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Die sonderbare Karriere der Frau Choi

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Die sonderbare Karriere der Frau Choi — Inhalt

Korea und Südfrankreich bilden eine tödliche Liaison: In einem südfranzösischen Nest eröffnet Frau Choi ein äußerst erfolgreiches koreanisches Restaurant. Mit ihrem Engagement und Einfallsreichtum bringt sie das ganze Dorf in Schwung. Dass sie mit den seltsamen Todesfällen in Verbindung stehen könnte, von denen man neuerdings hört, ist reine Spekulation ...

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Erschienen am 14.07.2014
128 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96612-2

Leseprobe zu »Die sonderbare Karriere der Frau Choi «

Inzwischen ist sie weit über die Grenzen hinaus bekannt, jedenfalls in gewissen Kreisen, aber als sie vor siebzehn Jahren anfing, konnte man nicht ahnen, was daraus werden würde. Sie kam einfach an. Das schon war erstaunlich.

Vor siebzehn Jahren war M** eines von diesen Nestern im Südwesten von Frankreich, die Sie, wenn überhaupt, nur im Sommer kennen, weil die Ardèche und die Cevennen im Reiseführer stehen. Sie können da Kanu fahren und die malerischen Schluchten bewundern, es gibt Campingplätze, Badestellen, Wanderwege, Ziegenkäse, Honig und gutes Öl. [...]

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Inzwischen ist sie weit über die Grenzen hinaus bekannt, jedenfalls in gewissen Kreisen, aber als sie vor siebzehn Jahren anfing, konnte man nicht ahnen, was daraus werden würde. Sie kam einfach an. Das schon war erstaunlich.

Vor siebzehn Jahren war M** eines von diesen Nestern im Südwesten von Frankreich, die Sie, wenn überhaupt, nur im Sommer kennen, weil die Ardèche und die Cevennen im Reiseführer stehen. Sie können da Kanu fahren und die malerischen Schluchten bewundern, es gibt Campingplätze, Badestellen, Wanderwege, Ziegenkäse, Honig und gutes Öl. Hotels gibt es kaum, denn sobald Sie weg sind, schließen sich diese Nester hinter Ihnen, drehen sich von der Welt weg, und im Herbst und Winter möchten Sie sie gar nicht kennen, also brauchen Sie kein Hotel, und die Nester brauchen schon gar keins. Sobald Sie weg sind, fängt es im September damit an, daß der Strom heruntergedreht wird und schwankt und man denkt, man ist im falschen Jahrhundert, weil man sein Haus nicht mehr hell bekommt. Die Handys haben keinen Empfang, Zentralheizung gibt es nicht, und wenn der Wind auf dem Schornstein steht, drückt er den Rauch des Kamins nach innen, die Kinder husten, und in der Nacht hustet das ganze Haus. Es ächzt und seufzt und macht schreckliche Geräusche.
Diese Nester sind karstig und grau und trist und einer Überdosis Natur ausgeliefert, die sie nicht gut verkraften, und die Leute verkraften sie auch nicht. Sie glauben zwar nicht mehr an Werwölfe und Weiße Frauen, aber jeder kennt die Geschichten; jeder weiß, daß Jean Grin mit den roten Augen hier sein Unwesen getrieben und den Kindern die Leber aus dem Leib gerissen hat, und niemand läßt seine Kinder allein in die Schule und abends im Dunkeln nach Hause gehen, man fährt sie lieber die zweihundert Meter hin, sicher ist sicher.
Wenn Sie in einem solchen Ort lebten, würden Sie auch vergessen, daß die Autobahn nur vierzig Kilometer entfernt ist und die Stadt gerade mal anderthalb Stunden, aber in M** wollen Sie gar nicht leben. M** liegt nicht einmal an der Eisenbahnlinie.
Sie kennen Dörfer, die manchmal vorbeirauschen, wenn Sie mit dem Zug durch leere Gegenden fahren, die es nur auf der Landkarte gibt; sie rauschen vorbei, liegen herum wie ausgestorben, aber plötzlich gräbt jemand in seinem Garten mit dem Spaten die Erde um, oder eine Frau hängt Wäsche auf, und Sie denken etwas ungläubig: Hier kann man also auch leben, wovon leben die Leute hier?, nehmen sich wieder das Börsenblatt, und bis Sie in Hannover oder Lyon sind, haben Sie diese Dörfer vergessen. An M** rauschen Sie nicht einmal vorbei.

In diesem M** also kommt vor siebzehn Jahren Frau Choi an, um dort zu leben. Kurz zuvor ist das Schild »zu verkaufen« verschwunden, das gut ein Jahr lang an dem Haus neben dem »Café du Marché« gehangen hatte, und im Café haben die alten Männer Gesprächsstoff gehabt und neugierig darauf gewartet, wer da wohl einziehen mochte, sie jedenfalls machten drei Kreuze, daß sie da nicht einziehen mußten, und dann zieht die Chinesin ein und lernt als erstes Yolande kennen.
Yolande kommt nicht von hier. Sie ist zugeheiratet. Sie ist die Frau von Yves, dem die Nußbäume gehören, die Ölmühle und im Sommer der Campingplatz.
Yolande sitzt eines Tages in der Herbstsonne auf ihrer Terrasse und hat gerade einen Erdbeerbaumfalter fotografiert, der ihr in ihrer Sammlung noch fehlt. Hinter ihrem Haus fangen der Wald und der Berg an, und eigentlich gehen inzwischen nur noch ein paar alte Leute in den Wald, morgens, mit dem Hund und zum Pilzesammeln in der Schlucht hinter der Grotte. Da kommt plötzlich eine recht junge Frau mit einem großen Korb vorbei, die Yolande nicht kennt, und wie die Frau unten am Weg hochschaut und sieht, daß jemand auf der Terrasse ist, winkt sie, und Yolande winkt hinunter, und die andere Frau bleibt stehen und winkt weiter. Schönes Wetter, ruft sie vielleicht hoch oder so etwas Ähnliches, und schließlich ruft Yolande hinunter: Möchten Sie einen Kaffee mit mir trinken?, und so kommt die Frau hoch und setzt sich zu ihr in die Herbstsonne auf die Terrasse.
Ich bin Frau Choi aus Gwangju, sagt sie in einem Französisch, von dem Yolande denkt, sie muß es aus einem Schulbuch haben; die Grammatik stimmt, aber es hört sich nach Trockenkurs an.
Ich bin Yolande Fauchat, sagt sie, und was tun Sie hier? So eine unhöfliche Frage, sagt sie gleich hinterher, weil sie gemerkt hat, daß es unfreundlich klingen könnte, so direkt zu fragen, dabei war es nur Neugier.
Frau Choi zeigt auf den großen Korb und sagt: Zum Beispiel Pilze sammeln, und Sie?
Yolande zeigt auf ihre Minolta und sagt: Zum Beispiel Schmetterlinge fotografieren; ich will einen Bildband machen.
Der Erdbeerbaumfalter ist inzwischen weg, aber sie hat ihn in ihrer Minolta, ihren Pascha mit den zwei Schwänzen, und Frau Choi sagt: Aha.
Wie sind Sie hierhergekommen? sagt Yolande, weil hier das tiefste Frankreich ist und man sich wundert, wie Leute hierherfinden.
Frau Choi aus Gwangju sagt: Aus Amsterdam. Mein Mann ist gestorben.
Das tut mir leid, sagt Yolande und erfährt, daß Frau Choi eine Witwenrente bekommt und irgendeine Summe Geld, weil die Fluggesellschaft, für die ihr Mann gearbeitet hat, für den unklaren Tod des Mannes hat zahlen müssen. Von dem Geld hat sie das Haus neben dem »Café du Marché« gekauft, und Yolande denkt: Gratuliere. In M** gibt es etliche Häuser, die möchten Sie nicht geschenkt, und das Haus von Frau Choi gehört zu denen, die Sie nicht geschenkt mögen, aber das alles ist eigentlich keine Erklärung dafür, wie Frau Choi hierhergekommen ist, und vor allen Dingen, warum, im Gegenteil, sagt sich Yolande. Das Gespräch wird danach etwas schwierig, weil man in M** nicht einfach ankommt und da ist; aber schließlich stellen sie fest, daß ihre Kinder im selben Alter sind, und vielleicht könnte Yolandes Sohn etwas mit dem Französisch helfen.
Als Frau Choi geht, wirft Yolande einen Blick auf die Pilze und sagt: Kennen Sie sich mit Pilzen aus?
Frau Choi hat sonderbare Pilze in ihrem Korb. Wenn Yolande im Herbst mit der Minolta unterwegs ist, findet sie manchmal Steinpilze oder Maronen, aber die Maronen, die es in M** gibt, werden lila, wenn man sie anschneidet, und die läßt sie lieber stehen.
Frau Choi sagt: Ich koche sie einfach, dann esse ich einen Löffel und friere den Rest für den nächsten Tag ein.
Und? sagt Yolande.
Und am nächsten Tag taue ich sie wieder auf, und wir essen sie.
Das ist nicht Ihr Ernst, sagt Yolande, aber Frau Choi lächelt nur seltsam und neigt den Kopf zur Seite.
Eigentlich paßt sie ganz gut nach M**.
Die Leute in M** sind ein bißchen merkwürdig.
Deshalb ist Yolande schließlich hergekommen. Nicht daß die Leute noch an Werwölfe und Weiße Frauen glauben, aber jeder kennt die Geschichten, und eine Zeitlang gab es staatliche Gelder und Universitätsgelder dafür, diese Geschichten zu sammeln und zu retten, bevor die Leute anfangen, ihre eigenen Geschichten von Werwölfen und Weißen Frauen zu vergessen, und das wäre schade. Eine Menge Geschichten stehen in den Archiven von Nîmes, Millau und Narbonne, aber es ist etwas anderes, ob Sie in die Archive gehen und sich die Werwölfe und Weißen Frauen aus Büchern anlesen oder ob Sie hoch in die Berge fahren und sich alles von echten Menschen erzählen lassen, die Kastanien sammeln, Ziegen oder Bienen haben und einen schlechten Fernsehempfang. Also hat Yolande eines Tages ihren Rucksack gepackt und ist hochgefahren. Das letzte Stück bis nach M** gab es damals noch keinen Bus, und so ist sie getrampt, und das war dann gleich Yves und die große Liebe, und als die staatlichen Gelder aufhörten, hatte sie ihre Geschichten zusammen, packte ihren Rucksack, fuhr nach Toulouse, machte ihren Abschluß über das bis heute nicht gelöste Rätsel, warum die Bestie von Gévaudan nur Frauen und Kinder getötet hatte; sie schrieb die Legenden alle auf, die sie gesammelt hatte, widmete sie den Müttern und deren Müttern, ein kleiner Verlag im Südwesten gab sie heraus: »Schattenseelen und Wesen der Nacht. Von Angst, Wiedergängern und Fabelwesen gestern und heute«; und danach packte sie all ihre Sachen und fuhr endgültig wieder hoch, aber daß es ein »Endgültig« war, hat sie damals noch nicht gewußt, weil sie sehr verliebt war, und Yves war auch verliebt, und wenn man verliebt ist, macht man Pläne, die einen auf die andere Seite der Welt versetzen, auf die hellere, jedenfalls weg aus M**, das gestern und heute auf die dunkle Seite gehört; in die Karibik wäre sie gern gegangen, Yves wäre auch gern in die Karibik oder jedenfalls aus M**weggegangen, jeder träumt von der Karibik, aber immer wenn Yves von der Karibik anfing oder auch nur von »Wegaus-M**«, wurde sein Vater plötzlich alt und hatte es im Kreuz, und die Mutter nahm Yves beiseite und sagte: Siehst du denn nicht, dein Vater wird alt, und was soll mit der Ölmühle werden, he? Vom Campingplatz brauchte sie gar nicht anzufangen, weil Yves dann verstanden hatte, daß es mit der helleren Seite der Welt und der Karibik nichts wird, und ein paar Jahre später hatte Yolande es auch verstanden, nachdem dann Bastien auf der Welt war.

Und jetzt ist Frau Choi da, und Sie können sich denken, daß sich das schnell herumspricht in so einem Nest. Alle sind gespannt, ob sie es fertigbringt, das Haus neben dem »Café du Marché« mit den klapprigen Fensterläden bewohnbar zu machen, die Chinesin. Die hat einen Sohn, der Piet de Bakker heißt, weil sein Vater aus Holland war, und manchmal fahren Piet und Bastien zusammen Fahrrad oder gehen in den Wald, allerdings hat Piet nicht viel Zeit, weil er seiner Mutter mit dem Haus und vor allem auf den Ämtern oft helfen muß. Die beiden sind ziemlich auffällig, wenn man sie trifft. Piet sagt zu seiner Mutter nicht »maman« wie die französischen Kinder, sondern er spricht anders mit ihr, und eine Zeitlang wird es Mode in M**, daß die Kinder ihre Mütter auch so ansprechen wie Piet seine Mutter.
Hat Mutter den Antrag auch unterschrieben, sagt er zu ihr, oder: Mutter braucht noch die Unterlagen.
Wenn die alten Männer das hören, kratzen sie sich am Kopf und denken an ihre Mütter, zu denen sie immer »Sie« gesagt haben: Würden Sie mir die Butter geben, maman?, aber das war in den Zeiten, als die Messe in M** noch auf lateinisch gelesen wurde, inzwischen werden Mütter nicht mehr gesiezt, aber wie Piet spricht, ist es auch wieder kein richtiges Siezen, sondern die dritte Person, und plötzlich fängt Bastien damit an: Hat Mutter meine Sportsachen gesehen? und amüsiert sich, und Yolande muß an eine Freundin denken, deren Vater bei der Armee war, und alle mußten »Sir« zu ihm sagen, es schüttelt sie, wenn sie an diesen Sir denkt; alle waren froh, als er starb; und wenn Piet sagt: Hat Mutter die Bescheinigung dabei?, fröstelt es sie.
Sag mal, Piet, sagt sie eines Tages, warum sprichst du so mit deiner Mutter?, und Piet sagt: Das macht man bei uns, wenn man jemanden achtet.

Und tatsächlich wird Frau Choi nicht nur von ihrem Sohn, sondern sehr schnell vom ganzen Ort hoch geachtet, weil es ihr in ganz kurzer Zeit gelingt, ihr Haus bewohnbar zu machen. Sie fängt noch im Herbst an, die Fenster abzudichten und ihr Dach auszubessern, repariert
den Wasseranschluß, setzt mit eigenen Händen einen Kamin, legt eine eigentümliche Fußbodenheizung und kachelt zuletzt die Böden. Bevor der Frost kommt, sind ihre Fensterläden neu gestrichen.
Alle Achtung, sagen die Leute. Sogar die Skeptischen, die sich fragen, wozu um alles in der Welt ein Ort wie
M** eine Chinesin braucht, sind voller Bewunderung:
Was die Frau alles kann. So eine kleine Person, und so eine Energie.

Birgit Vanderbeke

Über Birgit Vanderbeke

Biografie

Birgit Vanderbeke, geboren 1956 im brandenburgischen Dahme, lebt im Süden Frankreichs. Ihr umfangreiches Werk wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Kranichsteiner Literaturpreis. 2007 erhielt sie die Brüder-Grimm-Professur an der...

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»Globales Denken und lokales Handelns auf den Punkt gebracht – gewürzt mit einer Prise Krimi.«

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