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Die Stimmen über dem MeerDie Stimmen über dem Meer

Die Stimmen über dem Meer

Roman

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Die Stimmen über dem Meer — Inhalt

Eigentlich wollte die Halbfranzösin und Übersetzerin Morgane ihr geerbtes Häuschen nur rasch verkaufen und zurück nach Deutschland. Doch mit dem Haus hat sie auch Schulden geerbt - und die alte Paulette, der Morganes Tante angeblich ein lebenslanges Wohnrecht zugesichert hat. Außerdem bemerkt Morgane gleich am ersten Tag: Diese raue, wunderschöne Landschaft löst etwas in ihr aus und die bretonische Sagenwelt scheint auch ihre Geschichte zu erzählen. Kein Wunder: Hier ganz in der Nähe ist ihre Mutter aufgewachsen und bei einem mysteriösen Badeunfall ums Leben gekommen. Morgane bleibt und beschließt zu kämpfen: um ihr Haus, ihre Unabhängigkeit und um die Wahrheit über den Tod ihrer Mutter zu erfahren. Sie findet Freunde und verliert eine Liebe. Sie findet Antworten und droht den Glauben an ihren Traum zu verlieren. Aber Morgane hat auch die bretonische Sturheit geerbt...

€ 14,99 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 05.10.2015
384 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-8270-1252-4
€ 11,99 [D], € 11,99 [A]
Erschienen am 05.10.2015
384 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7856-8
»Eigentlich wollte die Halbfranzösin und Übersetzerin Morgane ihr geerbtes Häuschen nur rasch verkaufen und zurück nach Deutschland.«
rhein-main magazin
»Ein bezaubernder Roman über das Finstere, der in mir erneut den unbändigen Wunsch weckte, dieses bedrohte Stück Land am Ende der Welt einmal selbst zu besuchen und mich von seiner Schönheit bezaubern zu lassen.«
lovelybooks.de
»Der Autorin gelingt es ganz großartig den Leser in eine andere Welt zu entführen und mit schöner Landschaft, sympathischen Charakteren und bildhafter Sprache zu begeistern.«
dieliebezudenbuechern.de
»Ein großes Lesevergnügen und ein stimmiger Roman, den ich absolut weiterempfehlen kann!«
wasliestdu.de
»Ein tolles Buch, das mich nun davon träumen lässt, eine Reise an die atemberaubende Kulisse der Bretagne zu reisen. Lesenswert, ich empfehle den Roman gerne weiter für alle Liebhaber guter, ansprechender Literatur.«
wasliestdu.de

Leseprobe zu »Die Stimmen über dem Meer«

Die Kälte des Wassers peitschte über ihre Haut bis in die Knochen. Sie schmeckte ein Gemisch von Blut und Algen, das Salz des Meeres.Angst durchdrang jede Faser ihres Körpers. Eine Welle spuckte sie aus. Regen klatschte auf ihren Kopf, das Wasser ringsum. Sie schnappte nach Luft, strauchelte, paddelte mit Armen und Beinen, warf den Kopf zurück und öff nete den Mund zu einem Schrei, den die Wellen sofort verschlangen. Aus der Ferne menschliche Laute und ein Orchester, unerreichbar. Cello, Posaunen, Trommeln und quietschende Geigen. Ein fl ackerndes Licht [...]

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Die Kälte des Wassers peitschte über ihre Haut bis in die Knochen. Sie schmeckte ein Gemisch von Blut und Algen, das Salz des Meeres.Angst durchdrang jede Faser ihres Körpers. Eine Welle spuckte sie aus. Regen klatschte auf ihren Kopf, das Wasser ringsum. Sie schnappte nach Luft, strauchelte, paddelte mit Armen und Beinen, warf den Kopf zurück und öff nete den Mund zu einem Schrei, den die Wellen sofort verschlangen. Aus der Ferne menschliche Laute und ein Orchester, unerreichbar. Cello, Posaunen, Trommeln und quietschende Geigen. Ein fl ackerndes Licht kreiste über dem Wasser, wandte sich ab, kehrte zurück, sprang über das aufgescheuchte Meer. Ein schwarzer Horizont mit vorbeieilenden Wolkenfetzen. Der Mond prall gefüllt. Meeresboden. Sie hielt die Luft an. Das Wasser quetschte jede ihrer Zellen und der Druck auf ihre Lungen zerriss ihren Körper. Ein Sog wirbelte sie hinab. Dunkelheit und Stille. Ruhe besänftigte die Sinne. Gesichter trieben an ihr vorbei. Erinnerungsfetzen. Eine Nabelschnur. Der Duft von Blumen. Eine Musik. Eine Landschaft. In der Ferne Stimmen. Schmerz. Angst. Kälte. Unwiderstehlich ist der Schlaf.

Dann wich die Furcht. Das Licht wurde schwächer, die Stimmen verschmolzen zu einem Chor. Man sorgte sich um sie. Aber das war nicht nötig. Sie gab sich hin, atmete das Wasser ein. Von allen Seiten schmiegte sich sanfte Wärme um ihre Seele, schaukelte und trug sie schwerelos. Das Orchester spielte ein ihr vertrautes Lied. Ihre Haut, Augen, Ohren, Mund und Hände vernahmen den Ruf. Der Wind schob die Wolken zur Seite und der Mond tauchte die Landschaft in ein mildes Licht. Selbst das Meer beruhigte sich und die Wellen schwappten leise ans Ufer.

 

Kapitel 1

Morgane warf einen Blick zum Himmel über Le Conquet, steckte die Hände in die Jackentasche und ging hinunter zum Steg. Sie wollte dorthin, wo man das Meer riechen und bei passender Windrichtung sogar ein paar Tropfen abbekommen konnte, obwohl die Wellen bereits in einiger Entfernung an den Felsen zerschellten. Hier an der Bootsanlage des kleinen Fischerortes schwappte das Wasser nur hin und wieder gegen die Steinmauer. Die Hauptsaison war lange vorbei. Im November verirrte sich kein Tourist mehr ins Finistère, schon gar nicht bei solchem Wetter. Der Wind spielte mit den eingezogenen Segeln und ließ die Boote hin- und herschaukeln. Wenn sie dabei gegen die Brüstung stießen, krächzten sie. Wie hypnotisiert betrachtete Morgane den blinkenden Leuchtturm von St.-Mathieu auf der anderen Seite der Bucht. Es kam ihr vor, als taumelte er um die eigene Achse. Seit ihrer Ankunft vor einer halben Stunde hatte sie zusehen können, wie das Blau des Himmels von den Wolken gefressen worden war. Einige von ihnen hingen mit geblähten Bäuchen so tief über dem Meer, als wollten sie jeden Moment hineinstürzen. Der klaren Luft war ein grauer Schleier gefolgt, der nun den Fischerhafen überzog. » Es wäre besser, hier zu verschwinden ! «, rief ihr ein Mann in langem Regenmantel zu. Er trug einen gelben Schlapphut und Gummistiefel, die ihm bis weit über die Knie reichten. Morgane zuckte zusammen. So sehr war sie in Gedanken versunken gewesen, dass sie ihn gar nicht bemerkt hatte. Mit Schwung warf der Fischer eine Plane über sein Boot und befestigte es mit einem Seil am Poller. » Beeilen Sie sich besser, wenn Sie noch trocken zu Hause ankommen wollen, Madame ! Ich habe kein gutes Gefühl bei diesem Himmel. « Vergeblich versuchte Morgane, sich die wehenden Haare aus dem Gesicht zu streichen. Gegen den Wind hier kam man nicht an. » In Ordnung. Vielen Dank für die Warnung «, gab sie zurück, obwohl sie diese Küste mit all ihren Tücken, ihrer Unberechenbarkeit und ihren plötzlichen Wetterumschwüngen gut genug zu kennen meinte. Wie lange war sie nicht mehr hier gewesen ? Zehn Jahre ? Fünfzehn Jahre ? Genug Zeit, um manches zu vergessen, aber diese Natur hatte sie sich eingeprägt. Die wechselnden Farben des Meeres von Türkisgrün bis Königsblau, der unaufhörliche Wind, der Geschmack von Salz und der Geruch von Algen. Jetzt wälzten sich die Wassermassen, von ihrer Fracht aus Steinen, Sand und Muschelresten anthrazitfarben, fast schwarz gefärbt, ans Ufer. Morgane schien es, als schwappten mit den Wellen auch Erlebnisse ihrer Kindheit zurück in ihr Gedächtnis und dockten dort an. All die Jahre, die sie nicht hier gewesen war, erschienen ihr plötzlich wie ein Treuebruch, den sie begangen hatte, immer und immer wieder, während jener Fischerort auf das kleine Mädchen von damals gewartet haben musste, geduldig wie ein anhänglicher, alter Freund. Als erkenne er Morganes mädchenhafte Seele wieder, obwohl sie inzwischen eine erwachsene Frau von bald vierzig Jahren war.

Finistère – das Departement im äußersten Westen Frankreichs, für Morgane war es nie das Ende gewesen, auch wenn Touristen das Wortspiel vom Ende der Welt nur allzu gern bemühten. Ihre Großmutter Mémé hatte Morgane die keltische Übersetzung von Finistère gelehrt, Penn ar Bed – Land am Anfang, Land an der Spitze der Welt. » Nach der Bucht von Le Conquet kommt nur noch Amerika «, hatte Mémé immer stolz gesagt und behauptet, dass für die Kelten mit dem Tod alles erst anfi ng. Der Fischer war verschwunden. Der Leuchtturm glomm nur noch matt durch die aufgezogene Nebelwand. Weit drau- ßen konnte man bereits einen Regenvorhang sehen, der sich ins schäumende Meer ergoss. Sturmböen peitschten durch das Hafengelände. Sie hätte auf den Mann hören sollen, zu ihrem Wagen würde sie es nun nicht mehr schaff en. Innerhalb weniger Sekunden durchdrang der Regen ihre Jacke und die Jeans bis auf die Haut. Auf der anderen Straßenseite gegenüber der Bootsanlegestelle blinkte in neongrüner Farbe der Schriftzug » Bistro «, und sie rannte unter das gewölbte Vordach, schüttelte sich, öff nete die Tür und stolperte in die kleine, typisch französische Dorfkneipe. Quietschend schloss sich die Tür hinter ihr. Am Tresen saßen drei Männer nebeneinander. Einer von ihnen sah auf und nickte Morgane zu. Lächelnd erwiderte sie seinen Gruß und blickte in ein gebräuntes, wettergegerbtes Gesicht. Sie erinnerte sich gut daran, wie sehr ihre Mutter diese ganz besonderen Stimmungen an ihrer Heimat geschätzt hatte. » Nirgendwo auf der Welt schweigt man schöner als in einer bretonischen Dorfkneipe «, hatte sie immer gesagt und dabei einen verträumten Blick bekommen.

Einfache Gläser, mit einem dunklen Rotwein gefüllt, standen vor den Männern. Niemand sonst saß an einem der wenigen Tische. Morgane zog ihre durchnässte Jacke aus, legte sie auf den warmen Heizkörper, wählte einen Platz direkt daneben und strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht. Aus ihrem Rucksack holte sie einen Troyer, den sie sich rasch über den Kopf zog. Die Männer am Tresen starrten auf ihren Roten und sprachen miteinander ohne aufzusehen. Über der Bar in der Ecke lief ein Fernseher. Die Übertragung eines Fußballspiels. Sobald die Stimme des Moderators beschleunigte und lauter wurde, brachen die Männer ihre Rede ab und sahen synchron auf die Mattscheibe. Nacheinander winkten sie ab, als die off en sichtlich letzte Torchance vergeben war und der Schlusspfi ff ertönte. Morgane schnappte ein paar Fetzen auf : Stürmer. Champions League. Transfers. Fischmarkt. Delikatessen. Herbststürme. Die Gezeiten. Der Klimawandel. Das raue Lachen der Männer barg einen Hauch von Melancholie, ihr Schweigen Vertrautheit. » Madame ? « Der Wirt war an Morganes Tisch getreten. Sie schrak zusammen, fühlte sich beim Belauschen des Gesprächs ertappt. Verlegen bestellte sie Kaff ee und blickte dann zum Fenster. Der Regen prasselte gegen die beschlagenen Scheiben, und plötzlich fühlte sich Morgane auf seltsame Weise geborgen. Im Warmen zu sitzen, während draußen die Wellen an der Brüstung zerschellten, gab ihr Sicherheit. Sie glaubte, sich daran zu erinnern, dass das Haus, dessentwegen sie hierhergekommen war, wie die meisten Landhäuser in der Bretagne einen off enen Kamin besaß. » Sie sind fremd hier. «

Die Stimme des Kneipiers klang neutral, ohne jede Neugier. Eine schlichte Feststellung. Er wischte mit einem Geschirrtuch über den Tisch und stellte anschließend den Kaff ee ab. » Nicht ganz «, erwiderte Morgane. » Ich kenne die Gegend. « Dass ihre Mutter von hier kam, verschwieg sie, ohne zu wissen, warum. » Pariserin ? « Er hob die Augenbrauen, und in seinem Gesicht glaubte sie ein verschmitztes Lächeln wahrzunehmen. Es war immer das Gleiche : Zunächst hielten sie die Franzosen für eine Landsmännin. Bis zum Tod ihrer Mutter hatte sie mit ihr Französisch gesprochen, danach half ihr die französische Literatur, die sie schließlich auch zu ihrem Beruf gemacht hatte. Aber daneben hatte es einen deutschen Vater gegeben, und Deutschland, wo sie aufgewachsen war. So kam es, dass nach und nach die Sprache ihrer Kindheit verwässerte und sie sich bei einer längeren Unterhaltung immer verriet : Kleine Fehler schlichen sich in ihre Sätze, hier und da benutzte sie schlichtweg ein falsches Wort für einen Sachverhalt oder vertat sich in der Zeit. Nicht, dass sie grammatikalisch falschlag, aber ihre Rede wirkte dann gekünstelt, aufgesetzt. Erst nach ein paar Wochen in Frankreich wurde sie sicherer ; je weniger sie ihren Kopf einsetzte, desto besser. Wenn sie ein Buch übertrug, handelte es sich um eine andere Welt, in die sie eintauchte. Nicht nur, dass ihre Arbeit in dem Sinne kein kommunikativer Akt war, vielmehr war es der Zeitfaktor, der bei einer Unterhaltung zum Tragen kam. Im Reden konnte sie nicht lange nachdenken, wohl aber beim Übersetzen auf dem Papier, wenn sie Synonyme in ihrem Kopf hin und her schob, verwarf, zurückholte. Manchmal ließ sie eine Lücke und suchte tagelang nach einem passenden Wort. Oft war es aber gar keine Frage des Vokabulars, sondern des richtigen Tons. Mit einer Pariserin war sie noch nie verglichen worden, denn von der Eleganz einer Dame aus der Hauptstadt war Morgane meilenweit entfernt. Sie jedenfalls kannte keine Einzige, die in einer Boyfriend-Jeans, Boots und einem weiten Sweatshirt auf die Straße gehen und sich in diesem Aufzug auch noch in ein Bistro wagen würde. Morganes Stilsicherheit beschränkte sich auf ihre Arbeit. » Verwandtschaft «, gab sie dem Wirt fast fl üsternd zur Antwort und kramte in ihrem Rucksack nach einem Papiertaschentuch. » Eine Tante, etwas außerhalb von Le Conquet. « » Oh «, erwiderte er auf dem Weg zurück hinter den Tresen, als habe Morganes Verwandtschaft eine gute Wahl getroff en. Mehr sagte er nicht und Morgane genoss seine Diskretion. Routiniert begann er mit dem Spülen der Gläser. » Es muss in der Nähe der Landstraße nach St.-Mathieu sein «, fuhr sie fort und beschloss noch im selben Augenblick, dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben würde. » Ja, da gibt es ein paar Häuser «, bekam sie zur Antwort. » Rue des Artichauts «, sagte sie und sah ihn direkt an. » Genau «, bestätigte er. » An den Klippen entlang. « Er zeigte mit der fl achen Hand in die Richtung. » Sie können es gar nicht verfehlen. Rechts die Klippen und links Artischockenfelder. Dazwischen die Straße nach St.-Mathieu. « Schweigend trank Morgane ihren Kaff ee aus. Der Regen ließ allmählich nach. Als einer der Männer mit einem kurzen Gruß den Raum verließ, legte sie Geld auf den kleinen Teller mit dem Kassenbeleg und erhob sich. » Danke für die Wegbeschreibung. Au revoir ! « Mit dem Rucksack über der Schulter ging sie zur Tür.

» Viel Glück. Immer an den Artischockenfeldern entlang «, wiederholte der Mann und zeigte in südliche Richtung » À la prochaine – bis zum nächsten Mal. « Es handelte sich um eine Mischung aus Neugier und schlechtem Gewissen, die Morgane noch in den späten Abendstunden in die Rue des Artichauts trieb, nur um einen ersten Blick auf das Häuschen zu werfen, wo Tante Fanny, die Schwester ihrer Mutter, ihr halbes Leben verbracht haben musste. In wenigen Stunden sollte Fannys Haus ihr gehören. So hatte es die Tante gewollt. Ihr Tod vor wenigen Wochen hatte Morgane in besonderer Weise beschämt. Über Jahre hatte sie keinen der Briefe ihrer Tante beantwortet, nur hin und wieder nach dem Telefonhörer gegriff en, aber ein richtiges Gespräch war dabei nicht zustande gekommen. Morgane hatte ihrer Tante nie verzeihen, dass sie das Versprechen, das sie ihr nach der Beerdigung ihrer Mutter in einer Dachkammer einst gegeben hatte, nicht gehalten hatte. » Ich werde immer für dich da sein. « Fannys Worte. Und doch hatte sie die kleine Morgane zurück in die deutsche Heimat reisen lassen, ein zehnjähriges Kind mit einem Teddybär im Arm, dessen viel beschäftigter Vater bereits nach Erledigung der Formalitäten zurück in die deutsche Heimat gefahren war, um sein neues Leben als Alleinerziehender zu regeln. Nach einem halben Jahr war Roberts übereilte Heirat gefolgt. Eine zweite Frau, die in Morganes ohnehin erschütterte Welt einbrach. Wo war Fanny gewesen, um Morgane vor einem derartigen Übergriff zu schützen ? War die Hinterlassenschaft eines bretonischen Steinhauses nichts anderes als der Versuch, Versäumtes wiedergutzumachen ?

Langsam fuhr Morgane durch den Ortskern und sah sich dabei um. Es war bereits fi nster, aber der Vollmond tauchte die Umgebung in ein mattes Licht. In einigen Häusern brannte Licht. Ein Teil von Le Conquet befand sich auf einem Plateau über dem Meer und in der Mitte lag, gleich neben dem Offi ce du Tourisme, ein Friedhof, der mit den typisch bretonischen Steinen ummauert war. Auf ihm eine kleine beleuchtete Kapelle, vor dem Portal, das aus einem gusseisernen Tor bestand, ein hochgewachsener Kastanienbaum. Hier war sie morgen um elf mit Madame Menez verabredet, eine ältere Dame, die ihr, wie mit dem Notar vereinbart, die Schlüssel aushändigen sollte. Wie viel würde ein Häuschen hier wohl bringen ? Kurz vor dem Ortsende entdeckte sie wieder das rhythmisch wandernde Licht des Leuchtturms von St. Mathieu. Die Straße schlängelte sich an den Klippen entlang, genau wie es der Wirt beschrieben hatte, und im Schimmern einer Straßenlaterne sah sie ein Hoftor mit einem Schild » Au erge anny «. Rue des Artichauts. Bei Auberge fehlte das b ; von Fanny war im Laufe der Jahre nur noch ein » anny « übrig geblieben. Eine Cousine von Morganes Mutter hatte irgendwann von einer Auberge gesprochen und davon, dass Fanny den Gastbetrieb bereits vor vielen Jahren eingestellt hatte. Seitdem schien sich die Tante nicht mehr viel um das Aussehen ihrer ehemaligen Pension geschert zu haben. Morgane stoppte den Wagen, stieg aus und lehnte die Fahrertür an, um keinen unnötigen Lärm zu machen. Das Gewitter hatte sich verzogen, und eine kühle Luft lag über der Landschaft. Außer dem Rauschen des Meeres war es still. Sie sah sich um. Das Gefühl, beobachtet zu werden, streifte sie, obwohl es hier nur wenige Häuser diesseits und jenseits der Landstraße gab. Hinter einem Fenster bewegten sich Vorhänge. Oder hatte sie sich getäuscht ? Sie schritt zur Einfahrt hinüber, doch das Tor war verschlossen und das Gebäude lag hinter einer hohen Steinmauer.

(...)

Bettina Storks

Über Bettina Storks

Biografie

Bettina Storks, geboren 1960 in Waiblingen, lebt in Bodman-Ludwigshafen am Bodensee. Sie studierte Germanistik, Deutsche Philologie und Kulturwissenschaften und promovierte sich 1994 an der Universität Freiburg über die Prosa Ingeborg Bachmanns. Danach war sie mehrere Jahre als Redakteurin...

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»Eigentlich wollte die Halbfranzösin und Übersetzerin Morgane ihr geerbtes Häuschen nur rasch verkaufen und zurück nach Deutschland.«

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»Ein bezaubernder Roman über das Finstere, der in mir erneut den unbändigen Wunsch weckte, dieses bedrohte Stück Land am Ende der Welt einmal selbst zu besuchen und mich von seiner Schönheit bezaubern zu lassen.«

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»Der Autorin gelingt es ganz großartig den Leser in eine andere Welt zu entführen und mit schöner Landschaft, sympathischen Charakteren und bildhafter Sprache zu begeistern.«

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»Ein großes Lesevergnügen und ein stimmiger Roman, den ich absolut weiterempfehlen kann!«

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»Ein tolles Buch, das mich nun davon träumen lässt, eine Reise an die atemberaubende Kulisse der Bretagne zu reisen. Lesenswert, ich empfehle den Roman gerne weiter für alle Liebhaber guter, ansprechender Literatur.«

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