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Die Tage der Kirschgärten

Die Tage der Kirschgärten

Roman

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Die Tage der Kirschgärten — Inhalt

Es ist der Roman eines ganzen Lebens, der Roman einer Frau: ihrer Lieben, ihrer Familie, ihrer Arbeit, ihrer Freundschaften. Elsa, die jüngste von drei Schwestern, »das blondeste, glücklichste Versehen«, wächst im idyllischen, immersonnigen Door County auf. Ihren Eltern gehört ein kleines Theater inmitten von dutzenden Kirschgärten, in dem sich junge Studenten aus dem ganzen Land treffen und den Sommer ihres Lebens verbringen; auch die kleine Elsa  wünscht sich nichts sehnlicher, als die Aufmerksamkeit und Bewunderung des Publikums. Doch dann beendet ein tragisches Unglück jäh die Zeit der unbeschwerten Sommer.

Elsa heiratet und flieht nach Los Angeles, wird in Hollywood von dem Produzenten Irving Green entdeckt und als Laura Lamont zu Ruhm, zu Ehre, gar zu einem Oscar geführt. Und Irving wird die große Liebe ihres Lebens. Laura ist ein umschwärmter Star, doch während sie versucht, ihre Karriere, ihre Familie und ihr ganz persönliches Glück zu leben, spürt sie, dass ein Teil von ihr immer in den Kirschgärten ihrer Eltern bleiben wird.

»Die Tage der Kirschgärten« ist die Geschichte einer Frau, die ihren Weg geht, präzise und dabei liebevoll und warmherzig erzählt, und auf jeder Seite mit einer Prise der Magie des goldenen Hollywood.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 27.08.2013
Übersetzt von: Barbara Schaden
368 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7526-0

Leseprobe zu »Die Tage der Kirschgärten«

1. KIRSCHLAND


Sommer 1929
Elsa war die jüngste Emerson, mit einem Abstand von zehn
Jahren: das blondeste, glücklichste Versehen. Am meisten freute
sich ihr Vater John, sie um sich zu haben. Seine älteren Töchter
interessierten sich schon nicht mehr so sehr für das Cherry
County Playhouse, und es war einfach schön, wenn Elsa hinter
der Bühne herumschlich und ihr weißblonder Schopf und ihr
rosarotes Gesichtchen durch den Vorhang spitzten. Sie war
eine feste Einrichtung, das Theatermaskottchen, und die Sommergäste
liebten sie.
Das Theater, Cherry County Playhouse, [...]

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1. KIRSCHLAND


Sommer 1929
Elsa war die jüngste Emerson, mit einem Abstand von zehn
Jahren: das blondeste, glücklichste Versehen. Am meisten freute
sich ihr Vater John, sie um sich zu haben. Seine älteren Töchter
interessierten sich schon nicht mehr so sehr für das Cherry
County Playhouse, und es war einfach schön, wenn Elsa hinter
der Bühne herumschlich und ihr weißblonder Schopf und ihr
rosarotes Gesichtchen durch den Vorhang spitzten. Sie war
eine feste Einrichtung, das Theatermaskottchen, und die Sommergäste
liebten sie.
Das Theater, Cherry County Playhouse, befand sich in einer
umgebauten Scheune auf dem Anwesen der Emersons in Door
County, dem Daumen von Wisconsin. Die Scheune stand etwa
sechzig Meter zurückgesetzt von der Straße, die, in Anerkennung
des Lebenswerks von Elsas Eltern und weil nichts dagegensprach,
in Cherry County Playhouse Road umbenannt worden
war. Von Mai bis September kamen Touristen aus Chicago und
Milwaukee, manchmal von noch weiter her, und mieteten sich
für den Sommer in den kleinen Holzhütten ein. Die Tage verbrachten
sie am Michigansee oder in Green Bay, und abends
strömten sie in die alte Scheune und nahmen auf den Holzbänken
Platz, die Mary, Elsas Mutter, mit selbst genähten Baumwollkissen
gepolstert hatte. John führte Regie und spielte oft
auch mit, und sein sonorer Bariton trug zwischen den Bäumen
hindurch bis hinaus auf die Straße. Die älteren Töchter, Hildy
und Josephine, die in der Blüte ihrer Backfischjahre so vielversprechende
Ophelien und Julien gewesen waren, hatten sich
unterdessen im Tastee Custard Shack anstellen lassen, und man
sah sie jetzt meist Waffeltüten mit gefrorener Englischcreme
über den Ladentisch reichen. Elsa hingegen, neunjährig, war
verzaubert vom Theater. Sie riss Eintrittskarten ab, fegte verwehtes
Laub und hereingetragene Erdklumpen von der Bühne
und liebte die Scheunenkatze, die jeden hasste, vor allem Kinder.
Die Darsteller und Techniker wohnten während der gesamten
Saison auf dem Land der Emersons. Die jungen Männer aus
den Nobelschulen an der Ostküste, an denen Schauspielerei und
Bühnentechnik gelehrt wurde, und die zartbesaiteten jungen
Damen zogen ins Haupthaus; wer über eine robustere Konstitution
verfügte, schlief in den über das Grundstück verteilten
Zelten und Hütten, was dem Anwesen im Sommer einen Anstrich
von Ferienlager verlieh. Elsa hing am Rockzipfel der schönen
jungen Frauen, ließ sich stundenlang von ihnen schminken
und frisieren und musste dafür nichts weiter tun als zuzuhören,
wie sie von ungehörigen und heillos komplizierten Liebesverhältnissen
in ihrer Heimat erzählten.
Hildy, Elsas zweitälteste Schwester, war neunzehn und hatte
über den eigenen Körper hinaus nur noch wenige Interessen.
Manchmal lieh sie sich die Nähmaschine ihrer Mutter, um sich
ein neues Kleid zu schneidern, verlor aber auf halbem Weg die
Lust und pflegte dann alles stehen und liegen zu lassen, so dass
der Stoff schlaff von der Maschine hing wie ein verletztes Tier.
Hildy neigte zur Dramatik, auch wenn sie nicht mehr auf der
Bühne stand.
»Mutter, ich kann dir unmöglich beim Geschirrspülen helfen,
mein Kopfweh ist so riesig wie der Michigansee«, sagte
Hildy. Ihre Kopfschmerzen waren von der ursprünglichen Küchen
- auf Haus-, dann auf Seegröße angewachsen und würden
demnächst das Ausmaß des Staates Wisconsin erreichen. Elsa
saß unter dem langen hölzernen Esstisch und sah Hildys wippenden
Knien zu.
»Tut mir leid«, sagte Mary, »aber für solches Gerede ist kein
Platz in diesem Haus.« Elsa hörte, wie ihre Mutter sich mit müden
Händen über die Hüften strich und ihre breiten, stumpfen
Daumen in die schmerzenden Stellen drückte. Mary pflegte bei
Tagesanbruch aufzustehen, um für die Theaterleute Frühstück
zu machen – in diesem Sommer waren es siebenundzwanzig,
die, wenn man sie ließ, mit Leidenschaft klagten und jammerten.
Die Mutter aber regierte mit eiserner Hand. Elsa dachte oft,
sie wäre eine ausgezeichnete Pioniersfrau gewesen, eine Siedlerin
– sie schien sich immer dann am wohlsten zu fühlen, wenn
die Umstände schwierig waren und der Weg steinig.
Hildy massierte ihre Schläfen. Sie hatte sehr häufig Kopfschmerzen
– alle Emerson-Frauen litten unter einer lähmenden,
niederschmetternden Migräne, die sich halbseitig in den
Schädel krallte und tagelang darin wühlte, und es war Elsas
Aufgabe, Mutter und Schwestern, wenn es wieder so weit war,
einen feuchten Waschlappen auf die geschlossenen Augen zu
legen und auf Zehenspitzen aus dem abgedunkelten Zimmer zu
schleichen. Elsa blickte mit Ungeduld der Zeit entgegen, wenn
auch sie, endlich zur Frau gereift, so tief empfände, dass sie zugezogene
Vorhänge und absolute Stille brauchte. Einmal hatte
sie ihre Schwestern gefragt, wann mit dem Einsetzen der Kopfschmerzen
zu rechnen sei, und hatte vor ihrem Gelächter aus
dem Zimmer flüchten müssen.
»Ehrlich, Mutter, ehrlich.« Hildy war die schönste der drei
Emerson-Schwestern; allerdings war Elsa so klein, dass sie noch
nicht zählte. Josephine war die Älteste und mit ihrem breiten,
flachen Gesicht, das selten eine Gemütsbewegung verriet, der
Mutter am ähnlichsten. »Ein norwegisches Gesicht«, sagte der
Vater dazu und meinte damit: die Miene einer Frau, die, ohne
mit der Wimper zu zucken, auch bei fünfzehn Grad unter null
in den Stall zum Melken geht. Es galt als ausgemacht, dass Josephine
mit einem Jungen von einer der benachbarten Kirschfarmen
verheiratet würde, woraus nach einhelliger Überzeugung
die perfekte Verbindung werden musste, nicht mehr und nicht
weniger.
Hildy hingegen war mehr als perfekt. Elsa liebte den Anblick
ihrer Schwester auch dann, wenn diese eine ihrer Migräneattacken
hatte, wenn ihr blondes Haar vom Hin- und Herwälzen
im Schlaf zerzaust und filzig an den Kopf gedrückt war und ihr
sonst blass rosiger Teint purpurn angelaufen. Wenn sie wollte,
konnte Hildy wie ein Filmstar aussehen. Von der Mutter hatte
sie das nicht, so viel stand fest: weder das gute Aussehen noch
das Wissen, was damit anzufangen war. Hildy studierte Zeitschriften,
alle, deren sie habhaft wurde, Nash’s und Photoplay
und Lady’s Companion, und übte stundenlang vor dem Spiegel,
sich wie die Filmschauspielerinnen die Augen zu schminken
und mit Kajal zu umrahmen, bis sie die Technik beherrschte.
Wenn ihr leicht zumute war und der Kopfschmerz verschwunden,
tänzelte sie in Theaterkostümen durchs Haus, und Elsa
fand sie so schön und entrückt wie eine Meerjungfrau, die es an
Land verschlagen hat.

Das erste Stück des Sommers war immer eine Uraufführung,
die das Publikum meist weniger schätzte als die altbekannten
Dramen, aber John war im Grunde seines Herzens ein Avantgardist
und scherte sich nicht um den Publikumsgeschmack.
Im August würden sie ohnehin den Sommernachtstraum auf-
führen, wie jedes Jahr, und dann wären auch die rückständigen
Spießer zufrieden. Das neue Stück, Komm heim, mein Engel,
handelte von einem Soldaten, der verwundet aus dem Krieg
heimkehrt und feststellen muss, dass seine Verlobte mit seinem
besten Freund verheiratet ist. Am Ende erschießt er sich, das
Paar jedoch ist glücklich. Ein düsteres Stück, aber es gefiel.
John hatte die ideale Besetzung für den verwundeten Soldaten
gefunden, einen jungen Mann aus Chicago, der stets äußerst
schwermütig und leidend schaute, nie aber, ohne gleichzeitig
mindestens ebenso gutaussehend zu sein. Cliff war ein Grübler.
Hildy entflammte in der Sekunde für ihn, in der er das
Haus betrat. Die Empfindung – sofern sich Empfindungen
an den Lauten beurteilen ließen, die nachmittags, wenn sonst
niemand im Haus war, aus Hildys Schlafzimmer drangen –
beruhte auf Gegenseitigkeit.
Weil das Tastee Custard Shack mit Cliffs wohlgeformten
Bizepsen nicht mithalten konnte, war Hildy in diesem Sommer
wieder zu Hause, probte mit den Schauspielern den Text und
unterstützte ihre Mutter beim Nähen. Auch Elsa bekam bald
eine neue Aufgabe – sie wurde postillon d’amour und flitzte zwischen
Scheune und Haus hin und her, die Treppen hinauf und
hinunter, um die wechselseitigen Nachrichten der jungen Liebenden
auszuliefern. Erfüllt von dem Gefühl unaufschiebbarer
Dringlichkeit, ließ sie sich dann auf einen Stuhl sinken, und ihr
keuchender Atem zeugte von dem Ernst, mit dem sie ihre Pflicht
erfüllte. Hildy zog sie an sich und auf ihren Schoß, während sie
die Botschaft las, und manchmal las sie Teile daraus, die ihr
für Elsas junge Ohren geeignet schienen, laut vor. Zwischendurch
entstanden so lange Pausen, in denen Hildy still für sich
las und hin und wieder die Hand vor den Mund legte oder auf
einen Fingerknöchel biss. Sie hatte das Theater durchaus nicht
aufgegeben, sie hatte lediglich das Publikum auf eine einzige
Person reduziert: Wichtig war ihr nach wie vor die Reaktion
des Zuschauers. Später wurde Elsa klar, dass Cliff das alles nicht
zum ersten Mal tat, was sie zu dem Zeitpunkt aber so wenig
erkennen konnte wie Hildy, und sie hoffte mit ihrer Schwester,
dass Hildys eigene Versuche in den schriftlichen Äußerungen
der Liebe hinter den seinen nicht zurückständen.
»… und dann endlich die süße, seidige Haut deiner Schenkel
…«, las Hildy laut. Cliff arbeitete sich langsam ihren Körper
aufwärts, und hier hielt Hildy inne. Sie lag mit angewinkelten
Beinen bäuchlings auf dem Bett und bewegte lustvoll die Zehen
auf und ab. Elsa saß auf dem Hocker am Fuß des Bettes und
versuchte sich Cliff ohne Hemd vorzustellen. Sein Haar war
so dunkel, dass es schwarz wirkte, und ringelte sich in münzgroßen
Locken. »Oh Gott, Else«, stieß Hildy hervor und packte
das Handgelenk ihrer kleinen Schwester. »Oh Gott!« Dann
warf sie sich auf den Rücken und nahm sich ein Blatt Papier,
auf dem sie sogleich mit ihrer Antwort begann. Es war nicht
verboten, sich mit Mitgliedern der Theatertruppe einzulassen –
es war nur noch nie vorgekommen. Bisher waren die Mädchen
einfach Mädchen gewesen, und Hildys rasante Verwandlung
zur Frau war an den Eltern offensichtlich vorbeigegangen.
Warm war es in Hildys Zimmer, wenn die Tür geschlossen
war, und in Elsas Kniekehlen hatten sich kleine Schweißpfützen
gebildet. Dennoch war ihr der Sommer die liebste Jahreszeit. In
der Nachsaison leerte sich Door County und wurde so still, dass
Elsa manchmal die anderen Menschen vergaß, die auch noch
hier lebten, in anderen Häusern, und die Klassenkameraden,
die nach der Schule in andere Familien zurückkehrten. Alles
war dann kalt und eng. Im Frühling aber, wenn aus Weiß erst
Braun, dann Grün wurde, wenn die Vögel im Morgengrauen
miteinander zu schwatzen begannen, wenn die Bäume ums
Haus neue Blätter trieben und Elsa aufforderten, ja anflehten,
in ihnen herumzuklettern, dann wurde die Welt wieder weit.
Elsa kannte jeden Zentimeter des Landes, das ihren Eltern gehörte,
jeden Stein und jede Wurzel. Hildy und Josephine waren
schon zu alt, zu sehr beansprucht vom eigenen jungen Leben, als
dass sie auch nur das geringste Interesse gehabt hätten, mit ihrer
kleinen Schwester herumzurennen. Also war sie auf sich gestellt:
Elsa zählte Schmetterlinge und Glühwürmchen und pflückte
Blumensträuße für ihre Puppenhochzeiten. Aber das Allerbeste
war, wenn die Schauspieler eintrafen. Obwohl Elsa ihre Eltern
und besonders ihren Vater liebte, malte sie sich manchmal aus,
wie einer der Schauspieler sie entdeckte und als eine der Ihrigen
erkannte und sie gerettet wäre. In ihren Tagträumen kamen keine
Besen und Wischlappen vor, nur das Theater und ein volles
Haus, und alles applaudierte nur für sie.

Cliff wohnte in der Hütte, die gut fünfzehn Meter vom Haupthaus
entfernt jenseits der Scheune stand. Zwar hatte ihm John
ein Zimmer im Haus angeboten, aber er zog die Abgeschiedenheit
vor. Auf Nachfrage – wobei es natürlich keiner besonderen
Nachfrage bedurft hätte – antwortete Cliff, er wolle so leben,
wie seine Rolle es vorgebe, abseits von allen. Einsam und abgeschottet
wollte er den Sommer verbringen. Elsas Vater hatte
die Hütte im Vorjahr eigenhändig gezimmert. Josephine, das
dünne Haar aufgesteckt und die hellen Augen gegen die Sonne
zu schmalen Schlitzen verengt, hatte ihm geholfen, die Bretter
und Balken zu Wänden zusammenzunageln: Anders als Hildy
hatte Josephine keine Angst, mit dem Hammer versehentlich
den Daumen zu treffen oder sich zu lange in der Sonne aufzuhalten,
sie senkte einfach den Kopf und legte los. Die Hütte
war von bescheidener Größe, bestand aus einem einzigen Zimmer,
in dem es nur eine Waschschüssel gab und keine Toilette,
aber sie stand allein, und die Tür ging zum Wald, so dass Cliff
ungesehen kommen und gehen konnte, wie es ihm passte.
Elsa begegnete ihm mit Argwohn. Sie klopfte an die Tür
der Hütte und hielt ihm, wenn er aufmachte, die Nachricht
mit hochgerecktem Arm entgegen, um ihm nicht in die Augen
sehen zu müssen. Sobald Cliff ihr den Brief aus der Hand gepflückt
hatte, drehte sie sich um und rannte davon, als wäre sie
eine Nymphe und könnte durch den Wunsch allein zwischen
den Bäumen verschwinden. Einmal allerdings packte Cliff sie
am Handgelenk, nicht fest, nur unnachgiebig, und zwang sie,
hereinzukommen.
Es war seltsam, in der Hütte zu sein, wenn er darin wohnte.
Natürlich war sie dieselbe wie immer, die Astlöcher da, wo sie
zuvor gewesen waren, und auch der Ausblick war derselbe: die
Scheune auf der einen, die Bäume auf der anderen Seite. Aber
dass Cliff darin wohnte, verwandelte sie. Binnen weniger Tage
hatte der Raum seinen Geruch angenommen. Elsa schnupperte
mit geblähten Nüstern wie ein Hund.
»Pass bloß auf«, warnte Cliff. »Wenn dich jetzt jemand erschreckt,
bleibt deine Nase so für immer.« Er zwinkerte. Elsa
wich vor ihm zurück, bis sie gegen den Klappstuhl vor dem
schmalen Esstisch stieß, wich aus und drückte sich an die Wand.
Cliff beobachtete sie belustigt. Er trug ein schlichtes weißes Unterhemd,
und Elsa sah das geringelte Haar, das sich unter seinen
Achselhöhlen hervorschlängelte wie der Kletterefeu am Haus,
den ihr Vater jedes Jahr zurückschneiden musste. Und als könnte
er Elsas Gedanken lesen, reckte Cliff beide Arme über den
Kopf und dehnte sich genussvoll. Sie wusste, dass er sie auf die
Probe stellte, dass er wissen wollte, wie lang ihr Mut hielt. Sie
dachte an die Tigerkatze, die in der Scheune lebte, und an ihre
blitzschnelle Flucht jeden Abend, wenn das Publikum eintraf.
Der Raum roch schmutzig, wie Elsas Hemd nach einem ganzen
Tag im Freien, wie der Kaffee ihres Vaters. Elsa verschränkte
die Arme auf dem Tisch und umfasste ihre Ellenbogen. Cliff
faltete Hildys Nachricht auseinander und ging lesend hin und
her. Ab und zu lachte er leise vor sich hin. Als er fertig war, faltete
er das Blatt wieder zusammen und ließ es in seiner Gesäßtasche
verschwinden.
»Deine Schwester hat es faustdick hinter den Ohren«, sagte
er. »Aber das dürfte dir ja nichts Neues sein.« Er strich sich mit
Daumen und Zeigefinger übers Kinn. Der Raum wirkte klein,
kleiner als sonst, als nähme Cliffs Körper zu viel Platz ein, aber
das konnte nicht sein, das wusste Elsa: Ihr Vater, der so groß
war, dass er alle Schauspieler überragte, hatte selbstverständlich
darauf geachtet, dass er in der Hütte aufrecht stehen konnte.
»Hildy mag Sie«, sagte Elsa. »Das hat sie mir gesagt.« Ihr Gesicht
brannte. Hildy hatte nichts hinter den Ohren, gar nichts.
Elsa hätte Cliff gern die Wahrheit über ihre Schwester gesagt –
dass sie sich manchmal tagelang in ihr Zimmer einschloss, dass
sie oft ohne ersichtlichen Grund weinte und ihr hübsches Gesicht
dann zu einer roten Hässlichkeit zerknitterte. Natürlich
hätte sie nichts sagen sollen – Hildy hätte es nicht gewollt. Aber
das Bedürfnis, ihm etwas zu verraten, das er nicht wusste, war
unwiderstehlich gewesen.
»Hat sie das gesagt? Es wird wohl ein bisschen mehr sein als
mögen«, sagte Cliff und kam näher. Er beugte sich herab, und
sein Gesicht war nur Zentimeter von Elsa entfernt. Sie sah winzige
Barthaare, die seine Haut durchstachen. Auf seiner Nase erhob
sich ein Höcker – sicher war sie einmal gebrochen gewesen;
Elsa hatte schon solche Nasen gesehen. Hatte er sich geprügelt?
Sie spürte ihr Herz schneller schlagen, bis das Blut in ihren Adern
raste und ihr Mund trocken wurde. »Meinst du nicht?« Cliff
richtete sich wieder auf und lachte. »Ich nehm’s ihr nicht übel.
Du?« Er warf einen Blick auf Elsa, die mit angezogenen Knien
auf dem Stuhl saß, um sich so klein wie möglich einzurollen.
»Klar«, sagte Elsa, ohne recht zu verstehen. Sie erkannte den
Geruch in der Hütte – nicht nach dem Kaffee, sondern dem Bier
ihres Vaters roch es hier. Das bekam man nicht überall, aber in
Wisconsin waren die Regeln weniger streng. Die Lieferung kam
einmal im Monat, spätabends, dabei schauten die Leute gar
nicht mehr so genau hin. Eigentlich mochte sie diesen leicht säuerlichen
Geruch, ähnlich wie aufgehender Brotteig, aber wenn
er von Cliff kam, war er anders. Sie stellte nacheinander die
Beine auf den Boden und wand sich hinter dem Tisch hervor.
»Gehst du schon?«, fragte Cliff und warf lachend den Kopf
in den Nacken. Es klang nicht weich, wie Lachen sein sollte,
sondern hart wie das Kläffen eines Hundes, der nicht anders
auf sich aufmerksam zu machen weiß. Elsa schlich zur Tür und
hoffte inständig, dass Cliff ihr nicht folgte, und tatsächlich ließ
er sie unbehelligt gehen. Sie hörte ihn immer noch lachen, als
sie zum Haus zurückrannte.

Emma Straub

Über Emma Straub

Biografie

Emma Straub ist Buchhändlerin in Brooklyn und veröffentlichte Prosa und Artikel im Wall Street Journal, der New York Times, in Vogue und vielen anderen Zeitschriften und ist feste Autorin für Tavi Gevinsons Webzine Rookie. Sie debütierte mit Erzählungen, die 2014 auch im Berlin Verlag erscheinen...

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