag gewichen war. Auf alten Kochern, die sie gegen Medikamente eingetauscht hatten, erhitzten die Missionare Wasser und Milch für die Säuglinge. Die Vorräte der Apotheke waren um die Hälfte geschrumpft, und der leiseste Hustenanfall, der harmloseste Durchfall beunruhigten sie und ließen sie kein Auge zumachen.

Pater David durchwühlte seine Taschen und zog eine jener modrigen Zigarren heraus, die auf dem Markt von Owerri verkauft wurden. Er hatte den afrikanischen Kontinent von Kapstadt bis Somalia durchstreift, eine Reise, die er gleich nach dem Abschluss des Priesterseminars in Angriff genommen hatte und die ihm, mit nur fünfundzwanzig Jahren, schon graue Haare und den Körper eines völlig ausgelaugten Mannes eingebracht hatte. In Namibia hatte er im Busch gelebt, zu Beginn des Diamantenkriegs Sierra Leone durchquert, das Wort Gottes bis in den Sudan getragen, aber er konnte sich nicht erinnern, dass er schon einmal eine solche Hölle durchgemacht hatte. Zweifellos hing es mit seinem Alter zusammen, oder aber – er musste es gestehen – mit seinem Glauben, der im Lauf all dieser Jahre mehr und mehr verkümmert war.

Der erste Zug an seiner Zigarre erinnerte ihn daran, wie bitter der nigerianische Tabak war, genauso bitter wie das Fleisch und das Gemüse vom Ufer des Niger. Der Koch des Waisenhauses bestreute jedes Gericht dick mit Gewürzen und Küchenkräutern, um es essbar zu machen, aber selbst Safran und Zimt konnten diesen verfluchten bitteren Geschmack nicht überdecken. Sogar die Süßigkeiten, die die Priester manchmal für die Geburtstage ihrer Zöglinge kauften, schienen aus gepanschtem Zucker hergestellt worden zu sein.

Die ganze Region ist bis zu den Wurzeln vom Erdöl verseucht, dachte der Priester.

Der Schlamm des Niger, das Grundwasser, die Maniokfelder – alles war durch das aus defekten Pipelines heraussickernde Öl verpestet. Unentwegt lag der Gestank von verfaulenden Pflanzen in der Luft, und kein Sturm war stark genug, um diesen Geruch zu vertreiben. Die Regenfälle der letzten Tage hatten die Sumpflandschaft des Deltas überschwemmt, und eine dünne Schicht aus schwärzlichem Öl hatte die Felder überflutet, die Fischernetze verklebt und Hunderte von Fischen getötet, die an der Oberfläche des Flusses trieben.

So konnte es nicht weitergehen. Pater David stützte seinen Kopf auf die Rückenlehne. Die örtliche Bevölkerung litt zu sehr. Vor dem Hintergrund des obszönen Reichtums der Mineralölkonzerne zeichnete sich die Not der Bewohner des Deltas allzu deutlich ab. Schon bald würde sich eine Woge der Empörung erheben, davon war er überzeugt, ja, er wünschte es sich geradezu.

Obwohl er überzeugter Marxist war, lehnte er jede Form von Gewalt ab. Bis zu einem gewissen Punkt. War der schmale Grat zwischen dem, was gerade noch moralisch vertretbar war, und der Barbarei überschritten, waren Waffen in seinen Augen die einzige mögliche Reaktion. Und eine AK-47 hatte immer eine stärkere Wirkung als ein Rosenkranz.

Er zündete die kalte Asche seiner Zigarre noch einmal an. Er war nach Afrika gekommen, um der Kirche und der sozialistischen Revolution gleichermaßen zu dienen. Er war rundum gescheitert. Die Macht des Islam wuchs, und das kommunistische System war auf Erden eine Utopie. Hugo Chávez in Venezuela und Fidel Castro auf Kuba hielten die Illusion aufrecht, es sei noch möglich, gegen den Kapitalismus zu kämpfen, aber es blieb eine Illusion.

Eingelullt von den Geräuschen, die aus dem Schlafsaal unter seinen Füßen aufstiegen, dachte Pater David über seine Misserfolge nach und fragte sich, ob die kommunistischen Priester, die in Lateinamerika Gottesdienste feierten, wohl auch den Eindruck hatten, dieses neue Jahrtausend markiere das Ende der Ideale.

»Pater?«

Die dünne Stimme vor der Tür seines Schlafzimmers riss ihn aus seinen Gedanken.

»Ja? Herein.«

Ein Jugendlicher schob den Kopf durch den Türspalt und hielt Ausschau nach der von der Dunkelheit eingehüllten Gestalt von Pater David.

»Guten Abend, Georges«, sagte der Priester.

»Pater, jemand fragt nach Ihnen.« Der junge Nigerianer wirkte ein wenig verlegen. »Eine Frau …«, fügte er hinzu.

»Eine Frau?«

»Sie sagt, dass sie Sie kennt und dass sie Ihnen etwas Wichtiges sagen müsste.«

»Etwas Wichtiges, was soll das sein, Georges?«

»Ich weiß es nicht. Sie will nur mit Ihnen sprechen.«

Pater David warf einen Blick zum Fenster, und seine Miene verdüsterte sich. Wenn sich jemand die Mühe machte, bei dieser Sintflut hierherzukommen, bedeutete das, es ging um einen Notfall. Er fühlte sich zu erschöpft, um sich jetzt noch mit einem größeren Problem zu befassen. Er flehte darum, dass es nur jemand war, der für die Nacht Unterschlupf suchte.

»Sag ihr, dass ich komme.«

 

Die Frau stand unter dem Vordach aus Wellblech. Sie war in eine blaugrüne Tunika gehüllt und drückte ein Bündel an ihre Brust. Sie zupfte nervös an den Zipfeln des Gesichtsschleiers, der ihre Schultern und Haare bedeckte. Der Stoff klebte an ihrer Haut und ließ einen hageren, von Hunger, Drogen oder Krankheit ausgezehrten Körper erkennen.

Den Priester überfiel ein Gefühl der Vertrautheit, er verspürte eine plötzliche Hitzewelle, die sich legte, als er das Gesicht der Besucherin sah. Sie musste zwischen fünfunddreißig und vierzig Jahre alt sein, aber ihr Gesicht war gezeichnet, so eingefallen wie das einer alten Frau. Er vermutete, dass HIV oder eine andere verdammte Krankheit der gleichen Sorte ihre Immunabwehrkräfte schleichend schwächte, was bereits ihr äußeres Erscheinungsbild veränderte.

»Guten Abend, ich bin Pater David …«

Sie blickte langsam zu ihm auf, als sich ihre Blicke trafen, wich er zurück. Es war eine unwillkürliche Reaktion, so abrupt wie die Hitzewelle in seinem Bauch, sein Körper reagierte unabhängig von seinem Geist auf die Anwesenheit dieser Frau. Er fing sich wieder und räusperte sich.

»Kann ich Ihnen helfen?«

Über dem Dschungel leuchtete ein heller Blitz auf, ehe eine Sekunde später das ohrenbetäubende Grollen des Donners zu hören war. Das Bündel, das die Frau an ihre Brust drückte, wand sich und stieß eine Art Röcheln aus, das der Priester mühelos einordnen konnte. Es durchzuckte ihn kalt, als er die Gründe erriet, die diese Mutter dazu veranlasst hatten, den Unbilden des Wetters zu trotzen.

Das Waisenhaus der Petits Frères du Peuple beherbergte zweihundert Kinder, darunter fast fünfzig Säuglinge. Seit seiner Ernennung zum Direktor musste Pater David mit dem stetigen Zustrom neuer Waisen klarkommen.

Aufgrund der Hungersnöte im Norden des Landes und der gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Christen verließen die Bauern ihre Felder und versuchten ihr Glück in Lagos oder Port Harcourt. Sie tauschten ein Elend gegen ein anderes ein. Und wie immer mussten es die Kinder ausbaden. Malaria, Cholera-Epidemien, Ruhr, Vergiftung, Unterernährung: Die Kindersterblichkeit in der Region lag bei über dreißig Prozent.

Die Frau hatte noch kein Wort gesagt, und der Priester fragte sich, ob sie Englisch sprach. Er beugte den Kopf und setzte jene Betroffenheitsmiene auf, die sein Gegenüber normalerweise sofort Vertrauen zu ihm fassen ließ.

Da er es Hunderte Male wiederholt hatte, wusste er, was er zu den Eltern sagen musste, um sie zu beruhigen, sie auf das hinzuweisen, was sie ihren Kindern nicht mehr geben konnten. Denn er hatte schon längst aufgehört, sie zu überreden, ihr Baby zu behalten. Die Junkies und die Kranken im Endstadium waren emotional so labil, dass es genügte, das Bedürfnis des Kindes nach Liebe zu erwähnen, damit sie sich anders besannen. Dann versprachen sie, sich um ihr Kind zu kümmern, schworen, liebevoll für es zu sorgen und sogar ihr Leben zu ändern. Aber diese Versprechen hielten nur bis zur nächsten Crackpfeife oder einem neuen Schmerzanfall. Und die tiefen Wasser des Niger verbargen allzu viele Leichen von Neugeborenen.

»Unser Heim«, sagte er, wobei er jede Silbe deutlich von der nächsten absetzte, »bietet Ihrem Kind eine echte Chance. Es wird medizinisch versorgt, und wir geben ihm drei Mahlzeiten am Tag. Wir legen großen Wert auf Bildung, wir bringen ihm Lesen und Schreiben bei. Sie sollten auch wissen, dass wir regelmäßig Ausbildungsgänge für verschiedene Berufe organisieren …«

Er hielt inne, da er sich zunehmend unwohl fühlte, ohne es sich erklären zu können. Die Frau sah ihn an, genauer gesagt: Sie starrte ihn an, höchst konzentriert, aber scheinbar ohne ihm zuzuhören.

»Sofern kein Adoptionsantrag gestellt wird«, fuhr er fort, »behalten wir die Kinder bis zu ihrem vierzehnten Geburtstag, und wir tun unser Möglichstes, damit sie später Arbeit finden.«

»Du erkennst mich nicht, oder?«, unterbrach sie ihn.

»Wie bitte?«

»Du erinnerst dich wirklich nicht an mich, wie?«

Ein fassungsloser Pater David verstummte. Die Stimme dieser Frau, ihr moduliertes Timbre, rief ihm tatsächlich etwas in Erinnerung, ein fernes Gefühl, wie von Nebel umhüllt, als ob eine Kraft tief in seinem Innern, vielleicht sein Gewissen, ihn sorgfältig auf Distanz hielt.

»Nein, tut mir leid …« Nach kurzem Zögern fragte er: »Sind wir uns schon einmal begegnet?«

»Du hast mit mir geschlafen.«

Der Priester war sich nicht sicher, ob er richtig gehört hatte. Der Satz schwebte einen Moment zwischen ihnen, losgelöst von jeder Wirklichkeit. Das Rauschen des Windes, das Plätschern des Regens auf dem gestampften Boden, das regelmäßige Schlagen eines Fensterladens gegen die Mauer, alles war verschwunden, ausgelöscht durch diesen einen Satz.

»Du hast sogar gesagt, dass du mich liebst«, fügte sie hinzu, ohne ihn aus den Augen zu lassen.

Pater David taumelte. Er klammerte sich am Türpfosten fest, ohne die Splitter zu spüren, die sich in seine Haut bohrten. Er wollte leugnen, wusste jedoch schon, bevor er seine Einwendungen auch nur formulieren konnte, dass sie vergeblich wären. Das letzte Bollwerk seines Gedächtnisses gab nach, und wie er plötzlich seinen nackten Körper sah, der sich zwischen den Schenkeln dieser Frau bewegte, wurde ihm ganz schlecht. Unter der durchnässten Tunika erkannte er die Kurven, die er begehrt hatte, die Brust, in die er gebissen hatte. Der süßsaure Geschmack ihres Schweißes, ihres Geschlechts erfüllte seinen Mund, wie wenn dieses nächtliche Abenteuer gestern stattgefunden hätte.

Er war von jeher der Meinung gewesen, dass das Gelübde der Ehelosigkeit eines Priesters nicht Keuschheit bedeutete. Doch hatte eine unbegründete Angst ihn davon abgehalten, all den Regungen seines Triebes nachzugeben. Er fühlte sich so wie ein verheirateter Mann, der versucht ist, seine Frau zu betrügen, den jedoch an der Schwelle seines Hotelzimmers etwas zurückhält.

Nur fünf Mal war sein Verlangen stärker gewesen als diese irrationale Angst davor, die Regeln der Kirche zu übertreten. Und die fünfte Versuchung, der er erlegen war, stand jetzt vor ihm, und sie war anders als das verschwommene Bild, das er von ihr behalten hatte. Ihr schien jene Aura abzugehen, die ihn verwirrt hatte, als er sich, schon recht betrunken – so sehr, dass er sogar wieder ins weltliche Leben hatte zurückkehren wollen –, auf die Theke einer Bar in Lagos gelehnt und sie erblickt hatte, allein und genauso verloren wie er. In einem schäbigen Separee, das von dem schwachen rosa Licht einer Neonröhre kaum erhellt worden war, hatte er ihr gegenüber Platz genommen, und einige Stunden später hatten sie sich unter den schmutzigen Laken einer Dachkammer wiedergefunden – ohne dass er genau wusste, wie sie dorthin gelangt waren.

Alles war so schnell, so leicht gegangen, dass er beim Aufwachen fest davon überzeugt gewesen war, eine Prostituierte aufgegabelt zu haben. Aus seiner Überzeugung war eiskalte Angst geworden, als ihm bewusst geworden war, dass keine Kondomverpackung auf dem abgewetzten Teppichboden lag. Die Tatsache, dass er in diesem Punkt gegen keine päpstliche Vorschrift verstoßen hatte, hatte ihm keine Erleichterung verschafft.

Als Pater David sie so schwach, so kümmerlich sah, spürte er, wie das Adrenalin, brennend wie Ätznatron, durch seine Adern schoss. Bei dem Gedanken, dieses Phantom eines kurzen sexuellen Abenteuers, das er zu vergessen suchte, könnte mit HIV infiziert sein, drehte sich ihm der Magen um. Und eine Sekunde lang schien es ihm, als wäre er in einem grotesken Traum gefangen, in welchem Gott in Gestalt dieser Frau beschloss, ihn für seine Verfehlungen zu bestrafen oder sich auf seine Kosten zu amüsieren, indem er ihm mitteilte, dass er sich wahrscheinlich mit Aids infiziert hatte.

»Es ist lange her …«, brachte er endlich hervor.

Sie antwortete nicht – aber sie zitterte jedes Mal, wenn der Regen und die Sturmböen ihren Rücken peitschten. Der Säugling in ihren Armen weinte leise, doch sein Schluchzen wurde überdeckt von den tausend Geräuschen des Unwetters.

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll, ich …«

Er verstummte, rang nach Worten. Die Situation erschien ihm so absurd, dass ein Teil von ihm die Möglichkeit nicht ausschloss, dass diese ganze Szene nur ein Traum war, ein Trugbild, genährt von nachhallenden Schuldgefühlen.

»Ich weiß nicht, wieso Sie hier sind … und auch nicht, was ich für Sie tun kann …«

»Das ist deine Tochter«, sagte sie ebenso abrupt, wie wenn sie von einer Brücke hätte springen müssen.

 

Pater David starrte entgeistert die Frau an, die gerade, ohne Umschweife, das Undenkbare behauptet hatte.

Eine seltsame Anziehungskraft ließ seinen Blick langsam über ihre Brust und ihre spindeldürren Arme gleiten, wo er dem des Kindes begegnete.

Ihm schnürte sich die Kehle zu.

Die tiefschwarzen Augen hielten ihn gefangen. Er fühlte sich hilflos und war zugleich erschrocken.

Er hatte so viel Blut fließen sehen, dass es ausreichen würde, um für alle Zeiten sämtliche Flüsse Afrikas rot zu färben, er hatte gesehen, wie Macheten Köpfe spalteten, als wären es gewöhnliche Melonen, er hatte gesehen, wie mit Benzin übergossene Frauen und Kinder bei lebendigem Leib verbrannt wurden, und er hatte in sich immer den Mut gefunden, sich seinen Ängsten zu stellen und sie zu überwinden. Vielleicht hatte ihn sein Glaube davor bewahrt, wahnsinnig zu werden, vielleicht auch die unerschütterliche Überzeugung, dass ein Mensch böse wird, weil er leidet. Aber weder der Glaube noch die Überzeugung halfen ihm, die entsetzliche Angst, die ihm dieses Kind einflößte, zum Verstummen zu bringen.

»Meine Tochter …«, wiederholte er.

»Sie heißt Naïs.«

»Das kann nicht sein«, flüsterte er zu sich selbst. »Sie lügen … Und selbst wenn Sie ein …« Das Wort wollte ihm nicht über die Lippen kommen. »… ein Kind von mir gehabt hätten … dieses Mädchen ist zu jung, viel zu jung.«

Mit einer erregten Geste wischte sie den Einwand bei­seite.

»Ob du mir glaubst oder nicht, das hat keine Bedeutung.«

»Was wollen Sie dann?«

Sie warf einen Blick hinter sich, Richtung Dschungel und Straße, und als sie das Knattern eines Motors hörte, näherte sie sich dem Priester. Sie wartete, bis die Rücklichter der alten Schrottkiste, die im Slalom um die Pfützen fuhr, in der Finsternis verschwunden waren.

»Ich will, dass du sie hier behältst«, sagte sie ein wenig leiser, »ich will, dass du sie beschützt …«

»Wovor soll ich sie beschützen?«

»Sie haben versucht, sie umzubringen …« Wieder suchte sie mit den Augen die Straße ab. »Sie glauben, wenn sie sie töten, würde ihre Macht auf sie übergehen. Sie wollen ihre magische Kraft, verstehst du? Deshalb musst du sie bei dir behalten.«

Der Priester empfand eine jähe Erleichterung, die genauso stark war wie der Schreck, der sich vorhin seiner bemächtigt hatte.

»Wie lang sind Sie schon krank?«, fragte er sanft.

»Warum willst du das wissen?«, stieß sie hervor, auf Abwehr eingestellt. »Du hältst mich für verrückt, nicht wahr? Du glaubst, das alles wäre nur da drin, wie?« Mit dem Finger tippte sie an die Schläfe.

»Ja …«

»Ich bin nicht verrückt.«

Pater David legte mitfühlend eine Hand auf ihre Schulter. Er hatte einige Monate lang in einer psychiatrischen Klinik im Nordosten Kameruns gearbeitet und festgestellt, dass eine Geisteskrankheit nicht nach den gleichen Kriterien wie in Europa diagnostiziert wurde. Er hatte gesehen, wie Ärzte einen Mann, unter dem Vorwand, er sei der Hexer des Dorfes, freigelassen hatten. Der Mann war überzeugt gewesen, die Geister der Toten hätten ihn dazu gezwungen, seiner Ehefrau und seinen drei Brüdern die Kehle durchzuschneiden. Jeder westliche Psychiater hätte die Symptome einer schweren Paranoia erkannt und ihn in eine Gummizelle gesteckt.

»Warum sollte es jemand auf Ihre Tochter abgesehen haben?«

»Sie besitzt besondere Kräfte«, sagte sie zitternd. »Und sie wollen sie umbringen, um sie ihr zu rauben.«

»Was für Kräfte?«, fragte er, während er das Puppengesicht des Mädchens betrachtete.

»Behalte sie bei dir, und du wirst es selbst sehen.«

Der Priester machte eine müde Handbewegung.

»Wer will sie töten?«

»Das hat in Lagos begonnen, zuerst waren es die Leute aus meinem Viertel. Sie haben heimlich über sie gesprochen und sogar ein zandji für sie veranstaltet …«

Pater David seufzte. Es war ihm nie gelungen, an einem zandji teilzunehmen. Nur die Eingeweihten durften diesen Ritualen der schwarzen Magie beiwohnen. Doch er kannte den unheilvollen Einfluss dieser Versammlung sogenannter Hexer auf die schlichten Gemüter. Die jüngste Strafgefangene in Nigeria war ein perfektes Beispiel dafür. Dieses dreizehnjährige Mädchen namens Haussa hatte nicht weniger als einundfünfzig Giftmorde gestanden.

»Ich bin geflohen«, fuhr die Mutter fort, während sie die Wange ihrer Tochter streichelte, »ich habe Lagos verlassen und sie mit zu meinen Eltern genommen, in ein Dorf in der Nähe von Port Harcourt … Aber dort hat es wieder angefangen. Ich wollte sie in der Pfingstkirche taufen lassen, aber der Pastor … der Pastor hat gesagt, sie sei eine Hexe, und du weißt, was sie mit Hexen machen, oder?«

»Ja, ich weiß es«, antwortete der Priester mit ernster Miene.

Als Reaktion auf den wachsenden Einfluss des Islam im Norden des Landes waren im Süden so viele christliche Kirchen und Gemeinschaften aus dem Boden geschossen, dass sie heute zahlreicher waren als Banken und Krankenhäuser zusammengenommen. Die meisten Pastoren gehörten Splittergruppen der offiziellen Kirchen an und lieferten sich einen erbitterten Wettstreit um neue Mitglieder. Ein Kind als Hexe zu »überführen«, war für sie ein sicheres Mittel, um neue Anhänger zu gewinnen, konnten sie damit doch zeigen, dass sie über eine spirituelle Kraft verfügten, die sie in die Lage versetzte, Hexerei zu erkennen. Ihre Opfer suchten sie sich unter Waisen- und Straßenkindern, Behinderten oder bei den ärmsten Familien. Und die Exor­zismusrituale waren nichts anderes als Akte reiner Barbarei, wie das Beispiel jenes fünfjährigen Jungen zeigte, der zu Beginn des Jahres von seinem Vater und dem Pastor dazu gezwungen worden war, drei Liter Säure zu trinken.

Das Waisenhaus der Petit Frères du Peuple hatte Dutzende dieser »Kinderhexer« aufgenommen. Aber das reichte bei Weitem nicht aus. Die letzten Daten, die UNICEF Pater David übermittelt hatte, wiesen allein für die Regionen Akwa Ibom und Rivers über einen Zeitraum von zehn Jahren fünfzehntausend Opfer solcher Anschuldigungen und tausend Ermordete nach.

»Sieh her, was sie ihr angetan haben …«

Sie löste das Tuch, in welches das Mädchen gewickelt war, und das Herz des Missionars krampfte sich zusammen, als er die rituellen Male um ihren Nabel entdeckte. Die Narben hatten die Form eines heidnischen Symbols. Er glaubte, ein Anch-Kreuz zu erkennen.

»Meine Brüder haben ihr das angetan«, fuhr sie fort, während sie mit den Fingerspitzen über die Verbrennungen strich. »Der Pastor hat es ihnen befohlen, sonst wäre Gott wütend auf sie und ihre Familien.« Sie unterdrückte einen Seufzer, und der wimmernde Laut, der sich ihrer Kehle entrang, hatte etwas Ergreifendes. »Er hat gesagt, dass Naïs verflucht ist.«

Pater David fragte sich, wie man einem Kind solches Leid zufügen konnte. Er korrigierte sich: jedem beliebigen Menschen. Er atmete tief ein und betrachtete die grün-bronzene Dunkelheit über dem Gelände des Waisenhauses.

»Ich bin wieder geflohen. Ich bin ins Krankenhaus gegangen, damit die Ärzte sie behandeln, und dort habe ich das hier gefunden …«

Sie durchsuchte die Falten ihrer Tunika und zog eine vom Regen aufgeweichte Broschüre heraus. Die Tinte war zerlaufen, und die Pappe war zerrissen, trotzdem erkannte Pater David einen der Tausende von Faltprospekten, die das Waisenhaus in den Kinderkliniken und auf den Kinderstationen von Krankenhäusern verteilt hatte. Er und die anderen Priester waren auf einem Schwarz-Weiß-Foto inmitten ihrer Schützlinge zu sehen.

»Da habe ich verstanden, dass mir das Schicksal ein Zeichen gesandt hatte«, sagte sie mit heiserer Stimme.

Der Priester zündete sein Feuerzeug an und führte es an seine Zigarre. Der Widerschein der Flamme funkelte in den Augen des kleinen Mädchens, das einen durchdringenden Schrei ausstieß und sich an den Hals seiner Mutter flüchtete.

»Was hat sie?«, rief Pater David.

»Sie fürchtet sich vor Feuer. Wegen dem, was sie ihr angetan haben.«

Sie streichelte das Haar ihres Kindes und flüsterte die Worte eines Abzählreims der Haussa.

»Sie wollten sie mit Flammen reinigen. Der Pastor sagte, das sei das einzige Mittel, um ihr das Böse auszutreiben.«

»Es tut mir leid«, flüsterte der Missionar.

Irritiert vom Schluchzen des Kindes, warf er die Zigarre in den Hof und streckte die Arme aus.

»Kann ich sie nehmen?«

Die Mutter zögerte. Ein mattes Lächeln tanzte auf ihren Lippen, ein Lächeln, halb Erleichterung darüber, dass sie getan hatte, was sie tun musste, um ihr Kind zu retten, halb herzzerreißender Schmerz darüber, dass sie es zurücklassen musste.

Der Priester nahm das kleine Mädchen in seine Arme, und eine unerklärliche Anwandlung von Zärtlichkeit erwärmte ihm das Herz.

Der lauwarme Körper, der sich an ihn kuschelte, roch nach Milch und frisch geschnittenen Kräutern. Und dieser Geruch hielt den schwereren von Erde und den salzigen von Schweiß auf Distanz. Er schob die Hand unter den Nacken des kleinen Mädchens, und als er sie ansah, schlug sein Herz schneller. Seltsamerweise schien das Herz von Naïs nach und nach im gleichen Rhythmus zu schlagen.

Sie wirkte so zerbrechlich, so zart, dass er fürchtete, ihr die Knochen zu brechen, wenn er sie drückte. Diese schwarzen Augen, die ihn zuerst erschreckt hatten, schimmerten jetzt sanft wie eine Sommernacht. Ihre braune Haut, die an den Wangen rotbraun war, war nicht so dunkel wie die ihrer Mutter, als ob …

Ihr Vater ist ein Weißer.

Er legte diese Schlussfolgerung sorgfältig in einem Winkel seines Gehirns ab und sagte sich immer wieder, dieses Kind sei zu jung, um seine Tochter sein zu können. Doch so fest seine Überzeugung auch war, hatte ein Zweifel – ein sehr schwacher, aber durchaus realer Zweifel – seine zersetzende Wirkung begonnen, und die Zukunft sollte ihn weiter verstärken.

Die Mutter streichelte lange das Gesicht ihrer Tochter, als fürchtete sie, diese würde sie vergessen. Die Gedanken des Priesters erratend, flüsterte sie: »Das ist unsere Tochter. Aber es ist egal, ob du mir glaubst oder nicht. Du musst sie beschützen. Ich kann nicht mehr nach Hause gehen, und Naïs würde es nicht überleben, wenn ich sie mitnehmen würde …«

»Sie wird hier sicher sein.«

Sie schüttelte den Kopf und drückte noch einmal Naïs’ Hand.

»Schwör mir, dass du sie beschützt.«

Pater David meinte es ernst, als er sagte: »Ich gebe Ihnen mein Wort.«

Aurélien Molas

Über Aurélien Molas

Biografie

Aurélien Molas, geboren 1985 in Tarbes, hat in Madrid gelebt und wohnt heute in Paris, wo er als Drehbuch- und Romanautor tätig ist. »Die elfte Geißel«, sein erster Thriller, wurde mit dem Prix Sang pour Sang polar, dem Prix Noir de Noir des lycéens und dem Prix Raisin Noir du polar ausgezeichnet.

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden