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Die Totenjägerin

Die Totenjägerin

Thriller

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Die Totenjägerin — Inhalt

Nicht alle Vermissten sind Opfer. Manche verschwinden freiwillig, um fortan im Dunkeln zu operieren. Um Rache zu nehmen. Oder einem perfiden Plan zu folgen, der Tote um Tote fordert. Es gibt nur eine Frau, die den geheimen Plan hinter den Morden erkennt. Eine Polizistin, die ganz allein agiert, fest entschlossen, den Vermissten ihr grausames Geheimnis zu entreißen ...

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 12.05.2014
Übersetzt von: Karin Diemerling
480 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96614-6

Leseprobe zu »Die Totenjägerin«

Saal 13 des staatlichen Leichenschauhauses war der Höllenkreis der Schlafenden.

Er befand sich im vierten und tiefsten Untergeschoss, im eisigen Inferno der Kühlräume. Dieses Stockwerk war den Leichen ohne Identität vorbehalten, und nur selten verlangte jemand dort Zutritt.

Doch in dieser Nacht kam ein Besucher.

Der Wächter erwartete ihn vor dem Aufzug, den Kopf in den Nacken gelegt. Er verfolgte die Ziffern, die nacheinander auf der Anzeige erschienen und den Abstieg der Kabine anzeigten, und fragte sich, wer dieser unerwartete Gast wohl sein mochte. [...]

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Saal 13 des staatlichen Leichenschauhauses war der Höllenkreis der Schlafenden.

Er befand sich im vierten und tiefsten Untergeschoss, im eisigen Inferno der Kühlräume. Dieses Stockwerk war den Leichen ohne Identität vorbehalten, und nur selten verlangte jemand dort Zutritt.

Doch in dieser Nacht kam ein Besucher.

Der Wächter erwartete ihn vor dem Aufzug, den Kopf in den Nacken gelegt. Er verfolgte die Ziffern, die nacheinander auf der Anzeige erschienen und den Abstieg der Kabine anzeigten, und fragte sich, wer dieser unerwartete Gast wohl sein mochte. Vor allem aber fragte er sich, aus welchem Grund er sich bis an diese äußerste Grenze der Welt der Lebenden vorwagte.

Als die letzte Leuchtziffer aufblinkte, war es einen Moment lang still, dann öffnete sich die Aufzugtür. Der Wächter musterte den Besucher, einen Mann über vierzig in einem dunkelblauen Anzug. In seiner Miene spiegelte sich – wie bei jedem, der zum ersten Mal hier unten ankam – das Erstaunen darüber, dass er keine weiß gekachelte, von sterilem Neonlicht erhellte Umgebung vorfand, sondern grün gestrichene Wände und orangefarbene Bodenspots.

»Farbigkeit verhindert Panikattacken«, antwortete der Wächter auf seine stumme Frage und reichte ihm einen blauen Kittel.

Der Besucher sagte nichts. Er zog sich an, dann gingen sie los.

»Die Toten auf dieser Etage sind vor allem Obdachlose oder illegale Einwanderer. Keine Papiere und keine Verwandten, sie beißen ins Gras und landen hier unten. Sind alle in den Sälen eins bis neun«, erklärte der Wächter. »Zehn und elf dagegen sind für Leute wie Sie und mich, die ihre Steuern zahlen und Fußball gucken und eines Morgens in der U-Bahn an einem Infarkt krepieren. Irgendein Fahrgast tut so, als wollte er helfen, erleichtert sie aber nur um ihr Portemonnaie, und voilà, wie von Zauberhand verschwindet der Kerl für immer. Manchmal ist aber auch ein simpler Fehler der Bürokratie schuld – eine Sachbearbeiterin bringt den Papierkram durcheinander, und den zur Identifizierung herbestellten Angehörigen wird die Leiche eines anderen gezeigt. Für die ist es, als wäre man nie gestorben, sie suchen ewig weiter nach einem.« Er versuchte, den Besucher zu beeindrucken, indem er den Touristenführer spielte, doch der Mann zeigte keinerlei Reaktion. »Dann sind da die Selbstmordfälle und Unfallopfer, Saal zwölf. Es kommt nämlich vor, dass die Leiche so übel zugerichtet ist, dass man Zweifel hat, ob es sich überhaupt um einen Menschen handelt«, fügte er hinzu, um den Magen des Besuchers zu testen, der anscheinend nicht zimperlich war. »Jedenfalls sieht das Gesetz für alle die gleiche Behandlung vor: Aufbewahrung in einem Kühlraum für einen Zeitraum von nicht unter achtzehn Monaten. Ist der abgelaufen und hat niemand die Leiche identifiziert oder Anspruch darauf erhoben und liegen ferner keine weiteren Ermittlungsgründe vor, wird die Entsorgung durch Kremation angeordnet.« Er zitierte die Bestimmung aus dem Gedächtnis.

Danach änderte sich sein Tonfall und wurde vorsichtig, weil das Folgende den Grund für diesen seltsamen nächtlichen Besuch betraf.

»Dann gibt es die in Saal Nummer dreizehn.«

Die anonymen Opfer unaufgeklärter Morde.

»Bei Mordfällen stellt die Leiche laut Gesetz so lange ein Beweismittel dar, bis die Identität des Opfers festgestellt wurde«, erklärte der Wächter. »Man kann keinen Mörder verurteilen, solange nicht nachzuweisen ist, dass es die Person, die er getötet hat, wirklich gegeben hat. Ohne einen Namen ist die Leiche der einzige Beweis dafür, dass jemand existiert hat. Deshalb wird sie ohne zeitliche Beschränkung konserviert. Das ist eine von diesen komischen juristischen Spitzfindigkeiten, auf die Anwälte so versessen sind.«

Solange die Straftat, auf die der betreffende Todesfall zurückzuführen war, nicht genau bestimmt werden konnte, durften die sterblichen Überreste nicht vernichtet oder dem natürlichen Verwesungsprozess überlassen werden, besagten die gesetzlichen Vorschriften.

»Wir nennen sie die Schlafenden.«

Unbekannte Männer, Frauen und Kinder, für deren Tötung noch kein Schuldiger ermittelt worden war. Seit Jahren warteten sie darauf, dass jemand sich meldete und sie von dem Fluch, den Lebenden zu gleichen, befreite. Wie in einem makabren Märchen genügte dazu ein Zauberwort.

Ihr Name.

Die vorläufige Ruhestätte, die sie aufnahm – Saal 13 –, war die letzte am Ende des Gangs.

Vor der Stahltür angekommen, hantierte der Wächter mit einem Schlüsselbund, bis er den richtigen Schlüssel fand. Er schloss auf und ließ dem Besucher den Vortritt. Kaum hatte der einen Fuß ins Dunkel gesetzt, schaltete sich eine Reihe von gelben Deckenstrahlern ein, aktiviert durch den Bewegungsmelder. In der Mitte des Raums stand ein Obduktionstisch, der von wandhohen Kühlschränken mit Dutzenden von Kammern umgeben war.

Ein Bienenstock aus Stahl.

»Sie müssen hier unterschreiben, das ist Vorschrift«, sagte der Wächter und hielt dem Mann ein Register hin. »Welcher interessiert Sie?«, fragte er dann, wobei seine Stimme eine gewisse Unruhe verriet.

Der Besucher sprach endlich. »Der Tote, der schon am längsten hier liegt.«

AHF-93-K999.

Diese Sigle kannte der Wächter auswendig, quasi aus Vorfreude auf die Lösung eines alten Rätsels. Er fand die richtige Kammer mit dem am Griff angebrachten Etikett auf Anhieb, an der linken Wand, die dritte von unten, und zeigte sie dem Besucher. »Von den Geschichten der Toten hier unten ist seine nicht mal die originellste«, konnte er es sich nicht verkneifen zu bemerken. »Eines Samstagnachmittags haben ein paar Jungen Fußball im Park gespielt, und der Ball ist im Gebüsch gelandet. So haben sie ihn gefunden. Man hatte ihm in den Kopf geschossen. Er hatte keinen Ausweis bei sich, nicht mal Hausschlüssel. Das Gesicht ist noch einwandfrei zu erkennen, aber es hat sich niemand unter den Notrufnummern gemeldet und nach ihm erkundigt oder eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Solange es keinen Täter gibt, der womöglich nie gefasst wird, ist der einzige Beweis für das Verbrechen nun mal die Leiche selbst. Deshalb hat das Gericht verfügt, dass sie aufbewahrt werden muss, bis der Fall aufgeklärt wird.« Er machte eine Pause. »Seitdem sind Jahre vergangen, aber er liegt immer noch hier.«

Der Wächter fragte sich schon seit Langem, welchen Sinn es haben sollte, den Nachweis für ein Verbrechen zu erhalten, an das sich niemand mehr erinnerte. Zumal er der Meinung war, dass die Welt diesen anonymen Bewohner von Saal 13 ebenfalls längst vergessen hatte. Doch beim nächsten Wunsch des Besuchers befiel ihn eine Ahnung, dass das Geheimnis, das hinter diesen wenigen Zentimetern Stahl gehütet wurde, über das einer bloßen Identität weit hinausging.

»Machen Sie auf, ich will ihn sehen.«

AHF-93-K999. So hieß er seit vielen Jahren. Vielleicht würde sich in dieser Nacht etwas daran ändern. Der Wächter der Toten betätigte das Entlüftungsventil, um die Öffnung der Kammer vorzunehmen.

Der Schlafende würde geweckt werden.

 

 

MILA

 

 

Beweismittel 397-H/5

Transkript der Sprachaufzeichnung von 06:40 Uhr am 21. September [geschwärzt].

Gegenstand: Anruf bei der Notrufnummer von [geschwärzt]. Einsatzbearbeiterin: Polizeibeamtin Clara Salgado.

 

 

Bearbeiterin: Polizeilicher Notruf. Von wo rufen Sie an?

Anrufer: ...

B: Hallo, ich höre Sie nicht. Von wo rufen Sie an?

A: Hier ist Jes.

B: Sie müssen mir Ihren vollen Namen sagen, bitte.

A: Jes Belman.

B: Wie alt bist du, Jes?

A: Zehn.

B: Von wo rufst du an?

A: Von zu Hause.

B: Kannst du mir deine Adresse sagen?

A: ...

B: Jes, kannst du mir bitte sagen, wo du wohnst?

A: Ich wohne in [geschwärzt].

B: Gut. Was ist passiert? Du weißt, dass das hier die Nummer der Polizei ist, oder? Warum rufst du an?

A: Ja, ich weiß. Sie sind tot.

B: Hast du gesagt ›sie sind tot‹, Jes?

A: ...

B: Jes, bist du noch da? Wer ist tot?

A: Ja. Alle. Sie sind alle tot.

B: Das ist jetzt kein Scherz, oder, Jes?

A: Nein.

B: Kannst du mir sagen, wie das passiert ist?

A: Ja.

B: Jes, bist du noch da?

A: Ja.

B: Warum erzählst du es mir nicht? Lass dir ruhig Zeit.

A: Er ist gestern Abend gekommen. Wir waren gerade beim Essen.

B: Wer ist gekommen?

A: ...

B: Wer, Jes?

A: Er hat geschossen.

B: Ist gut, Jes. Ich möchte dir helfen, aber du musst mir jetzt auch helfen, okay?

A: Okay.

B: Du sagst also, dass beim Abendessen ein Mann hereingekommen ist und angefangen hat zu schießen?

A: Ja.

B: Und dann ist er gegangen, aber auf dich hat er nicht geschossen. Dir geht es gut, ja?

A: Nein.

B: Soll das heißen, dass du verletzt bist, Jes?

A: Nein. Er ist nicht gegangen.

B: Der Mann, der geschossen hat, ist noch da?

A: ...

B: Jes, antworte mir bitte.

A: Er sagt, Sie müssen kommen. Sie müssen sofort kommen.

 

 

Verbindung unterbrochen. Ende der Aufzeichnung.

 

 

 

1. Kapitel

Um kurz vor sechs begann die Straße sich zu beleben.

Die Wagen der Stadtreinigung leerten die wie brave Zinnsoldaten vor den Häusern aufgereihten Mülltonnen. Dann kam das Fahrzeug, welches das Pflaster mit seinen rotierenden Bürsten reinigte. Bald darauf trafen die Pritschenwagen der Gartenarbeiter ein, englische Rasen und Fußwege wurden von Laub und Unkraut befreit, Hecken auf ideale Höhe gestutzt. Nach Abschluss ihrer jeweiligen Aufgabe fuhren sie davon und hinterließen eine ordentliche Welt in friedlicher Stille.

Das glückliche Viertel war bereit, sich den Blicken seiner glücklichen Bewohner zu präsentieren, dachte Mila.

Die Nacht war ruhig verlaufen, wie jede Nacht in dieser Gegend. Gegen sieben erwachten die Häuser träge, und hinter den Fenstern begrüßten Väter, Mütter und Kinder geschäftig und munter den neuen Tag.

Einen weiteren Tag in einem glücklichen Leben.

Mila empfand keinen Neid, als sie die Leute aus ihrem am Anfang der Straße geparkten Hyundai heraus beobachtete, denn sie wusste, dass ein anderes Bild zum Vorschein kam, sobald man ein wenig an der vergoldeten Oberfläche kratzte. Manchmal einfach nur das wahre Bild, das aus Licht und Schatten bestand, wie es sich gehörte. Manchmal aber auch ein schwarzes Loch. Der faulige Atem eines hungrigen Schlundes blies dich an, und dir war, als hörtest du, wie aus der Tiefe jemand deinen Namen flüsterte.

Mila Vasquez kannte den Ruf der Dunkelheit gut. Sie tanzte seit dem Tag ihrer Geburt mit den Schatten.

Sie schnippte mit den Fingern und erhöhte den Druck auf den Zeigefinger der linken Hand. Der kurze Schmerz half ihr, die Konzentration aufrechtzuerhalten. Wenig später öffneten sich nach und nach die Türen der Einfamilienhäuser. Kleinfamilien verließen ihr Zuhause, um es mit der Welt aufzunehmen – eine allzu leichte Herausforderung für die meisten, fand Mila.

Sie sah die Conners aus dem Haus kommen. Der Vater, ein Rechtsanwalt, war vierzig Jahre alt und hager unter seinem tadellosen grauen Anzug. Seine grau melierten Haare betonten die Bräune seines Gesichts. Die Mutter war blond und hatte die Figur und das Gesicht eines leicht in die Jahre gekommenen Mädchens. Das Wüten der Zeit würde ihr nichts anhaben können. Zuletzt kamen die Töchter. Die größere ging schon auf die höhere Schule, die Kleine – eine einzige Lockenkaskade – noch in den Kindergarten. Sie waren die Ebenbilder ihrer Eltern. Sollte irgendjemand tatsächlich noch Zweifel an Genetik und Evolutionstheorie haben, könnte Mila die ausräumen, indem sie ihm die Conners zeigte. Sie waren gut aussehend und perfekt und konnten offensichtlich nirgendwo anders wohnen als im glücklichen Viertel.

Nachdem er Frau und Töchter zum Abschied geküsst hatte, stieg der Anwalt in einen dunkelblauen Audi A6 und wandte sich seiner strahlenden Karriere zu. Die Frau brachte die Mädchen in einem grünen Nissan-SUV zur Schule. Als sie weg waren, stieg Mila aus ihrem alten Auto, um in das Haus – und das Leben – der Conners einzudringen. Trotz der Hitze hatte sie einen Jogginganzug als Tarnung gewählt. Der kalendarische Sommer war erst seit gestern zu Ende, aber in Shorts und T-Shirt hätte sie wegen der Narben noch wesentlich mehr Aufmerksamkeit erregt. Nach ihren Berechnungen, die sie seit Beginn der Observierung vor ein paar Tagen angestellt hatte, blieben ihr knapp vierzig Minuten, bevor Frau Conner wieder nach Hause kam.

Vierzig Minuten, um herauszufinden, ob sich im glücklichen Viertel ein Gespenst verbarg.

 

Die Familie Conner war schon seit einigen Wochen ihr Beobachtungsgegenstand. Begonnen hatte alles ganz zufällig.

Kriminalbeamte, die in Fällen von verschwundenen Personen ermitteln, können nicht einfach an ihrem Schreibtisch sitzen und darauf warten, dass eine Vermisstenanzeige erstattet wird, denn oft haben die Verschwundenen keine Familie, die irgendetwas anzeigen kann. Zum Beispiel weil sie Ausländer sind oder weil sie schon vor längerer Zeit alle Brücken hinter sich abgebrochen haben oder einfach, weil sie allein auf der Welt sind.

Mila nannte sie die »Prädestinierten«.

Menschen, die eine Leere um sich herum hatten und nicht ahnten, dass sie eines Tages davon verschluckt werden würden. Deshalb musste sie zuerst den Fall suchen und dann die verschwundene Person. Sie ging die Straßen ab und durchstreifte die Orte der Verzweiflung, wo die Dunkelheit einen bei jedem Schritt packt und einen nie allein lässt. Doch Fälle von Verschwinden ereigneten sich auch in einer fürsorglichen Umgebung, in geordneten und geschützten Verhältnissen.

Zum Beispiel, wenn ein Kind nicht mehr auftauchte.

Es konnte passieren – und passierte leider –, dass die Eltern kleine, aber wesentliche Veränderungen in der alltäglichen Routine nicht bemerkten. Irgendwo außerhalb des Hauses näherte sich vielleicht jemand ihrem Kind, ohne dass sie je etwas davon erfuhren. Kinder neigen zu Schuldgefühlen, wenn ein Erwachsener sie anspricht, weil häufig ein unlösbarer Konflikt zwischen zwei gegensätzlichen Ermahnungen von Mama und Papa entsteht: Einerseits sollen sie höflich zu den Großen sein, andererseits aber nicht mit Fremden sprechen. Für welches Verhalten sie sich auch entscheiden, es gibt immer etwas zu verheimlichen. Mila hatte jedoch eine hervorragende Informationsquelle entdeckt, um mehr über die Erlebnisse von Kindern zu erfahren.

Deshalb besuchte sie jeden Monat eine andere Schule.

Sie bat die Lehrer um Erlaubnis, durch die Klassenzimmer gehen zu dürfen, wenn die kleinen Schülerinnen und Schüler nicht da waren. Dann betrachtete sie ihre an den Wänden aufgehängten Bilder, denn in diesen Phantasiewelten steckte viel vom wirklichen Leben. Vor allem aber verdichteten sich dort all die heimlichen und manchmal unbewussten Emotionen, die ein Kind wie ein Schwamm aufsaugt und wieder absondert. Sie ging gern in die Schulen. Besonders mochte sie den typischen Geruch – Wachskreiden und Klebstoff, neue Bücher und Kaugummi. Er flößte ihr eine seltsame Ruhe ein, als könnte ihr nichts Böses passieren.

Denn Erwachsene fühlen sich dort am sichersten, wo Kinder zusammenkommen.

Bei einer dieser Erkundungen war es, dass ihr unter den Dutzenden von Bildern an der Wand das der jüngeren Conner-Tochter aufgefallen war. Sie hatte den Vorschulkindergarten am Anfang des Schuljahres willkürlich ausgewählt und war in der großen Pause hingegangen, als die Kinder alle im Hof spielten. Es war schön, sich in ihrer kleinen Welt aufzuhalten, mit dem fröhlichen Geschrei von draußen als Hintergrundgeräusch.

An der Zeichnung der kleinen Conner war ihr die glückliche Familie aufgefallen, die sie darstellte. Das Mädchen selbst, Mama, Papa und die Schwester auf dem Rasen vor dem Haus. Ein schöner Tag mit lachender Sonne. Alle vier hielten sich an den Händen. Ein Stück abseits von dieser zentralen Szene jedoch gab es etwas, das nicht dazu passte. Eine fünfte Person. Der Anblick löste sofort eine merkwürdige Unruhe in Mila aus. Die Gestalt schien in der Luft zu schweben und hatte kein Gesicht.

Ein Geist, dachte sie spontan.

Zunächst maß sie dem keine große Bedeutung bei, aber dann suchte sie nach anderen Bildern der Kleinen an der Wand und stellte fest, dass die geisterhafte Gestalt auf fast allen davon auftauchte.

Das konnte kein Zufall sein. Ihre Intuition riet ihr, der Sache nachzugehen.

Sie befragte die Lehrerin des Mädchens, die sehr nett war und ihr bestätigte, dass diese Geschichte mit den Geistern schon seit einer Weile so ging. Aus Erfahrung wisse sie jedoch, dass man sich deswegen keine Sorgen zu machen brauche – meistens geschah so etwas nach dem Tod eines Verwandten oder Bekannten, die Kinder verarbeiteten auf diese Weise ihre Trauer. Um ganz sicherzugehen, hatte die Lehrerin sich bei Frau Conner erkundigt. Es habe in letzter Zeit keinen Todesfall in der Familie gegeben, aber die Kleine habe neulich nachts einen Albtraum gehabt. Möglicherweise sei das der Grund.

Doch Mila wusste von Kinderpsychologen, dass Kinder realen Personen, die ihnen Angst machten, oft die Züge von Phantasiefiguren gaben, und das mussten nicht notwendigerweise Bösewichte sein. So konnte ein Fremder zu einem Vampir werden, aber auch zu einem sympathischen Clown oder gar Spiderman. Allerdings gab es fast immer ein Detail, das die Heldengestalt enttarnte und sie wieder menschlich machte. Sie erinnerte sich an den Fall von Samantha Hernandez, die den Mann mit dem weißen Bart, der sie jeden Tag im Park belästigte, als Weihnachtsmann dargestellt hatte. Nur dass er auf dem Bild, wie auch in Wirklichkeit, eine Tätowierung auf dem Unterarm trug. Niemandem war das aufgefallen, und so hatte der abscheuliche Mensch, der das Mädchen später vergewaltigt und umgebracht hatte, sie nur mit einem Geschenk zu locken brauchen.

Im Fall der jüngeren Conner-Tochter war das verräterische Element die Wiederholung.

Mila war überzeugt, dass irgendetwas die Kleine erschreckt hatte. Sie musste herausfinden, ob es sich um eine reale Person handelte, und vor allem, ob sie harmlos war oder nicht.

Wie schon so oft hatte sie beschlossen, die Eltern vorläufig nicht zu benachrichtigen. Es war unnötig, sie aufgrund eines vagen Verdachts zu beunruhigen oder gar in Panik zu versetzen. Stattdessen hatte sie begonnen, die kleine Conner zu überwachen, um die Personen zu identifizieren, mit denen sie außerhalb des Hauses in Kontakt kam, oder in den wenigen Momenten, in denen gerade niemand auf sie aufpasste, wie im Kindergarten oder beim Tanzunterricht.

Kein Unbekannter hatte sich besonders für das Mädchen interessiert.

Ihr Verdacht war offenbar unbegründet. Das kam oft vor, und es belastete sie nicht, ein paar Arbeitstage verschwendet zu haben, wenn Erleichterung und das gute Gefühl, nichts außer Acht gelassen zu haben, der Lohn dafür waren.

Aus purer Gewissenhaftigkeit hatte sie trotzdem auch der Schule der älteren Conner-Tochter einen Besuch abgestattet. In deren Bildern gab es kein zweideutiges Element – das Abweichende verbarg sich in einer Geschichte, die die Kinder als Hausaufgabe hatten schreiben sollen.

Das Mädchen hatte eine Horrorgeschichte erzählt, in der die Hauptfigur ein Gespenst war.

Natürlich konnte es sein, dass das Ganze nur eine Ausgeburt ihrer Phantasie war, mit der sie ihre jüngere Schwester verängstigt und beeinflusst hatte. Oder aber es war der endgültige Beleg dafür, dass es sich nicht um eine imaginäre Präsenz handelte. Der Umstand, dass kein verdächtiger Fremder auszumachen war, deutete eventuell auf eine sehr viel nähere Bedrohung hin.

Eine, die nicht von einem Unbekannten, sondern von zu Hause ausging.

Deshalb hatte Mila sich dafür entschieden, weitere Nachforschungen anzustellen, diesmal im Haus der Familie. Auch sie würde sich verwandeln müssen.

Von einer Kindersucherin zur Geisterjägerin.

Donato Carrisi

Über Donato Carrisi

Biografie

Donato Carrisi, geboren 1973 in einem Dorf in Apulien, lebt in Rom. Er studierte Jura und spezialisierte sich in Kriminologie und Verhaltensforschung. Nach einer kurzen Tätigkeit als Anwalt arbeitet er heute als Drehbuchautor für Kino und Fernsehen. Sein Thriller »Der Todesflüsterer« war ein großer...

Pressestimmen

Tiroler Tageszeitung

»Hochspannung!«

www.krimirezensionen.wordpress.com

»Eine klug konstruierte und wunderbar erzählte Geschichte.«

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