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Die Tränen des Mangrovenbaums

Die Tränen des Mangrovenbaums

Roman

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Die Tränen des Mangrovenbaums — Inhalt

Hamburg, 1880: Als die junge Anna Lisa mit ihrem Mann nach Java zieht, wo er als Verwalter einer Kaffeeplantage arbeiten soll, erwartet sie sich ein Leben im Paradies. Doch die Realität sieht anders aus: Sie gerät zwischen die Fronten der aufkeimenden Rebellion der Javaner gegen die Kolonialherren. Und als sie ihr Herz an einen Einheimischen verliert, muss sie entscheiden, auf welcher Seite sie steht …

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 17.09.2013
544 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96115-8

Leseprobe zu »Die Tränen des Mangrovenbaums«

Braut und Bräutigam

 

»Und du wirst tatsächlich den Holländer nehmen?«

Drei junge, neugierige Gesichter hatten sich Anna Lisa Lobrecht zugewandt, mit einem Ausdruck, als wären sie Besucher eines Pferderennens, die atemlos den Zieleinlauf beobachteten. Die vier Fräulein aus der besten Hamburger Gesellschaft saßen im Schatten einer Ulme im Garten der Villa Lobrecht und hielten auf dem gepflegten Rasen ein Picknick ab. Vor dem dunkelgrünen Hintergrund der Büsche und Bäume, die den Rasen säumten, wirkten sie in ihren reich gefältelten und gebauschten [...]

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Braut und Bräutigam

 

»Und du wirst tatsächlich den Holländer nehmen?«

Drei junge, neugierige Gesichter hatten sich Anna Lisa Lobrecht zugewandt, mit einem Ausdruck, als wären sie Besucher eines Pferderennens, die atemlos den Zieleinlauf beobachteten. Die vier Fräulein aus der besten Hamburger Gesellschaft saßen im Schatten einer Ulme im Garten der Villa Lobrecht und hielten auf dem gepflegten Rasen ein Picknick ab. Vor dem dunkelgrünen Hintergrund der Büsche und Bäume, die den Rasen säumten, wirkten sie in ihren reich gefältelten und gebauschten Sommerkleidern aus Taft, Seide und Organza wie vier bunte, flauschige Bälle, die der Wind dorthin geweht hatte. Die Sonnenschirme lagen säuberlich gefaltet am Rand der Decke, denn unter der riesigen Ulme, die schon den Urgroßeltern Lobrecht Schatten gespendet hatte, brauchte keine noch so zarte Haut die Sonnenstrahlen und ihre bösen Folgen, die Sommersprossen, zu fürchten. Auf einem mächtigen Silbertablett, das ein Geschäftsfreund der Familie Lobrecht als Geschenk aus Java mitgebracht hatte, standen das Teegeschirr und die Schalen mit belegten Brötchen und Gebäck. Die beiden Dienstmädchen, die serviert hatten, waren auf einen Wink hin verschwunden. Die Damengesellschaft wusste genau, wie die Domestiken die Ohren spitzten, wenn es um ein Thema wie die Verlobung der Haustochter ging. Ein unbedachtes Wort, und ganz Hamburg würde Bescheid wissen – oder jedenfalls jener Teil Hamburgs, der sich für die Familienangelegenheiten der Reederei Lobrecht interessierte.

»Mein Vater findet, dass er der Beste ist«, erwiderte Anna Lisa wohlerzogen. »Und ich vertraue meinem Vater vollkommen.«

»Lass uns das Bild sehen!«

Sie lachte und entnahm ihrem mit Jettperlen bestickten Retikül ein Ledertäschchen. Darin steckte die Fotografie des Mannes, der jetzt offiziell ihr zukünftiger Gatte war. Alle drei Mädchen griffen gleichzeitig danach. Neugierige Augen bohrten sich in das sepiabraune Papier. Dann brach zwitscherndes Gelächter los.

»Hu, wie dünn er ist! Gibt es in Holland denn nichts zu essen? Eure Köchin wird den mageren Hering erst ordentlich auffüttern müssen!«

»Ich finde, er sieht gut aus. Was er für schönes Haar hat! So lang und weich. Ist es dunkelbraun oder schwarz?«

»Und die Augen! Ach, sieht er nicht aus wie der italienische Tenor, der im Winter hier gastierte und den Lohengrin sang? Der hatte auch so wunderschöne, große dunkle Augen.«

Dörte, die als Einzige die Fotografie schon vorher gesehen und den Dargestellten kritisiert hatte, schüttelte erneut den Kopf. »Ich weiß nicht. Es stimmt, er hat schöne Augen, aber sein Blick gefällt mir nicht. Leute, die Opium nehmen, sehen so aus.«

Die anderen protestierten. Allgemein war man der Ansicht, dass Vater Lobrecht eine gute Wahl getroffen hatte. Anna Lisa, die sich doch selbst schon Gedanken über das Aussehen ihres Zukünftigen gemacht hatte, widersprach Dörte mit aller Heftigkeit. »Mein Vater weiß genau, was er tut. Nie würde er einen Mann für mich auswählen, der Opium nimmt, und auch keinen, der verrückt ist. Viele Leute schneiden komische Gesichter, wenn sie zum Fotografieren so lange still stehen müssen. Ich bin sicher, dass er ganz normal und vernünftig ist. Mein Vater kennt seinen Geschäftsfreund doch schon seit Jahren.«

»Jemand als Geschäftsfreund zu kennen, heißt noch nicht, dass man über seine persönlichen Angelegenheiten Bescheid weiß, noch weniger über die seiner Familie. Aber ich will dich nicht kopfscheu machen. Dein Vater ist ein kluger Mann; er hat sicher die beste Wahl für dich getroffen.«

Es klang tröstend, und gerade weil es tröstend klang, machte es Anna Lisa ein wenig Angst, ihre Freundin so reden zu hören. Entschlossen schüttelte sie die Beklemmung ab, die sie bei den Worten ergriffen hatte. »Ach was, du siehst überall Schatten und Gespenster! – Übrigens werden wir nach Java fahren.«

»Nach Java!«

»Ja, mein Mann wird dort eine der Plantagen leiten, auf denen der Kaffee seines Vaters wächst. Sie heißt Buitenhus und liegt in der Nähe von Batavia.«

Georgina bemerkte: »Da wirst du immer einen Sonnenschirm brauchen, ich habe gehört, dass die Sonne in Java sehr heiß brennt. Viele Europäer werden krank davon. Aber du kannst ja die Läden schließen und dich in dein kühles Schlafzimmer legen, bis die Sonne untergegangen ist.«

Frida, die vierte in der Runde, prustete hinter der vorgehaltenen Hand. »Schade, dass dein Mann den ganzen Tag arbeiten muss, sonst könnte er sich über Mittag immer zu dir legen.«

Allgemeines Gekicher folgte. Da sie unter sich waren, widmeten sie sich ausgiebig dem Thema, das sie wie alle heirats­fähigen jungen Mädchen am meisten interessierte. Freilich waren sie zu gut erzogen, um geradeheraus darüber zu sprechen, was Anna Lisa an ehelichen Pflichten erwartete. Sie ­wussten auch nur halb Bescheid. Ihre Köpfe und Herzen waren voll von zweideutigen Warnungen besorgter Mütter und biblischen Dro­hungen mit dem Höllenfeuer für Unkeuschheit, von dumpfen, schwülen Gelüsten und einer brennenden Sehnsucht nach der romantischen Liebe, die die Langeweile und Leere ihres Lebens allein zu verwandeln vermochte. Also kicherten und gicksten sie durcheinander, erröteten und hielten die Hand vor den Mund, machten einander Vorwürfe: »Pfui, wie kannst du so etwas sagen! Das ist unanständig!« und gackerten von Neuem los.

Anna Lisa spielte verlegen mit dem Blumensträußchen, das sie an die Schulter ihres Kleides gesteckt hatte. Die Bemerkungen ihrer Freundinnen waren ihr peinlich, aber sie waren die einzige Möglichkeit, überhaupt von Dingen zu sprechen, von denen ihr Herz und Mund übergingen. Wen konnte sie, die keine Mutter mehr hatte, denn fragen? Ihre ehelosen Tanten wollten von dem Thema nichts wissen. Elsa scheute sich, der Tochter ihres Herrn Flöhe ins Ohr zu setzen, die ihr vielleicht dessen Missfallen zuzogen. Und ansonsten gab es nur Männer im Haus. Was Anna Lisa an Informationen erhielt, erschöpfte sich in dem Satz: »Das ist Sache deines Mannes; der weiß schon, was zu tun ist. Überlass alles ihm.«

Aber wenn sie es war, die von dieser »Sache« ein Kind bekam, dann war es ja wohl auch ihre Sache – oder? Und überhaupt war es nicht angenehm, einer Nacht entgegenzugehen, in der ihr unheimliche, unbekannte, andeutungsweise unappetitliche und vielleicht sogar schmerzhafte Dinge angetan werden sollten. Wenigstens gewarnt wollte sie sein, wenn sie sich der Gefahr schon nicht entziehen konnte.

Dörte, die als Einzige schon verlobt war und sich viel darauf zugutetat, besser als alle anderen Bescheid zu wissen, fragte: »Hast du überhaupt schon einmal einen Mann nackt gesehen?«

»Gewiss, den Adam in der Bibel, wie er mit Eva und der Schlange unter dem Baum steht.« Trotz klang aus ihrer Stimme. Sie wusste ja genau, dass Dörte mit »nackt« nicht einen Mann mit einem Feigenblatt vor den Lenden gemeint hatte.

»Ohne Weinlaub, meine ich«, beharrte Dörte.

Anna Lisa schoss das Blut ins Gesicht. Tatsächlich hatte sie so etwas schon einmal gesehen, aber es war keine angenehme Erinnerung. Ein betrunkener Seemann hatte am helllichten Tag mitten auf dem Gänsemarkt an die Mauer gepisst, und bevor die entsetzte Elsa ihr noch die Augen zuhalten konnte, hatte sie das dicke, graugelbe Ding gesehen, das er in der Hand hielt. Nachher hatte sie geschworen, sie hätte gar nichts gesehen, aber es war ein kindlicher Meineid gewesen. Es war ihr entsetzlich peinlich gewesen, daran erinnert zu werden, dass Männer auf dieselbe Weise pissten wie Pferde und Hunde, sogar Männer wie ihre Brüder und ihr Vater, ja, der Herr Pfarrer persönlich!

»Ich will nichts davon hören«, protestierte sie und stand rasch auf. Die anderen lachten. Sie waren nach dem Gespräch in einer bösen, hitzigen Stimmung, und dass die frischgebackene Braut sich schämte, stachelte sie auf.

Dörte, deren Vater ebenfalls im Ostindien-Handel Geschäfte machte, bemerkte boshaft: »Vielleicht wirst du auch gar nicht viel davon hören. Die meisten weißen Männer in den Kolonien nehmen sich eine farbige Geliebte fürs Bett, denn die einhei­mischen Frauen sind schön, unterwürfig und anspruchslos. Ihre Ehefrauen brauchen sie nur, damit sie Kinder bekommen und die Familie repräsentieren.«

Dass viele Männer ihre Ehe nicht sonderlich wichtig nahmen, hatte sogar die naive Anna Lisa schon mitbekommen. Sie lebten für ihre Plantage, für die Armee, für ihr Schiff oder ihre Pferde. Soweit sie sich noch an ihre Mutter erinnern konnte, hatte diese immer sehr im Hintergrund gestanden. Elmer Lobrecht, der seine Schiffe mehr liebte als alle Frauen der Welt, hatte sich keine Geliebte gehalten, aber andere Männer taten es, obwohl sie am Sonntag breit auf ihren Plätzen in der Kirche saßen und fromme Gesichter machten.

In Java und anderen Kolonien, behauptete Dörte, galt es unter weißen Männern trotz der nach außen hin zur Schau ge­tragenen kalvinistischen Frömmigkeit als durchaus akzeptabel, die Ehe zu brechen, solange man es mit einer Einheimischen tat und die farbige Geliebte nicht allzu aufdringlich in der Öffentlichkeit präsentierte. In Batavia, wo viele Chinesen lebten, gab es auch zahlreiche Beziehungen zwischen Holländern und asiatischen Frauen, aber sie blieben immer ohne kirchlichen und staatlichen Segen. Wozu hätte ein Mann sich an eine Frau binden sollen, die ihm nicht in sein heimatliches Holland folgen durfte? Denn obwohl die Einwohner Javas dem Gesetz nach Untertanen der holländischen Krone waren, durften sie deren Stammland nicht betreten. Da die Männer aber fleißig Kinder zeugten, gab es zahlreiche Mischlinge – in Batavia, darunter viele Mulatten, die Nachkommen von Europäern und den schwarzafrikanischen Sklaven der Portugiesen. Die jungen Männer unter diesen Mischlingen reisten häufig nach Europa, um dort zu studieren, und konnten es weit bringen. Die Töchter jedoch durften Batavia nicht verlassen. Sie bewegten sich auf einer sozialen Ebene mit den Sklaven und sprachen auch deren Sprachen, Portugiesisch und Malayalam. Ihre einzige Chance war die Hochzeit mit irgendeinem Händler oder Seemann der Vereenigde Oost-Indische Compagnie.

»Wenn du Pech hast«, verkündete Dörte, »endest du als snaar. Das sind Frauen, deren Männer für immer nach Holland zurückkehren und die Frauen praktisch als Witwen zurücklassen. Oft nehmen sie ihnen auch die Kinder weg.«

»Wie ungerecht!«, rief Georgina, die vom rebellischen Gedankengut der Frauenrechtlerinnen angekränkelt war. »Wenn die Männer es dürfen und die Frauen nicht!«

Die welterfahrene Dörte zuckte die Achseln. Es war eben so, und zwar auf allen Seiten. Auch ein einheimischer Mann, der Gefallen an einer Europäerin fand, war ein Pechvogel. Niemals würde man ihm diese Liebe gestatten. Die Europäer empfanden es als eine Beleidigung, dass einer aus dem Kolonialvolk sich in ihre Reihen drängen wollte, und für die Javaner galt Adat, das Gewohnheitsrecht, das die Heirat mit einer fremden Frau verbot, sei sie nun Europäerin, Afrikanerin oder Chinesin. Überhaupt seien die Moralgesetze auf der Insel sehr eigenartig. Selbst der Verkehr der Kolonialvölker untereinander war streng geregelt. Ein Deutscher durfte sich mit einer deutschen Frau unterhalten, solange sie dabei nicht den Eindruck erweckten, »sich in dunklen Ecken herumzudrücken«. Mit einer Hollän­derin oder Engländerin hätte man ihn schon schief angesehen, und die Portugiesen, die entmachteten Kolonialherren, standen auf den untersten Sprossen der gesellschaftlichen Stufenleiter, verhasst bei den Einheimischen, verachtet von den erfolgreicheren Eroberern.

Die betrogenen Frauen konnten sich also nicht rächen, und sie konnten auch nicht davonlaufen und sich scheiden lassen, denn eine alleinstehende Frau war auf Java noch viel mehr als in Europa ein gesellschaftliches Nichts. Niemand respektierte sie, niemand achtete auf sie.

Noch viel schlimmer als den Weißen erging es den Frauen der Einheimischen. Sie standen in der allgemeinen Wertschätzung kaum höher als Nutztiere, auch wenn sie aus einem reichen Haus kamen. Die Familie kaufte dem Sohn – der auch nicht gefragt wurde – eine nach Ansicht der Eltern passende Frau, die für ihn kochte, putzte und ihm Kinder gebar. In dem islamischen Land war die Vielehe erlaubt, reiche Leute kauften ihren Söhnen daher mehrere Frauen, für die Armen gab es nur eine, aber alle teilten dasselbe Schicksal als Sklavinnen ihrer Gatten.

Anna Lisa fühlte, wie der Groll in ihr aufstieg, als Dörte ihr mit süffisantem Lächeln den Teufel dieses zukünftigen Daseins an die Wand malte. Das sollte Simeon nur wagen, sie so schlecht zu behandeln! Aber im Grunde wusste sie trotz ihrer siebzehn Jahre bereits, dass sie rein gar nichts dagegen tun konnte, wenn er es dennoch tat. Viele junge Frauen bekamen altersschwache, bösartige oder ausschweifende Männer an den Hals gehängt und konnten sich nicht dagegen wehren. Gewiss, es gab inzwischen die Möglichkeit einer zivilen Scheidung, aber die durchzusetzen war schwierig, und was hatte eine Frau schon davon? Von den Kirchen wurde sie als Sünderin gegeißelt, von der Familie verachtet, und wovon sie ohne die Zuwendungen ihres Mannes leben sollte, wusste sie zumeist auch nicht.

Anna Lisa spürte, wie eine dumpfe Angst ihr Herz umklammerte.

 

»Sie sind da, Fräulein, sie sind da! Und ich habe den jungen Herrn schon gesehen!« Das Dienstmädchen Mette steckte die Nase durch die einen Spaltbreit geöffnete Tür und sprudelte die Neuigkeit so hastig hervor, dass sie sich beinahe verschluckte. »Der Wagen ist gerade vorgefahren! Sie sind ausgestiegen, und der junge Herr sieht wirklich sehr hübsch aus, er wird Ihnen gefallen ...«

»Schon gut, schon gut! Mach hier kein solches Theater.« Anna Lisa winkte dem aufgeregten Dienstmädchen, sich zurück­zu­zie­hen, überlegte es sich dann jedoch anders. »Wenn sie schon da sind, wird mich mein Vater bald rufen lassen – komm, ich will mich gleich zurechtmachen, damit er nicht warten muss.«

Mette huschte herbei. Ihr rundes Gesicht glühte in einer Aufregung, als sei sie selbst es, die mit dem jungen Holländer ­verlobt werden sollte. Unter den Dienstboten waren die Liebesgeschichten und Heiratssachen der Herrschaften immer schon das Thema Nummer eins gewesen. Es gab nichts Schöneres, als aus der Perspektive von Küche und Hintertreppe zu beobachten, wie sich Romanzen, Komödien und auch Tragödien zwischen den Herren und Damen abspielten. Während das Mädchen Hand anlegte, um Anna Lisa zu frisieren und ein geeignetes Kleid auszusuchen, schwatzte sie unablässig. Die holländischen Gäste waren kaum durch die Tür verschwunden, da hatte die Dienerschaft schon deren Kutscher ins Verhör genommen, aus dem sich – anders als die hochnäsigen Kammerdiener – leicht ein paar Brocken Information herausquetschen ließen. Daher wusste Mette auch genauestens Bescheid darü­ber, dass Simeon ein »feiner junger Herr« war, der höflich mit den Bediensteten umging und nicht mit Trinkgeldern sparte, dass er sich immer sehr vornehm und sittsam betrug, aber »auch ganz anders sein konnte«.

»Was meinte er damit?«, fragte Anna Lisa, während sie krampfhaft den Hals stillhielt, damit Mette eine symmetrische Frisur zustande brachte – eine volle, weiche Haarschnecke auf jeder Seite des Kopfes, die im Nacken zu einem Chignon verbunden wurden.

»Nun, er sagte, als er – der junge Herr – einmal dazukam, wie ein Mann seinen Hund trat, dass das arme Tier heulte und jaulte, da hätte er ihn mit dem Spazierstock ins Gesicht geschlagen. Ohne vorher ein Wort zu ihm zu sagen, einfach so. Mitten ins Gesicht, sodass er ihm die Nase brach und das Blut nur so herabrann. Und wenn er nicht der Sohn eines so bedeutenden Mannes wäre, dann hätte er es dafür mit dem Gericht zu tun bekommen, sagte der Kutscher, aber wie die Dinge standen, wagte der Kerl nicht zu murren. Er ist wie ein Maulesel, sagte der Kutscher, so sanft und still, dass man meint, man könne alles mit ihm machen, aber wenn er dir einmal einen Tritt verpasst, dann merkst du dir den. Verzeihung, Fräulein, aber das sagte der Kutscher, nicht ich.«

Anna Lisa wusste, dass sie Mette eigentlich für ihren Klatsch hätte zurechtweisen müssen. Es war schlechte Sitte, mit den Dienstboten über andere Menschen herzuziehen, schon gar solche der eigenen Klasse. Aber sie würde ja nicht mehr lange Mettes Herrin sein, und außerdem war sie brennend neugierig.

»Und den Hund«, fuhr Mette atemlos fort, »hat er damals mitgenommen, den hat er jetzt auch mit, und den müssen Sie erst einmal sehen, hoffentlich kriegen Sie keine Angst, so ein geflecktes Ungeheuer ist das.«

»Was? Ein gefleckter Hund – so wie Herbstlaub?«

»Ja, braun und schwarz und gelb gefleckt. Und so groß, dass er quer über den ganzen Teppich im Arbeitszimmer des gnädigen Herrn liegt.«

Das war zweifellos übertrieben, denn in dem Fall hätte das Tier gute fünf Meter lang sein müssen, aber sie empfand auch so einen leichten Schrecken bei der Vorstellung, dass dieser unheimliche Zerberus wohl der ständige Begleiter ihres Ver­lobten war. Wenn er ihn auf Brautschau mitnahm, nahm er ihn sicher auch überall anders hin mit. Im Hause Lobrecht hatte man keine Hunde gehalten, weil der Hausherr in ihrer Nähe immer zu husten und niesen anfing, daher wusste Anna Lisa recht wenig darüber, wie man mit diesen Tieren umging. Es sah ganz so aus, als müsste sie nicht nur über Männer noch einiges lernen.

Sie trat vor den Spiegel und betrachtete mit Wohlgefallen ihre eigene Erscheinung. Sie neigte nicht zu der Narretei vieler junger Mädchen, sich ständig selbst zu bekritteln. Dass sie angenehm aussah, ohne indes eine wirkliche Schönheit zu sein, wusste sie und akzeptierte es ohne Wenn und Aber.

»Ich bin doch schön genug für einen Kaffeehändler, Mette – was meinst du?«, wandte sie sich an das Mädchen.

»Oh, Fräulein, Sie wären schön genug für einen Diamantenhändler!«, rief Mette, die manchmal auf eine ganz eigene Weise poetisch sein konnte. »Alle zehn Finger kann er sich abschlecken, dass er jemand wie Sie bekommt! Übrigens sagte der Kutsch-. . .«

Anna Lisa erfuhr aber nicht mehr, was die neugierigen Dienstboten noch aus dem Kutscher herausgeholt hatten, denn da klopfte es an der Tür, und sie erhielt die erwartete Nachricht ihres Vaters, sie möge in sein Arbeitszimmer kommen.

Der feierliche Augenblick war da.

Im Arbeitszimmer erwarteten sie ihr Vater und ihr ältester Bruder, Carl Gustav, der bereits als Kompagnon der Firma angehörte und einiges mitzureden hatte. Auf dem Sofa saßen die beiden Holländer. Zu Füßen des Jüngeren lag, zusammengerollt, aber dennoch ganz und gar unübersehbar, der Fila ­Brasileiro, ein riesiger, unförmiger, faltiger Haufen leopardenfleckigen Fells. Seine bernsteingelben Augen musterten sie ­aufmerksam und argwöhnisch. Es musste ein kluges Tier sein, das genau wusste, wie bedeutsam sie für seinen Herrn war, auch wenn es natürlich die Situation nicht verstand.

Anna Lisa knickste. Den Kaffeehändler ignorierte sie, ihr ­erster Blick – unter wohlerzogen niedergeschlagenen Lidern hervor – galt seinem Sohn. Das Foto hatte nicht gelogen. Er sah sehr hübsch aus. Die hohe Gestalt, das weiche Haar, der gepflegte Bart, die schwermütigen Augen, alles war genau wie auf dem Lichtbild und doch in Wirklichkeit noch viel anziehender. Seine Bewegungen, als er bei ihrem Eintritt aufstand und sie mit einem leichten Neigen des Kopfes begrüßte, wirkten hölzern, aber schließlich war er nicht weniger befangen als sie selbst. Eine leichte Röte stieg in seine Wangen, er stand mit den Händen auf dem Rücken da, während der Kaffeehändler an seiner statt das Wort ergriff. In wohlgesetzten Worten sprach Bartimäus, es sei ihm eine Ehre und eine Freude, sie als zukünftige Gattin seines Sohnes zu begrüßen, eine Verbindung, von der die Reederei ebenso wie die Kaffeefirma profitieren würde.

Anna Lisa, die genau wusste, was von ihr erwartet wurde, antwortete: »Ich danke meinem Vater für die Umsicht, mit der er meinen Gatten gewählt hat, und freue mich, Sie als meinen Schwiegervater und Ihren Sohn als meinen zukünftigen Gatten kennenzulernen.«

Danach herrschte Schweigen, bis der Kaffeehändler seinen Sohn in den Rücken knuffte und mit gedämpfter Stimme aufforderte: »Sag endlich etwas!«

Simeon öffnete die großen Augen, als erwachte er allmählich aus einer Trance. Lange hing sein Blick an ihr, so lange, dass sein Vater schon dazu ansetzte, ihn ein weiteres Mal zu stoßen. Dann sprach er. Mit weicher Stimme, deren Schmelz nur durch seinen heiseren holländischen Akzent gestört wurde, sagte er: »Sie erscheinen mir sehr schön und lieb, und ich wünsche, Sie können mich mögen.«

Anna Lisa, die eine weitere formelhafte Rede erwartet hatte, war überrascht, und völlig aus dem Konzept gebracht erwiderte sie: »Oh – schön finde ich Sie auch, und ich glaube, ich – ja, ich mag Sie. Verzeihen Sie.«

Lobrecht warf seinem Sohn mit verdrehten Augen einen Blick zu, dann wandte er sich entschuldigend an den Kaffeehändler.

»Meine Tochter ist noch ein halbes Kind und ein wenig naiv; Sie müssen ihre Unbeholfenheit entschuldigen. Carl Gustav«, sprach er seinen Sohn an, »willst du mit Mijnheer Vander­heyden und deiner Schwester einen Spaziergang durch den Gar­ten machen, während ich mich mit meinem Geschäftsfreund auf ein Gläschen zusammensetze? Es ist ja noch etwas Zeit bis zum Abendessen.«

Carl Gustav erhob sich sogleich, nahm seinen zukünftigen Schwager kameradschaftlich am Ellbogen und steuerte ihn vor sich her durch die Tür. Der Fila Brasileiro sprang auf und folgte seinem Herrn auf seinen dicken Pfoten so leise wie eine Katze, während Anna Lisa verlegen hinterherlief. Sie hatte sich ernstlich bemüht, sich wohlerzogen zu benehmen, aber Simeon hatte sie völlig durcheinandergebracht, sodass sie nichts als Unsinn geredet hatte. Sicher war ihr Vater ärgerlich. Nun, wenigstens ging es ihrem zukünftigen Gatten nicht anders: Bevor sie die Tür hinter sich schloss, hörte sie ­deutlich, wie der alte Kaffeehändler ihm hinterherzischte: »Tölpel!«

Carl Gustav wenigstens wusste sich zu benehmen. Er plauderte freundlich mit dem Gast, während er ihn in den Garten führte, und dort zog er sich so diskret zurück, dass sie zwar zu dritt spazieren zu gehen schienen, die Brautleute aber die Möglichkeit hatten, unter vier Augen miteinander zu sprechen. Wenigstens eine kurze Gelegenheit sollten sie haben, einander persönlich kennenzulernen, ehe der Pfarrer sie für Zeit und Ewigkeit miteinander verband. Sie schlenderten, auf den Fersen gefolgt von dem samtpfötigen Hund, die verschlungenen Wege zwischen den Rasenflächen und Lorbeerhecken entlang. Erst fiel ihnen beiden das Reden schwer, aber dann fragte Simeon plötzlich: »Man zwingt Sie doch nicht, mich zu heiraten, oder?«

Es klang so besorgt, dass sie hastig antwortete: »Aber nein, keineswegs. Mein Vater hat es mir freigestellt, jeden Bewerber abzulehnen, den ich um keinen Preis möchte.«

»Das freut mich«, sagte er. »Es würde mich sehr unglücklich machen, mir vorzustellen, dass man Ihnen meine Gesellschaft gegen Ihren Willen aufgezwungen hat. Ich bin ein Gegner arrangierter Ehen. Es wäre viel besser, wenn man sich seinen Gatten, seine Gattin selbst wählen könnte.«

Anna Lisa empfand einen Stich der Eifersucht, der sie selbst überraschte. »Hätten Sie denn eine andere gewählt, wenn Sie könnten?«

»Nein. – Nein«, wiederholte er nach kurzer Überlegung mit festerer Stimme. »Ich trage das Bild keiner anderen Frau im Herzen, wenn Sie das meinen.« Dann, aus einer wunderlichen Gedankenverbindung heraus, blieb er stehen und wies auf den Fila Brasileiro, der augenblicklich ebenfalls innehielt und ihn aufmerksam ansah. »Das ist übrigens Tietjens. Sie weiß, dass ich Sie heiraten werde. Deswegen wird sie immer auch Ihre Freundin sein. Sie müssen keine Angst vor ihr haben, weil sie so groß ist, sie ist sanft wie ein Kätzchen, wenn sie jemanden zu ihren Freunden zählt.«

Anna Lisa lag es auf der Zunge zu fragen: Und wenn sie jemanden nicht mag? Aber sie fand es klüger, die Frage zu unterdrücken. Ein wenig unbehaglich wandte sie sich der Hündin zu. Die klugen Bernsteinaugen betrachteten sie mit einem Blick, der zu besagen schien: Weil er es will, mag ich dich, denn sein Wille ist mein Gesetz. Ob ich dich um deiner selbst willen mag, werden wir noch sehen.

»Wir hatten nie Hunde«, erklärte sie entschuldigend. »Ich habe also nicht viel Erfahrung mit ihnen.« Dann fügte sie lächelnd hinzu: »Aber wenn Tietjens Ihre Freundin ist, dann ist sie auch die meine.«

»Das ist gut«, erwiderte er mit einem Ernst, bei dem es wie ein kalter Windhauch über sie hinging. »Wir müssen zusammenhalten, auf Gedeih und Verderb, und jetzt gehören Sie auch zu uns. – Wissen Sie Bescheid darüber, dass man uns nach Java abschieben wird?«

»Abschieben? Was für ein Wort, Mijnheer! Ich hörte, dass Sie die Plantage Ihres Vaters dort leiten werden.«

»So!«, erwiderte er, blieb stehen und wandte sich ihr zu, einen Ausdruck auf dem Gesicht, der ihr keimendes Unbehagen verstärkte. »Hörten Sie das? Man hat Sie belogen. Ich möchte, dass Sie Klarheit gewinnen, ehe Sie die Ringe mit mir tauschen. Mein Vater wird es mir zweifellos übel nehmen, aber Sie sollen nicht hinters Licht geführt werden – nicht von mir. Hören Sie mir zu, und unterbrechen Sie mich nicht.«

Er schritt langsam weiter, dicht begleitet von Tietjens, deren Kopf die Höhe seiner Hüfte erreichte. »Ich bin meinem Vater zutiefst verhasst. Schon seit meiner Geburt, glaube ich, auf jeden Fall aber, weil ich eine bittere Enttäuschung für ihn bin. Er lebt für sein Geschäft, aber ich sehe keinen Sinn darin und finde kein Vergnügen daran, Kaffee abzuwiegen und den täg­lichen Aktienkurs für das Pfund zu studieren. Mich hat von Kind auf die Botanik interessiert. Sie wissen, was das ist?«

Leicht verärgert, dass er sie für so ungebildet hielt, erwiderte sie: »Aber gewiss. So nennt man die Wissenschaft von den Pflanzen.«

»Das stimmt. Es ist inzwischen eine sehr komplizierte Wissenschaft mit vielen Seitenzweigen geworden, von denen mich das Anlegen von Herbarien am meisten interessiert. Ich bin ein guter Zeichner und Kupferstecher und liebe es, der natür­lichen getrockneten Pflanze auf dem Herbarbogen ein künst­lerisch gestaltetes Gegenstück hinzuzufügen. Ich beschäftige mich intensiv damit, sehr zum Ärger meines Vaters, der dies für eine törichte Spielerei hält, eines Mannes unwürdig. Kaffee interessiert mich nur insoweit, als der Kaffeestrauch ebenfalls zu den Pflanzen zählt; der gesamte Kaffeehandel kann mir gestohlen bleiben.« Mit einem sardonischen Lächeln, das seinem schönen Gesicht jäh einen unheimlichen Ausdruck verlieh, fügte er hinzu: »Das ist in seinen Augen ein schweres Verbrechen – eine Verletzung meiner Sohnespflichten, die ihm das Recht gibt, mich zu verstoßen. Natürlich nicht vor dem Gesetz. Ich bin und bleibe sein ehelicher Sohn und rechtmäßiger Erbe. Aber er kann meinen Anblick nicht ertragen, er schämt sich für mich, weil die anderen Händler über mich spotten, und so ist er auf den Gedanken verfallen, mich nach Java zu schicken. Aber keinesfalls, damit ich die Plantage Buitenhus leite. Niemals würde er seinen kostbaren Kaffee mir anvertrauen. Wie heißt es doch in der Bibel? Man soll keine Perlen vor die Säue werfen.«

Seine Rede verwirrte Anna Lisa derart, dass sie das Gebot missachtete, ihn zu unterbrechen, und fragte: »Aber was werden Sie denn dann in Java machen?«

Er antwortete mit leiser, ruhiger Stimme und ohne sichtbare Erregung: »Wenn alles nach seinem Plan geht, werde ich in ein, zwei Monaten krank werden und sterben. Viele Menschen, die zum ersten Mal in die Tropen reisen, sterben nach ein paar Wochen. Sie bekommen Fieber, oder sie werden von einem Skorpion gestochen, oder sie essen etwas Verdorbenes ... Niemand würde es wundern, wenn ich bald sterbe. Und niemand würde es interessieren. Wie gesagt, viele Europäer werden dort krank. Die Hafenstadt Batavia ist die übelste Pesthöhle, die man sich vorstellen kann, sie liegt im Schwemmland an der Mündung des Flusses Ciliwung, und die Sümpfe brüten alle erdenklichen Fieber aus. Man nennt sie Het kerkhof der Europeanen – den ›Friedhof der Europäer‹. Schon Captain James Cook, dessen Männer dort starben wie die Fliegen, warnte alle Europäer eindringlich davor, sich an diesem Ort anzusiedeln. Die Plantage Buitenhus liegt zwar auf einer Hochebene und in ­besserer Luft, aber das Tropenklima ist mörderisch, glühend heiß in der Trockenzeit, ständig nass in der Regenzeit und am schlimmsten in der Zeit dazwischen, die man die Wechselzeit nennt. Es wäre wirklich kein Wunder, wenn Sie schon in einem halben Jahr wieder Witwe wären.«

Über Anne de Witt

Biografie

Anne de Witt, geboren 1969 in Heidelberg, ist als Anglistin in der Erwachsenenbildung tätig und lebt mit ihrer Familie in Schleswig-Holstein. Als Ehefrau eines Niederländers interessiert sie sich besonders für die holländische Kolonialgeschichte. Mit »Im Land der Mond-Orchidee« veröffentlicht sie...

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