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Die Stille unter dem EisDie Stille unter dem Eis

Die Stille unter dem Eis

Roman

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Die Stille unter dem Eis — Inhalt

»Ein glänzender Mix aus Spannungs- und Liebesroman« Für Sie

Anna trampt durch Alaska, als der junge Fischer Kyle sie auf der Straße aufsammelt und in seinem Pick-up mitnimmt. Sie werden ein Liebespaar. Als man ihnen anbietet, den Winter in einem abgelegenen Leuchtturm auf einem kleinen Felsen vor der Küste Alaskas zu verbringen, stimmen sie zu. Das perfekte Abenteuer für das junge Paar. Doch in der Einsamkeit der Wildnis und dem immer gandenloser hereinbrechenden Winter Alaskas wird klar, dass beide ihre Geheimnisse haben ...

Erschienen am 12.01.2017
Übersetzer: Yola Schmitz
288 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-31017-8
Erschienen am 05.10.2015
Übersetzer: Yola Schmitz
288 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97185-0

Leseprobe zu »Die Stille unter dem Eis«

1


Als diesiges Licht von draußen durch die schwere Holztür der Bar fällt, drehen sich alle um. Niemand lächelt außer mir. Kyle war für eine gute Woche mit der Crew der Laura Ann beim Fischen gewesen. Ich lasse die Krüge im seifigen Wasser stehen und falle in seine Arme.

»  Hi  «, flüstert er mir ins Ohr und mir wird heiß.

» Wie ist es gelaufen  ?  « Ich lehne mich zurück, um sein Gesicht zu mustern. Ein Arm bleibt um meine Schultern gelegt.

Er schaut zu mir runter, die dunklen Locken völlig ­zerzaust, dann zieht er einen zerknüllten Scheck und ein [...]

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1


Als diesiges Licht von draußen durch die schwere Holztür der Bar fällt, drehen sich alle um. Niemand lächelt außer mir. Kyle war für eine gute Woche mit der Crew der Laura Ann beim Fischen gewesen. Ich lasse die Krüge im seifigen Wasser stehen und falle in seine Arme.

»  Hi  «, flüstert er mir ins Ohr und mir wird heiß.

» Wie ist es gelaufen  ?  « Ich lehne mich zurück, um sein Gesicht zu mustern. Ein Arm bleibt um meine Schultern gelegt.

Er schaut zu mir runter, die dunklen Locken völlig ­zerzaust, dann zieht er einen zerknüllten Scheck und ein gefaltetes Stück Papier aus seiner Brusttasche. Beides wirft er auf die Theke.

» Zweihundertneunundfünfzig Dollar. Weniger als bei den letzten beiden Fahrten. Kein Lachs weit und breit ­dieses Jahr.  «

Er zieht seine dicke Regenjacke aus und setzt sich auf einen Barhocker. Die Wolljacke darunter hat einen neuen Riss, und die Haut auf Kyles Stirn ist trocken.

Ich gehe zurück hinter die Theke und mache ihm einen starken Whiskey-Cola.

»  Kein Glück gehabt da draußen, Kyle  ? «, fragt Charles von seinem üblichen Platz am Ende der Theke. Er ist Stammgast und einer meiner wenigen Freunde im Ort. Er hat sein ­ganzes Leben an dieser kalten grauen Küste Alaskas verbracht.

» Nein «, antwortet Kyle.

Charles schüttelt den Kopf, was ein langsames Kratzen seines weißen Schnurrbarts an seinem Wollkragen verursacht. » Als ich in deinem Alter war, war hier die Hölle los. Wir sind alle zurückgekommen mit den Taschen voller Geld, das Koks auf der Theke und einer nach dem ­anderen betrunken, so wie es sich gehört. « Er schüttelt weiterhin den Kopf. » Hatten jede Menge Geld damals. « Er nimmt einen tiefen Schluck Gin und dreht sich etwas ­wackelig zu Kyle. » Das kannst du dir gar nicht vorstellen. « Charles kichert leise. Er hat fast den ganzen Tag in der Bar verbracht.

Kyle wirft mir einen Blick zu und nimmt einen tiefen Schluck Whiskey. Ich staple Bierkrüge ins Abtropfgestell. Mir fällt die Frau am Billardtisch wieder auf, deren schwarzer Pferdeschwanz so unheimlich locker über die Schulter fällt, und ich will, dass sie geht. Die Ähnlichkeit beunruhigt mich. Ich fahre mit der Hand in die Jeanstasche, wo die Telefonnummer steckt.

» Was hältst du von was völlig Neuem, Anna  ? «, fragt Kyle und holt mich in die Gegenwart zurück.

» Möchtest du was anderes trinken ? « Er trinkt immer Whiskey-Cola.

» Nein. Das hier «, sagt Kyle und schiebt mir das gefaltete Stück Papier entgegen. » Komm, das machen wir. «

Ich falte den Zettel auseinander. Oben, wo er ihn ­abgerissen hat, klebt noch ein Stück Tape. Es ist ein Aushang der Küstenwache. Sie suchen jemanden, der in den Leuchtturm von Hibler Rock zieht.

Ich weiß nicht viel über den Leuchtturm. Während der paar Male, die ich mit der Fähre auf dem Kanal unterwegs war, habe ich ihn zwar gesehen, aber nicht groß beachtet. Er liegt zwei, drei Stunden mit dem Boot von der Stadt entfernt, mitten im schmalen Kanal auf einem Felsen, der nicht viel größer ist als der Leuchtturm selbst. Mir fällt seine achteckige Form ein, weiß mit einem roten Dach, verschwindend klein angesichts der Berge zu beiden Seiten des Kanals. Ich lese den Rest der Ankündigung. Ein Mietvertrag über neun Monate.

» Für einen Dollar ? «, frage ich. » Wo ist der Haken ? «

In Kyles Augen lese ich, dass er sich schon entschieden hat. » Wir würden uns um die Instandhaltung kümmern. Das ist für alle Seiten ein Gewinn. Die Küstenwache muss niemanden da rausschicken, um zu streichen und die Lichtquelle in Schuss zu halten, und wir können praktisch umsonst dort wohnen. «

Charles hat sich mit seinem Hocker ruckartig zu uns herumgedreht. » Das soll wohl ein Scherz sein. Suchen die etwa wieder jemanden, der im Leuchtturm wohnen soll ? « Er schaut mich direkt an. » Lass die Finger davon. Ich kann dir sagen, wo der Haken ist «, redet er weiter. » Du sitzt den ganzen Winter über da draußen mitten im Kanal fest. Ihr habt ja noch nicht einmal einen Winter hier im Ort ­erlebt. Sobald der Wind auffrischt, verzieht ihr euch doch ­wieder Richtung Süden. Es ist gefährlich da draußen, und ich meine nicht nur das Wetter. «

» Es ist schön da draußen. Fast friedlich. Der Leuchtturm ist in einem Topzustand, das mit der Leuchte ist ­bestimmt keine große Sache, darum kümmere ich mich, und was auch immer das Gehalt ist, es muss verdammt noch mal mehr sein als das hier. « Kyle deutet mit der Hand auf den zerknüllten Scheck auf der Theke.

» Ich wusste gar nicht, dass da draußen jemand lebt «, sage ich.

» Hat auch niemand «, antwortet Kyle. » Zumindest nicht in den letzten zwanzig Jahren. «

»  Weißt ja eine ganze Menge über den Leuchtturm. « Charles’ Augen werden schmal, er mustert Kyle genau, der ignoriert ihn jedoch.

Ich öffne mir ein Bier und stelle Kyle noch einen weiteren Whiskey-Cola hin. » Du weißt, dass das Wasser auf ­beiden Seiten dreihundert Meter tief ist «, werfe ich ein, die Ellbogen auf die Theke gestützt.

Kyle schaut mir in die Augen. Ich spüre, wie er in Fahrt kommt, die Welle ins Rollen gerät, kurz vor dem Brechen steht. » Komm schon, Anna, sag Ja. «

Das Bier fühlt sich kalt an in meiner Hand, kalt in ­meinem Hals. Ich halte seinem Blick stand, etwas ­sammelt sich in meinem Inneren. Ich denke an das Wasser auf ­beiden Seiten, an mich da draußen. Ohne einen Ausweg.

 

 

2


Als wir uns vor knapp über einem Jahr kennenlernten, war ich per Anhalter auf der Alcan unterwegs, der zweispurigen Straße, die durch Kanada nach Alaska führt. Kyle hielt in einem verbeulten blauen Truck neben mir am Straßenrand an. Er kurbelte das Fenster mit der ­einen Hand runter und half mit der anderen an der Scheibe nach. Mir fiel die Kraft in jedem seiner Finger auf. Seit drei ­Tagen hatte ich weder ein Auto noch einen Truck gesehen. Meine Füße taten weh, und die Stille der Tundra war laut ­geworden.

» Du bist ganz allein unterwegs ? «, fragte er.

Meine linke Hand wanderte zu dem Pfefferspray in der Vordertasche meines Rucksacks.

»  Fährst du nach Norden ? «, fragte ich. Ganz offensichtlich tat er das, denn es gab nur zwei Richtungen, und er fuhr nach Norden.

»  Was treibst du hier draußen ganz allein ? « Er fragte auf eine Art, die mir wie echte Sorge vorkam. » Steig ein, sonst nimmt dich noch irgendein Verrückter mit. Wie heißt du ? «

» Anna. «

» Kyle. «

Ich stand auf der Straße und sah ihn noch eine Weile an, bevor ich meinen Rucksack auf die offene Ladefläche warf, auf den Hinterreifen stieg und raufkletterte. Die Fahrertür ging auf, Schritte, und er stand neben der Ladefläche. Er hatte nichts Außergewöhnliches an sich, damals und heute nicht, ein sportlicher Körper unter einem Flanellhemd und einer Arbeitshose. » Du kannst auch vorne mitfahren. «

»  Nein danke. « Ich setzte meine Kapuze auf und versuchte, es mir zwischen meinem Rucksack und einem ­Stapel Reifen bequem zu machen. Der Winter war noch nicht ganz vorbei.

Drei Stunden später hielten wir an, um zu Abend zu essen. Nachdem wir bei der Kellnerin bestellt hatten, verschwand ich auf die Toilette und hielt meine Finger unters heiße Wasser, damit sie warm genug wurden, um meinen Hamburger festzuhalten.

» Bis wohin fährst du ? «, fragte ich, als ich zurück an den Tisch kam.

» Ganz rauf nach Neely. Und du ? «

» Neely. «

» Es gefällt dir bestimmt. Doch, ich glaube, es liegt dir. «

» Lebst du dort ? «

»  Ich habe letztes Jahr von dort aus gefischt. Davor von Juneau und ein paar Jahre lang von Sitka aus. Neely mag ich am liebsten. «

Ich sah seine gebräunte Haut an, er musste den ­Winter irgendwo im Süden verbracht haben. Wieder fielen mir seine Arme auf und seine Schultern. Mit den Händen an der Tischkante wehrte ich mich gegen das, was mich zu ihm hinzog.

» Bleibst du die restlichen eintausend Kilometer auf der Ladefläche ? «

Ich zuckte mit den Achseln. » Erst mal schon. «

Wir fuhren zwischen dem Ozean und den Bergen Richtung Norden. Während Kanada in Alaska überging, bröckelten die letzten zwei Jahre in kleinen unregelmäßigen Stücken von mir ab, bis ich zurück an jenem Morgen auf dem Eis war, über die Gletscherspalte spähte und mich über die Kante zwang. Nachdem ich es jahrelang vermieden hatte, steuerte ich jetzt direkt darauf zu. Ich hatte die Telefonnummer auf einen kleinen Zettel geschrieben, ihn in eine Tasche meines Rucksacks gesteckt und mich Richtung Norden aufgemacht.

Während Kyle uns näher und näher an den Ort brachte, wo es passiert war, kroch das Schuldgefühl seinen wohlbekannten Weg in mir hoch und begann, an mir zu ­nagen. Ich schloss meine Augen, während sich das Gefühl in mir ­ausbreitete, und fing zu summen an. Ich verlagerte mein Gewicht auf meinen Rucksack. Es half nichts. Ich atmete tief ein, konzentrierte mich auf die vorbeistreifenden Bäume und erinnerte mich daran, dass es sein musste, dass das meine letzte Chance war. Aber das half auch nichts. Er wurde sogar noch schlimmer.

Ich hatte das Gefühl, aussteigen zu müssen. Hatte das Gefühl, umdrehen und nach Süden laufen zu müssen. Ich beobachtete Kyles Nacken durch das Fenster, während wir weiterfuhren. Der sanfte Bogen aus Haut und Muskeln, eine Stabilität, die ich an Felswänden gesucht hatte, eine Stabilität, die ich in mir nicht finden konnte. Ich wollte in der Fahrerkabine sein, ich wollte jemanden neben mir ­haben. Deshalb klopfte ich an das kleine Fenster zwischen uns. Er fuhr rechts ran, ich kletterte auf den Beifahrersitz und richtete meinen Blick auf die gelbe Doppellinie, die sich in die Ferne erstreckte.

Einige Stunden später, das Lenkrad lässig in einer Hand, entspannt in den Sitz gelehnt, sah Kyle zu mir rüber und fragte: » Was treibst du so ? «

» Ich bin unterwegs. «

Er sah mich an und grinste wieder. » Ach was ? «

Ich nickte. » Utah, Colorado, Yosemite, Arizona, New Mexico. «

» Warum ? «

Ich zuckte mit den Achseln. » Immer was Neues. « Ich hielt meinen Blick nach vorne gerichtet, spürte seinen auf mir.

» Alaska ist völlig anders. «

» Genau «, erwiderte ich und fragte nach einer Weile: » Was hast du vor dem Fischen gemacht ? «

»  Ich war eine Zeit am College, aber eigentlich wollte ich immer nur hierherkommen. Ich mochte Chicago nicht und hatte Glück. Gleich in meinem ersten Sommer habe ich einen Job auf einem guten Boot gekriegt und seither ­fische ich. «

» Wie ist das so ? «

»  Gut. Besonders bei richtig schlechtem Wetter mit ­Regen und meterhohen Wellen – so fühlt es sich an, zu leben, verstehst du ? Fährst du hoch, um zu fischen ? Du musst aufpassen, bei wem du anheuerst. Na ja, du kommst sicher klar, aber manche von den Typen sind nicht mehr dieselben, wenn sie den Hafen verlassen. «

» Ich fahr nicht hoch, um zu fischen. «

Kyle starrte mich ein paar Sekunden an und sah aus, als ob er noch mehr Fragen stellen wollte, tat es dann aber nicht.

In der Nacht campten wir am Straßenrand unter den spärlichen Bäumen der Tundra. Kein einziges Auto kam vorbei. Ich rollte meinen Schlafsack aus und stieg rein. Kyle rollte seinen drei Meter entfernt aus. Ein bisschen zu nah angesichts der Weite um uns herum.

» Warum bist du so viel unterwegs ? «, fragte er, als er es sich in seinem Schlafsack bequem gemacht hatte.

» An wie vielen Orten hast du in den letzten drei ­Jahren gelebt ? «

» In Juneau, Sitka, Neely und Mexiko. «

» Siehst du ? «

Er rutschte in seinem Schlafsack hin und her, bis er sich auf einen Ellbogen stützen konnte. » Aber nur, damit ich auf verschiedenen Booten arbeiten konnte. «

» Genau. Immer was Neues. «

» Warum gibst du mir nicht einfach eine Antwort ? «

»  Hab ich doch. Mich hat da nichts mehr gehalten. Ich klettere. Ich bin auf alles gestiegen, was es dort gab, und dann bin ich weitergezogen. « Und irgendetwas hat mich immer hierher zurückgezogen, dachte ich, sprach es jedoch nicht aus.

» Aber im Südosten von Alaska kann man nirgends klettern, außer du willst auf die Gletscher. Versuchst du dich als Nächstes am Eisklettern ? «

» Nein. «

» Warum nicht ? «

» Warum stellst du so viele Fragen ? «

» Wenn du aufhörst, so geheimnisvoll zu sein, lass ich es bleiben. «

» Schlaf endlich. «

» Es ist noch nicht einmal dunkel. «

» Ich dachte, du hast schon viele Sommer in Alaska verbracht, dann müsstest du doch daran gewöhnt sein. «

» Anfangs ist es immer seltsam. «

Danach ließ er mich in Ruhe, und irgendwann schlief er ein. Ich betrachtete den Himmel und hörte eine Weile seinem Atmen zu, bevor ich aus meinem Schlafsack stieg und mir einen Weg durch die Tundra bahnte, wobei ich mich fragte, wie weit weit genug war. An einer vergleichsweise ebenen Stelle rollte ich meinen Schlafsack wieder aus und kletterte hinein.

Ich fing mit sämtlichen spanischen Verben an, die mir einfielen, und ging dann zu Küchenutensilien über. ­Tenedor, cuchara, cuchillo. Jede Nacht kämpfte ich gegen den Schlaf, diesen glitschigen Ort, von dem ich meistens um mich schlagend aufwache. Ein Mitbewohner hatte irgendwann einmal Spanischkassetten mit nach Hause gebracht. Was ich anfangs für eine gute Beschäftigung für verregnete Tage hielt, an denen ich nicht klettern konnte, wurde zu einer Obsession, einem Werkzeug, um die Nacht zu überstehen.

Ich betrachtete den Abstand zwischen Kyle und mir und überlegte, ob ich noch weiter weg gehen sollte. Schreiend war ich zwar noch nie aufgewacht, aber man konnte nie wissen. Es war genug Abstand zwischen uns, dass er es nicht sehen würde, wenn ich um mich trat, um freizukommen. Außer er wachte vor mir auf. Plato, taza, sustantivo. Um mich herum wurde die Nacht dunkler, und meine ­Augen taten vom ständigen Offenhalten weh.

Der Albtraum war stetig gewachsen. In den letzten zwei Jahren waren jede Nacht mehr Details dazugekommen, andere verschwanden kurz, nur um Wochen später wieder aufzutauchen. Es war aber immer kalt und dunkel und eng. Da war immer der Sturz, das Blut. In manchen Nächten bewegte sich das Eis, während ich drinsteckte, drückte so kalt auf meine Haut, dass es brannte. In anderen Nächten hörte ich meine Stimme, dünn und voller Angst, immer wieder ihren Namen rufen und das Eis, wie es ihn ohne Antwort zurückwarf. In manchen Nächten war ich mir nicht mehr sicher, wo oben und wo unten ist. Wo auch immer ich mich hinbewegte, war es noch dunkler als dort, wo ich vorher gewesen war. In den meisten Nächten hörte ich den Helikopter über dem Eis gegen Luft schlagen, ­während ich im Eis steckte, hörte ihn wegfliegen, während ich erfror, allein, eine Schicht nach der anderen.

Die spanischen Vokabeln halfen nichts in dieser Nacht in der Tundra. Genauso wenig wie sie in all den anderen Nächten halfen. Ich schlief trotz aller Mühe ein.

Beim zarten Licht am frühen Morgen wachte ich auf. Eine dünne Schicht Raureif bedeckte alles. Ich setzte mich auf und sah, dass Kyle noch schlief. Ich war fassungslos. Zum ersten Mal seit dem Morgen auf dem Eis, als ich mich in den Bauch des Gletschers abgeseilt hatte, war ich in meinen Träumen nicht in die Tiefe gefallen. Ich war nicht zum Aufgeben gezwungen worden, hatte nicht verloren.

Kyle drehte sich um. » Guten Morgen «, rief er mir zu und streckte sich. Ich starrte ihn an, bis er lächelte. Ich war nicht erschöpft wie jeden Morgen, ich fühlte mich nicht, als ob ich in einem Kampf gewesen wäre.

» Bist du schlafgewandelt ? «, fragte er. » Schade, dass du dann nicht näher bei mir gelandet bist. «

Ich versuchte, dem Ganzen Sinn zu geben. Nichts hatte mir bisher eine Pause von meinen Albträumen gegönnt. Kyle musste meinen Gesichtsausdruck bemerkt haben. Er schaute besorgt. » Ich mache nur Spaß. So etwas sollte ich wahrscheinlich nicht sagen, solange nur du und ich mitten im Nichts sind. Entschuldigung. Was hast du zu essen ? Ich habe massenweise Haferflocken. Trinkst du Kaffee ? «

Ich nickte, immer noch verwirrt. Er stieg aus seinem Schlafsack und in seine Stiefel und begann, im Truck herum­zustöbern.

Später, als die Straße auf der Rückseite der Berge entlanglief und dann abrupt am Meeresufer im Zentrum von Neely endete, stieg ich aus dem Truck. » Danke fürs Mitnehmen. «

» Wir sehen uns «, sagte er. » Hoffentlich bald. «

Da sah ich ihn zum ersten Mal direkt an. Ich wollte ihm erzählen, dass ich die Nacht nicht in Angst verbracht hatte, ich wollte ihn fragen, wie das möglich war, ich wollte ihn fragen, ob er etwas damit zu tun hatte. Stattdessen drehte ich mich um, und er fuhr los. Ich sah zu den Gletschern hoch oben zwischen den Gipfeln. Wer war ich, jemand anderen mit mir runterzuziehen ?

Neely lag an der Spitze eines langen Arms, der von Juneau aus in eine schmale, von Gletschern ausgehöhlte Wasserstraße reichte. Eine tiefe Furche, die ganze Wände hatte stehen lassen, nur von gelegentlichen Tälern unterbrochen. Schneebedeckte Berge ragten über der Stadt und über beiden Ufern auf. Steile Straßen endeten direkt am Meer, und in den Querstraßen gab es ein paar Restaurants, ein Café, ein Lebensmittelgeschäft und einen Baumarkt. Ein ­alter Holzsteg führte raus in den gewaltigen, steinfarbenen Ozean. Fischerboote in allen Größen lagen am Steg, ­manche aus glänzendem Aluminium, andere aus ­schwerem Stahl, ein paar aus Holz mit dicken Farbschichten.

Von der Straße aus beobachtete ich, wie Männer in ­dicken Regenjacken auf dem Dock auf und ab liefen. Abgesehen von dem, was sie dabeihatten – Werkzeug, Eimer, Mittagessen –, waren sie nicht voneinander zu unterscheiden.

In dieser Nacht ging ich an den Stadtrand zu einem National­park und zeltete zwischen Schierlingstannen, jede einzelne zu dick, um sie mit meinen Armen zu umfassen. Ich war ohne den Schutz von Bäumen aufgewachsen. Ich studierte, wie sich die Äste verflochten, hatte das Gefühl, endlich einen Platz zum Ausruhen gefunden zu ­haben. Im späten Abendlicht legte ich mich auf den ­Rücken und starrte in die Bäume, bis ich die Überschneidung von ­Nadeln, Stamm und Himmel ganz genau ausmachen konnte.

Der Regen begann später, irgendwann vor Sonnenaufgang. Ein langsames Nieseln, eine dicke Decke auf der Zeltwand. Ich kuschelte mich tief in meinen Schlafsack, fühlte mich sanft beschützt unter den Bäumen und dem Regen und dachte, das ist richtig, das ist es, was ich machen sollte, das ist nah genug.

In dieser Nacht freute ich mich sogar über den Schlaf und gab schnell dem rhythmischen Geräusch des Regens, der auf das Zeltdach fiel, nach. Der Traum fing mit dem Helikopter und mir tief im Eis an. Ich hörte ihn wegfliegen, das Dröhnen der Stille, das Blut tief in meinen ­Ohren ­rauschen. Ich wollte schreien, konnte aber nicht. Ich kämpfte mich frei, rutschte jedoch nur tiefer in den schmaler werdenden Rachen des Gletschers. Meine Hände rissen auf, unter meine Fingernägel grub sich, bei dem Versuch einen Weg herauszufinden, das Eis.

Ich trat und schlug um mich, bis ich das nasse Zelt an den Heringen herausgerissen hatte, bis es mein Gesicht bedeckte und sich eng um meinen Körper legte. In voller ­Panik wachte ich auf, schlug auf Zelt und Schlafsack ein, unfähig zu begreifen, wo ich war.

In diesen Tagen beobachtete ich den Ozean. Er schien zu atmen. Jeden Tag zwei lange Züge ein und zwei lange Züge aus. Der Wind wehte jeden Nachmittag und an den meisten Morgen über Gletscher, bevor er in den Fjord strömte. Dabei brachte er bekannte Gerüche mit und eine neue ­erschreckende Genauigkeit in meine Träume.

Eine Woche später stand Kyle plötzlich vor dem Tresen, als ich gerade Bierkrüge spülte. Ich hatte mich dazu bereit erklärt, an jedem Abend, an dem ich arbeitete, abzu­schließen, tat alles, um es hinauszuzögern und in den Schlafsack klettern zu müssen. Mein Kopf war vom wenigen Schlaf schon völlig vernebelt.

» Whiskey-Cola bitte. « Er trug eine orangefarbene Regen­jacke und darunter eine dicke Strickjacke. Ich beobachtete, wie er mit seiner kräftigen Hand nach dem Glas griff, das ich vor ihm abgestellt hatte. Er war bestimmt noch keine dreißig, genauso wenig wie ich.

» Bleibst du noch eine Weile ? « Er schälte sich aus der Regenjacke.

»  Bis ich jemanden finde, der mich mit in den Süden nimmt. « Morgen vielleicht, dachte ich. Es war eine schlechte Idee gewesen, zurückzukommen.

Er lächelte mit hellen Augen. » In einem halben Jahr fahre ich in den Süden. «

Systematisch räumte ich ein Glas auf das Abtropf­gestell, nahm zwei neue und steckte sie auf die Bürsten. » Arbeitest du auf einem der Boote ? «

Er nickte. » Morgen fahren wir raus. « Er wartete, bis ich wieder hochsah. » Wir sehen uns, wenn ich zurück bin. «

» Ich weiß nicht. « Ich trocknete meine Hände ab und ging ans andere Ende der Theke, weg von ihm.

Sechs Tage später war er zurück. Ich machte ihm einen Whiskey-Cola. In der Nacht zuvor hatte ich meinem eigenen Schreien zugehört, der Klang wurde aufgesaugt, ging verloren im dunklen Eis. Ich hatte jeden einzelnen Finger meiner rechten Hand dabei beobachtet, wie er schwarz vor Kälte wurde und abbrach. Ich hatte mich irgendwann gegen drei Uhr wach gekämpft und freigetreten und war durch die verregneten Straßen von Neely gelaufen, bis der Rest der Stadt aufgewacht war.

» Kann ich dich auf ein Bier einladen ? «, fragte er.

» Nein. «

» Wie wär’s mit Abendessen ? «

» Ich habe schon gegessen. «

Er hob eine Augenbraue und legte eine Hand schwer auf die Theke. » Willst du mich etwa noch härter dafür ­arbeiten lassen ? «

Meine Augen brannten vom Schlafmangel. Ich dachte an die Nacht in der Tundra und fragte mich wieder, ob diese eine Nacht richtiger Schlaf etwas mit ihm zu tun ­gehabt hatte.

» Komm schon «, sagte er. » Ich weiß, man hat eine große Auswahl hier, aber ich habe einen Job und noch alle meine Zähne. «

Ich musste lachen.

»  Und ich bin wirklich froh, dass du in meinen Truck eingestiegen bist, auch wenn du den ganzen ersten Tag auf der Ladefläche gesessen hast. «

Ich sah in sein Gesicht, und das gleiche Gefühl wie an jenem Morgen in der Tundra durchflutete mich und verdrängte die Erschöpfung. Doch – es lag an ihm. » Es kann sicher nicht schaden, wenn du mich auf ein Bier einlädst. « Ich nahm eins aus dem Kühlschrank.

» Nicht, wenn du arbeitest. Irgendwann, wenn wir was unternehmen können. «

Wieder fiel mir auf, wie kräftig sein Körper von der ­Arbeit war, die Unterarme muskulös vom Einholen der Netze.

» Wann machst du heute Feierabend ? «, fragte er.

» Um zehn. «

» Dann komme ich wieder. «

Ich sah zu, wie die Tür hinter ihm zuging, machte das Bier auf und dachte an all die Gründe, die dagegen sprachen, sich um zehn mit ihm zu treffen, und tat es dann trotzdem.

Kyle fischte den ganzen Sommer, machte Touren von vier oder sechs Tagen, dazwischen blieb er ein paar Tage in der Stadt. Ich suchte mir eine kleine Wohnung mit schrägen Wänden unter dem Dach einer alten Konservenfabrik und zog über den Sommer ein. Kyle wohnte an seinen freien Tagen bei mir und überließ mir seinen Truck, wenn er draußen beim Fischen war.

Ich war in den letzten zwei Jahren allein geblieben. Wenn ich mit einem Mann geschlafen hatte, stellte ich ­immer sicher, dass ich ging, bevor ich bei ihm einschlief. Ich hielt mich von allem fern, was einer Beziehung ­geähnelt hätte, war nicht bereit, mich an irgendetwas zu binden.

Irgendwie fing Kyle den Traum ab, oder vielleicht war er wie eine dicke Decke, durch die der Traum nicht ­dringen konnte. Jede Nacht, in der er bei mir lag, schlief ich durch. Ich fing an, ihn als eine Art Wunder zu betrachten, ein ­Zeichen, dass ich dort war, wo ich sein sollte, dass ich Vergebung finden könnte.

Wie Mehl in Kuchenteig fügte sich mein Leben in seins. Eine Form von Auflösung, Verdichtung, Unzertrennlichkeit. Wenn er nach Tagen auf dem Meer die Stufen unters Dach hochstieg, ich seinen Schritt hörte, ließ ich alles andere liegen. Mit einer solchen Bestimmtheit wurde mein Körper zu ihm hingezogen. Wie immer klopfte er zweimal und zog mich dann mit einem Blick an sich, der nur für mich bestimmt war. Er roch nach Wind, Wasser und dem Salz der Wellen. Meine Hände fingen an, unabhängig von meinem Verstand zu agieren. Worte störten. Ich war ­unfähig, gezielte Entscheidungen zu treffen, nur blinde Gedankensprünge.

»  Die meisten Leute picknicken nicht gerne im Regen «, sagte er an einem Nachmittag mitten im Sommer und strich mir mit der Hand langsam über den Rücken, während ich im Nieselregen am Ufer eines langsam fließenden Flusses Sandwiches machte. Damals waren wir seit zwei Monaten zusammen.

» Hast du die Bäume gesehen ? «

Er schüttelte den Kopf und kam näher. » Ich liebe es, dass nichts an dir normal ist. «

Ich lächelte, als er näher kam. » Ich mag Bäume nur ­lieber als Wände. «

» Ich kann es nicht glauben, dass ich dich am Straßenrand gefunden habe. Welche Frau trampt alleine nach Alaska ? «

» Hier ist dein Sandwich. «

Er biss in das Truthahn-Käse-Sandwich. » Du hast mir nie gesagt, warum ein begeisterter Kletterer nach Alaska kommt, wo alle Berge mit Moos bedeckt sind. Warum muss ich nach jeder Information von dir nachfragen ? Es ist ja sexy, geheimnisvoll zu sein, aber es könnte früher oder später langweilig werden. «

Ich küsste seinen Hals und fuhr mit den Händen unter sein Hemd. Er legte sein Sandwich auf einen Felsen. » Es regnet «, sagte ich. » Dein Sandwich weicht auf. «

» Das ist mir egal «, entgegnete er und umarmte mich.

Als der September zu Ende ging und der Regen anfing, auf die Küste einzuprasseln, sagte Kyle: » Komm mit mir im Winter nach Mexiko. « Wir saßen im Diner in der Stadt. Zwischen uns standen Pancakes, Eier, Toast, Speck und Kaffee. Ich war seit fünf Monaten in Neely. Einmal hatte ich den Hörer des Münztelefons auf der High Street abgehoben, hatte die Nummer gewählt und vor dem ersten Klingeln aufgelegt. Wenn ich den Kopf einzog, nie nach oben sah, würde mir das ganze Eis über mir bestimmt nicht auffallen.

» Okay. «

Er legte den Kopf in den Nacken und lachte, dann nahm er meine Hand. » So einfach ist das ? «

» Sieht so aus. «

Wir fuhren am letzten Septembertag aus Neely los, der Wind blies den Regen hart gegen die Seite des Trucks. Ich machte es mir, als wir über die Berge fuhren, neben ihm auf dem Beifahrersitz gemütlich. Es gefiel mir, wie die Fahrer­kabine uns vor dem Regen schützte.

»  Erzähl mir was über die Stadt «, sagte ich. Abgesehen von den Nächten hatte ich nie Gelegenheit gehabt, meine Spanischkenntnisse zu testen.

» Sie liegt direkt am Strand. Wir werden billiges Bier trinken und den ganzen Tag surfen. «

» Klingt großartig. «

»  Jeden Herbst überlege ich mir, irgendwo anders hinzufahren, aber wenn das Fischen vorbei ist, möchte ich ­immer wieder dorthin zurück. «

» Ich kann es nicht abwarten, meine Regensachen in eine Kiste zu packen. «

»  Es wird den ganzen Winter sonnig und warm sein. Wir suchen uns einen Job – ein Freund von mir hat ein Restaurant, und ein anderer Typ, den ich kenne, braucht immer Bauarbeiter, aber die meiste Zeit können wir uns entspannen. «

Ich legte meine Hand auf seine, die auf meinem ­Schenkel ruhte. Die Vorstellung, monatelang jeden Tag mit ihm zu verbringen, war das Beste, was ich je gehört hatte.

Aus den Stunden auf der Straße wurden Tage. Weil der Truck nur ein Tapedeck hatte, wechselten wir uns damit ab, an den Tankstellen Kassetten zu kaufen. Ich blieb bei alten Countrysongs, er entschied sich meist für Rockmusik aus den Achtzigern.

Nachts schliefen wir auf der Ladefläche des Trucks in Nationalparks, an Raststätten oder auf Campingplätzen. Morgens machte ich Kaffee in einer alten Kanne, während er über dem Campingkocher Haferflocken zubereitete.

Als wir durch den Südwesten fuhren, fragte Kyle, ob wir irgendwo halten sollten, um zu klettern. » Hier kann man das gut machen, oder ? Ich habe einen Wegweiser nach Joshua Tree gesehen. Du könntest es mir beibrin-
gen. «

» Ich klettere nicht mehr. Ich hab aufgehört. «

»  Du hast aufgehört, weil du nach Neely gezogen bist, wo man nicht klettern kann. Komm schon, ich will es ­lernen, ich will dich in deinem Element sehen. «

» Ich hab doch gesagt, ich hab aufgehört. Ich habe meine ganze Ausrüstung hergegeben. «

» Warum ? «

Ich atmete tief durch und konzentrierte mich auf
die Straße. » Es war nur eine Ablenkung. Es hat zu nichts ­geführt. «

» Ach so, und in einer Bar in Alaska arbeiten führt zu was ? «

Ich sah zu ihm rüber. Er würde es nie begreifen. Ich hatte alles andere aufgegeben, in der Hoffnung, es würde helfen. Mir gingen die Ideen aus. Klettern war die letzte Sache, die noch übrig war, die ich noch aufgeben konnte.

» Aber «, erwiderte er, » das ergibt doch keinen Sinn. Das Einzige, was du machst, ist klettern, vielleicht ein bisschen arbeiten. Du lebst aus deinem Van, tust alles, um so viel Zeit wie möglich in den Bergen zu verbringen, und dann hörst du einfach auf ? Vermisst du es nicht ? «

Ich dehnte meine Finger, so wie ich es immer gemacht habe, bevor ich nach dem ersten Halt griff, aber genau das hatte aufs Eis geführt, zu Albträumen und dazu, immer unterwegs zu sein.

» Nein. «

Er schüttelte den Kopf und lächelte. » Du bist wie eine Geschichte mit nur einer Seite. Mehr Details würden ihr nicht schaden. «

Als wir nach sechs Tagen die Grenze nach Mexiko erreichten, saß ich am Steuer.

»  Ausweis bitte «, forderte der Mann in Uniform. Er beugte sich runter, um in die Fahrerkabine schauen zu ­können. » Auch der von Ihrem Mann. «

Ich lächelte ihn an, mir gefiel, wie leicht ihm das Wort über die Lippen kam, das mich und Kyle für die Ewigkeit verband.

»  Wir sind nicht verheiratet. « Kyle lehnte sich über mich rüber, um ihm in die Augen sehen zu können, und kappte diese Verbindung, bevor sie sich in einem unserer Köpfe festigen konnte.

Nach der Grenze schwiegen wir für Stunden. Ich betrachtete die staubige Landschaft und versuchte herauszufinden, warum er das mit solch einer Bestimmtheit richtiggestellt hatte und warum es mich so traf. Ein Schauer überkam mich, die Vorstellung, dass er mich irgendwann verlassen könnte. Ich sah zu Kyle. Irgendwie war er zwischen mich und die Albträume getreten, ohne es zu wissen. Sollte er mich verlassen, wäre ich wieder mit ihnen allein.

Nach einem Tag verwirrender Nebenstraßen kündigte Kyle an: » Wir sind da. « Ich stieg aus dem Truck und stand in einer kleinen Stadt, in der mich die Hitze umgab wie ein dickes, gemütliches Kissen. Das Meer erstreckte sich in ­einer freundlicheren Version seiner selbst gleich hinter den Häusern. Kyle griff nach meiner Hand.

Für fünfundzwanzig Dollar die Woche mieteten wir eine Hütte mit einem Zimmer am Strand. Es gab ein Bett, eine Kochplatte, einen Tisch, eine Glühbirne und ein Strohdach. Das Bad, das man sich mit den Bewohnern anderer Hütten teilte, war in einem separaten Gebäude unten am Strand. In einem Hotel in der Nähe putzte ich die Zimmer, und Kyle arbeitete auf dem Bau, aber nie zu viel. Wir schlossen keine Freundschaften, auch wenn es einfach gewesen wäre. Während unsere Welt immer enger wurde, fing der Rest der Welt an, weiter und weiter entfernt stattzufinden.

Wir wurden braun unter der Sonne, die Grenzen zwischen uns verflossen. Ein ganzer Monat verging, in dem ich nur an die Zukunft dachte und nie an die Vergangenheit, aber sie war noch da und lauerte. Der Entschluss, in den Norden zu gehen, hatte mich nur weiter in den Süden ­gebracht.

Abends nach dem Essen saßen wir am Strand vor ­unserer Hütte und schauten auf das friedliche Meer, das den ­feinen Sand der Küste kaum bewegte. Die warme Luft umgab mich wie mein Lieblingspullover. An einem ­dieser Abende, einige Monate nach unserer Ankunft, saß ich ­neben Kyle am Strand und grub meine Füße in den Sand, um nach kühleren Schichten zu suchen.

» Warum leben nicht alle so ? «, fragte er.

» Weil alle gerne Geld auf dem Konto haben wollen. «

» Ich meine es ernst. «

» Ich auch. «

» Warum reißen sich die Leute einen Arm aus, um irgend­ein ödes Haus abzubezahlen ? «

» Manche Leute wollen eben in ihre Zukunft investieren. «

» Warum rechnen überhaupt alle damit, eine Zukunft zu haben ? Warum nicht einfach alles jetzt genießen ? «

Ich sah ihn im hellen Mondlicht an. » Manche Leute wollen eben mehr, sich etwas aufbauen – ein Leben halt. «

»  Ach, komm schon. Das ist doch eine Illusion. Erst baut man sich ein Leben auf, und dann fällt alles zusammen. Wozu sollte man sich da die Mühe machen ? « Er legte sich auf mich und drückte mich dabei in den weichen Sand. Den Mund ganz nah an meinem, fragte er, als ob er mich verhören wollte: » Haben Sie schon einmal ein Sofa gekauft oder zueinander passende Vorhänge besessen ? «

» Nein. «

» Haben Sie je zu einem verrückten Vorhaben Nein ­gesagt ? «

» Schon länger nicht mehr. «

Er legte sich wieder neben mich auf den Rücken, streckte die Arme weit aus und schloss die Augen. » Ich habe die perfekte Frau gefunden. «

Ich legte meinen Kopf auf seinen Bauch und schaute in den Himmel. Ich dachte an alles, was er nicht wusste, und schwor mir, es ihm niemals zu erzählen.

An einem anderen Abend am Strand fragte ich ihn nach seinen Eltern. » Du erzählst nie von ihnen. « Dabei beobachtete ich ihn. Außer dass er ein Einzelkind und bei ­seiner Mutter aufgewachsen war, wusste ich nichts über sie.

» Es gibt auch nichts zu erzählen. « Er sah weg, und es wurde etwas kühler zwischen uns.

» Telefonierst du ab und zu mit einem von beiden ? « Ich blieb hartnäckig.

»  Mein Vater ist irgendwann abgehauen, und ich weiß nicht, wo er jetzt ist. Immer das Gleiche. Die Hälfte der Leute hat so eine Geschichte. Meine Mutter kann Alaska nicht leiden, sie versteht nicht, warum ich dort sein will. Jedes Mal, wenn wir sprechen, wirft sie mir vor, dass ich nicht nach Hause komme, deshalb rufe ich nicht an. Warum fragst du ? Du redest ja auch nicht gerade viel über deine Familie. Oder sonst irgendwas. «

Ich dachte an die Dinge, die ich erzählen könnte, und mir fiel das Geräusch der Absätze meiner Mutter im Treppenhaus ein. Immer ein schnelles, bestimmtes Klappern. Die Art und Weise, wie sie ihren langen Mantel auf den Bügel in der Garderobe hängte, wenn sie von der ­Arbeit heimkam. Jeden Abend ging sie schnurstracks zum Abtropfgestell und dem Weinglas, das es nie bis in den Schrank schaffte. Dann füllte sie es und schenkte mir auch immer ein paar Schlucke in ein Saftglas. Meine ­Mutter trank nämlich nicht gern allein. Das war dann immer ­unsere Zeit. Denn der Rest der Zeit war ihre Zeit. Sie stieß mit mir an. Pflichtbewusst trank ich aus und zuckte jedes Mal zusammen, wenn sie uns dann beiden nachschenkte.

Meine große Schwester vermied es, ihr Zimmer zu verlassen, wenn unsere Mutter heimkam. Sie verfolgte dieselbe Strategie, die meine Mutter sonst uns gegenüber immer anwendete, nur eben nicht zu unserer Zeit. Dieser kurze Augenblick zwischen dem ersten und dem zweiten Glas, wenn sie zufrieden war, bevor Dad nach Hause kam und das Gezeter losging, bevor die Flasche leer war und sie von all dem Wein aufgebracht war.

Ich versuchte, mich zu entziehen, es zu vermeiden, aber der Klang ihrer Absätze, die Art, wie sie die Stimmung im leisen Haus aufwühlte, zu Anfang sanft und gemütlich, ­zogen mich zu ihr hin. Ich ertrug die Informationen, die ich während unserer Zeit erhielt, im Tausch gegen die Art, wie sie mir in die Augen sah, für das milde ­Lächeln, das nur für mich bestimmt war. Während unserer Zeit erfuhr ich, dass mein Vater Oralverkehr normalem Sex vorzog, dass meine Mutter Tänzerin werden wollte, vorgetanzt hatte und genommen worden war und dass sie ihre Schwangerschaft mit mir geheim gehalten hatte, bis es nicht mehr ging.

Ich sah Kyle im dunstigen Abendlicht an. » Das Einzige, was ich von meinen Eltern gelernt habe, ist, dass es ­einfacher ist, alleine zu sein. «

» Deshalb bist du ständig unterwegs. «

Ich zuckte mit den Achseln, dachte an das Kratzen von Klettereisen auf Eis, wie rutschig es unter der Ferse ist und an den Halt unter den Zehen.

» Vielleicht hatten unsere Eltern auch einfach keine ­Ahnung «, erwiderte ich. » Vielleicht gibt es noch einen ­anderen Weg. «

Als die Tage in Mexiko länger und heißer wurden, machten wir uns wieder auf den Weg in den Norden, um rechtzeitig zum Beginn der nächsten Fangsaison zurück zu sein. Die Fahrerkabine des Trucks war eng und fühlte sich beklemmender an als auf dem Weg in den Süden.

» Wo sind wir ? «, fragte ich irgendwo in British ­Columbia.

» Es dauert noch «, sagte Kyle mit Blick auf die Straße. » Wir brauchen nach Neely noch mindestens drei Tage. «

»  Ich meine du und ich – findest du, wir kennen ­einander wirklich ? « Ich stellte mir die Worte vor, wie ich anfangen würde, es ihm zu erzählen.

Er sah weiter auf die Straße. » Wir haben gerade sechs Monate in einer kleinen Hütte verbracht. Natürlich ­kennen wir uns. Zumindest so lange, bis du weiterziehst. «

Ich sah sein Gesicht von der Seite an. » Ich gehe nirgendwo hin. «

» Wie soll ich dir das glauben ? «

» Weil ich es gesagt habe. «

» Hm «, sagte er und sah noch immer geradeaus. » Aber so ist es doch immer. «

» So war es. «

Später hielten wir an, um zu tanken, und ich schlich um die Tankstelle zum Münztelefon. Der Zettel war von der langen Zeit in meiner Hosentasche völlig verknüllt, aber die Nummer war noch zu lesen. Ich warf ein paar Münzen ein, hielt die Luft an und wählte.

Vielleicht war jetzt der richtige Moment, an dem ich es schaffte. Ich wartete auf das Klicken, das anzeigte, dass der Anruf durchgestellt wurde, wartete auf das erste Klingeln und versuchte, mir die helle Küche vorzustellen, in der es läutete.

Die Angst, die durch meinen Körper strömte, war scharf und heiß. Am Ende des ersten Klingelns war sie in meinen Magen gerutscht, und ich musste mich nach vorne beugen, um ihr Raum zu schaffen. Ich rutschte an der Wand der Telefonzelle runter, sodass ich auf meinen Fersen saß, einen Arm um den Bauch gelegt. Das Telefon läutete ein zweites Mal. Bevor das Klingeln zu Ende war, legte ich auf, stürmte aus der Telefonzelle, als ob Bienen hinter mir her wären, rannte bis an die Ecke der Tankstelle, wo ich anhielt, um Luft zu holen. Erst danach ging ich zurück zum Truck.

An einem Tag Anfang Mai, an dem die Wolken nur hundert Meter über dem Meer hingen und alle Berge verdeckten, kehrten wir zurück nach Neely. Ich konnte die Gletscher über uns nicht sehen, aber ich spürte ihre Anwesenheit.

» Ist es nicht wunderschön ? « Kyle blinzelte in den ­Regen, alles um uns herum war grau oder schwarz. Die Art, auf die es wunderschön war, forderte etwas von ­einem. Eine Landschaft, die die Macht hatte, einen zu jeder Zeit dazu zu bringen, die tiefsten und geheimsten Gedanken zu hinterfragen.

Rachel Weaver

Über Rachel Weaver

Biografie

Rachel Weaver arbeitete für den Alaska Forest Service, wo sie über Sing- und Greifvögel, Schwarz- und Braunbären forschte. Sie hat einen Abschluss in »Writing and Poetics« von der Naropa University in Boulder und lebt mit ihrem Mann und ihren Zwillingssöhnen in Colorado. Ihr Roman »Die Stille unter...

Pressestimmen

Märkische Oderzeitung

»Rachel Weaver erzählt in einer knappen, ungeschönten Sprache vom persönlichen Scheitern, von Entwurzelung und Sinnsuche, unterdrückten Gefühlen und davon, wie schwer es ist, nicht nur anderen, sondern auch sich selbst zu verzeihen.«

Peiner Allgemeine Zeitung

»Ein beeindruckendes Debüt, das meisterhaft mit der Rauheit und Schönheit Alaskas spielt.«

Passauer Neue Presse

»Eine atemberaubende Abenteuergeschichte.«

Ruhr Nachrichten

»Rachel Weaver weiß, wovon sie schreibt, und es fröstelt den Leser entsprechend.«

tanzschrift.at

»Authentisch, warmherzig und dramatisch, ein beeindruckender Roman.«

Hamburger Morgenpost

»Ein Buch voller Intensität und unterdrückter Gefühle.«

Hessische/ Niedersächsische Allgemeine

»absolut lesenswert – vor allem an kalten Herbstabenden auf dem warmen Sofa.«

buchtipp-neuerscheinungen.de

»grandiose Beschreibungen der Landschaft. (...) Unbedingt lesen, wenn Gletscher und Eiswelten Sie begeistern können.«

Für Sie

»›Die Stille unter dem Eis‹ glänzt mit einem Mix aus Spannungs- und Liebesroman.«

Emotion

»Eine Geschichte, die mich trotz eisiger Gletscher nicht kaltgelassen hat. Das raubt den Atem: Wie man die bedrängende Enge inmitten tiefer Gletscherspalten fast spürt – und auf der nächsten Seite die grenzenlose Weite Alaskas.«

Bibliotheksnachrichten

»Die Schilderung des Alltags auf dem Leuchtturm, die Härte eines derart ausgesetzten Lebens und die Beschreibung der beiden nach Halt Suchenden machen den Roman zu einem Erlebnis.«

Love Letter

»Wer sich auf den Roman einlässt, wird mit einer großartigen Erzählung belohnt über zwei Menschen, die ihren Weg finden müssen.«

Kommentare zum Buch

Spannendes Psychodrama mit authentischen Charakteren über Einsamkeit, Schuld, Vergebung & der Auseinandersetzung mit sich selbst
Lena am 11.10.2017

Die rast- und ruhelose Anna Richards ist begeisterte Kletterin und hat bereits so manchen Gletscher erklommen. In Alaska begegnet sie dem Fischer Kyle McAllin, der die Tramperin in seinem Pickup auf dem Weg nach Süden mitnimmt. Die beiden, die sich bisher mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen haben, verlieben sich ineinander und entscheiden sich dafür, neun Monate auf der unbewohnten Insel Hibler Rock zu verbringen und dort als Leuchtturmwärter zu arbeiten.   Bereits in der ersten Nacht nach der Ankunft geht alles schief, als ihr Boot mit sämtlichen Vorräten und persönlichen Gegenständen sinkt und auch der Motor des Bootes daraufhin defekt ist. Kyle schafft es jedoch, einen alten Außenbordmotor aus einem Schuppen wieder flott zu machen, so dass sie sich mühsam auf den Weg in die nächstgelegene Stadt machen, um von ihrem Ersparten ein wenig Kleidung, Lebensmittel und Wasser zu kaufen. Anschließend begeben sie sich voller Elan daran, den seit 1978 unbewohnten Leuchtturm für sich einzurichten, einen Verschlag für Feuerholz und ein Gewächshaus zu bauen, damit sie möglichst autark auf der Insel leben können, denn im Winter wird durch den Wind und starken Wellengang keine Möglichkeit mehr bestehen, auf das Festland zu gelangen.   Das Paar, das sich noch nicht lange kennt, gelangt bald körperlich und emotional an seine Grenzen und merken, dass jeder für sich Geheimnisse verbirgt, die er dem anderen nicht Preis geben möchte und dass sie den Aufenthalt auf der Insel und die Einsamkeit nutzen, um vor der Vergangenheit wegzulaufen und sich zu verstecken.   Der Roman in der Ich-Form aus der Sicht von Anna geschrieben und vermittelt eine durchweg melancholische Stimmung. Der Schreibstil der Autorin hat mich an die Romane von Lucy Clarke erinnert, deren Bücher auch immer (traurige) Schicksale von jungen Frauen zum Thema haben.   Anna und Kyle sind beide Abenteurer und Einzelgänger, die in der Vergangenheit etwas erlebt haben, das sie nicht ganz verarbeitet haben, vor dem sie weglaufen und über das sie mit dem anderen nicht reden möchten. Als Paar ziehen sie sich gemeinsam auf die Insel zurück, halten sich aber gegenseitig auf Distanz und gehen dort getrennter Wege oder üben Kritik am anderen. Während Anna mit dem mangelnden Komfort gut zurecht kommt, ist es vor allem Kyle, der das einsame Dasein nicht erträgt. Nach einem Vorfall auf dem Meer kehrt Kyle nicht mehr auf die Insel zurück und Anna ist ohne zu wissen weshalb, auf sich allein gestellt.   "Die Stille unter dem Eis" ist ein leises, aber durchweg spannendes Psychodrama, das von zwei Menschen handelt, die beide mit einem unverarbeiteten Trauma leben, sich zufällig begegnen und zusammentun. Während man bei Anna durch ihre Erinnerungen in Rückblenden erfährt, woran sie leidet, ist der Leser so wie Anna auch im Unklaren, was mit Kyle los ist. Darüber hinaus ist es spannend zu erfahren, welche Verbindung es zu dem letzten Leuchtturmwärter William Harris gibt, auf den sie im Leuchtturm Hinweise finden und der im Jahr 1978 spurlos verschwunden ist.   Es ist ein atmosphärischer Roman, bei dem man sich unmittelbar nach Alaska und Hibler Rock versetzt fühlt, die Kälte des Windes und die raue See spürt, eine Geschichte mit authentischen Charakteren über Einsamkeit, Schuld, Vergebung und der Auseinandersetzung mit sich selbst.

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