Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Blick ins Buch
Die Straße der GeschichtenerzählerDie Straße der Geschichtenerzähler

Die Straße der Geschichtenerzähler

Roman

Taschenbuch
€ 10,00
E-Book
€ 9,99
€ 10,00 inkl. MwSt.
Lieferzeit 2-3 Werktage
Jetzt kaufen Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 9,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Die Straße der Geschichtenerzähler — Inhalt

Die junge Engländerin Vivian Rose Spencer reist 1914 zu Ausgrabungen in der Türkei. Hier, im sagenhaften Labraunda, lässt sie die strengen Konventionen ihrer Heimat weit hinter sich und verliebt sich in den Archäologen Tahsin Bey. Als der Krieg ausbricht, verlieren sich die beiden aus den Augen. Auf ihrer Suche nach ihm trifft Vivian in einem Zug nach Peschawar den jungen Paschtunen Qayyum Gul. Beide ahnen nicht, dass ihre Geschicke sich auf immer verbinden und sie eines Tages, auf der Straße der Geschichtenerzähler, wieder zusammenführen werden.

 

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.07.2016
Übersetzt von: Ulrike Thiesmeyer
432 Seiten, Broschur
EAN 978-3-8333-1058-4
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 30.03.2015
Übersetzt von: Ulrike Thiesmeyer
384 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7800-1
»Eine unaufdringliche Geschichtsstunde über koloniale Unterdrückung, Emanzipation und Klassendenken, Widerstand und Freiheitssuche.«
Deutschlandradio Kultur "Buchkritik"
»'Die Straße der Geschichtenerzähler' ist ein fesselnder Roman über Liebe und Verrat, über Unterdrückung und Freiheitsstreben. […]. Ein Buch mit vielen Pausen, in denen man sich kundig macht und danach ein bisschen mehr von der Welt versteht.«
rbb Inforadio "quergelesen"

Leseprobe zu »Die Straße der Geschichtenerzähler«


FÜR KÖNIG UND VATERLAND


515 vor Christus

Feigenblätter und Früchte wirbeln in Skylax’ Händen herum. Während er den silbernen Stirnreif in seinen Fingern dreht und so die Gravuren zum Leben erweckt, malt er sich aus, wie er sein Handgelenk vorschnellen lässt und dabei zusieht, wie der Kopfputz
die abschüssige Wüste des Berghangs hinunterspringt, quer durch das juwelenfunkelnde Tal voller Bäche und Felder und Früchte, bis er mit einem Platsch! in dem schlammigen Nebenfluss landet und von den reißenden Fluten davongetragen wird, dem Indus entgegen, der voller [...]

weiterlesen


FÜR KÖNIG UND VATERLAND


515 vor Christus

Feigenblätter und Früchte wirbeln in Skylax’ Händen herum. Während er den silbernen Stirnreif in seinen Fingern dreht und so die Gravuren zum Leben erweckt, malt er sich aus, wie er sein Handgelenk vorschnellen lässt und dabei zusieht, wie der Kopfputz
die abschüssige Wüste des Berghangs hinunterspringt, quer durch das juwelenfunkelnde Tal voller Bäche und Felder und Früchte, bis er mit einem Platsch! in dem schlammigen Nebenfluss landet und von den reißenden Fluten davongetragen wird, dem Indus entgegen, der voller Krokodile ist.
Sein Schiff unten am fernen Flussufer ist nur ein brauner Fleck. Seine Mannschaft hält ihn für verrückt, weil er die ganze Nacht auf dem Berg verbracht hat; wozu aber sollte er ihnen erklären, wenn sie es selbst nicht wissen, wie wundersam es ist, mit der Sonne aufzuwachen und in der klaren Morgenluft auf den dahinbrausenden Lauf des Indus zu blicken, der vor ihm ausgebreitet liegt wie eine Opfergabe. Er setzt sich den Reif auf den Kopf, fährt mit seinen schwieligen Seemannshänden über die zarten Feigen, die in das Silber geprägt sind — zu Ehren Kariens, seiner Heimat, die von Barbaren bewohnt wird, wo aber süße Früchte wachsen. So sehen es die Perser — und dennoch hat man ihm, einem dieser Barbaren, die Leitung der vielleicht tollkühnsten Erkundungsreise im Reich anvertraut. Kein Mensch hat je zuvor den mächtigen Indus zu Schiff befahren. Kein Mensch hat dies versucht. Nicht einmal Odysseus.
Ein Schwarm weißer Vögel flattert um sein Schiff herum. Nein, es sind die Segel. Seine Mannschaft hat die ganze Nacht gearbeitet, um ihn mit diesem Geschenk zu überraschen. Das Schiff ist bereit; die Segel fangen den Wind ein und blähen sich ihm entgegen. Er stößt einen scharfen Pfiff aus, und sein Pferd, das er ein Stück weiter unten festgebunden hat, antwortet mit einem Wiehern. Skylax läuft dem Geräusch entgegen; die Entfernung zwischen ihm und dem Schiff scheint auf einmal ungeheuer. Heute beginnt ihre Reise. Heute segeln sie von der Stadt Kaspatyros aus los, die sich am Rande des Reiches des Dareios befindet, am Rande der bekannten Welt. Kaspatyros — die Pforte zum Ruhm.

Juli – August 1914

Vivian Rose Spencer hastete voller Ungeduld den Hang hinauf, über die antiken Pflastersteine des heiligen Weges, begleitet von einem Orchester von Vögeln, murmelndem Quellwasser, Zikaden und dem Flüstern des Windhauchs, der raschelnd in die Olivenbäume fuhr. Den Führer und die Esel hatte sie längst hinter sich gelassen, sodass niemand mitbekam, wie sie neben einem weißen Gesteinsblock, der Jahrhunderte zuvor ein Stück den Berg hinabgestürzt war, unvermittelt stehenblieb und beide Hände dagegenlegte, ehe sie sich vorneigte und ihre Lippen auf den Stein drückte. Marmor, körniger Sand und ein Geschmack, bei dem sie verwirrt zurückzuckte – das Gebein des Zeustempels schmeckte süß, nach Feige. Entweder das oder ein Vogel hatte vielleicht aus der Luft eine Frucht fallen gelassen, deren Saft sich hier auf dem Stein verteilt hatte. Sie senkte den Blick. Tatsächlich, zu ihren Füßen lag eine aufgeplatzte Feige.
– Labraunda!, rief sie mit weithin hallender Stimme.
– Labraunda!, schallte es von weit oben zu ihr zurück. Doch es war nicht das Echo ihrer Stimme. Es war ein Mann, dessen Akzent ebenso vertraut wie fremd war. Aber nein, hier war sie die Fremde. Sie hob die Feige auf, hielt sie sich an die Nase und schloss die Augen. Sie wollte nie wieder nach London zurück.
Die Berichte der Reisenden des neunzehnten Jahrhunderts hatten sie nicht darauf vorbereitet: Auf dem terrassierten Gelände oben am Berg war von dem riesigen Tempelkomplex noch genug erhalten, um in der Phantasie die eingestürzten Kolonnaden wieder aufzurichten, die überall herumliegenden Marmor- und Steinblöcke zusammenzusetzen und sich die einstige Pracht bildlich vorzustellen. Hierher waren die karischen Krieger geflüchtet, nachdem sie in einer Schlacht von der persischen Streitmacht des Dareios besiegt worden waren; hier hatten die Baumeister des Mausoleums von Halikar-nas-sos, des berühmten Weltwunders, ihr Handwerk erlernt; hierher war Alexander gekommen, um die gewaltige Doppelaxt der Amazonenkönigin zu sehen, die von der Statue des Zeus in die Höhe gehalten wurde.
Viv schritt nun gemächlich dahin, um das alles in sich aufzunehmen: die halb von Gestrüpp überwucherten Ruinen; die Geräusche von Erde, die beiseitegeschaufelt wurde, von Ästen, denen man mit Hacken zu Leibe rückte, von Stimmen, die undeutliche Worte sprachen; die Aussicht, die sich von hier oben bot und den endlosen Himmel, die Ebene darunter und die in der Ferne schimmernde Ägäis in sich vereinte. An das Licht in diesem Teil der Welt hatte sie sich noch immer nicht gewöhnt – strahlend hell, ohne dabei grell zu sein, vermittelte es ihr das Gefühl, dass sie ihr ganzes bisheriges Leben mit Gaze vor den Augen zugebracht hatte. Da schoss ihr etwas Kleines, Muskulöses entgegen und hätte sie um ein Haar umgerissen.
– Alice!, rief sie und bückte sich, aber der Mops mochte sich nicht von ihr auf den Arm nehmen lassen und sprang voraus, und Viv folgte ihm, durch ein Labyrinth eingestürzter Säulen, bis sie die vertraute Gestalt Tahsin Beys erblickte, der ein alter Freund ihres Vaters war. Er hockte neben einem Mann mit sandblondem Haar am Boden und deutete auf etwas, das in einen großen Steinblock eingemeißelt war – ein schlangenartiges Geschöpf mit einem kleinen Reif hinter seinem aufgerissenen Kiefer.
– Eine Schlange, sagte der sandblonde Mann mit deutschem Akzent.
– Ein Aal?, erwiderte Tahsin Bey in der für ihn so typischen Art, eine Gewissheit in einem Tonfall zu äußern, als würde es sich um eine bloße Theorie handeln, die er seinem Gegenüber nahelegte.
– Ein Aal? Wieso ein Aal?
Es war Viv, die seine Frage beantwortete, obwohl sie sich bewusst war, wie unhöflich es war, sich in ein Gespräch zwischen zwei Männern einzumischen, die ihre Gegenwart noch nicht bemerkt hatten.
– Weil Plinius uns berichtet, dass es in den Quellen von La-braunda Aale gibt, die Ohrringe tragen.
Die beiden Männer wandten sich zu ihr um, und sie fügte hinzu:
– Und bei Älian ist zu lesen, dass es hier Fische mit goldenen Halsbändern gibt, die zahm sind und antworten, wenn Menschen sie rufen.
Tahsin Bey streckte ihr die Hand entgegen, eine etwas förmliche Geste, die durch das strahlende Lächeln, mit dem er sie in Empfang nahm, mehr als wettgemacht wurde.
– Willkommen in Labraunda, Vivian Rose.
Seine Hand war rau und schwielig, und als sie gleich darauf die Hand hob, um sich ein Stäubchen aus dem Auge zu wischen, nahm sie einen Geruch von Tabak und Erde wahr, überlagert von Feigen-aroma. Es war ein so angenehmer Duft, dass sie ihn begierig einsog, bis sie bemerkte, dass der Deutsche sie mit einem vielsagenden Gesichtsausdruck ansah, der ihr nicht gefiel. Eilig ließ sie ihre Hand sinken und wischte sie an ihrem Rock ab, während sie sich gleichzeitig fragte, wie sie ihren Augen an einem Ort wie diesem, wo es so viel zu sehen gab, jemals Ruhe gönnen sollte.
Am nächsten Morgen wachte sie schon sehr früh auf, noch in derselben Kleidung, die sie am Vortag getragen hatte. Sie hatte den Nachmittag lediglich damit zugebracht, die Säulen eines der Gebäude – ein Tempel? ein Andron? ein Schatzhaus? – zu vermessen und zu zeichnen, aber Muskelkater hatte sie trotzdem. Zum einen von dem Marsch den Berg hinauf, zum anderen, weil sie außer sich vor Entzücken und voller Neugierde längere Zeit auf den Terrassen herumgekraxelt war, bis Tahsin Bey sie aufforderte, ihr Skizzenbuch auszupacken und sich nützlich zu machen. Beim Abendessen war sie dann so müde, dass sie nur mit knapper Not ihr Essen zum Munde führen und kauen konnte, während die anderen am Tisch sich angeregt unterhielten und gutmütig darüber hinweggingen, dass sie sich nicht am Gespräch beteiligte.
Sie erhob sich von ihrem Feldbett und zog sich leise um, ohne die beiden deutschen Frauen in dem Zelt zu stören. Dann trat sie hinaus ins Freie, in die Stunde zwischen Dunkelheit und Licht. Die Luft war frisch, aber nicht kalt, während sie zwischen den Ruinen dahinspazierte, mit ausgestreckten Händen, um jeden Block, jede Säule zu berühren, an denen sie vorbeikam. Ein spitzes Jaulen war in der Stille zu hören. Als sie suchend nach Alice Ausschau hielt, entdeckte sie stattdessen Tahsin Bey, der auf dem großen Felsblock saß, durch den ein Riss verlief – der gespaltene Felsen des Zeus –, zu ihr hinübersah und grüßend einen Becher in die Höhe hielt. Alice wurde losgeschickt, um sie durch Bäume hindurch und über die verwitterten Treppen nach oben zu geleiten, und wenige Minuten später trank sie heißen Tee aus dem Becher und sah dabei zu, wie die Sonne über dem antiken Karien aufging.
– So also sieht eine rosenfingrige Morgenröte aus.
– Du musst deinem Vater schreiben und davon berichten. Das wird ihn freuen.
– Oh, ich werde ihm schreiben und alles berichten!
Ihr Vater, ein Mann ohne Söhne, hatte sein Bedauern über diesen Mangel in die entschlossene Absicht verwandelt, seine Tochter dazu anzuspornen, all ihre Geschlechtsgenossinnen zu überflügeln; schon von früh an herrschte zwischen ihnen eine Art Übereinkunft, dass sie ihm sowohl Sohn als auch Tochter sein würde – weiblich in ihren Umgangsformen, dabei aber männlich, was ihren Verstand betraf. Um ihren Geist zu schulen, hatte er mit ihr von Kindesbeinen an Homer gelesen, sah es mit großem Wohlgefallen, wenn sie Tahsin Bey endlos mit Fragen zu seiner Tätigkeit als Archäologe löcherte, wenn der Türke bei ihnen zu Besuch weilte, und unterstützte, ungeachtet der Einwände seiner Frau, vorbehaltlos ihr Recht darauf, Geschichte und Ägyptologie am University College London zu studieren. Trotzdem hatte Viv kaum zu glauben gewagt, dass er es ernst meinte, als er sie eines Morgens fragte, so beiläufig, als ginge es um eine bloße Ausfahrt im Park, ob sie mit Tahsin Bey an einer Ausgrabung in Labraunda teilnehmen wolle. Ungeheuerlich!, hatte Mrs Spencer gesagt und mit einer Serviette entrüstet auf das glänzend polierte Holz der Frühstückstafel geschlagen. Wollte er etwa, dass seine Tochter in Unterhosen die Pyramiden hinaufkletterte wie Mrs Flinders Petrie? Verschwendete er denn überhaupt keinen Gedanken an ihre Heiratsaussichten?
Vater und Tochter hatten sich über den Frühstückstisch hinweg verschwörerisch zugelächelt, ehe Viv aufstand, um Dr. Spencer überglücklich um den Hals zu fallen. Während ihrer Studienjahre war sie einmal maßlos enttäuscht gewesen, ohne es sich allerdings anmerken zu lassen, als er entschieden hatte, nein, sie würde nicht zu den Studenten gehören, mit denen Flinders Petrie den Sommer über nach Ägypten reiste – und hatte vermutet, dass ihr damit auch alle künftigen Ausgrabungen verwehrt bleiben würden, solange sie unverheiratet war und unter seinem Dach wohnte. Nun aber saß er da, schob seinen Teller beiseite, zeigte ihr den Brief von Tahsin Bey und sagte, selbstverständlich dürfe sie sich eine solche Gelegenheit nicht entgehen lassen und dass bei seinem alten Freund Verlass darauf sei, dass stets der Anstand und die guten Sitten gewahrt würden, was sich von Flinders Petrie mitsamt seiner verrückten Gattin eher nicht behaupten ließ, und wie sehr er es bedauerte, sich nicht von seinen Pflichten freimachen zu können, um ebenfalls an der Ausgrabung teilzunehmen.
– Er ist sehr stolz auf dich, sagte der Türke und wandte ihr seinen Körper leicht zu.
– Ich weiß, aber ich habe ihm noch keinen Grund geliefert, stolz zu sein. Noch nicht.
– Nein? Du meinst nicht, dass er auf deinen Mut stolz sein sollte?
– Mut? Nein, mutig bin ich auf keinen Fall. Erinnern Sie sich noch an Mary, meine Freundin? Sie ist leider eine dieser militanten Suffragetten geworden. Doch obwohl sie einen totalen Irrweg eingeschlagen hat, sehe ich, wie sie ungerührt Strafen wie Gefängnis und Zwangsernährung in Kauf zu nehmen bereit ist, und erkenne darin echten Mut. Diesen Mut kann ich bei mir nicht erkennen, wenn ich in den Spiegel sehe.
– Es erfordert aber beträchtlichen Mut, in einen unbekannten Teil der Welt zu kommen, weit weg von allem, was du je gekannt hast.
– Das erfordert keinen Mut. Sie sind ja hier.
Ihr Widerspruch fiel eine Spur vehementer aus als beabsichtigt, und sie spürte, wie sie rot anlief. Dabei wollte sie damit bloß ausdrücken, dass sie eben nicht weit weg von allem war, was sie je gekannt hatte, wenn sie in seiner vertrauten Gesellschaft war. Er und ihr Vater hatten sich als junge Männer während einer Zugreise in Frankreich kennengelernt, eine Begegnung, aus der sich eine unvermutete Freundschaft entwickelte, und sie konnte sich an kaum ein Jahr erinnern, in dem Tahsin Bey nicht nach London gekommen und mit ihr durch das British Museum geschlendert war, während er von seiner Hoffnung sprach, eines Tages von den osmanischen Behörden endlich einen Ferman erwirken zu können, der ihn bevollmächtigte, in Labraunda Ausgrabungen durchzuführen. Und ich komme dann mit!, hatte sie immer gesagt. Aber selbstverständlich, hatte er erwidert, als sie noch ein Kind war. Und später, als sie herangewachsen und schon beinahe eine junge Frau war: Falls dein Vater es erlaubt.
Aber seine Gesellschaft war nicht auf die alte Weise vertraut, das sah sie nun, während er seinerseits rot anlief. Sie war inzwischen zweiundzwanzig, und obwohl sie ihn immer als alt betrachtet hatte, brachten ihr die Muskeln in seinem Unterarm und sein dichtes dunkles Haar, das ihr im trüben Licht Londons nie so richtig aufgefallen war, mit einem Mal jäh zu Bewusstsein, dass ein Altersunterschied von fünfundzwanzig Jahren im Laufe der Zeit an Bedeutung verliert. Sie hatte Schulfreundinnen, die Männer um die vierzig geheiratet und mit ihnen Kinder bekommen hatten.
Sie wandte sich von Tahsin Bey ab, schlug ihr Skizzenbuch auf und tat so, als wäre diese leichte Drehung notwendig, um weiter an der Zeichnung zu arbeiten, die sie am Vortag begonnen hatte. Natürlich hatte sie schon oft darüber nachgedacht, dass die Heirat mit einem Archäologen für sie die wohl einzige Möglichkeit darstellte, an den aufregenden Ausgrabungen ihrer Zeit teilnehmen zu können – und sich eben nicht auf irgendwelche obskuren Randgebiete beschränken zu müssen, wie es bei den jüngst in Mode gekommenen Ausgrabungen, die von Frauen geleitet wurden, in der Regel der Fall war. Aber nein. Tahsin Bey unter diesem Blickwinkel zu betrachten war absurd. Er war der Freund ihres Vaters; sie hätte sich nie vorstellen können, nicht einmal ansatzweise … Nicht dass ihr vollständig klar gewesen wäre, was sie sich in dieser Hinsicht genau vorstellen sollte; sie hatte zwar schon genug Fruchtbarkeitsgötzen gesehen, um die rein mechanischen Aspekte zu begreifen, aber darum ging es eigentlich nicht. Entscheidend war, dass sie vor Verlegenheit sterben würde, falls er irgendwie erriete, woran sie gerade dachte.
– Du hast eine feine Hand.
Sie blickte erschrocken auf, doch sein Augenmerk war einzig auf das Blatt gerichtet, das sie mit einer raschen, präzisen Skizze der Säulenstümpfe, ionischen Typs, gefüllt hatte, welche den rechteckigen Grundriss des Gebäudes bildeten. Er streckte seine Hand aus, sie reichte ihm das Skizzenbuch und sah zu, wie er darin blätterte.
– Nicht nur eine feine, eine ganz außerordentliche Hand. Wenn du die deinem Vater zeigst, wird er stolz sein.
Sie erwiderte sein Lächeln – als wäre sie wieder ein Kind und im Beisein eines Erwachsenen, dessen Zuspruch und Lob die Welt besser machten.

Kamila Shamsie

Über Kamila Shamsie

Biografie

Kamila Shamsie wurde 1973 in Karatschi, Pakistan, geboren und lebt in London und Karatschi. Im Berlin Verlag erschienen bisher »Kartographie« (2004), »Verbrannte Verse« (2005), »Salz und Safran« (2006), »Verglühte Schatten« (2009) und...

Pressestimmen

Deutschlandradio Kultur "Buchkritik"

»Eine unaufdringliche Geschichtsstunde über koloniale Unterdrückung, Emanzipation und Klassendenken, Widerstand und Freiheitssuche.«

rbb Inforadio "quergelesen"

»'Die Straße der Geschichtenerzähler' ist ein fesselnder Roman über Liebe und Verrat, über Unterdrückung und Freiheitsstreben. […]. Ein Buch mit vielen Pausen, in denen man sich kundig macht und danach ein bisschen mehr von der Welt versteht.«

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden