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Die Stimme des MeeresDie Stimme des MeeresDie Stimme des Meeres

Die Stimme des Meeres

Sergio Bambaren
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Ein Buch für Sanftmütige

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Die Stimme des Meeres — Inhalt

Auf einer Reise durch die USA begegnet Sergio Bambaren Kapitän Mike, der ihm von den Manatis, den Rundschwanzseekühen, erzählt. Die geheimnisvollen Tiere sind, ähnlich wie Delfine, sehr menschenfreundlich und als Vegetarier vollkommen harmlos. Dennoch werden sie von den Menschen bedroht. Mike ermöglicht Bambaren, mit den Manatis zu schwimmen und die Welt durch die Augen der schwebenden Riesen zu sehen. Er trifft auf das Jungtier Swami, dessen Mutter durch Schiffsschrauben ums Leben kam; er selbst ist von Narben übersät. Doch gerade der geschundene Swami ist es, der Bambaren das Urelement Wasser und den eigentlichen Sinn des Reisens wieder nahebringt: Wichtig ist nicht die Menge an Eindrücken, sondern die Intensität des Erlebens.

€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 19.03.2019
Übersetzt von: Gaby Wurster
96 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-86612-390-8
Download Cover
€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 29.07.2021
Übersetzt von: Gaby Wurster
96 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31639-2
Download Cover
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 19.03.2019
Übersetzt von: Gaby Wurster
96 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-99327-2
Download Cover

Leseprobe zu „Die Stimme des Meeres“

Vorwort des Autors

Manchmal versucht die Welt, es einem abzugewöhnen – aber ich glaube an Träume, so wie andere Menschen an Märchen glauben. Ich stelle mir gern vor, dass das, was ich sehe oder höre, von einem fernen Ufer kommt, weit weg von unserem Lebensraum und dem Ort, wo ich geboren bin. Vielleicht habe ich die Worte, die ich in der Stille meiner Einsamkeit höre, oder die Bilder, die ich in meinen Träumen sehe, bereits vor meiner Geburt gehört und gesehen. Womöglich haben sie mich auf diese Weise darauf vorbereitet, Ehrfurcht vor dem Zauber dieser [...]

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Vorwort des Autors

Manchmal versucht die Welt, es einem abzugewöhnen – aber ich glaube an Träume, so wie andere Menschen an Märchen glauben. Ich stelle mir gern vor, dass das, was ich sehe oder höre, von einem fernen Ufer kommt, weit weg von unserem Lebensraum und dem Ort, wo ich geboren bin. Vielleicht habe ich die Worte, die ich in der Stille meiner Einsamkeit höre, oder die Bilder, die ich in meinen Träumen sehe, bereits vor meiner Geburt gehört und gesehen. Womöglich haben sie mich auf diese Weise darauf vorbereitet, Ehrfurcht vor dem Zauber dieser Welt zu empfinden und mich in Geduld zu üben, denn alles hat seine Zeit. Den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, ist das Wesentliche im Leben.

Ob ihr es glaubt oder nicht, diese Geschichte beginnt im Walt Disney World Resort in Orlando, Florida, im Land der Träume. Das liegt daran, dass es damals nach jahrelangen Versuchen endlich gelungen war, einen englischsprachigen Verlag für meine Bücher zu finden. Dafür geht mein herzlichster Dank an meine Literaturagentin Vicki Satlow, die mich nie aufgegeben hat. Wenn ich ganz verzweifelt war und dachte, alle Mühen seien vergebens, sagte sie immer: Dein Tag wird kommen, und der Zeitpunkt wird stimmen … Meine geschätzten Lektorinnen Bettina Feldweg und Stefania de Pasquale haben dies ebenfalls gesagt, und auch ihnen bin ich dankbar dafür. So wurde mein Traum nach vielen Jahren doch noch wahr. Danken möchte ich auch Steve Goodman, der immer geduldig meine Manuskripte korrigiert.

Vor einigen Jahren flog ich also nach Florida, um mein Buch The Dolphin (Der träumende Delphin) in der englischsprachigen Welt bekannt zu machen.
Ich war in Disney World eingeladen, wo ich in einem schönen Geschäft drei Tage lang las, meine Arbeit vorstellte und mit Menschen aus aller Welt zusammentraf. Es war ein wunderbares Erlebnis! Egal, woher man kommt, welchem Geschlecht, welcher Hautfarbe oder welcher Altersgruppe man angehört – dort wird jeder wieder zum Kind. Ich auch!
Erika, die hübsche junge Frau, die in dem Geschäft arbeitete, verriet mir das Geheimnis von Disney World, das, worum es in dieser Zauberwelt vor allem geht.
„Weißt du, was das Geheimnis dieses Ortes ist?“, fragte sie mich.
„Um ehrlich zu sein – nein“, erwiderte ich. „Aber ich spüre, dass hier etwas in der Luft liegt, man hat das Gefühl, als wäre hier alles möglich.“
„Volltreffer!“, gab sie zurück und sah mich an. „Aber warum ist das so?“
„Ja, warum?“, fragte ich.
„Wenn du dieses magische Reich betrittst, bestimmt sich dein Alter anders als in der Welt dort draußen. Wie alt bist du?“
„Siebenundvierzig.“
„Nun ja, so zählt man das außerhalb dieses Zaunes.“ Sie lächelte. „Aber solange du hier bist, läuft es anders.“
„Wie meinst du das?“
„Hier in Disney World ist dein wahres Alter die Quersumme deines ›Erwachsenenalters‹.“
„Und was bedeutet das?“, fragte ich.
„Also, Sergio, du hast gesagt, du seist siebenundvierzig. Aber hier und jetzt, in diesem Augenblick und an diesem Ort, bist du so alt wie die Summe der beiden Ziffern deines Alters.“ Sie strahlte mich mit ihren schönen blauen Augen an. „Vier und sieben, ja?“
„Ja.“
„Tja, hier bist du jetzt keine siebenundvierzig mehr, hier bist du vier plus sieben, also elf!“
Und sie hatte recht. Ich fühlte mich wie elf, und es war toll. Ich bin der Überzeugung, man sollte immer und überall das Disney-World-Alter haben. Wer neunundneunzig ist, wäre dort achtzehn – und achtzehn ist das höchste Alter, das man in dieser Zauberwelt erreichen kann!
Aber die Sache hat einen Haken: Die meisten Menschen fühlen sich in Disney World jung, doch wenn sie dieses Reich der Magie verlassen und wieder nach Hause gehen, hört der Zauber auf. Das werde ich niemals verstehen.
Wie ich anfangs sagte: Manchmal versucht die Welt, es einem abzugewöhnen – aber ich glaube an Träume, so wie andere Menschen an Märchen glauben.

An der Westküste Floridas gibt es einen abgelegenen Ort – dies ist das echte Florida, nicht Miami, die geschäftige Großstadt, in der sich viele Menschen, die auf der Suche nach einem besseren Leben in dieses Land gekommen sind, nicht mehr an ihre bescheidenen Wurzeln erinnern wollen. Sie fahren einen BMW und besitzen ein großes Haus, sind umgeben von hektargroßen Einkaufszentren und konsumieren unentwegt. Sie streben nach einem Glück, das sie jedoch in dem, was sie tun, niemals finden werden. Geblendet von riesigen Wolkenkratzern, den Symbolen finanziellen Erfolgs, die die Stadt dominieren, sind sie den ganzen Tag im Auto unterwegs, ziehen von A nach B und kommen doch nie irgendwo an. In ihrem tiefsten Inneren sehnen sie sich danach, dem System zu entfliehen und ihre Sicherheitszone zu verlassen, und wissen dabei nicht, dass die Lösung sehr viel näher liegt, als sie denken, nämlich verborgen in ihren Herzen, verschüttet unter Dingen, die ihre fehlende Spiritualität ersetzen sollen.
Aber nun gut, woher nehme ich mir das Recht zu sagen, was falsch und was richtig ist!
Wenn diese Menschen von Miami doch nur einmal ein paar Stunden Richtung Westen fahren würden!

Nach einigen Lesungen in Miami machte ich mich auf den Weg an die Westküste Floridas. Hunderte von Kilometern ging es durch Sumpfland, es gab Straßenschilder, die mit „Crocodile Crossing“ vor Krokodilen warnten. Das echte Florida, wild und heiß. In den Wassertümpeln der Sümpfe leben Flamingos, schöne Vögel aller Art flattern in den Bäumen, Schildkröten strecken die Köpfe aus dem Wasser und verschwinden gleich darauf wieder. In kleinen Städten führen die Menschen ein ruhiges, einfaches Dasein, umgeben von einer ursprünglichen Flora, die sich bis zum Horizont erstreckt.
Doch erst an der Westküste in der Nähe von Tampa verändert sich die Landschaft tief greifend. Die Hitze weicht der leichten Brise, die vom Golf von Mexiko herüberweht, auf das Sumpfland folgen üppige grüne Wälder, durchzogen von kristallklaren Flüssen. Dort gibt es viele Naturschutzgebiete, Städtchen mit liebenswürdigen Menschen, die ein gemächliches Leben haben und keine Eile kennen. Alle Menschen und Tiere leben in Frieden und Eintracht in diesen Wäldern zusammen.
Nun ja, fast alle …

Dies ist das Land der Waschbären, der Fuchshörnchen, der Eulen und Steinadler, ja selbst Delfine schwimmen manchmal die Flüsse hinauf zu den vielen Seen und Tümpeln. Dort finden sie Fisch, den sie in den Wintermonaten zum Überleben brauchen, und sind vor den Raubfischen des Golfs von Mexiko sicher.
Vor allem aber ist es das Reich der zauberhaften Manatis. Manatis, auch Seekühe genannt, sind große Meeressäuger. Der Name Manati stammt aus der Sprache der Taíno, eines indigenen, präkolumbischen karibischen Volkes, und bedeutet „Brust“ – in früheren Zeiten hielten Seeleute die Manatis für Meerjungfrauen.
Manatis sind vornehmlich Pflanzenfresser, die meiste Zeit grasen sie in seichtem Wasser in ein, zwei Metern Tiefe. Sie wiegen im Schnitt eine halbe Tonne, ausgewachsene Männchen mitunter mehr, und können bis zu viereinhalb Meter lang werden. Sie bewegen sich üblicherweise mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von drei bis sieben Kilometern pro Stunde, im Bedrohungsfall können sie aber bis zu fünfundzwanzig Kilometer pro Stunde erreichen. Sie leben sowohl in Salz- als auch in Süßwasser, bevorzugt in seichten, wärmeren Küstenabschnitten, aber auch in Flüssen, Lagunen und Mangroven. Sie bewegen sich frei zwischen Gewässern von unterschiedlichem Salzgehalt hin und her, schwimmen aber nie ins offene Meer hinaus.
Die Kälber sind in den ersten Monaten ganz von der Mutter abhängig und werden mit ihrer warmen, gehaltvollen Milch gesäugt, bevor sie beginnen, feste Nahrung in Form von Seegras und Algen vom Gewässergrund zu sich zu nehmen. Der Karibik-Manati kann bis zu sechzig Jahre alt werden.
Florida gilt als der nördlichste Lebensraum des Karibik-Manati, denn wegen seines langsamen Stoffwechsels verträgt er Kälte nicht sehr gut. Im Sommer dringt er gelegentlich in den Mittelatlantik vor. Die eine Hälfte des Tages frisst der Manati, die andere Hälfte ruht er unter der Wasseroberfläche und streckt zum Atmen nur durchschnittlich alle vier Minuten die Nase aus dem Wasser, er kann aber auch bis zu fünfzehn Minuten am Stück tauchen.
Der Manati hat kleine, weit auseinanderstehende Augen, mit denen er vermutlich Farben sehen kann. Die Lider schließen sich kreisförmig.
Er hat eine große gespaltene Oberlippe, die in vieler Hinsicht wie ein Rüssel funktioniert; jede Hälfte kann unabhängig bewegt werden, um zu grasen, zu fressen und mit den Artgenossen zu kommunizieren.
Manatis haben ein ausgeprägtes Sozialverhalten, sie verfügen über ein breites Spektrum an Lauten, über die sie interagieren, vor allem die Beziehung zwischen Kühen und Kälbern ist sehr intensiv. Das Paarungsritual gleicht einem Tanz aus Berührungen und Umarmungen.
In den stark entwickelten Küstenregionen kommt es durch die Langsamkeit und die Neugier der Manatis leider oft zu heftigen Kollisionen mit Wasserfahrzeugen, besonders die Schrauben von Motorbooten verursachen dabei böse Verletzungen und Verstümmelungen bis hin zum Tod. Viele Manatis tragen deswegen Narben auf dem Rücken; anhand ihrer Narbenmuster werden sie inzwischen sogar von den Menschen erkannt und zugeordnet. Viele Menschen halten die gegenwärtige Situation für besorgniserregend und tierunwürdig, haben einzelne Manatis doch bis zu fünfzig Narben und Verstümmelungen durch Bootsschrauben am Körper. Oft ziehen die Schnitte Infektionen nach sich, die tödlich enden können, und auch innere Verletzungen nach Zusammenstößen mit Schiffen führen häufig zum Tod.

Jedenfalls musste ich die Manatis unbedingt sehen und erleben. Im Geiste hörte ich das Lied, die Melodie, die mir sagte: Geh hin!
Das wollte ich tun und mich davon überzeugen, dass einige unter uns noch immer der Musik der Natur lauschen. So wie ich. Ich wollte das Wunder dieser schönen Geschöpfe mit eigenen Augen sehen, am eigenen Leib spüren.
Ich will niemals aufhören, meinen Träumen zu folgen. Ich möchte nicht nur ein bloßer Gast bei dem Abenteuer sein, das wir Leben nennen. Zum Glück brennt in meiner Seele noch eine Kerze, und sie brennt unablässig, selbst im stärksten Sturm. Ich hege sie wie meinen größten Schatz. Sie leuchtet heller, wenn die scheinbar unwichtigen Dinge plötzlich wichtig und groß werden. Wenn ein kleines Licht in der Dunkelheit Sicherheit verspricht und ein helles Licht Leben, dann zögert man nicht, auf das Licht zuzugehen.
Und mein Herz sagte mir, ich solle gehen, solle einmal mehr auf das Licht zugehen.



Tag 1

Über den weniger begangenen Weg gelangte ich zum Crystal River.
Dichte grüne Wälder säumten die Route für die Reisenden, die auf der Suche nach diesem Ort waren, von dem auch ich gehört hatte. Nach ein paar Stunden Fahrt, auf der ich die wunderschönen Vögel dieser Gegend beobachten durfte, kam ich in ein kleines Dorf. Die Straße endete an einem schmalen Holzsteg, an dem mehrere Boote, Sonderanfertigungen für Manati-Touren, vertäut lagen.
Es war nicht einmal ein richtiges Dorf, es gab nur zwei, drei kleine Restaurants und ein nettes Hotel inmitten einer Natur, so ursprünglich, wie sie nur sein kann. Die Menschen wirkten, als würden sie immer schon in diesen Holzhäuschen leben, ein einfaches Leben führen, umgeben von schönen Teichen, kristallklaren Wasserläufen und einer Tierwelt, die weiß, dass ihr die Menschen hier nichts tun: Fuchshörnchen, Waschbären, Opossums, bunte Vögel aller Art. Vor ein paar Stunden hatte ich die riesigen Shoppingmalls hinter mir gelassen und war wieder eins mit mir selbst.
Ich ging gleich zum Steg und fragte, an wen ich mich wenden müsse, wenn ich mit den Manatis schwimmen wolle.
„Fragen Sie nach Captain Mike“, sagte mir eine reizende Dame. „Er führt die Exkursionen zu den Plätzen der Manatis.“
Ich bedankte mich, stieg wieder in meinen Wagen und fuhr etwa einen halben Kilometer zurück zu einem kleinen Haus mit dem Schild „Manatee Tours“. Dort parkte ich und ging zum Haus, wo ich einen älteren hageren Mann mit braunen Haaren und blauen Augen antraf, gebräunt von den heißen Sommern in diesem Teil der Welt.
„Ich suche Captain Mike“, sagte ich.
„Na, den haben Sie gefunden“, gab er zurück.
Nach kurzem Zögern erklärte ich: „Ich suche nach einer Möglichkeit, die Manatis zu besuchen.“
„Warum?“, fragte er.
Ich war kurz irritiert – diese Frage hatte ich nicht erwartet. Also sagte ich das Erste, was mir einfiel und das mir direkt aus dem Herzen sprach:
„Weil ich die Natur liebe und ich mir der wirklichen Welt um mich herum bewusster werde, wenn ich mit Tieren zusammen bin.“
Er lächelte.
„Dann sind Sie am richtigen Ort, junger Mann. Wollen Sie auch eine Kamera mitnehmen?“
„Nein“, antwortete ich. „Meine schönsten Lebenserinnerungen bewahre ich im Herzen und im Gedächtnis auf. Dort kann niemand sie auslöschen, außer vielleicht der Zeit.“
Captain Mike sah mich neugierig an.
„Wie heißen Sie?“
„Sergio.“
„Nun, Sergio, wenn Sie weiterhin so denken, werden Sie feststellen, dass die Zeit, die Sie bereits hinter sich haben, nichts ist im Vergleich zu der Zeit und zu den Erfahrungen, die Sie noch vor sich haben.“
Er hatte bemerkt, dass ich keine Uhr trug, und ich sah, dass auch er keine anhatte. Ihm war klar, was ich dachte.
„Die Menschen in den großen Städten brauchen Uhren. Hier, hier haben wir Zeit.“
„Sie haben leicht reden“, sagte ich. „Nicht jeder hat das Glück, an so einem zauberhaften Ort geboren zu sein.“
„Wo haben Sie gelernt, jemanden zu beurteilen, den Sie gerade erst getroffen haben?“, fragte er.
Damit überrumpelte er mich.
„Sie haben recht. Entschuldigen Sie bitte! Ich habe angenommen, dass Sie schon immer hier leben.“
„Und woher wollen Sie das wissen?“
„Wie gesagt, ich habe es einfach angenommen.“
Er sah mir streng, aber verständnisvoll in die Augen und sagte:
„Dieses Problem haben viele. Wir beurteilen die anderen nach ihrer Lebensweise oder nach dem, was wir nur kurz an ihnen wahrgenommen haben. Ich habe die ganze Welt bereist, mein Freund. Auch ich war einmal jung wie alle Menschen und habe versucht, einen Sinn in meinem Leben zu finden. Ich habe die Erde mehrmals umrundet und bin an so exotische und wunderbare Orte gelangt, wie Sie sie sich wahrscheinlich überhaupt nicht vorstellen können. Das habe ich alles hinter mir. Und als ich nach all der Zeit keinen Ort mehr fand, an den ich gehen wollte, beschloss ich, hierher in meine Wälder zurückzukehren und bei meinen über alles geliebten Manatis zu sein.“
„Warum?“, fragte ich.
Er lächelte mich an wie ein Vater und blickte dann von seinem kleinen Holzhaus, wo er nichts als Natur um sich herum hatte, auf den schönen Crystal River vor uns und sagte:
„Nachdem ich viele Jahre lang in der ganzen Welt umhergereist bin, habe ich am Ende festgestellt, dass es mich nicht kümmert, ob ich noch ein weiteres Museum, ein weiteres Schloss, eine weitere Kirche oder einen weiteren exotischen Ort auf dieser Erde sehe. Nach einer gewissen Zeit und mithilfe der Erinnerungen, die ich in meinem Gedächtnis verwahre, habe ich schließlich begriffen, dass die tollsten Reisen, die ich noch unternehmen kann, diejenigen sind, die mich tief in mein Inneres führen.“


Tag 2

Captain Mike sagte, die beste Zeit für einen Besuch bei den Manatis sei der frühe Morgen. Er erklärte mir, dass die Tiere sich gemächlich bewegten, dass sie überhaupt nicht aggressiv und grundsätzlich neugierig seien. Sie halten sich gern in wärmerem Wasser auf – unter einer Temperatur von 15° C können sie nicht überleben. Üblicherweise sammeln sie sich in seichten Küstengewässern und Flussmündungen und wandern dann oft durch Brackwasser zu Süßwasserquellen hinauf. Im Winter finden sie in Florida die nötige Wärme in von Quellen gespeisten Wasserläufen, deswegen schwimmen sie in Flüsse wie den Crystal River hinein, wo die Quellen des Citrus County für eine konstante Temperatur von 22° C sorgen.

Ich stieg in einem ansprechenden Motel mit Blick auf den Fluss ab. In diesem Teil der Welt braucht man lediglich einen Ventilator, um das Zimmer zu kühlen, wenn mittags die Temperaturen ansteigen, und eine kalte Dusche, um sich selbst abzukühlen. Ansonsten gab es ein bequemes Bett und überall Fenster. In meinem Zimmer kam ich mir vor wie mitten im Wald – und das war ich ja auch. Tagsüber sah ich Vögel aller Art und von jeglicher Größe vor den offenen Fenstern, und nachts spazierte gelegentlich ein neugieriges Hörnchen, ein Waschbär oder eine Eidechse zu mir herein. Ich fand es faszinierend, dass diese Tiere überhaupt keine Angst vor Menschen hatten. Sie streiften frei über Waldwege, hüpften auf Bäumen umher und betraten sogar Häuser, immer putzmunter. Über dem See kreisten Raubvögel auf der Suche nach einer frühen Mahlzeit – einem Fisch, der den kleinen Adler nicht sehen konnte, der wie ein Blitz zur Wasseroberfläche hinunterschoss und sich im Bruchteil einer Sekunde seine Beute schnappte. Die Nahrungskette hat diese Wälder jahrtausendelang im Gleichgewicht gehalten. Dennoch, selbst meine Liebe zur Natur kann die Trauer nicht ausmerzen, die ich empfinde, wenn ich so etwas sehe.
Aber wer bin ich, dass ich über die Weisheit der Natur urteilen darf? Tiere töten nicht zum Spaß, sondern um zu überleben. Nur der Mensch tötet aus einer perversen Lust am Töten heraus.

Bei meiner Unterhaltung mit Captain Mike am Tag zuvor hatte er mir vorgeschlagen, die Manatis an diesem Morgen zu besuchen. Und so stand ich um sechs Uhr früh am Steg, wo sein Boot lag, eine Spezialanfertigung mit Innenmotor und ohne Unterwasserschraube – ein sehr leises Boot.
Ich hatte meinen Taucheranzug und die Maske mit Schnorchel dabei, keine Flossen. Der Trick beim Beobachten der Manatis ist, horizontal im Wasser zu liegen, denn die Tiere sehen ihre Welt aus dieser Perspektive. Wie die meisten Meeresbewohner schwimmen sie parallel zur Wasseroberfläche, dabei bekommt man einen ganz anderen Blick auf die Welt. Anders als Manatis stehen wir Menschen normalerweise senkrecht zur Oberfläche. Dieselbe Welt, aber zwei völlig verschiedene Möglichkeiten, sie wahrzunehmen. Auch diese Lektion will gelernt sein, wenn man den Dingen unvoreingenommen begegnen möchte.

Wir fuhren etwa eine halbe Stunde sehr langsam flussaufwärts zu den Quellen im Boden, die den Fluss mit warmem Wasser und Mineralien speisen. Zu meiner Überraschung und gänzlich unerwartet überholten zwei Delfine das Boot.
„Das machen sie manchmal“, sagte Captain Mike. „Wenn die Fische die Flüsse hinaufschwimmen und das Futter im Meer rar wird, kommen die Delfine aus dem Golf herauf, weil sie wissen, dass sie hier die Nahrung finden, die sie brauchen, um die kalten Monate zu überleben.“
Ich war begeistert. Von allen Tieren, auf die ich mich gefreut hatte, hätte ich zuletzt mit Delfinen gerechnet.
„Mögen Sie Delfine?“, fragte Captain Mike.
Ich lächelte.
„Mehr, als Sie glauben. Aber das, Captain Mike, ist eine lange Geschichte.“

Nach vierzig Minuten machte Captain Mike das Boot klar zum Ankern.
Ich sah mich um und erfreute mich an der reichen Vegetation um uns herum. Eine Schildkröte streckte kurz den Kopf aus dem Wasser und tauchte gleich wieder unter. Die Vögel standen still am Flussufer und lauerten auf jede Bewegung im Wasser. Schließlich bemerkte ich, dass wir an eine Stelle gelangt waren, wo der Fluss zu enden schien. Vor uns stand eine Wand aus Bäumen wie in einer Sackgasse. Aber natürlich: Wir waren ja flussaufwärts zur Quelle des Flusses gefahren und nicht flussabwärts zur Mündung im Meer. Kleine Bäche, die sich aus dem Wald herausschlängelten, speisten die ruhigen Wasser der Lagune, in der wir geankert hatten. Ungefähr fünfzig, sechzig Meter entfernt konnte ich deutlich die aufgewühlten Stellen erkennen, wo die Quellen am seichten Seegrund sprudelten. Dort war der Fluss wärmer, und im Winter war hier die Anlaufstelle für die Manatis, von der mir Captain Mike erzählt hatte.
Ich machte mich bereit, ins Wasser zu gehen, als ich plötzlich ein Tier schnauben hörte. Ich drehte mich dem Geräusch zu, und da sah ich es: eine massive Schnauze mit Tasthaaren. Das graue, liebe Tier blies durch die Nase und verschwand gleich darauf wieder im Wasser. Ein Manati.
Ich glaube, dass das Glück aus bestimmten Momenten besteht, und dies war so ein Moment. Ich war kurz davor, die Welt dieser wundervollen, liebenswerten Geschöpfe zu betreten, nachdem ich so viel über sie gelesen und im Fernsehen gesehen hatte. Aber das hier war das echte Leben! Es war einer dieser Momente, der mir klarmachte, warum ich auf der Welt bin.
Captain Mike sah, dass ich ganz im Glück war.
„Denken Sie immer daran, waagerecht zu schwimmen, und vermeiden Sie es, den Grund zu berühren, sonst wird das Wasser durch die Sedimente aus dem Flussbett trübe. Und immer schön sachte, Sergio, bewegen Sie sich so bedächtig wie die Manatis.“
„Okay, wird gemacht!“
„Ach, noch eine Sache“, meinte er und wandte sich ab, als wollte er dem, was er nun sagen würde, nicht zu viel Bedeutung beimessen.
„Was denn, Captain?“
„Halten Sie nach Swami Ausschau …“
„Nach wem?“
„Einem Manati-Bullen mit einem Haufen Narben auf dem Rücken und mit nur einem Auge. Er heißt Swami.“
„Aber warum sollte er zu mir kommen wollen?“, fragte ich.
„Können Sie mit Delfinen kommunizieren?“
„Ja.“
„Na, dann wissen Sie ja, was Sie zu tun haben. Los jetzt – Zeit, ins Wasser zu gehen!“

Sofort bin ich im Wasser. Es ist ein wenig kühl, aber im Taucheranzug wird es nach einer Weile angenehm. Ich setze die Maske auf und schwimme an der Wasseroberfläche zu den Quellen. Ich trage keine Flossen, ich atme langsam, bewege mich langsam. Das Wasser ist seicht, höchstens zwei Meter tief. Und dann, ohne dass ich danach Ausschau gehalten hätte, sehe ich die Silhouette eines Tieres, das doppelt so groß und wohl viermal so schwer ist wie ich, gemächlich auftauchen, um Luft zu holen. Anfangs rühre ich mich nicht und beobachte nur ehrfürchtig das riesige, aber sanfte Geschöpf. Es sieht fast aus wie ein Hund, hat aber sehr lange Tasthaare. Es atmet ein paar Sekunden lang ein, dann taucht es wieder langsam ab und legt sich waagerecht auf den Grund des Sees.
Ich nähere mich vorsichtig. Als ich noch etwa ein, zwei Meter entfernt bin, kann ich es genau erkennen. Es ist unglaublich groß. Es liegt einfach da und ruht, vielleicht schläft es auch. Das Wasser am Boden ist sehr viel wärmer als oben. Ich schwebe an der Wasseroberfläche und betrachte den Manati durch meine Tauchermaske. Dann tauche ich mit dem Kopf unter. Durch den Taucheranzug kann ich meinen Auftrieb regulieren. Ich atme tief durch den Schnorchel ein und lasse die Luft wieder aus, sodass ich horizontal absinke, und da höre ich einen leisen, unvergleichlichen Laut, ähnlich vielleicht dem Gesang der Buckelwale, aber viel sachter. Wahrscheinlich kommuniziert der Manati mit einem Artgenossen in der Nähe. Nach einer Weile tue ich das, was ich immer in solchen Situationen mache, zum Beispiel wenn ich mit Delfinen zusammen bin: Ich versuche, die Laute nachzuahmen, ich schließe die Augen und liege ganz still horizontal an der Wasseroberfläche. Mit dem Kopf im Wasser atme ich durch den Schnorchel und blicke hinunter, fühle mich ganz eins mit dem Fluss und dem Wald. Dann höre ich nur noch meinen Atem und den Gesang der Manatis. Mein Kopf ist frei von allem anderen, ich bin ganz ruhig und fühle den Frieden.

Nach ein paar Minuten habe ich den Eindruck, die Laute und die Bewegungen der Manatis zu kennen. Langsam schlage ich die Augen auf und kann es kaum glauben – über ein Dutzend Manatis sehen mich an! Bullen, Kühe, auch Kälber. Sie haben schöne Tasthaare, manche schwimmen um mich herum, andere bleiben still. Plötzlich berührt mich ein Tier mit seinen Tasthaaren sanft an Kinn und Nase und schwimmt ganz dicht an mir vorbei. Ich sehe es an – es hat nur ein Auge, der Rücken ist voller Narben. Das muss Swami sein! Ich versuche, die Laute nachzumachen, die ich um mich herum höre, und schwimme mit den Tieren, ohne sie zu berühren. Swami umrundet mich und reibt seinen weichen Körper an mir, dann taucht er langsam auf, um Luft zu schnappen. Die anderen Manatis sind einfach da und blicken mich an. Ein kleines Kalb nähert sich mir, alle wissen nun, dass ich keine Bedrohung für sie bin. Auch das Kalb berührt mich mit den Tasthaaren, es will wohl herausfinden, was meine Maske und der Schnorchel zu bedeuten haben. Es bleibt vor mir liegen. Ich gebe einen leisen Manati-Laut von mir, strecke den Arm aus und streichle seinen Kopf wie bei einem Welpen. Es scheint ihm zu gefallen, es dreht sich im Wasser. Ich streiche mit der Hand über seinen Bauch, seinen Rücken, und dann schwimmen wir alle zusammen ein Stückchen weiter. Immer wenn ich einen Laut ausstoße, antwortet mir das Kalb. Ich habe nun das Gefühl, akzeptiert zu sein und zur Herde zu gehören. Sie bleiben bei mir, als ich auftauche, um zu atmen, und mich dann wieder langsam auf den Boden sinken lasse.
In diesem Augenblick erinnere ich mich an einen wunderbaren Lama, den ich vor Jahren im Himalaja getroffen habe und der zu mir gesagt hat:
„Wenn du das Leben lebst, das für dich bestimmt ist, wirst du eines Tages das hören, was du siehst …“
Und nach all den Jahren verstehe ich endlich, was der Lama mir sagen wollte.

Sergio Bambaren

Über Sergio Bambaren

Biografie

Sergio Bambaren – Die Geschichte eines Träumers Sergio Bambaren Roggero wurde am 1. Dezember 1960 in Lima, Peru, geboren, wo er die britische High-School absolvierte. Bereits von frühester Kindheit an war er fasziniert vom Ozean, der untrennbar mit dem Stadtbild Limas verbunden ist. Diese Liebe zum...

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