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Die unbekannte TerroristinDie unbekannte Terroristin

Die unbekannte Terroristin

Roman

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Die unbekannte Terroristin — Inhalt

In einem Fußballstadion werden drei Bomben entdeckt, und Gina Davis verbringt eine Nacht mit einem Fremden. Als sie aufwacht, ist der Mann verschwunden und sie eine mutmaßliche Terroristin. Noch bevor sie alles aufklären kann, entgleitet ihr die Kontrolle über ihr Leben. Wer soll ihr noch glauben? Sogar sie selbst kann sich der endlosen Schleife der Fernsehbilder kaum entziehen. Gina wird klar, dass die politische und mediale Maschinerie nicht mehr zu stoppen ist: Sie ist nun der Feind. Sie ist die Angst vor der Bedrohung durch das Unbekannte, das unsere Welt in Angst und Schrecken versetzt.

 

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 02.11.2017
Übersetzt von: Eva Bonné
336 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31187-8
€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 01.09.2016
Übersetzt von: Eva Bonné
336 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97517-9

Leseprobe zu »Die unbekannte Terroristin«

1

Die Vorstellung, Liebe könnte nicht genug sein, ist besonders schmerzhaft. Im Angesicht dieser Befürchtung versucht die Menschheit seit Jahrhunderten, den Beweis für die Liebe als größte Macht auf Erden in sich selbst zu finden.

Jesus ist ein ausgesprochen trauriges Beispiel für dieses aussichtslose Bemühen. Jesus’ unschuldiges Herz konnte gar nicht genug Liebe bekommen. Es forderte sie, wie Nietzsche bemerkte, mit aller Härte und wie im Wahn von den Menschen ein, und zur Strafe für all jene, die ihm ihre Liebe verweigerten, erfand er die Hölle. Um [...]

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1

Die Vorstellung, Liebe könnte nicht genug sein, ist besonders schmerzhaft. Im Angesicht dieser Befürchtung versucht die Menschheit seit Jahrhunderten, den Beweis für die Liebe als größte Macht auf Erden in sich selbst zu finden.

Jesus ist ein ausgesprochen trauriges Beispiel für dieses aussichtslose Bemühen. Jesus’ unschuldiges Herz konnte gar nicht genug Liebe bekommen. Es forderte sie, wie Nietzsche bemerkte, mit aller Härte und wie im Wahn von den Menschen ein, und zur Strafe für all jene, die ihm ihre Liebe verweigerten, erfand er die Hölle. Um die Ohnmacht und das Scheitern der menschlichen Liebe zu entschuldigen, blieb ihm letztendlich nur, einen Gott zu erschaffen, der »ganz Liebe« war.

Jesus, der sich dermaßen nach Liebe sehnte, war fraglos ein Verrückter, und als er mit dem Scheitern der Liebe konfrontiert wurde, hatte er keine Wahl, als in den Tod zu gehen. Weil er wusste, dass Liebe nicht genug ist, und weil er eingesehen hatte, dass er sein eigenes Leben opfern müsste, um den Fortbestand der Menschheit zu ermöglichen, ist Jesus der erste, wenn auch nicht der letzte Selbstmordattentäter der Geschichte.

 

Nietzsche schrieb: »Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit.« Es war der Gedanke eines Träumers. Heute ist täglich irgendwer irgendwo Dynamit, und nicht nur in Gedanken. Diese Menschen sind lebende Tote, so wie alle, die zufällig um sie herumstehen. Die Realität wird nie von Realisten gemacht, sondern von Träumern wie Jesus und Nietzsche.

Nietzsche fürchtete irgendwann, die Welt könnte ausgerechnet vom Bösen in ihr angetrieben werden, von der Zerstörung. In seinen Schriften hat er versucht, sich mit den Schrecken dieser Welt zu versöhnen.

Bis er eines Tages sah, wie ein Kutscher brutal auf ein Pferd einschlug. Er lief hin, umklammerte den Hals des Tieres und weigerte sich, wieder loszulassen. Kurz darauf wurde er für verrückt erklärt und für den Rest seines Lebens in ein Irrenhaus gesperrt.

Nietzsche konnte sich die vielen Erscheinungsformen der Liebe noch schlechter erklären als Jesus – Mitgefühl, Güte, ein Pferd zu umarmen, um es vor Schlägen zu retten. Letztendlich konnte Nietzsches Philosophie nicht einmal Nietzsche erklären, den Mann, der sein Leben für ein Pferd geopfert hat.

Dann wiederum treffen die Theorien nie ins Schwarze. Nicht einmal Chopin selbst konnte die Nocturnes erklären. Warum die Tänzerin, die von allen nur Puppe genannt wurde, von Chopins Nocturnes so fasziniert war, ist ein Handlungsstrang dieser Geschichte. Indem sie hörte, was Chopin nicht erklären konnte, fand sie eine Erklärung ihres Lebens. Sie konnte natürlich nicht ahnen, dass es gleichzeitig die Ankündigung ihres Todes war.

 

SAMSTAG

2

Die Puppe tanzte an der Stange. Sie war sechsundzwanzig, behauptete aber routiniert und seit ihrem siebzehnten Lebensjahr, zweiundzwanzig zu sein. Sie war klein und dunkel, und über ihrem fein geschnittenen Gesicht mit den Mandelaugen erhob sich krauses, schwarzes Haar.

»Also, ihre Figur«, sagte Jodie, eine Kollegin aus dem Club, die sehr auf die Figur achtete und sich schon mit neunzehn Botox hatte spritzen lassen, »war irgendwie unmodern. Verstehen Sie, wie ich das meine?« Und jeder, der es hörte, wusste genau, was Jodie in ihrer Ausdrucksarmut sagen wollte.

Die jungen Frauen, die in die Clubs hinein- und wieder hinausströmten, entsprachen allen denkbaren Figurtypen, aber eines hatten ihre Körper gemein: eine Muskulatur, wie man sie sich nur durch stundenlanges Schwingen und Schwanken an der Stange verdienen kann und durch eine Ernährung mit Amphetaminen und viel Alkohol. Sie eiferten einem Ideal nach, wie sie es von Hunderten DVDs und Tausenden Videoclips kannten, es sprang ihnen aus unzähligen Frauenmagazinen entgegen und geisterte durch eine Million Werbeanzeigen: hart und kantig, Knochen und Muskeln als deutlich sich abzeichnende Konturen unter der straff gespannten Haut, und alles überzogen von einer schimmernden Schicht Kosmetik. Das ausgezehrte Kind als Schönheitsideal der Frau.

Nur der Körper der Puppe schien einem anderen, älteren Bild von Weiblichkeit zu entsprechen. Im Vergleich zu den muskulösen Hintern und Schenkeln der übrigen Tänzerinnen war der Körper der Puppe gerundet, ihre Arme und Beine und Pobacken waren voller und ihre Bewegungen entsprechend, rund und voll.

Sie fand sich nicht sonderlich attraktiv und misstraute der Aufmerksamkeit, die man ihrem Aussehen entgegenbrachte. Sie wusste nicht, dass die Aufmerksamkeit einen anderen Auslöser hatte, dass ihr Wesen – ihre trägen Bewegungen, ihr Lächeln, wie sie auf Menschen zuging – noch viel anziehender war als ihr Aussehen. Aber sie war angebliche zweiundzwanzig und tatsächliche sechsundzwanzig Jahre alt, und auf das Aussehen kam es an. Sie hatte ein offenes, ovales Gesicht. Genau das falsche Gesicht für unsere Zeit.

 

3

Obwohl die Puppe exotisch aussah, stammte sie aus gewöhnlichen Verhältnissen. Sie war ein Westie, aber aus welchem Vorort genau sie kam, wusste keiner. Sie hatte immer vorgehabt, dem Westen den Rücken zu kehren, aber dann war sie doch überrascht gewesen, wie wenig es zurückzulassen gab. Nicht, dass sie kein Heimweh verspürt hätte; sie hatte vielmehr das Gefühl, nie ein Heim gehabt zu haben. Die Puppe hatte vor langer Zeit beschlossen, ihre Kindheit und Jugend als bedeutungslos zu betrachten, und sie weigerte sich standhaft, über die Frage von Abstammung und Prägung nachzudenken.

»Meine Liebe, ich bin wie ein Katze aufgewachsen«, sagte sie einmal zu Jodie, die alles andere als lieb war. »Meine Familie hatte keinen Anteil daran. Kennst du eine Katze, die sich für ihren Stammbaum interessiert?«

Ja, ihr Vater stammte von irgendwo, und ihre Mutter von irgendwo anders, und auch ihre Großeltern hatten höchstwahrscheinlich ein halbwegs interessantes Leben geführt, an einem Ort und zu einer Zeit, die heute exotisch erscheinen mögen und TV-Miniserien und dicke Romane inspirieren, wie man sie kurz vor Weihnachten bei Big W im Sonderangebot finden kann; und je weiter man in der Zeit zurückginge, desto faszinierender würde es zweifelsohne werden, womöglich würde man auf berüchtigte Künstler und berühmte Verbrecher stoßen, auf gescheiterte Geschäftsmänner und erfolgreiche Hochstapler, auf Menschen, die ebenso unterschiedlich wie interessant wären, gleichermaßen charmant wie schrecklich. Aber was diese Vergangenheit betraf, hatten die Eltern der Puppe wenig Kenntnis und schon gar kein Interesse. Die Taten und die Tode ihrer Vor- und Nachfahren bedeuteten ihnen nicht mehr als das Anschwellen und Abebben des Verkehrs auf dem Highway.

Sie lebten in der Welt der vorstädtischen Gewissheiten, in der Welt von heute: das Haus, der Job, die Besitztümer und die Autos, die Freunde und die Renovierungen, die Pauschalurlaube und die neuesten technischen Spielereien – Digitalkameras, Beamer, ein besserer Pool. Die Vergangenheit war eine Mülltonne voller ausgedienter Haushaltsgeräte: das Fußbad mit Massage, der Dampfgarer, der Donutmaker und der Plattenspieler, Spiegelreflex und VHS und George-Foreman-Grill. Die Vergangenheit war eine geschmacklose, bunte Peinlichkeit, über die man nur noch lachen konnte: Vokuhilas und Schulterpolster, Ansatzdauerwellen und Schwenkgrills. Nur der neueste Katalog war gut und lesenswert, keine Anzahlung und vierundzwanzig bequeme Monatsraten. Ihr Leben war leer, ihr Leben war ein gutes. Am deutlichsten konnte die Puppe sich an die Daily Soaps erinnern.

Sie hatte Nachbarn und Home and Away geschaut; als sie acht war, erschütterte der Tod von Daphne Lawrence sie mehr als die Trennung ihrer Eltern im Jahr zuvor. Ihre Mutter war mit den beiden kleinen Brüdern nach Hervey Bay gezogen, wo sie mit einem Fiberglaspool-Installateur namens Ray zusammenlebte. Damals hatte die Puppe nicht verstanden, was das zu bedeuten hatte und was von ihr erwartet wurde, aber wie es lief im Leben, konnte sie in der Ramsay Street und in Summer Bay sehen: man lachte und man weinte, man machte immer weiter.

Sie schaute Musikvideos, die Frauen waren schön und die Männer fett und aggressiv; so wie sie das sah, überstrahlten die Frauen die Männer, weil sie besser aussahen und tanzten und sich nicht die Mühe machten, etwas zu sagen, wohingegen die Männer ständig das Maul aufrissen. Nichts hätte sie besser aufs Pole Dancing vorbereiten können.

An ihre Kindheit hatte sie, wie sie behauptete, nur eine einzige konkrete Erinnerung zurückbehalten, ein schlechtes Trompe-l’œil, das ihre Mutter an die Innenseite der Jalousie in ihrem Vorstadtwohnzimmer gemalt hatte, bevor sie mit dem Installateur durchgebrannt war. Das Bild zeigte ein Fenster, das auf den balinesischen Kuta Beach hinausging; den Ort, an dem ihre Mutter Ray kennengelernt hatte.

Als Jugendliche hatte die Puppe ihre Mutter gelegentlich in Hervey Bay besucht. Da war Ray schon längst wieder weg, und ihre Mutter redete pausenlos über ihre beiden Söhne, dicke Jungs, die sich wie Rapper kleideten und ständig Yo sagten und einander auf amerikanische Weise begrüßten, indem sie die Fäuste aneinanderstießen; die Puppe behandelten sie wie eine neue und nicht sonderlich interessante Nachbarin. Das Leben ihrer Mutter war eine Soap, aber keine gute; ein Teufelskreis aus Drogenproblemen, Polizeieinsätzen, Zusammenbrüchen und wechselnden Partnern. Die Besuche bei der Mutter belasteten die Puppe sehr. Sie fuhr aus reinem Pflichtgefühl hin, und als auch das kein Grund mehr zu sein schien, stellte sie die Besuche ganz ein.

Als sie einige Jahre später hörte, ihre Mutter sei bei einer Massenkarambolage auf dem Hume Highway umgekommen, war sie traurig, aber nicht übermäßig. Es fühlte sich wie die Bestätigung eines uralten Mangels an, nicht wie ein frischer Verlust.

An das Gemälde auf der Jalousie konnte die Puppe sich vielleicht nur deswegen so gut erinnern, weil es in ihren Augen die Einfalt all jener bewies, die hofften und an Träumen festhielten – an zu großen Träumen. Kleine Träume, kleine Hoffnungen, kleine Freuden – das allein ließ das Leben zu, und folglich gestattete die Puppe sich nicht mehr. Alles andere, alles, was größer war, konnte jederzeit zerstört werden, das hatte das Leben ihrer Mutter eindrucksvoll bewiesen. Nicht, dass die Puppe unglücklich gewesen wäre, ganz im Gegenteil. Sie glaubte fest daran, dass ihre Genügsamkeit in Schicksalsfragen der Schlüssel zu ihrem Glück sein würde. Sie würde ihr Gesicht der Sonne über Sydney zukehren und sich niemals hinter schlecht zusammengeschusterten Traumbildern verstecken.

Denn im Gegensatz zu Jesus und Nietzsche war die Puppe keine Träumerin. Sie selbst hätte sich eine Realistin genannt. Realismus bedeutet, die Enttäuschung bereitwillig anzunehmen, um nicht mehr enttäuscht zu sein.

 

4

»So kam ich also in die Stadt, meine Liebe«, sagte die Puppe zu Jodie, »und dann?«

Ja, in der Tat: Und dann? Ihre neue Umgebung verstand die Puppe ebenso wenig, wie sie sich ihren Ekel und ihre Angst vor der alten erklären konnte. Aber war das nicht egal? In Sydney verabscheuen mehr als fünf Millionen Westies den stinkenden Snobismus des Nordens und die Arroganz des Ostens, während die eine Million Einwohner aus dem reichen Nordosten den armen Westen für seine Gewöhnlichkeit und seinen Materialismus verachten. Keiner will zugeben, dass alle in denselben Klischees denken und die Stadt von einer einzigen Macht zusammengehalten wird: dem Geld. Keiner will zugeben, dass der eigentliche Unterschied darin besteht, dass die Leute im Norden und Osten mehr oder weniger mehr davon besitzen und die im Westen mehr oder weniger wenig.

Die Puppe hatte nie versucht, das alles zu verstehen, und auch in Zukunft würde sie keinen Versuch starten. Sie wollte einfach nur ihr Leben leben und brauchte die platten Erklärungen der Volltrottel nicht, die ohnehin nichts anderes wollten, als sie ohne Unterwäsche zu sehen.

»Ich bin raus aus dem Westen«, sagte sie in schnarrendem Tonfall und mit gedehnten Vokalen, die an libanesische oder griechische Einwanderer erinnerten, »und der Westen ist raus aus mir.«

Das stimmte nicht, so wie fast nichts, was die Puppe über sich sagte. Weil sie insgeheim hoffte, eines Tages im Norden der Stadt zu wohnen, war sie ungnädig mit allen, die jetzt schon dort wohnten. Wenn einem Gast anzumerken war, dass er in North Shore lebte, bezeichnete sie ihn boshaft als Snob und Wichser. Nichts hätte sie dazu bewegen können, sich weiter aus dem Zentrum zu bewegen als bis Newtown.

»Das ist schlecht für den Teint, meine Liebe«, pflegte sie zu sagen. Eigentlich sagte sie das über alles, was sie traurig machte, gerade so, als wäre es eine Erklärung.

Einerseits machte sie sich zu gern über die anderen Mädchen aus dem Westen lustig, über ihr übertriebenes Make-up, die kurzen Röcke, die klobigen Gürtelschnallen und die Kosmetik, die sie sich pfundweise in Gesicht und Haare schmierten. Andererseits pflegte sie zusätzlich zu ihren Vorurteilen gegen Sydneys Westen alle dort gängigen Vorurteile gegen den Rest der Welt. Manchmal machte sie sich Luft und schimpfte auf Schlitzaugen, Buschmänner, Cops und Leute, die den Sydney Morning Herald lesen.

»Ich bin stolz darauf, zu allen gleich rassistisch zu sein«, sagte sie, »aber richtig hassen tue ich nur die schmierigen Libanesen.«

 

5

Als die Puppe gegen zehn Uhr morgens aufwachte, war der Tag bereits angenehm warm. Der ruhige Verkehrsfluss machte sich in ihrem abgedunkelten Apartment als sanftes Vibrieren bemerkbar. Der krasse Kontrast zwischen ihrem tiefen Temazepam-Schlaf und dem hellen Tag draußen steigerte die gute Laune noch, mit der sie aufgewacht war. Sie überließ sich dem Naheliegenden, dem Angenehmen; an diesem Morgen spürte sie eine tiefe Ruhe und ein Glücksgefühl, in der Stadt zu sein. Das Gefühl durchdrang sie so sehr, dass sie auf ihre morgendliche Zoloft-Tablette verzichtete.

Sie nahm ein Taxi zum Bondi Beach. Während sie unter strahlend blauem Himmel zwischen hohen Gebäuden dahinrollten, füllten sich die Augen der Puppe mit Tränen. Sie war glücklich, aus keinem bestimmten Grund, und das war eine kleine Freude und somit erlaubt.

Am Strand ging sie schwimmen, dann legte sie sich in den Sand und tankte Sonne. Sie genoss das angenehme Gefühl, auf ihren Brüsten zu liegen, gehalten vom festen Sand unter dem Handtuch. Es roch nach Sonnenöl, nassem Sand und Seeluft, salzig und leicht beißend, weil sich in der Ferne der schäumende Inhalt eines Abwasserkanals ins Meer ergoss.

Sie drehte den Kopf und lauschte mit einem Ohr am Sand und mit dem anderen in den hohen Himmel. Sie hörte die Wellen, die immer lauter wurden, und kreischende Kinder, deren Schreie sich zu einem schwebenden Beiklang auflösten. Ihr Körper und ihre Seele verloren sich im gleichmäßigen Schlagen und Schwappen der Wellen. Es war ein Traum, ein schöner Traum, in dem das Leben am Ende doch lebenswert war.

In der Ferne entdeckte sie eine Wolke, die einzige am Himmel. Sie ähnelte … sie ähnelte gar nichts, war nur eine träge Wolke, allein und wunderschön. Sie veränderte beständig die Form, wie die Welt, und wie die Welt war sie unbeschreiblich.

In einem Radio irgendwo in der Nähe liefen die üblichen Nachrichten, ein Mantra aus fernen Schrecken und banalem Lokalgeschehen, das gewohnt beruhigend wirkte. Noch mehr Bomben auf Bagdad, Wasserknappheit und Waldbrände; eine weitere Drohung gegen Sydney, gefunden auf einer al-Qaida-Webseite; ein weiterer Sportler, der in einen Sexskandal verwickelt war; eine unbestätigte Meldung, derzufolge man in Sydneys Olympiastadion in Homebush drei ungezündete Sprengsätze gefunden hatte. Die Hitze würde andauern, und die Temperaturen würden sich weiter auf Rekordniveau halten, während hier am Strand die Wellen anrollten, sich brachen und wieder zurückzogen und den ganzen unwichtigen Krach fortspülten; so war es immer gewesen, so würde es immer sein.

Das Radio sagte: »Lebe deinen Traum!«

Und tat sie nicht genau das?

In dem Moment wollte sie nichts auf Erden, sie spürte kein unerfülltes Bedürfnis und keinen Ehrgeiz. Sie sehnte sich weder nach Freunden noch nach einem Mann, wollte kein Geld und keine Kleider und nichts weiter, als einfach nur sie selbst zu sein. Was sie an Schlechtem erlebt hatte, war unwichtig. Sie fühlte sich weder zu dünn noch zu dick, weder ausgelaugt noch angespannt, und sie brauchte auch keine Bewegung. Sie fühlte sich weder schön noch hässlich, ihr Körper war einfach nur dazu da, das Geschenk namens Leben entgegenzunehmen, und in diesem Moment erschien alles gut. Er reichte ihr, das Schwellen und Kippen der Wellen zu hören, sich den Sand von einer in die andere Hand rieseln zu lassen und den Körnern beim Fallen zuzusehen.

Das Radio sagte: »Glückwunsch, Australien! Wir wollen uns bedanken – mit sensationellen Rabatten auf alle Bad-Accessoires!«

Sie döste ein, wachte auf, beobachtete hübsche Surfer in knielangen Shorts, Sportler in hautengen Badehosen, Schwule in Tangas und Mädchen mit Hüftspeck, alte Spaziergänger mit Bäuchen wie nasse Teebeutel und alte Frauen, die wie zusammengefallene Soufflés reglos in der Sonne saßen; Brüste und Ärsche und Kronjuwelen in wildem Durcheinander, und auf alles knallte die Sonne, als gäbe es kein morgen; über allem hing das Rauschen der Wellen, die der Welt zu einem anderen, besseren, stetigeren Rhythmus verhalfen. Wer wäre in diesem Moment nicht froh wie ein Vogel und, wie ihre Freundin Wilder gesagt hätte, frei wie ein Furz?

Und der Strand und alles darauf schienen zu etwas Neuem zu verschmelzen, es war entzückend und tröstlich, und die Puppe hatte einen Namen dafür: Sydney. In Momenten wie diesen konnte sie nachvollziehen, warum die Menschen ihre Stadt so liebten.

 

6

Als sie wieder eingedöst war, klingelte ihr Handy. Wilder rief an und sagte, sie und Max seien am Bondi, der Tag sei herrlich, die Puppe solle dazukommen und mit ihnen schwimmen gehen.

»Ich werde eine ganze Weile brauchen«, sagte die Puppe, erhob sich, sammelte Handtuch und Tasche ein und schaute sich um. »Bei dem Verkehr.«

Sie bahnte sich einen Weg durch die Menge und entdeckte den fünfjährigen Max, der keine hundert Meter weiter ein Loch in den Sand grub. Seine Mutter Wilder lag gleich daneben, so mutig und majestätisch wie immer, dunkelbraun gebrannt und oben ohne.

Die Puppe rief Wilder zurück und fragte, wo genau auf dem Strand sie sei. Während Wilder ihren Standort beschrieb, schlich die Puppe sich von hinten an. Sie redete weiter in ihr Handy, bis ihre Lippen dicht an Wilders Ohr waren. Wilder war glänzender Stimmung; sie drehte sich um, verzog das unvergleichliche Gesicht und fing vor Freude zu kreischen an. Max in seinem Loch fuhr herum; als er die Puppe entdeckte, krabbelte er heraus und warf sich in ihre Arme.

Die Puppe drückte und kitzelte Max, die Frauen plauderten. Bald wurde es Max langweilig, er ging zurück zu seinem Loch. Wilder erzählte, man habe sie eingeladen, heute Abend auf einem der Mardi-Gras-Festwagen mitzufahren, Schwestern mit Schwänzen. Soweit die Puppe es beurteilen konnte, war Wilder keine Lesbe; Wilder erklärte, jemand sei krank geworden und eine Freundin habe sie heute Morgen angerufen und gebeten einzuspringen. Obwohl die Einladung reichlich spät kam, konnte Wilder nicht widerstehen. Sie hatte alles organisiert, Max würde bei seinem Vater übernachten.

»Ein Männerabend, was, Max?«, sagte die Puppe. Sie konnte das Loch nicht sehen, Wilder blockierte ihre Sicht.

Sie bekam keine Antwort. Die Puppe reckte den Hals, Wilder drehte sich um. Max saß nicht mehr in seinem Sandloch und war auch sonst nirgendwo zu sehen. Wilder sprang auf, ließ den Blick über den Strand und übers Wasser schweifen.

»O mein Gott«, sagte sie, »die Strömung hat ihn rausgetragen.«

Sie zeigte auf eine dunkle Wasserzunge, die zwischen zwei Wellenbrechern hindurchpeitschte und einen kleinen Jungen auf einem Boogieboard aufs offene Meer zog.

Sie sahen den hilflosen Max, seine Todesangst, seinen zu lautlosen Schreien verzerrten Mund. Im Tosen der Brandung, im aufgeregten Rufen und Quieken der glücklichen Kinder, die mit den Wellen schwammen oder sich von den Wellen umstoßen ließen, war er nicht zu hören, und niemand, nicht einmal ein Rettungsschwimmer, bemerkte die Not des Jungen. Die Frauen rannten los.

Noch bevor sie am Wasser waren oder einen Rettungsschwimmer gefunden hatten, sahen sie, wie ein junger Mann mit schnellen Zügen auf die Wellenbrecher und den weinenden Jungen zukraulte. Der Mann war ein souveräner Schwimmer, er meisterte die Brandung anscheinend mühelos und hatte Max bald erreicht. Die beiden Frauen standen am Wasser wie gelähmt, Wilder schluchzte lautlos, während der Mann das Brett packte und langsam, fast lässig aus der Ripströmung zog. Er schob Max strandwärts, hielt zwischen hohen Wellen immer wieder inne, um den nächsten günstigen Moment abzupassen. Als er wieder festen Boden unter den Füßen hatte, nahm er Max auf den Arm, fischte die Schnur des Bretts aus dem Wasser und watete auf die beiden Frauen zu, die ihm rufend und winkend entgegenkamen.

Er war schlank, ein dunkler Typ, und hatte kurzes, lockiges Haar. Die weißen Billabong-Shorts ließen seine Haut umso dunkler erscheinen. Max kletterte wortlos von seinem auf Wilders Arm.

Wilder stand knietief im Wasser, die Wellen warfen sich gegen ihre Hüfte, sie weinte und lachte und drückte ihren Sohn an die Brust, sie schimpfte wütend und wandte sich immer wieder dem Mann zu, um sich zu bedanken, und dann redete sie weiter auf Max ein, küsste und drückte ihn und vergrub ihr Gesicht an seinem Hals, während Max halbherzig versuchte, sich den Zuneigungsbekundungen seiner Mutter zu entziehen, die ihm vor dem Fremden peinlich waren.

Der junge Mann sagte wenig, spielte die Rettungsaktion herunter und versuchte, nicht auf Wilders Brüste zu glotzen. Er lächelte, schüttelte Max zum Abschied die Hand, als wären sie zwei Männer, die gemeinsam ein Abenteuer überstanden hatten, und warf sich wieder in die Wellen.

»Ein ziemlicher Hingucker«, sagte Wilder und schaute zu, wie der Mann in eine Welle tauchte.

»Kameltreiber«, sagte die Puppe.

Später badete die Puppe noch einmal in der Brandung. Sie liebte dieses Gefühl: unter dieser Wand weißer Wasserblasen durchzutauchen, das Rumpeln über ihrem Rücken zu spüren, in den brodelnden Nachwehen des Brechers wieder nach oben zu kommen und vom gleißenden Sonnenlicht geblendet zu werden.

Die Puppe musste zweimal blinzeln, der Helligkeit und des brennenden Salzes wegen, und dann sah sie ihn wieder, in wenigen Metern Entfernung, auch er blinzelte und schüttelte sich, der Mann, der Max so heldenhaft gerettet hatte.

Er lächelte. Sie lächelte. Er hob einen Arm aus dem Wasser und winkte. Sie folgte dem Impuls, schwamm auf ihn zu, legte ihm einen Arm um den Hals und küsste ihn auf die Lippen. Der Kuss war sanft und liebevoll, und obwohl keiner von beiden den Mund öffnete, spürte sie ein Kribbeln im Unterleib, als die Brandung ihre Beine gegen seine rieb.

»Danke«, sagte sie.

Und dann trennte das Wasser sie wieder, das Wasser türmte sich auf und zog sie hinaus. Sie stiegen mit der Welle in die Höhe wie Meeresbewohner, die Puppe lächelte kurz und beschloss in derselben Sekunde, sich davontragen zu lassen. Sie duckte sich und warf sich in den Brecher, kurz bevor er in sich zusammenstürzte. Sie spürte, wie sie in die Höhe gehoben und herumgewirbelt und von einer luftdurchschäumten Kraft an den Strand zurückgetragen wurde. Der Ritt schien ewig zu dauern.

Als die Welle sich verausgabt hatte und die Puppe aufgewirbelten Sand an den Beinen spürte, richtete sie sich auf, schluckte, drehte sich um und suchte mit schmerzenden Augen die Wasserfläche ab. Der junge schlanke Mann war verschwunden. Sie redete sich ein, er könnte hinter ihr auftauchen und sie rücklings packen. Aber er war weg. Die Puppe wollte sich ihre Enttäuschung nicht eingestehen, suchte die Brandung aber noch eine ganze Weile nach seiner schmalen Gestalt ab, bevor sie aufgab und sich abwandte. Sie stieg aus dem Wasser und legte sich wieder neben Wilder und den mittlerweile müden Max. Die Sonne brannte auf sie nieder, sie döste abermals ein, und als sie aufwachte, war es an der Zeit, ihre Sachen einzupacken und zur Chairman’s Lounge zu fahren. Heute hatte sie die frühe Schicht.

 

7

Wie die Chairman’s Lounge es schaffte, sich den Ruf als bester Stripclub in Sydney zu bewahren, war eine Leistung an sich und nur schwer zu erklären. Zwar hatte die Lounge schon zweimal den Eros Foundation Award als »heißester Nachtclub (New South Wales)« gewonnen und durfte sich auf der Seite Hustlaz.com mit der Höchstbewertung von beeindruckenden fünf Brüsten schmücken; dann wiederum hatten diese Auszeichnungen über den Abend der Preisverleihung hinaus keine Bedeutung, außerdem gewann heutzutage, wie auch die Puppe betonte, einfach jeder irgendeinen Preis.

Aber wie so vieles im Leben hing auch die rätselhafte Reputation der Lounge mit der Magie des Geldes zusammen. Die Geschäftsführung setzte auf ein probates Mittel und verlangte doppelt so viel Eintritt wie die anderen Clubs und dazu einen exorbitanten Getränkeaufschlag, um Status und Kundenzufriedenheit gleichermaßen zu sichern; denn schließlich würde niemand so viel Geld ausgeben, wenn er nicht im besten Stripclub von Sydney säße, der folglich jeden Dollar wert war.

Gegen Mittag rollte Billy aus Tonga, Cheftürsteher der Lounge – ein untersetzter Mann mit makellos weißem Trainingsanzug, Goldketten und gefälschter Versace-Sonnenbrille –, einen abgewetzten roten Teppich aus, der vom Niemandsland zwischen Kings Cross und Darlinghurst bis an die Eingangstür des ehemaligen Hotels führte.

Der Standort schien ideal für einen Dienstleister, der sich auf protzige Anmache spezialisiert hatte. Die Innenstadt war fußläufig zu erreichen, gleichzeitig fanden sich nur eine Straße weiter die Bordelle und Peepshows und der Straßenstrich von Kings Cross. Das Viertel war hauptsächlich für sein gutes altes, vom Aussterben bedrohtes Rotlicht nach alter Manier bekannt; sein Zentrum bildete eine heruntergekommene Strip Mall, die den kleinen Hügel scheitelte wie ein schlecht gemachter Irokesenschnitt. Hier durchstreiften Junkies und Nutten, Perverse und Obdachlose ihr täglich schrumpfendes Biotop, ebenso desorientiert und ratlos wie die Bewohner eines winzigen Inselstaates in der Südsee, die genau wissen, dass die Zukunft nichts für sie bereithält.

Und von allen Seiten rollte eine Welle aus Heuchelei und Immobilienhysterie an, aus den gentrifizierten Wohnblocks, aus den Designer-Neubauten von Darlinghurst und den unermüdlich renovierten Häusern in Elizabeth Bay, und sie stieg so unaufhaltsam und gnadenlos wie der angrenzende, global erwärmte Pazifik.

Rechts und links des roten Teppichs, der wie ein Wundpflaster auf der Schnittstelle der Welten lag, stellte Billy aus Tonga Messingständer auf und fädelte eine goldfarbene Kordel ein. Drinnen erwachte der Club zum Leben. Wie ein Leitsystem führten lila Neonröhren über ein halbes Dutzend Stufen in den Eingangsbereich hinunter. Das ohrenbetäubende Stampfen von Techno war zu hören und das unermüdliche Scharren der Kassenschublade, an der eine halb nackte Dame saß; hier wurden die Gäste zum ersten Mal ausgenommen. Hinter dem Foyer ging es durch einen langen Flur und einmal um die Ecke in die eigentliche Lounge, einen höhlenartigen Raum voller Tische mit lila Filzbezug und Stange.

Dass der Club im staubdurchsetzten Vormittagslicht ungefähr so erotisch und einladend wie die Vielfliegerlounge einer osteuropäischen Fluggesellschaft wirkte, hatte einen guten Grund. Die schäbigen braungrauen Clubsessel, die gesichtslose Bar und die schlichten Tische, das unspektakuläre Ambiente und der allgemeine Mangel an Originalität ließen keinen Zweifel daran, dass dieser Club nicht mehr war, als er vorgab zu sein; er war genauso eintönig wie das Leben der Männer, die hier saßen und gafften. Die vertraute Umgebung ließ die Gäste entspannen, die Geschmacklosigkeit schien sie zu bestätigen. Ferdy Holstein, der Geschäftsführer der Lounge, wusste genau, dass sich jeder Versuch, an der tristen Gewöhnlichkeit des Dekors etwas zu ändern, als reines Gift fürs Geschäft erwiesen hätte.

Ferdy behauptete, aus dem Rock-’n’-Roll-Geschäft zu kommen, und er prahlte gern mit Namen, die der Puppe nichts sagten. Ferdy trug bunt bedruckte Hemden, weil er sie für modisch hielt und nicht wusste, dass sie das mittlere Lebensalter symbolisierten.

In Wahrheit hatte Ferdy etwa zehn Jahre zuvor seinen Job bei einer Perlenzucht in Broome geschmissen und sich mit einem Kofferraum voll Gras abgesetzt. Er fuhr gen Süden, zweitausend Kilometer weit, und tauschte das Gras gegen einen Kofferraum voll Ecstasy. Ein Bekannter von ihm, Biker bei den Gypsy Jokers, hatte den Deal eingefädelt. Danach durchfuhr Ferdy die Nullarbor-Wüste einmal der Breite nach und dann weiter auf der Great Ocean Road.

Er erzählte gern, er sei in einem Charger Baujahr ’73 in Melbourne angekommen und habe die Stadt keinen Monat später in einem Beemer von 1996 verlassen. Er schlug sich bis nach Sydney durch, kaufte sich in eine heruntergekommene Bar ein, machte sich selbst zum Geschäftsführer und investierte den Rest seines Geldes in filzbezogene Tische und Messingstangen, denn Pole Dancing war damals groß im Kommen. An jene frühen Jahre erinnerte er sich in einer gespielten Demut, wie sie viele Self-Made-Männer für notwendig halten:

»Wir hatten einen Traum.«

Dabei musste er gar nicht träumen, denn wie er auch seinen Gästen gern erzählte, war sein Timing genau richtig gewesen. In der Perlenzucht in Broome hatte er als Ingenieur gearbeitet und fünfzehn Jahre damit verbracht, mikroskopisch kleine Algen in riesigen Bottichen heranzuziehen, zur Ernährung der jungen Austern. In seinem Job war es darauf angekommen, gewisse Variablen zu optimieren und danach nie wieder zu ändern. Dasselbe Prinzip wendete Ferdy nun auf die Chairman’s Lounge an.

Denn er, der Mann, der aus dem geheimnisvollen roten Staub des Kimberley County in die nachtblaue Eindeutigkeit von Kings Cross getreten war, hatte längst erkannt, dass der Traum von einer menschlichen Gemeinschaft illusorisch war. Eine Stadt wie Sydney bewies nur, dass Menschen und Algen das natürlichste aller Schicksale teilten: Bedeutungslosigkeit, immer wieder gestört durch den unerklärlichen Trieb zu leben. Nichts davon ließ sich benennen, aber wenn er dem Leben bei seiner mühseligen Entfaltung zusehen musste, würde er es lieber in einem Stripclub tun als in einer Algenbrutstätte. So sah Ferdy die Sache. Wie er diese Erkenntnis in Worte fasste, war banal, aber nicht ganz falsch.

»Alles nur Show«, sagte Ferdy.

Und er hatte recht.

 

8

Bis zu diesem Moment um kurz nach neunzehn Uhr, als er über den roten Teppich vor der Chairman’s Lounge lief, den lila Neonröhren bis in die Lobby folgte, einen Zwanzigdollarschein aus der Hosentasche seines Armani-Anzugs holte und der lächelnden Dame überreichte, hatte Richard Cody einen Pechtag gehabt. Er hatte schlecht geschlafen, war kurz nach dem Aufwachen in einen weiteren Ehestreit verwickelt und anschließend von den Nachrichtenchefs seines Senders Six zum Olympiastadion in Homebush geschickt worden, um live von einem Bombenfund zu berichten.

Die neue Maske hatte ihm eine lächerliche Frisur verpasst und der Übertragungswagen bei den Live-Schalten immer wieder den Kontakt zum Studio verloren. Darüber hinaus entpuppte sich die ganze Aufregung als übertrieben und zuletzt als unnötig. Man hatte drei Bomben entdeckt, jeweils verpackt in einen Kinderrucksack. Die Menschen waren evakuiert und die Gegend abgeriegelt worden. Vorläufig würde nichts weiter passieren.

Er hatte immer wieder vor der Kamera gestanden, mit seiner albernen Frisur, und immer dasselbe gesagt; er wurde nur gelegentlich zugeschaltet, während eine ganze Parade aus sogenannten Experten – zum Großteil Berater, die sich für einen Job im Heimatschutz, in der Terrorabwehr oder bei der Polizei empfehlen wollten – die Kommentare ihrer jeweiligen Vorgänger kommentierten. Im Grunde taten sie nichts weiter, als die knappen, von Polizei und Behördensprechern herausgegebenen Stellungnahmen auszuwalzen und wiederzukäuen, und währenddessen taten alle so, als ließe sich aus dem sinnlosen Chaos tatsächlich eine Prognose für die Zukunft ableiten.

Allein sein Sommeranzug von Armani enttäuschte ihn nicht; der Stoff ertrug die Hitze, ohne zu knittern. Seit er nicht mehr jung war, suchte Richard Cody Zuflucht in der Eleganz, selbst wenn die Temperaturen die achtunddreißig Grad seit fünf Tagen nicht unterschritten hatten und die Luftfeuchtigkeit vierundneunzig Prozent betrug. Während sein Körper breiter und ledriger wurde und sein Haar schütter, setzte Richard Cody zunehmend darauf, dass seine erlesene Kleidung ihn als charmant, gebildet und clever ausweisen würde; kurz gesagt, dass seine geschmackvolle Kleidung die ganze Welt dazu brachte, sich seiner wohlmeinenden Selbsteinschätzung anzuschließen.

Nach der Ein-Uhr-Schalte hatte Richard Cody genug, und eine gute Ausrede noch dazu. Jerry Mendes, Nachrichtenchef von Six und nicht ganz unschuldig an Katie Morettis Scheidung, hatte ihn zu einem Lunch eingeladen. Insgeheim war Richard Cody sehr stolz darauf. In seinen Augen bewies die Einladung – nicht zuletzt auch den Kollegen, in deren Beisein er sie scheinbar beiläufig erwähnt hatte –, wer bei Six immer noch die Nummer eins war.

Er fuhr zu Katie Morettis Haus, die Gastgeberin bat ihn herein – sie bewohnte eine im Zuge der Scheidung ihr zugesprochene Villa in Double Bay, eingerichtet im zeitlosen Stil eines Unternehmensfoyers – und stellte ihn den anderen Gästen vor. Wie er im Laufe der Vorstellungsrunde merkte, arbeiteten die meisten in der Werbung, im Finanzsektor oder in einer Anwaltskanzlei. Zwei Vizepräsidenten von McKinsey waren anwesend – darf sich heutzutage, fragte Richard Cody sich beim Händeschütteln, eigentlich jeder Konzernangestellte Vizepräsident nennen? –, ein Senator von der Labor Party und eine Grafikdesignerin. Die Konversation war so schmierig, man hätte hundert Grills damit einfetten können.

Aber das Essen war fantastisch gewesen, sie hatten eine Menge guten Wein getrunken, ein exzellenter Armagnac hatte mehr als einmal die Runde gemacht. Die neuen Möbel, die neuen Gemälde, das neue Geschirr und der neue Caterer bekamen das Lob, das sie verdienten; der Ausblick vom Esszimmer auf den Hafen war völlig zu Recht in den Einrichtungsmagazinen abgefeiert worden; am frühen Nachmittag waren sogar zwei wunderbare Musiker aus Rumänien aufgetreten, ein Geiger und Akkordeonspieler – meine Zigeuner, wie Katie Moretti sie nannte. Dennoch wirkte die ganze Veranstaltung bemüht, überfrachtet und ebenso anstrengend wie ein ganz normaler Arbeitstag.

Nichts schien von besonderem Interesse zu sein, gleichzeitig verspürten alle das Bedürfnis zu wiederholen, was sie im Sydney Morning Herald gelesen hatten, sprich die Meinungen von Leuten, die Dinnerpartys wie diese besuchten, und alle fühlten sich leicht benebelt, so vertraut war ihnen diese allumfassende Stumpfheit.

So viele Ideen, die es zu erörtern gab, so viele Filme und Theaterstücke, die man gesehen, und Bücher, die man gelesen haben musste; es gab Ausstellungen, die man besucht haben musste, da war so vieles, was es sich einzuverleiben galt – und wer kein Vielfraß war und die Welt nicht am Stück verschlang, hatte ohnehin keine Ahnung und war nicht qualifiziert, sich am Gespräch zu beteiligen.

Aber die vielen Themen dienten nur dazu, die trockene Wahrheit des Lunches ein wenig zu spicken. Es ging hier um Klatsch, der Wissen in Geld und Einfluss verwandelt, um das raffinierte Sondieren von Haltung und Status, um die verhohlene Suche nach Verbündeten und die Bildung von Seilschaften. Das ständige Aufplustern gehörte dazu wie das Gebrüll zur Balz der See-Elefanten.

Richard Cody hätte sich schon früher verabschiedet, wäre die Grafikdesignerin nicht gewesen. Sie hatte einen dunklen Teint und schwarze Locken und trug ein braunes Minikleid mit schwarzen Spitzeneinsätzen am Dekolleté. Die Spitze ließ ihre runden Brüste besonders verlockend erscheinen. Sie hieß – nun, wie sie hieß, hatte Richard Cody vergessen, trotz seines Interesses.

Obwohl er sie also nicht mit ihrem Namen ansprechen konnte, flirtete Richard Cody auf eine, wie er meinte, sehr dezente Weise mit ihr; in den Augen eines Dritten sähe es so aus, als unterhalte er sich höflich mit einer Fremden.

Der Nachmittag schleppte sich dahin. Die Grafikdesignerin reagierte erst gleichgültig, später dann leicht irritiert auf Richard Codys Aufmerksamkeit; als Jerry Mendes ihn beiseitenahm, angeblich, um ihm die Aussicht von Katie Morettis neuer Sonnenterrasse zu zeigen, in Wahrheit aber wohl, weil er ein vertrauliches Gespräch suchte, fühlte Richard Cody ebenso viel Erleichterung wie Vorfreude. Eine neue Sendung vielleicht? Eine Beförderung? Mehr Geld? Es konnte nur etwas Gutes sein, dachte er bei sich und lachte herzlich über einen von Mendes’ platten Witzen.

Jerry Mendes war ein dicker Mann mit schlechter Haut. Er schien wie aus angeschlagenen Billardkugeln zusammengesetzt. Ihm eilte der Ruf voraus, ein Arschkriecher zu sein, der nur selten etwas zu sagen hatte, und wenn es dann so weit war, sprach er mit unangenehmer Stimme, ebenso durchdringend wie näselnd. In Richard Codys Ohren hörte es sich an wie eine Billardkugel, die mit einer zweiten Kugel kollidiert – klack – und dann mit einer dritten – klock. Dass er jedoch zum Vieraugengespräch gebeten wurde, schmeichelte ihm ungemein, und er überlegte sich, dass er Jerry Mendes eigentlich ganz nett fand, egal, was die anderen über ihn sagten.

Die Hitze auf dem Sonnendeck drückte von oben wie ein schweres Gewicht. Die Sonne schien so hell, dass es keine Aussicht gab, nur blendende Scherben weißen Lichts, das von der Wasseroberfläche in den Himmel zurückgeworfen wurde wie Granatsplitter und jedem, der die Lider zu weit öffnete, schmerzhaft in die Augäpfel fuhr. Beide Männer verzogen das Gesicht und verengten die Augen zu Schlitzen. Wie Reptilien vor dem Angriff starrten sie blind auf Australien hinaus.

Richard Flanagan

Über Richard Flanagan

Biografie

Richard Flanagan wurde 1961 in Tasmanien geboren. Sein Roman »Goulds Buch der Fische«, ausgezeichnet mit dem Commonwealth Prize, machte ihn 2002 weltweit bekannt, seine insgesamt sechs Romane sind seither in 41 Ländern erschienen. Für »Der schmale Pfad durchs Hinterland« erhielt Richard Flanagan...

Pressestimmen

Der Neue Tag

»Ein fesselndes, wichtiges Buch«

Neue Presse

»Hochaktuell«

Wiener Zeitung (A)

»Richard Flanagan nahm mit seinem unter die Haut gehenden Roman die momentanen üblen Auswüchse des postfaktischen Zeitalters literarisch vorweg.«

Neue Züricher Zeitung (CH)

»›Die unbekannte Terroristin‹ intoniert trotz allem ein Hohelied auf die Liebe - in Zeiten von weltweit grassierendem Hass.«

Süddeutsche Zeitung

»Der Thriller ›Die unbekannte Terroristin‹ des Booker-Preisträgers Richard Flanagan seziert die panische Öffentlichkeit nach 9/11.«

Abendzeitung

»Richard Flanagan hat ein fesselndes Buch geschrieben. Nicht nur heutige Sicherheitsdebatten lassen das Gefühl zurück: Diese Fiktion kann allzu leicht von der Realität eingeholt werden.«

WDR 2 »Lesen«

»Ein starker Roman, der wütend macht. Finster und verstörend gut.«

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