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Die Tanzenden

Die Tanzenden

Roman

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Die Tanzenden — Inhalt

Eine Hymne auf die Courage aller Frauen

Ganz Paris will sie sehen: Im berühmtesten Krankenhaus der Stadt, der Salpêtrière, sollen Louise und Eugénie in dieser Ballnacht glänzen. Ob die Hysterikerinnen nicht gefährlich seien, raunt sich die versammelte Hautevolee zu und bewundert ihre Schönheit gerade dann, wenn sie die Kontrolle verlieren. Für Louise und Eugénie aber steht an diesem Abend alles auf dem Spiel: Sie wollen aus ihrer Rolle ausbrechen, wollen ganz normale Frauen sein, wollen auf dem Boulevard Saint-Germain sitzen und ein Buch lesen dürfen, denken und träumen und lieben dürfen wie die Männer.
Mit verblüffender Lebendigkeit erzählt Victoria Mas in „Die Tanzenden“ vom Aufbruch derer, die sich nicht zufriedengeben, von berührender Solidarität und unbeirrbarem Mut.

„Ein unentbehrlicher Roman.“ Cosmopolitan Frankreich

„Eine der schönsten und augenfälligsten Überraschungen des Jahres!“ Le Parisien

»In einer glasklaren Sprache, leicht wie ein Pastell, schreibt diese junge Autorin gegen die männliche Norm an und gibt denen eine Stimme, die man mundtot gemacht und unterdrückt hat.« L’Obs

€ 20,00 [D], € 20,60 [A]
Erscheint am 06.04.2020
Übersetzt von: Julia Schoch
240 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-492-07014-0

Leseprobe zu „Die Tanzenden“

1

Geneviève

3. März 1885

 

„Louise. Es ist Zeit.“

Mit einer Hand zieht Geneviève die Decke weg, unter der zusammengekauert auf der schmalen Matratze der schlafende Körper der jungen Frau liegt. Ihr dunkles, dichtes Haar bedeckt das Kopfkissen und einen Teil ihres Gesichts. Den Mund halb geöffnet, schnarcht Louise leise. Die anderen Frauen im Schlafsaal, die bereits aufgestanden sind, hört sie nicht. Zwischen den aufgereihten Eisenbetten rekeln sich die weiblichen Gestalten, drehen sich die Haare zu einem Knoten auf, knöpfen ihre tiefschwarzen Kleider [...]

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1

Geneviève

3. März 1885

 

„Louise. Es ist Zeit.“

Mit einer Hand zieht Geneviève die Decke weg, unter der zusammengekauert auf der schmalen Matratze der schlafende Körper der jungen Frau liegt. Ihr dunkles, dichtes Haar bedeckt das Kopfkissen und einen Teil ihres Gesichts. Den Mund halb geöffnet, schnarcht Louise leise. Die anderen Frauen im Schlafsaal, die bereits aufgestanden sind, hört sie nicht. Zwischen den aufgereihten Eisenbetten rekeln sich die weiblichen Gestalten, drehen sich die Haare zu einem Knoten auf, knöpfen ihre tiefschwarzen Kleider über den durchsichtigen Nachthemden zu und trotten unter den wachsamen Blicken der Krankenschwestern Richtung Speisesaal. Durch die beschlagenen Fensterscheiben dringt zaghaft die Sonne.

Louise steht als Letzte auf. Jeden Morgen reißt eine Pflegerin oder eine der anderen Geisteskranken sie aus dem Schlaf. Abends lässt sich die junge Frau erleichtert in eine tiefe, traumlose Nacht sinken. Schlafen heißt, sich nicht mehr mit dem befassen zu müssen, was geschehen ist, sich nicht besorgt zu fragen, was morgen wird. Seit es sie vor drei Jahren hierher verschlagen hat, verschafft ihr nur der Schlaf eine kurze Atempause.

„Hoch mit dir, Louise. Sie warten auf dich.“

Geneviève rüttelt das Mädchen am Arm, bis es schließlich die Augen öffnet. Zuerst ist Louise erstaunt, am Fußende ihres Bettes die Frau zu sehen, die von den Geisteskranken die Altgediente genannt wird, doch dann ruft sie:

„Ich hab doch Vorlesung!“

„Mach dich fertig, du hast genug geschlafen.“

„Ja!“

Die junge Frau springt aus dem Bett und nimmt ihr schwarzes Wollkleid vom Stuhl. Geneviève tritt zur Seite und beobachtet sie. Mit ihrem Blick verfolgt sie die fahrigen Handgriffe, die unsicheren Kopfbewegungen, die schnelle Atmung. Gestern hatte Louise erneut einen Anfall: Das darf sich vor der heutigen Vorlesung auf keinen Fall wiederholen.

Hastig schließt die junge Frau die Knöpfe ihres Kleides und wendet sich der Oberaufseherin zu. Stets aufrecht in ihrem weißen Dienstkleid, die Haare zu einem Dutt gesteckt, hat Geneviève etwas Einschüchterndes an sich. Mit den Jahren musste Louise lernen, mit ihrer strengen Art zurechtzukommen. Nicht dass sie ungerecht oder gar böswillig wäre, sie wirkt nur einfach nicht liebenswert.

„Ist es so recht, Madame Geneviève?“

„Lass deine Haare offen. Das ist dem Doktor lieber.“

Gehorsam löst Louise den flüchtig gedrehten Haarknoten wieder. Sie ist gegen ihren Willen eine junge Frau geworden. Die Begeisterung der Sechzehnjährigen ist dagegen noch ganz und gar kindlich. Der Körper ist zu schnell gewachsen; ihre Brust und die Hüften, die mit zwölf zum Vorschein kamen, haben sie nicht gewarnt vor den Folgen dieser plötzlichen Üppigkeit. Zu einem gewissen Teil ist die Unschuld in ihren Augen verschwunden, aber nicht ganz. Weswegen noch Hoffnung für sie besteht.

„Ich hab Lampenfieber.“

„Überlass dich allem, dann wird das schon.“

„Ja.“

 

Die beiden Frauen gehen einen Korridor des Krankenhauses entlang. Das morgendliche Märzlicht scheint durch die Fenster und wird von den Fliesen am Boden reflektiert – ein sanftes Licht, ein erstes Anzeichen für den Frühling und den Ball an Mittfasten, ein Licht, bei dem jede unwillkürlich lächelt und darauf hofft, sie käme hier bald heraus.

Geneviève spürt Louises Nervosität. Die junge Frau läuft mit gesenktem Kopf neben ihr her, ihre Arme hängen am Körper herab, ihr Atem geht schnell. Die Mädchen auf der Station sind immer angespannt, wenn sie Charcot persönlich treffen – vor allem, wenn er sie auserkoren hat, an einer Vorführung teilzunehmen. Es ist eine Verantwortung, die sie überfordert, eine Aufmerksamkeit, die sie verwirrt, ein Interesse, das so ungewohnt ist für die sonst unbeachtet gebliebenen Frauen, dass es ihnen fast den Boden unter den Füßen wegreißt – wieder einmal.

Nach ein paar weiteren Korridoren und Türen betreten sie den kleinen Raum neben dem Auditorium. Eine Handvoll Ärzte und Medizinstudenten warten bereits. Sie halten Hefte und Schreibfedern parat, tragen Oberlippenbärte, wirken unnachgiebig in ihren dunklen Anzügen und weißen Hemden. Alle wenden sie sich gleichzeitig dem heutigen Studienobjekt zu. Ihr medizinischer Blick unterzieht Louise einer eingehenden Betrachtung: Sie scheinen durch ihr Kleid sehen zu können. Angesichts all dieser sensationslüsternen Augenpaare schlägt das junge Mädchen die Lider nieder.

Nur ein Gesicht ist ihr vertraut: Babinski, der Assistent des Doktors, der jetzt auf Geneviève zukommt.

„Der Saal ist fast voll. In zehn Minuten fangen wir an.“

„Brauchen Sie noch irgendwas Besonderes für Louise?“

Babinski mustert die Geisteskranke von oben bis unten.

„Sie macht die Sache so.“

Geneviève nickt und schickt sich an, den Raum zu verlassen. Ängstlich will Louise ihr nach.

„Sie holen mich danach wieder ab, Madame Geneviève, nicht wahr?“

„Wie immer, Louise.“

Hinter allen anderen stehend, lässt Geneviève den Blick noch einmal durch das Auditorium schweifen. Von den Holzbänken hallen tiefe Stimmen wider und erfüllen den Saal. Der ähnelt eher einem Museum, ja einem Kuriositätenkabinett als dem Raum eines Krankenhauses. An den Wänden und der Decke hängen Gemälde und Kupferstiche, auf denen Zeichnungen anatomischer Details und ganzer Körper zu bewundern sind, Szenen, in denen Unbekannte, nackt oder bekleidet, ängstlich oder in sich versunken, in wildem Durcheinander abgebildet sind. In der Nähe der Bänke wuchtige Schränke, berstend unter dem Gewicht der Zeit, hinter deren Glastüren alles ausgestellt ist, was ein Krankenhaus für die Nachwelt aufbewahren kann: Schädel, Schienbeine, Oberarmknochen, Becken, Dutzende Glasbehälter, Steinbüsten und allerlei Gerätschaften. Allein durch seine Ausstattung verheißt dieser Saal dem Publikum, dass gleich etwas Besonderes geschehen wird.

Geneviève sieht sich die Zuschauer an. Manche von ihnen sind Stammgäste, sie erkennt Mediziner, Schriftsteller, Journalisten, Studenten, Künstler, das eine oder andere Gesicht aus der Politik, jeder neugierig, längst bekehrt oder skeptisch. Sie empfindet Stolz. Stolz darauf, dass ein einzelner Mann in Paris ein derart großes Interesse zu wecken vermag und die Bänke des Auditoriums Woche für Woche füllt.

Da erscheint er auch schon auf der Bühne. Es wird still im Saal. Mühelos setzt Charcot seine beleibte, gravitätische Gestalt vor diesem Meer von faszinierten Blicken in Szene. Sein längliches Profil erinnert an die Eleganz und Würde griechischer Statuen. Er hat den genauen und unbestechlichen Blick eines Arztes, der seit Jahren Frauen erforscht, von ihrer Familie und der Gesellschaft verstoßen und zutiefst wehrlos. Er weiß, welche Hoffnungen er bei den Patientinnen weckt. Weiß, dass sein Name in ganz Paris bekannt ist. Er gilt als Autorität und übt seine Macht in der Überzeugung aus, dass sie ihm aus einem ganz bestimmten Grund verliehen wurde: Mit seiner Begabung wird er die Medizin voranbringen.

„Guten Tag, meine Herren. Danke, dass Sie gekommen sind. In der heutigen Lehrveranstaltung werde ich Ihnen die Hypnose an einer Patientin demonstrieren, die an einer schweren Hysterie leidet. Sie ist sechzehn Jahre alt. Seit sie vor drei Jahren in die Salpêtrière gekommen ist, haben wir mehr als zweihundert hysterische Anfälle bei ihr verzeichnen können. Mittels Hypnose können wir diese Anfälle künstlich erzeugen, um deren Symptome genauer zu untersuchen und so mehr über den physiologischen Ablauf der Hysterie zu erfahren. Patientinnen wie Louise ist es zu verdanken, dass Medizin und Wissenschaft Fortschritte machen.“

Über Genevièves Gesicht huscht ein Lächeln. Jedes Mal, wenn sie sieht, wie dieser Mann seinem sensationsgierigen Publikum eine Vorführung ankündigt, muss sie daran denken, wie er hier seinen Dienst angetreten hat. Sie war dabei, als er noch studierte, in den Vorlesungen mitschrieb, behandelte und forschte, als er Sachen entdeckte, die vor ihm noch keiner entdeckt hatte, und Sachen dachte, die bislang noch keiner gedacht hatte. Charcot allein verkörpert die Medizin in ihrer ganzen Unbestechlichkeit, ihrer Wahrheit und ihrem Nutzen. Warum Götter verehren, wenn es Männer wie Charcot gibt? Nein, das stimmt nicht ganz: Kein Mann kann es mit Charcot aufnehmen. Sie ist stolz, ja, stolz auf das Vorrecht, seit fast zwanzig Jahren ihren Beitrag zur Arbeit und zu den Fortschritten des berühmtesten Nervenarztes von Paris leisten zu dürfen.

Babinski führt Louise auf die Bühne. Während sie vor zehn Minuten noch umkam vor Lampenfieber, ist die Körperhaltung der jungen Frau jetzt vollkommen verändert: Die Schultern nach hinten gedrückt, die Brust und das Kinn nach vorn gereckt – so geht Louise auf ein Publikum zu, das nur auf sie gewartet hat. Sie hat keine Angst mehr: Das ist ihr Moment des Ruhms und der Anerkennung. Ihr Moment, aber auch der des Meisters.

Die Oberaufseherin kennt jede Stufe des Rituals. Zuerst das Pendel, das sachte vor Louises Gesicht hin- und hergeschwenkt wird, ihre unbeweglichen blauen Augen, die Stimmgabel, die einmal erklingt, und das Mädchen, das nach hinten fällt, sein willenloser Körper, der in letzter Sekunde von zwei Medizinstudenten aufgefangen wird. Mit geschlossenen Augen gehorcht Louise jeder Anweisung, führt anfangs einfache Bewegungen aus, hebt den Arm, dreht sich und winkelt ein Bein an wie ein gehorsamer kleiner Soldat. Dann posiert sie wie gewünscht, legt die Hände zum Gebet zusammen, schaut flehend zum Himmel hinauf und ahmt den Gekreuzigten nach.

Was zu Beginn wie eine simple Hypnosedemonstration daherkam, verwandelt sich nach und nach in eine spektakuläre Vorführung, die „Phase der großen Bewegungen“, wie Charcot verkündet. Jetzt liegt Louise am Boden, und man gibt ihr keine Anweisungen mehr. Ganz von sich aus beginnt sie zu zucken, verrenkt Arme und Beine, wälzt ihren Körper hin und her, windet sich vom Rücken auf den Bauch, die Füße und Hände verkrampfen sich. Plötzlich sinkt sie reglos nieder, das Gesicht vor Freude und Schmerz verzerrt, und stößt heisere Atemzüge aus. Wer zum Aberglauben neigt, könnte meinen, das Mädchen sei von Dämonen besessen, und einige im Publikum bekreuzigen sich tatsächlich verstohlen … Mit einer letzten Zuckung landet das Mädchen wieder auf dem Rücken, dann stemmen sich ihre nackten Füße und der Kopf nach oben, sie bäumt sich auf, bis ihr Körper vom Hals bis zu den Knien einen Kreisbogen bildet. Ihr dunkles Haar wischt durch den Staub auf der Bühne, ihr zu einem umgekehrten U geformter Rücken knackt unter der Anstrengung. Nach diesem künstlich erzeugten Anfall bricht sie unter den verblüfften Blicken schließlich mit einem dumpfen Geräusch zusammen.

Patientinnen wie Louise ist es zu verdanken, dass Medizin und Wissenschaft Fortschritte machen.

 

Außerhalb der Mauern der Salpêtrière, in den Salons und Cafés, ergeht man sich in Vermutungen darüber, wie Charcots Arbeit, die sogenannte „Arbeit mit Hysterikerinnen“, wohl aussehen mag. Man stellt sich nackte Frauen vor, die durch die Korridore rennen, mit dem Kopf gegen die Fliesen schlagen, die Beine für einen imaginären Liebhaber spreizen und sich von morgens bis abends die Seele aus dem Leib schreien. Man erzählt sich von Körpern verrückter Frauen, die unter weißen Laken in Zuckungen geraten, von grimassierenden Mienen unter struppigen Haaren und den Gesichtern alter Frauen, fettleibiger Frauen, hässlicher Frauen, Frauen, die zu Recht weggesperrt sind, auch wenn niemand genau sagen könnte, warum, schließlich haben sie sich weder einer Beleidigung noch eines Verbrechens schuldig gemacht. Für diese Leute, ob Bürgerliche oder Proletarier, die schon die geringste Andersartigkeit verschreckt, hat der Gedanke an die geisteskranken Frauen etwas Erregendes und Beängstigendes zugleich. Die verrückten Frauen faszinieren sie und flößen ihnen Entsetzen ein. Sie wären enttäuscht, kämen sie an diesem späten Vormittag auf der Station vorbei.

In dem weitläufigen Schlafsaal geschehen die täglichen Verrichtungen in vollkommener Ruhe. Frauen wischen zwischen und unter den Metallbetten den Boden, manche waschen sich, über eine Schüssel mit kaltem Wasser gebeugt, notdürftig mit einem Lappen, andere liegen todmüde da und wollen mit niemandem reden. Einige bürsten sich die Haare, sprechen leise mit sich selbst und schauen zu, wie es langsam dunkel wird draußen im Park, wo noch ein paar Schneefetzen liegen. Es sind Frauen jeden Alters, von dreizehn bis fünfundsechzig Jahren, sie sind brünett, blond oder rothaarig, schlank oder dick, frisiert, wie sie es in der Stadt auch wären, und sie bewegen sich voller Anmut. Keine Spur von Zügellosigkeit, die man sich draußen zusammenfantasiert.

Der Schlafsaal gleicht eher einem Sanatorium als einem Trakt für Hysterikerinnen. Erst bei näherer Betrachtung fallen die Störungen auf: Man bemerkt eine seltsam verdrehte Faust, einen verkrampften Arm vor der Brust. Man sieht Lider, die wie Schmetterlingsflügel immerfort auf- und zuklappen. Manche haben nur ein Auge geschlossen, während das andere einen ansieht. Jegliche Töne von Blechinstrumenten oder Stimmgabeln sind verboten, weil einige der Frauen sonst sofort in einen Starrkrampf verfallen könnten. Während eine ständig gähnt, verliert eine andere die Kontrolle über ihre Glieder. Man begegnet niedergeschlagenen, abwesenden oder zutiefst melancholischen Blicken. Und bisweilen wird der Schlafsaal, über dem kurzzeitig eine trügerische Ruhe lag, von einem der berühmten hysterischen Anfälle erschüttert: Der Körper einer Frau, die auf dem Bett oder am Boden liegt, krümmt sich, zuckt, ringt mit einer unsichtbaren Macht, kämpft, windet und verrenkt sich, in dem vergeblichen Versuch, ihrem Schicksal zu entkommen. Dann drängt man sich um sie, ein Medizinstudent drückt zwei Finger auf ihre Eierstöcke, und diese Behandlung lässt die rasende Frau wieder zur Ruhe kommen. In schweren Fällen wird ihr ein mit Äther getränktes Tuch unter die Nase gehalten: Die Lider schließen sich, der Anfall lässt nach.

Keine Spur von Hysterikerinnen, die barfüßig durch die kalten Gänge tanzen. Stattdessen herrscht hier nur ein stiller und alltäglicher Kampf um Normalität.

 

Ein paar Frauen haben sich um eines der Betten versammelt und sehen Thérèse dabei zu, wie sie eine Stola strickt. Eine junge Frau mit geflochtenem Haarkranz nähert sich der, die die Strickende genannt wird.

„Die ist jetzt aber mal für mich, Thérèse, oder?“

„Hab sie schon Camille versprochen.“

„Du schuldest mir schon seit Wochen eine.“

„Ich hab dir vor zwei Wochen ’ne Stola geschenkt, du mochtest sie bloß nicht, Valentine. Jetzt wartest du.“

„Mir langt’s!“

Mit beleidigter Miene geht die junge Frau davon. Sie achtet nicht weiter auf ihre rechte Hand, die sich nervös verrenkt, und auch nicht auf ihr beständig zuckendes Bein.

Unterdessen helfen Geneviève und eine Pflegerin Louise dabei, wieder ins Bett zu kommen. Das erschöpfte Mädchen lächelt mit letzter Kraft.

„War ich gut, Madame Geneviève?“

„So gut wie immer, Louise.“

„Ist Doktor Charcot zufrieden mit mir?“

„Er ist erst zufrieden, wenn du geheilt bist.“

»Ich hab gesehen, wie sie mich alle angeschaut haben … Bald bin ich genauso berühmt wie Augustine. Stimmt’s?«

„Jetzt ruh dich aus.“

»Ich werde die neue Augustine … Ganz Paris wird von mir sprechen …«

Geneviève zieht die Decke über den entkräfteten Körper der jungen Frau, die mit einem Lächeln auf den blassen Lippen einschläft.

 

Es ist dunkel geworden in der Rue Soufflot. Das Pantheon, steinerne Ruhestätte etlicher Berühmtheiten, wacht über den Jardin du Luxembourg, der unten an der Straße schlummert.

Im sechsten Stock eines Wohnhauses ist ein Fenster geöffnet. Geneviève betrachtet die stille Straße, die linker Hand von der majestätischen Silhouette des Kriegerdenkmals begrenzt wird und rechter Hand vom Park mit seinen Statuen, dessen grüne Alleen und blühende Rasenflächen schon morgens von Spaziergängern, Liebespaaren und Kindern in Beschlag genommen werden.

Nachdem sie am frühen Abend von der Arbeit zurückgekehrt ist, hat Geneviève ihr tägliches Ritual vollzogen. Zuerst hat sie ihren weißen Kittel aufgeknöpft und mechanisch nach Flecken abgesucht – meistens ist es Blut –, um ihn anschließend an einen kleinen Schrank zu hängen. Dann hat sie sich draußen auf dem Etagenflur gewaschen, wo sie manchmal die anderen Bewohner ihres Stockwerks trifft: eine Mutter mit ihrer fünfzehnjährigen Tochter, beide Waschfrauen und allein seit dem Tod des Ehemanns, der in den Tagen der Kommune umgekommen ist. Zurück in ihrem kleinen bescheidenen Zimmer, hat sie sich eine Suppe aufgewärmt und sie im Schein einer Öllampe auf der Bettkante stumm in sich hineingelöffelt. Dann hat sie sich wie jeden Abend für zehn Minuten ans Fenster gesetzt. Regungslos und aufrecht, als trüge sie noch immer ihr enges Dienstkleid, betrachtet sie die Straße, wie ein unerschütterlicher Leuchtturmwärter auf seinem Posten. Nicht dass sie versonnen die Lichter der Straße anblicken oder sich in Träumereien ergehen würde – mit dieser Art von Romantik hat sie nichts im Sinn. Sie nutzt den friedlichen Moment nur, um den Tag zu vergessen, den sie hinter den Mauern der Heilanstalt verbracht hat. Sie öffnet das Fenster und lässt alles vom Wind forttragen, was sie von früh bis spät umgeben hat – die traurigen und spöttischen Gesichter, der Geruch von Äther und Chloroform, die hallenden Schritte auf den Fliesen, das Klagen überall und das Gestöhn, die Betten, die unter den zuckenden Körpern quietschen. Sie geht auf Distanz zu diesem Ort.

An die Geisteskranken denkt sie nicht. Sie interessieren sie nicht. Keines der Schicksale rührt sie an, keine Geschichte geht ihr nah. Seit dem Vorfall zu Beginn ihrer Schwesternzeit hat sie es aufgegeben, die Frauen hinter den Patientinnen sehen zu wollen. Oft überfällt sie die Erinnerung daran. Dann sieht sie wieder vor sich, wie die Geisteskranke, die ihrer Schwester ähnelte, kurz vor einem Anfall steht, sieht ihr entstelltes Gesicht, als sie sie mit beiden Händen am Hals packt und wie besessen zudrückt. Geneviève war jung, sie glaubte, dass sie eine Beziehung zu ihren Patientinnen aufbauen müsse, um ihnen helfen zu können. Zwei Krankenschwestern waren dazwischengegangen und hatten sie befreit aus den Händen der Verrückten, der sie Vertrauen und Zuneigung geschenkt hatte. Der Schock war ihr eine Lehre. Und die folgenden zwanzig Jahre mit den Geisteskranken hatten sie in ihrer Ansicht immer wieder bestätigt. Die Krankheit beraubt jeden seiner Menschlichkeit. Sie macht aus den Frauen Marionetten mit bizarren Symptomen, willenlose Puppen in den Händen von Ärzten, die sie benutzen und bis in den letzten Winkel ihres Körpers untersuchen, kuriose Tiere, die nur noch ein klinisches Interesse hervorrufen. Sie sind keine Ehefrauen, Mütter oder Mädchen mehr, sie sind keine Frauen, die man anschaut oder beachtet, sie werden nie Frauen sein, die man begehrt oder liebt: Sie sind Kranke. Irre. Versagerinnen. Und die Arbeit der Aufseherin besteht im besten Falle darin, zu ihrer Heilung beizutragen, im schlimmsten, sie unter halbwegs akzeptablen Bedingungen wegzusperren.

Geneviève schließt das Fenster, nimmt die Öllampe und setzt sich an ihr Holzpult. Der einzige Luxus in diesem Zimmer, in dem sie seit ihrer Ankunft in Paris lebt, ist ein Ofen, der den Raum angenehm erwärmt. Seit zwanzig Jahren hat sich hier nichts geändert. In den Ecken stehen dasselbe Bett, derselbe Schrank mit zwei Stadtkleidern und einem Hauskleid darin, derselbe Kohleherd und dasselbe Pult mit Stuhl, das ihre kleine Schreibecke bildet. Der einzige Farbtupfer in dem ansonsten dunkel gehaltenen Zimmer ist die rosa Tapete, die von der Zeit leicht vergilbt und durch die Feuchtigkeit stellenweise verquollen ist. Die Decke ist gewölbt, sodass Geneviève an manchen Stellen reflexartig den Kopf einzieht, wenn sie durchs Zimmer geht.

Sie greift nach einem Blatt, taucht ihre Feder ins Tintenfass und beginnt zu schreiben:

 

Paris, 3. März 1885

 

Meine liebe Schwester,

 

nun habe ich schon ein paar Tage nicht geschrieben, ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel. Die Geisteskranken waren diese Woche besonders unruhig. Es braucht nur eine von ihnen einen Anfall zu bekommen, und schon folgen die anderen nach. Das Ende des Winters wirkt sich oft in dieser Weise auf sie aus. Monatelang dieser bleierne Himmel, der eiskalte Schlafsaal, der trotz der Öfen nie richtig warm wird – ganz zu schweigen von den für diese Jahreszeit typischen Krankheiten: All das setzt ihnen schwer zu, wie du dir vorstellen kannst. Zum Glück hatten wir heute die ersten Sonnenstrahlen. Und der Ball an Mittfasten, der in zwei Wochen stattfindet – ja, schon –, dürfte ihre Nerven beruhigen. Bald holen
wir die Kostüme vom letzten Jahr heraus. Das wird
ihre Stimmung ein wenig aufhellen, und die des Pflegepersonals auch.

Doktor Charcot hat heute wieder eine öffentliche
Vorführung gegeben. Wieder mal die kleine Louise. Die arme Irre bildet sich ein, sie wäre genauso berühmt wie Augustine. Ich sollte sie daran erinnern, dass diese sich
an ihrem Ruhm so sehr erfreut hat, dass sie schließlich aus dem Krankenhaus geflohen ist – noch dazu in Männerkleidern! Sie war wirklich undankbar. Nach den vielen Anstrengungen, die wir und besonders Doktor Charcot unternommen haben, um sie zu heilen. Wer geisteskrank ist, bleibt es ein Leben lang, das habe ich immer zu dir gesagt.

Aber die Vorführung ist gut verlaufen. Charcot und Babinski konnten einen gehörigen Anfall erzeugen, das Publikum staunte. Das Auditorium war voll, wie jeden Freitag. Doktor Charcot verdient den Erfolg. Ich will mir gar nicht vorstellen, was er noch alles entdecken wird. Jedes Mal muss ich dann an mich denken – ein kleines Mädchen aus der Auvergne, Tochter eines einfachen Landarztes, die heute dem größten Nervenarzt von Paris zur Hand geht. Im Vertrauen: Dieser Gedanke erfüllt mein Herz mit Stolz und Demut.

Bald hast du Geburtstag. Ich versuche, nicht daran zu denken, der Kummer ist einfach zu groß. Bis zum heutigen Tage, ja. Du hältst mich bestimmt für dumm, doch die Jahre ändern nichts daran. Du wirst mir mein ganzes Leben lang fehlen.

Meine geliebte Blandine. Ich muss jetzt schlafen gehen. Ich nehme dich in meine Arme und küsse dich zärtlich.

 

Deine Schwester,

die an dich denkt, wo immer du bist.

 

 

Geneviève liest den Brief noch einmal durch und faltet ihn dann zusammen. Steckt ihn in einen Umschlag, den sie rechts oben mit dem Datum versieht: 3. März 1885. Sie steht auf und öffnet den Schrank. Unter den aufgehängten Kleidern stapeln sich mehrere Schachteln. Geneviève greift nach der obersten. Darin ungefähr hundert Umschläge, die mit dem Datum versehen sind wie der, den sie in der Hand hält. Mit ihrem Zeigefinger prüft sie das Datum des letzten Umschlags – 20. Februar 1885 – und ordnet den neuen davor ein.

Sie macht die Schachtel wieder zu, stellt sie an ihren Platz zurück und schließt den Schrank.

2

Eugénie

20. Februar 1885

 

Seit drei Tagen schneit es. In der Luft sehen die Flocken wie Perlenvorhänge aus. Auf den Gehwegen und in den Parks liegt eine weiße, knirschende Schicht aus Schnee, der kleben bleibt an den Pelzmänteln und den Stiefeln, die durch ihn hindurchstapfen.

Die Clérys, mit dem Abendessen befasst, achten nicht mehr auf die Flocken, die gemächlich hinter den Fenstertüren fallen und auf dem weißen Teppich des Boulevards Haussmann niedergehen. Auf ihre Teller konzentriert, zerschneiden die fünf Familienmitglieder das rote Fleisch, das der Diener ihnen serviert hat. Die Decke über ihren Köpfen ist mit Stuck verziert. In der Wohnung, die der Pariser Bourgeoisie alle Ehre macht, drängen sich Möbel und Gemälde, Kronleuchter, Kerzenhalter und Gegenstände aus Marmor und Bronze. Es ist ein früher Abend, wie die Clérys ihn oft begehen: Auf den Porzellantellern klappert das Besteck, die Stuhlbeine knarzen unter den Bewegungen der Sitzenden, und im Kamin prasselt das Feuer, das der Diener immer wieder mit dem Haken schürt.

Schließlich ertönt in der Stille die väterliche Stimme.

„Ich hatte heute Besuch von Fochon. Die Erbschaft seiner Mutter hat ihn nicht sonderlich zufriedengestellt. Er hatte gehofft, das Schloss in der Vendée zu bekommen, aber das hat seine Schwester geerbt. Seine Mutter überlässt ihm nur das Appartement in der Rue Rivoli. Was für ein armseliges Trostpflaster!“

Der Vater sieht nicht von seinem Teller auf. Nun, da er gesprochen hat, dürfen auch die anderen das Wort ergreifen. Eugénie schaut kurz zu ihrem Bruder, der ihr mit gesenktem Kopf gegenübersitzt. Sie nutzt die Gelegenheit.

„In der Stadt erzählt man sich, Victor Hugo sei gesundheitlich sehr angegriffen. Weißt du irgendetwas darüber, Théophile?“

Überrascht sieht ihr Bruder auf, während er weiter sein Fleisch kaut.

„Nicht mehr als du.“

Auch der Vater blickt nun seine Tochter an. Er bemerkt ihren vor Ironie sprühenden Blick nicht.

„Wo in Paris hörst du solche Sachen?“

„Bei den Zeitungsverkäufern. In den Cafés.“

„Ich schätze es nicht, dass du dich in Cafés herumtreibst. So etwas schickt sich nicht.“

„Ich gehe nur zum Lesen dorthin.“

„Selbst wenn. Und erwähne gefälligst nicht den Namen dieses Mannes in unserem Haus. Er ist alles andere als ein Republikaner, auch wenn gewisse Leute das behaupten.“

Die Neunzehnjährige verkneift sich ein Lächeln. Würde sie ihren Vater nicht provozieren, ließe sich dieser nicht mal dazu herab, sie anzusehen. Sie weiß, dass ihr Leben den Patriarchen erst interessieren wird, wenn jemand aus ebenso gutem Hause wie ihrem, was heißt aus einer Anwalts- oder Notarsfamilie, um ihre Hand anhält. Das ist der einzige Wert, den sie in den Augen ihres Vaters je haben wird – ein Wert als Ehefrau. Eugénie kann sich schon jetzt seine Wut vorstellen, wenn sie ihm beichten wird, dass sie nicht vorhat zu heiraten. Ihre Entscheidung steht seit Langem fest. Denn nichts liegt ihr ferner, als ein Leben zu führen wie das ihrer Mutter, die zu ihrer Rechten sitzt – ein Leben, das sich auf die Wände eines bürgerlichen Appartements beschränkt, das dem Zeitplan und den Entscheidungen eines Mannes unterworfen ist, ein Leben ohne Ambition oder Leidenschaft, ein Leben, in dem man stets nur das eigene Bild im Spiegel betrachtet – vorausgesetzt, sie erkennt sich dann noch –, ein Leben, dessen einziger Zweck es ist, Kinder zu bekommen, und in dem es höchstens noch darum geht, die Kleidung für den jeweiligen Tag auszuwählen. Das alles will sie auf keinen Fall. Stattdessen will sie alles andere.

Links neben ihrem Bruder sitzt ihre Großmutter väterlicherseits und lächelt ihr zu. Der einzige Mensch in der Familie, der sie so sieht, wie sie wirklich ist: voller Zuversicht und Stolz, blass und dunkelhaarig, mit einer Denkerstirn, wachen Augen und einem dunklen Fleck in der linken Iris, eine stille Beobachterin, die sich alles merkt – und vor allem nicht eingeschränkt werden will, weder in ihrem Wissensdrang noch in ihren Zukunftsabsichten – und die in diesem Punkt derart kompromisslos ist, dass es einem zuweilen ganz bange um sie wird.

Vater Cléry sieht zu Théophile, der noch immer mit großem Appetit isst. Wenn er sich an seinen Ältesten wendet, wird der väterliche Ton milder.

„Théophile, konntest du die neuen Bücher durcharbeiten, die ich dir gegeben habe?“

„Nicht ganz, ich habe noch ein bisschen Lesestoff aufzuholen. Ich fange im März damit an.“

„In drei Monaten beginnt deine Ausbildung in der Kanzlei, ich will, dass du den Stoff bis dahin wiederholt hast.“

„Wird erledigt. Da fällt mir ein, morgen Nachmittag bin ich nicht hier. Ich gehe in einen Debattiersalon. Der junge Fochon wird übrigens auch da sein.“

„Aber gewiss doch, betätige deinen Geist. Frankreich braucht eine Jugend mit Verstand. Erwähne bloß nicht die Erbschaft seines Vaters, das würde ihn nur belasten.“

Eugénie blickt ihren Vater an.

„Wenn Sie von einer Jugend mit Verstand sprechen, meinen Sie Jungen und Mädchen, nicht wahr, Papa?“

„Ich habe dir schon einmal gesagt: Frauen haben in der Öffentlichkeit nichts zu suchen.“

„Wie traurig wäre ein Paris, das nur aus Männern besteht.“

„Genug, Eugénie.“

„Männer sind immer so ernst, sie wissen nicht, wie man sich amüsiert. Frauen können ernst sein, aber sie können auch lachen.“

„Widersprich mir nicht.“

»Ich widerspreche Ihnen ja gar nicht: Wir diskutieren. Genau das sollen Théophile und seine Freunde Ihrer Meinung nach morgen tun …«

„Es reicht! Ich habe dir schon einmal gesagt, dass ich derlei Unverschämtheiten in meinem Haus nicht dulde. Du darfst den Tisch verlassen.“

Der Vater schlägt sein Besteck klirrend gegen den Teller und blickt Eugénie herausfordernd an. Er ist derart gereizt, dass sich die Haare seines Backenbartes und seines dichten Schnurrbarts aufrichten. Stirn und Schläfen laufen rot an. Immerhin hat es Eugénie heute Abend geschafft, ihm eine Gefühlsregung zu entlocken.

Die junge Frau legt ihr Besteck auf den Teller und die Serviette auf den Tisch. Nicht unzufrieden mit der kleinen Verwirrung, die sie angerichtet hat, steht sie auf, grüßt unter dem bekümmerten Blick der Mutter und dem amüsierten ihrer Großmutter mit einem kurzen Nicken in die Runde und verlässt das Esszimmer.

 

„Du konntest dich vorhin wirklich nicht beherrschen, nicht wahr?“

Es ist Nacht geworden. In einem der fünf Zimmer der Wohnung schüttelt Eugénie das Bettzeug auf. Hinter ihr steht die Großmutter im Nachthemd und wartet darauf, dass sie schlafen gehen kann.

„Ich wollte nur, dass wir uns ein bisschen amüsieren. Dieses Abendessen war so unsäglich trist. Setzt Euch, Großmutter.“

Sie nimmt die runzlige Hand der alten Frau und hilft ihr, sich aufs Bett zu setzen.

„Noch beim Dessert war dein Vater verärgert. Du solltest seine Laune nicht überstrapazieren. Ich sage das dir zuliebe.“

„Macht Euch keine Sorgen, was mich betrifft. Noch tiefer kann ich in Papas Ansehen nicht sinken.“

Eugénie hebt die nackten, dürren Beine ihrer Großmutter an und hilft ihr, unter die Bettdecke zu schlüpfen.

„Ist Euch kalt? Soll ich noch eine Decke holen?“

„Nein, Liebes, alles gut.“

Die junge Frau kauert sich vor das wohlmeinende Gesicht der Alten, die sie jeden Abend zu Bett bringt. Ihr Blick tut ihr gut. Das Lächeln, wenn ihre Runzeln sich heben und ihre blassen Augen schmaler werden, ist das zärtlichste auf der ganzen Welt. Eugénie liebt sie mehr als ihre eigene Mutter, vielleicht zum Teil auch deshalb, weil ihre Großmutter sie mehr liebt als eine eigene Tochter.

„Meine kleine Eugénie. Deine beste Eigenschaft wird auch immer dein größter Makel sein: Du bist frei.“

Ihre Hand kommt unter der Bettdecke hervor, um über das dunkle Haar der Enkelin zu streichen. Doch all das sieht Eugénie längst nicht mehr: Ihre Aufmerksamkeit hat sich etwas anderem zugewandt. Sie starrt in eine Ecke des Zimmers. Nicht zum ersten Mal fixiert sie regungslos einen unsichtbaren Punkt. Diese Momente dauern nie so lange, dass es wirklich beängstigend wäre. Geht ihr ein Gedanke oder eine Erinnerung durch den Kopf, etwas, das sie aufwühlt? Oder ist es wie damals, als Eugénie zwölf war und schwor, sie würde etwas sehen? Die alte Frau wendet den Kopf in die Richtung, in die ihre Enkelin blickt: In der Ecke des Zimmers befinden sich eine Kommode, eine Blumenvase und ein paar Bücher.

„Was ist, Eugénie?“

„Nichts.“

„Siehst du etwas?“

„Nein, nichts.“

Eugénie kommt wieder zu sich und streichelt lächelnd die Hand ihrer Großmutter.

„Ich bin müde, mehr nicht.“

Sie wird ihr nicht erzählen, dass sie tatsächlich etwas sieht – besser gesagt jemanden. Dass sie ihn schon längere Zeit nicht mehr gesehen und dass seine Anwesenheit sie überrascht hat, auch wenn sie sein Kommen spüren konnte. Seit ihrem zwölften Lebensjahr sieht sie ihn. Er war zwei Wochen vor ihrem Geburtstag gestorben. Kaum ein paar Tage später saß die ganze Familie im heimischen Salon beisammen. Und ebenda war er ihr zum ersten Mal erschienen. Überzeugt, dass die anderen ihn ebenfalls sahen, hatte Eugénie gerufen: „Schaut doch, Großvater ist hier, er sitzt im Sessel, schaut!“ – und je mehr man ihr widersprach, desto mehr beharrte sie darauf: „Großvater ist hier, ich schwöre es!“ Bis ihr Vater sie so scharf und heftig zurechtwies, dass sie es später nie mehr wagte, die Anwesenheit des Verstorbenen zu erwähnen. Seine Anwesenheit und die der anderen.

Denn neben ihrem Urahn erschienen ihr auch andere. Als hätte die Tatsache, dass sie ihn einmal gesehen hatte, etwas in ihr aufgebrochen. Eine Art Durchgang, den sie in Höhe des Brustbeins verortet – jedenfalls spürt sie es dort –, ein Durchgang, der bis dahin versperrt und mit einem Mal frei war. Die anderen, die ihr erschienen, kannte sie nicht. Es waren Fremde, Frauen wie Männer jeden Alters. Sie tauchten nicht plötzlich auf – immer merkte Eugénie, wie sie allmählich näher kamen: Ihr wurden die Glieder schwer, sie spürte, wie sie in einen Halbschlaf sank, als wäre sie plötzlich ihrer Kraft beraubt, zugunsten von etwas anderem. Dann wurden sie sichtbar. Sie befanden sich im Salon oder saßen auf einem Bett, standen neben dem Esstisch und schauten ihr beim Essen zu. Als sie noch kleiner war, fürchtete sie sich vor diesen Visionen, die sie zu einer wortlosen Einsamkeit verdammten. Wenn sie gekonnt hätte, hätte sie sich in die Arme ihres Vaters gestürzt und ihr Gesicht in seiner Jacke vergraben, bis die- oder derjenige sie in Ruhe ließ. So verwirrend das alles war, eines wusste sie genau: Es handelte sich nicht um Halluzinationen. Das Gefühl, das die Erscheinungen in ihr auslösten, ließ keinen Zweifel zu. Diese Leute waren tot, und jetzt besuchten sie sie.

Eines Tages tauchte ihr Großvater erneut auf, und diesmal sprach er mit ihr. Genauer gesagt hörte sie seine Stimme in ihrem Kopf, denn die Gesichter, die sie sah, waren stets unbeweglich und stumm. Er sagte, sie brauche keine Angst zu haben, sagte, dass sie ihr nichts Böses wollten und dass man sich vor den Lebenden mehr fürchten müsse als vor den Verstorbenen. Er fügte hinzu, dass sie eine Gabe habe und dass sie, die Toten, aus einem bestimmten Grund zu ihr kämen. Eugénie war fünfzehn. Doch das anfängliche Entsetzen blieb. Abgesehen von ihrem Großvater, dessen Besuche sie schließlich akzeptiert hatte, beschwor sie alle zu verschwinden, sobald sie ihr erschienen – und sie gehorchten. Sie hatte sich nicht ausgesucht, dass sie sie sah. Sie hatte sich diese „Gabe“ nicht ausgesucht, die in ihren Augen ohnehin eher eine psychische Störung als eine Gabe war. Zu ihrer Beruhigung sagte sie sich, dass es vorübergehen, dass all dies verschwinden würde, wenn sie das väterliche Heim erst verlassen hätte. Dann würde sie nicht mehr behelligt werden. Sie müsste nur Stillschweigen bewahren, bis es so weit war, selbst ihrer Großmutter gegenüber. Denn sollte sie noch einmal etwas Derartiges erwähnen, würde man sie unverzüglich in die Salpêtrière einliefern.

 

Am Nachmittag darauf gönnen die Schneefälle der Hauptstadt eine Atempause. In den weißen Straßen liefern sich die Kinder zwischen Bänken und Laternen spontane Schlachten mit eisigen Geschossen. Ein fahles, fast blendendes Licht liegt über Paris.

Théophile kommt aus der Toreinfahrt des Hauses und geht zu der Droschke, die am Straßenrand wartet. Seine roten Locken schauen unter dem Zylinder hervor. Er schlägt seinen Mantelkragen hoch, zieht sich eilig die Lederhandschuhe über und öffnet den Kutschenschlag. Mit einer Hand hilft er Eugénie beim Einsteigen. Ein langer schwarzer Mantel mit ausgestellten Ärmeln und Kapuze verhüllt ihre Gestalt. In ihrem Haarknoten stecken zwei Gänsefedern – für die spitzen, blütengeschmückten Hütchen, die derzeit überall in der Hauptstadt zu sehen sind, hat sie nicht viel übrig. Théophile geht zum Kutscher.

»Zum Boulevard Malesherbes Nummer 9. Und bitte, Louis, falls mein Vater Sie fragt: Ich war allein.«

Mit einer stummen Geste macht der Kutscher klar, dass sein Mund versiegelt ist, und Théophile steigt zu seiner Schwester in den Wagen.

„Bist du immer noch verärgert, Brüderchen?“

„Du bist ein Ärgernis, Eugénie.“

Nach dem Mittagessen, einer Mahlzeit, die stets etwas fröhlicher ausfällt, sobald ihr Vater nicht daran teilnimmt, war Théophile wie gewohnt für ein zwanzigminütiges Nickerchen auf sein Zimmer gegangen, bevor er sich zum Ausgehen fertig machte. Er legte gerade seinen Zylinder vor dem Spiegel bereit, als es an seiner Tür klopfte. Vier Mal: seine Schwester.

„Komm rein.“

Eugénie hatte die Tür geöffnet und war hereingekommen – angekleidet und frisiert für die Stadt.

„Willst du etwa wieder ins Café? Das wird Papa gar nicht gefallen.“

„Nein, ich gehe mit dir in den Salon.“

„Auf keinen Fall.“

„Und wieso nicht?“

„Weil du nicht eingeladen bist.“

„Dann lade du mich ein.“

„Und außerdem sind dort nur Männer.“

„Wie öde.“

„Siehst du, du hast keine Lust hinzugehen.“

„Ich würde so gern wissen, wie es dort ist, bloß ein einziges Mal!“

„Wir sitzen in einem Salon, rauchen, trinken Kaffee dabei oder Whisky und tun philosophisch.“

„Wenn es dort wirklich so trist ist, warum gehst du dann hin?“

„Gute Frage. Es gehört sich so, nehme ich an.“

„Lass mich mitgehen.“

„Ich will mir nicht Papas Zorn zuziehen, falls er davon erfährt.“

„Daran hättest du denken sollen, bevor du mit dem Lieschen aus der Rue Joubert angebandelt hast.“

Théophile, wie vom Donner gerührt, hatte seine Schwester einige Sekunden lang angestarrt, die ihn lächelnd wissen ließ:

„Ich warte unten auf dich.“

In der Droschke, die nur mühsam durch die Schneewehen vorankommt, zeigt sich Théophile besorgt.

„Bist du sicher, dass Maman nicht gesehen hat, wie du weggegangen bist?“

„Maman sieht mich nie.“

„Du bist ungerecht. Nicht alle in dieser Familie haben sich gegen dich verschworen, weißt du.“

„Bloß du.“

„Genau. Ich werde mich mit Papa zusammentun und einen künftigen Gemahl für dich finden. Auf diese Weise kommst du in sämtliche Salons deiner Wünsche und fällst mir nicht mehr auf die Nerven.“

Eugénie sieht ihren Bruder an und lächelt. Die Ironie ist der einzige Wesenszug, den sie miteinander teilen. Zwar sind sie einander nicht tief verbunden, aber es entzweit sie auch keine Feindseligkeit. Sie fühlen sich weniger als Bruder und Schwester denn als Bekannte, die ein herzliches Verhältnis pflegen, da sie doch unter einem Dach wohnen. Dabei hätte Eugénie allen Grund, ihren Bruder zu beneiden – der erstgeborene und damit heiß geliebte Sohn, ein Sohn, der zum Studium ermuntert wird, ein Sohn, in dem man den zukünftigen Anwalt sieht, während man in ihr nur die zukünftige Ehefrau vermutet. Irgendwann jedoch hat sie begriffen, dass ihr Bruder seine Situation ebenso erduldete wie sie. Auch Théophile musste den väterlichen Forderungen nachkommen, auch er musste den Erwartungen entsprechen, die ihm aufgezwungen wurden, und auch er musste seine innersten Wünsche für sich behalten. Denn wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte Théophile sein Bündel geschnürt und wäre auf Reisen gegangen, egal wohin, nur möglichst weit weg. Dies ist zweifellos die zweite Sache, die sie verbindet: Sie haben sich ihren Platz nicht ausgesucht. Aber genau in diesem Punkt unterscheiden sie sich auch. Théophile hat sich durchgerungen und seine Situation akzeptiert, seine Schwester aber lehnt die ihre ab.

 

Im Salon sieht es genauso aus wie bei ihnen zu Hause. Der Raum wird von einem Kristallkronleuchter beherrscht. Ein Diener geht mit einem Silbertablett zwischen den Gästen umher und bietet Gläser mit Whisky an, ein anderer serviert Kaffee in Porzellantassen.

Junge Männer stehen am Kamin oder sitzen auf Chaiselongues aus dem letzten Jahrhundert, rauchen Zigarren oder Zigaretten und unterhalten sich leise miteinander. Die neue Elite von Paris, angepasste Jasager. An ihren Gesichtern lässt sich erkennen, wie stolz sie sind, der richtigen Familie zu entstammen. Ihre lässigen Gesten verraten, dass sie nie schwere Arbeit leisten mussten. Das Wort „Wert“ ergibt für sie nur Sinn im Hinblick auf die Gemälde an der Wand und den sozialen Status, den sie genießen, ohne dass sie je etwas dafür hätten tun müssen.

Ein junger Mann kommt ironisch lächelnd auf Théophile zu. Eugénie ist im Hintergrund geblieben und beobachtet die mondäne Gesellschaft.

„Cléry, ich wusste nicht, dass du heute in so charmanter Begleitung kommst.“

Théophile wird rot unter seinen roten Locken.

„Darf ich dir meine Schwester vorstellen, Fochon. Eugénie.“

„Deine Schwester? Ihr seht euch überhaupt nicht ähnlich. Angenehm, Eugénie.“

Fochon macht einen Schritt auf sie zu und greift nach ihrer Hand. Sein durchdringender Blick ruft bei der jungen Frau einen leichten Ekel hervor. Er wendet sich Théophile zu.

„Hat dein Vater von Großmutters Erbschaft erzählt?“

„Ich hab’s erfahren, ja.“

„Papa ist äußerst beleidigt. Schließlich hat er ständig von dem Schloss in der Vendée geredet. Dabei müsste ich viel mehr beleidigt sein, die alte Frau hat mir gar nichts hinterlassen. Mir, ihrem einzigen Enkel! Was soll’s. Eugénie, wollen Sie etwas trinken?“

„Einen Kaffee. Ohne Zucker.“

„Die kleinen Federn da auf Ihrem Kopf sind lustig. Damit werden Sie unseren Salon heute aufheitern.“

„Demnach lachen Sie manchmal?“

„Und frech ist sie auch! Hervorragend.“

 

An diesem Ort, an dem alle Geräusche gedämpft sind, verstreicht die Zeit quälend langsam. Die Gespräche der kleinen Gruppen verschmelzen miteinander und sind am Ende nur noch ein Widerhall tiefer, gleichförmiger Stimmen, unterbrochen vom Klirren der Gläser und Tassen. Der Tabakrauch bildet einen samtigen, durchscheinenden Schleier, der über den Köpfen schwebt. Vom Alkohol sind die ohnehin schon schlaffen Körper noch träger geworden. Eugénie, die auf einem weich gepolsterten Samtsessel sitzt, gähnt hinter vorgehaltener Hand. Ihr Bruder hat nicht gelogen: Nur gesellschaftliche Konvention kann das Interesse an diesen Salons erklären. Die Streitgespräche sind keine Gespräche, eher konventionelles Gerede, auswendig gelernte Gedanken, die von diesen vermeintlich belesenen Köpfen brav aufgesagt werden. Selbstverständlich spricht man hier über Politik – über die Kolonisation, Präsident Grévy, die Gesetze von Jules Ferry –, und auch ein bisschen über Theater und Literatur, aber ohne Tiefgang. In den Augen der jungen Männer gehören diese Themen eher in den Bereich der Vergnügungen, als dass sie zur intellektuellen Bereicherung beitragen würden.

Eugénie vernimmt das alles, ohne wirklich zuzuhören. Auch wenn es sie hin und wieder reizt, das Wort zu ergreifen, etwas zu entgegnen oder die Widersprüche innerhalb bestimmter Äußerungen aufzudecken, gerät sie doch nicht in Versuchung, diese kleinkarierte Welt aufzumischen. Sie weiß schon jetzt, worauf es hinauslaufen würde: Die Männer würden sie spöttisch ansehen, weil sie das Wort ergriffen hat, ihre Sätze mit einer abschätzigen Handbewegung übergehen und sie auf ihren Platz zurückverweisen. Die stolzen Köpfe wollen nicht in ihrer Position untergraben werden – schon gar nicht von einer Frau. Diese Männer mögen Frauen nur, wenn ihre Figur ihnen zusagt. Die hingegen, die ihrer Männlichkeit schaden könnten, die verspotten sie, oder – noch besser – sie entledigen sich ihrer. Eugénie erinnert sich an eine Meldung, die vor ungefähr dreißig Jahren in der Zeitung gestanden hatte: Eine gewisse Ernestine wollte sich befreien aus ihrer Rolle als Ehefrau und nahm Kochkurse bei ihrem Cousin, einem Chefkoch, in der Hoffnung, eines Tages selbst am Herd einer Brasserie zu stehen. Ihr Mann, der seine Vormachtstellung bedroht sah, ließ sie daraufhin in die Salpêtrière einweisen.

Seit Beginn des Jahrhunderts hatten sich zahlreiche solcher Geschichten ereignet, sie wurden zum Gesprächsstoff in den Pariser Cafés oder standen als kurze Meldung unter der Rubrik Vermischtes in der Zeitung. Eine Frau, die auf ihren untreuen Mann losgegangen war: eingeliefert, genauso wie eine Bettlerin, die ihr Geschlecht auf der Straße entblößt hatte. Eine Vierzigjährige, die sich mit einem zwanzig Jahre jüngeren Mann in der Öffentlichkeit gezeigt hatte: eingewiesen wegen Unzucht, zusammen mit einer jungen Witwe, die von ihrer Schwiegermutter eingeliefert wurde, weil sie ihr seit dem Tod des Ehemanns zu melancholisch war. Eine Mülldeponie für all jene, die die öffentliche Ordnung gefährdeten. Eine Anstalt für Frauen, deren Empfindungen nicht den Erwartungen entsprachen. Ein Gefängnis für diejenigen, die sich einer eigenen Meinung schuldig gemacht hatten.

Seit Charcots Ankunft vor zwanzig Jahren heißt es, die Salpêtrière habe sich geändert. Jetzt würden nur noch die wirklichen Hysterikerinnen dort eingeliefert. Trotz dieser Behauptung bleiben Zweifel. Zwanzig Jahre sind nichts, um tief verwurzelte Denkweisen in einer von Vätern und Ehemännern dominierten Gesellschaft umzukrempeln. Keine Frau kann je wirklich sicher sein, wegen ihrer Äußerungen, ihrer Eigenart oder ihrer Ideale nicht doch hinter den gefürchteten Mauern im dreizehnten Arrondissement zu landen. Daher sind sie auf der Hut. Selbst Eugénie mit ihrer kühnen Art weiß, dass man nicht alle Linien überschreiten darf – schon gar nicht in einem Salon voller einflussreicher Männer.

 

„… aber der Mann war ein Ketzer. Man sollte seine Bücher verbrennen!“

„Das hieße, ihm viel zu viel Bedeutung beizumessen.“

„Es ist nur eine Mode, bald wird man ihn vergessen haben. Wer kennt denn heute schon noch seinen Namen?“

„Meinen Sie den, der behauptet, es gäbe Gespenster?“

„Geister nennt er sie.“

„Ein Verrückter!“

„Wer sagt, der Geist würde die Materie überleben, widerspricht jeder Logik. Eine solche Behauptung leugnet sämtliche Gesetze der Biologie!“

»Mal abgesehen von diesen Gesetzen – wenn es tatsächlich Geister gibt, warum zeigen sie sich dann nicht viel öfter?«

„Prüfen wir’s nach! Falls hier in diesem Zimmer Geister sind, fordere ich sie auf, ein Buch aus dem Regal fallen zu lassen oder ein Gemälde zu verrücken!“

„Hör auf, Mercier. So albern es ist, ich mag doch keine Scherze darüber.“

Eugénie hat sich in ihrem Sessel aufgerichtet und reckt den Hals zu der Gesellschaft hinüber. Zum ersten Mal, seit sie hier ist, lauscht sie dem Gespräch.

„Es ist nicht nur albern, sondern gefährlich. Haben Sie Das Buch der Geister gelesen?“

„Warum sollten wir unsere Zeit mit solchen Märchen verschwenden?“

„Wer ein guter Kritiker sein will, muss sich informieren. Ich hab’s gelesen, und ich versichere Ihnen, dass ich mich von bestimmten Äußerungen in meinem christlichen Glauben zutiefst verletzt fühle.“

„Was kümmert dich das Geschwätz eines Mannes, der behauptet, er würde mit den Toten reden?“

„Er sagt sogar, es gäbe weder Paradies noch Hölle. Er verharmlost Abtreibungen, weil ein Fötus angeblich noch keine Seele hat!“

„Das ist Gotteslästerung!“

„Solche Gedanken verdienen den Strick!“

„Wie heißt der Mann, um den es hier geht?“

Eugénie ist aufgestanden. Ein Diener tritt hinzu und nimmt ihr die leere Tasse aus der Hand. Überrascht, etwas aus dem Mund des Mädchens zu hören, das bislang stumm und schweigsam dagesessen hat, drehen sich die Männer um und blicken sie an. Théophile wird stocksteif vor Schreck: Seine Schwester ist unberechenbar, und ihre Worte schlagen stets Wellen.

Eine Zigarette in der Hand, steht Fochon hinter einem Sofa und deutet ein Lächeln an.

„Das Mädchen mit den Gänsefedern spricht endlich. Warum fragst du? Du bist doch keine Spiritistin, hoffe ich?“

„Wie heißt er, ich bitte Sie?“

„Allan Kardec. Warum? Interessiert er dich?“

„Sie alle beschreiben ihn so voller Inbrunst. Wenn jemand die Gemüter so aufwühlt, muss er doch irgendwo richtiggelegen haben.“

„Oder aber er hat sich grob getäuscht.“

„Das werde ich selbst herausfinden.“

Théophile drängt sich zwischen den Gästen hindurch zu Eugénie. Er packt sie am Arm und redet leise auf sie ein.

„Du gehst jetzt besser, wenn sie dich nicht auf der Stelle massakrieren sollen.“

Das Gesicht ihres Bruders ist eher sorgenvoll als fordernd. Eugénie spürt die abschätzigen Blicke, die sie von Kopf bis Fuß mustern. Sie nickt ihrem Bruder zu und verlässt den Salon mit einem kurzen Gruß in die Runde. Zum zweiten Mal in zwei Tagen herrscht bei ihrem Abgang drückendes Schweigen.

Victoria Mas

Über Victoria Mas

Biografie

Victoria Mas, 1987 in Le Chesnay geboren, hat acht Jahre lang in den USA gelebt und dort als Script Supervisor, Standfotografin und Übersetzerin beim Film gearbeitet. Zurück in Paris, studierte sie Literatur an der Sorbonne und ist heute als freie Autorin und Journalistin tätig. Ihr Debüt »Die...

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