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Die Symmetrie der Welt: Leonardo da Vinci und das Geheimnis seiner berühmtesten Zeichnung

Die Symmetrie der Welt: Leonardo da Vinci und das Geheimnis seiner berühmtesten Zeichnung

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Die Symmetrie der Welt: Leonardo da Vinci und das Geheimnis seiner berühmtesten Zeichnung — Inhalt

Jeder kennt dieses Motiv: ein Mann, sorgfältig gezeichnet, die Arme und Beine ausgebreitet, steht in einem Kreis und einem Quadrat, die Körperteile befinden sich in einem idealen Verhältnis zueinander. Das Bild steht nicht nur für die Schönheit des menschlichen Körpers, sondern auch für die Universalität der Kunstund des menschlichen Geistes. Toby Lester spannt den Bogen vom ersten vorchristlichen Jahrhundert, in dem der römische Architekt Vitruv seine Theorie des wohlgeformten Menschen vorlegte, über das Mittelalter und Hildegard von Bingens Vorstellungen von der Rolle des Menschen im Mikrokosmos bis in die Tage Leonardos, als die Künstler, Baumeister undPhilosophen der Renaissance ihr Verhältnis zur Welt neu definierten. Lester zeigt, wie Kunst, Naturwissenschaften undPhilosophie an der Wende zum 15. Jahrhundert zu einer Einheit verschmolzen und Leonardo zu einer Darstellung inspirierten, die den Menschen in das Zentrum rückt - und die uns bis heute fasziniert.

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Erschienen am 12.11.2012
Übersetzt von: Klaus Binder
304 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7590-1

Leseprobe zu »Die Symmetrie der Welt: Leonardo da Vinci und das Geheimnis seiner berühmtesten Zeichnung«

Vorwort
Erzählen möchte ich die Geschichte der bekanntesten Zeichnung
der Welt: die Geschichte von Leonardo da Vincis Mann in
Kreis und Quadrat.
Kunsthistoriker nennen das Blatt den Vitruvianischen Menschen,
denn die Zeichnung geht zurück auf eine Beschreibung
menschlicher Proportionen, die der römische Architekt, Militäringenieur
und Baumeister Vitruv vor rund zweitausend
Jahren verfasst hat. Unter diesem Namen allerdings ist die
Zeichnung den wenigsten bekannt. Wenn ich ihn im Gespräch
verwende, stoße ich auf verständnislose Blicke – bis ich beginne,
die [...]

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Vorwort
Erzählen möchte ich die Geschichte der bekanntesten Zeichnung
der Welt: die Geschichte von Leonardo da Vincis Mann in
Kreis und Quadrat.
Kunsthistoriker nennen das Blatt den Vitruvianischen Menschen,
denn die Zeichnung geht zurück auf eine Beschreibung
menschlicher Proportionen, die der römische Architekt, Militäringenieur
und Baumeister Vitruv vor rund zweitausend
Jahren verfasst hat. Unter diesem Namen allerdings ist die
Zeichnung den wenigsten bekannt. Wenn ich ihn im Gespräch
verwende, stoße ich auf verständnislose Blicke – bis ich beginne,
die Zeichnung zu beschreiben. Dann blitzen die Funken des
Wiedererkennens. »Klar«, sagte einer meiner Gesprächspartner,
»du meinst den Typen, der wie ein Hampelmann in Kreis und
Quadrat herumspringt?«
Mag man es nennen, wie man will, das Bild kennt jeder. Es
ist allgegenwärtig, wird zu allen möglichen Zwecken herangezogen,
soll Ideen und Vorstellungen schmücken und feiern helfen:
die Großartigkeit der Kunst, das körperliche Wohlbefinden,
Gesundheit, die Macht von Geometrie und Mathematik,
die Ideale der Renaissance, die Schönheit des menschlichen
Körpers, die Universalität des menschlichen Geistes und vieles
mehr. Das Bild hat einen prominenten Platz in der Symbolwelt
von Dan Browns Da Vinci Code und wird in Die Simpsons
herrlich veralbert. Es ziert Kaffeebecher und T-Shirts, Buchumschläge
und Plakatwände, taucht in Filmen und im Internet
auf, in Unternehmenslogos und in der Wissenschaft, als
Logo sogar auf internationalen Raumfahrzeugen. Selbst auf der
italienischen Ein-Euro-Münze findet man den Mann in Kreis
und Quadrat, tagtäglich gleitet er Millionen Menschen durch
die Hand. Kurz, dieses Bild ist eine Ikone von unbestreitbarer
Reichweite und Faszination – seine Geschichte allerdings kennt
fast niemand.
Ich bin auf diese Geschichte gestoßen, während ich an meinem
letzten Buch gearbeitet habe. Der vierte Kontinent (2009)
erzählt, wie es zu der bemerkenswerten Karte kam, die Amerika
1507 den Namen gab. Damals war ich tief eingetaucht in die
geheimnisvolle und wundersame Welt uralter Karten, geogra-
phischer Ideen und Bildern des Kosmos – und eines Tages
bin ich auf eine mittelalterliche Weltkarte gestoßen, die meine
Aufmerksamkeit auf der Stelle fesselte. Plötzlich sah ich die
verblüffende Ähnlichkeit: Die Karte sieht aus wie der Vitruvianische
Mensch.
Je mehr ich mich mit mittelalterlichen Handschriften beschäftigte,
desto häufiger stieß ich auf ähnliche Illustrationen
– ich fand sie auf Weltkarten, in kosmischen Diagrammen,
in Führern zu Sternbildern, auf astrologischen Schaubildern,
auf Abbildungen in medizinischen Handschriften und so fort.
Leonardo, dämmerte mir, kann den Vitruvianischen Menschen
nicht aus dem Blauen beschworen haben. Dieses Bild muss eine
Geschichte haben, eine tiefere Bedeutung, die Figur eine lange
Linie von Vorgängern.
Nur kurz konnte ich in meiner Geschichte der Waldseemüllerkarte
auf diese Figur eingehen, nämlich im Zusammenhang
mit mittelalterlicher und Renaissancekartographie. In der Geschichte,
die ich in diesem Buch erzählt habe, taucht das Bild
nur peripher auf, schon bald musste ich den Mann in Kreis und
Quadrat wieder verlassen. Doch auch als ich weiterging, habe
ich die kleiner werdende Gestalt des Vitruvianischen Menschen
nicht aus meinem geistigen Rückspiegel verloren. Was alles
muss sich in diesem Bild verbergen? Welche vergessenen Welten
mag es enthalten? Welchen Blick auf Leonardo und seine Zeit
könnte es uns bieten? Warum hat bislang niemand versucht,
die Geschichte dieses Bildes zu erzählen? Schon bald hatte mich
auch diese Geschichte am Wickel, und was nach gut zwei Jahren
herauskam, war dieses Buch.
Auf den ersten Blick scheint, was zu erzählen ist, nicht weiter
spektakulär. Vitruv, der in der Morgenröte des gerade entstehenden
römischen Kaiserreichs schrieb, behauptete, dass man
eine Menschengestalt in einem Kreis und einem Quadrat einschreiben
kann, und etwa fünfzehnhundert Jahre später gab
Leonardo dieser Idee eine visuelle Gestalt. Aber das ist längst
nicht alles. Vitruv hat seine Figur im Kontext eines Leitfadens
für Baumeister und Architekten beschrieben und darauf bestanden,
dass sich die Proportionen heiliger Tempel nach den
Proportionen eines idealen menschlichen Körpers zu richten
hätten. Er war davon überzeugt, dass dieser Körper in Entwurf
und Aufbau der verborgenen Geometrie des Universums entspricht.
Daher die Bedeutung von Kreis und Quadrat. Beiden
Formen hatten antike Philosophen, Mathematiker und Mystiker
schon lange Zeit zuvor symbolische Kraft zugesprochen.
Der Kreis stand für das Kosmische und Göttliche; das Quadrat
repräsentierte das Irdische und Säkulare. Und jeder, der behauptete,
man könne einen Menschen in beide Formen einpassen,
traf damit eine uralte metaphysische Feststellung: Der
menschliche Körper ist nicht nur nach den Prinzipien gestaltet,
die die Welt als Ganzes regieren – er ist die Welt selbst, er ist eine
»Welt im Kleinen«.
Diese Vorstellung, bekannt auch als Theorie des Mikrokosmos,
war – und das mit ganz erstaunlicher Kraft und weiter
Verbreitung – über Jahrhunderte hinweg Motor und Antrieb
des religiösen, wissenschaftlichen und künstlerischen Denkens
in Europa. Auch Leonardo überließ sich Ende des fünfzehnten
Jahrhunderts ohne zu zögern diesem Gedanken. Wenn sich in
der Gestalt des menschlichen Körpers tatsächlich auch die Gestaltung
des Universums spiegelt, dann, so überlegte er, müsste
er diesen nur genauer studieren, als dies je zuvor geschehen war,
müsste seine einzigartige Beobachtungsgabe nutzen, um die
eigene, die menschliche Natur zu ergründen. Damit würde er
die Reichweite seiner Kunst so weit ausdehnen können, dass sie
auch noch die entferntesten metaphysischen Horizonte erfassen
würde. Durch minutiöse Selbstbeobachtung könnte er, der Beobachter
und Maler, die Welt als Ganzes verstehen.
Im Vitruvianischen Menschen kondensiert sich dieser Traum
zu einer visuell eindrucksvollen Form. Auf den ersten Blick mag
das Bild schlicht erscheinen, lediglich als Studie individueller
Proportionen. Aber es enthält Subtileres, ist hochkomplex, denn
es fasst eine tiefgründige philosophische Spekulation zusammen
und realisiert sie zugleich. Zudem ist die Zeichnung mit
dem markanten Männerbild ein idealisiertes Selbstporträt, in
dem Leonardo, bis auf sein Wesen entkleidet, sein eigenes Maß
erfasst und damit gleichzeitig eine zeitlos menschliche Hoffnung
verkörpert: dass wir nämlich über genügend Geisteskraft
verfügen, um herauszufinden, wie wir in die große Ordnung
der Dinge eingefügt sind.
So ist die Geschichte des Vitruvianischen Menschen eigentlich
eine doppelte: eine individuelle und eine kollektive. Erstere ist
Leonardos Lebensgeschichte. Ich habe versucht, diese für die
Jahre, die zum Datum 1490 hinführen, so genau wie möglich
nachzuzeichnen: den Weg, auf dem Leonardo schließlich dazu
kam, seine berühmte Zeichnung anzufertigen. Und man wird es
kaum glauben, diese Geschichte ist weitgehend unbekannt. Wie
der Vitruvianische Mensch wurde auch sein Schöpfer Leonardo
zu einer derart bekannten Ikone, die für so vieles stehen muss,
dass man ihm kaum noch als einer wirklichen Person begegnet.
Mehr oder weniger vollständig ist er, als dessen Geschöpf, in
dem Mythos aufgegangen, der um ihn gesponnen wurde: Prophet
und Magus, begabt mit nahezu übermenschlichen Eigenschaften
und Fähigkeiten, seiner Zeit um Äonen voraus. Eine
Historikerin unserer Tage hat das, als Echo der Worte unzähliger
anderer Leonardo-Forscher, so formuliert: »Leonardo, der
universelle Mensch der Renaissance, schreitet voran, von den
mittelalterlichen Menschen so weit entfernt wie nur vorstellbar.«
Genau das aber ist nicht die Gestalt, der Leserinnen und
Leser in diesem Buch begegnen werden. Der Leonardo, der den
Vitruvianischen Menschen zeichnete, war, wie wir sehen werden,
in seinem Denken ebenso sehr mittelalterlich und von der Vergangenheit
bestimmt, wie er ein Mensch der heraufziehenden
Neuzeit war, ein Visionär der via moderna – und gerade wegen
dieser Vielschichtigkeit so faszinierend und geheimnisvoll.
Die zweite Geschichte, die in diesem Buch zu erzählen ist,
greift viel weiter aus. Es ist die des Vitruvianischen Menschen,
wie er als Idee vor über zweitausend Jahren in die Welt trat – als
Idee, die ihren Weg machte durch die Jahrhunderte bis zu ihrer
schicksalhaften Begegnung mit Leonardo. Es ist eine Geschichte,
die Jahrhunderte, ganze Kontinente und viele Wissenschaften
umspannt, in der Menschen, Ereignisse und Ideen in den
Blick geraten und wieder verschwinden: der Architekt Vitruv,
uralte Theorien des Kosmos, antike griechische Bildhauer, der
römische Kaiser Augustus, römische Feldmesser und ihre Vorstellungen
und Techniken, die Idee von Imperium und Reich,
frühchristlich geometrische Symbolik, die mystischen Visionen
einer Hildegard von Bingen, Europas große Kathedralen,
islamische
Vorstellungen vom Mikrokosmos, die Künstlerwerkstätten
der Handelsstadt Florenz, Brunelleschis Dom, die italienischen
Humanisten, das höfische Leben in Mailand, sezierte
Menschenkörper, Architekturtheorien der Renaissance, und
vieles andere. Manchmal schweift diese Geschichte in entlegene
Gebiete, doch niemals, so hoffe ich, ohne guten Grund: Jede
neue Episode, jedes neue Kapitel ist darauf angelegt, Leonardo
und seine Zeichnung in einen noch intensiver grundierten Kontext
zu setzen.
Schon der Sache nach liegen die Ausgangspunkte beider Geschichten
weit auseinander. Ich habe sie zudem unterschiedlich
erzählt, die eine als persönliche Geschichte, die andere als Ideengeschichte,
die von einem quasi erhöhten Blickpunkt aus verfolgt
wird. Im Fortgang des Buchs jedoch verwickeln sich beide
Erzählungen ineinander und werden, im letzten Kapitel, zu ein
und derselben Geschichte. Beide Stränge haben es vordringlich
mit Visuellem zu tun, darum enthält dieses Buch viele jeweils
zeitgenössische Zeichnungen und Darstellungen. Man könnte
sie, wenn man sich, wie bei einem Daumenkino, von vorne nach
hinten rasch durch die Seiten blättert, in Bewegung und Leben
flimmern lassen und zusehen, wie sich Leonardos Vitruvianischer
Mensch entwickelt.
»Hier entlang, bitte.«
Venedig, an einem feuchtkalten Märzmorgen. Die Aufseherin
in der Galleria dell’Accademia bittet mich, ihr durch die weiten
Ausstellungshallen zu folgen. Seit fast zweihundert Jahren ist
die Accademia im Besitz der berühmten Zeichnung, und ich
war gekommen, den Vitruvianischen Menschen persönlich zu
besuchen.
Ohne sich einmal umzuwenden, durchquert die Aufseherin
zielstrebig Raum für Raum, schiebt sich durch Trauben von
Museumsbesuchern, die sich vor einigen der berühmtesten Bilder
der italienischen Kunstgeschichte gebildet haben. Kaum
konnte ich, hinter ihr her hastend, Schritt halten. Schließlich
erreichen wir den hinteren Teil des Museums, eine weitere Aufsichtsperson
erwartet uns. Der Mann bittet uns stehen zu bleiben,
spricht in sein Walkie-Talkie, winkt uns dann, ihm durch
ein normalerweise mit einem Seil abgesperrtes Treppenhaus
nach oben zu folgen.
In Ausstellungen der Accademia wird der Vitruvianische
Mensch nur selten gezeigt. Die meiste Zeit verbringt er gut ge
schützt in einem klimageregelten Archiv, zu dem das breite Publikum
keinen Zugang hat. Wer ihn sehen will, muss sich eine
Sondererlaubnis besorgen; zuständig ist Dr. Annalisa Perissa
Torrini, die Direktorin der graphischen Sammlung der Galleria
dell’Accademia. Hält sie die Anfrager für würdig, arrangiert sie
einen persönlichen Besichtigungstermin, allerdings unter Aufsicht.
Im Archivraum, in den ich schließlich gebeten werde, wartet
sie bereits. Wir stellen einander vor, wechseln ein paar Worte.
Dann ein paar Schritte hinüber zu einem Ausstellungstisch und
wir kommen zum eigentlichen Anlass meines Besuchs. Dr. Perissa
Torrini streift ein Paar nicht mehr ganz neue weiße Baumwollhandschuhe
über, bittet mich, es ihr gleichzutun. Dann
geht sie hinüber zu einer Reihe flacher Schubfächer, zieht eines
davon auf, hebt eine Schutzmappe heraus, die sie vorsichtig auf
den Tisch legt. Sie richtet sich auf und sieht mich fragend an.
»Nun, sind Sie bereit?«

Toby Lester

Über Toby Lester

Biografie

Toby Lester lebt in Boston und schreibt für die Zeitschrift »The Atlantic«. Im Berlin Verlag ist von ihm »Der vierte Kontinent. Wie eine Karte die Welt veränderte erschienen« (2010).

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