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Die Tiefe der ZeitDie Tiefe der Zeit

Die Tiefe der Zeit

Roman

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Die Tiefe der Zeit — Inhalt

Seit vielen Tausend Jahren führt die Menschheit Krieg gegen die geheimnisvollen Crul. Und seit ebenso langer Zeit erzählt man sich Geschichten von der Hauptstreitmacht des Feindes, die seit Ewigkeiten durch die Weiten des interstellaren Raums unterwegs ist, um eines Tages die Kernwelten der menschlichen Zivilisation zu vernichten. Der ehemalige Soldat Jarl, dem man Verrat und Mord zur Last legt, ist auf der Flucht vor den eigenen Verbündeten. Als Gejagter muss er die legendäre Erde finden, jenen mythischen Ursprungsplaneten der Menschen. Denn dort soll die größte aller Waffen lagern, eine Waffe, die den Krieg beenden und Frieden bringen kann. Jarls Suche führt ihn durch die Tiefe der Zeit. Doch er ahnt nicht, dass er nur ein Werkzeug in einem viel größeren Plan ist …

€ 16,00 [D], € 16,50 [A]
Erschienen am 01.03.2018
544 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70427-4
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 01.03.2018
544 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99081-3

Leseprobe zu »Die Tiefe der Zeit«

Prolog

 

Die Nacht wurde kälter, der Junge rückte etwas näher ans Feuer. Flammen züngelten, Schatten kamen und gingen. Am dunklen Himmel leuchteten zahllose Sterne.

»Es sieht friedlich aus, nicht wahr?«, fragte die Gestalt auf der anderen Seite des Lagerfeuers. Diesmal war es ein Greis, sein Gesicht schmal und voller Falten, die Augen groß und tief in den Höhlen. Das flackernde Licht verlieh seinen Zügen manchmal etwas Fratzenhaftes.

»So viele Sterne«, sagte der Junge leise. »So viele Welten.« Er wusste längst, dass jeder Stern eine Sonne war und jede [...]

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Prolog

 

Die Nacht wurde kälter, der Junge rückte etwas näher ans Feuer. Flammen züngelten, Schatten kamen und gingen. Am dunklen Himmel leuchteten zahllose Sterne.

»Es sieht friedlich aus, nicht wahr?«, fragte die Gestalt auf der anderen Seite des Lagerfeuers. Diesmal war es ein Greis, sein Gesicht schmal und voller Falten, die Augen groß und tief in den Höhlen. Das flackernde Licht verlieh seinen Zügen manchmal etwas Fratzenhaftes.

»So viele Sterne«, sagte der Junge leise. »So viele Welten.« Er wusste längst, dass jeder Stern eine Sonne war und jede Sonne von Planeten umkreist wurde.

»So viele Gefahren«, ertönte wieder die Stimme des Alten. »Weißt du, was ein Dschungel ist?«

»Die Lehrer haben davon erzählt und uns Bilder gezeigt.« Auf Grotenthal gab es keine Dschungel, nur Wälder mit elektrischen Bäumen, die bei einem Gewitter wie Kerzen leuchteten.

»Ein Dschungel ist wild und voller Geschöpfe, die andere Geschöpfe fressen«, sprach der Greis. »Die Schwachen sterben, und manchmal erwischt es auch die Starken, wenn sie nicht aufpassen. Die Sterne dort oben sind wie ein solcher Dschungel.«

»Warum?«, fragte der Junge. Es war eine seiner Lieblingsfragen.

»So will es das Universum. Es will, dass nur der Starke überlebt. Deshalb müssen wir stark sein. Bist du stark, Junge?«

»Ich weiß nicht.«

»Möchtest du stark sein?«

Der Knabe blickte in die Flammen. Das Feuer hatte eine eigene Stimme, es knisterte leise. »Ich denke schon.«

Der Greis nickte. »Du wirst wachsen und stark werden. Und vielleicht …«

»Ja?«

»Vielleicht«, sagte der Alte, »findest du die Erde.«

»Was ist die Erde?«

»Ein Planet.«

»Es gibt viele Planeten dort draußen. So viele, dass man sie nicht zählen kann.«

»Aber es gibt nur eine Erde.« Der Greis seufzte schwer. »Von dort stammen wir. Unsere Vorfahren, meine ich.«

Das klang seltsam, fand der Junge. »Wir alle kommen von nur einem Planeten?«

»Es ist lange, lange her«, sagte der Alte. »Damals gab es nicht so viele Menschen wie heute. Sie hatten alle auf einem Planeten Platz. Irgendwann verließen sie die Welt, die sie geboren hatte. Ein Paradies soll sie gewesen sein, und es heißt, dass die Menschen aus ihrem Paradies verstoßen wurden.«

»Ein Paradies? Und wer hat die Menschen daraus verstoßen? Der Feind?«

»Könnte sein«, antwortete der Greis ausweichend. »Die anderen Erzähler wissen vielleicht mehr. Irgendwann geriet die Erde in Vergessenheit. Heute ist sie nicht mehr als eine Legende, an die sich nur noch wenige erinnern.«

Legenden waren Geschichten, und der Junge mochte Geschichten. Manchmal, wenn sie interessant genug waren, nahmen sie seine Gedanken gefangen und trugen sie fort.

»Erzähl mir mehr von der Erde«, forderte er den Alten auf.

 

 

 

Wir töten keine Kinder

1

Prizilla

 

Der Wind wirbelte Staub auf, kalt und tot. Im kraftlosen Schein einer blassen Sonne ragten Ruinen wie bleiche Knochen aus der Ebene.

»Wie lange ist es her?«, fragte Prizilla. Der Atemfilter dämpfte ihre Stimme ein wenig.

»Was glauben Sie?« Ewora, eine der Großen Mütter, die man auch »die Große Ewora« nannte, trug nicht wie sonst ein buntes Amtsgewand, sondern einen kobaltblauen Schutzanzug. Ihr Leib war kostbar – in den vergangenen vierhundert Jahren hatte er mehr als siebzigtausendmal Leben geschaffen. Keine der anderen Großen Mütter konnte von sich behaupten, mehr Kinder zu haben als Ewora.

Die junge Prizilla, kaum fünfzig Jahre alt, ging in die Hocke, berührte den Staub mit bloßen Händen und fühlte seine trockene Kälte. Sie schloss kurz die Augen und lauschte dem Flüstern ihrer Adapter. Konstantin, dachte sie plötzlich und fragte sich, woher der Name kam und was er bedeutete.

»Drei Tage, nicht mehr«, sagte sie und richtete sich wieder auf. Mehrere Waffenplattformen summten über sie hinweg, gelenkt von wachsamen Soldaten. Weiter hinten ragte das Landeschiff wie ein kleiner grauer Berg auf. Licht viel aus Hangars und geöffneten Schleusen in die beginnende Dämmerung. »Es sieht alt aus, aber so fühlt es sich nicht an.«

»Welche Waffe wurde eingesetzt?«

Gibt es Überlebende?, wollte Prizilla fragen, hielt die Worte jedoch zurück. »Kalter Brand.«

Ewora nickte. »Ja.« Die mehr als vierhundert Jahre alte Mutter hob die Arme und sprach wie zu einer großen Menge. »Der Feind hat erneut zugeschlagen. Vergessen wir nie die Gefahr. Nie!«

»Nie«, wiederholte Prizilla automatisch und beobachtete mit der Zoomlinse in ihrem linken Auge die Soldaten zwischen den Ruinen.

»Nie«, sagte auch die dritte Frau, Nadala, dreißig Jahre älter als Prizilla und Taktikerin von Ewora der Großen. Seit kurzer Zeit leitete sie die Abteilung Acht, die Informationen über den Feind sammelte. »Wenn der Angriff erst drei Tage zurückliegt … Wo ist der Feind?«

»Sollte das nicht Ihre Abteilung wissen?«, fragte Ewora mit sanfter Kritik. »Vielleicht befindet er sich noch in der Nähe. Vielleicht versteckt er sich irgendwo. Suchen Sie ihn!«

»Gehört und verstanden.« Nadala aktivierte ihren Kommunikator und benutzte die Kampfsprache, um knappe, präzise Anweisungen zu erteilen.

Prizilla fühlte den Blick der Mutter.

»Sie möchten wissen, ob es Überlebende gibt«, sagte Ewora. »Ja. Sieben.« Sie zögerte kurz. »Sieben Kinder.«

 

Zwei Stunden später befanden sie sich wieder an Bord von Eworas Flaggschiff, der Speerspitze, die den Planeten Nimmwa wie ein neuer Mond in einer Höhe von zehntausend Kilometern umkreiste. Prizilla, Nadala und mehrere Berater und Adjutanten hatten sich im Meditationszimmer der Großen Mutter eingefunden, die wieder ein buntes Gewand trug. Prizilla beobachtete Ewora: Sie stand vor dem Wandschirm, der nicht nur den Planeten und die Schiffe der Eskorte zeigte, sondern auch die Transitstation mehrere Hundert Millionen Kilometer oberhalb der Ekliptik. Die entsprechenden Bilder waren fast zwanzig Minuten alt – so lange dauerte die Signalübertragung.

»Ein Zufall?«, fragte Ewora. »Bei meiner Rundreise durch die Peripherie war ein Besuch von Nimmwa nicht vorgesehen. Der Flug hierher …« Sie bewegte die linke Hand, eine knappe Geste. »Ich habe aus dem Stegreif entschieden. Eine Kolonie, die ich noch nicht kannte. Eine Welt, besiedelt von einem kleinen Kolonieschiff, ausgesandt vor …« Sie zögerte.

»Vor neunundsiebzig Jahren«, sagte Prizilla.

»Ja.« Ein kurzes Lächeln huschte über das schwammig wirkende Gesicht. »Dreißig Jahre vor Ihrer Geburt.«

»Ich glaube nicht an solche Zufälle«, warf Coridian ein. Er saß bei den anderen Beratern, groß und kräftig, mit dreihundert Jahren an der Grenze des männlichen Greisenalters. Coridian war einst einfacher Soldat gewesen, und die vier Silben seines Namens – sehr außergewöhnlich für einen Soldaten – deuteten auf viele Beförderungen hin. Seit Jahrzehnten zählte er zu den klugen Stimmen, denen die Große Ewora Gehör schenkte. »Informationen sind geflossen.«

»Woher?«, fragte die Taktikerin Nadala mit leisem Spott. »Und wohin?«

Coridian ging nicht darauf ein, weder auf den Spott noch auf die Fragen an sich. »Drei Tage!« Er gab den Worten mehr Nachdruck. »Wir sind seit einem Jahr unterwegs. Drei Tage sind nichts. Der Angriff hätte auch uns treffen können. Die Crul müssen gewusst haben, dass wir hierher unterwegs waren. Sie hatten es auf die Große Ewora abgesehen.«

Die Crul … Das unterschied Coridian von vielen anderen, erinnerte sich Prizilla. Er nannte den Feind beim Namen.

Ewora wandte den Kopf. »Prizilla?«

»Wie kann der Feind davon gewusst haben, wenn Sie selbst bis vor wenigen Tagen nichts davon wussten?«, erwiderte sie. »Es muss Zufall gewesen sein, ein gefährlicher Zufall. Der Angriff galt nicht uns, sondern unserer Kolonie auf Nimmwa.«

»Ja.« Ewora seufzte. »Hiermit stelle ich die obligatorische Frage: Haben wir einen Hinweis auf die Hauptstreitmacht des Feindes? Könnte dieser Angriff Teil der entscheidenden Inkursion sein?«

Schweigen breitete sich im Meditationszimmer der Mutter aus. Die ersten Nachrichten von einer Hauptstreitmacht des Feindes hatten den Pakt der Menschenwelten vor vier Jahrhunderten erreicht, kurz nach Eworas Geburt. Seitdem waren die Angriffe häufiger geworden, doch wenn es die legendäre Hauptstreitmacht tatsächlich gab, so schien sie noch unterwegs zu sein, irgendwo zwischen den Sternen.

»Nein«, antwortete Prizilla. »Wir haben Daten gefunden, automatische Aufzeichnungen von Sensoren, sowohl in den Trümmern der beiden Koloniestädte als auch bei den Resten von Satelliten. Es gibt keine Hinweise auf die Hauptstreitmacht.«

Ewora nickte knapp. »Gut.«

»Aber es gibt etwas, das diesen Angriff von den anderen unterscheidet«, fuhr Prizilla fort. »Nicht nur der Feind war hier. Die Ortungsdaten deuten außerdem auf die Präsenz eines fremden Schiffes hin. Dies ist seine energetische Signatur.« Ihr Kommunikationsadapter sendete die Informationen – sie erschienen in einem Fenster des großen Wandschirms.

»Was bedeutet das?«, fragte Nadala. Eine subtile Schärfe lag in ihrer Stimme. Vielleicht ärgerte es sie, dass sie als Taktikerin nicht vorab in Kenntnis gesetzt worden war.

»Ein neuer Feind?«, brummte Coridian.

»Wir wissen es nicht«, sagte Prizilla vorsichtig. »Vielleicht handelt es sich um einen neuen Schiffstyp des Feindes.«

Ewora sah sie an. »Ging der Angriff von diesem neuen Schiff aus?«

»Einen solchen Schluss lassen die Sensordaten nicht zu«, antwortete Prizilla.

»Aber die Daten sind nicht vollständig?«

»So ist es.«

Ewora kehrte zum Tisch zurück. »Was die Überlebenden betrifft …«

»Sie müssen getötet werden«, sagte die Taktikerin Nadala.

Bei den Beratern breitete sich Unruhe aus. Prizilla hob die Brauen. »Es sind Kinder.«

»Es sind mutterlose, vom Feind berührte Kinder«, betonte Nadala.

»Wir wissen nicht, ob der Feind sie berührt hat.«

»Jedes Risiko muss vermieden werden.« In Nadalas Augen blitzte es. »Gerade Sie als Strategin sollten das wissen.«

»Wir töten keine Kinder«, sagte Prizilla geduldig. »Kinder sind unsere Zukunft.«

»Alle anderen sind tot oder verschwunden! Warum hat der Feind ausgerechnet diese sieben Kinder am Leben gelassen?«

»Wir töten keine Kinder«, wiederholte Prizilla.

Ewora die Große hob die Hände und wandte sich an ihre Berater. »Bitte gehen Sie! Und Sie ebenfalls, Nadala. Ich möchte allein mit Prizilla reden.«

Coridian und die anderen erhoben sich wortlos und verließen den Raum. Nadala öffnete den Mund, schloss ihn wieder und ging ebenfalls.

Prizilla saß an ihrem Platz und wartete stumm.

»Nadala ist manchmal … sehr strikt«, sagte Ewora schließlich. »Aber sie will das Richtige. Es ist wichtig, dass Sie das nie vergessen. Nadala ist eine ausgezeichnete Taktikerin. Doch um den richtigen Weg in die Zukunft zu finden, brauchen wir mehr Strategie als Taktik.«

Prizilla wartete noch immer. Der Wandschirm hinter der Großen Mutter zeigte einen von Nimmwa zurückkehrenden Orbiter, und sie beobachtete, wie er von einem Eskortenschiff aufgenommen wurde.

Ewora bemerkte ihren Blick. »Die Kinder«, erklärte sie. »Natürlich töten wir sie nicht. Sie sind wenige Monate alt. Ich habe Anweisung erteilt, sie der Obhut einer Ziehmutter zu übergeben, bis ihre Gene in ein oder zwei Jahren entscheiden, was aus ihnen werden soll. Was meinen Sie, Prizilla? Warum haben diese sieben Kinder den Angriff des Feindes überlebt?«

»Zu wenige Daten«, sagte Prizilla vorsichtig.

»Sie wissen es nicht.«

»Nein.«

»Was sagt die Intuition der Strategin?«

Prizilla lauschte ihrer unentwegt raunenden inneren Stimme. Doch die blieb wortlos, ohne klare Botschaft. »Wir töten keine Kinder.«

»Natürlich nicht. Wir sind Mütter. Wie viele Kinder haben Sie, Prizilla?« In ihr buntes Amtsgewand gehüllt stand Ewora vor dem Tisch, das schwammige, von Falten durchzogene Gesicht sanft, der Blick nachdenklich.

»Nicht annähernd so viele wie Sie«, erwiderte Prizilla. »Nur dreihundertneun. Meine Eizellen wachsen langsamer, und nicht alle eignen sich für die Befruchtung. Außerdem gingen zweiunddreißig von ihnen durch einen Unfall im Lebensturm von Amliss verloren.« Etwas leiser fügte sie hinzu: »Ich bedauere sehr, dass ich nicht mehr Kinder habe.«

»Das ist der Preis, den Sie für Ihre strategischen Einsichten bezahlen. Jeder von uns bezahlt einen Preis. Bei Nadala ist er höher als bei anderen. Sie hatte nur drei Kinder – drei! – und verlor sie bei einem Angriff des Feindes auf Anbar, vor dreizehn Jahren.«

»Oh. Ich wusste nicht …«

»Ich sage es Ihnen im Vertrauen, Prizilla. Es bleibt unter uns, wie auch alles andere.«

»Gehört und verstanden.«

»Ich sage Ihnen noch etwas anderes im Vertrauen.« Ewora holte tief Luft. »Mir bleiben nur noch zwei Jahre, vielleicht weniger. Die physische Degeneration hat bereits begonnen und lässt sich nicht aufhalten. Das ist mein Preis, den ich für die vielen Kinder zahlen muss.«

Prizilla sah sie erschrocken an. »Unsere Mediker …«, begann sie. »Es muss doch möglich sein …«

»Nein. Die besten Mediker haben bereits alles versucht. Ich werde sterben, in spätestens zwei Jahren. Andere Mütter werden sechs- oder siebenhundert Jahre alt, aber ich muss mich mit etwas mehr als vier Jahrhunderten begnügen.« Ewora richtete einen strengen Blick auf Prizilla. »Dies bleibt unter uns.«

»Ja, natürlich. Ich … habe gehört und verstanden.« Prizillas Gedanken wirbelten durcheinander wie welkes Laub im Herbstwind.

»Ich möchte, dass Sie meine Nachfolgerin werden.«

»Was?«, entfuhr es Prizilla.

Ewora setzte sich und legte die Hände auf den Tisch. Hinter ihr, graubraun und wolkenverhangen, drehte sich Nimmwa auf dem Wandschirm.

»Ich bin nur eine einfache Mutter«, sagte Prizilla leise. »Ich …«

»Sie sind die beste Strategin, die ich kenne«, sagte Ewora. »Sie haben Weitblick, Maß und die überaus kostbare Fähigkeit, zur richtigen Zeit die richtigen Entscheidungen zu treffen. Beides brauchen wir für die Zukunft. Ich habe das Recht, meine Nachfolgerin selbst zu bestimmen. Das Gremium der Großen Mütter muss meine Wahl akzeptieren, ob es ihm passt oder nicht.« Ein Schatten schien auf Ewora zu fallen. Plötzlich wirkte sie sehr müde. Die Falten in ihrem Gesicht schienen tiefer und länger zu werden.

Ewora, in der Blüte ihrer Jahre und doch dem Tod geweiht, atmete durch und bewegte die Hand. Das Gesteninterface reagierte, und die Darstellung der dreihundert Millionen Kilometer entfernten Transitstation über der Ekliptik des Sonnensystems schwoll an. Einzelheiten wurden erkennbar: der Trichter des Fulkrums, das der Speerspitze und ihrer Eskorte einen Sprung über fast siebzig Lichtjahre ermöglicht hatte, und darunter, dem System mit Nimmwa um dreihunderttausend Kilometer näher, die Anomalie – sie ermöglichte es dem Fulkrum, einen Tunnel durch Raum und Zeit zu schaffen.

Ewora hob die rechte Hand ein wenig, und grafische Einblendungen erschienen.

»Die Transitstation ist gesichert, das Tor geschlossen, aber die Anomalie bleibt aktiv. Ich vermute, dass der Feind von dort kam, nicht durch das Fulkrum, sondern über eine der Zeitstraßen der Anomalie. Ein sehr gewagtes Unterfangen, denn die Straßen sind alles andere als stabil, sie unterliegen energetischen Schwankungen.«

Prizilla erkannte sofort die Bedeutung hinter Eworas Worten. »Der Feind kam aus der Vergangenheit?«

»Die Zeitstraßen führen nur in eine Richtung: in die relative Zukunft ihrer Benutzer. Monate und Jahre oder auch Jahrhunderte, Jahrtausende. Der Angriff hier, an diesem Ort, an unserer Peripherie, kam jedoch aus der Vergangenheit.«

Prizilla versuchte zu verarbeiten, was Ewora die Große ihr da eröffnete, doch die Strategin in ihr zog bereits erste Schlussfolgerungen. »Sie denken an Planung über Raum und Zeit hinweg.«

»Wir haben gelernt zu überleben«, sagte Ewora langsam und mit rauer Stimme. »Wir haben gelernt, nicht zu vergessen. Nie. Nie. Aber der Mensch gewöhnt sich an alles. Auch an Gefahr und Bedrohung. Dass wir bisher überlebt haben, bedeutet nicht, dass wir immer überleben werden. Wir müssen wachsam bleiben, ständig auf der Hut, immerzu bereit. So will es das Gesetz der Evolution. Wenn man die Milchstraße beobachtet, des Nachts an einem klaren Himmel oder von der Beobachtungsplattform eines Raumschiffs aus, sieht alles nach einem ruhigen, friedlichen Sternenmeer aus. In Wirklichkeit findet darin seit Jahrmilliarden ein wilder Überlebenskampf statt, in dem sich nur der Starke durchsetzt. Wir dürfen nicht schwach werden. Nicht einen Tag, nicht eine Stunde. Das haben wir damals gelernt, als wir am Rand der Auslöschung standen. Von den Generationen vor uns haben wir nicht nur den Feind geerbt, sondern auch den festen Willen, stark zu sein. Wir dürfen nicht schwach werden.«

»Niemals«, sagte Prizilla.

»Evolution«, wiederholte Ewora. »Nur die Starken überleben, im Kleinen wie im Großen, auf einem Planeten und in der Galaxis. Das Universum ist unerbittlich. Es bestraft die Schwachen mit dem Tod.« Bei diesen Worten verzog sie das Gesicht. »Ich bin mir sicher, dass der Feind einen Plan verfolgt, der Jahrhunderte oder vielleicht sogar Jahrtausende überspannt. Der Angriff auf Nimmwa, über eine Zeitstraße aus der Vergangenheit, ist Teil dieses Plans. Ihre Aufgabe wird es sein, diesen Plan aufzudecken, ihn zu verstehen und alle notwendigen Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Das Schicksal der Menschheit könnte davon abhängen.«

Es waren schwere Worte, und das Gewicht, das plötzlich auf Prizillas Schultern lag, schien noch schwerer zu sein, so schwer, dass sie leise ächzte.

»Sie sind am besten geeignet, den Plan zu erkennen«, schloss Ewora. »Es ist eine große Verantwortung, aber ich weiß, dass Sie ihr gerecht werden können, denn Sie sind stark.«

Wir lassen niemanden im Stich.

 

 

 

Sechs Jahre später

Jarl

 

Aus der Hand des Knaben rann Blut, gelb wie Schwefel – Soldatenblut. Jarl hatte nie Soldat werden wollen, aber in diesem Moment wünschte er sich Geschick und Kraft eines Kriegers.

Er lag zwischen den Steinen des Übungsplatzes, schmeckte Staub und Niederlage. Direkt über ihm gleißte Grotenthals Sonne am Himmel, er blinzelte in ihrem Schein.

»Steh auf!«, rief der Lehrer. »Du lebst noch. Kämpfe!«

Dies ist dumm, dachte Jarl.

Ruk stand vor ihm: mit acht Jahren zwei Jahre älter, einen Kopf größer und in den Schultern fast doppelt so breit. Jarl blickte zu ihm hoch. Wie sollte man einen solchen Gegner besiegen, jemanden, der viel stärker war?

Ein Summen lag in der Luft. Es stammte nicht von Insekten, sondern von den elektrischen Bäumen am Rand des Übungsplatzes. Vielleicht fühlten sie ein heranziehendes Unwetter, obwohl noch keine Wolke am Himmel zu sehen war.

»Du sollst aufstehen!«, rief der Lehrer. Er hieß Dotas, ein erfahrener Offizier, der sich die zweite Silbe seines Namens vor vielen Jahren verdient hatte. Angeblich durfte er damit rechnen, bald eine dritte zu erhalten: eine Beförderung in den Kommandostab, vielleicht zum militärischen Kommandeur von Grotenthal.

Jarl stand auf und ballte die rechte Hand zur Faust. Er ballte sie nicht, um damit zuzuschlagen, sondern damit man das gelbe Blut nicht sah.

Die anderen Kinder, nicht eins von ihnen mutterlos wie er, standen am Rand des Platzes und beobachteten das Geschehen. Ihre Gesichter blieben, mit einer Ausnahme, maskenhaft starr. Sie hatten gelernt, ihre Gedanken und Gefühle zu verbergen, während sie bei anderen nach Schwächen Ausschau hielten, um als Sieger aus den Duellen hervorzugehen. Nur Sotias Augen blieben nicht distanziert und berechnend; Mitgefühl zeigte sich in ihnen.

»Der Kampf ist noch nicht entschieden!«, verkündete Dotas. »Noch hast du eine Chance, Jarl!«

»Schwächling«, brummte Ruk leise.

Jarl sprach seinen Gedanken laut aus. »Das ist dumm.«

»Dumm?«, wiederholte der Lehrer und griff nach seinem Strafstab. »Du nennst das hier dumm?«

»Warum kämpfen wir gegeneinander?« Jarl wusste, dass er die Worte besser für sich behalten hätte, aber sie drängten aus ihm hinaus. »Warum verletzen wir uns gegenseitig? Wir sind keine Feinde. Dies ist sinnlos.«

»Sinnlos?«, donnerte Dotas. »Zeig ihm, wie ›sinnlos‹ dies ist, Ruk!«

Der größere Junge trat einen Schritt näher. Jarl blieb reglos stehen. Er erinnerte sich an die Lektionen, er wusste, wie man sich schützte und wie man angriff, aber seine Arme blieben schlaff, die Hände unten. Es ist dumm, dachte er erneut. Ich möchte woanders sein.

Ruk schmetterte ihm die Faust an den Kopf, gegen die linke Schläfe. Das Gleißen der Sonne verschwand, Nacht legte sich über Jarl, viel zu schnell, viel zu früh.

Schmerz zerriss die Dunkelheit und brachte Licht zurück. Erneut lag er auf dem Boden, das Gesicht nass von gelbem Blut – beim Fallen war er mit dem Kopf gegen einen scharfkantigen Stein gestoßen. Ruk stand dort, mit einem spöttischen Grinsen im Gesicht.

»Ach, du wirst nie Soldat«, sagte er. »Du bist zu schwach.«

Der Junge, der Sieger, ging, und jemand anders kam, eine noch größere Gestalt, mit einem dritten Bein, in dem zahlreiche biomechanische Adapter steckten. Jarl hatte erst zwei Adapter, seit einigen Monaten, und möglicherweise waren sie beschädigt worden, denn seine Sinne spielten verrückt. Sie präsentierten ihm das Summen der elektrischen Bäume als lautes Tosen, wie von einem nahen Wasserfall, und verwandelten das Gesicht des Lehrers in die Fratze eines dämonischen Wesens, wie man es vielleicht auf einer Gespensterwelt erwarten durfte.

»Du bist dumm«, sagte Dotas. »Der Schwache leidet, der Schwache stirbt. Der Starke triumphiert und überlebt. Du bist sechs Jahre alt. Es ist höchste Zeit, dass du das verstehst.«

Mit einem Schnauben wandte sich der Lehrer ab und ging. Jarl blieb zwischen den Steinen liegen, mit Blut auf Stirn und Wangen. Er wagte nicht aufzustehen, aus Furcht, dass die Beine unter ihm versagten und seine Schwäche noch deutlicher machten.

Etwas später, als die heiße Sonne das Blut in seinem Gesicht zu einer Kruste getrocknet hatte, berührte ihn etwas Kühles und Feuchtes an Stirn und Schläfe. Wassertropfen trafen seine Lippen, und er öffnete instinktiv den Mund.

»Es war nicht fair.« Sotia, das zusammengebundene Haar schwarz wie die Nacht, gab ihm zu trinken. »Ich meine, gegen Ruk konntest du gar nicht gewinnen, weil er viel stärker ist. Und … wir lassen niemanden im Stich. Wir lassen niemanden zurück.« Die Worte stammten nicht von ihr, sondern von den Lehrern. »Niemand bleibt einfach im Staub liegen, von den anderen vergessen.«

»Danke«, wollte Jarl antworten, aber es wurde nur ein Krächzen daraus.

»Komm.« Sotia half ihm auf die Beine. »Komm, ich bringe dich zum Lazarett.«

 

 

 

3

 

Jarls Bett befand sich direkt am Fenster, und als er nach draußen blickte, sah er einen Schwarm Inniwori, die hoch genug flogen, um von den Verteidigungssensoren des Lagers nicht als Bedrohung eingestuft zu werden. Sie kamen aus dem Tiefland im Süden und wollten vermutlich zu ihren Siedlungen im nördlichen Bergland zurückkehren. Für einen Moment stellte sich Jarl vor, mit ihnen zu fliegen und die Welt mit ihren Augen zu sehen: tief unten ausgebreitet, die Berge und Täler klein, die Ebenen ein Fleckenmuster aus violetten Elektrowäldern, weißem Kalkstein und ockerbraunem Blutdorn.

Durch die offene Tür erreichten ihn die Stimmen der Mediker aus dem Nebenzimmer.

»Er erholt sich schnell«, sagte jemand. »Die Nanobots in seinem Blut beschleunigen die Heilung.«

»Seine Adapter wurden beschädigt«, fügte jemand anders hinzu und bestätigte Jarls Befürchtung. »Einen müssen wir vielleicht neu im Rückenmark implantieren.«

»Warten wir ein oder zwei Tage. Vielleicht kümmern sich die Nanobots auch darum.«

Die Stimmen verwendeten eine langsame Sprache – L17 oder L18, nahm Jarl an, eine der wissenschaftlichen Sprachen voller Fachausdrücke, die er nicht kannte –, und er lauschte vor allem dem Klang, nicht unbedingt den Worten. Nach einer Weile schloss er die Augen und entspannte sich. Im Lazarett fühlte er sich gut aufgehoben. Zwar gab es auch hier Schmerz und Schwäche, aber mit Aussicht auf Heilung und Erholung.

Schließlich hörte er Schritte, und als er die Lider hob, stand Zejala neben seinem Bett. Die Erste Medikerin des Lazaretts war so dürr, als würde sie nur aus Haut und Knochen bestehen, und wenn sie sich bewegte, knackte und knisterte es leise. Mehr als achthundert Jahre sollte sie alt sein, mit so vielen Verdiensten, dass ihr vollständiger Name angeblich zwölf Silben hatte. Ihre großen Augen – grün wie Smaragd von zahlreichen medizinischen Mikroimplantaten – wirkten jung und sehr lebendig.

Zejala lächelte, als sie sich über Jarl beugte und ihm eine ledrige Hand mit sieben dünnen Fingern auf die Wange legte. »Wie geht es uns?«, fragte sie freundlich. Stets sprach sie von wir, als nähme sie an allem selbst Anteil.

»Besser«, antwortete Jarl. Es hörte sich an wie »Grl«.

»Der Stimmapparat gehorcht dir noch nicht«, sagte Zejala. »Das ist Teil einer Störung deiner motorischen Funktionen.« Sie zog die Hand zurück, lächelte und benutzte die L1-Allgemeinsprache. »Du hast einen sehr heftigen Schlag abbekommen. Ruk hätte auch weniger fest zuschlagen können, um den Sieg davonzutragen. Aber wir bringen dich wieder auf die Beine, keine Sorge.«

Jemand erschien in der Tür, ein Mann mit drei Beinen, gekleidet in eine schlichte graue Uniform.

»Wie geht es ihm?« Dotas verzichtete auf die Kampfsprache und benutzte ebenfalls L1. Die erste Allgemeinsprache veränderte den Klang seiner Stimme.

»Er lebt noch, und er wird weiterleben«, antwortete Zejala.

»Gut«, brummte Dotas. Es klang nicht sehr erfreut, fand Jarl. »Gut. Was ist mit morgen? Kann er an dem Marsch teilnehmen?«

»Ich denke schon. Allerdings sollten Sie ein wenig Rücksicht auf ihn nehmen.«

Dotas kam näher. Schweiß glänzte auf seinem kahlen Schädel. Draußen war es noch immer heiß.

»Was ist nur los mit ihm?«, fragte er. »Er hat die Gene eines Soldaten, sein Blut ist der Beweis, aber er bleibt schwach.«

»Es steckt Kraft in ihm«, erwiderte Zejala.

»Diese Kraft sollte bald erwachen«, brummte Dotas. »Wenn nicht … Vielleicht gehört er nicht zu uns. Morgen, Jarl, hast du gehört? Morgen kannst du mir etwas von der Kraft zeigen, die angeblich in dir steckt.«

Ich bin krank, wollte Jarl erwidern. Ich bin verletzt. Doch mehr als ein leises Krächzen brachte er nicht hervor. Am liebsten hätte er sich die Bettdecke über den Kopf gezogen.

Dotas nickte ihm einen wortlosen Gruß zu und verließ das Genesungszimmer.

»Er ist ein guter Soldat«, sagte Zejala. Ihre Fingerkuppen strichen Jarl über Stirn und Kinn. »Er hat an vielen Kämpfen gegen den Feind teilgenommen. Aber manchmal …« Die Hand mit den sieben Fingern wich zurück. »Erhol dich gut, Jarl! Sammle Kraft! Wir helfen dir. Wir geben dir etwas, das die Schwäche aus dir vertreibt, damit du morgen stark bist.«

Jarl war müde. Er wollte schlafen, lange schlafen, und als anderer Mensch erwachen.

»Brauchst du etwas, Junge? Hast du einen Wunsch?«

Er wünschte sich viele Dinge, vor allem ein anderes Leben. Aber in diesem Augenblick dachte er an seinen Talisman, den einzigen Beweis, dass er nicht mutterlos war, wie die anderen behaupteten. Jedes Kind bekam bei der Geburt einen Talisman, auch er hatte einen bekommen, obwohl er nicht wusste, wer seine Mutter war.

»Ich möchte meinen Talisman«, wollte er sagen, doch sein Mund machte »Krlkgrt« daraus.

Andreas Brandhorst

Über Andreas Brandhorst

Biografie

www.andreasbrandhorst.de

Medien zu »Die Tiefe der Zeit«

Pressestimmen

rpg-foren.com

»Ein Stand-Alone-Roman der Lust macht, auch die älteren Universen kennenzulernen.«

buchwelten.wordpress.com

»Episch, bombastisch und dennoch menschlich emotional. Brandhorst ist der Meister der philosophischen Science Fiction.«

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