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Die Stimmen der VergangenheitDie Stimmen der Vergangenheit

Die Stimmen der Vergangenheit

Roman

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Die Stimmen der Vergangenheit — Inhalt

Als die Literaturwissenschaftlerin Katia in Rom den Nachlass eines Gelehrten ordnet, stößt sie auf ein rätselhaftes Dokument, das von Gemälden als Türen zu einer anderen Zeit und von einem »Club der Dreizehn« berichtet. Und für Katia beginnt eine fantastische Reise ...

Erschienen am 01.09.2017
Übersetzer: Stefanie Gerhold
528 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-31126-7
Erschienen am 14.07.2014
Übersetzer: Stefanie Gerhold
528 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96851-5

Leseprobe zu »Die Stimmen der Vergangenheit«

1

Der italienische Stich

 

 

Es war ein typischer Stich aus dem siebzehnten Jahrhundert, dem seicento, wie Marianna sagte, eine Schwarz-Weiß-Abbildung eines römischen Triumphbogens, bei der noch die kleinsten Details wie Medaillons, Gesimse, Girlanden, Reliefs und Inschriften liebevoll ausgearbeitet waren. Die beiden Schäfergruppen auf der rechten und linken Seite waren nur Beiwerk neben dem zentralen Motiv: dem Bogen vor einem Himmel, den man sich mit seinen einzelnen Wolken und den dunklen Zypressenlanzen davor in perfektem römischen Blau vorstellen [...]

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1

Der italienische Stich

 

 

Es war ein typischer Stich aus dem siebzehnten Jahrhundert, dem seicento, wie Marianna sagte, eine Schwarz-Weiß-Abbildung eines römischen Triumphbogens, bei der noch die kleinsten Details wie Medaillons, Gesimse, Girlanden, Reliefs und Inschriften liebevoll ausgearbeitet waren. Die beiden Schäfergruppen auf der rechten und linken Seite waren nur Beiwerk neben dem zentralen Motiv: dem Bogen vor einem Himmel, den man sich mit seinen einzelnen Wolken und den dunklen Zypressenlanzen davor in perfektem römischen Blau vorstellen musste.

Er unterschied sich nicht wesentlich von den Hunderten von Stichen, die sie im Lauf der Zeit in Büchern und Antiquariaten gesehen hatte, dennoch übte er auf den Betrachter, vielleicht dank der vom Zeichner gewählten Perspektive, eine erstaunliche Wirkung aus. Beim Betrachten des mächtigen Bauwerks und der daneben so verschwindend kleinen Figuren fiel der Blick vor allem auf das Nichts, auf das Licht in der Öffnung des Bogens, diesen Rest an Luft, an Leere, an Möglichkeiten zwischen der fein ziselierten Massigkeit der beiden Pfeiler. Es sprang einem sofort ins Auge, dass dieser Bogen ein Durchgang war, ein Weg von einer Seite zur anderen, eine Schwelle.

»Italien. Seicento-settecento. Römische Schule. Es gibt Tausende in der Art«, hatte Marianna mit einem Blick über ihre Schulter rasch geurteilt und sich gleich wieder ihrer Suche nach weiteren Schätzen in diesem und den noch vor ihnen liegenden Zimmern zugewendet. Schriftstücke waren nicht ihr Spezialgebiet, darum hatte sie Katia angerufen, die zwar auch keine Spezialistin im engeren Sinn war, aber alte Bücher und Papiere liebte und hoffte, irgendetwas aus dieser Pappschachtel würde sich für ein Forschungsprojekt und ein entsprechendes Stipendium eignen. So hatte sie sich schließlich die letzten fünfzehn Jahre über Wasser gehalten.

Vielleicht hatte sie Glück und es lag ein Tagebuch darin, das sie veröffentlichen könnte, ein interessanter Briefwechsel – immerhin war der kürzlich mit dreiundneunzig Jahren verstorbene Wohnungsbesitzer eine Kapazität der spanischen und italienischen Philologie gewesen –, ein unbekanntes Manuskript. Oder, wünschen darf man sich alles, etwas Außergewöhnliches, erotische Gedichte, Geschichten für Kinder, das Geständnis eines Verbrechens, wer weiß.

Unfug. Der Nachlass, dessen letzter Rest vor ihr in dieser Schachtel lag, hatte bereits zwei Bibliotheken und mehrere Angehörige mehr oder weniger bereichert. Wieso sollte irgendetwas Interessantes übrig sein? Was hier lag, hatte offenbar niemand gewollt und besaß höchstens Erinnerungswert, da man mit den losen vergilbten Blättern mit Namens- und Ortslisten nichts anfangen konnte.

Nur der Stich hatte einen gewissen Wert. Zumindest einen persönlichen, wegen der Faszination, die er auf sie ausübte. Da war diese Öffnung, diese Gewissheit, vor einem Übergang zu stehen, einer Antwort, einer Lösung. Eine Antwort? Auf was für eine Frage überhaupt? Eine Lösung? Für welches Rätsel?

Sie drehte den Stich um, vielleicht auf der Suche nach dieser Frage, dem von dem Künstler aufgegebenen Rätsel. Unten links war mit hartem Bleistift in einer hohen, spitzen Schrift der Titel des Werks gekritzelt: Questa è la Prima Porta, kein Datum, keine Ortsangabe.

»Marianna!«

»Waas?« Mariannas Stimme kam aus einem der hinteren Räume.

Katia stand auf und lief mit dem Stich in der Hand den langen, düsteren Gang entlang, hindurch zwischen den Skeletten der raumhohen, leeren Bücherregale, deren Inhalt bereits an seine Bestimmungsorte verfrachtet worden war: Die Biblioteca Nazionale, die Biblioteca Universitaria della Sapienza und die Privatbibliotheken zweier Großneffen des Gelehrten.

Marianna saß an einem Tisch vor einer Uhr, die eine von einem Faun gezogene Kutsche darstellte; sie notierte etwas in ihr Heft, während das durch die beiden hohen Fenster hereinfallende Licht ihre blonden Haare mit einem Heiligenschein umstrahlte, der Botticelli würdig gewesen wäre.

»Gibt’s in Rom eine Prima Porta?«

Marianna sah auf.

»Es gibt eine Menge Tore. Also … Porta Pia … nein, warte, jetzt weiß ich’s. Prima Porta ist ein kleines Dorf in der Umgebung. Oder ein Friedhof. Es gibt einen Friedhof, der Prima Porta heißt.«

Katia zeigte ihr noch einmal den Stich: »Schau, hier steht, das ist die Prima Porta.«

»Stimmt aber nicht.«

»Ach.«

»Na? Noch kein Glück?«

»Bis jetzt nicht. Aber ich habe auch noch nicht alles durchgesehen. Und du?«

»Ich brauche kein Glück. Ich brauche Geduld.«

Sie lachten, dann kehrte Katia zu ihrer Schachtel mit den Papieren zurück und fühlte, wie die leise Hoffnung, die Mariannas Anruf in ihr geweckt hatte, sich allmählich wie Nebel in der Sonne auflöste. Es war fast zwölf Uhr nachts gewesen, als das Klingeln des Telefons sie aus dem Bett katapultiert hatte. Da man um diese Uhrzeit nur schlechte Nachrichten bekommt, war sie panisch losgestürzt, um den Anruf noch vor dem Anrufbeantworter entgegennehmen zu können, und hatte sich dabei an der schrecklichen Kommode gestoßen, einer Hinterlassenschaft eines in ihrer Erinnerung schon verschwommenen Mitbewohners, der anders als seine WG-Genossen, die sich mit Mitte dreißig noch immer diese alte, heruntergekommene Wohnung teilen mussten, längst ein regelmäßiges Einkommen bezog und sich eine kleine Wohnung in einem Neubau leisten konnte.

»Ohne Garantie«, hatte Marianna ihr gesagt. »Vielleicht magst du vorbeikommen und einen Blick darauf werfen, die Papiere gehören dir, aber, wie gesagt, ich habe keine Ahnung, ob irgendetwas Lohnendes dabei ist.«

Sie hatte irgendetwas vom nächsten Tag gemurmelt, war ins Bett zurückgekrochen und hätte die ganze Sache vermutlich vergessen, hätte sie nicht, kurz bevor der mitternächtliche Anruf sie weckte, etwas so Lebendiges und Seltsames geträumt, auf das hin sie gleich in der Früh die Koffer packte. In ihrem Traum fuhr sie mit ihrem Großvater Zug, und obwohl sie genau wusste, dass er tot war, war es das Natürlichste von der Welt, mit ihm zusammen nach Rom in den Urlaub zu fahren. Opa Manuel war wie gewohnt bester Laune, aber diesmal wirkte er besonders froh, als ginge endlich ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Die Sonne schien durch die Wagenfenster, und die ockerfarbenen und rötlichen Häuser auf dem Land leuchteten wie frisch gewaschen. Ihr ging es gut, sie war ausgeschlafen, fröhlich und glücklich, nach so vielen Jahren wieder mit ihrem Großvater zusammen sein zu können. Auf allen Seiten sah man das Meer, als führe der Zug über eine Brücke auf eine Insel zu, als führen sie in Venedig ein. Dann winkte er sie zur Waggontür, hinter der sich ein Zimmer befand: der Salon eines Herrenhauses, den sie im Traum erkannte. Er blieb auf der Schwelle stehen und ermunterte sie lächelnd, in das Haus einzutreten und die Türen zu öffnen. Sie führten in weitere Zimmer, die ebenso schön wie das erste waren und die sie mit einem Freudenschauder erkannte, als hätte sie ein Stück ihrer Kindheit zurückgewonnen.

Ohne Garantie, hörte sie Mariannas Stimme. Wenn du kommen willst, es gehört alles dir, aber ohne Garantie. Der Großvater lächelte und ermunterte sie mit einer Handbewegung, wie damals, als sie als kleines Mädchen gezögert hatte, von der höchsten Rutsche auf dem Spielplatz hinabzusausen. Wenn du kommen willst …

Klar war sie gekommen. Es war verrückt, so viel Geld für eine Fahrkarte auszugeben, nur um einen Blick auf irgendwelche Papiere zu werfen, trotzdem war sie gekommen. Ihr Großvater hatte es ihr im Traum geraten.

Schlimmstenfalls hätte sie ein paar Tage in Rom, in denen sie bei Pia und Marianna wohnen, sich am goldenen Licht der Ewigen Stadt laben und am Ocker der bröckelnden Fassaden sattsehen konnte. Vielleicht machte sie tatsächlich einen Fund. Sie brauchte dringend ein neues Forschungsvorhaben, da die Finanzierung ihres letzten Projekts gerade auslief. Bis jetzt hatte sie nichts in Aussicht und auch niemanden, auf den sie notfalls zurückgreifen konnte. Ihre Eltern waren vor Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, ihr einziger Bruder, eigentlich ihr Halbbruder, hatte eine höhere Tochter aus Wiener Kreisen geheiratet und schien seit einiger Zeit auf eine lokalpolitische Karriere zu setzen, und Alec war – so wie er gekommen war – von einem Tag auf den anderen einfach aus ihrem Leben verschwunden. Eines Morgens stand sie auf, um in die Bibliothek zu gehen, und auf der Badezimmerkonsole war die rechte Hälfte leer: Übrig war nur eine weiße, glatte, unglaublich lange Fläche, auf der bis gerade eben sein Rasierzeug, sein Aftershave und seine Zahnseide gelegen hatten. Ein gelber Zettel an der Kühlschranktür trug die knappe Nachricht: »Es tut mir leid. Das ist nicht das Leben, das ich wollte. Ich rufe dich an.« Das war vierzehn Monate her, und in der ganzen Zeit hatte sie nur eine Ansichtskarte aus Buenos Aires erhalten: »Ich war mir sicher, so kann das Leben sein.« Zwanzig Jahre Leben für die Literatur, und noch nie hatte sie etwas so Grausames gelesen.

Seitdem, nichts: Projekte, die am Ende doch nicht klappten, vage Versprechungen, Männer, die wieder verschwanden, noch ehe sie konkrete Hoffnungen auf sie setzen konnte.

Mariannas Räuspern riss sie aus ihren Gedanken, bei denen sie durch eine verstaubte Jalousie auf den prächtigen Garten der Villa Albani gestarrt hatte.

»Denkst du nach?«

»Ein kleiner Anfall von Selbstmitleid.«

»Das Übliche? Fast vierzig und noch immer kein fester Freund, kein Gockel, der nach dir kräht?«

Katia wusste erst nicht, ob sie lachen oder wütend sein sollte, doch dann lachte sie: »So ungefähr.«

Sie wollte Marianna schon sagen, sie habe es gut: Sie hatte einen festen Job, der ihr noch dazu gefiel, in einem der wichtigsten antiquariati in Rom, am Monatsende ihr Gehalt, eine fabelhafte sonnige Wohnung in der Via Giulia, jemanden, der sie liebte und mit dem Abendessen auf sie wartete.

»Wenn du dich für Frauen entscheiden würdest, hätte es mit dem Leiden ein Ende.«

Kopfschüttelnd ging Katia zurück zu der Schachtel. Auf diese Art Gespräch wollte sie sich gar nicht erst einlassen, bloß nicht wieder mit diesem Thema anfangen, über das sie schon endlos diskutiert hatten, auch schon bevor Marianna Pia kennengelernt hatte.

»Ist dir noch nie aufgefallen, dass es viel mehr attraktive Frauen als Männer gibt? Ich meine nicht nur das Aussehen. Fallen dir aus dem Stand nicht viel mehr klasse Frauen als Männer ein? Frauen, die mutig sind, entschieden, fleißig, herzlich und die noch dazu gut aussehen. Und du wartest immer noch treudoof auf den Märchenprinzen. Hast du denn immer noch nicht begriffen, dass sie alle Frösche, einfach stinknormale Frösche sind? Du kannst sie so viel küssen, wie du willst, sie verwandeln sich in nichts Besseres. Hast du es nicht satt, Frösche mit ins Bett zu nehmen?«

»Bitte, Marianna, hör auf.«

Ihre Bitte musste so niedergeschlagen geklungen haben, dass Marianna mit den Schultern zuckte: »Hören wir auf für heute. Der Strom ist abgestellt, gleich sehen wir sowieso nichts mehr. Morgen ist wieder ein Tag. Lass uns runtergehen, ich lade dich nebenan auf einen Campari ein, dann gehen wir nach Hause, werfen deine Sachen ab und machen uns chic, ich will dich nämlich ins La Pace zum Abendessen ausführen. Pia hat heute eine Sitzung.«

Mit vergnügt blitzenden Augen sah sie von den Papieren auf.

»Ich schwöre dir, ganz ohne Hintergedanken. Du weißt, wie sehr ich Pia liebe, aber ich kann deine Trauermiene einfach nicht mehr mit ansehen. Los, pack zusammen!«

Katia kam sich selbst dumm vor, trotzdem legte sie den Stich und die zugehörigen Papiere in eine gelbe Mappe und steckte alles in ihren Rucksack, um abends im Bett noch zu lesen, auch wenn es eigentlich nicht viel zu lesen gab. Die Schachtel konnte bis zum nächsten Morgen bleiben, wo sie war. Die würde niemand mitnehmen.

Gerührt und dankbar sah sie zu Marianna, die in ihr Jackett schlüpfte und eine Bürste aus der Tasche zog, um sich die blonden Haare zu kämmen. Was für eine gute Freundin sie war. Eigentlich ihre einzige. Marianna bemerkte ihren Blick und warf ihr lächelnd die Bürste zu: »Mal dir wenigstens ein bisschen die Lippen an. Du siehst aus wie ein Schlossgespenst.«

»Ich habe kein Schminkzeug dabei.«

Marianna ging zu ihr – ihre hohen Absätze hallten unheimlich in der leeren, bereits im Schatten liegenden Wohnung –, fasste sie an den Schultern und drückte ihr einen kräftigen Kuss auf die Lippen: »Ich hatte ein bisschen zu viel, meine Süße. So reicht’s für uns beide.« Dann ging sie zur Wohnungstür. Mit gesenktem Kopf und dem Rucksack auf den Schultern folgte Katia ihr.

Marianna schloss die mächtige Edelholztür mit dem goldenen Gitter zweimal ab und spazierte, ihr Lederköfferchen schlenkernd, die Marmorstufen hinunter. Katia folgte ihr brav und fühlte sich wie so oft ein bisschen peinlich und fehl am Platz, plump, unpassend mit ihren Jeans und ihren fast vierzig Jahren auf dem Buckel, an denen sie offenbar schwerer zu tragen hatte als an ihrem Rucksack. Sie hätte nicht mit Marianna tauschen wollen, doch manchmal, zu oft, hätte sie gern mehr von dem, was ihre Freundin im Überfluss besaß: ihre Selbstsicherheit, ihre Haltung, ihre stolze, so italienische Schönheit, die in ihrem Parfüm Ausdruck fand, in der Art, wie sie ihre Tasche trug, sich einen Strumpf hochzog, sich die Ohrclips abnahm, um ans Telefon zu gehen, kurz, ihre Weiblichkeit, die sie erstaunlicherweise einer anderen Frau vorbehielt.

Auf der Straße überraschte sie das Licht, da die untergehende Sonne, die längst aus der Gelehrtenwohnung gewichen war, sich wie Honig über die Stadt ergoss und die rötlichen Dächer, die Baumkronen, die Schmuckfirste der kleinen Paläste in diesem vornehmen Viertel aus dem neunzehnten Jahrhundert zum Leuchten brachte. Vor einem Gartentor küsste sich ein blutjunges Paar in äußerst wackligem Gleichgewicht auf einem motorino. Sie hatten ihre Helme am Arm hängen und schienen vollkommen versunken in ihrer Leidenschaft, wie abgekapselt von der ruhigen Straße mit den parkenden Autos. Katia gab es einen neidvollen Stich, was ihr zu denken gab, da es ihr in letzter Zeit öfters so ging. Sie hatte selbst viele solcher Augenblicke erlebt, Momente der vollkommenen Hingabe, der Verzauberung mitten auf der Straße, in denen es nichts für einen gibt außer die Arme des anderen, seinen warmen Mund, seinen Atem. Schon viel zu lange hatte sie niemand mehr so begehrt.

Marianna wartete mit geöffneter Wagentür, und sie fand, dass in ihrem Lächeln etwas Grausames lag. In dem Augenblick kam ein junger Mann in Sakko und Trenchcoat auf sie zu und sprach sie an: »Verzeihung, können Sie mir vielleicht sagen, ob ein Herr José María Valcárcel, der verstorbene Professor Valcárcel, hier gewohnt hat? Ich suche schon eine ganze Weile die Adresse, was in diesem Viertel schwierig ist, da die Hausnummern nicht der Reihe nach aufsteigend angeordnet sind.« Sein Italienisch war gut, er sprach nur mit einem leichten Akzent wie ein Spanier oder Grieche.

Marianna antwortete prompt: »In der Hausnummer 13, die runtergekommene Stadtvilla dort an der Ecke, aber es ist niemand zu Hause.«

»Natürlich, das dachte ich mir. Und Sie wissen nicht zufällig, ob jemand den Nachlass seiner Papiere verwaltet?«

Katia wollte schon etwas sagen, aber Marianna legte ihr schnell die Hand auf den Arm.

»Sein gesamter Nachlass, Korrespondenz, Notizen, unveröffentlichte Aufsätze und so weiter, sind Eigentum der Erben. Es liegt bei ihnen, ob sie sie einer Bibliothek, einer Universität oder einem Wissenschaftler anvertrauen. Wir kümmern uns nur um die Kunstgegenstände aus seinem Besitz: Uhren, Spiegel, ein paar Möbelstücke, Sie wissen schon.«

»Auch Bilder?«

Katia hörte aus dieser unschuldigen Frage einen Unterton heraus, der sie aufmerken ließ.

»Professor Valcárcel besaß nur wenige Bilder, und die haben eher persönlichen Wert. Es ist wirklich nichts Besonderes dabei. Aber wenn es Sie interessiert, kommen Sie doch ins Antiquariat, wir haben sie dort.«

Er winkte lächelnd ab: »Nein, danke. Ich bin Philologe. Mich interessieren vor allem die unveröffentlichten Schriften des Professors. Für eine mögliche kritische Ausgabe, verstehen Sie?«

Die beiden nickten, und Katia schmunzelte in sich hinein, dass dieser Mann sich als ein Kollege von ihr herausstellte, als noch so ein armer Schlucker, der sich von den Brosamen fremder Gelehrter ernährte.

»Können Sie mir vielleicht sagen, wie ich mit seinen Erben Kontakt aufnehmen kann? Wissen Sie, ich komme von der Universidad de Palencia und habe nicht viel Zeit.«

Marianna griff schon zu ihrer Handtasche, doch dann holte sie aus ihrer Jacketttasche eine goldumrandete Visitenkarte heraus: »Rufen Sie morgen im Antiquariat an, dort wird man Ihnen die Adresse der beiden Neffen des Professors geben.«

Er hatte unterdessen auch ein Kärtchen gezückt und notierte, aufs Autodach gestützt, darauf etwas: »Hier haben Sie meine Adresse in Rom. Ich bin Ihnen für jede Art von Information sehr dankbar, Frau Grimaldi.«

»Ich werde sehen, was sich machen lässt.«

Sie gaben sich die Hand, dann stiegen die beiden Frauen ins Auto. Beim Einbiegen in die Seitenstraße in Richtung Via Nizza sahen sie, wie der Mann mit den Händen in den Taschen vor dem Haus stand und zu den oberen Stockwerken hinaufblickte. Vor dem Gartentor küsste sich noch immer das junge Paar.

»Noch so ein Geier«, murmelte Marianna im Vorbeifahren.

Katia zuckte mit den Schultern: »Was bleibt ihm übrig. Wir müssen alle sehen, wo wir bleiben.«

»Aber du musst doch zugeben, dass wir alle irgendwie Leichenfledderer sind.«

»Ich bitte dich! Wie heißt er eigentlich?«

Marianna zog das Kärtchen aus der Tasche und gab es ihr. Katia las vor: »Fernando Cabrera. Wissenschaftlicher Assistent. Institut für Literaturwissenschaft.«

»Und die Adresse?«, fragte Marianna, die sich darauf konzentrierte, vor der Viale del Muro Torto die Spur zu wechseln.

»Hostal Le Fontane, Via Cavour.«

»Ein Geizkragen.«

»Warum?«

»Weil das garantiert eine elende Absteige ist; in der Gegend gibt es viele billige Pensionen. Dir gefällt dieser Typ doch nicht etwa.«

Katia seufzte. »Nein. Nicht besonders. Ich glaube, es ist einfach ein verfluchter Reflex. Ob er verheiratet ist?«

Sie brachen in Gelächter aus, während die Autos hinter ihnen wild zu hupen begannen, weil die Ampel auf Grün geschaltet hatte.

 

Die Abendsonne schien in den Salon, gedämpft durch die indigoblauen schweren Vorhänge, die den Raum – das Werk eines postmodernen Innenarchitekten – in eine Unterwassergrotte à la Tausendundeine Nacht verwandelten. Pierluigi Bellochi, Il Divino, strich sich den weißen, sorgfältig geschnittenen Bart, der die Strenge seiner allzu schmalen Lippen milderte. Sein Blick schweifte abwesend zu den auf dem Nachttisch ausgebreiteten Tarotkarten, während er sich auf den zarten Raumduft konzentrierte, eine Mischung aus Sandelholz und Jasmin mit einer Spur Weihrauch, welche die Sitzungen mit seinen Kunden erfahrungsgemäß günstig beeinflusste, da man diesen Duft unbewusst mit Mysterium und Geheimnis verband. Und auch er selbst setzte in diesem Moment auf seine stimulierende Wirkung.

Er war schon eine ganze Weile in Gedanken vertieft, denn in den vergangenen Tagen hatte er deutlich gespürt, dass in der Stadt etwas mehr oder weniger Bedeutungsvolles passiert war. Doch weder das Lesen des Teesatzes noch die Konzentration auf die Kristallkugel und auch nicht die Tarotkarten hatten ihm den ersehnten Einblick verschafft. Das war er nicht gewohnt. Eine Antwort gab es immer, und schon gar für jemanden, der so viel Erfahrung mit dem Arkanum hatte wie er. Antworten gab es allerdings nur auf konkrete Fragen, und je konkreter eine Frage, desto erhellender auch die Antwort. Doch in diesem Fall, in dem sein einziger Anhaltspunkt ein vages Gefühl war, konnte er überhaupt keine Frage formulieren, und entsprechend diffus fiel auch die Antwort aus. Wie auf einem mehrmals überdruckten Negativ erkannte er Umrisse, die aber kein lesbares Bild ergaben. Irgendwo hatte sich eine Passage aufgetan, das wusste er, aber er hatte nicht die leiseste Ahnung, wo oder in welche Richtung und wer diese Passage bewachte. Und das ärgerte ihn.

Es klopfte diskret an der Tür zum Empfangszimmer. Il Divino schloss für ein paar Sekunden die Augen, und nachdem er sie wieder geöffnet hatte, war sein Blick klar geworden und er sagte mit sonorer Stimme: »Herein, ich heiße Sie willkommen.« Währenddessen sammelte er rasch die Tarot-Karten ein, auf die er noch einen letzten Blick geworfen hatte, und wickelte sie in ein blaues Seidentuch ein.

Ein angedeutetes Räuspern veranlasste ihn, sich zur Tür umzudrehen. Anstelle der Onorevole Cinzia Legnano wartete seine Sekretärin Roxanna, die Hände über dem elfenbeinfarbenen Leinenrock gekreuzt, dass Il Divino ihr seine Aufmerksamkeit schenkte: »Die Onorevole Legnano bedauert, ihren Termin heute nicht wahrnehmen zu können, und fragt an, ob es Ihnen möglich wäre, sie morgen um dieselbe Uhrzeit zu empfangen.«

»Bin ich frei?«

»Ja, Eccellenza.«

Mit seiner langen, schmalen Hand strich Il Divino sich über die Stirn: »Gut, einverstanden. Aber sagen Sie ihr, sie möge ihre Pläne nicht wieder ändern; es kostet mich jedes Mal eine Stunde mentaler Vorbereitung, um mich mit ihren Schwingungen zu synchronisieren.«

»Ich werde ihr ins Gewissen reden.«

»Gut, Roxanna, Sie können gehen. Ich brauche Sie für heute nicht mehr.«

Die junge Frau verbeugte sich leicht und verließ mit einer offenbar jahrelang eingeübten Zurückhaltung geräuschlos das Zimmer. Er wartete mit den Händen im Schoß still ab, bis er die Eingangstür ins Schloss fallen hörte. Dann lächelte er, ein flüchtiges Lächeln, das er sofort wieder unter Kontrolle brachte, und stand auf. Er reckte die Arme über den Kopf und knöpfte die lange, weiß-goldene Tunika auf, in der er je nach Körperhaltung an einen arabischen Scheik im Exil oder einen Mönch in einem Zeremoniengewand erinnerte. Durch eine hinter der Wandbespannung versteckte Tür ging er ins Nebenzimmer, legte dort die Tunika ab, warf sie über einen Sessel und schenkte sich den ersten Whisky des Tages – ohne Wasser und Eis – ein.

Unter der Arbeitskleidung trug er ein schwarzes Tanztrikot, das seinen noch immer kräftigen, straffen Körper betonte. Er hatte noch nie etwas anfangen können mit dem in Fernsehsendungen verbreiteten Bild des stattlich beleibten Hellsehers, und über die Jahre hatte ihm sein Geschmack, gemessen an der Zahl und sozialen Schicht seiner Kunden, recht gegeben. Er brauchte keine Anzeigen in Herzschmerz-Zeitschriften zu schalten, in irgendwelchen Talkshows in Canale Cinque aufzutreten oder zwei Minuten Werbespot in einem lokalen Radiosender zu bezahlen; mit seinen dreiundfünfzig Jahren konnte er sich den Luxus erlauben, seine Kundschaft auszuwählen und die wichtigsten Politiker und bestbezahlten Show-Sternchen wochenlang warten zu lassen. Nur selten vergab er mit weniger als einer Woche Voranmeldung Termine.

Er war ein seriöser Wahrsager, die Zukunft war sein Beruf, er erforschte dieses riesenhafte Mosaik Hunderter, Tausender sich kreuzender Leben, die in einem fort aufeinander Bezug nahmen und sich gegenseitig beeinflussten und auf diese Weise in diesem Tümpel, der die Existenz war, immer wieder neue, sich fortsetzende Wellen anstießen. Ein anspruchsvoller Beruf, der nirgends gelehrt wurde und für den man besondere Voraussetzungen und einen eisernen Willen brauchte, da man unablässig seine Sinne wie ein hochsensibles Instrument schärfen musste, das ständig nachjustiert werden muss, um die feinsten Schwingungen von überall her aufzufangen: von seinen Kunden mit ihren Nöten, seiner Umgebung, ihm selbst.

Er nahm einen großen Schluck und trat hinaus auf die Terrasse voller blühender Oleander, beinahe aufplatzender Mimosen und knospender Rosen. Unter ihm erstreckte sich das Parioli-Viertel, in einen Nebel aus rosigem Licht gehüllt, der die Umrisse verwischte und den Zypressen eine schwerelose Eleganz schenkte, als wüchsen sie nicht aus Gärten mit Erde sondern schwebten ein paar Zentimeter über dem Boden in einem Traumreich. Links im Hintergrund mutete die Kuppel des Petersdoms wie ein düsteres Trugbild an, das schon bald die schwindende Sonnenscheibe hinter sich verstecken würde.

Er atmete tief den Duft der umliegenden Gärten ein, überlagert von den Ausdünstungen der pulsierenden Stadt, den Abgasen Hunderttausender in der Ferne lärmender Autos, der unzähligen Öfen der pizzerie und tavole calde, espressi, dem unbestimmten Gemisch aus Schweiß, schwerer Verdauung der Millionen Städter, die tagtäglich zu Fuß unterwegs waren, und wieder lächelte er, denn hier fühlte er sich sicher vor den Horden, in seinem Turm im Mittelpunkt der Welt.

In seinen Träumen sah er sich als Gandalf der Graue, der große Magier von Mittelerde, kurz vor dem entscheidenden Schritt zum Übermenschlichen, Gandalf der Weiße, der Große. Doch dafür müsste er dem Geheimnis auf die Spur kommen, das sich zum Greifen nah anfühlte, er müsste die Zeichen deuten können, die seit ein paar Tagen überall in seiner Umgebung wie Warnlämpchen aufleuchteten und ihm bislang nicht den geringsten Hinweis auf ihre Herkunft gaben. Er erkannte nur ihre Reichweite und Intensität, was seine Nerven unerträglich anspannte, denn wenn er jetzt scheiterte und die Passage sich wieder schloss, bekäme er vielleicht nie wieder in seinem Leben eine Chance. Er tappte im Dunkeln, nur geleitet von seinem Instinkt, und das gefiel ihm gar nicht. Der Instinkt war ein Anfang und lieferte ihm einen ersten Anhaltspunkt, aber mehr auch nicht.

Hinter ihm in seinen Privaträumen klingelte das Telefon. Nicht mehr als drei Menschen auf der ganzen Welt kannten die Nummer, und er verschüttete fast den letzten Schluck aus seinem Glas, so eilig hatte er es ranzugehen. Er sammelte sich, atmete tief, ließ es noch zweimal klingen und hob ab: »Pronto.«

»Ich habe, wonach Sie mich losgeschickt haben, Eccellenza.«

»Wunderbar. Wickeln Sie es in Geschenkpapier, binden Sie eine knallige Schleife drum und schicken Sie es mir sobald wie möglich mit einem Boten.«

»Soll er es persönlich abliefern?«

»Er soll es dem Portier geben; der bringt es mir dann hoch.«

»In Ordnung. Noch etwas?«

»Erst mal nicht. Rufen Sie mich morgen über Roxanna an, unter dem üblichen Namen.«

»Guten Abend, Eccellenza.«

Er legte auf, schloss für einen Moment die Augen und gönnte sich über fast eine Minute ein triumphierendes Lächeln, dann schlüpfte er in seinen Trainingsanzug, nahm seine Tasche und ging in den Fitnessclub, um seine täglich vierzig Minuten zu schwimmen. Bei seiner Rückkehr würde ihn etwas Interessantes erwarten.

Die deutsche Sprache unterscheidet, auch wenn der größte Teil der Muttersprachler sich dessen nicht bewusst ist, zwischen der Welt der Dinge einerseits und der Wirklichkeit andererseits: Der Begriff »Realität« ist vom lateinischen »res« abgeleitet und bezieht sich auf die Dinge, während »Wirklichkeit« von »wirken« im Sinn von »auswirken, Wirkung haben« kommt.

»Der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass die Dinge auf der Erde eine recht bescheidene Existenz haben und dass die wahre Wirklichkeit in den Träumen stattfindet«, Baudelaire, Motto zu Les paradis artificiels.

Der Künstler, der sich für die Realität entscheidet, gibt sich mit der Existenz dieser Realität zufrieden und nimmt sie sich als Modell, das er in seinem Werk so präzise, wie seine Technik es ihm erlaubt, nachzubilden versucht; der hingegen, der sich für die Wirklichkeit entscheidet, gebraucht die Welt als Rohstoff, gleich einem Steinbruch, aus dem er das Material herausholt, mit dessen Hilfe er ein Abbild von der Wirklichkeit schafft, das über eine schlichte Kopie hinausgeht und sich vornimmt, Außenwelt und Innenwelt des Künstlers gleichermaßen darzustellen.

Was ist der bessere Realismus, das gescheiterte Leben eines Minenarbeiters darzustellen oder den Schmerz eines Gespenstes, das sich seinen Liebsten nicht mitteilen kann?

Existiert die Liebe oder bilden wir uns ihre Existenz nur ein, ausgehend von dem, was sie in uns auslöst?

Ist die Wirklichkeit um uns herum die einzige, oder nur die einzige, zu der wir Zugang haben?

Entsteht Wirklichkeit erst durch den Konsens derer, die an ihr teilhaben?

Besitzt der Mensch die Gabe der Fantasie, um die Möglichkeit zu haben, sich zu anderen Realitätsebenen Zugang zu verschaffen? Wirklichkeit oder Selbstbetrug? Sein oder Schein?

 

Zerstreut ging Professor Duroselle die Karteikarten durch, las hier und dort eines der altmodischen, verschiedenfarbigen, fein linierten Kärtchen und rang dabei nach einer Entscheidung, wie er die Angelegenheit angehen und wen er anrufen sollte. Obwohl ihn derzeit andere Probleme beschäftigten, galt sein Leben solchen Fragen, wie sie auf Hunderten von Kärtchen das Regal hinter seinem Schreibtisch füllten, und wenn er in seiner nun schon fernliegenden Jugend noch angenommen hatte, eine Lösung zu erahnen, eine mögliche, verblüffend einfache Erklärung, die ein für alle Mal die ihn umtreibenden Fragen lösen würde, hatte er im Lauf der Zeit und mit wachsender Erfahrung begriffen, dass es ein zu großes Thema war, als dass er oder irgendjemand anderes eine universal gültige Antwort finden könnte. Als er auf die fünfzig zuging und seine Thesen bescheidener wurden, als seine Prosa die Aggressivität der Achtundsechziger ablegte, die ihn zu Kampfschriften über den Sieg der Fantasie und der Vorstellungskraft über jede andere Realität verleitet hatte, als er sich allmählich der Tatsache fügte, dass die Wirklichkeit nicht mehr, aber vor allem nicht weniger war als das, was ihn tagein, tagaus umgab, als er nicht mehr hoffte, ohne Vorwarnung, im unerwartetsten Moment auf einmal in dieses Dazwischen blicken zu können, den Übergang zwischen dieser und der anderen Wirklichkeit, an deren Existenz er immer geglaubt hatte, da auf einmal erhielt er einen aberwitzigen Anruf, der sein Leben änderte.

Es war Frühling, die Kastanienbäume in Paris standen voller weißer und rosafarbener, kegelförmiger Blüten, wie Kerzen auf Weihnachtsbäumen; die Mädchen liefen in kurzen Ärmeln herum und gingen ohne Strümpfe zur Uni, und ihre nun zum Vorschein kommende milchige Winterhaut würde sich nach wenigen Wochen Spazierengehen an der Seine golden färben; die Kollegen trafen sich am frühen Abend in den Bistros, die bereits von den Plastikplanen, diesen notdürftigen Schutzvorkehrungen gegen den Dauerregen des Pariser Winters, befreit waren; die kleinen Antiquariate im Marais räumten Schätze zweifelhafter Herkunft auf die Straße hinaus, um die Touristen anzulocken, und die ganze Luft roch nach Wiederauferstehung nach einem langen Winter. Er war schon ein Jahr von Sandrine getrennt und fand sich allmählich damit ab, dass das Leben auch ohne sie einen, wenn auch bescheidenen Sinn hatte. Er hatte sich vorgenommen, seine Energie mehr ins Unterrichten als in die wissenschaftliche Forschung zu stecken, und hatte sich aus einem Reisebüro einen Stapel bunter Kataloge mitgebracht. Früher wäre ihm nie in den Sinn gekommen, die darin beworbenen Weltgegenden zu bereisen, da seine Ferien immer der Recherchearbeit vorbehalten gewesen waren. Aber das war noch nicht alles: Er hatte sich sogar spontan mit einer fünfzehn Jahre jüngeren Kollegin zum Abendessen verabredet, was ihm das gute Gefühl gab, wieder Mann zu sein, auch wenn er dabei vor sich selbst erschrak.

Ein Lied auf den Lippen, legte er beim Nachhausekommen die Prospekte auf den Kaffeetisch und schenkte sich entgegen seiner Gewohnheiten einen Cognac ein, obwohl es noch nicht sieben Uhr abends war. Doch kaum hatte er es sich in seinem Lieblingssessel im Erker gemütlich gemacht, klingelte das Telefon, ein altmodischer, schwarz glänzender Apparat, dessen durchdringendes Läuten ihn jedes Mal aufschreckte. Kurz erwog er, nicht ranzugehen, doch dann fiel ihm ein, dass es die Kollegin sein konnte, die ihm sagen wollte, dass ihr etwas Unvorhergesehenes dazwischengekommen sei und sie ihr Abendessen verschieben müssten, und so stand er schließlich auf und hob ab. Er wäre sogar erleichtert gewesen.

Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang wie von einem anderen Planeten und war mit einem unangenehmen Knistern unterlegt: »Professor Duroselle«, hatte die Stimme gesagt, »vertreten Sie noch immer die Ansicht, dass wir von parallelen Wirklichkeiten umgeben sind?«

Seine Antwort auf diese wundersame Frage kam, ohne dass er überlegte: »Selbstverständlich.«

»Ich habe das Vergnügen, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass Sie ausgewählt worden sind, dem Club der Dreizehn beizutreten.«

Er bekam fast einen Lachanfall. Das klang wie ein Jugendbuch, Die fünf Freunde, Die Mumie und die sieben Geheimnisse, Die drei Fragezeichen. Doch zum Lachen hatte er keine Zeit. Die Stimme gab ihm eine Adresse auf der Île Saint-Louis an, Uhrzeit, Losungswort.

»Kommen Sie allein. Sprechen Sie mit niemandem darüber. Sie werden es nicht bereuen, Professor. Das ist das, wonach Sie ihr Leben lang gesucht haben.«

Er bekam am ganzen Körper Gänsehaut, als würde ihn eine riesige Hand anfassen.

»Ich werde da sein.«

Bevor er es sich noch anders überlegen würde, rief er sofort die junge Kollegin an. Vielleicht war es nur ein schlechter Scherz, aber er konnte diese Gelegenheit nicht vorbeiziehen lassen. Wie oft kommt es schon vor, dass man sich vom Mysterium berührt fühlt? Sollte man ihn nur einen alten Egoisten nennen. In weniger als einer Stunde war er bestellt, er wusste weder zu wem noch wozu. Doch die Stimme hatte etwas von anderen Wirklichkeiten gesagt. Da musste er hin.

Und jetzt war wieder Frühling, er war fast sechzig, Präsident des Clubs der Dreizehn, der derzeit nur acht Mitglieder zählte und sich mit Problemen herumschlug, weil ein Mitglied eine Dummheit begangen hatte.

Er griff zum Telefon, mittlerweile ein modernes kleines mit Vibrationsalarm – wenigstens war er von diesem Klingeln und dem anschließenden Tuten befreit –, und wartete, sich nervös auf die Lippen klopfend, dass an dem Anschluss in Mailand jemand abhob. Die Stelle in Rom war seit ein paar Tagen nicht besetzt.

 

Das Wetter war abscheulich: In Regen übergehender Schneeregen, den der schneidende Wind einem in die Anorakkrägen trieb und gegen die Hosenbeine klatschte, während Eis die Haare wie ein Festiger verklebte. Den ganzen Februar war das herrlichste Wetter gewesen, doch jetzt war der Winter ohne Vorwarnung zurückgekehrt, als wollte er Menschen und Pflanzen dafür bestrafen, dass sie so dumm gewesen waren zu glauben, sie hätten das Schlimmste überstanden.

Wolf Altmann und Gabi Mayr taten einen Seufzer der Erleichterung, als sie das Portal der Alten Universität durchschritten und, umringt von Gedenktafeln und Büsten berühmter Männer, in der Eingangshalle standen, denn obwohl die Temperatur unwesentlich höher lag als draußen, herrschte hier wenigstens kein Wind. Schnell durchquerten sie den nächsten Schutzwall: eine automatische Glastür. Sie wurden von einem Schwall Küchengerüche begrüßt, der aus der im Keller des Gebäudes liegenden Studentenmensa heraufzog. Das Gläshäuschen des Portiers war unbesetzt, also nahmen sie die große Marmortreppe in die Beletage, wo die Gänge breiter waren als das Wohnzimmer einer Mittelstandsfamilie. Eines nach dem anderen lasen sie die Türschilder, bis sie das Dekanat der Geisteswissenschaftlichen Fakultät gefunden hatten. Sie klingelten und warteten, dass das Türschloss aufschnappte.

Eine Frau mittleren Alters empfing sie mit einem Lächeln, das man eher als Abwehrwaffe gegen jede Art von Eindringlingen bezeichnen konnte.

»Altmann und Mayr, Kripo Innsbruck. Wir haben um zehn einen Termin mit dem Herrn Dekan.«

Der Dekanatssekretärin fiel die Kinnlade runter. Als sie den Mund wieder geschlossen hatte, drehte sie sich um und drückte eine Taste auf dem Haustelefon.

»Seien Sie so gut und warten Sie einen Moment. Der Herr Dekan ist noch in einer Sitzung.«

Gabi und Wolf wechselten einen Blick, dann zogen sie ihre nassen Anoraks aus und sahen sich um, wo sie sie aufhängen konnten. Endlich bequemte sich eine junge, nicht sehr intelligent wirkende Hilfskraft auf die stumme Aufforderung ihrer Chefin hin, ihnen die nassen Anoraks abzunehmen und an die Personalgarderobe zu hängen. Fünf Minuten vergingen, in denen sie schweigend zusahen, wie die drei Frauen Anrufe annahmen, tippten und ihnen hin und wieder verstohlen einen neugierigen Blick zuwarfen. Endlich ging die Bürotür auf, und vier Krawatten tragende, griesgrämig blickende Männer im mittleren Alter kamen heraus und gingen weg, ohne sich von irgendwem zu verabschieden.

An der Schwelle blieb ein müde aussehender Herr im Anzug zurück und hörte sich die geflüsterten Erläuterungen der Chefsekretärin an. Augenblicklich kam er mit ausgestreckter Hand und gequältem Lächeln auf sie zu: »Es tut mir leid, dass Sie warten mussten. Wir hatten gerade eine dieser … ähm … schwierigen Sitzungen.«

Sie wechselten in das Büro des Dekans, wo ein anderer Herr rasch von einem am Fenster stehenden Sofa aufstand.

»Ich habe mir erlaubt, den Institutsleiter in der vorliegenden Frage dazuzubitten. Ich hoffe, das stört Sie nicht. Erlauben Sie mir, Ihnen Professor Mötz vorzustellen.«

Professor Mötz, etwa fünfzig, groß und etwas wabbelig, sah mit seinen rosigen Wangen und seiner Stirnlocke aus wie ein altes Kind. Der Schrecken war ihm anzusehen.

»Gut«, sagte Altmann und nahm in dem Sessel Platz, den der Dekan ihm gewiesen hatte, »Sie haben das Wort.«

»Wir?«, antwortete Mötz eilig. »Wir haben Ihnen nichts zu sagen.«

Altmanns Blick schwenkte zu dem Dekan.

»Ja, Chefinspektor, sehen Sie, also wir, ich kann nicht anders als meinem Kollegen recht geben, wir haben Ihnen in der Angelegenheit tatsächlich nichts zu sagen.«

»Aber Sie wissen, dass der Sohn von Professor Fink auf das Verschwinden seines Vaters hin Anzeige erstattet hat.«

Beide nickten. Ein paar Sekunden lang sagte niemand etwas.

»Vielleicht war die Entscheidung des jungen Fink etwas übereilt«, sagte der Dekan schließlich.

»Finden Sie?« Gabi Mayrs Stimme war weich, hatte gleichzeitig jedoch etwas Scharfes. »Wie lange sollte Ihrer Meinung nach ein Sohn auf Nachrichten von seinem Vater warten, bis er zur Polizei geht? Finden Sie es übereilt, nach vier Wochen eine Vermisstenanzeige aufzugeben?«

Der Dekan wechselte mit Mötz einen nervösen Blick, dann sah Mötz zum Fenster hinaus.

»Sehen Sie, mein Fräulein …«

»Frau Inspektor.«

»Entschuldigung. Sehen Sie … ein Universitätsprofessor genießt gewisse Privilegien, Rechte … eines davon ist, dass er vor niemandem Rechenschaft über seinen Aufenthaltsort ablegen muss. Wir reden hier doch nicht über einen Jugendlichen.«

»Ein Universitätsprofesser kommt also mitten im Semester nicht mehr zu seinen Lehrveranstaltungen, glänzt bei allen seit Langem feststehenden Sitzungen und Verpflichtungen mit Abwesenheit, und kein Mensch fragt sich, was zum Teufel mit ihm los ist und wo er steckt.«

»Ich habe mehrmals persönlich bei Professor Fink zu Hause angerufen, ihn aber nie erreicht«, schaltete Mötz sich ein. Er klang wie ein Junge, der jede Schuld von sich weisen will. »Ich habe bei den Kollegen herumgefragt, keiner wusste etwas, und am Ende habe ich mir gedacht, wahrscheinlich ist er für ein paar Tage weggefahren, um zu recherchieren, nach Rom vielleicht.«

»Warum nach Rom?«

»Weil das Epos des sechzehnten Jahrhunderts sein Forschungsschwerpunkt ist; er nimmt sich häufig ein paar Tage zum Recherchieren in Rom.«

»Und Sie als Vorstand des Instituts muss er darüber nicht informieren?«

Mötz setzte zu einem sarkastischen Lächeln an, kam aber über eine Andeutung nicht hinaus: »Mich informiert hier niemand und am allerwenigsten Fink.«

Der Dekan verzog das Gesicht, als hätte er in eine grüne Zitrone gebissen.

»Irgendwann kommt es sowieso heraus«, fuhr Mötz, an den Dekan gerichtet, fort. »Was soll’s. Fink und ich reden seit Jahren nicht mehr miteinander. Wenn er Institutsvorstand ist, mache ich, was ich will, umgekehrt ist es genauso. Das beruht auf Gegenseitigkeit.«

»Herr Mötz«, schaltete der Dekan sich ein, »ich glaube kaum, dass die Polizeibeamten sich bis hierher vorgekämpft haben, nur um sich unsere internen Streitereien anzuhören. Wie können wir Ihnen helfen?«

Altmann zog ein kleines Ringbuch mit schwarzen Deckeln heraus: »Gestern Morgen kam Dr. Johann Fink, der Sohn von Professor Helmut Fink, zu uns, weil er seit vier Wochen nichts mehr von seinem Vater gehört hat. Wie Sie vielleicht wissen, arbeitet Finks Sohn in Hannover und hält vor allem telefonisch und über E-Mail zu seinem Vater Kontakt. Er erzählte, dass sie sich seit dem Tod von Professor Finks Frau fast täglich auf irgendeine Weise austauschen. Der junge Mann bedauert sehr, dass er so weit entfernt von seinem Vater lebt, und bemüht sich, ihn zumindest häufig anzurufen. In letzter Zeit ist er ihm offenbar seltsam vorgekommen, er konnte aber nicht genau sagen, ob sein Vater eher zerstreut oder besorgt auf ihn gewirkt hat, auf jeden Fall, so die Aussage des Sohnes, sei er mit seinem Kopf woanders gewesen. Bei einem Telefonat habe der Professor auf die Frage, ob etwas sei, geantwortet: ›Das weiß ich selbst nicht. Ich nehme an, ich vermisse deine Mutter. Vielleicht nehme ich mir über Ostern ein paar Tage frei.‹ Darum hat der Sohn sich zunächst keine Gedanken gemacht, sondern erst, als er nach einiger Zeit immer noch verschwunden war. Er fragte alle Freunde seines Vaters, doch niemand wusste etwas.«

»Ja«, bestätigte der Dekan, »letzte Woche hat er auch mich angerufen.«

»In Anbetracht der Lage erschien es ihm am vernünftigsten, die Polizei einzuschalten.«

»Damit Sie ihn suchen und ihn in irgendeinem Berghotel mit einer jungen Dohle aufstöbern?«, sagte Mötz in dem Bemühen, den Spaßvogel zu geben.

Die Inspektorin warf dem Dekan einen fragenden Blick zu: »Das ist lächerlich, meine Herren. Professor Fink ist ein grundanständiger Mann, in seinen vierzig Jahren Ehe hat er nie Anlass zu Gerede gegeben.«

»Wir müssen, auch wenn wir ein … galantes Abenteuer natürlich nicht ausschließen können, andere Möglichkeiten in Betracht ziehen«, sagte Altmann.

»Zum Beispiel?« Der Dekan wandte sich ihnen mit verschränkten Händen zu.

»Entführung, zum Beispiel«, sagte Mayr. »Oder Selbstmord. Oder natürlich Mord.«

Der Dekan erhob sich und ging im Zimmer auf und ab: »Aber, ich bitte sie, das ist doch haarsträubend, das ist unmöglich.«

»Herr Dekan, was ist unmöglich?«

»Das alles, das alles ist unmöglich. Fink ist ein Mann, damit will ich sagen, er ist keiner, der sich umbringt. Außerdem, welche Motive hätte er? Der Tod seiner Frau war für ihn natürlich ein sehr harter Schlag, aber das ist über ein Jahr her. Und Entführung, ja, um Himmels willen, wer würde denn einen Literaturprofessor entführen? Warum? Abgesehen davon hätten sie schon längst Kontakt mit seinem Sohn aufgenommen, wegen des Lösegelds, meine ich. Und … ich bitte Sie, nein, das ist schlicht unmöglich.«

»Und was sagen Sie zu Mord?«

Mötz lachte plötzlich los, dass ihm fast die Tränen kamen. Alle sahen sich an.

»Mötz! Um Himmels willen, ich bitte Sie!« Der Dekan war sichtlich verärgert.

Allmählich fand der Universitätsprofessor die Fassung wieder.

»Entschuldigung. Ich kam mir auf einmal vor wie in einer Fernsehserie und dachte, gleich kommt die Frage, ob er Feinde hatte, ob irgendwer Interesse gehabt haben könnte, ihn zu töten.«

»Und?«

»Fragen Sie das im Ernst?«

»Ja.«

Der Dekan wartete starr ab, was Mötz antworten würde. Der drehte in einer großmütigen Geste die Handflächen nach oben und lächelte wieder. »Natürlich nicht, meine Herrschaften. Wo glauben Sie denn, sind wir? Das ist eine Universität. Natürlich gibt es Reibereien und Streit, das zu leugnen wäre schon sehr naiv und außerdem unglaubwürdig, aber wir bringen uns hier doch nicht gegenseitig um. Gut, wir wischen uns gelegentlich eins aus, um zusätzliche Gelder für unsere Forschungsvorhaben oder eine weitere Assistentenstelle zu erhalten, aber wir greifen nicht zu Gift oder Messern.«

Der Dekan war sichtlich erleichtert, als er die Antwort des Romanisten vernahm.

»Ich teile seine Ansicht.«

»Hat jemand von Ihnen Professor Fink in den letzten Wochen gesehen?«

Beide schüttelten den Kopf.

»Ich sowieso nicht«, führte Mötz aus. »Wir haben vollkommen unterschiedliche Arbeitszeiten, jeder von uns hat sein Büro, wir begegnen uns eigentlich nur in den Institutssitzungen, und im April waren wir in keiner zusammen.«

Der Dekan hatte einen bordeauxroten Kalender herausgeholt und ging die Tage und Wochen durch: »Hier. Ich hatte es noch vage im Kopf, wusste aber nicht mehr genau den Tag. Am 26. März hatten wir hier in diesem Raum um Viertel nach neun einen Termin. Er kam nicht. Und ich erinnere mich, dass ich mich sehr wunderte, weil Fink ein ausgesprochen pünktlicher, höflicher Mensch ist. Normalerweise hätte er angerufen, um sich zu entschuldigen, aber das hat er nicht getan. Ich habe es dann vergessen. Bei dem, was ich alles zu tun habe …«

»Warum wollte er zu Ihnen?«

Der Dekan sah völlig ratlos drein: »Keine Ahnung. Er meinte, es sei nur für fünf Minuten, sonst sagte er nichts.«

»Wissen Sie, ob Ihre Sekretärinnen ihn an dem Tag gesehen haben?«

»Das lässt sich gleich herausfinden.« Der Dekan ging zur Tür, streckte den Kopf hinaus und gab die Frage des Chefinspektors an die drei Frauen weiter. Die beiden Jüngeren wussten nichts, die Ältere neigte den Kopf zur Seite, wodurch sie auf einmal Ähnlichkeiten mit einem kleinen Vogel hatte, und sah den Dekan fest an.

»Wenn Sie uns etwas zu sagen haben, Frau Lechner …«

»An dem Tag, als er den Termin bei dem Herrn Dekan hatte, kam der Herr Professor viel früher als gewohnt, es muss kurz nach acht gewesen sein, denn ich goss gerade die Pflanzen und das tue ich immer als Allererstes, alle zwei Tage. Ich sagte ihm, dass der Herr Dekan noch nicht da sei, und, schon im Gehen, bat er mich auf einmal, ich solle ihm den Sitzungssaal des Senats aufschließen.«

»Wozu?«, fragten die beiden Polizeibeamten gleichzeitig.

Frau Lechner machte ein beleidigtes Gesicht. Undenkbar, dass eine Angestellte, und sei es die Chefsekretärin des Dekanats, es wagen würde, einen Universitätsprofessor zu fragen, warum er in einen Raum der Universität wollte: »Das habe ich ihn doch nicht gefragt.«

»Sie haben ihm also aufgeschlossen.«

Sie nickte eifrig: »Ich habe ihm aufgeschlossen, und er hat mich angelächelt, und dann hat er gesagt, dass er auch nicht lange braucht und später vorbeikommen will, um den Herrn Dekan zu sehen.«

»Und er ist dort geblieben?«

»Jawohl … Auf dem Weg zum Mittagessen bin ich an dem Raum vorbeigegangen, ich habe mich versichert, dass niemand drin ist, und abgesperrt. Dann habe ich die Sache vergessen.«

»Und Sie haben sich nicht gewundert, dass Professor Fink nicht zu seinem Termin gekommen ist?«

»Es steht mir nicht zu, mich über irgendetwas zu wundern.«

»Was ist in dem Saal?«, fragte Gabi.

»Wollen Sie ihn sehen? Ich zeige ihn Ihnen gern«, sagte der Dekan. »Frau Lechner, wären Sie so freundlich?«

Sie gingen alle nacheinander hinaus. Die Sekretärin nahm den Schlüssel mit dem getippten Schild von einem kleinen Haken unter der Empfangstheke und führte sie durch einen breiten Gang. Nach fünfzig Metern, vorbei an der Aula, blieb sie vor einer Tür stehen, die genauso groß und weiß war wie alle anderen, steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn zweimal um und trat dann zur Seite, um die anderen hineinzulassen.

Es war ein mittelgroßer Saal mit großen, durch Sprossen unterteilten Altbaufenstern, durch die das spärliche Licht des grauen Tages hereinfiel. In dem Raum standen mehrere kleine, zu einem Rechteck zusammengeschobene Tische, ringsum schwarz bezogene Stühle; die Wände schmückten Porträts von ehemaligen Rektoren der Universität, Bilder ganz unterschiedlicher Stilrichtungen von Herren im reiferen Alter, denen die Überzeugung von ihrer eigenen Bedeutung ins Gesicht geschrieben stand. Einer von ihnen trug eine Art orientalisches Kostüm, ein anderer in Hemdsärmeln blickte nach links auf eine Stelle außerhalb des Bildes, alle anderen trugen Talar und Rektorkette.

»Ist das alles?«, fragte die Inspektorin leicht enttäuscht.

Niemand antwortete ihr.

Sie gingen wieder in den Gang hinaus, Frau Lechner schloss die Tür ab, und sie sahen einander etwas ratlos an.

»Professor Mötz, wir würden gern einen Blick in das Büro von Professor Fink werfen.«

»Selbstverständlich. Ich führe Sie hin.«

An der Tür des Dekanats verabschiedeten sie sich vom Dekan und seiner Sekretärin, nahmen ihre Anoraks und verabredeten, in Kontakt zu bleiben. Bevor sie gingen, nahm der Dekan sie kurz beiseite: »Wäre es möglich«, sagte er leise, »dass diese unschöne Angelegenheit mehr oder weniger … unter uns bleibt?«

Elia Barceló

Über Elia Barceló

Biografie

Elia Barceló, in Elda bei Alicante geboren, lebt seit vielen Jahren in Innsbruck, wo sie an der Universität spanische Literatur unterrichtet hat. Sie ist mit einem Österreicher verheiratet und hat zwei Kinder. Bereits mit ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Buch »Das Geheimnis des Goldschmieds«,...

Pressestimmen

Buchkultur

Elia Barceló beschwört mit wenigen Worten Stimmungen herauf und schafft Atmosphären, denen man sich als Leser nicht entziehen kann ... Abgründig wie fesselnd, farbenprächtig und düster, schillernd und verwerflich. Lebendig und gegenwärtig ... Sehr reale, ironisch-witzige Passagen mit sympathischen Charakteren wechseln mit phantastischen Erzählteilen, durchsetzt mit den prallen Reminiszenzen aus einer anderen Zeit.

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›Die Stimmen der Vergangenheit‹ ist ein Roman von ungewöhnlicher Originalität, voller spannender und überraschender Wendungen ... Elia Barceló hat eines dieser Bücher geschrieben, die den literarischen Zeitgeist absolut treffen, indem sie kriminalistische, historische und phantastische Elemente miteinander verbindet.

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