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Die Seelenzauberin

Die Seelenzauberin

Roman (Magister-Trilogie, Band 2)

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Die Seelenzauberin — Inhalt

Seelenfresser sind seltsame Wesen mit Körpern wie lange schwarze Schlangen und Flügeln wie die einer Libelle. Diese Dämonen sind unverwundbar, und nur eine magische Barriere, der Heilige Zorn, hält sie in Schach. Doch dieser Schutz wird zerstört, und nun bedrohen die Unwesen Kamalas Welt. Einziger Ausweg ist die Erweckung der Lyr, doch diese schlafen noch tief und fest … Für alle Freunde düsterer Geschichten um Magie und den Preis, den die Menschen dafür zahlen müssen.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 14.01.2014
Übersetzt von: Irene Holicki
512 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98035-7

Leseprobe zu »Die Seelenzauberin«

Prolog

Die Götter waren unterwegs.

Der Junge presste sich an den heißen Boden und krallte seine rußgeschwärzten Finger in den Berg. Lavastückchen und Ascheklumpen lösten sich unter seinen Händen und verbrannten ihm die Haut wie glühende Kohlen, aber das nahm er kaum wahr. Seine Aufmerksamkeit war nur nach oben gerichtet, besonders auf die wenigen Stellen, wo sich die dichten Wolken teilten und der Himmel sichtbar wurde.

Sie würden bald hier sein. Ganz bestimmt.

Sie würden das Opfer nicht ablehnen.

Weiter unten lagen ein halbes Dutzend Mädchen im weiten [...]

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Prolog

Die Götter waren unterwegs.

Der Junge presste sich an den heißen Boden und krallte seine rußgeschwärzten Finger in den Berg. Lavastückchen und Ascheklumpen lösten sich unter seinen Händen und verbrannten ihm die Haut wie glühende Kohlen, aber das nahm er kaum wahr. Seine Aufmerksamkeit war nur nach oben gerichtet, besonders auf die wenigen Stellen, wo sich die dichten Wolken teilten und der Himmel sichtbar wurde.

Sie würden bald hier sein. Ganz bestimmt.

Sie würden das Opfer nicht ablehnen.

Weiter unten lagen ein halbes Dutzend Mädchen im weiten grauen Kessel des Vulkans und wimmerten vor Angst und vor Schmerzen. Sie waren ziemlich jung, zum Teil noch jünger als er, und allen strömte das Blut aus Schnitten an der Rückseite der Beine. Die Priester hatten verfügt, dass man ihnen die Kniesehnen durchtrennte, bevor sie in den Kessel gestoßen wurden. So wollte man verhindern, dass sie sich ein Beispiel an den letzten Opfern nahmen: Diese waren, anstatt sich in ihr Schicksal zu fügen, auf die andere Seite der Kaldera geflüchtet und hatten sich dort in die Lavagrube gestürzt. Wenn die Opfer allzu schnell starben, waren die Götter unzufrieden und schickten den Schwarzen Schlaf. Dann starben die Kinder, und das Getreide verfaulte auf den Feldern, weil keine gesunden Männer mehr da waren, die es hätten ernten können.

Verständlicherweise litten die Mädchen Todesängste, und als eine von ihnen aufschrie, zuckte der Junge zusammen. Er konnte nicht sehen, wer es war, und verbot sich auch, darüber nachzudenken. Das Land der Sonne war klein, und er kannte jeden Bewohner mit Namen … aber wenn ein Mädchen zum Opfer erwählt wurde, gab sie ihren Namen und ihre Identität auf und hieß fortan nur noch Tawa, Göttermagd. Sie anders zu sehen, sich bewusst zu machen, dass dieselben jungen Dinger, die nun wie Lämmer auf der Schlachtbank lagen und auf die Götter warteten, einst im Schatten des großen Berges mit ihm herumgelaufen waren, mit ihm gescherzt und »Zeigst du mir deins, zeig ich dir meins« gespielt hatten, wäre zu schrecklich gewesen.

Futter. Die Priester gebrauchten das Wort nie, aber nichts anderes waren sie jetzt. Jeder im Land der Sonne wusste das, aber niemand sprach es laut aus. Wenn ein Mann seine Tochter als Braut den Göttern opferte, mochte er noch das Gefühl haben, eine ehrenvolle Tat zu vollbringen, doch sobald er sich eingestand, dass sie nur wie ein Schaf den Wölfen zum Fraß vorgeworfen würde, erkaltete die Ehre und starb eines kläglichen Todes. Die Blumen, die man den Mädchen ins Haar flocht, waren kein Brautkranz, keine Krone der Gemeinschaft mehr, sondern makabre Dekoration; ihre Schreie waren kein Lied, mit dem die jungfräuliche Braut ihren erhabenen und strahlenden Bräutigam begrüßte, sondern lediglich Ausdruck einer primitiven Urangst, die alles andere erstickte.

Kein Wunder, dass niemand aus dem Dorf zurückblieb, um zu sehen, ob das Opfer angenommen wurde, dachte der Junge. Die Illusion eines heiligen Rituals wäre bei näherem Hinsehen womöglich nicht aufrechtzuerhalten gewesen.

Plötzlich kam Bewegung in die Wolken am Himmel. Der Junge zog rasch den Atem ein, der Schwefelrauch brannte ihm in der Nase und reizte zum Husten. Ein Krampf erfasste seine Atemwege, er schloss fest die Augen, und die Tränen liefen ihm über die rußverschmierten Wangen, doch er gestattete sich keinen Laut, um die Götter, die bestimmt schon ganz nahe waren, nicht auf sich aufmerksam zu machen, bevor er bereit war. Am Ende hielten sie auch ihn noch für ein Opfer.

Dann war der Anfall vorüber, er unterdrückte einen letzten Hustenreiz und schlug die Augen wieder auf.

Und da waren sie.

Makellos rein waren sie – o diese Reinheit! Kühl und klar hoben sie sich vor dem hellen Himmel ab, Eis gegen Feuer. Ihre Schwingen waren fein geädert wie Insektenflügel, aber unglaublich breit und so stark, sodass sie mit jeder Bewegung Staub- und Aschewirbel erzeugten. Die Körper glänzten wie ein Ozean beim Aufgang des Mondes, und über die Haut tanzten Lichter, blau, violett und in vielen anderen Farben, die der Junge nicht einmal dem Namen nach kannte. Die Schwingen glichen bläulichen Eisflächen, die mit jedem Schlag den verräucherten Wind kühlten. Mit ihrer Hilfe glitten die Götter durch die schwefelverpestete Luft wie Seehunde durch das Wasser. Hinter ihnen blieben brodelnde Giftwolken zurück.

Die Priester lehrten, jeder Sterbliche sei des Todes, wenn er die Götter schaue. Der Junge starrte sie ungeachtet dieser Warnung wie gebannt an, zu groß war seine Sehnsucht, Zeuge ihrer ungeheuren Macht zu werden, sie zu begreifen und schließlich zu besitzen.

Eines der Flugwesen nach dem anderen ließ sich aus den Wolken fallen, schwenkte ein, bis es unter dem ätzenden Rauch war, und flog auf die Kaldera zu. Das Geschrei im Kessel war verstummt. Die Mädchen zitterten immer noch vor Angst, und eine wimmerte leise vor Schmerz, als die mächtigen Schwingen dicht über ihr die rauchige Luft zu Wirbeln und Strudeln peitschten, doch sonst waren sie vor lauter Schock ganz still, eine jede wie gelähmt beim Anblick ihres geflügelten Bräutigams. Selbst der Junge hoch über ihnen konnte sich der Wirkung der Götterpräsenz nicht entziehen. Die Angst ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren … doch zugleich spürte er eine seltsame, beklemmende Erregung, so als beobachtete er dieselben Mädchen, wie sie nackt in einer heißen Quelle badeten. Schweigend und wie erstarrt sah er zu, wie ein Wesen nach dem anderen auf die jungen Bräute hinabstieß. Diese schienen ihre Schmerzen vergessen zu haben. Sie sanken zurück auf die heiße Erde und streckten den Kreaturen die Arme entgegen, als wollten sie einen Geliebten empfangen. Die Szene war natürlich grotesk, aber auch faszinierend, und der Junge konnte den Blick nicht davon wenden.

Noch hatte ihn keiner der Götter bemerkt, oder wenn doch, dann hielten sie ihn ihrer Aufmerksamkeit nicht für würdig. Hatte sie jemals einer von seinen Landsleuten so gesehen, war ihnen so nahe gewesen, ohne geopfert worden zu sein? Zum ersten Mal, seit er von zu Hause fortgelaufen war, hielt er es für möglich, so lange am Leben zu bleiben, dass er seinen Plan zu Ende führen konnte.

Und wenn es klappte … wenn es klappte …

Er wagte nicht einmal, daran zu denken.

Eines der Mädchen war offenbar bereits tot, aber er konnte nicht sagen, woran sie gestorben war. Ein riesiger Gott mit kobaltblau und violett schillernden Schwingen war auf sie zugeschossen, als wollte er sie angreifen, nur um sofort wieder hochzuziehen und zu seinen Kameraden zurückzukehren. Dabei hatte er einen Schrei ausgestoßen, der die ganze Kaldera erfüllte. Der Junge war sicher, dass er das Mädchen nicht berührt hatte. Dennoch lag sie so seltsam still und reglos da, wie es nur tote Dinge sein können, als hätte man ihr alle Lebenskraft aus den Gliedern gesogen. Ihr Sterben war so geräuschlos vonstatten gegangen, dass die anderen nichts davon bemerkt hatten. Vielleicht waren sie auch so sehr bemüht, sich ihren Bräutigamen willfährig zu zeigen, dass sie sich einfach nicht darum kümmerten.

Und dann entdeckte der Junge, worauf er gewartet hatte.

Auf dem Rücken eines Gottes saß ein Reiter. Auf den ersten Blick sah er fast aus wie ein Insekt. Arme und Beine steckten in einer blauschwarzen Hülle, die der Haut des großen Wesens so ähnlich war, dass man nur mit Mühe unterscheiden konnte, wo das Tier aufhörte und der Mensch anfing. Zwei kleinere Schwingen, die aus dem Leib des Gottes wuchsen, waren nach hinten um den Reiter gelegt wie der glänzende Panzer einer Insektenpuppe. Genau in diesem Augenblick teilte sich der Kokon, und sein Inhalt kam zum Vorschein: ein Vorgang wie beim Schlüpfen einer Heuschreckenlarve.

Dem Jungen blieb fast das Herz stehen. Für einen kurzen Moment schien die Welt zu erstarren.

Die Mythen sind also wahr, dachte er aufgeregt.

Das Wesen auf dem Rücken des Gottes war ein Mensch. Keiner von seinen Landsleuten, nein, aber doch einem Menschen so ähnlich, dass keine Verwechslung möglich war. Die Haut des Reiters war sehr viel heller als seine eigene, fahl und kränklich wie geronnene Milch. Sein langes Haar war ölig und mit Schmutz verklebt, auch der eng anliegende Harnisch schien in Öl getaucht zu sein, sodass mit jedem Lichtstrahl, der darauf fiel, schillernde Regenbogen über die dunkle Oberfläche tanzten. Der Anblick ließ einen frösteln, aber die Gestalt war ohne jeden Zweifel menschlich. Und das war wichtiger als alles andere.

Der Junge nahm seinen Mut zusammen und holte tief Luft. Jetzt, dachte er. Jetzt ist es so weit.

Er stand auf.

Seine Beine zitterten stärker, als es selbst der anstrengende Aufstieg rechtfertigen konnte. Er fürchtete schon, sich nicht aufrecht halten zu können, und die Landschaft drehte sich schwindelerregend um ihn; doch dann zwang er allein mit seinem Willen die Welt, wieder still zu stehen, und seine zitternden Beine, sein Gewicht zu tragen. Was hatte er denn für eine andere Wahl? Die Götter beobachteten ihn, und wenn er vor ihnen Schwäche zeigte, konnte er sich auch gleich zu den anderen Opfern in den Vulkankessel stürzen und sich verschlingen lassen.

Als er glaubte, seinen Beinen wieder vertrauen zu können, holte er so tief Luft, wie seine gemarterten Lungen es ihm erlaubten, schloss kurz die Augen, um sich zu sammeln, und stieß einen Schrei aus, den kein lebendes Wesen überhören konnte. Wortlos schallte er über die Kaldera und hinein in die brodelnden Wolken.

Die Götter kreisten unbeirrt weiter, aber er wusste, dass sie ihn gehört hatten.

Er schlug die Augen wieder auf und suchte nach dem einen Gott mit dem menschlichen Reiter. Der war als Einziger nicht heruntergeflogen, um zu fressen, sondern kreiste hoch über den anderen. Hatte er ihn gesehen? Würde er seine Worte hören, wenn er ihn anriefe? Unter ihm grollte der Vulkan, und die Bimssteinbrocken unter seinen Füßen bewegten sich leicht. Äußerten sich die Götter in Tönen wie Tiere und Menschen, oder dienten ihnen die Vulkane als Sprachrohr? Man wusste so wenig über sie!

Dann heftete sich das Auge des Reiters auf ihn – menschliche Augen, aufreizend verächtlich –, und er begriff, dass er seine Chance sofort ergreifen musste, sonst wäre sie für immer dahin.

»Nehmt mich mit!«, forderte er. »Ich will den Göttern dienen!«

Es schien zunächst, als hätten ihn weder der Reiter noch sein Tier gehört. Also wiederholte er die Bitte noch lauter.

Wieder grollte der Berg unter seinen Füßen. Ein Schwall heißen, brennenden Schwefelrauchs stieg ihm in die Nase.

»Ich bin stark!«, rief er. »Ich habe die Kälte des Eises und die glühenden Steine der Feuerprobe überlebt! Ich habe den Seelöwen gejagt und dem Schneebären die Stirn geboten! Ich bin tapfer genug, um mich dem Zorn der Erde zu stellen …«

Tapfer genug, hierherzukommen, wollte er sagen. Tapfer genug, um den Opferberg zu besteigen und mich unbewaffnet vor euch hinzustellen, ohne Harnisch, ohne jeglichen Schutz vor dem Zorn der Götter außer meiner hartnäckigen Überzeugung, dass ich ihnen nützlich sein kann.

Die Augen des Mannes waren kalt und starr. Wie Echsenaugen.

Dann wandte er sich ab.

Der Junge heulte vor Wut. Es war der Schrei eines Tieres, der da, von seiner menschlichen Seite ungerufen und ungewollt, aus den Urtiefen seiner Seele hervorbrach. Eines der Mädchen schaute auf, um zu sehen, woher der Laut kam, wandte sich aber rasch wieder den geflügelten Bräutigamen zu. Erkannte sie in ihm den Jungen, mit dem sie herumgelaufen war, mit dem sie gespielt und Geheimnisse geteilt hatte? Oder sah sie nur ein rußgeschwärztes Tier, das den Himmel anbellte wie ein sterbender Seehund unter den Zähnen eines Raubtiers?

Dann schloss einer der Götter seine Klauen um das Mädchen und riss sie vom Boden hoch. Ihr Kopf fiel mit lautem Knacken nach hinten. Offenbar hatten die Götter doch Appetit auf frisches Fleisch.

Keiner von ihnen nahm von dem Jungen Notiz.

Kein einziger.

»Nehmt mich mit!«, brüllte er enttäuscht mit heiserer Stimme. »Ich gehöre zu euch!«

Die Götter hatten abgehoben und strebten wieder den Wolken zu. Einige hielten kleine Mädchengestalten wie schlaffe Puppen in den Klauen. Das Opfer war angenommen worden.

Der Reiter sah sich noch einmal nach dem Jungen um, dann wandte er sich ab. Sein Reittier legte abermals die durchsichtigen Flügel um ihn und schraubte sich höher und höher.

»NEHMT MICH MIT!!!«

Etwas traf den Jungen so hart im Rücken, dass ihm die Luft wegblieb. Beinahe wäre er in den Vulkankessel gestürzt, doch scharfe Klauen erfassten ihn, rissen ihn mit einer Schnelligkeit, die ihn schwindeln machte, von den Füßen und trugen ihn durch die Luft. Die Welt unter ihm schwebte in einzelnen Bildern durch sein Blickfeld, zusammenhanglos, unwirklich, Wirbelströme aus giftigem Rauch, blau-schwarze Schwingen, die über seinem Kopf die Luft bewegten und den Boden nach unten wegstießen, weiter und immer weiter … Hinter dem Land der Sonne erstreckte sich in der Ferne ein riesiges weißes Feld von Horizont zu Horizont. Es hatte kein Ende. Es kannte keine Gnade.

Ich werde euch dienen, gelobte er den Göttern. Besser als jeder andere. Ihr werdet schon sehen.

Doch die Götter antworteten nicht.

Der Anfang

Und so geschah es, dass die Ersten Könige den Wunsch verspürten, allen Menschen ihre Macht und Größe kundzutun. Also ließen sie riesige Türme bauen, einen größer als den anderen. Die Türme wurden so hoch, dass sie mit der Spitze die Wolken berührten, und die Könige erklärten: »Sehet! Die Götter selbst legen Zeugnis ab für unsere Größe.« Dennoch hörten sie nicht auf zu bauen, denn jeder König wollte, dass sein Turm der größte und prächtigste von allen sei.

 

Und jeder Herrscher ließ aus den feinsten Seidenstoffen in seinem ganzen Reiche Fahnen nähen und an seinen Turm hängen. Die Außenmauern wurden mit Gold und Silber verkleidet und mit funkelnden Edelsteinen geschmückt, und von den oberen Balkonen sollten die besten Musikanten nicht nur von morgens bis abends, sondern auch die ganze Nacht hindurch ihre Lieder erschallen lassen, auf dass jeder Untertan, der aus dem Schlaf erwachte, die Weisen höre und an die Größe seines Königs erinnert werde.

 

Und die Felder der Ersten Könige lagen brach, denn es mangelte an Knechten, sie zu bestellen; und die Herden der Ersten Könige verhungerten, denn es mangelte an Hirten, sie zu füttern.

 

Und der Schöpfer schaute vom Himmel herab, beobachtete das Treiben der Ersten Könige und sah, wie sie in ihrer Vermessenheit das Land verwüsteten.

 

Und Er sprach: »Genug!«

 

Das Buch der Buße

Die Sünden 7:15-19

Kapitel 1

Am Nachmittag war es im Bergwald kühl gewesen, und man brauchte keine Zauberkräfte, um eine frostige Nacht vorauszusagen. Nach Westen hin brannte die Sommerhitze unerbittlich auf die weiten Ebenen nieder, über viele Morgen verdorrten die Felder, dort stiegen Staubwolken zum Abendhimmel empor und färbten ihn rostrot. Aber hier in den Bergen war man wie in einer anderen Welt: Im kühlen, würzig duftenden Schatten der Kiefern verging selbst im tiefsten Sommer kaum ein Abend ohne eine kühlende Brise, und der heutige war keine Ausnahme.

Beide Monde standen jetzt am Himmel, eine schmale Sichel im Westen und eine fast volle Scheibe dicht über dem Horizont im Osten; ihr Licht fiel durch die dichten Äste und zeichnete Schattenflecken auf den Boden. Friedlich. Zeitlos. Aethanus sammelte Canthus-Blätter. Er hielt ein paar Minuten inne und beobachtete, wie die Schatten langsam ostwärts krochen, bevor er die Suche fortsetzte. Mit wachsender Dunkelheit wurde die Sicht schlechter, und er war kurz in Versuchung, etwas Licht zu beschwören, um sich die Arbeit zu erleichtern. Doch diese Anwandlung ging rasch vorüber. Früher hätte er so etwas getan, ohne darüber nachzudenken, heute hingegen nicht mehr. Eine Lampe anzuzünden war viel weniger aufwendig, und niemand brauchte dafür zu sterben.

Der scharfe Minzgeruch der Pflanze erfüllte die Lichtung. Seltsam, wie viel Freude ein solcher Duft bereiten konnte, dachte er. Einst hatte er alle Macht, allen Reichtum besessen, die sich Morati-Menschen nur erträumen konnten … doch nichts von alledem hatte ihn so befriedigt wie dieser einfache Geruch und der tiefe Friede eines Abends in den Bergen.

Endlich hatte er so viel gesammelt, wie er tragen konnte. Er erhob sich, reckte sich und kehrte im schwachen Schein der Laterne zu seinem Haus zurück.

Die Frau lag schon seit vielen Tagen auf einem Notbett in der hintersten Ecke seines Häuschens und schlief. Er hatte ihre gebrochenen Knochen mittels der Verfahren der Morati sorgfältig eingerichtet – mit Zauberei hätte er die Verletzungen natürlich schneller heilen können, aber er verabscheute jegliche Verschwendung. Außerdem hielt er es für lehrreich, wenn seine junge Schülerin ihre Heilung so langsam und unter Schmerzen erlebte wie eine Morata. Vielleicht lernte sie dadurch, vorsichtiger zu sein.

Wenn es bei ihr nur jemals so einfach wäre, dachte er zynisch.

Als er vorbeiging, um ein paar frische Canthus-Blätter in den Teekessel über dem Feuer zu werfen, bemerkte er, dass sie ihre Lage verändert hatte. Dann sah er, dass eine der Binden, die er um ihren Arm gewickelt hatte, so sauber wie mit einem scharfen Messer in der Mitte durchtrennt worden war, um das Glied freizulegen; der Bluterguss war verschwunden, und der gebrochene Knochen schien wieder heil zu sein. Sie war also aufgewacht, während er sich draußen aufgehalten hatte, zumindest für ein paar Minuten, und sie war so weit bei klarem Verstand gewesen, dass sie Zauberei einsetzen konnte. Das hieß wahrscheinlich, dass alle ihre Knochen wieder ganz und auch alle anderen Spuren der beinahe tödlichen Konfrontation getilgt waren. Geduld war offensichtlich nie ihre Stärke gewesen.

Er warf ein paar Canthus-Blätter in den Topf, stellte ihn beiseite, damit das Kraut ziehen konnte, und sah zu, wie der Dampf vom heißen Wasser aufstieg. Er wollte ihr Gelegenheit geben, als Erste zu sprechen, wenn ihr der Sinn danach stand. Als das Wasser endlich ein tiefes Goldbraun angenommen hatte und der Geruch die kleine Hütte durchzog wie ein starkes Parfüm, füllte er zwei Tassen, blies sachte darauf und ging damit zu Kamala.

Ihre Lider waren halb geöffnet, aber ihr Blick war noch verschwommen; sie war wach, aber noch nicht vollends bei sich.

»Hier«, sagte er. Er ließ ihr Zeit, die Tasse mit Canthus-Tee ins Auge zu fassen und sich mühsam aufzusetzen. Als sie ihm die Tasse abnahm – ihre Hände zitterten leicht, denn sie gebrauchte sie zum ersten Mal seit Tagen –, griff er nach einem Stück Papier, das schon seit Längerem daneben auf dem Tisch lag. »Und hier«, sagte er und reichte es ihr. Dann zog er einen Stuhl heran und setzte sich neben sie.

Sie wollte an der Tasse nippen, doch verriet ihre Miene, dass ihr der Tee zu heiß war. Schon sah er die Macht über der Oberfläche flimmern. Sie hatte zur Kühlung ein wenig Seelenfeuer beschworen. Wie selbstverständlich sie einem anderen Menschen die Lebenskraft entzog, dachte er, nur um sich selbst einen einzigen Atemzug zu sparen. Zugleich wusste er im Innersten, dass ein solcher Akt keineswegs selbstverständlich für sie war, sondern ihr sehr viel bedeutete, denn er war nur möglich geworden durch die Überwindung der Grenzen, die ihrem Geschlecht gesetzt waren. Einen Moratus zu töten, um eine Tasse Tee zu kühlen – ein solcher Luxus war nur einigen wenigen Auserwählten vorbehalten.

Den Göttern sei Dank dafür, dachte er.

Er sah, wie die Farbe langsam in ihre Wangen zurückkehrte, als ihr der Tee das Blut erwärmte; das Minzkraut würde ihr auch den Kopf klar machen. Er bemerkte ein paar helle Sommersprossen auf ihrer Stirn, Erinnerungen an ein sonnigeres Klima. Für einen kurzen, verwirrenden Moment verspürte er Eifersucht.

Doch worauf?

Ihre Hand zitterte noch immer ein wenig, als sie die Tasse abstellte. Dann wandte sie sich dem Blatt in ihrer Hand zu und starrte es so lange verständnislos an, als hätte sie das Lesen verlernt.

Endlich wurde die Schrift scharf, und sie runzelte die Stirn. »Was ist das?«

»Eine Liste all der unerfreulichen Dinge, die ich dir hätte antun können, während du schliefst. Immer vorausgesetzt, ich hätte dich wegen deiner früheren Verbrechen nicht umgehend an die anderen Magister ausgeliefert. Nimm es als Warnung. Es könnte dir übel bekommen, noch einmal als gesuchte Verbrecherin halb tot vor der Tür eines Magisters aufzutauchen.« Er nahm einen kleinen Schluck aus seiner Tasse und beobachtete, wie sie die Liste überflog. Zu seiner Überraschung begehrte sie nicht auf und suchte auch keine Ausflüchte, sondern fragte nur leise: »Sind wirklich so viele hinter mir her?«

»Seit du hier bist, wurden mindestens ein Dutzend Suchzauber auf dich angesetzt, und einige davon haben den Weg bis in diesen Wald gefunden. Ich will nicht behaupten, dass meine Schutzschilde ihnen nicht gewachsen wären, aber ich wüsste doch gerne, gegen wen oder was ich dich verteidige. Und warum ich das tun sollte.«

Sie senkte die Tasse und schloss die Augen. Ein Zittern durchlief ihren Körper. »Jagen sie mich, weil ich diesen Magister getötet habe? Oder aus einem anderen Grund?«

»Wissen sie denn, dass du dafür verantwortlich warst?«

»Ich glaube, ein Magister weiß Bescheid. Er könnte es weitergegeben haben.«

Er seufzte und lehnte sich in seinem Stuhl zurück; das alte Holz knarrte unter seinem Gewicht. »Und welcher?«

»Spielt es eine Rolle?«

»Könnte sein.«

»Colivar.«

Er murmelte etwas vor sich hin. Es hätte ein Fluch sein können.

»Schlimm?«

Er stand auf, trat ans Feuer und rührte zum Schein im Teekessel, damit sie sein Gesicht nicht sah. »Colivar pflegt seine Geheimnisse für sich zu behalten«, sagte er endlich. »Es ist unwahrscheinlich, dass er den anderen die Wahrheit über dich verrät, es sei denn, er verspräche sich einen Vorteil davon. Und er wird dich nicht allzu schnell zur Strecke bringen, wenn er glaubt, dass es unterhaltsamer ist, sich dabei Zeit zu lassen.« Er sah sie scharf an. »Aber er hält sich wie alle anderen an das Magistergesetz. Vergiss das nie. Und wenn er dich noch eine Weile am Leben lässt, dann nicht etwa, weil er es gut mit dir meint.«

Sie nickte ernst.

Aethanus drehte sich wieder um und sah sie streng an. »Du hast mich in Gefahr gebracht, indem du zu mir kamst. Hast du mir nicht versprochen, so etwas niemals zu tun? Unter den Magistern gibt es einige, die nicht nur deinen, sondern auch meinen Tod fordern würden, wenn sie wüssten, dass ich dich aufgenommen habe.«

»Ich weiß«, flüsterte sie. »Es tut mir leid. Aber ich wusste nicht, wo ich sonst hin sollte.«

Wenn sie ihm widersprochen hätte, hätte er vielleicht etwas zu sagen gewusst. So aber schwieg er. Er kannte seine Schülerin als heißblütig und trotzig, deshalb kam ihm diese ausgelaugte, mutlose Frau fremd vor.

Allerdings war sie auch nicht mehr seine Schülerin. Das musste er sich immer wieder in Erinnerung rufen, wenngleich sie selbst es gern vergaß. Sobald ein neuer Magister in die Welt hinausgeschickt wurde, war er – oder sie – ganz allein auf sich gestellt und konnte nicht erwarten, dass jemand aus der Bruderschaft ihm half, ihm Zuflucht gewährte oder auch nur seine Anwesenheit duldete, es sei denn, derjenige hätte einen Vorteil davon gehabt. Und selbst dann war nicht gewährleistet, dass ein sogenannter Verbündeter nicht einen Augenblick der Schwäche nutzen würde, um sich einen noch dauerhafteren Vorteil zu verschaffen. Im Rahmen des Kodex, nach dem sie alle lebten, hätte sie nichts Törichteres tun können, als in ihrem Zustand vor seiner Schwelle zu stehen. Nachdem sie das eine Gesetz gebrochen hatte, das zu halten sie alle geschworen hatten.

Aber du bist eben ohne Beispiel, meine heißblütige kleine Hure. Wer weiß, ob du uns nicht noch eine ganze Schar von anderen Überraschungen bereitest. Ich ahnte das schon, als ich dich damals zu meiner Schülerin nahm. Also ist es meine eigene Schuld, wenn du mich jetzt in Schwierigkeiten bringst, nicht wahr?

Mit einem Seufzer setzte er sich wieder neben sie. Das rote Haar war nicht mehr so ungebärdig wie zu der Zeit, als sie ihn verlassen hatte. Inzwischen hatte es eine Länge, die fast weiblich zu nennen war, die glänzenden Locken reichten ihr bis knapp über die Schultern. Natürlich würde sie es wieder abschneiden, sobald ihr das auffiel.

Ironischerweise erhöhten ihre wiederholten Anstrengungen, jedes Interesse an ihrem Aussehen zu leugnen, nur ihren Reiz. Mit langem, sauber gebürstetem und zu einer weiblichen Frisur geflochtenem Haar wäre sie vielleicht eine attraktive Frau gewesen, aber mehr auch nicht. In diesem Zustand war sie mehr. Irgendwie urwüchsig, elementar, dachte er. Eine Naturgewalt.

»Es könnte sein, dass nicht alle dieser Suchzauber wussten, gegen wen sie gerichtet waren«, sagte er schroff. Er bemühte sich, so wenig Mitgefühl wie möglich in seine Stimme zu legen, aber alte Gewohnheiten waren zäh. »Wer deinen Handlungen nachzugehen versucht, ohne deren Urheber genau zu kennen, könnte auch ein wenig Macht hierherschicken, um nach Antworten zu suchen. Und ich könnte das als Eindringen in mein Territorium werten und den Sucher abweisen. Daran würde niemand etwas finden.« Er seufzte wieder und nahm einen weiteren Schluck Tee. »Kann ich aus deiner Frage schließen, dass du noch etwas angestellt hast, worüber andere Bescheid wissen möchten? Außer dem Tod dieses Magisters?«

Sie presste die Lippen aufeinander und nickte.

»Noch ein Bruch des Magistergesetzes?«

»Nein, Meister Aethanus.« Jetzt flüsterte sie nur noch.

»Was dann? Und denk bitte daran, ich bin nicht mehr dein Meister.«

Anstelle einer Antwort streckte sie den Arm aus. Über ihrer Handfläche entstanden feurige Funken und verdichteten sich zum Bild eines seltsamen Wesens mit einem Körper wie eine lange schwarze Schlange und Flügeln wie von einer Libelle.

Die Erkenntnis traf Aethanus wie ein Schlag gegen die Brust. Die Stimme versagte ihm.

Sie sagte: »Prinz Andovan bezeichnete es als Seelenfresser.«

Er hatte noch nie ein solches Wesen gesehen, hatte aber so viele alte Mythen gehört, dass er es sofort erkannte. Und beim Gedanken an das Ende dieser Mythen gefror ihm das Blut in den Adern.

»Was hast du mit diesem … Ding zu tun?«

»Ich habe damit gekämpft«, erklärte sie. »Ich habe getan, was Ihr mich gelehrt habt, und auf die Gelenke gezielt, wo der Panzer am schwächsten war. Und es hat gewirkt.« Allmählich kehrte etwas von dem alten Trotz in ihre Stimme zurück. »War es etwa falsch, mit dieser Nachricht hierherzukommen? War sie es nicht wert, den Flüchtling so lange aufzunehmen, bis er wieder bei Kräften war und von seinen Erlebnissen berichten konnte?«

»Du hast das Wesen getötet?«

»Nein. Es wäre möglich gewesen, aber …« Sie schloss kurz die Augen und rief sich das Geschehen ins Gedächtnis zurück. Alles war verschwommen, vor allem die letzten entsetzlichen Momente. »Andovan muss gestorben sein, während ich kämpfte. Das ist die einzige Erklärung.«

»Andovan?«

»Mein Konjunkt.«

Er pfiff entsetzt durch die Zähne. »Du hast den Namen deines Konjunkten in Erfahrung gebracht?«

Erstaunt sah er, dass sie rot wurde. »Genau genommen nicht nur seinen Namen.«

»Was noch?«, wollte er wissen. Er war fasziniert und angewidert zugleich. Wer konnte einen Menschen töten, dessen Namen er kannte? Wer war imstande, ihm in die Augen zu schauen, während er ihm seine Lebensenergie entzog? Und was mochte ein solches Erlebnis in der Seele eines Magisters anrichten?

»Genug, um zu erkennen, dass Ihr recht hattet«, sagte sie in ungewohnter Demut. »Wir sollten niemals die Namen der Menschen erfahren, denen wir das Leben stehlen, denn es könnte unsere Entschlossenheit schwächen. Eine weniger starke Seele hätte die Prüfung womöglich nicht bestanden.« Sie sah ihn an, und ihr Blick war hart wie Diamant; der Schmerz flackerte nur so kurz darin auf, dass er ihm fast entgangen wäre. »Aber ich bin noch am Leben, nicht wahr? Ich war also stark genug. Und nur das allein zählt, richtig?«

Oder selbstsüchtig genug, dachte er. Blutrünstig genug. Gleichgültig genug. Nur diese Eigenschaften sind für unseresgleichen von Bedeutung.

»Du wirst nicht lange am Leben bleiben, wenn du dich nicht von den Magistern fernhältst. Und damit meine ich auch mich.« Seine Stimme klang rau. »Es war töricht von dir, im Vertrauen auf mein Mitgefühl hierherzukommen. Ich hätte dich für klüger gehalten.«

Ihre Augen blitzten zornig auf. »Und ich hätte Euch für klüger gehalten. Glaubt Ihr wirklich, ein Magister, der durch Eure Schule gegangen ist, würde sich nur auf Sympathie und Menschlichkeit verlassen? Vielleicht ist Eure Schülerin stattdessen davon ausgegangen, dass ihre Begegnung mit einem mythischen Wesen Eure Neugier reizen könnte. So sehr, dass Ihr sie aufnehmen würdet, bis sie fähig wäre, Euch von ihren Erlebnissen zu erzählen? Steht das nicht im Einklang mit Euren Lehren? Dass Wissen das gültige Zahlungsmittel unter Magistern sei? Dass ein Zauberer um neuer Erfahrungen willen Risiken eingehen würde, zu denen ihn nichts sonst bewegen könnte? Oder habe ich auch diese Lektion missverstanden, Meister?«

Er schwieg eine Weile. Und musste sich sehr beherrschen, um keine Miene zu verziehen. Sie durfte nicht erraten, was in ihm vorging. Endlich ging er zu seinem Schreibpult, nahm einen Stapel leerer Blätter, eine Feder und ein Tintenfass und brachte es ihr. »Schreib alles auf, was du gesehen hast.« Er legte ihr das Papier in den Schoß. Das Schreibzeug stellte er auf den Tisch neben ihrer Bettstatt. »Und füge auch ein magisches Abbild des Seelenfressers bei, damit ich es später in aller Ruhe studieren kann.« Diesmal wich er ihrem Blick aus; vielleicht fürchtete er, seine Augen könnten zu viel verraten. »Wenn du morgen früh damit fertig bist, bringe ich dich zu den Magistern, damit sie ihr Urteil über dich fällen. Das ist meine Pflicht.« Er hielt inne. »Versuche nicht, dieses Haus vorher zu verlassen, Kamala.«

»Versprochen, Meister Aethanus.« Ihr Tonfall klang nach bedingungslosem Gehorsam. Natürlich. Wo es um das Magistergesetz ging, wäre kein anderer Tonfall zulässig.

Er hätte sie so gerne noch einmal angesehen, um sich ihr Bild für immer einzuprägen. Doch er versagte es sich, denn dieser Wunsch kam aus seinem Herzen.

»Sollten sie dich auf freien Fuß setzen«, fuhr er fort, »was ich für sehr unwahrscheinlich halte, dann meide die Nordlande. Insbesondere die magische Barriere, die die Seelenfresser zurückhält und von den Bewohnern dort als ›Heiliger Zorn‹ bezeichnet wird. Ich habe gehört, sie kann jeden Zauber heillos durcheinanderbringen, und nur wenige Magister suchen diese Region auf, ohne triftige Gründe dafür zu haben.«

»Verstehe«, sagte sie leise und nickte.

»Wenn allerdings ein Magister die Geheimnisse der Nordlande in Erfahrung brächte, hätte er damit einen Schatz, der für unsere Bruderschaft von großem Wert wäre. Einen Schatz, mit dem er sich später Unterstützung in … schwierigen Unternehmungen erkaufen könnte.«

»Ich werde es mir merken«, versprach sie.

Irgendwann sollte ich dein Vertrauen wirklich enttäuschen, dachte er. Nur um dir zu zeigen, dass es möglich ist. Bin ich ein schlechter Lehrer, wenn ich das unterlasse?

Er hätte sie so gerne noch länger bei sich behalten! Um ihre eigenwillige Schönheit zu genießen, in einer Weise in ihrem jugendlichen Trotz zu schwelgen, wie es nicht möglich gewesen war, solange sie noch schlief … aber das war zu gefährlich geworden. Wenn ihre Verfolger ihr jemals nahe genug kämen, um ihre Erinnerungen zu belauschen, durften sie keine solche Schwäche in ihm entdecken. Er strapazierte die Grenzen des Magistergesetzes ohnehin schon über Gebühr; die anderen Magister durften auf keinen Fall Verdacht schöpfen, wie stark seine Bindung an sie war.

Ganz zu schweigen davon, dass er sich seine Gefühle dann auch selbst eingestehen müsste.

»Ich werde dafür sorgen, dass du ein gerechtes Verfahren bekommst«, sagte er streng. »Mehr kann ich nicht für dich tun.«

Und nur so kann ich dir Lebewohl sagen.

»Verstehe«, flüsterte sie. Auch sie sagte ihm nicht Lebewohl.

Das ist gut so, dachte er. Worten ist nicht immer zu trauen.

Schweigend wandte er sich zur Tür und nahm eine Laterne vom Haken. Hinter ihm raschelte kein Pergament, kein Tintenfass wurde geöffnet, keine Feder kratzte leise über das Papier. Hätte man ihm eine solche Aufgabe gestellt, er hätte die ganze Nacht geschrieben, bis ihn die Finger geschmerzt hätten. Er hätte die Gelegenheit genützt, seine Erlebnisse noch einmal an sich vorüberziehen zu lassen und vielleicht eine wertvolle Lehre daraus zu ziehen. Sie wiederum würde die Aufgabe binnen eines Lidschlags mit Zauberei erledigen – und dann zu wichtigeren Dingen übergehen.

Nichts ist wichtiger als Wissen, dachte er. Und besonders das Wissen über sich selbst.

Mit einem tiefen Seufzer trat er in die Nacht hinaus, um später, falls man ihn danach fragte, aufrichtig sagen zu können, er habe sie nicht fortgehen sehen.

Kapitel 2

Er kam ohne großen Pomp, ohne Diener, ohne Garde. Ein Dutzend Mönche in schlichten wollenen Kutten schritten auf das Palasttor zu, und er war einfach einer von ihnen, im gleichen groben Gewand und wie die anderen nach der langen Reise mit Staub bedeckt.

Die königliche Garde, seit Dantons Tod ständig in Bereitschaft, versammelte sich am Tor, als die kleine Gruppe näher kam. Ein Außenstehender hätte vielleicht geschmunzelt. Man konnte sich kaum vorstellen, dass eine solche Gesellschaft furchterregende Waffen mit sich führen sollte, aber bei Hofe war man ohne den Schutz eines Magisters nervös. Zwar hatten ein Dutzend Hexer und Hexen gelobt – für so viel Gold, dass sie ihre Gabe nie wieder verkaufen mussten –, den Machtwechsel abzusichern, doch den Gardisten genügte das offensichtlich nicht.

»Halt!«, rief der Hauptmann der Garde, als die Mönche das Tor erreichten.

Alle bis auf einen gehorchten. Dieser eine, ein hochgewachsener Mann, ging weiter und blieb erst in wenigen Schritten Abstand vor seinen Begleitern stehen.

»Halt!«, rief der Hauptmann abermals. Hinter ihm fassten seine Männer die Lanzen fester und überlegten, was sich unter den Kutten verbergen mochte.

Dann fasste der Mönch an der Spitze mit beiden Händen die Kapuze, die seine Züge überschattete, und schob sie langsam zurück. »Meldet Ihrer Majestät, Salvator Aurelius, der Sohn des Danton Aurelius, sei zurückgekehrt.«

Dem Hauptmann fiel die Kinnlade herunter. Es war fast vier Jahre her, seit Dantons Zweitgeborener zum letzten Mal bei Hofe gesichtet worden war, und in dieser Zeit hatte er sich sehr verändert. Der schlaksige Jüngling, der einst ausgezogen war, um geistige Erleuchtung zu finden, war auf seiner Reise zum Mann geworden. Nun ging eine gelassene Ruhe von ihm aus, die so wenig zu dem jungen Prinzen von damals passte, dass der Hauptmann im ersten Augenblick daran zweifelte, ob es sich um ein und dieselbe Person handelte.

Doch dann hefteten sich die schwarzen Augen auf ihn, so durchdringend und verwirrend, wie auch Dantons Blick gewesen war, und der Hauptmann stammelte in tödlicher Verlegenheit eine Entschuldigung, kniete vor dem Prinzen nieder und bedeutete den anderen Gardisten, seinem Beispiel zu folgen. Währenddessen lief ein Mann in den Palast, um Salvators Ankunft zu melden.

Salvator sagte nichts, sondern bedeutete seinen Begleitern lediglich, ihm durch das Palasttor zu folgen. Zehn Schritte zuvor waren die anderen Mönche noch seinesgleichen gewesen, nun reihten sie sich hinter ihm ein und wurden zu seinem Gefolge.

Als sie den Eingang erreichten, hatte sich die Nachricht bereits herumgesprochen, und die sichtlich überraschten Diener hasteten umher und suchten verzweifelt den Anschein zu erwecken, als hätten sie ihn längst erwartet. Die Beflissenheit, mit der sie sich bemühten, ihm einen gebührenden Empfang zu bereiten, hätte ihm zuwider sein müssen … tatsächlich fühlte er sich jedoch geschmeichelt.

Er gelobte, für diese Anwandlung von sündigem Stolz später Buße zu tun.

Die großen Eichentüren öffneten sich wie von selbst. Die Diener, die ihn hineingeleiteten, glaubten wohl, alle anderen Nachlässigkeiten würden ihnen verziehen, wenn sie sich nur tief genug verneigten. Ein wenig beunruhigend fand er, dass er so selbstverständlich vorbeiging, ohne in irgendeiner Form von ihnen Notiz zu nehmen. Es war, als hätte sich mit dem Betreten des Palastes seine alte Persönlichkeit über ihn gebreitet und verdeckte nun den Mann, zu dem er sich mit so viel Mühe hatte entwickeln wollen. Ob das gut war? Sein Vater hätte die Frage bejaht, er selbst war nicht so sicher.

Er ging so weit in den Raum hinein, dass die Mönche hinter ihm ebenfalls eintreten konnten. Als sich die großen Türen hinter ihnen schlossen, näherten sich Schritte, die Salvator vertraut waren. Die wartenden Diener sahen betont zur Seite, als fürchteten sie, mit einem direkten Blick den königlichen Erben zu verärgern.

Vielleicht hatten sie auch Angst vor seinem Gott, überlegte er.

Im Gegensatz zum übrigen Palastgesinde wirkte der Schlossvogt, der nun eintrat, unerschütterlich ruhig. Jan Cresel erschien älter, als Salvator ihn in Erinnerung hatte, ansonsten hatte er sich kaum verändert. Als Kinder hatten Salvator und die anderen Prinzen immer wieder mit allen Mitteln versucht, den Mann aus der Fassung zu bringen. Es war ihnen niemals gelungen. Selbst wenn der ganze Palast zusammenbräche und das gewaltige Dach über seinem Kopf einstürzte, würde Cresel um kein Jota weniger beherrscht und gelassen auftreten als heute.

»Prinz Salvator.« Er verneigte sich genau so tief und in dem Winkel, wie es das Protokoll für die Begrüßung eines künftigen Königs vorschrieb. »Ihre Majestät ist erfreut über Eure Rückkehr.«

Salvator drehte sich ein Stück weit zur Seite, um Cresels Aufmerksamkeit auf seine Begleiter zu lenken. »Die Brüder haben mich begleitet, um mich unterwegs vor Ärger zu bewahren. Ich nehme doch an, dass sie im Palast willkommen sind.«

»Gewiss. Es ist uns eine Ehre, die frommen Brüder als Gäste zu bewirten.« Er nickte den Mönchen höflich, aber keineswegs unterwürfig zu. »Es war ein weiter Weg; Ihr seid sicherlich müde und durstig.« Er winkte, und sofort trat ein Diener vor. »Du sorgst dafür, dass sie angemessen untergebracht und mit Speise und Trank versorgt werden.« Er wandte sich wieder an Salvator. »Haben Eure Begleiter sonst noch Wünsche?«

»Das ist vorerst alles.« Wie leicht man doch in die alte Rolle zurückfiel. Sie glich einem einst viel getragenen, doch jahrelang vergessenen Gewand, das aber immer noch wie angegossen saß, als er es nun wieder überstreifte. Das hätte er nicht erwartet.

»Dann werden sich Eure Hoheit vor der offiziellen Audienz sicherlich erfrischen wollen. Wenn Ihr gestattet, zeige ich Euch Eure Gemächer.« Normalerweise übernahm der Vogt solche Aufgaben nicht selbst, doch in diesem Fall hielt er dies offenbar für angebracht. Vielleicht wollte er Salvator auch nur signalisieren, dass er seinen Platz in der neuen Weltordnung mit Mönchskutten und allem widerspruchslos annahm. Womöglich waren nicht alle Diener dazu bereit, und er legte Wert darauf, ihnen ein Beispiel zu geben.

»Nicht nötig, Meister Cresel. Ich fand die Reise sogar recht anregend. Wo ist meine Mutter?«

Die Miene des Vogts machte deutlich, dass er auf diese Wendung und andere Überraschungen, mit denen der junge Prinz aufwarten mochte, durchaus vorbereitet war. »Sie erwartet Euch, Hoheit.« Er forderte Salvator mit einer leichten Drehung auf, ihm zu folgen. »Ich bringe Euch zu ihr.«

Dantons Palast sah fast noch genauso aus, wie Salvator ihn in Erinnerung hatte … und doch hatte sich vieles verändert. Die Säle waren aus demselben grauen Stein und die Außenmauern so dick und fensterlos wie bei einer Burg – tatsächlich hatte der Wohnturm in der Mitte als Festung gedient, als diese Region noch die weiche Flanke eines neu errichteten Reiches schützen musste –, doch die Ecken wirkten nicht mehr so düster, und die verblichenen, uralten Teppiche, die an den Wänden gehangen hatten, so lange Salvator denken konnte, waren entweder ersetzt oder gereinigt worden. So gefiel es ihm besser, dachte er und spürte einen Anfall von schlechtem Gewissen, auf den er nicht gefasst war. Als wäre es beinahe so etwas wie Verrat, Veränderungen gutzuheißen.

Jeder König kann seine Habseligkeiten makellos aufpolieren lassen, wenn er einen Magister hat, hatte Danton seinem Sohn einst erklärt. Wenn ihm der Sinn danach steht, kann er sie sogar in reines Gold verwandeln lassen. Doch Geschichte, Überlieferung … das kann kein Zauberer nachahmen. An solchen Dingen bemisst sich wahrer Reichtum. Die Großkönigin hatte sich zu Dantons Lebzeiten gefügt – verständlicherweise. Aber Salvator zweifelte nicht daran, dass sie bei Anbruch der Trauerzeit ein wahres Heer von Putzkräften mobilisiert hatte, die den Palast säubern mussten. Was von den Dekorationen zu sehr verblichen war, hatte sie wohl einlagern oder von Hexen in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzen lassen. Die Verwandlung des Heims seiner Kindheit von einem düsteren Wohnturm in ein glanzvolles Stadtschloss war erfrischend und – unerklärlich – verwirrend zugleich.

Großkönigin Gwynofar erwartete ihn im Audienzsaal. Wie der Palast, so erschien auch sie ihm seit seiner Kindheit kaum verändert und doch ganz anders geworden. Der Kummer der letzten Monate hatte ihr die Röte aus den Wangen geraubt, und obwohl sie gerade jetzt vor Herzlichkeit und Wiedersehensfreude strahlte, spürte er die Schwermut hinter ihrem Lächeln. Sie trug natürlich Schwarz – in mehreren Schichten übereinander, als müsse jeder Verlust eigens betrauert werden. Die Säume hatte sie absichtlich eingerissen. Vor der dunklen Kleidung wirkte ihre helle Haut so durchsichtig wie bei einer Porzellanpuppe. Schon in glücklicheren Zeiten hatte ihn ihre Zartheit immer wieder in Erstaunen versetzt, denn er hatte erlebt, wie sie an der Seite seines Vaters regierte – wie sie Dantons mörderische Wutanfälle über sich ergehen ließ und seine schlimmsten Exzesse verhinderte –, und wusste, aus welch hartem Holz sie geschnitzt war. Kaum jemand, der nicht zur Familie gehörte, kannte ihre Stärke. Und diese Unwissenheit hatte Danton zu seinem Vorteil genützt. Viele vornehme Staatsgäste waren von Gwynofars ätherischer Schönheit wie verzaubert gewesen und hatten ihr Geheimnisse zugeflüstert, die sie Danton selbst niemals offenbart hätten. Und sie hatten sich auch noch der Illusion hingegeben, die Königin würde sie nicht sofort nach ihrer Abreise ihrem Gemahl weitererzählen. Salvator hatte das immer für töricht gehalten, doch Danton hatte ihm versichert, es sei eine verbreitete Schwäche unter Männern, in Gegenwart einer schönen Frau alle Vorsicht zu vergessen.

Und schön war sie, das war nicht zu bestreiten. Selbst in mittleren Jahren und in ihren schwarzen Trauergewändern wirkte sie hoheitsvoll und elegant. Wer sie zum ersten Mal sah, achtete vor allem auf das goldene Haar, das ihr wie ein Wasserfall bis über die Hüften fiel, und auf die klaren blauen Keirdwyn-Augen. Die ersten Altersfältchen um die Augenwinkel betonten deren Tiefe und verschönten das Gesicht eher, als dass sie es entstellten. Manche Männer würden für solche Augen in den Tod gehen, dachte er. Einige hatten es wahrscheinlich auch getan.

Sobald sie ihn erblickte, streckte sie ihm unwillkürlich die Arme entgegen: die Geste einer Mutter. »Salvator!« Dann hielt sie plötzlich inne, weil ihr einfiel, was er war; und sie ließ die Hände hilflos sinken, obwohl sie sich erkennbar danach sehnte, ihn an sich zu drücken. »Vergib mir. Deine Gelübde …«

»Ich habe mich zu entschuldigen, Mutter.« Wie fremd die Anrede aus seinem Munde klang. Er hatte mit einem Mal das schwindelerregende Gefühl, zwischen verschiedenen Welten zu hängen und in keiner richtig Fuß fassen zu können. »Aber ich muss mich so lange an meine Gelübde halten, bis ich davon befreit werden kann, ja, und das bedeutet auch, keinerlei Körperkontakt zu Frauen.« Er lächelte schwach. »Nicht einmal zu meiner Mutter.«

Was hielt sie wirklich von seinem Glauben? Die Meinung der Büßermönche über die Protektoren und ihren Auftrag war alles andere als schmeichelhaft. Hatte sie das in Betracht gezogen, als sie ihn zur Rückkehr aufforderte, oder hatte sie gehofft, dass solche Dinge ihre Bedeutung verlören, wenn er seine Priestergewänder ablegte? Er brauchte die Frage nicht ausdrücklich zu stellen – er kannte die Antwort ohnehin. Großkönigin Gwynofar hatte alle Möglichkeiten abgewogen, bevor sie ihr zweites Kind nach Hause holte. Sie wusste, worum es seiner Religion ging. Sie kannte das Risiko. Und dennoch hatte sie sich für ihn entschieden.

Und nun war er an diesem fremden Ort, der nicht mehr seine Heimat war und wo er selbst in den Steinen unter seinen Füßen die Gegenwart seines Vaters zu spüren glaubte. Du hast einen großen Traum verwirklicht, dachte er, an Danton gerichtet, und diesem Kontinent Frieden gebracht, wenn auch einen Frieden durch das Schwert. Ich hätte dein Erbe lieber Rurick überlassen, aber da er es nicht mehr antreten kann, werde ich mein Bestes tun.

Gwynofar wies lächelnd auf einen Tisch, auf dem eine große Messingplatte mit Brot und Käse und eine zweite mit Lammbraten sowie mehrere schwere Zinnkrüge und ein passender Becher standen. Das Angebot war beeindruckend, wenn man bedachte, dass sie erst kurz vorher von seiner Ankunft erfahren hatte. Offensichtlich hatte sie seine Rückkehr erwartet und sogar in ihre Pläne mit einbezogen, dass er sich die üblichen Formalitäten beim Empfang ersparen würde. So hatte sie es auch bei Danton gehalten, erinnerte er sich, sie hatte seine Wünsche stets vorausgeahnt. Noch eine Eigenschaft an ihr, die Fremde oft unterschätzten.

»Ich wusste nicht, wie hungrig du sein würdest«, sagte sie, »deshalb habe ich von allem etwas anrichten lassen.«

Er war tatsächlich hungrig, und angesichts eines solchen Festmahls meldete sich sein Magen. Nur mit Mühe beherrschte er sich und schickte ein Dankgebet an seinen Gott für diese Prüfung. Wenn ein Opfer zu leichtfiel, war es nichts wert.

Sie hatte diese Zurückhaltung offensichtlich nicht erwartet. »Das Essen ist dir aber nicht verboten?«

Ein Lächeln huschte über seine Lippen. »Andernfalls hätte unser Glaube nicht lange zu leben.« Er trat an den Tisch und wählte nach kurzer Überlegung ein kleines Stück Brot und einen Becher mit klarem Wasser. »Ich habe mir jedoch als persönliches Opfer vorgenommen, bis zu meiner Krönung nur einfachste Kost zu mir zu nehmen. Die königlichen Köche werden erleichtert sein.«

Sie holte tief Luft, aber er hob die Hand, bevor sie protestieren konnte. »Du hast mich gebeten, meinen Gelübden zu entsagen, um König zu werden. Das werde ich selbstredend tun, sobald die Zeit gekommen ist. Doch bis dahin bleibe ich, was ich bin, Mutter. Du hast einen Priester nach Hause gerufen. Erwartest du, dass ich mich anders benehme?«

Sie nagte an ihrer Unterlippe. »Du bist so starrköpfig wie dein Vater, weißt du das?«

»Das haben auch meine Lehrer gesagt. Oft genug.« Er nahm einen Bissen Brot und spülte ihn mit Wasser hinunter. Das Tier in seinem Magen beruhigte sich.

»Wie auch immer«, sagte sie. »Vor der Krönung musst du eine kräftige Mahlzeit zu dir nehmen. Du kannst es dir nicht leisten, vor Dantons Vasallen Schwäche zu zeigen.«

Schon setzte er zum Widerspruch an – doch dann sah er die Entschlossenheit in ihren Augen und spürte den Stahl hinter der schwarzen Seide und den guten Manieren. Er hatte die Schlacht bereits verloren. Selbst Danton hatte nachgegeben, wenn er diesen Blick in ihren Augen sah.

Er schluckte den letzten Bissen Brot hinunter, obwohl sein Magen nach mehr schrie, dann wandte er sich dem nächstbesten Fenster zu und betrachtete die verwüstete Landschaft um den Palast. »Du musst mir erzählen, wie mein Vater starb. Ich kenne natürlich die Berichte, die veröffentlicht wurden, aber ich möchte es aus deinem Munde hören.«

Es war eine grausame Geschichte, die mit dem geistigen Verfall eines stolzen Königs begann und mit seinem blutigen Tod durch die Hand des eigenen Sohnes endete. Gwynofar ging auf diesen letzten Teil nur kurz ein, vielleicht wollte sie nicht erörtern, warum des Königs eigener Sohn beschlossen hatte, dass er sterben müsse. Ein fremder Magister, der mit einem Seelenfresser im Bunde war, habe Danton zu seinem Spielball gemacht, und die Familie habe den Preis dafür bezahlt. Salvator hörte zu und nickte; so weit war er bereits im Bilde.

Doch als sie auf den Seelenfresser selbst zu sprechen kam, horchte er auf. Zum ersten Mal erhielt er eine genaue Beschreibung von jemandem, der einen der Dämonen mit eigenen Augen gesehen hatte, und sie verursachte ihm eine Gänsehaut. Eine sonderbare Erregung, eine Mischung aus Angst und ehrfürchtiger Scheu, überkam ihn.

Das ist sie, das ist die Geißel des Zerstörers, ausgesandt in grauer Vorzeit, um die Menschheit zu demütigen. Mein Vater wollte sich den Göttern gleichstellen und musste sterben. Nun müssen wir das Urteil des Schöpfers abwarten, die Entscheidung, ob eine solche Warnung genügt oder ob sich die Schrecken der Vergangenheit in ihrer Gesamtheit wiederholen müssen, auf dass wir unsere Lektion lernen.

Selbstverständlich teilte er diese Gedanken nicht mit Gwynofar. Sie hing einem anderen Glauben an, der auf dem Stolz der Menschen beruhte, sie träumte von einer Entscheidungsschlacht zwischen Seelenfressern und Menschen, aus der die Menschen voraussichtlich als Sieger hervorgehen würden. Es war ein primitiver Glaube, einfältig in seiner Sicht der Welt, und irgendwann würde er sich damit befassen müssen. Aber nicht jetzt. Jetzt galt es, die Familienbande zu stärken, nicht sie zu belasten.

Wir stehen am Rand eines Abgrunds, dachte er, nur einen Schritt entfernt von einer großen und schrecklichen Finsternis. Wenn wir das Gleichgewicht verlieren, wer weiß, ob unsere Nachkommen das Licht jemals wiedersehen werden?

»Du musst entscheiden, wo die Krönung stattfinden soll«, hörte er seine Mutter sagen. »Solange das nicht feststeht, können keine Vorbereitungen getroffen werden.«

Er schreckte auf und erkannte, dass er ihre letzten Worte überhört hatte. Zum Meditieren hast du später noch Zeit, ermahnte er sich. »Natürlich hier. Wo könnte man besser zeigen, dass die Macht des Großkönigtums weiterbesteht, als an Dantons eigenem Regierungssitz?«

Sie runzelte die Stirn; die Wahl war deutlich nicht nach ihrem Geschmack. »Du weißt, dass der Palast so viele Gäste nicht aufnehmen kann. Es wird auf ein königliches Zeltlager in einer Brandwüste hinauslaufen. Nicht gerade ein würdiger Rahmen.«

»Vielleicht werden die Gäste dadurch veranlasst, über das eigentliche Wesen der Welt nachzudenken. Dass das Leben, wie wir es kennen, nur ein flüchtiger Genuss ist und derselbe Gott, der uns schuf, uns ebenso leicht vernichten kann.« Er trat an den Tisch und brach sich noch ein Stück Brot ab, doch nach kurzem Überlegen legte er es wieder zurück. »Vielleicht erinnern sie sich auch, dass dieses Land das letzte Mal gerodet wurde, als ein Krieg die Gegend verwüstete und kein Fürst es sich leisten konnte, einem Feind so dicht vor seinen Toren Deckung zu geben.«

Er stellte seinen Becher ab und streifte ein paar Krumen von seiner Kutte. »Aber nun komm, Mutter, zeig mir, was du in diesem Haus verändert hast und wie die Ahnenbäume in meiner Abwesenheit gewachsen sind. Währenddessen werde ich mich bemühen, alle deine Fragen zu beantworten, und wir können mit der Planung beginnen.«

 

Wie eine Wunde legte sich der Sonnenuntergang über den westlichen Horizont und spuckte blutrote Wolken in einen Himmel, der so violett war wie ein Bluterguss. Unten auf der schwarzen Erde flackerten mehr als hundert Laternen. Dort waren zahlreiche Arbeiter immer noch eifrig bemüht, die verkohlten Überreste des riesigen königlichen Bannwaldes wegzukarren, um die Frist einzuhalten, die man ihnen gesetzt hatte. Das Gelände war kahl und öde, so weit das Auge reichte; nur der Palast auf seiner Anhöhe und die schroffen Berge im Norden durchbrachen den Rhythmus der Landschaft.

Gwynofar stand allein auf dem höchsten Turm des Schlosses. Gegen Abend war ein kühler Wind aufgekommen, und sie schlang fröstelnd die Arme um sich, während sie sich daran erinnerte, wie der Wald gebrannt hatte. Kostas hatte das Feuer gelegt – Kostas, jener Elende, der sich als Magister ausgab und sich nach Ramirus’ Weggang ihrem Gemahl als Berater angedient hatte – und dann hatte er Dantons Dienern verboten, es zu löschen. Drei Tage und Nächte lang hatte ein unnatürlicher stinkender Sturm am Himmel gewütet und dichte Ascheschauer herabgeschleudert. Damals hatte Gwynofar das Feuer nur für einen Akt der Gehässigkeit gehalten, der ihr das Herz brechen sollte, damit sie leichter zu beeinflussen wäre. Vielleicht, hatte sie im Rückblick überlegt, sollte der Hass auf Kostas mich so blind machen, dass ich mich nicht über den unheimlichen Schauer wunderte, der mich jedes Mal überlief, wenn er einen Raum betrat. Aber nein, auch diese Erklärung reichte nicht aus. Sooft sie die Teile des Mosaiks auch zusammensetzte, sie ergaben kein Bild. Kostas hatte einem Seelenfresser gedient. Seelenfresser nährten sich von Lebewesen. Was hätte diese radikale Verwüstung dem falschen Magister oder seinem Herrn eingebracht? Ihr eigenes Unbehagen – so sehr er sich daran erfreute – konnte allein noch keine Rechtfertigung für seine Tat sein.

Irgendwo fehlte noch ein Steinchen. Alle Instinkte ihrer Lyr-Seele versicherten ihr, es sei wichtig. Sie müsse es finden.

»Majestät?«

Eine vertraute Stimme, eine Stimme aus besseren Zeiten. Das Herz tat ihr weh, als sie sich dem Sprecher zuwandte. Ich wünschte, alles könnte wieder werden wie vor einem Jahr, dachte sie. Warum mussten uns die Götter einer so grausamen Prüfung unterwerfen? »Ramirus.«

Der greise Magister neigte leicht den Kopf. Der Abendwind fuhr ihm durch den wallenden weißen Bart. »Ich habe Euch versprochen zu kommen.«

Sie seufzte schwer und fand zunächst keine Worte.

»Das Gespräch lief nicht gut, nehme ich an?«

Sie schaute noch einmal über die Landschaft. »Er gedenkt, seine Krönung hier stattfinden zu lassen, Ramirus. Dantons zerstörter Wald soll Menschen wie Monarchen daran erinnern, dass das Leben vergänglich ist und dieselben Götter, die einst die Erde schufen, sie auch zerstören können.«

»Ach ja. Das Credo der Büßermönche. Eine eigenartige Tradition.« Er stellte sich neben sie an die Mauer und blickte ebenfalls auf das Land. »Es war eine befremdliche Entscheidung, ihn zu Dantons Nachfolger zu erwählen.«

Sie sprach erst, als sie sicher war, ihre Gefühle im Griff zu haben. »Im Grunde blieb mir gar kein anderer Ausweg.«

»Ihr hättet ihn im Kloster lassen können. Dort hätte er sein Leben lang vergnügt seine Litaneien gesungen und der Freude am weiblichen Geschlecht entsagt, ohne die irdische Macht jemals zu vermissen.«

»Mag sein.« Sie nickte. »Aber vielleicht hätte er auch ein paar Jahre zugesehen, wie sein jüngerer Bruder herrschte, um dann zu entdecken, dass Leben mehr zu bieten haben könnte als Askese und Kasteiung … und dann hätte er sich womöglich betrogen gefühlt, sein Geburtsrecht eingefordert und damit das Großkönigtum gespalten.« Gwynofar seufzte. »Mit der Aufforderung, sein Erbe anzutreten, wollte ich ihn auf die Probe stellen. Hätte er nicht genau so geantwortet, wie er es tat, so hätte ich meinen vierten Sohn auf den Thron gesetzt und Salvator seinem sonderbaren Gott mit den zwei Gesichtern überlassen. Aber Dantons Blut fließt stark in den Adern meines Zweitgeborenen. So stark, dass er, als ihn der Ruf zur Macht ereilte, seinem Gelübde und seinem Glauben entsagte und ohne Zögern gehorchte. Glaubt Ihr wirklich, ein solcher Mann wäre sein ganzes Leben lang still im Hintergrund geblieben? Glaubt Ihr, Valemar hätte die Kraft besessen, ihn niederzuhalten?«

»Möglicherweise wäre es besser gewesen, wenn eine Frau den Thron für sich beansprucht hätte.«

Sie sah ihn scharf an.

»Im Norden ist das nicht ohne Beispiel«, bemerkte er.

»Aber wir sind hier nicht im Norden. Meint Ihr nicht, dass ein beachtlicher Teil von Dantons Vasallenfürsten sofort aufbegehren würde, wenn ich ihnen diesen Vorwand lieferte? Ich bin nicht von hier; das werden sie nicht vergessen. Und hinter meinem Rücken munkelt man, ich sei eine Schneehexe, ein Wechselbalg oder …« Sie lachte kurz auf. »Inzwischen habe ich sogar den Überblick über die Gerüchte verloren. Während Salvator …«

Sie verstummte und schloss kurz die Augen.

»Ihr habt ihm nahegelegt, sich einen Magister zu wählen«, sagte Ramirus. Eine Frage.

Sie nickte.

»Er hat abgelehnt, nicht wahr?«

»Nun, er sagte, sein Gott würde das nicht gestatten. Wenn er diese Art von Macht bräuchte, würde er sich an Hexen und Hexer halten.«

»Ich hatte Euch gewarnt, dass es so kommen könnte.«

»Ja.« Sie biss sich auf die Unterlippe. »Das habt Ihr.«

»Und was nun?«

Sie zuckte verkrampft die Schultern. »Wir machen weiter wie bisher. Ich versuche, aus dem, was mir die Götter an Karten in die Hand gegeben haben, das Beste zu machen. Wie ich es immer getan habe.«

Er nickte knapp. »Dann solltet Ihr von hier fortgehen, Majestät. Sobald das Protokoll es gestattet.«

Sie biss die Zähne zusammen. »Ich werde ihn nicht im Stich lassen.«

»Ihr würdet ihn nicht im Stich lassen. Ihr würdet nur … auf Reisen gehen. Eure Eltern besuchen. Oder Eure Töchter. Wie oft habt Ihr mir gesagt, dass Ihr Euch wünscht, sie häufiger sehen zu können. Dies ist der beste Zeitpunkt dafür.«

»Er braucht mich an seiner Seite …«

»Eure Anwesenheit kann ihn nicht vor den Folgen seiner eigenen Torheit bewahren.« Ramirus sprach jetzt im strengen Ton eines Vaters, der ein geliebtes Kind ermahnte. »Was wird geschehen, wenn ein Fürst, der Danton nur gezwungenermaßen Gefolgschaft leistete, beschließt, nicht mehr unter der Führung des Hauses Aurelius stehen zu wollen? Solche Männer haben nämlich eigene Magister. Und nun haben sie freie Hand. Kein Gesetz schreibt ihnen vor, was sie Eurem Sohn antun dürfen und was nicht. Begreift Ihr, was das bedeutet?« Als sie nicht antwortete, fuhr er fort: »Ein einziges Wort vom Magister eines feindlichen Herrschers, und der ganze Palast könnte über ihm zusammenbrechen. Oder die Erde könnte sich auftun und ihn und sein gesamtes Haus verschlingen. Es ist nur eine Frage der Zeit, Majestät. So leid es mir tut, das ist die Wahrheit. Und ich zöge es vor, wenn Ihr dann nicht hier wäret, um sein Schicksal zu teilen.«

Sie umklammerte mit beiden Händen die Brüstung und kämpfte ihre Gefühle nieder … oder suchte sie zumindest vor Ramirus zu verbergen. Es muss einen Weg geben, dachte sie verzweifelt. Alle Diskussionen, die sie seit Dantons Todesnacht mit sich selbst geführt hatte, rasten ihr nun abermals durch den Kopf. Welchen anderen Weg hätte sie einschlagen können? Dantons Großkönigtum war ein zerbrechliches Gebilde, das mit einer einzigen falschen Bewegung zum Einsturz gebracht werden konnte. Und jetzt hatte es den Anschein, als würde der geeignetste Erbe nicht lange genug am Leben bleiben, um seine Aufgabe zu erfüllen.

Und dann wurde ihr schlagartig klar, was sie zu tun hatte.

»Schließt Euren Kontrakt mit mir«, sagte sie, drehte sich um und richtete sich zu voller Größe auf. Ihr Stolz verlieh ihren Worten Kraft. »Ich bin die Königinmutter des Hauses Aurelius. Schließt Euren Kontrakt mit mir.«

Ramirus schien es die Sprache verschlagen zu haben. »Das ist …« Er zögerte, suchte nach dem rechten Wort. »… gegen alle Regeln. Vorsichtig ausgedrückt.«

»Das gilt auch für die Seelenfresser und die Magister, die ihnen dienen. Und für ein Königshaus, das in einer einzigen Nacht drei Könige verliert. Und …« Sie wies auf die schwarze Ödnis unterhalb des Palastes. Ihr weiter Seidenärmel flatterte im Wind. »… für all dies.«

»Und wie wird Salvator es aufnehmen, wenn Ihr ihm sagt, was Ihr getan habt? Dass Ihr seinem Willen getrotzt und den Zorn dieses Zerstörers herausgefordert habt, den er so sehr verehrt.«

»Ich werde es ihm nicht sagen. Es bleibt unser Geheimnis.«

»Es kann kein Geheimnis bleiben«, widersprach er. »Jedenfalls nicht, wenn ich Eure Familie schützen soll.«

»Dann lasst unter den Magistern lediglich verbreiten, dass ein Kontrakt mit dem Hause Aurelius geschlossen wurde. Mehr nicht. Müssen sie denn alle Einzelheiten kennen? Allein die Tatsache, dass ein Kontrakt existiert, sollte doch andere Magister daran hindern, zum Schlag gegen meine Familie auszuholen. Lautet so nicht Euer Gesetz?«

»Ja.« Er schüttelte langsam den Kopf. »Das Gesetz lautet so …«

»Und damit wäre auch Salvator als mein Sohn geschützt, richtig?«

»Majestät …« Seine Augen waren hart und kalt, aber das musste kein schlechtes Zeichen sein; sie kannte ihn lange genug, um zu wissen, dass er seine Gefühle gerade dann am sorgfältigsten versteckte, wenn sie am stärksten waren. »Und was wollt Ihr mir als Gegenleistung für dieses … Geheimbündnis anbieten? Wer sich von unseresgleichen in den Dienst eines Königshauses stellt, tut das nicht aus Liebe zur Knechtschaft, sondern weil er sich etwas davon verspricht. Etwa die Möglichkeit, an der Schaffung und Erhaltung großer Nationen mitzuwirken oder am Ansehen und am Nachruhm des jeweiligen Herrn teilzuhaben. Das wäre durch einen Geheimkontrakt nicht sicherzustellen. Was also habt Ihr mir stattdessen zu bieten?«

»Ihr wollt ein Angebot, Ramirus?« Sie trat einen Schritt näher an den Magister heran; zwischen ihnen knisterte die Luft. Trat etwa die Magie ihres Blutes wieder zutage? Seit jener Nacht, als der Seelenfresser umgekommen war, fragte sie sich, wo ihre Grenzen lägen. »Ich biete Euch etwas, das Ihr mehr ersehnt als alles andere. Euch geht es weder um Reichtum noch um Ansehen oder irdische Macht. Ich weiß, was Ihr wirklich begehrt.« Sie senkte die Stimme zu einem Flüstern von unwiderstehlicher Intimität. »Im Blut der Protektoren – wir nennen sie Lyr – schlummern Geheimnisse, nach deren Erforschung Ihr lechzt, seit ich Euch kenne. Nun kehren die Seelenfresser zurück, und die geheime Macht in unserem Erbgut wird – so haben es die Götter verheißen – bald erwachen. Wenn das geschieht, Ramirus, könntet Ihr an meiner Seite sein. Ihr würdet teilhaben am Wissen der Protektoren, Ihr würdet erfahren, wie viel Wahrheit hinter den alten Mythen steckt, sobald die Götter sie uns offenbaren. All das und noch mehr werde ich Euch zugänglich machen – ist das keine angemessene Gegenleistung für meine Bitte?«

Sie bemühte sich, ihr wild klopfendes Herz zu beruhigen, während sie auf seine Antwort wartete. Dachtest du, ich wüsste nicht, worauf du es all die Jahre über abgesehen hattest? Warum du ein so brennendes Interesse an den Sagen und Märchen meiner Heimat an den Tag legtest? Doch hier ging es um sehr viel mehr als nur um ein paar alte Geschichten. Ein Kontrakt mit Salvator hätte Ramirus lediglich verpflichtet, dem Großkönigreich zu dienen. Ein Kontrakt mit Gwynofar bände ihn jedoch nicht nur an ihre Kinder, sondern auch an die Sache der Protektoren. Und wenn die Seelenfresser tatsächlich in die Reiche der Menschen zurückkehrten, wäre das keine Kleinigkeit.

Wir werden Verbündete brauchen, dachte sie. Beim ersten Mal konnten alle Hexen und Hexer der Welt diese Kreaturen nur mit Mühe zurückhalten. Die Macht, die wir heute dafür brauchen, wird nicht geringer sein.

»Ein verlockendes Angebot.« Es war so dunkel geworden, dass sie Ramirus’ Züge kaum sehen konnte, aber sie wusste aus langer Erfahrung, dass sie ihr ohnehin nicht viel verraten hätten. »Normalerweise würde ich es nicht in Betracht ziehen – aber wer würde diese Zeiten schon normal nennen?«

Ihr stockte der Atem. »Ihr nehmt an?«

»Das habe ich nicht gesagt. Ich werde Euer Angebot prüfen und abwägen, was ich dabei zu gewinnen habe und was ich opfern muss. Ihr kennt meine Gewohnheiten. Ich weiche nicht leichten Herzens von ihnen ab, nicht einmal für ein Angebot wie das Eure.«

Sie wagte immer noch nicht zu atmen. »Aber Salvator …«

»Ist in Sicherheit bis zu seiner Krönung und wahrscheinlich auch noch eine Weile danach. Meine Kollegen werden ihm Zeit geben, sich einen königlichen Magister zu suchen. Das ist Tradition. Wenn es Euch gelingt zu verhindern, dass er seine Absichten öffentlich kundtut, könnte er sich sogar ziemlich lange halten.« Er sah sie scharf an. »Ihr seid Euch darüber im Klaren, dass Ihr mehr verlangt als nur seinen Schutz?«

»Ja«, sagte sie leise. »Ich weiß.«

»Und sonst habt Ihr keine Wünsche? Ihr wollt keine der … üblichen Gefälligkeiten?«

Sie schaute über die öde Landschaft. Ich wünschte, wir könnten die Uhr zurückdrehen und noch einmal von vorne beginnen. Ich wünschte, wir könnten die Bäume zurückholen und Andovan im Bannwald auf die Jagd gehen lassen, ich wünschte, ich könnte wieder hören, wie sich mein Gemahl und mein Erstgeborener über sein mangelndes Interesse an der Politik des Reiches beklagen. Aber so viel Macht habt nicht einmal Ihr. »Helft dem Land, sich wieder zu erholen. Schickt Sommerregen, um die Saaten zu stärken, die Kostas’ Feuer überdauert haben, damit die Pflanzen so schnell wie möglich wachsen. Lasst aus dem Aschefeld ein Feld des Lebens werden und deckt Gras über den Albtraum, den Kostas schuf. Denn diese Verwüstung ist nicht natürlich entstanden, und das Auge keines Gottes sollte darauf ruhen.«

Er nickte. »Verstanden. Falls ich mich entscheide, den Kontrakt mit Euch zu schließen, sollt Ihr Eure fetten Wiesen haben.« Er neigte kaum merklich den Kopf. »Ist das alles, Majestät?«

»Vorerst ja.« Später in dieser Nacht würde sie den Speeren ein Blutopfer darbringen und die Götter des Nordens bitten, Ramirus’ Geist und sein Herz ihren Wünschen geneigt zu machen. Doch zunächst hatte sie alles getan, was in den Kräften einer einzelnen Frau stand.

Er wandte sich zum Gehen. Sie wusste aus Erfahrung, dass er in die natürlichen Schatten treten oder magische Schatten um sich ziehen würde, bevor er verschwand. Er schätzte es nicht, von den Morati dabei beobachtet zu werden.

»Ramirus.«

Er hielt inne, drehte sich aber nicht um.

»Warum schließt Euresgleichen überhaupt Kontrakte mit uns? Ihr könntet Euch mit Eurer Zauberei doch alles verschaffen, wonach Euch der Sinn steht, Dantons Thron eingeschlossen. Warum feilscht Ihr überhaupt mit Königen, anstatt einfach selbst König zu werden?«

Er drehte sich langsam um und sah sie an. Seine Augen sprühten schwarze Funken durch die Dunkelheit.

»Weil wir«, sagte er, »in der Welt ertrinken würden, wenn sie weder Struktur noch Grenzen hätte.«

Und dann legten sich die Schatten der Wandschirme um ihn, und sie war wieder allein.

Kapitel 3

Die Seher saßen im Kreis und hielten sich an den Händen. Nur die weichen Trommelschläge im Hintergrund drangen zu ihnen, für alles andere waren sie taub. Unablässig löste sich der Banngesang von ihren Lippen, ein eintöniges Gemurmel, uralte Weisen und Texte in längst vergessenen Sprachen, geheimnisvolle Klänge von einschläfernder Wirkung. Der große Saal schien sich während des Gesangs aufzulösen; auch die Männer und Frauen, die hinter den Sehern im Kreis saßen, verschmolzen mit den Schatten, bis die Zuschauer nur noch wie Phantome erschienen: weit entfernt und ohne jede Bedeutung.

Der Bann war alles, worauf es ankam.

Langsam geriet die Luft innerhalb des Kreises in Bewegung. Zuerst schlug sie leichte Wellen – wie eine Regenpfütze bei Wind oder die Wüstenluft über heißem Sommersand –, dann wurde sie plötzlich wie von einer unsichtbaren Klinge entzweigeschnitten, und eine Spalte tat sich auf. Farben quollen aus der Öffnung und füllten den Kreis mit wallenden Lichtbändern: verschiedene Blautöne, Violett, ein grelles Grün. Satte, leuchtende Farben, die in der stauberfüllten Luft wie Edelsteine funkelten. Bald tanzte ein Gewirr bunter Bänder durch den Kreis, eine wogende Masse, die im Takt mit den Trommelschlägen pulsierte. Der Gesang wurde lauter, die Seher bündelten ihre Kräfte; wer von den Zuschauern mit den alten Sprachen vertraut war, hätte hier und dort vereinzelte Worte heraushören können, Reste von Beschwörungen aus einer früheren Zeit, die sich nur in alten Büchern und mystischen Gesängen erhalten hatten.

 

Höre unser Rufen!

Ehre unsere Gemeinschaft!

Nimm an unser Opfer!

 

Die bunten Bänder verwoben sich allmählich zu einem Bild. Im Zentrum des Kreises wurde eine Gestalt erkennbar, eine eigenartige Kreatur. Sie war lang und gewunden wie eine Schlange, bewegte sich aber auf eine Weise, die mehr als nur die Intelligenz eines Reptils verriet. Immer neue Bänder verknoteten sich um ihre Körpermitte, schwärmten fächerförmig aus und nahmen die Form von breiten Schwingen an, die geädert waren wie bei einer Libelle. Tausend fein abgestufte Blau- und Violett-Töne wogten über die Fläche. Das Wesen schwebte mit gleichmäßigen Flügelschlägen ein Stück weit über dem Boden.

Unter den Zuschauern zog einer der Heiligen Hüter scharf die Luft ein. Sein Nebenmann legte ihm mahnend die Hand auf die Schulter.

Nun entstand vor der Kreatur eine zweite Gestalt: ein Mann, hochgewachsen und mit dem goldenen Haar der Nordländer. Er war bewaffnet, dennoch wirkte er neben der geflügelten Bestie, die vor ihm aufragte, klein und zerbrechlich. Beherzt zog er seine Waffe und stieß einen seltsam tierischen Laut aus. Jeder Mann, jede Frau im großen Saal wusste, was dieser Schrei bedeutete, und er verursachte allen eine Gänsehaut. Das geflügelte Wesen hatte ihn offensichtlich ebenfalls gehört, denn es richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf den einsamen Krieger, genau so, wie es in den Mythen geschildert wurde.

Die beiden kämpften miteinander.

Die Bestie war erschreckend stark, doch waren ihre Kräfte nicht unbegrenzt. Ein Armbrustpfeil in die Innenseite einer Schulter warf sie zur Erde. Sie zischte wie eine gereizte Echse.

Der Mann war geschickt, aber unerfahren. Der Schwanz der Bestie schoss schneller und kraftvoller auf ihn zu, als er erwartet hatte, er traf ihn an der Brust, und man hörte die Rippen brechen.

Und während der Kreis der Seher weitersang – und die Heiligen Hüter dahinter wie gebannt zusahen –, stieß der Mann seinen Speer nach oben durch den Unterkiefer bis ins Hirn des Ungeheuers … Nach den letzten Todeszuckungen der Kreatur war der Kampf beendet.

Die Seher raunten noch so lange weiter, dass alle Anwesenden das getötete Ungeheuer studieren und sich wichtige Einzelheiten einprägen konnten: die dicken Panzerplatten, die den Unterleib schützten; die langen scharfkantigen Schuppen am Ende des Peitschenschwanzes; die tödlichen Stacheln, die sich über Hals, Rücken und Schwanz zogen – nur an einer kleinen Stelle über den Schultern befand sich lediglich Narbengewebe, knotige, bizarr verdrehte Wucherungen. Waren die Stacheln bei einem Kampf abgebrochen, oder hatte jemand sie absichtlich entfernt? Das Abbild lieferte keinen Hinweis darauf.

Endlich verstummten die Sänger.

Das Bild verblasste.

»Mögen die Götter uns gnädig sein«, murmelte Meister Favias.

Der Hüter, der am nächsten bei den Türen gesessen hatte, stieß diese nacheinander auf und ließ wieder Tageslicht in das Versammlungshaus einströmen. Die Nachmittagssonne beschien ein Durcheinander von Ornamenten an den Wänden, an der Decke und auf den Balken des primitiven Gebäudes. Keirdwyn-Knoten, Skandir-Piktoglyphen und Schlachtgebete in fließender Tonado-Kalligraphie. Vierzig Generationen von Heiligen Hütern hatten diesem Gebäude ihre Spuren aufgeprägt, und jedes Mal, wenn ein Teil des Hauses instand gesetzt werden musste, hatte man die Schnitzereien sorgsam konserviert. Den Mythen zufolge war kein einziges Stück jemals verloren gegangen. Holz mochte verrotten, Mörtel mochte zerfallen, doch die Botschaften, die frühere Hüter hinterlassen hatten, waren im wahrsten Sinne des Wortes ewig.

Die Seher erhoben sich, und auch die Heiligen Hüter dahinter standen auf. Meister Favias schüttelte einem nach dem anderen die Hand, verneigte sich tief und sprach ihm feierlich den Dank seines Protektorates aus. War ein Banngesang erfolgreich und die Götter erhörten die Bitte um Annahme des Opfers, dann hatte jeder der beteiligten Hexen und Hexer einen Teil seiner Lebensenergie für die gemeinschaftliche Beschwörung hingegeben. Wäre der Banngesang dagegen gescheitert – oder wären die Götter mit ihren Bemühungen nicht zufrieden gewesen –, dann hätte womöglich ein Mann oder eine Frau den gesamten Preis allein zu entrichten gehabt. In beiden Fällen war jeder der Seher bereit gewesen, etwas von ihrem oder seinem Leben zu opfern, um den Heiligen Hütern behilflich zu sein, und das musste gebührend gewürdigt werden.

Einige der Seher verabschiedeten sich, sie waren von der Anstrengung erschöpft; die Hüter verneigten sich ehrfürchtig vor ihnen. Andere wollten noch bleiben, um zu hören, was ihre Beschwörung an Erkenntnissen gebracht haben mochte.

Nun richtete der Oberste Hüter des Keirdwyn-Protektorats den Blick auf Rhys. Der hatte eine grimmige Miene aufgesetzt, starrte immer noch auf die Stelle, wo soeben sein Kampf mit dem Seelenfresser gezeigt worden war, und schien mit seinen Gedanken ganz woanders zu sein. »Du hast dich wacker geschlagen«, sagte Meister Favias.

»Ich war unvorsichtig«, wehrte Rhys scharf ab. »Wenn mich nicht ein Magister geheilt hätte, ich hätte nicht überlebt.«

Meister Favias trat zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Seit mindestens tausend Jahren hat kein Mensch mehr gegen eines dieser Ungeheuer gekämpft. In all der Zeit hat man noch nicht einmal ein lebendes Exemplar zu Gesicht bekommen. Dennoch bist du dem Feind, nur vom Wissen aus einigen Mythen geleitet, entgegengetreten und hast ihn besiegt. Und dann hast du Proben für uns gesammelt, die uns helfen werden, uns für die nächste Schlacht zu wappnen. Du hast dich wacker geschlagen«, wiederholte er eindringlich, »wer immer dir auch geholfen haben mag.«

Rhys neigte zögernd den Kopf zum Zeichen, dass er das Lob annahm, aber man sah ihm an, dass er nicht völlig überzeugt war.

»Und nun wollen wir wissen, wo diese verfluchte Kreatur sich jetzt befindet. Liegt sie an einem Ort, an den wir unsere Gelehrten schicken können, um sie zu studieren?«

Rhys schüttelte den Kopf. »Die Großkönigin hat versucht, den Leichnam für uns konservieren zu lassen, aber es gelang ihr nicht. Das Ungeheuer ist nicht in Fäulnis übergegangen wie andere Lebewesen. Die inneren Organe hatten sich bereits binnen weniger Stunden, nachdem es verendet war, restlos zersetzt, und die Haut hatte sich aufgelöst wie bei einem eine Woche alten Kadaver. Es ist von innen nach außen verwest.« Bei der Erinnerung daran schüttelte er zum wiederholten Mal enttäuscht den Kopf. »Ich wollte mir die Knochen ansehen, ob sie womöglich hohl wären wie bei Vögeln – das wäre ein Schwachpunkt, den man sich merken sollte –, doch als ich so weit vorgedrungen war, begann das Skelett bereits von innen her zu zerfallen, ich könnte es also nicht mit Sicherheit sagen. Selbst die wenigen Proben, die ich entnehmen konnte, hielten sich nicht lange. Letztlich musste der Kadaver verbrannt werden, damit das Gift nicht auf andere Lebewesen übergriff. Das ist alles, was geblieben ist.«

Am anderen Ende des Versammlungshauses stand ein Tisch mit mehreren kleinen Segeltuchbündeln. Rhys ging hinüber und schlug das erste Bündel auf. Die Hüter scharten sich um ihn. Vier lange, dünne Knochenplatten kamen zum Vorschein; die Außenkanten waren so scharf, als hätte ein Meisterschmied sie über Monate immer wieder zugeschliffen, die dicken Innenränder waren verfärbt, die verwesenden Fleischreste, die ihnen noch anhafteten, zerfielen zu Staub, als Rhys die Stücke auslegte, damit die anderen sie begutachten konnten.

»Die stammen vom Schwanz des Ungeheuers. Magister Colivar riet mir, sie sofort nach dem Tod des Wesens abzutrennen. Als dann später der Rest so schnell verrottete, dass man keine Proben mehr nehmen konnte, wollte ich ihn fragen, warum diese Teile verschont geblieben waren. Ob es an einer besonderen Eigenschaft gerade dieses Materials läge oder nur daran, dass ich sie vom Körper entfernt hatte, bevor der Fäulnisprozess einsetzte. Aber da war Colivar schon nicht mehr da, und niemand sonst konnte mir meine Fragen beantworten.« Er drehte eine der langen Klingen so, dass sich das Licht darin spiegeln konnte; saphirblaue Reflexe spielten über die scharfe Kante, und von der Oberfläche ging ein schwacher Moschusgeruch aus. »Aus diesen Teilen fertigten unsere Vorfahren Messerklingen und Speerspitzen, um die Haut der Bestien zu durchbohren. Colivar sagte, das Material sei besser für diesen Zweck geeignet als Stahl, und wir würden wahrscheinlich Diamanten brauchen, um es zu bearbeiten.«

Meister Favias nickte finster. Er war in der Rüstkammer gewesen, wo die alten Waffen der Protektorate lagerten, und hatte gesehen, dass viele davon aus einem fremdartigen glasähnlichen Material gemacht waren. Sie waren tatsächlich härter als Stahl und gegen Rost und Verfall in jeder Form gefeit. So sehr es ihn befriedigte, endlich zu wissen, was für ein Stoff das war, so wenig gefiel es ihm, für die Bewaffnung ausgerechnet auf die Seelenfresser angewiesen zu sein. »Die Erzprotektoren werden uns Diamanten geben, sofern wir sie brauchen«, sagte der Oberste Hüter. »Was hast du sonst noch mitgebracht?«

Rhys öffnete das zweite Bündel und enthüllte ein halbes Dutzend langer, gekrümmter Stacheln, die schwach nach verfaultem Fleisch rochen. »Die habe ich vom Rücken der Bestie entfernt. Sie sind von der Form her den Hörnern anderer Lebewesen ähnlich, aber innen sind sie mit einer schwammigen Masse gefüllt. Davon ist allerdings inzwischen kaum noch etwas übrig.« Er drehte eine der Stacheln und zeigte den Hütern, dass sie hohl war und an der Innenseite einige Fäden einer fasrigen Substanz hafteten. »Königin Gwynofar vermutete, im Körper des Seelenfressers befinde sich möglicherweise ein hochwirksames Gift oder ein anderer Fäulnis erzeugender Stoff, dessen Wirkung zu Lebzeiten der Kreatur unterdrückt würde. Nach dem Tod würde das Gift sofort freigesetzt, durchdringe das Fleisch und zerstöre es von innen heraus.« Er legte den Stachel zurück. »Es versteht sich von selbst, dass wir den Prozess viel gründlicher beobachten müssten, um eine solche Mutmaßung zu bestätigen.«

Er sprach nicht aus, was alle dachten: Mögen die Götter verhüten, dass in unseren Landen genügend Seelenfresser ihr Unwesen treiben, um solche Studien zu ermöglichen.

Vorsichtig öffnete Rhys das dritte Bündel. Es enthielt im Gegensatz zu den anderen nicht einfach einen Teil eines Seelenfresserkörpers, sondern eine breite, flache Holzkiste. Er klappte sie auf und legte sie in die Mitte des Kreises, damit alle sehen konnten, was sie enthielt.

»Das stammt von einer Schwinge des Ungeheuers.«

Selbst in abgelöstem Zustand war das Flügelfragment von geradezu entsetzlicher Schönheit. Als Rhys es hin und her drehte, wogten Edelsteinfarben über seine Oberfläche, als wäre es aus flüssigen Juwelen gemacht. Die schlanken schwarzen Streben und die zarten Adern schienen besser zu einem Insektenflügel als zur Schwinge eines großen Fleischfressers zu passen. Das Gerüst wirkte zu zart, um ein so großes Gewicht tragen zu können.

»Als ich diese Probe entnahm«, erklärte Rhys, »musste ich meine ganze Kraft aufwenden. Ich konnte die scheinbar so zerbrechliche Flügelmembran kaum mit dem Messer durchstoßen. Doch nur wenige Stunden nachdem der Seelenfresser verendet war …«

Er hob das Flügelstück auf, hielt es kurz in der Hand, schloss die Faust und drückte zu. Als er die Finger wieder öffnete, lagen auf seiner Handfläche nur noch Staub und kleine Teilchen.

»Das war alles, was ich retten konnte, danach war von der Kreatur nichts mehr zu verwenden«, sagte er ruhig. »Ich hätte schneller arbeiten sollen.«

»Und seine Bannwirkung?«, fragte Meister Favias, die letzte Bemerkung geflissentlich überhörend. »Erzähle uns, was es damit auf sich hat.«

Rhys nagte an seiner Unterlippe, während er nach den richtigen Worten suchte. »Die anderen Zeugen berichteten hinterher, es sei … verführerisch. Sie hätten sich von ihm angezogen gefühlt. Einige spürten den Drang, sich ihm hinzugeben … wie einem Liebhaber. Sie wünschten sich sogar, es möge ihnen die Kehle aufreißen, als gäbe es nichts, was erstrebenswerter wäre. Ihr Verstand sagte ihnen, dass diese Gefühle nicht echt waren, dass etwas Unheimliches vor sich ging, aber sie konnten nicht dagegen ankämpfen … oder, genauer gesagt, sie wollten nicht dagegen ankämpfen.«

»Und du selbst?«

»Bei mir waren alle Sinne … wie abgestumpft. Meine Gedanken waren träge. Meine Gliedmaßen schienen nicht mehr zu mir zu gehören und gehorchten meinem Willen nicht mehr. Einer der Banngesänge half mir, mich zu sammeln, sonst wäre ich womöglich überwältigt worden. Aber meine Empfindungen veränderten sich nie. Ich hasste dieses Wesen, ich fürchtete es, aber ich fühlte mich niemals zu ihm hingezogen. Ich wünschte ihm und seiner gesamten Art von ganzem Herzen den Tod.«

»Das ist immerhin eine gute Nachricht«, lobte Meister Favias. »Der Schutz der Götter wirkt stark in ihren Auserwählten.«

»Nicht unbedingt«, wandte einer der anderen Krieger ein. Rhys kannte ihn, er gehörte zur brusanischen Abordnung, ein ernster Mann, der selten so weit nach Osten kam. »Rhys ist zur Hälfte Lyr, nicht wahr? Dadurch ist er besser geschützt als die meisten von uns. Angenommen, die Götter wären uns … einfachen Bauern gegenüber nicht so großzügig?«

Rhys’ Augen wurden schmal vor Zorn. Er wollte schon auf den Sprecher losgehen, doch Meister Favias legte ihm abermals die Hand auf die Schulter, diesmal, um ihn zu beruhigen.

»Rhys, bitte.« Respektvoll, aber entschieden. »Das sollte keine Beleidigung sein.«

»Ich bin nicht anders als jeder andere in dieser Runde«, murrte Rhys.

»Vom Mut, von der Kraft, von der Hingabe an die Sache her, ja. Aber was ist mit deinem Blut? Die Frage ist berechtigt, mein Bruder. Keiner von uns kann dichter an die Speere heranreiten als du. Du hältst noch stand, wenn der Heilige Zorn auf deine Seele einschlägt, wo andere schon kopflos die Flucht ergreifen. Wenn es das besondere Erbe deines Vaters ist, was dir solche Kräfte verleiht, und nicht nur deine persönliche Tapferkeit, dann dürfen wir nicht ohne Weiteres annehmen, dass wir Übrigen den gleichen Schutz genießen. Gehen wir lieber davon aus, dass die Seelenfresser durchaus fähig sein könnten, einige Hüter in ihren Bann zu schlagen, auch wenn es dem einen bei dir nicht gelungen ist, und stellen wir unsere Planungen darauf ab.« Als Rhys nicht antwortete, drängte er: »Du siehst das doch auch so?«

Rhys stieß scharf die Luft aus, sagte aber nichts, sondern ballte kurz die Fäuste und rang um Fassung. Favias hatte recht, aber das machte es ihm nicht leichter. Endlich nickte er verkrampft.

»Du sagtest, Magister Colivar sei zugegen gewesen«, stellte Favias fest. »Beim Kampf habe ich ihn nicht gesehen.«

Rhys nickte. »Nein. Er stand abseits und sah zu. Ramirus, der mich befördert hatte, verhielt sich ebenso. Keiner der beiden rührte einen Finger, um mir zu helfen.«

»Vielleicht konnten sie es nicht«, überlegte Favias laut.

»Oder sie wollten nicht«, schaltete sich eine skandirische Hüterin ein, eine der wenigen Frauen in dieser Gruppe. »Die Götter mögen verhüten, dass sie ihre kostbare Magisterhaut für andere zu Markte tragen.«

»Richtig«, murrte der Brusaner. »Für ihre Opferbereitschaft sind sie nicht gerade bekannt.«

Meister Favias hob eine Hand. »Über die Magister können wir uns später noch beklagen«, mahnte er. »Jetzt sollten wir den Bericht unserer Archivare hören. Rommel, habt Ihr Erkenntnisse gewonnen, die Licht in diese Geschichte bringen könnten?«

Der Oberarchivar des Hauses Keirdwyn, ein älterer Mann mit langem grauem Haar, das er am Hinterkopf zu einem straffen Zopf geflochten hatte, räusperte sich. »Es gibt Aufzeichnungen darüber, mit welchen Substanzen man einst die Seelenfresser-Häute behandelte, bevor man sie zu Harnischen verarbeitete. Wenn die Kadaver so schnell verwesen, wie Rhys sagt, würde das sicherlich erklären, warum diese Verfahren für so wichtig erachtet wurden und warum unsere Vorfahren so sehr darauf bedacht waren, sie weiterzugeben.« Er strich sich nachdenklich über das graue Stoppelkinn. »Wer einen Seelenfresser besiegen will, muss sich nach unserer Überlieferung mit einem Harnisch aus seiner Haut wappnen und ihn mit seinen eigenen Waffen bekämpfen. Das scheint jedoch nicht so einfach zu sein, wie es sich anhört.«

Meister Favias nickte. »Wir brauchen Proben der genannten Substanzen, um herauszufinden, welche sich lagern lassen, ohne ihre Wirkung zu verlieren. Wenn die Kreaturen tatsächlich in großer Zahl zurückkehren …« Er ließ die Worte für einen Moment in der Luft hängen »… werden unsere Hüter diese Mittel mitführen müssen, um sie sofort nach dem Kampf einzusetzen. Sonst zerfallen die Kadaver wahrscheinlich schneller, als man sie konservieren kann.«

Der Archivar nickte. »Ich werde Nachricht an alle Archivare schicken und veranlassen, dass mit den Versuchen begonnen wird.«

»Sehr schön. Nun zu dir, Rhys …« Favias wandte sich wieder dem Hüter von Keirdwyn zu. »Was ist mit diesem Magister, diesem Colivar? Du sagst, du hättest von ihm manches über die Seelenfresser erfahren. Wer ist er, und wie viel weiß er?«

Rhys runzelte die Stirn. »Ich kann dir nur sagen, dass er ein Feind des Großkönigreichs ist – oder es zumindest zu Dantons Lebzeiten war – und offenbar einem der Herrscher in den Südlanden dient. Er gilt als sehr alt, sehr erfahren und ungemein verschlagen. Wenn man Gwynofar glauben kann, trifft das allerdings auf die meisten Magister zu.«

»Konntest du in Erfahrung bringen, woher er sein Wissen bezog? Wenn es einen alten Text gibt, den wir noch nicht gesehen haben, sollten wir ihn ausfindig machen. Besonders, wenn er genauere Angaben dazu enthält, wie man diese Kreaturen bekämpft.«

Rhys zögerte. »Er sprach sehr sachlich über diese Wesen, so als kenne er nicht nur Aufzeichnungen und Funde, sondern hätte sie mit eigenen Augen gesehen. Was natürlich nicht gut möglich ist. Die ersten Magister erschienen erst lange nachdem die Speere auf die Erde geschleudert worden waren.«

Favias nickte. »Schön. Dann lasst uns auch Nachforschungen zu diesem Colivar anstellen und abwarten, was dabei herauskommt. Es geht nicht nur um das, was er nach eigenen Angaben erlebt hat, wir brauchen auch Angaben zu seiner Person. Vielleicht müssen wir irgendwann versuchen, ihm sein Wissen abzukaufen, und dann sollte bekannt sein, was ihm wichtig ist, wen er schätzt, wo er sich gerne aufhält … und welche Art von Spielen er liebt.« Beim letzten Punkt verfinsterte sich seine Miene. Die Magister waren in den Nordlanden berüchtigt für ihren Hang zur Geheimniskrämerei und ihre oft undurchschaubaren Forderungen an jeden Moratus, der etwas von ihnen erfahren wollte. Das war der Grund, warum die Protektorate sich im Allgemeinen an Hexen und Hexer wandten, wenn zu welchem Zweck auch immer Zauberkräfte eingesetzt werden mussten. Sie setzten ihr Vertrauen lieber in Personen, die bereit waren, für eine gute Sache einen Teil ihrer Lebensenergie zu opfern, als sich in Abhängigkeit von hochmütigen Dilettanten zu begeben, die sich einbildeten, die ganze Welt sei nur zu ihrer Unterhaltung da.

Obendrein hassten die Magister den Heiligen Zorn. Gerüchten zufolge brachte er jeden Zauber, den sie wirkten, heillos durcheinander. Die meisten hielten, wenn irgend möglich, großen Abstand. Ließen ihre Pflichten ihnen keine andere Wahl, kamen sie nur widerwillig. Zwar unterstützten sie mit ihren Kräften die Rituale, die den Heiligen Zorn stabilisierten und es den Einheimischen ermöglichten, sich ihm zu nahen … aber dabei verhehlten sie nicht, dass sie lieber weit weg wären. Sehr weit weg.

Vielleicht haben sie ganz einfach Angst, dachte Rhys, so wie alle Menschen, wenn sie in die Nähe der Barriere kommen. Und das Märchen von der verheerenden Wirkung verbreiten sie nur, damit wir sie nicht für feige halten.

Ein Verdacht, dem man eventuell einmal nachgehen sollte!

»Nun denn.« Favias’ Stimme klang kräftig und selbstbewusst; wenn Rhys’ Bericht ihn beunruhigt hatte, so ließ er sich das nicht anmerken. »Diese Erkenntnisse müssen möglichst schnell an die anderen Protektorate weitergeleitet werden. Und man sollte alle Meldestationen daraufhin überprüfen, ob sie bemannt und einsatzbereit sind. Wenn der Aufruf zum Krieg kommt …« Er holte tief Luft. »… Ich glaube nicht, dass wir viel Zeit haben werden, um Vorbereitungen zu treffen. Also sorgen wir schon im Vorfeld dafür, dass alles in Ordnung ist.«

Vierzig Generationen, dachte Rhys. Vor vierzig Generationen hatten die ersten Erzprotektoren einzig für den Fall, dass die Seelenfresser zurückkehrten, eine Kriegerkaste gegründet. Jede dieser vierzig Generationen von Heiligen Hütern hatte darum gebetet, dass die Welt sie niemals brauchen würde; und jede war sich bewusst gewesen, dass solche Gebete vergeblich waren. Die Götter selbst hatten vor der Rückkehr der Ungeheuer gewarnt. Und nun war es so weit.

Wir werden bereit sein, gelobte Rhys stumm.

»Als Nächstes wollen wir bestimmen, wer unsere Botschaft weiterträgt«, sagte Favias.

Damit war die Versammlung beendet. Favias musste nur noch festlegen, wer in die anderen Protektorate reiten und die gewonnenen Erkenntnisse überbringen sollte. Rhys wusste, dass er dafür nicht gebraucht wurde. Er war fest mit dem Keirdwyn’schen Hof verbunden und würde wie immer dorthin geschickt werden, um dem Erzprotektor Bericht zu erstatten. Und dazu sollte er so schnell wie möglich aufbrechen. Schon in wenigen Tagen wollten der Erzprotektor und seine Gemahlin mit ihrem königlichen Gefolge zur Krönung ihres Enkels Salvator Aurelius nach Süden reisen. Wenn Rhys seinen Auftrag nicht vorher noch erledigte, musste er womöglich mit Stevan Keirdwyn und seiner Gemahlin nach Süden ziehen und unterwegs mit ihnen sprechen.

Beim Gedanken an Evaine Keirdwyn wurde ihm flau im Magen.

Sie wäre sicherlich die Liebenswürdigkeit selbst, dachte er. Wie immer.

Das machte es nur noch schlimmer.

Er schlich sich unauffällig aus dem Versammlungshaus, um die anderen nicht zu stören. Draußen schien die Sonne, und die rot-goldenen Fahnen auf dem Dach knatterten im frischen Sommerwind. Ein tief ausgetretener Pfad schlängelte sich zu den Stallungen hinab, ein anderer führte zum Opferkreis der Heiligen Hüter. Er zögerte kurz, dann schlug er den zweiten Weg ein. Seine Seele bedurfte der Stärkung, bevor er sich mit einer so düsteren Botschaft auf den Weg machte.

Der Pfad verschwand im Wald, die Gerüche und Geräusche des Versammlungshauses blieben zurück. Zu beiden Seiten drängten die Blaukiefern heran und verströmten ihren würzigen Duft. Der Pfad wand sich zwischen ihnen hindurch und endete nach einem leichten Anstieg auf der Kuppe eines Hügels. Dort hatte man die Bäume gefällt, das Land gerodet und eine kreisrunde Lichtung geschaffen, in deren Mitte ein einzelner Speer stand.

Die bizarr verkrümmte Felssäule war nicht so groß wie die Speere des Heiligen Zorns und hatte auch nicht ihre unheimliche Ausstrahlung, doch bei ihrem Anblick musste Rhys unwillkürlich an die echten Speere denken … und an den Grund für ihre Existenz. Eine Weile stand er stumm und reglos auf der Lichtung und meditierte über ihre Bedeutung und seine eigene Aufgabe. Am Rand der Lichtung standen Ahnenbäume – genauer gesagt, Protektoren-Bäume –, Blaukiefern, in die man die Abbilder der sieben Ersten Protektoren geschnitzt hatte. Abeja, Brusus, Han, Tonado, Keirdwyn, Alkal und Skandir. Die Rinde hatte ihre Züge überwuchert, sodass es aussah, als hätten sich die Bäume von sich aus menschliche Gesichter wachsen lassen. Alle sieben waren mit den gleichen künstlerischen Mitteln ausgeführt, dennoch war nicht zu übersehen, dass sie so verschieden voneinander waren, wie Menschen nur sein konnten. Nun, warum auch nicht? Sie waren durch eine schreckliche Katastrophe aus allen Ecken der bekannten Welt zusammengetrieben worden. Und als der große Krieg zu Ende war und der Heilige Zorn der Götter die letzten Ungeheuer in einem Niemandsland aus Eis und Schnee eingeschlossen hatte, waren diese sieben zurückgeblieben, um die Barriere vor dem Einsturz zu bewahren und die Geschlechter zu gründen, die eines fernen Tages von Neuem den Kampf gegen die Seelenfresser aufnehmen sollten.

Die Götter hatten sie Lyr genannt und ihrem Blut einen besonderen Zauber beigemischt, der erst zum Leben erwachen sollte, wenn die Seelenfresser zurückkehrten. So wurde es jedenfalls in den Mythen verheißen. Inzwischen waren die meisten Bewohner der Nordlande zumindest entfernt mit dem einen oder anderen Erzprotektor verwandt, was bedeutete, dass sie alle etwas von der Gabe der Götter in sich trugen. Doch die Lyr waren etwas Besonderes, denn sie konnten ihren Stammbaum über jeden Zweig bis zu den ersten Protektoren zurückverfolgen; in ihnen war die Gabe der Götter noch unverdünnt und in voller Stärke vorhanden. Die Mythen bezeichneten sie als die Hoffnung der Menschheit.

Rhys war das Ergebnis eines Fehltritts des Erzprotektors und damit Halb-Lyr. Bei den Heiligen Hütern galt das viel. So mancher hätte für eine solche Abstammung mit Freuden alles gegeben.

Warum also zerbrach er sich darüber den Kopf? Warum wurde er wütend, sooft jemand davon anfing?

Weil es nicht mein Verdienst ist, dachte er verbittert. Ich kann noch so viele Schlachten schlagen, mich noch so vielen Gefahren stellen, zu noch so vielen Siegen beitragen – mein Bastarderbe wird immer alles in den Schatten stellen.

»Rhys?«

Er sah sich um. Eine von den Skandir hatte seinen Namen gerufen, eine Frau namens Namanti. Wie alle weiblichen Hüter aus diesem Protektorat trug sie ein Männerhemd und enge Hosen. Die Hemdsärmel hatte sie abgeschnitten – ein Zugeständnis an die Sommerhitze. Ihre muskulösen Arme waren über die ganze Länge mit breiten Metallarmreifen geschmückt, und Rhys wusste, dass in jedes dieser Bänder ein Muster geätzt war, das an eine gewonnene Schlacht oder eine bestandene Prüfung erinnerte. In ihr dichtes blondes Haar waren Lederriemen und Glasperlen eingeflochten, ihre Haut war rau und rot, weil sie sich so viel im Freien aufhielt. Skandir-Hüter waren ungewöhnlich wild, überlegte er, besonders die Frauen. Manchmal lebten sie diese Wildheit auch abseits des Schlachtfeldes aus, aber das war nicht immer so.

»Du hast den ganzen Aufruhr verpasst«, sagte sie.

»Weil ich weggegangen bin?«

»Nein.« Sie grinste. »Ganz so wichtig bist du noch nicht, Lyr.« Er wusste genau, dass sie ihn mit dieser Anrede nur reizen wollte, also ging er nicht darauf ein. »Favias suchte nach Boten, die deinen Bericht zu den anderen Protektoraten bringen sollten; er bat um Freiwillige. Und dabei fiel uns allen auf, dass kein einziger Alkalier unter uns war.«

»Überhaupt keiner?«, fragte er verwundert.

Sie schüttelte den Kopf. Ein paar blonde Strähnen hatten sich aus der strengen Frisur gelöst, und der Wind wehte sie ihr ins Gesicht. Sie strich sie achtlos zurück und steckte sie hinter den Ohren fest. »Kein einziger. Offenbar hat schon seit Längerem niemand mehr einen Hüter von dort gesehen.«

Er runzelte die Stirn. »Das ist … sonderbar.«

»Ja, das fand auch Meister Favias. Erst recht, weil wir hier so nahe an Alkal sind. Es hat auch niemand mehr die dortigen Speere aufgesucht – zumindest gibt es keine Meldung darüber. Und da wir annehmen, dass irgendwo eine Bresche in den Heiligen Zorn geschlagen wurde, ist das keine Kleinigkeit. Nun möchte der Oberste Hüter jemanden dorthin entsenden, der herausfinden soll, was los ist. Zumindest soll er nachsehen, ob die Speere irgendwelche Schäden aufweisen.« Ihre tiefblauen Augen blitzten. »Jemanden mit viel Macht im Blut.«

Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er bei diesen Worten zusammenzucken würde, und gerade deshalb nahm er den Köder nicht an. »Klingt vernünftig, wenn er will, dass jemand zu den Speeren reitet. Andere müssten erst ein einwöchiges Ritual abhalten, das ihnen den Weg ebnet, sonst kämen sie nicht nahe genug heran. Wie ich höre, sind die Skandir in dieser Hinsicht besonders willensschwach.«

Auch sie ließ sich nicht aus der Reserve locken. »Natürlich habe ich darauf hingewiesen, dass du den Auftrag wohl kaum übernehmen könntest, schließlich sprichst du nicht einmal die Sprache.«

Er zog eine Augenbraue in die Höhe. »Die Alkalier sprechen eine andere Sprache?«

»Die Führung schon. Manchmal auch die Priester. Sie ist uralt, aus der Epoche vor den Finsteren Zeiten. Sie verwenden sie nicht, wenn … Außenstehende in der Nähe sind.«

Sieht ihnen ähnlich, dachte er. Sie müssen immer aus der Reihe tanzen. Die Alkalier waren sehr stolz – man hätte sie auch arrogant nennen können – und ließen die anderen Protektorate nie vergessen, dass sie schon lange bevor der Krieg gegen die Seelenfresser Fremde an ihre Gestade geführt hatte, die Herren der Nordlande gewesen waren. Und das waren sie noch immer, jedenfalls in ihren eigenen Augen.

Dass die alkalischen Hüter gerade jetzt von der Bildfläche verschwanden, wo wieder Seelenfresser gesichtet wurden, war in der Tat bedenklich. Hatten sie versucht, sich den Kreaturen entgegenzustellen, und waren unterlegen? Aber man konnte sich kaum vorstellen, dass sie in diesem Fall keinen Hilferuf abgesetzt hätten. Oder war dafür alles zu schnell gegangen?

Er schüttelte solche Gedanken ab. »Und wer soll denn nun für mich übersetzen? Bestimmt ein kurzsichtiger kleiner Bücherwurm, den ich beim Reiten vor jedem Ast warnen muss? Falls er überhaupt reiten kann.«

»Da hättest du noch Glück gehabt.« Sie schlug ihm mit einem zusammengefalteten Blatt Papier leicht gegen die Brust. »Wenn die Gerüchte stimmen, soll dich ein arroganter Skandir begleiten, der nicht gerade ein Freund der Alkalier ist. Ach ja, und es ist auch noch eine Frau. Wahrscheinlich musst du jedes Mal warten, wenn sie pissen geht.«

Er nahm ihr das Blatt ab und überflog es rasch. Favias hatte ihnen ein Empfehlungsschreiben mitgegeben, falls man sie fragte, was sie auf alkalischem Gebiet zu suchen hätten. Das war an sich schon beunruhigend; normalerweise brauchten die Hüter keine besondere Genehmigung, um ihren Dienst zu versehen. »Wenn sie zu lange braucht, lasse ich sie einfach zurück.«

»Könnte sein, dass du keine zehn Schritte weit kämst, weil sie die beste Schützin weit und breit ist.«

Er faltete das Papier zusammen und steckte es unter sein Hemd. »Könnte aber auch sein, dass sie in letzter Zeit zu viel Skandir-Bier getrunken hat und sich heillos überschätzt.«

»Zehn Kroger, dass sie besser ist als du. Du kannst das Ziel und die Bedingungen bestimmen.«

Er schüttelte den Kopf. »Ich habe keine Kroger bei mir, und das weißt du genau.«

»Heißt das, du gibst auf?« Sie lächelte zuckersüß. »Du machst es dir zu einfach, Keirdwynner.«

Nun musste er doch lachen. »Und wer kommt sonst noch mit?«

»Niemand. Nur du und ich auf der kalten Landstraße. Favias will, dass wir uns sputen und schnell wieder zurück sind. Wir reiten zuerst nach Norden, dann am Heiligen Zorn entlang nach Osten und kontrollieren jeden einzelnen Speer, bis wir die Wurzel des Übels gefunden haben. Am besten, bevor die Alkalier überhaupt merken, dass wir da sind. Andere Hüter haben andere Aufträge erhalten.«

Rhys nickte. Er hätte gerne eine Hexe oder einen Hexer dabeigehabt, auch wenn sie solche Kräfte vielleicht gar nicht brauchen würden, aber die Seher waren bekanntlich besonders empfindlich für die Ausstrahlung des Heiligen Zorns und hätten vermutlich nicht überlebt, wenn man sie ihm so lange ausgesetzt hätte. Das war wohl der Preis dafür, dass sie sich auf Visionen spezialisiert hatten; dadurch wurden sie doppelt empfänglich für alle Einflüsse, die auf den Geist wirkten. »Aufbruch im Morgengrauen?«

»Wenn du es schaffst, so früh auf den Beinen zu sein.« Sie zog ein schmales Messer mit kunstvoll verziertem beinernem Griff. »Ich möchte nicht zu viel von deinem edlen Blut vergießen.«

Er packte ihr Handgelenk und hielt es fest. Sie sah ihn lange an, als wollte sie abschätzen, inwieweit sein Zorn tatsächlich echt war, dann schüttelte sie seine Hand ab. »Immer mit der Ruhe, Rhys, mich hat man nämlich aus dem gleichen Grund auserwählt. Ich bin entfernt mit irgendeiner wichtigen Persönlichkeit verwandt … den Namen habe ich vergessen. Der Lyr-Segen ist bei mir nicht so stark, aber ein paar Tropfen fließen auch in meinen Adern. Und Favias meinte, das könnte nicht schaden, falls du sehr dicht an die Speere heran müsstest.«

Sie senkte den Blick und brachte sich mit dem Messer an einer Seite des Handtellers einen flachen, kurzen Schnitt bei. Das Blut quoll rasch heraus und lief ihr über die Handfläche. »Mögen die Götter des Nordens uns leiten und behüten. Mögen sie unsere Augen schärfen, damit wir den Feind entdecken, mögen sie uns den Mut verleihen, ihn zum Kampf zu fordern, und die Kraft, ihn in die schlimmste Hölle zu schicken, die die Unterwelt zu bieten hat.« Sie trat vor, legte die Hand auf den krummen Felsen, verteilte das Blut und zog sie wieder zurück.

Dann reichte sie Rhys das Messer.

Langsam und sorgfältig zog er die Schneide über eine Stelle, wo die Haut schon unzählige Male aufgeschnitten worden war. Er betete nicht laut, sondern begleitete das Blutopfer nur mit stummen Lippenbewegungen.

Wenn wir die Generation sind, die den Kampf mit den Dämonen führen muss, so fügen wir uns. Führt uns dahin, wo unsere Kraft gebraucht wird. Helft uns, dafür zu sorgen, dass das Zweite Königtum nicht das gleiche Ende nimmt wie das Erste.

Er strich mit den Fingern über die bizarre Säule und zeichnete dünne rote Linien auf den Stein.

Und habt Erbarmen mit den Lyr, fuhr er fort, denn sie sind eure kostbarsten und zugleich ahnungslosesten Kinder. Man hat ihnen Kräfte verliehen, deren Namen sie nicht kennen, und nun schickt man sie womöglich in den Kampf, ohne dass sie wissen, was ihre Waffen sind.

Er hatte das Gefühl, als stimmten die Geister der Ahnen in sein Gebet ein.

Kapitel 4

Colivar hatte damit gerechnet, dass Ramirus sein Herrschaftsgebiet mit magischen Hürden absichern würde, trotzdem ärgerte er sich. Für einen Magister stellte keines der Hindernisse eine wirkliche Gefahr dar, aber sie zwangen ihn, Zeit und Energie zu vergeuden, und insofern waren sie doch eine versteckte Bedrohung.

Was natürlich beabsichtigt war. Magische Hürden waren bei den Magistern so etwas wie ein Begrüßungsritual, mit dem klipp und klar festgelegt wurde, welchen Status ein Gast im jeweiligen Haus genoss. Bei jeder Barriere musste der Besucher aufs Neue einen Hauch von Macht beschwören, um sie zu überfliegen, sich darunter hindurchzugraben oder sich mit Feuer, Kampf oder List einen Weg auf die andere Seite zu bahnen. Dazu musste der Besucher seinem Konjunkten, dessen Lebensenergien endlich waren, jedes Mal mehr von seiner Kraft entziehen. Ließ sich der Gast auf diese Weise an den Rand der Translatio treiben, sodass er später, wenn er in Ramirus’ Gegenwart Zauberei einsetzen wollte, hilflos wäre? Oder überlegte er sich noch einmal, ob sein Anliegen wirklich wichtig genug war, um ein solches Risiko zu rechtfertigen?

Colivar kümmerte das wenig. Er hatte sich erst vor Kurzem einen neuen Konjunkten genommen, der wohl nicht so bald erschöpft wäre, wenn es nicht gerade zu einem Kampf der Zauberer käme. Dennoch waren die Fallen ein Ärgernis, und wenn er zufällig die eine oder andere demolierte, während er sie überflog – so setzte er einen verzauberten Wald in Brand, hetzte zwei mutierte Hunde aufeinander und ließ das Wasser in einem Graben ab, sodass die Raubtiere darin auf dem Trockenen lagen und nach Luft schnappten –, so war Ramirus darauf sicher gefasst. Und tatsächlich: Beim Überqueren des letzten Hindernisses – ein riesiges, doppelt mannshohes Heckenlabyrinth – sah Colivar, wie hinter ihm Regen vom Himmel fiel, der sein loderndes Feuer löschte, die Hunde voneinander trennte und den Graben wieder füllte.

Er lächelte, denn solche Wetterzauber waren kostspielig und konnten das Leben eines Konjunkten um ganze Tage verkürzen. Colivar hatte Ramirus unterstellt, dass er zu stolz wäre, um tatenlos zuzusehen, wie sein Werk zerstört wurde, und er hatte sich nicht getäuscht.

Im Herzen des Heckenlabyrinths erhob sich ein imposantes Herrenhaus im Stil der Nordlande, weitläufig und streng, mit schmalen Fenstern und efeubewachsenen Türmchen. Colivar glaubte ganz schwach eine Wolke magischer Irritation darüber zu spüren, die die Schwüle des Nachmittags noch drückender machte. Er nahm seine menschliche Gestalt wieder an, entfernte einen Schmutzfleck von seinem schwarzen Leinenhemd und setzte, als er die breite Treppe zum Eingang hinaufstieg, eine feierliche Miene auf. Es wäre ein Fehler gewesen, zu glauben, die Angriffe seien vorüber, nur weil er wohlbehalten sein Ziel erreicht hatte. Magisterspiele wurden auf lange Sicht geplant.

Die Türen öffneten sich, ohne dass eine menschliche Hand sie bewegt hätte. Ein Hauch von Energie hieß ihn willkommen und wies ihm den Weg. Colivar beschwor ein wenig Athra, um Ramirus’ Absichten zu erkunden, und ließ sich dann in die Tiefen des Hauses führen. Die düsteren Räume, in die nur hin und wieder ein staubiger Sonnenstrahl fiel, erinnerten ihn doch sehr an König Dantons bedrückenden Wohnturm. Du hast dem Haus Aurelius zu lange gedient, Ramirus. Er dachte laut, nur für den Fall, dass sein Gastgeber seine Gedanken zu lesen versuchte: Das hat deinen Geschmack verdorben.

Schließlich landete er in einer Art von Arbeitszimmer mit vielen Glasschränken, die Bücher, Schriftrollen und sogar ein paar Tontafeln enthielten. Colivar widerstand dem Drang, Letztere mit Zauberei zu untersuchen. Solche Tafeln konnten sehr alt und daher ungemein wertvoll sein, aber vielleicht waren sie auch gefälscht – eine weitere Prüfung, die ihn verleiten sollte, noch mehr Macht zu verschwenden, bevor die Verhandlungen begannen.

Ramirus erhob sich, als er eintrat; ob seine strenge Miene Respekt oder Abneigung ausdrücken sollte, war schwer zu erkennen. Wahrscheinlich beides, dachte Colivar. Der Magister hatte sich seit dem Tag seiner Verbannung durch König Danton kaum verändert – das lange weiße Haupt- und Barthaar war sorgfältig gepflegt, der Faltenwurf der tiefschwarzen Robe makellos, der Blick von bedrohlicher Ruhe. Wozu auch? Danton war tot, und ein großer Teil seiner Familie ebenfalls. In Ramirus’ Augen war das wahrscheinlich göttliche Gerechtigkeit. Selbst ein Großkönig sollte sich gründlich überlegen, ob er einen Magister beleidigte.

»Colivar. Welche Überraschung.« Leiser Spott klang aus Ramirus’ Worten. »Ich würde dir gern eine Erfrischung anbieten, aber ich habe leider nichts … Geeignetes im Haus.«

Der schwarzhaarige Magister lachte leise. »Hast du alles Gift in den Graben geschüttet?«

Ein kaltes Lächeln umspielte die Greisenlippen. Das Alter war für Ramirus eine Kunstform, jede Runzel, jede Falte seines Gesichts war wie mit der pedantischen Sorgfalt eines großen Malers aufgetragen. Colivar wusste, dass es sich dabei nicht nur um eine ästhetische Marotte handelte. Ramirus galt als hochbetagt, selbst für einen Magister, und für einen solchen Mann waren die körperlichen Spuren des Alterns wie ein Orden. Die Lider mochten ihm wie zerknittertes Pergament über die Augen hängen, doch sein Blick war nach wie vor von durchdringender Klarheit. »Ich würde einen Besucher niemals derart beleidigen.« Hinter den samtenen Worten lauerte die Schärfe eines Rasiermessers. »Immer vorausgesetzt, er kommt in Frieden.«

Colivar neigte ganz leicht den Kopf. »Du dienst dem Haus Aurelius nicht mehr, wir haben also keinen Grund, Feinde zu sein.«

»Richtig. Jedenfalls nicht mehr als alle anderen Magister. Aber das heißt nicht viel, nicht wahr?« Er kniff die Augen zusammen und studierte Colivar so eingehend wie einen seltsamen Vogel, der sich ins Zimmer verirrt hatte und von dem er nicht wusste, ob er nicht eine Bescherung auf dem Teppich hinterlassen würde.

»Bitte setz dich doch«, sagte er endlich.

Colivar suchte zu erraten, welches der Lieblingsstuhl seines Gastgebers war, und wählte, ungewöhnlich rücksichtsvoll, einen anderen. »Wie man hört, dienst du zurzeit keinem Patron.«

»Mag sein. Oder ich lege Wert auf Diskretion in meinen Privatangelegenheiten.« Wieder dieses knappe Lächeln. »Ich erwarte nicht, dass du diese Haltung verstehst.«

Colivar stellte fest, dass vor den Fenstern schwere Gardinen hingen, sodass kein Sonnenstrahl eindringen konnte. Eine einzige Bernsteinlampe bemühte sich vergeblich, den düsteren Raum wirksam zu erhellen. Entweder hatte sich Ramirus in Dantons Diensten zu sehr an dessen Geschmacksvorstellungen angepasst, oder er wollte das, was sich im Zimmer befand, vor Schaden durch das Sonnenlicht bewahren. Was darauf schließen ließ, dass die Schriftrollen und Tontafeln tatsächlich alt und wahrscheinlich auch sehr wertvoll waren. In diesem Fall hätte er eine beeindruckende Sammlung zusammengetragen.

»Also.« Ramirus setzte sich Colivar gegenüber in einen knarrenden Ledersessel. »Was führt dich zu mir? Abgesehen von dem Wunsch nach gepflegter Konversation natürlich.«

Er war glatt, dachte Colivar. Aalglatt. Man kam nicht hinter die Fassade und konnte nicht in sein Herz schauen, wenn er es nicht zuließ. Das machte das Spiel mit ihm so spannend.

»Ich wollte nur wissen, ob du an Salvators Krönung teilnehmen wirst.«

Am Unterkiefer des Magisters zuckte ein Muskel. »Ich habe mich noch nicht entschieden.«

»Wie man hört, soll es ein großes Spektakel werden.«

Ramirus zuckte die Achseln. »Ich bin der Aurelius-Spektakel überdrüssig.«

Das Achselzucken war zu beiläufig, der Tonfall zu gleichgültig. Du bist mit dieser Familie noch immer nicht fertig, dachte Colivar. Sehr interessant.

»Wenn das alles ist, was du erfahren wolltest«, fuhr Ramirus fort, »dann hättest du mir auch einen Brief schreiben können. Die Antwort wäre die gleiche gewesen, und die Zustellung hätte dich einiges weniger gekostet.«

»Vielleicht bin ich gern in deiner Gesellschaft.«

»Natürlich«, sagte Ramirus freundlich. »Vielleicht geht die Sonne ja morgen im Westen auf.«

Jetzt lächelte Colivar. »Wenn ich meinem Gastgeber damit eine Freude bereiten könnte, ließe sich das schon einrichten.«

»Gewiss. Ich würde dir durchaus zutrauen, dass du es versuchst. Obwohl wahrscheinlich auch deine ungeheuren Kräfte ihre Grenzen haben.« Ramirus wechselte mit einer knappen Handbewegung das Thema. »Du bist hierhergekommen, um mit mir zu sprechen, Colivar, also sag mir, was du auf dem Herzen hast. Auf leeres Geplänkel kann ich verzichten. Und ich warne dich, sollte ich feststellen, dass du mit deinem Anliegen nur meine Zeit vergeudest, könnte ich dir immer noch die Schäden an meinem Anwesen in Rechnung stellen.«

Colivar lehnte sich bequem zurück. Seine Haltung sollte entspannte Kollegialität vermitteln, aber sein forschender Blick machte diese Absicht zunichte, und Ramirus würde natürlich durchschauen, dass er ihn in Wirklichkeit belauerte wie ein Raubtier. »Du erinnerst dich doch an den Tag, an dem der Seelenfresser auftauchte? Vor Dantons Palast?«

Ramirus nickte; ein Mundwinkel ging leicht nach oben. »So etwas vergisst man nicht so leicht.«

Flügel wie aus Buntglas, durch die das Sonnenlicht fiel, ein messerscharfer Peitschenschwanz, der menschliches Fleisch so mühelos durchtrennte, als wäre es Luft, eine Schönheit, die sich schmerzvoll auf die Seele legte … Colivar schüttelte die Erinnerung nur mit Mühe ab. »Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, bist du … rein zufällig mit einem Heiligen Hüter an dem Schauplatz des Geschehens aufgetaucht. Ziemlich merkwürdig, wie ich fand. Deshalb hat es meine … Neugier geweckt.«

Eine weiße Augenbraue wölbte sich spöttisch nach oben. »Erwartest du darauf wirklich eine Antwort?«

»Eine Frage ist immer erlaubt.«

»Wissen hat seinen Preis, Colivar.«

»Ich habe nicht gesagt, dass ich es umsonst haben will.«

Ramirus legte nachdenklich die Fingerspitzen aneinander. Neben ihm schwebten Staubteilchen durch einen schmalen Lichtstreifen. Endlich sagte er: »Der Habicht. Der vor Dantons Palast mit dem Seelenfresser kämpfte. Was ist aus ihm geworden?«

Colivar zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht.«

Wieder zog Ramirus die Augenbraue hoch. »Das kann ich mir kaum vorstellen.«

»Denk, was du willst. Er stürzte während des Kampfes ab, und als ich nach ihm suchen wollte, war er verschwunden. Ich weiß über seinen Verbleib nicht mehr als du.«

»Und seine wahre Identität?«

»Allem Anschein nach eine Hexe. Ich kann dazu nur Vermutungen anstellen. Aber es scheint mir die wahrscheinlichste Antwort zu sein.«

Ramirus nickte. »Und hier die Antwort auf deine Frage. Fadir wollte Danton manipulieren, kam zu mir und bat mich, ihm dabei zu helfen. Ich begriff, dass die einzige Person, die das konnte – wenn überhaupt – seine Frau war, die Großkönigin Gwynofar. Und sie …« Seine Miene verdüsterte sich ein wenig. »Sagen wir, sie hatte gute Gründe, sich in dieser Zeit von ihrem Gemahl fernzuhalten. Deshalb wandte ich mich an den Menschen, dem sie am meisten vertraute, ihren Halbbruder Rhys, und beförderte ihn ins Reich des Großkönigs, um die beiden dort zusammenzubringen. Ich wählte für die Landung eine Stelle, die vom Palast möglichst weit entfernt war, weil ich hoffte, damit meine Anwesenheit vor Kostas geheim halten zu können. Als wir eintrafen, war der Kampf bereits im Gange. Du siehst also, Colivar, es war nicht so etwas wie ein … merkwürdiger Zufall, es handelte sich nur um zwei Straßen, die von einem Punkt ausgingen und wenig später von selbst aufeinander zuliefen. Der ›unglaubliche Zufall‹ ihres Zusammentreffens ist nur eine Folge ihres gemeinsamen Ausgangspunkts.«

Lange war es still. Colivar ließ sich das Gespräch noch einmal durch den Kopf gehen. Endlich sagte er: »Der Habicht war eine Frau. Ich bin mir nicht sicher, ob sie eine Hexe oder ein weiblicher Magister war – Letzteres ist natürlich äußerst unwahrscheinlich –, jedenfalls war sie ein Meister der Verwandlung, wie du selbst sehen konntest.« Er hoffte, Ramirus damit zufriedengestellt zu haben. Doch das war nicht der Fall. Die kühlen blauen Augen kannten keine Gnade. Colivar studierte sein Gegenüber eingehend und suchte abzuschätzen, wie viel er bieten müsste und wie viel das Wissen, das er im Gegenzug bekäme, wohl wert sei. Sein Gegner wartete geduldig, um seine Mundwinkel zuckte lediglich der leise Anflug eines Lächelns. Er genoss das Spiel, ob er nun siegte oder verlor.

Endlich sagte Colivar: »Ich denke, sie war für Prinz Andovans Krankheit verantwortlich. Und auch für den Tod dieses schwachsinnigen Magisters in Gansang – des Raben oder Flamingos oder wie immer er sich nannte.« Ramirus’ Züge blieben wie in Stein gemeißelt, aber in seinen Augen glaubte Colivar, Überraschung aufflackern zu sehen. »Und bevor ich meine Vermutungen überprüfen konnte, war sie verschwunden. Seither habe ich sie nicht mehr gesehen.«

»Alle anderen glauben, der Mörder des Raben sei tot.«

»Richtig.« Colivar nickte. »Ich war der Einzige, der die Wahrheit kannte. Bis heute.«

Ramirus dachte nach, dann nickte auch er langsam. Für Magisterverhältnisse war es ein ungemein großzügiges Angebot. Endlich presste er die Lippen fest zusammen und nickte. »Rhys wusste bereits von Dantons geistigem Verfall und von der schwierigen Lage der Königin. Als ich ihn um Hilfe bat, sagte er mir, er könne nichts tun. Es gebe keine Worte, um Gwynofar zu bewegen, sich auf die von mir gewünschte Weise an ihren Gatten zu wenden, außerdem liebe er sie zu sehr, um ihr solche Qualen zu bereiten.

Damals schienen mir das Ausflüchte zu sein, aber durch Zauberei erlangte ich tieferen Einblick. Rhys wusste offenbar, wie Danton sich an seiner Halbschwester vergangen hatte. Er fürchtete, wenn er noch einmal dort auftauchte, würde er vor Zorn außer sich geraten und dem Großkönig etwas Schreckliches antun … und dann hätte Gwynofar noch mehr zu leiden, als es damals ohnehin schon der Fall war.

Ich suchte noch nach Argumenten, um ihn umzustimmen, als er sich jäh im Sattel versteifte. Er verdrehte die Augen, und sein ganzer Körper zuckte wie in Krämpfen. Bevor ich noch genügend Macht beschwören konnte, um dem Anfall entgegenzuwirken, endete er so plötzlich, wie er begonnen hatte.

Rhys starrte mich an, als hätte er ein Gespenst gesehen. Seine Augen, eben noch klar und hell, waren blutunterlaufen und voller Entsetzen.

›Das Ungeheuer ist hier … ich habe es gesehen … mit ihren Augen …‹ Das Grauen schüttelte ihn. ›Es ist ein Seelenfresser.‹

Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ein solches Wesen wieder in der Welt erschienen war, und glaubte deshalb, er hätte nur eine erschreckende Vision gehabt. Aber das machte kaum einen Unterschied. Er war überzeugt, dass sich die Großkönigin in großer Gefahr befinde, und bat mich, ihn auf der Stelle zu ihr zu bringen. Was ich tat. Alles Weitere ist dir bekannt.«

Colivar zog scharf die Luft ein. »Hexerei?«

Ramirus schüttelte den Kopf. »Was ich an diesem Tag erlebte, war keine einfache Hexerei. Ich glaube auch nicht, dass Gwynofar ihrem Bruder bewusst eine Botschaft schicken wollte. Abgesehen davon hatte er auch keine solche erwartet, das war ganz klar.« Der alte Magister verschränkte bedächtig die Arme. »Angeblich versprachen die Götter des Nordens ehedem den Protektoren eine besondere Macht, die nur erwachen sollte, wenn die Seelenfresser jemals wiederkehrten. Ich denke, dass diese Kräfte damals am Werk waren, dass sich Gwynofar Aurelius in höchster Not einer alten Kunst bediente, von der wir nicht einmal den Namen kennen, und damit Rhys zu sich rief. Es gibt auf jeden Fall eine übernatürliche Verbindung zwischen den beiden. Vielleicht besteht das Band nur zu ihrem Halbbruder, vielleicht auch zu anderen Familienangehörigen oder gar zu ihrem ganzen Geschlecht. Das kann man derzeit nicht sagen. Rhys kann sich an seine Vision offenbar nicht mehr erinnern, und Gwynofar war sich nicht bewusst, sie ihm geschickt zu haben. Was die Götter einst auch immer für eine Macht im Blut der Protektoren verbargen, sie hatte sich wieder zurückgezogen, und ich konnte sie mit all meinen Zauberkünsten nicht mehr hervorlocken.«

Colivars Blick war hart geworden. »Wenn es so ist, wie du sagst, ist es ein schlimmes Zeichen.«

Ramirus nickte. »So ist es.«

»Wenn die Seelenfresser wiederkehren …«

»Die Götter des Nordens sind offenbar davon überzeugt, sofern man den alten Mythen glauben kann. Wenn nicht, dann ist eine neue Macht in die Welt gekommen. So oder so, uns stehen … interessante Zeiten bevor.«

Um Colivars Lippen zuckte ein Lächeln. »Das ist leicht untertrieben.«

Ramirus hob die Schultern. »Sind wir nicht nur Zuschauer? Die Jahrhunderte ziehen gemächlich vorbei. Jedes Geheimnis ist kostbar. Früher veränderte sich die Welt nur langsam, nun dreht sie sich schneller. Doch davor haben sich nur die Morati zu fürchten.«

»Mag sein«, gab Colivar ruhig zurück. »Aber vergiss nicht, was die Seelenfresser dieser Welt einst angetan haben. Einige Teile dieser Geschichte können auch einem Magister Angst einjagen.«

Ramirus beugte sich vor und flüsterte in seltsamer Erregung: »Und du erinnerst dich an jene Zeiten, Colivar? Nicht so wie andere Menschen aus den Liedern der Spielleute und aus verstaubten Folianten, sondern aus … persönlichem Erleben?«

Colivar zog hörbar die Luft ein. »Zur Zeit des Ersten Königtums gab es keine Magister. Das weißt du so gut wie ich, Ramirus. Die letzten Seelenfresser waren längst verschwunden, als die Ersten von uns auf der Welt erschienen.«

»Ganz recht. Aber man hört von verschiedenen Seiten, du wüsstest mehr als jeder lebende Mensch über diese Kreaturen. Mehr als ein lebender Mensch wissen dürfte. Wie kommt das?«

Colivar zuckte die Achseln. »Vielleicht bin ich einfach schon so alt, dass ich in einer Zeit gelebt habe, in der die Erinnerungen der Menschen noch frischer waren.«

»Und vielleicht bin ich noch so weit bei Verstand, um zu erkennen, dass das – wie war der charmante Ausdruck, den du einmal verwendet hast – Kamelmist ist.«

»Was also folgt daraus?« Colivars Augen waren schmal geworden. »Bin ich in Wirklichkeit kein Magister, sondern ein Überbleibsel aus der Zeit vor dem Großen Krieg? Willst du das damit sagen?« Er breitete mit großer Geste die Arme aus. »Dann stelle mich auf die Probe. Prüfe das magische Band, das mich mit meinem Konjunkten verbindet. Überzeuge dich selbst davon, was ich bin.«

Es war ein wahnwitziges Angebot, aber für einen Moment glaubte Colivar, Ramirus würde ihn tatsächlich beim Wort nehmen. Auf jeden Fall sprühte bei dem Vorschlag ein Funke in den Augen des weißhaarigen Magisters auf. Wenn Colivar wirklich bereit wäre, sich einer solchen Untersuchung zu stellen, dann könnte man die Gelegenheit doch nützen, ohne in die Konjunktenbindung hineingezogen und davon verschlungen zu werden. Der Gedanke war verführerisch.

 

Colivar überlief ein Schauer, und er machte sich auf einen Angriff gefasst. Ein offenes Kräftemessen zwischen zwei so alten und mächtigen Magistern war eine Seltenheit, und seltene Erlebnisse sollte man auskosten … selbst wenn sie mit Gefahren verbunden waren. Doch der Augenblick ging rasch vorüber.

 

»Ich weiß, was du bist, denn ich weiß, wie sich deine Zauberei anfühlt«, versicherte ihm Ramirus. »Oder dachtest du, ich hätte all die Hürden da draußen nur zu meiner Unterhaltung errichtet? Deine Macht ist so kalt wie ein Dämonenschwanz.«

Colivar lachte leise. »Jetzt schmeichelst du mir.«

»Wohl kaum.« Wieder lehnte sich Ramirus in seinem Sessel zurück. »Der Tag wird kommen, an dem wir zusammenarbeiten müssen. Wir alle, Colivar. Sonst könnte diese Welt den abscheulichen Kreaturen ein weiteres Mal in die Hände fallen.«

»Und das wäre ihr Untergang«, gab der andere zurück. »Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass wir Magister das Opfer bringen, das zu ihrer Rettung erforderlich wäre.«

»Vielleicht wäre diesmal gar kein Opfer vonnöten. Vielleicht bräuchten wir nur unsere Geschichte besser zu kennen, um einen besseren Weg zu finden.«

Colivar schmunzelte und erhob sich. »Noch hast du nichts in der Hand, womit du alle meine Geheimnisse kaufen könntest, Ramirus. Doch dein Interesse ehrt mich.« Er nickte dem anderen respektvoll zu. »Aber nun musst du mich entschuldigen, ich habe noch einige Vorbereitungen zu treffen, bevor sich Salvator die Krone aufsetzt. Es gibt viel zu tun.« Er lächelte. »Das verstehst du doch sicherlich.«

Auch Ramirus stand auf und ging sogar so weit, seinen Gast bis zur Eingangstür zu begleiten. Eine ungewohnt respektvolle Geste. Manchmal förderte der Austausch von Wissen seine bessere Seite zutage.

»Du solltest wirklich zu Salvators Krönung kommen«, bemerkte Colivar beim Gehen. »Es könnte das größte Treffen unserer Zunft seit der Nacht von Andovans Selbstmord werden.« Und diese Nacht hast du nicht vergessen, nicht wahr? Die Nacht, als Danton dich vor uns allen gedemütigt hat! »Schon werden unter den Magistern Wetten abgeschlossen, welcher Feind ihn niederstrecken wird, sobald die Krone sein Haupt berührt. Und wenn man bedenkt, dass diese Katastrophe mit so wenigen Worten zu verhindern wäre – der Name eines Magisters, der seine schützende Hand über ihn hält, würde genügen –, aber das lässt der Stolz der Aurelius nicht zu. Oder der Stolz der Büßermönche. Was für eine abartige Religion.« Er schüttelte den Kopf. »Alle Morati sind töricht. Ich setze übrigens auf Corialanus. Und darauf, dass Salvator die ersten vierundzwanzig Stunden nach dem Aufsetzen der Krone nicht überlebt.« Er neigte leicht den Kopf. »Betrachte diese Auskunft als Geschenk von mir.«

»Du bist zu gütig.« Ramirus verzog keine Miene – sein Blick war unergründlich –, aber sein Tonfall triefte vor Ironie. »Ich werde deinen Rat so beherzigen, wie er es verdient.« Er deutete mit der Hand auf die Tür, welche sich daraufhin langsam öffnete. »Und tu mir den Gefallen und schone nach Möglichkeit mein Eigentum, wenn du mein Anwesen verlässt. Ich würde dir nur ungern eine Rechnung schicken.«

Soso. Und was kostet heutzutage ein Ungeheuer mit drei Köpfen? »Ich werde mir Mühe geben«, versprach Colivar. »Vorausgesetzt natürlich, dass sich mir dein Eigentum nicht wieder in den Weg stellt.«

»Es wird dich sicherlich nicht hindern, dich zu entfernen«, versprach Ramirus, und in seinen Augen glomm ein kalter Funke der Belustigung auf. »Ich kann dir versichern, dass meine Zauberei dich niemals daran hindern wird, dich zu entfernen.«

Dennoch kehrte er erst in seine behagliche Bibliothek zurück, um im Schein der Lampen seine Forschungen fortzusetzen, als er seinen Besucher unter dem Geheul der Dämonenhunde über den verzauberten Wald fliegen sah.

Kapitel 5

Noch vor einem Monat wäre die Königin von Sankara mit dem Erfolg ihres Festes hoch zufrieden gewesen.

In ihrer prächtigen Vorhalle waren die Herrscher aller sechsundzwanzig Freien Lande mitsamt ihren Ehepartnern, Ratgebern und in einigen Fällen auch den Kurtisanen versammelt, die sie auf ihrer Reise begleitet hatten. Diener in wallenden Seidengewändern glitten lautlos und behände zwischen den Gästen hin und her und offerierten ihnen auf Silberplatten die kostspieligsten Leckereien der Region: frische Pfauenherzen, marinierte Lerchenzungen und mit feinen Blattgoldspänen bestreutes Dattelkonfekt. Im Hintergrund spielte leise Musik – eine sinnliche Melodie aus den Wüsten des Südens –, und ein zarter Hauch von Weihrauch, sorgfältig so gewählt, dass er die gerade besonders beliebten Düfte ergänzte, durchzog die Luft.

Hatte es zunächst noch Zweifel gegeben, ob Sankara der passende Ort für eine Zusammenkunft des Großen Rates sei, so waren diese längst entkräftet. Andere Fürsten konnten den Führern der Freien Lande zwar Konferenzräume für die Erörterung politischer Fragen bieten, aber wer wäre sonst imstande gewesen, im Anschluss an die Gespräche ein Fest wie dieses auszurichten?

»Was für eine hinreißende Gesellschaft«, schwärmte der Herzog von Surilla. Er hatte unter den Dienern einen jungen Mann gefunden, der ihm gefiel, und stopfte sich schon seit einer Stunde mit allen Köstlichkeiten voll, die der Junge servierte, um ihn an seiner Seite zu halten. Andere Gastgeber hätten dem Herzog einfach versprochen, ihm den Jungen später in sein Schlafgemach zu schicken, und wären auf diese Lösung auch noch stolz gewesen. Dummköpfe! Genuss war mehr als nur gestillter Hunger, Genuss war ein Festmahl mit vielen Gängen, und die Verführung war lediglich die Vorspeise. Deshalb musste sich der arme Herzog durch die Frage stammeln, ob der Junge am späteren Abend, äh, frei wäre, um seine Wünsche zu erfüllen. Deshalb musste ihm Siderea erklären, ihre Diener hätten die Freiheit, zu tun, was ihnen beliebte, und deshalb würde sich der Junge zu später Stunde nur dann mit ihm treffen, wenn es ihm beliebte. Und deshalb musste sich der Herzog jedes Mal, wenn sein Blut aufs Neue in Wallung geriet, mit Fragen und Bedenken herumschlagen, er musste so lange von diesem einen Tablett essen, bis sein Magen nichts mehr zu fassen vermochte, er musste dem Jungen schmeicheln, ihn umwerben und sich den erwünschten Abschluss des Abends womöglich noch mit einem kostbaren Geschenk erkaufen. Und das war gut so. Sidereas Diener hatten viel Erfahrung mit solchen Spielen und genossen es sehr, ihre Gäste zu manipulieren. Warum auch nicht? Der Junge durfte alle Geschenke behalten, die dabei abfielen, und der Herzog konnte sich der Illusion hingeben, eine Eroberung gemacht zu haben. Viel befriedigender, als wenn sie ihm einfach die Wahrheit gesagt hätte – dass sich nämlich ihre Diener selbstverständlich seiner geschlechtlichen Bedürfnisse annehmen würden. Was wäre sie denn sonst für eine Gastgeberin gewesen?

Ja, nach allen gängigen Regeln war es eine überaus erfolgreiche Veranstaltung.

Doch während ihre Gäste lachten und schäkerten und sie selbst mit einem Becher Wein in der Hand und einem Lächeln auf den Lippen die Runde machte, das jeden Anwesenden davon überzeugte, die einzige Person zu sein, die der Königin von Sankara wirklich am Herzen lag, blieb ihr Herz kalt. Die Freude auf ihrem Gesicht war nur eine Maske, und selbst der Stolz über das gelungene Fest war nur ein matter Abglanz eines aufrichtigen Gefühls. Alles erschien ihr leer und eitel. Ihr größter Wunsch war unerfüllbar, und daran konnte kein Mensch hier etwas ändern. Das nahm jeder anderen Zerstreuung ihren Reiz.

Konnten ihre Gäste die Schwäche in ihrem Herzen sehen? Spürten sie das Verhängnis, das wie ein Leichentuch über ihr hing? Oder gelang es ihr, beides geschickt zu verbergen?

Denk nicht darüber nach, befahl sie sich. Kümmere dich um die anstehenden Fragen.

Die Ratsversammlung war halbwegs friedlich, aber letztlich ohne Ergebnis zu Ende gegangen. Nun, sie hatte nichts anderes erwartet. Sie war keine von jenen Monarchen der Freien Lande, die den Kopf in den Wolken hatten und Träumen von politischer Einigkeit und gemeinsamen Strategien nachhingen. Sie war realistisch. Die Freien Lande hatten sich zusammengetan, um die Bedrohung durch das Großkönigtum abzuwehren und Danton Aurelius daran zu hindern, einen der wertvollen Handelshäfen der Innensee nach dem anderen an sich zu bringen. Einzeln wären ihm die sechsundzwanzig winzigen Nationen vielleicht zum Opfer gefallen, aber gemeinsam waren sie stark genug gewesen, seine militärischen Übergriffe zurückzuschlagen. Niemand hatte gewagt, aus dem Bündnis auszubrechen, denn das wäre für den Eroberer geradezu eine Einladung gewesen.

Doch jetzt war Danton Aurelius tot. Die Bedrohung bestand also nicht mehr. Und ohne den gemeinsamen Feind neigten die so genannten Freien Lande dazu, wieder so zu werden wie früher: ein Haufen zänkischer, disziplinloser Kleinstaaten, denen es wichtiger war, sich untereinander zu bekriegen, als einer gemeinsamen Sache zu dienen. Oh, es gab durchaus die eine oder andere Ausnahme. Zwischen den Herrscherhäusern wurden Ehen geschlossen, um Blutsbande zu knüpfen, die manchmal auch eine Weile hielten. Hin und wieder verging eine ganze Generation, ohne dass es zwischen zwei Staaten zum offenen Krieg kam, der Schattenkrieg von Korruption und Meuchelmord tobte allerdings mit unverminderter Härte weiter. Und Sankara selbst war so wohlhabend – und so stark –, dass es mit seinen Nachbarn nie um Land oder Gold hatte kämpfen müssen. Doch alles in allem waren die Herren der Freien Lande unheilbar streitsüchtig. Wem welcher Stein an der gemeinsamen Küstenlinie gehörte, war ihnen viel wichtiger als alle Träume von allgemeinem Wohlstand.

Danton war der Andere gewesen. Aus Angst vor ihm hatten sie sich verbündet. Wer würde diese Rolle in Zukunft übernehmen? Salvator Aurelius wollte Frieden, jedenfalls hatte sie das gehört. Ein Büßermönch, der den Krieg hasste, sollte den Thron eines Kriegstreibers erben! Das konnte niemandem nützen.

»Mein Kompliment, edle Königin. Ich bin von diesem Abend sehr angetan.«

Siderea war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie nicht bemerkt hatte, wie jemand sich ihr von hinten näherte. Nun tarnte sie ihre Überraschung mit einem erfreuten Lachen. Wer immer sie angesprochen hatte, er würde aus diesem Lachen genau das heraushören, was er hören wollte. »Ihr seid zu gütig«, säuselte sie und drehte sich um.

Er war ihr fremd, ein Mann von unbestimmbarem Alter, schlank, mit harten Muskeln und schwarzem Haar, das im Pagenschnitt die hageren, eckigen Züge umrahmte. Sein Kinn war ohne jeglichen Schatten, ein Zeichen dafür, dass seine letzte Rasur erst wenige Stunden zurücklag. Das war … auffallend an einem Tag, an dem Herren wie Diener seit dem Morgengrauen ohne Atempause geschäftig umhergeeilt waren. Die lange Robe war aus teurem Stoff, aber von schlichtem Schnitt und gestattete keine Rückschlüsse auf seine Herkunft. Rote Seide: rot wie Granatäpfel, rot wie Blut. Seine Aussprache klang fremdartig, aber sie wusste mit dem Akzent nichts anzufangen. Auch das war ungewöhnlich; die große Hafenstadt Sankara wurde von Händlern und Reisenden aus allen großen Städten der Welt besucht, und Siderea hatte ihre Sprechweisen und Mundarten oft genug gehört. Diese Klänge waren ihr aufreizend vertraut, aber es gelang ihr nicht, sie unterzubringen.

Die Hexenkönigin legte Wert darauf, sich die Gesichter und die Namen aller Gäste auf ihren Festen einzuprägen, das galt sogar für die Diener, die mit den Herrschaften reisten. In ihrem Haus sollte sich niemand aufhalten, den sie nicht zuordnen konnte. Dass ihr das bei diesem Mann nicht gelang, war … bestürzend.

Um seinen Mund spielte ein leises Lächeln, das so etwas wie spöttische Genugtuung ausdrückte. Als hätte er ihre Verwirrung gespürt und ergötze sich daran. »Euer Ruf wird Euch nicht gerecht.«

»Ihr seid keiner von meinen Gästen«, gab sie kalt zurück.

»Keiner von Euren geladenen Gästen«, er nickte, »aber ich dachte, Ihr würdet mich trotzdem willkommen heißen.«

Er fasste nach ihrer Hand – der Linken – und führte sie an seine Lippen. Etwas an der Geste jagte ihr einen kalten Schauer über den Rücken. Sie wollte die Hand schon zurückziehen, dachte sogar daran, die Wachen zu rufen, um ihn hinausbefördern zu lassen, doch da legte er die andere Hand über die ihre und sagte leise: »Wenn Ihr gestattet, möchte ich Euch zur Wahl Eures Schmucks beglückwünschen.«

Was erdreistete er sich? Sie setzte schon zu einer scharfen Zurechtweisung an … doch dann sah sie, was er selbst am Finger trug, und die Worte erstarben ihr auf den Lippen. Alles verschwamm ihr vor den Augen; der einzige feste Punkt war der tiefblaue Stein im Cabochonschliff an ihrer Linken, den ihr der Zauberer gegeben hatte … und der dazu passende Ring des Fremden daneben. Tiefblau, fast violett, in den Tiefen in anderen Farben schillernd.

»Vielleicht lässt sich ein Raum finden, wo wir uns unter vier Augen unterhalten können?«, schlug er vor.

Sie blinzelte, die Welt wurde wieder scharf. Dann sah sie sich nach ihren Gästen um. Offenbar waren gerade alle aufs Angenehmste beschäftigt. Falls sie Wünsche hätten, konnten ihre Diener sich darum kümmern. Wenn sie niemandem sagte, dass sie fortging, würde ihre Abwesenheit vermutlich gar nicht auffallen. Sie überlegte kurz, ob sie, nur für alle Fälle, einen Gardisten mitnehmen sollte, doch mit einem Mal war sie von einer kalten, verbissenen Entschlossenheit erfüllt. Wenn dieser Mann und sein Vorgänger tatsächlich waren, wofür sie sich ausgaben, dann brauchte nicht einmal der vertrauteste Diener zu hören, was sie mit ihnen zu besprechen hatte. Und wenn nicht, wenn es eine Falle war … was hätte sie noch zu verlieren? Ein paar Lebensjahre? Vielleicht nur ein paar Monate? Die Zeit, um auf Sicherheit zu spielen, war lange vorbei.

»Folgt mir«, sagte sie, und plötzlich klopfte ihr Herz so stark, dass sie die Musik nicht mehr hörte.

Sie führte ihn durch den Palast, vorbei an Aufenthaltsräumen, die in Samt und Gold gehalten waren und durch deren Butzenfensterscheiben man auf den mondhellen Hafen sehen konnte. Eine Zofe eilte hastig um eine Ecke und wäre fast mit ihnen zusammengeprallt; sie verneigte sich ehrerbietig bis zum Boden und wimmerte Entschuldigungen, bis die beiden außer Sicht waren. Siderea nahm sie kaum wahr. Sie dachte an die Nacht, in der jener Zauberer sie auf ihrem Balkon aufgesucht und ihr, ohne dass sie sein Gesicht hätte sehen können, versprochen hatte, er könne ihr helfen, trotz ihres erlöschenden Seelenfeuers weiterzuleben. Doch zu welchen Bedingungen? Dazu hatte er sich nicht geäußert. Aber sie zweifelte nicht daran, dass sie einen Preis bezahlen müsste, und der würde erheblich sein.

Endlich erreichten sie einen abgelegenen kleinen Arbeitsraum und traten ein. Siderea schloss die schweren Türen, richtete sich auf und wandte sich ihrem Begleiter zu. In der Vorhalle hatte er sie überrumpelt, aber das sollte ihm nicht noch einmal gelingen. Man konnte das Protokoll unter den gegebenen Umständen etwas großzügiger auslegen, aber alles hatte seine Grenzen. Sie war immer noch die Königin hier.

Auch der erste Besucher hatte solche Spielchen mit ihr getrieben, erinnerte sie sich. Obwohl sie damals sein Gesicht nicht deutlich hatte sehen können und er nur geflüstert hatte, erkannte sie jetzt, dass sein Akzent fast der gleiche gewesen war wie bei diesem Mann. Waren sie etwa ein und dieselbe Person? Sie beschloss, einfach ihr Glück zu versuchen.

»Nun betretet Ihr mein Haus schon zum zweiten Mal, ohne Euch anständig vorzustellen«, hielt sie ihm vor. Die aufblitzende Überraschung in seinen Augen bestätigte ihren Verdacht. »Ich meine, es wäre höchste Zeit, das nachzuholen.«

Sein knappes Nicken würdigte ihren Scharfblick, warnte sie aber auch, dass das Spiel noch lange nicht vorüber war. »Ihr könnt mich Amalik nennen.«

»Ich nehme nicht an, dass das Euer richtiger Name ist.«

Die schmalen Lippen verzogen sich. »Es ist der Name, den ich in dieser Gegend verwende. Der einzige, unter dem andere in Eurer Gegenwart von mir sprechen werden.«

»Nun gut.« Sie gestattete sich ein schwaches Lächeln. »Mein Name dürfte Euch ja bekannt sein.«

»Gewiss, edle Königin. Ich kenne Euren Namen, Euren Titel, Eure Geschichte – Letztere natürlich nur, soweit irgendjemand das von sich behaupten kann – und Eure … Lage.«

Ob er wohl hören konnte, wie laut ihr Herz schlug? Sie musste sich eisern beherrschen, um keine Miene zu verziehen. Vielleicht hat dir dieser Fremde gar nichts zu bieten, was irgendwie von Wert wäre, ermahnte sie sich. Vielleicht will er nichts anderes, als eine Königin mit leeren Versprechungen nach seiner Pfeife tanzen zu lassen. Gib nichts preis, solange er dir nicht beweisen kann, dass mehr in ihm steckt. »Um so viel zu wissen, müsst Ihr schon sehr gute Beziehungen zu den Magistern haben.«

»Nicht jeder fragt die Magister um Erlaubnis, wenn er pissen gehen will, Majestät.«

Sie hätte an der vulgären Bemerkung Anstoß genommen, wenn sie nicht so genau zu ihrer derzeitigen Stimmung gepasst hätte. »Dann habt Ihr Hexen und Hexer in Euren Diensten?«

»Nein, edle Königin. Keine Hexen.«

»Wer sonst kann Geheimnisse zutage fördern, die niemals laut ausgesprochen wurden? Und gar noch eine Lösung dafür anbieten?« Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Könnte es sein, dass Ihr mich doch nicht ganz so gründlich durchschaut, wie Ihr behauptet?«

Seine schwarzen Augen wurden schmal. »Auf dieser Welt besitzen nicht nur Magister und Hexen übernatürliche Kräfte«, bemerkte er. »Andere Mächte halten sich im Schatten und zeigen sich gewöhnlichen Männern – und Frauen – nur selten.«

»Und Ihr behauptet, zu einer solchen Macht Zugang zu haben?«

»So ist es.«

»Und Ihr bietet mir an, Euch bei ihr für mich zu verwenden?«

»Nein, edle Königin.« Wieder spielte ein Lächeln um seine Mundwinkel. Doch es war kalt wie bei einem Reptil, ohne jede Herzlichkeit. »Wir – ich und meine Verbündeten – bieten Euch an, sie zu beherrschen. Ganz allein.«

Sie wandte sich kurz ab, um ihre Züge in den Griff zu bekommen. Auf einem Tisch an der Wand lagen einige Lederfolianten; sie schlug einen der Bände auf, starrte auf die illustrierten Seiten, ohne sie wahrzunehmen, und versuchte, dieses schier unglaubliche Angebot zu verarbeiten. Dass ausgerechnet in diesem Moment eine Welle körperlicher Schwäche über sie hereinbrach, machte die Sache nicht leichter. Sie musste ihre gesamte Willenskraft aufbieten, um auf den Beinen zu bleiben und nicht zu schwanken. Die Schwäche verging so schnell, wie sie gekommen war, aber sie hatte die Warnung verstanden: Die Frist, die ihr noch blieb, war knapp bemessen.

»Ihr seid offenbar sehr sicher, dass diese … Macht … auch mir von Nutzen sein kann.«

Sie hörte seine Schritte hinter sich. Er kam näher, zu nahe. Sie spürte ihn wie einen kalten Luftzug im Rücken und bekam eine Gänsehaut. »Mit ihrer Hilfe könnt Ihr Euer Leben über die Spanne hinaus verlängern, die gewöhnlichen Morati zugemessen ist«, sagte er ruhig. »Sie wird Euch die Lebenskraft ersetzen, die Eure Hexenkünste Euch entzogen haben. Ihr könnt so leben wie die Magister, ohne die Fesseln der Sterblichkeit. Ist es nicht genau das, wonach Ihr strebt?«

Um Zeit zu gewinnen und ihre Gedanken zu ordnen, starrte sie weiter auf die kunstvoll gestaltete Seite und fuhr versonnen mit den Fingern über die glatte Oberfläche des Blattgolds. Sie wünschte sich so sehr, noch die Kraft für eine letzte Hexerei zu haben! Mit einem einzigen Funken Seelenfeuer könnte sie die wahren Absichten dieses Mannes ergründen und Wahrheit und Lüge trennen. Aber sie wagte es nicht. Schon jetzt war ihre Lebenszeit nahezu aufgebraucht; sie konnte keine einzige Stunde mehr entbehren – nicht einmal dafür!

Und das weiß er, schoss es ihr durch den Sinn. Wenn er meine Lage tatsächlich so genau kennt, dann weiß er auch, dass ich nur noch meine menschlichen Sinne einsetzen kann, um ihn zu prüfen. Er kann mich hemmungslos belügen.

Aber wenn er nun doch nicht log? Wenn es wirklich eine andere Macht in der Welt gab, die weder Zauberei noch Hexerei war und ihr helfen konnte? Eine berauschende Vorstellung – wenn auch unwahrscheinlich. Andererseits hatte sie keine andere Wahl mehr, sie musste jede Möglichkeit, die man ihr bot, zumindest prüfen.

Sie drehte sich wieder um und sah ihn an. Wahrscheinlich war er ihr nur so nahe auf den Leib gerückt, um sie zu verunsichern, deshalb wich sie nicht zurück, sondern richtete sich so hoheitsvoll auf, dass er unwillkürlich einen Schritt nach hinten machte. Sie durfte keine Schwäche zeigen, musste ihm als mächtige Königin begegnen, nicht als verzweifelte Bettlerin. »Solche Gaben gibt es nicht als Geschenk«, sagte sie streng. »Nennt mir den Preis dafür.«

Wieder wurden seine Augen schmal. »Ich spreche nicht im Namen von Krämern, die um eine Handvoll Münzen feilschen. Ich bin im Auftrag von mächtigen Männern hier, die ein Bündnis mit einer ebenso mächtigen Frau anstreben.«

»Männer?« Die Schärfe in ihrer Stimme war unüberhörbar. »Es sind nur Männer?«

Er nickte. »Jawohl.«

»Erinnert das nicht sehr an die Magister?«

»Abgesehen davon, dass wir Euch anbieten, Euch in unsere Reihen aufzunehmen, während sie – ich darf doch ganz offen sprechen, edle Königin? – Euch einfach dem Tod überlassen haben.«

Die Worte waren wie eine schallende Ohrfeige. Ja, die Magister hatten sie dem Tod überlassen. Sie hatten sie benützt, zu ihrem Vergnügen und als Mittel, um ihre erbärmliche Bruderschaft aus heimtückischen Verrätern zusammenzuhalten, und sie weggeworfen wie ein Stück Dreck, als sie genug von ihr hatten. Wie die Schale einer Frucht, der man den Saft ausgesogen hatte. Den Rest mochten die Fliegen fressen, wen kümmerte es?

Sie fragte sich, ob die Magister überhaupt ahnten, wie sehr sie sie hasste. Wohl eher nicht. Diese charakterlosen Schweine waren doch ohne Ausnahme blind für alles außer ihren eigenen Begehrlichkeiten, ihren Marotten und ihren kleinlichen Rivalitäten.

Die Vorstellung, über eine Macht verfügen zu können, von der sie nichts ahnten, war verführerisch. Die Vorstellung, lange genug zu leben, um den Spieß umzudrehen und sich dafür zu rächen, dass sie sich so eiskalt von ihr abgewandt hatten, war geradezu unwiderstehlich.

Aber Worte waren wohlfeil. Jeder Narr konnte damit hausieren gehen. Und in den vielen Jahren ihrer Herrschaft hatte sie immerhin eines gelernt: Eine mächtige Frau zog die Narren an wie der Honig die Fliegen.

»Womit könnt Ihr mir beweisen, dass Ihr die Wahrheit sagt?«, fragte sie. »Oder glaubt Ihr wirklich, ich würde mich auf jeden Fremden einlassen, nur weil er mir mit ein paar schönen Worten schmeichelt? Jeder gute Schauspieler könnte eine solche Vorstellung abliefern. Woher weiß ich denn, dass Ihr überhaupt Verbündete habt?«

Die kalten Schlangenaugen funkelten belustigt. Konnte er etwa ihre Gedanken lesen? Ein Hexer wäre dazu durchaus imstande, erkannte sie plötzlich, und ein Magister erst recht.

»Wenn der Tag kommt, um nach dieser Macht zu greifen, Majestät, wird man Euch alles offenbaren. Dann könnt Ihr in voller Kenntnis sämtlicher Alternativen entscheiden, ob Ihr weitermachen wollt. Ist das in Eurem Sinn?«

Wenn der Tag kommt? Ihr blieb fast das Herz stehen. »Ihr behauptet zu wissen, wie es um mich steht, und erwähnt so nebenbei, ich müsse noch warten?« Sie schaute zur Tür. »Mir scheint, ich habe meine Zeit doch verschwendet.«

Der Mann sah sie scharf an. In diesem Moment wirkten seine Augen erschreckend fremd und unergründlich! Ganz anders als Menschenaugen. »Es gibt einige Vorbereitungen zu treffen, bevor Ihr zu uns stoßen könnt. Noch sind gewisse natürliche Vorgänge nicht abgeschlossen. Wir haben unser Möglichstes getan, um sie zu beschleunigen, aber …«

»Wie lange?«, wollte sie wissen.

»Mindestens ein kurzer Monat. Höchstens ein langer, nicht mehr.«

Sie ließ mit leisem Zischen den Atem ausströmen. »Warum kommt Ihr dann schon heute? Warum erzählt Ihr mir all das schon heute Abend, wenn …« wenn ich in einem Monat womöglich nicht mehr am Leben bin »… wenn Ihr Euer Versprechen nicht einlösen, ja nicht einmal beweisen könnt, dass eine solche Macht existiert?«

»Ich bin heute gekommen, um in Erfahrung zu bringen, ob Ihr an unserem Angebot überhaupt Interesse habt. Ansonsten müssten wir uns anderswo umsehen.«

»Ihr würdet nach einer anderen Frau suchen?«

»Ja.«

»Einer Frau mit übernatürlichen Kräften?«

»Nach einer Königin im Geiste, wenn auch ohne Titel. Keine andere käme infrage.«

»Und ich war Eure erste Wahl?«, fragte sie. »Oder seid Ihr vor mir schon an andere Königinnen herangetreten und habt Euch eine Abfuhr geholt?«

An seinem Unterkiefer zuckte ein Muskel. »Keine anderen Königinnen«, sagte er knapp. Seine Miene war gleichgültig, aber sie spürte, wie sich dahinter die Feindseligkeit staute. Er war nicht gewöhnt, mit einer Frau zu feilschen oder seine Gefühle zu verbergen; die Anspannung war ihm anzumerken. »Aber notfalls haben wir andere Frauen, die Eure Stelle einnehmen können.«

Um was zu tun? Um nach einer Macht zu greifen, die sich nur von einer Frau beherrschen lässt. Eine aberwitzige Vorstellung. Ihr Verstand schrie sie an, sich zu besinnen und den Schurken kurzerhand hinauszuwerfen. Vielleicht sollte man zudem unterwegs einen unverdächtigen Unfall arrangieren, um diesen Mann, der viel zu viel über ihr Privatleben wusste, für immer zum Schweigen zu bringen. Für eine derart verrückte Geschichte hätte er nichts Besseres verdient.

Aber wenn an all dem nun doch etwas dran wäre?, dachte sie. Wenn auch nur ein Wort von zwanzig wahr wäre, ließe das auf Geheimnisse schließen, die man lüften sollte. Ein lohnendes Risiko. Oder etwa nicht?

Sie musste die Wahrheit wissen.

Mit einem tiefen Atemzug wappnete sie sich für ihren womöglich letzten magischen Akt auf Erden. Mögen die Götter dir gnädig sein, wenn du mich belügst, Amalik. Falls du mir etwas vorgaukelst und ich deshalb die letzten Stunden meines Lebens vergeude, reiße ich dir alle Gliedmaßen einzeln aus.

Bündeln. Die Kräfte bündeln.

Sie tauchte hinab in die Tiefen, wo die letzten Reste ihres Athra flackerten, um ihrer sterbenden Seele einen kostbaren Funken Macht zu entringen. Die trennte sich nicht leicht davon; es wäre einfacher gewesen, sich mit der Hand zwischen die Rippen zu greifen und das Herz aus der Brust zu reißen, als jetzt dieses kleine Quäntchen Macht zu beschwören.

Aber Siderea war nicht mit Willensschwäche auf den Thron gelangt, und sie hatte sich durch Angst noch nie abhalten lassen, das Nötige zu tun. Sie zitterte am ganzen Körper, als sie sich auf die sterbende Flamme konzentrierte, und im Angesicht des nahenden Todes kroch ihr die Kälte ins Fleisch, aber sie verlor ihr Ziel nicht aus dem Blick. Und endlich hatte sie ihn abgetrennt, den einen kostbaren Tropfen Seelenkraft, und konnte ihn in die gewünschte Form bringen.

Mit größter Sorgfalt entwickelte sie einen Wahrheitserkennungszauber. Er musste vollkommen sein, ohne jeden Makel, denn einen zweiten Versuch würde es dieses Mal nicht geben.

Wie viel Lebenszeit hatte diese Anstrengung sie bereits gekostet? Sah der Tod ihr zu und lachte über ihre Verzweiflung?, dachte sie.

»Ihr habt mir viel von dieser Macht erzählt«, flüsterte sie rau, »Ihr habt mir Versprechungen gemacht und Gründe dafür angegeben … schwört Ihr vor den Göttern, dass Ihr in alledem die Wahrheit gesprochen habt?«

»Ja, edle Königin.« In seiner Stimme klang eine neue Schärfe mit. »Ich schwöre es bei den Göttern.«

Sie gab die Macht frei, damit sie wirken konnte, schloss die Augen und spürte, wie der Zauber den Raum erfüllte: wie er den Fremden prüfte, von seinem Wesen kostete. Hunger. Begehren. Ungeduld. Mächtige Gefühle wogten in seinem Inneren, wild und ungebärdig, seltsam unmenschlich in ihrer Färbung. Hass. Herrschsucht. Abgrundtiefe Verzweiflung. Äußerlich mochte er zivilisiert erscheinen, doch auf dem Grund seiner Seele sah sie genau das Gegenteil. Sich mit ihm einzulassen wäre unsagbar gefährlich. Aber was war mit dem Preis, den er ihr verheißen hatte? Gab es ihn überhaupt? Und könnte sie ihn wirklich erringen?

Sie prüfte die Aufrichtigkeit hinter seinen Worten, und ein Schauer lief ihr über den Rücken.

Er lügt nicht.

Langsam schlug sie die Augen auf. Sie brauchte nichts zu sagen; er las in ihren Zügen, was sie herausgefunden hatte.

Du hast erwartet, dass ich dich prüfe, nicht wahr? Das war von Anfang an Teil deines Plans. Der Grund, warum du in Rätseln zu mir sprechen konntest. Du wusstest, dass ich fähig wäre, deine Spielchen zu durchschauen, wenn ich mich bereitfände, dieses Opfer zu bringen.

Und du wolltest sehen, ob ich dazu bereit wäre, erkannte sie plötzlich. Du hast mich auf die Probe gestellt, nicht wahr? Meine Kraft. Meine Hingabe. Und vielleicht meine Verzweiflung.

Jetzt war nur noch eine Entscheidung möglich. Nur ein Weg führte ins Leben.

»Was verlangt Ihr?«, fragte sie leise.

Amalik lächelte kalt. Wie ruhig er sich gab! Als feilschten sie über irgendein Schmuckstück ohne echten Wert. Aber sie hatte in sein Inneres geschaut und kannte die Wahrheit: Wofür diese Männer sie auch haben wollten, ihre Gier war ebenso übermächtig wie ihr eigener Hunger nach Leben. »Ein Unterpfand. Eine Prüfung. Um unseren Handel zu besiegeln.«

»Nämlich?«

»Soviel ich weiß, wollt Ihr doch an den Krönungsfeierlichkeiten des neuen Großkönigs teilnehmen. Macht Euch im Palast bemerkbar. Erwerbt Euch des Königs Gunst. Das sollte jemandem wie Euch nicht weiter schwerfallen. Es könnte sein, dass wir für unsere Pläne Einfluss auf seinen Hof benötigen. Den könntet Ihr uns verschaffen.«

Aber das ist nur ein untergeordnetes Ziel, dachte sie. Was dich antreibt, ist viel schlichter, dir geht es nicht um die Zivilisation oder um höfische Politik, sondern um etwas viel Primitiveres. »Und in welche Richtung wollt Ihr ihn beeinflussen?«

»Fürs Erste?« Er lachte leise. »Er soll seinem Glauben treu bleiben. Er soll sich so blind auf Sankaras Freundschaft verlassen, dass er nicht allzu genau in diese Richtung schaut. Und er soll den vielen Magistern misstrauen, die um seine Gunst wetteifern werden. Ich nehme an, dass Euch vor allem Letzteres nicht schwerfallen wird?«

Nun lächelte auch sie. »Nein. Ganz bestimmt nicht.«

»Später wird man Euch sicherlich handfestere Aufgaben übertragen. Zunächst genügt es, wenn Ihr einfach die Grundlagen dafür schafft, dass er Eurem Rat vertraut und dass Eure Worte auch in Zukunft Gewicht für ihn haben.« Er zog eine schwarze Augenbraue hoch. »Sind wir also handelseins, edle Königin?«

Tief in ihrem Inneren mahnte ein leises Stimmchen zur Vorsicht. Gab zu bedenken, dass Sankaras Wohl durch einen solchen Plan nicht unbedingt gefördert würde. Die Freien Lande brauchten einen Krieg oder zumindest die Aussicht auf einen Krieg, um einig zu bleiben. Ein friedfertiger, glücklicher Großkönig wäre für sie nicht unbedingt von Vorteil.

Aber wenn auch nur entfernt die Möglichkeit bestand, dass dieser Mann sein Versprechen hielt, wie könnte sie ihn dann abweisen?

Er verlangt nicht mehr, als was ich ohnehin tun würde. Die Schwächen dieses neuen Königs ergründen, auf ihm spielen wie auf einem Instrument, ihn um den Finger wickeln. Wenn nicht, um politischen Einfluss zu erlangen, dann schon allein zum Spaß. Wie oft schicken einem die Götter einen Mönch als Spielzeug? Und wenn dieser Fremde und seine Verbündeten wiederkommen und mehr verlangen – nun, bis dahin werde ich genauer wissen, was für ein Spiel sie spielen. Wer weiß? Vielleicht können wir dann neu verhandeln.

»Ja«, sagte sie leise. »Abgemacht.«

Das Stimmchen in ihrer Seele sagte nichts mehr.

Kapitel 6

Salvator stand vor dem Spiegel, nicht vor einem der magischen Werkzeuge seines Vaters, sondern vor einer schlichten Metallplatte in einem hohen Holzrahmen. Der Spiegel gab kein vollkommen wirklichkeitsgetreues Bild wieder, sondern ließ seine Gestalt noch hagerer wirken und verzerrte seine kantigen Züge ein wenig. Ihn störte das, ganz im Gegensatz zu seiner Mutter, natürlich nicht.

Was ihn jedoch störte, war die Stola, die er um den Hals trug. Der lange bestickte Tuchstreifen hing ihm zu beiden Seiten vor seiner Kutte über die Brust. Das Trägermaterial war in so vielen Schichten bestickt und mit so vielen Edelsteinen besetzt, dass der Stoff darunter nicht mehr zu erkennen war. Natürlich war es nicht das, woran er Anstoß nahm. Jedenfalls nicht am meisten.

Mit einem Seufzer nahm er die Stola ab und reichte sie Gwynofar. »Tut mir leid, Mutter. Es geht nicht.«

»Sie gehört zu den Krönungsregalien«, gab sie leise zu bedenken.

»Das ist mir klar.«

»Sie steht für die Geschichte deiner Familie«, erklärte Gwynofar mit Nachdruck. »Dein Erbe.«

»Noch einmal, es tut mir leid. Aber ich kann sie nicht tragen.«

Sie stieß enttäuscht den Atem aus. »Alle Aurelius-Könige haben die Stola bei ihrer Krönung getragen, seit der erste sich einst die Krone aufsetzte. Jeder hat seine eigenen Symbole hinzugefügt. Zum Zeichen dessen, was er geleistet hatte. Hier …« Sie wies auf einen besonders dicht bestickten Abschnitt an einem Ende. »… sind alle Triumphe deines Vaters verewigt. Die Siege, die das Großkönigtum erst entstehen ließen. Ohne sie hättest du kein Reich, über das du herrschen könntest.«

»Das ist mir alles klar, Mutter.« Es klang unendlich geduldig. »Aber wir müssen einen anderen Weg finden, um Vaters Werk zu ehren.«

»Ich habe alle religiösen Symbole entfernen lassen«, sagte sie, immer noch ohne nach der Stola zu greifen. »Das weißt du doch? Nirgendwo wird mehr ein anderer Gott erwähnt als der deine. Nur die Geschichte der Menschen wird erzählt – über Jahrhunderte –, bis zurück zum Ersten Königtum.«

»Und diese Epoche hatte zwar für viele Menschen viele verschiedene Bedeutungen, Mutter – wir könnten jahrelang darüber debattieren, ohne zu einer Einigung zu finden –, aber eines ist unstrittig: Was immer die Ersten Könige taten, letztlich wurden die Dämonen ausgeschickt, um sie zu bestrafen, und die Menschheit wurde für Jahrhunderte zurückgeworfen in die Finsternis. Man könnte sagen, wir fangen erst an, uns von diesem Schlag zu erholen. Ist es nicht so?« Als sie nicht antwortete, fragte er: »Willst du wirklich, dass ich den Beginn meiner Herrschaft mit dieser Schreckenszeit verbinde?«

»Dein Vater hat es getan«, sagte sie kalt. »Und er war ein großer König.«

Zum ersten Mal, seit er in den Palast gekommen war, flog ein Schatten des Zorns über seine Züge. »Mein Vater verbrachte seine letzten Tage unter dem Einfluss eines Dämons. Das sollten wir niemals vergessen. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass Dämonen inzwischen auch an anderen Orten gesichtet werden. Diese Welt steht kurz davor, ins Verderben zu stürzen, und zumindest ich gedenke nicht, das zu verdrängen.«

Er holte tief Luft, schloss kurz die Augen und beruhigte sich mit einem leisen Gebet. Dann streckte er ihr die Stola entgegen. »Vergiss die Ruhmestaten der Vergangenheit. Wir werden neue vollbringen. Gib eine Stola in Auftrag, auf der die Triumphe meines Vaters und seiner königlichen Vorgänger verewigt werden. Aber nicht weiter als bis zu den Finsteren Zeiten. Mehr verlange ich nicht.«

Sie zögerte, dann nickte sie knapp und nahm ihm die Stola ab. »Aber du wirst doch wenigstens Seide tragen? Irgendetwas, das deinem Rang entspricht? Nicht diesen …« Sie deutete auf seine Mönchskutte. »… Sack.«

Ein Lächeln machte seine Züge weicher. »Es ist Wolle, Mutter, aber keine Sorge. Ich werde die teuerste Seide tragen, die du beschaffen kannst, und wenn du willst, stecke ich mir auch noch eine Feder an den Hut. Schmücke den Boden mit kostbaren Edelsteinen, und ich werde in goldenen Schuhen darüber gehen, und meinetwegen kannst du mir auch von Tänzerinnen Rosenblätter streuen lassen.« Seine Miene verdüsterte sich; er strich mit einer Hand über die Stola. »Nur verlange nicht von mir, dass ich das Zeitalter der Sünde verherrliche. Das wäre wie eine Aufforderung an den Zerstörer, uns abermals zu bestrafen. Sollte so die Herrschaft eines neuen Königs beginnen?«

Sie biss sich auf die Unterlippe. Dann strich sie mit einem Seufzer die zarten Stickereien glatt und legte die Stola zusammen. »Du bist ebenso eigensinnig wie dein Vater, weißt du das?«

»Ja.« Er nickte. »Und wenn ich nicht so wäre, hättest du mich niemals aufgefordert, seine Krone zu tragen. Nicht wahr?«

 

»Im Palast ist genügend Platz für Eure Vasallen«, meldete Jan Cresel, »vorausgesetzt, sie bringen kein großes Gefolge mit. Aus diesem Grund könnten einige es vorziehen, auf freiem Feld zu lagern. Das sollte man nicht als Kränkung werten. Schon die Einladung darf nicht so formuliert sein, dass jemand, der sich dafür entscheidet, sich angegriffen oder zu einer anderen Verhaltensweise genötigt fühlt. Manche Fürsten entfernen sich keine zehn Meilen von zu Hause, ohne von einer regelrechten Armee begleitet zu werden; sie werden viel Platz brauchen, um sich auszubreiten und eine Vorstellung zu geben, die ihres Gefolges würdig ist.«

»Sie wollen ihre Türme bauen«, sagte Salvator leise.

»Die Einladungen werden entsprechend taktvoll abgefasst«, versprach Gwynofar. »Wie immer.«

»Ihr habt noch andere Namen auf der Liste«, stellte Salvator fest.

Cresel nickte. »Verbündete von Danton, die auf ein deutliches Zeichen dafür warten, dass Ihr – jedenfalls, soweit es sie betrifft – in seine Fußstapfen zu treten gedenkt. Wenn wir ihnen Räume im Palast anbieten, werden sie das als Gunstbeweis werten, und es wird dazu beitragen, dass sie Euch die Treue halten, anstatt auf die Schmeicheleien Eurer Feinde hereinzufallen. Denkt jedoch daran, dass jeder, der Eure Einladung annimmt, sich Hoffnungen machen wird, irgendwann im Lauf der Festlichkeiten unter vier Augen mit Euch sprechen zu können. Die einen werden nur Bestätigung suchen, andere …« Er zögerte.

»Andere wollen sehen, ob der neue Großkönig leichter zu beeinflussen ist als sein Vater.« Er lächelte schwach. »Seht Ihr, Meister Cresel? Ich habe das Spiel begriffen.«

»Ihr könnt damit rechnen, dass jedes Adelsgeschlecht mit einer heiratsfähigen Tochter Euch diese im Laufe des Besuches wird vorstellen wollen. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass Ihr Euch bei all diesen Begegnungen so neutral wie möglich verhalten solltet. Ein unvorsichtiger Blick in Richtung eines Mädchens wird von den Klatschmäulern binnen einer Stunde in einen Heiratsantrag umgemünzt. Und das kann Euch ebenso sehr in Schwierigkeiten bringen, als wäre der Antrag wirklich erfolgt.« Er lächelte trocken und reichte Salvator eine Ledermappe. »Ich habe Berichte über die Kandidatinnen zusammengestellt, die Eurer Aufmerksamkeit würdig sind … und einige Warnungen diejenigen betreffend, für die das nicht gilt.«

»Und was ratet Ihr mir?«, fragte Salvator. »In Bezug auf die Eheanbahnung?«

Cresel zögerte. Man sah ihm an, dass er nicht gewöhnt war, um solche Ratschläge gebeten zu werden. »Ich würde empfehlen, noch zu warten«, sagte er endlich. »Weder Verbündete noch Feinde wissen bisher, was sie von Euch zu halten haben. Solange ein Mann glaubt, ein Mädchen aus seiner Sippe könnte Eure Gunst gewinnen, muss er darauf achten, dass die Tür offen bleibt. Sobald Ihr auf diesem Gebiet eine Entscheidung trefft – oder auch nur den Anschein erweckt, einer bestimmten Entscheidung zuzuneigen –, ist er dazu nicht mehr verpflichtet. Lasst ihnen also vorerst ihre Träume und wägt die Möglichkeiten ab. Und versucht Euch …« Er stockte, suchte verlegen nach dem richtigen Wort. »… von ihren Reizen nicht allzu sehr beeindrucken zu lassen.«

Salvator sah ihn scharf an. »Wisst Ihr, was mein Vater tat, Meister Cresel, als ich ihm meinen Entschluss mitteilte, in ein Kloster einzutreten? Er bestellte eine Hure, um mich in der Liebe unterweisen zu lassen. Einen ganzen Schwarm von Huren, um genau zu sein. Einige derb und handfest, andere elegant und kultiviert, die ganze Bandbreite weiblicher Reize. Ich sollte das Weib in allen seinen Verkleidungen erleben, bevor ich solchen Freuden für immer entsagte.« Er zuckte die Achseln. »Er hoffte natürlich, nach einer oder zwei Nächten hemmungsloser Ausschweifungen hätte ich nicht mehr den Mut, meine Pläne weiterzuverfolgen. Leider kannte er den Glauben der Büßer nicht gut genug, um zu begreifen, dass er mein Opfer damit sogar aufgewertet und meine Entschlossenheit noch beflügelt hatte.« Der Stuhl knarrte, als er sich zurücklehnte. »Die Pointe dieser Geschichte ist, Meister Cresel, dass ich zwar seit vier Jahren auf die derberen Freuden dieser Welt verzichte, dies aber nicht heißt, dass ich nicht um ihre Zugkraft wüsste. Ganz im Gegenteil. Ich kann Euch versichern, dass ich weder Leidenschaft noch politisches Bündnisinteresse mit Liebe verwechseln werde. Ich weiß, dass Entscheidungen, die in der Hitze einer Liebesnacht getroffen werden, selten einer Überprüfung bei Tageslicht standhalten. Also fürchtet nicht, meine Unschuld würde mich auf Abwege führen. Ich bin gerade für diesen Feind besser gerüstet als die meisten meiner Mitmenschen.«

Er griff nach der Gästeliste, die Cresel zusammengestellt hatte, überflog sie und nickte beifällig. Er hatte in den letzten Tagen alle bedeutenden Geschlechter und Adelshäuser studiert und stellte zufrieden fest, dass ihm die meisten Namen vertraut waren.

Doch dann stieß er auf einen, der ihn überraschte. Er zog eine Augenbraue hoch und schaute zu Cresel auf. »Siderea Aminestas?«

»Richtig, Sire. Man nennt sie auch die Hexenkönigin.«

»Das ist mir bekannt. Aber wieso steht sie auf der Liste?«

»Weil sie die mächtigste Monarchin in den Freien Landen ist. Wenn wir sie unter Euren Einfluss brächten, wäre nicht nur der Zugang zu den Schifffahrtswegen des Südens gewährleistet, Corialanus müsste sich auch zwei Mal überlegen, ob es Euch herausfordern will. Es könnte schließlich passieren, dass es sich an zwei Grenzen gleichzeitig zu verteidigen hätte.«

»Ihr setzt voraus, dass sie an einer solchen Beziehung interessiert ist. Ich erinnere mich aber, dass sie für meinen Vater ein Stachel im Fleisch war. In seinen Augen war sie schuld daran, dass sich die Freien Lande zusammenschlossen und gegen ihn stellten.«

»Ihre Vertreter haben Interesse bekundet. Nicht ausdrücklich natürlich, aber hinter den Kulissen setzen sie schon seit Längerem alle Hebel in Bewegung, um ihr diese Einladung zu verschaffen. Was bedeutet, dass Euch vermutlich alle Türen offen stehen.«

Gwynofar zog eine Augenbraue hoch. »Ich kann mir lebhaft vorstellen, welche Art von ›Türen‹ sie im Auge hat.«

Salvator schmunzelte. »Und wennschon, was wäre so gefährlich daran? Sie ist zu alt, um Kinder zu gebären, damit stoßen ihre Verführungskünste an ihre Grenzen. Meine Königin kann sie nicht werden, und meine Konkubine will sie sicherlich nicht werden. Aber wenn sie glaubt, mich mit ihren Reizen manipulieren zu können, wird sie das Spiel so lange fortsetzen, wie sie sich damit Erfolg verspricht, und andere, weniger harmlose Aktivitäten unterlassen. Warum also ihre Hoffnungen vorzeitig zerstören?«

»Sie ist keine von den Huren deines Vaters«, bemerkte Gwynofar.

»Und ich bin nicht mehr der unschuldige Knabe, auf den er diese Huren ansetzte, Mutter.« Er gab Cresel die Liste zurück. »Gut gemacht. Ich bin mit den Namen einverstanden. Und ich werde mir auch Eure Bemerkungen zu allen standesgemäßen Jungfrauen ansehen; vielen Dank für Eure Mühe.« Er schob seinen Stuhl zurück und erhob sich. »Mutter, wärst du so freundlich, dich mit Meister Cresel um die Einladungen zu kümmern?«

Sie nickte. »Aber ja.«

Cresel wollte noch etwas sagen, nagte aber dann nur an seiner Unterlippe. Dieses Zögern war sonst nicht seine Art. Endlich rückte er mit der Sprache heraus. »Wünscht Ihr eine … äh … besondere Betreuung … im Anschluss an die Krönung, Sire?«

Salvator stutzte. »In welcher Form?«

»Ihr habt bekannt gegeben, dass Ihr Euren Gelübden nicht vor der Zeremonie entsagen wollt. Was bedeutet, dass Ihr unmittelbar im Anschluss daran … sagen wir, etwas zerstreut sein könntet. Das ist nicht ratsam für einen neuen König. Der erste Eindruck ist ungemein wichtig. Vielleicht sollten wir ein … sagen wir, privates Zwischenprogramm vorsehen.«

Salvator legte die Stirn in Falten. »Ich übe mich seit vier Jahren in Selbstbeherrschung, Meister Cresel. Haltet Ihr so wenig von meinen Fortschritten, dass so etwas nötig wäre? Was hätte mein Vater dazu gesagt?«

Gwynofar griff ein. »Dein Vater hätte gesagt, wenn ein Mann glaubt, vier Jahre Abstinenz einfach beiseiteschieben und gleich danach einen kühlen Kopf bewahren zu können, sei er von seinem eigenen Stolz geblendet.«

Salvator starrte sie an. Dann schmunzelte er wieder. »Mein Vater wusste zu wenig von meinem Glauben, um so zu argumentieren, Mutter. Aber ich verstehe deine Sorgen. Ich kann dir jedoch versichern, dass ich der Herausforderung durchaus gewachsen bin. Wenn tatsächlich ein Dämon der Wollust in mir wohnt, der glaubt, er könne hervorbrechen, sobald die Krone meinen Kopf berührt, dann steht ihm eine schwere Enttäuschung bevor.« Er überlegte kurz und fuhr dann fort: »Und was diese Aminestas angeht – richtet es doch nach Möglichkeit so ein, dass sie jemanden bestechen muss, um an ihre Einladung zu kommen. Ich möchte es ihr nicht zu leicht machen.«

»Ich werde entsprechende Hürden aufstellen lassen«, versprach der Schlossvogt.

Als Salvator den Raum verließ, konnte er förmlich spüren, wie viele Fragen nicht ausgesprochen und wie viele Argumente zurückgehalten worden waren. Und gewisse Bedenken waren nicht völlig unbegründet. Durfte er tatsächlich so sicher sein, dass er, ohne den Kopf zu verlieren, zusehen konnte, wie jede infrage kommende junge Frau im ganzen Reich an ihm vorbeidefilierte und dabei nach Kräften ihre Verführungskünste spielen ließ?

Es ist eine Prüfung des Geistes, beteuerte er sich trotzig. Ich muss mich ihr stellen, um gestärkt daraus hervorzugehen.

Dennoch verbrachte er an diesem Abend noch eine Stunde länger im Gebet. Nur zur Sicherheit.

Kapitel 7

Wenn Kamala hoch genug flog, konnte sie den Heiligen Zorn sehen.

Er hatte keine materielle Substanz, aber das mystische Zweite Gesicht, das sie in ihrer Jugend zur Wahrnehmung von Aethanus’ Zaubereien befähigt hatte, war offenbar empfänglich dafür. Dennoch war er nicht eigentlich sichtbar, sondern machte sich eher durch seinen Einfluss auf seine Umgebung bemerkbar: ein leichtes schwarzes Flimmern, das tief über dem Horizont in der Luft hing und die Berggipfel in Dunst hüllte; das Gefühl, alles sei verschwommen, obwohl sie mit ihren scharfen Habichtsaugen hätte klar sehen müssen.

Wenn sie den Heiligen Zorn lange genug anstarrte, konnte sie auch seine unheilvolle Macht spüren. Eisige Kälte kroch ihr über den Rücken und störte den Rhythmus ihrer Flügelschläge; mit einem Mal entstand in ihrem Herzen der Wunsch, eine andere Richtung zu nehmen, ganz gleich welche. Nachdem dieser Wunsch sich einmal festgesetzt hatte, fiel es ihr schwer, weiter nach Norden zu fliegen. Und wenn sie den Heiligen Zorn zu lange ansähe, könnte sie überhaupt nicht mehr fliegen.

Aber der Heilige Hüter namens Rhys ritt geradewegs nach Norden, und so folgte sie ihm.

Sie hatte die Spur des Mannes vor einem Versammlungshaus im Keirdwyn-Protektorat aufgenommen, wo er sich mit Dutzenden seiner Kameraden getroffen hatte. Er war nicht leicht zu finden gewesen, denn sie konnte sich nur auf eine flüchtige Erinnerung stützen, einen kurzen Moment vor Dantons Palast, nachdem der Seelenfresser sie vom Himmel gestoßen hatte. Damals waren ihr nur wenige Sekunden geblieben, um die Szene in ihrer ganzen surrealen Pracht zu erfassen: ein einzelner Krieger, der sich tapfer dem Kampf mit einem Mythenwesen stellte; ein weißbärtiger Magister, der sich damit begnügte, diesen Kampf zu beobachten, aber keinen Finger rührte, um zu helfen; und Magister Colivar, der wie betäubt etwas abseits stand, mit hängenden Armen, die Hände zu Fäusten geballt. Sie hatte, von der jähen Translatio noch völlig außer Atem, auf dem Boden gelegen und gerade so lange abgewartet, bis der Krieger seinen Speer in den Schädel des großen Ungeheuers rammte und die Erde unter dessen Todeszuckungen erbebte, dann war sie geflüchtet. Nur einen Augenblick später hätten die Magister sie mit Sicherheit gefunden … und deren Zorn fürchtete sie noch mehr als die Seelenfresser.

Nun war der Mann, der den Seelenfresser getötet hatte, mit einer Frau an seiner Seite auf dem Weg nach Norden. Kamala hatte vor dem Versammlungshaus ein paar Gesprächsfetzen aufgefangen – mit magischer Verstärkung konnte das Gehör eines Habichts genauso scharf sein wie seine Augen – und daraus genug über die Heiligen Hüter erfahren, um zu begreifen, warum er imstande gewesen war, das Ungeheuer zu besiegen. Wenn jemand wirklich wusste, was es mit den Seelenfressern auf sich hatte, dann diese ganz besonderen Krieger, die in der festen Überzeugung, vom Schicksal für den Kampf mit den Dämonenwesen bestimmt zu sein, tagaus, tagein dafür trainierten, studierten und meditierten. Und nun hatte dieser Mann als bisher Einziger des gesamten Ordens seine Fähigkeiten unter Beweis gestellt.

Kamala folgte den beiden Hütern nun schon seit Tagen. Tagsüber schwebte sie hoch über ihnen, bis ihr die geborgten Flügel wehtaten. Am Abend suchte sie sich ein Versteck, wo die beiden sie nicht sehen konnten, und nahm ihre menschliche Gestalt wieder an. Jedes Mal musste sie sich mit aller Kraft dazu zwingen, wieder wie ein Mensch zu fühlen, bis sie irgendwann den Rausch des Fliegens aus ihrem Gedächtnis verdrängt hatte und in einen unruhigen Schlaf fiel. Viel zu früh ging dann die Sonne wieder auf, die beiden Krieger sattelten ihre Pferde, und die Reise begann von Neuem …

Wenn ein Mensch wusste, was die Seelenfresser vorhatten, dann musste es dieser Rhys nas Keirdwyn sein.

Wäre er allein gewesen, so hätte sie sich direkt an ihn gewandt, aber das war nicht der Fall. Und aus Gründen, die Kamala selbst nicht ganz verstand, war ihr die Frau an seiner Seite nicht geheuer. Das wäre wahrscheinlich anders gewesen, wenn sie ein elegantes Reitkleid mit langen Seidenröcken getragen und im Damensitz auf ihrem Pferd gesessen hätte. Eine solche Frau hätte Kamala voller Verachtung wie ein Stück Reisegepäck behandelt, auf das es nicht weiter ankam. Aber die Begleiterin des Hüters war im wahrsten Sinn des Wortes ein Waffenbruder. Und das störte sie.

Warum?

Du bist eifersüchtig, dachte sie.

Was für ein absurder Gedanke! Eifersüchtig auf eine Morata?

Eifersüchtig auf die Art, wie er sie anerkennt.

Die Frau trug Männerkleidung, aber nicht so, dass diese ihr wahres Geschlecht verborgen hätte. Sie hatte mit den Männern vor dem Versammlungshaus nicht kokettiert, wie es normale Frauen zu tun pflegten, aber Kamala hätte gewettet, dass die anderen Hüter sich des Geschlechtsunterschiedes und der damit verbundenen Möglichkeiten durchaus bewusst waren. Dennoch hielten sie alle von sich aus respektvoll Abstand. Manchmal machte der eine oder der andere eine scherzhafte Bemerkung über ihre Wirkung auf sie alle, doch selbst dann lachte man mit ihr und nicht über sie.

Wahre Anerkennung.

Sie konnte es kaum mit ansehen. Wieso? Weil diese Kriegerin so angenommen wurde, wie sie wirklich war? Weil sie nicht in irgendeine Rolle zu schlüpfen brauchte, um die Gunst der Männer zu gewinnen? Weil sie nicht vorgeben musste, nicht in jeder Beziehung weiblich zu sein, um sich ihre Achtung zu verdienen?

Wenn die Magister nur halb so tolerant wären, dachte Kamala, wäre sie in einer ganz anderen Position. Und nachts in ihren unruhigen Träumen stellte sie sich vor, wie ihr Leben dann ausgesehen hätte. Sie wäre ein Mitglied dieser Bruderschaft geworden, ohne ihr Geschlecht verleugnen zu müssen. Aufgenommen ohne Vorbehalte.

Sie hielt Abstand von den beiden.

 

Kurz vor Sonnenuntergang hatten Rhys und Namanti den Kamm der Branwyn-Kette erreicht. Sie waren den ganzen Tag stramm geritten, und die Pferde waren nicht allzu begeistert davon, nach so vielen anstrengenden Stunden noch einen Steilhang hinaufgetrieben zu werden. Namentlich Namantis Wallach, ein kräftiges, in Skandir gezogenes Tier mit dichtem Fesselbehang, protestierte jedes Mal, wenn sie ihm die Sporen gab, mit lautem Wiehern. Den beiden mit Reisevorräten beladenen Packpferden dahinter fiel der Anstieg ebenso schwer, aber sie ertrugen ihn mit stoischer Ruhe.

Ein Stück weiter nördlich sollte es einen Pass geben, aber keiner von beiden machte den Vorschlag, vor Einbruch der Dunkelheit noch so weit zu reiten. Sie näherten sich unaufhaltsam dem Heiligen Zorn der Götter und würden womöglich schon auf den nächsten Meilen unter seinen Einfluss geraten. Kein vernünftiger Mensch würde sich auch nur eine Minute länger als unbedingt nötig in dieser unheimlichen Gegend aufhalten. Ganz zu schweigen davon, dass Tiere den Zorn oft noch vor den Menschen witterten; Pferde scheuten manchmal schon beim ersten Anflug und ergriffen in kopfloser Panik vor dem unsichtbaren, namenlosen Feind die Flucht. An einem Ort wie diesem, wo selbst für ruhige Pferde jeder Schritt gefährlich war, konnte ein solches Verhalten zu schweren Stürzen oder gar zum Tode führen.

Genau das hatten die Götter gewollt, dachte Rhys finster.

Ein Mensch konnte dagegen dem uralten Fluch mit seiner Selbstbeherrschung begegnen und vielleicht eine Weile standhalten. Das gelang nicht allen gleich gut. Einige Auserwählte wie Rhys konnten bis auf Sichtweite an die Speere herangehen, bevor der Druck unerträglich wurde. Wenn jemand noch näher treten wollte, musste er sich gewöhnlich erst ordentlich Mut antrinken, um sich überhaupt in Bewegung zu setzen, und nach der Rückkehr brauchte er das doppelte Quantum, um zu vergessen, was er gesehen hatte. Für öffentliche Rituale holte man bisweilen eine Handvoll Magister, und die dämpften die Macht des Fluches, damit die heimischen Lyr-Herrscher im Schatten der Speere ihre Dankgebete sprechen konnten, ohne dem Wahnsinn zu verfallen. Doch das war bestenfalls ein Notbehelf, und jeder Anwesende konnte deutlich sehen, dass die Magister den Heiligen Zorn hassten und lieber an jedem anderen Punkt der Welt gewesen wären als im Einflussbereich seiner Macht.

Rhys erinnerte sich an einen Tag vor nicht allzu langer Zeit, als er einem Speer so nahe gekommen war, dass er ihn ohne Hilfe berühren konnte. Schon dass er an dieses Ereignis denken konnte, ohne zu erschauern, war ein Zeichen dafür, wie schwach der Zorn geworden war.

Wenn seine Macht schwindet, kann er uns nicht länger schützen.

Inzwischen begann es zu dämmern, und die Gebirgslandschaft vor ihnen bot einen furchterregenden Anblick. Milchig trübe Schatten krochen wie Geisterfinger gen Osten. Hier und da traf ein flacher Lichtstrahl auf die obere Kante einer Granitklippe oder die Spitze eines vom Wind zurechtgeschliffenen Felsturms und schien dort ein loderndes Feuer zu entfachen. Augenblicke später verschwand der Eindruck so schnell, wie er entstanden war, die Dämmerung überzog die Gipfel, und die Nacht senkte sich herab wie ein tiefschwarzer Schatten.

»Du wolltest heute Abend hier oben sein. Warum?« Namanti trieb ihr unruhiges Pferd so dicht an Rhys’ Seite, wie sie es wagen konnte. Der stämmige Wallach war als Schlachtross ausgebildet und hätte notfalls dem Ansturm einer ganzen Reiterhorde standgehalten, aber der Heilige Zorn weckte Ängste ganz anderer Art in dem Tier. »Erkläre es mir noch einmal.«

Rhys spähte in die Ferne und suchte nach einer Bewegung. Irgendeiner Bewegung. Sie waren dem Heiligen Zorn inzwischen so nahe, dass Tiere sich hier nur ungern ansiedelten, und das bedeutete, dass in diesen Schatten ausschließlich Lebewesen umherstreiften, die einen triftigen Grund dazu hatten.

Oder Menschen.

Aber er sah nichts. Die Schatten waren bereits zu tief, die Täler zu dunkel. Waren sie zu spät gekommen?

»Ich hatte schon den ganzen Tag ein merkwürdiges Gefühl«, murmelte er. »Als würden wir beobachtet. Ich hatte gehofft …« Er brach ab und schwieg eine Weile. Endlich zuckte er unzufrieden die Achseln. »Es ist zu spät, um von hier aus etwas zu sehen.«

Sie war ernst geworden. »Du weißt doch, dass der Heilige Zorn sehr häufig diese Reaktion auslöst? Feinde zu wittern, wo keine sind?«

Er starrte weiter über die Berge. »Ich weiß.«

»Aber dein Gefühl ist anders?«

Er nickte.

»Schön. Das reicht mir.« Sie wendete ihr Pferd und nickte nach Süden hin. »Ich habe vor Kurzem eine Stelle gefunden, die sich als Lagerplatz eignet. Nahezu auf allen Seiten vor Blicken geschützt und mit einem guten Standort für einen Wachposten. Ich gehe davon aus, dass wir von nun an Wache halten?«

Er nickte, rührte sich aber immer noch nicht von der Stelle.

»Rhys?«

»Vergangene Nacht träumte ich, dass in Alkal etwas auf uns wartet.« Er schüttelte den Kopf. »Etwas, das die Grenze nicht überqueren will.« Er zeigte auf die Drei Schwestern, drei schroffe Granitsäulen tief im Landesinneren des Protektorats Alkal. Die Spitzen leuchteten rot vor dem Abendhimmel. »Irgendwo in dieser Gegend.«

»Bist du sicher?«

Er presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. »Ich hatte gehofft, von hier oben etwas zu entdecken, das den Traum bestätigt. Was genau, weiß ich selbst nicht. Aber inzwischen ist es so dunkel, dass man gar nichts mehr sieht.«

Sie sagte leise: »Der Heilige Zorn erzeugt auch Albträume.«

Diesmal nickte er steif. »Ich weiß.« Er wendete sein Pferd und folgte ihr nach Süden. Seine Miene war verbissen. »Glaube mir, ich weiß es.«

Er war schon mehrmals so hoch im Norden gewesen, deshalb wusste er, was die Magie der Götter im Verstand eines Menschen anrichten konnte, sogar bei einem Halb-Lyr. Er wusste auch, dass vernünftiges Denken zunehmend schwieriger wurde, je näher man den Speeren kam, und dass sich der Verfolgungswahn nur allzu leicht festsetzte. War man dicht genug daran, dann witterte man hinter jedem Felsen einen Feind und in jedem Windstoß einen bösen Zauber.

Aber das heißt nicht, dass da draußen nichts lauert, sagte er sich trotzig. In dieser Nacht übernahm er die erste Wache, denn er wusste, dass er ohnehin keinen Schlaf finden würde.

 

Die Hüter nahmen einen eigenartigen Weg. Manchmal hielten sie sich vernünftigerweise an flaches Gelände, doch dann ritten sie wieder in so vielen Windungen über Höhenzüge und schroffe Berge, als suchten sie gezielt nach der schwierigsten Strecke. Einmal war das Gelände so unwegsam, dass Kamala förmlich spüren konnte, wie sich die Pferde den steilen Hang emporquälten, obwohl wenige Meilen voraus eine Senke die Überquerung sehr erleichtert hätte. Nach allem, was sie von den Gesprächen belauschen konnte, wussten die beiden offenbar von dem Pass und hatten dennoch die unbequemere Route gewählt. Vielleicht waren sie inzwischen so dicht am Heiligen Zorn, dass sie die Pferde nicht mehr näher heranführen konnten? Kamala sah selbst von hoch oben, wie die Tiere immer unruhiger wurden, und der Grund dafür war nicht schwer zu erraten. Das meiste heimische Wild hatte diese Gegend längst verlassen, nur wenige kümmerliche, verhuschte Exemplare, kaum halb so groß, wie sie sein sollten, waren geblieben. Hätte man die Pferde sich selbst überlassen, sie wären Hals über Kopf nach Süden geflüchtet, so schnell ihre Hufe sie tragen konnten. Mehr als einmal brachten die beiden Reiter ihre Tiere nur mit größter Mühe vorwärts und mussten heftig an den langen Zügeln der Packpferde reißen, um sie zum Mitkommen zu bewegen.

Der Mangel an heimischem Getier hatte Kamala die Reise erheblich erschwert. Als Habicht hatte sie gewöhnlich wenig Mühe, genügend Nahrung zu finden, und wo die menschliche Kamala vielleicht lieber hungrig geblieben wäre, als ihre Zähne in eine rohe, blutige Feldmaus zu schlagen, war dieser Abscheu in der Vogelgestalt außer Kraft gesetzt. Auf Habichtschwingen pfeilschnell durch die Lüfte getragen, mit magisch geschärften Sinnen, kostete die Jagd im Allgemeinen nicht mehr Zeit, als sie in menschlicher Gestalt gebraucht hätte, um die Vorräte auszupacken. Doch in dieser gottverlassenen Gegend war alles nicht mehr so einfach. Sie spürte die ersten Auswirkungen des Heiligen Zorns auf ihre Zauberkräfte, und das war bedenklich, da sie für die Jagd auf Magie angewiesen war. Eines Abends beschloss sie, die Probe aufs Exempel zu machen und sich einfach etwas Essbares zu beschwören. Erst nach mehr als einer Stunde hatte sie ihre Kräfte ausreichend gebündelt, und was schließlich herauskam, war ein Laib Brot, der von Maden wimmelte, und eine halbe Kugel Käse, die so abscheulich roch, dass sie sich nicht überwinden konnte, davon zu kosten. Lieber ertrug sie ihren knurrenden Magen.

Kein Wunder, dass die Magister diese Region hassten, dachte sie. Hoffentlich erreichten die Hüter, denen sie folgte, bald ein Gebiet, wo mit Zauberei mehr auszurichten war; sonst müsste sie ihren derzeitigen Kurs für eine Weile verlassen, um auf Nahrungssuche zu gehen.

Natürlich könntest du auch mit den Hütern sprechen, sagte sie sich. Die haben genügend Vorräte für drei im Gepäck.

Doch dazu war sie noch nicht bereit.

Sie unternahm allerdings den Versuch, die beiden Reisenden mit einem Zauber ein wenig zu beruhigen. Inzwischen schauten sie regelmäßig über die Schulter, und manchmal wanderte ihr Blick auch zum wolkenverhangenen Himmel empor, als rechneten sie von dort mit einem Überfall. Was Kamala von ihren Gesprächen aufschnappte, ließ den Schluss zu, dass die Nähe des Heiligen Zorns sie unnatürlich schreckhaft machte. Zu Hause hätte sich das leicht beheben lassen, aber hier brauchte sie mehr als eine Stunde für den Zauber zur Beschwichtigung ihrer Ängste. Aber es musste sein. Sie wollte nicht, dass einer der beiden den Habicht bemerkte, der ihnen Tag für Tag folgte, oder gar noch erriet, was er in Wirklichkeit war. Noch nicht. Noch war sie nicht so weit.

Niemand beobachtet euch, flüsterte ihnen der Zauber ins Ohr. Niemand verfolgt euch.

Das schien fürs Erste zu genügen.

 

»Ich war erstaunt, dass du nicht an der Krönung teilnehmen wolltest«, sagte Namanti, als sie ihre Packtaschen vom Sattel löste.

Rhys hatte ein Feuer angefacht, jetzt blickte er verdutzt auf. »Wie in aller Welt kommst du denn darauf?«

»Königin Gwynofar ist doch deine Halbschwester?«

Er stocherte mit einem Stöckchen im Reisig herum, damit die Luft frei zirkulieren konnte. Winzige Flämmchen leckten an der Rinde und den Ästen. »Gwynofar wird ja nicht gekrönt«, erklärte er. »Und für die Zeremonie werde ich ganz sicherlich nicht gebraucht.«

»Gwynofar nicht, aber ihr Sohn. Es ist auch für sie ein wichtiger Tag.« Sie stellte die Satteltaschen neben das Feuer. »Die Pferde sind versorgt«, teilte sie ihm mit. »Ragnar findet es schrecklich hier, aber noch frisst er.« Rhys nickte. Namantis Pferd war leicht reizbar und offensichtlich sehr unzufrieden mit dieser Reise. Rhys hatte gehofft, Namanti würde sich für die letzte Etappe vor dem Heiligen Zorn ein leichtfüßigeres Pferd wählen, aber vorerst wollte sie offenbar bei Ragnar bleiben. Er sollte also besser nicht darauf hoffen, dass der verwünschte Klepper an irgendeiner Klippe ins Leere trat. Jedenfalls nicht mit Namanti im Sattel.

Mit untergeschlagenen Beinen setzte Namanti sich neben ihn auf den Boden und packte die Vorräte für die Abendmahlzeit aus: Salzfleisch, Hartkäse, ein wenig Trockenobst und zwei harte trockene Kekse aus Skandir, die angeblich Kraft geben sollten. Die Kekse waren sehr gewöhnungsbedürftig, aber die Skandir-Krieger waren in allen Protektoraten für ihre Tapferkeit berühmt, und sie hatten die grässlichen Dinger immer bei sich, also griff Rhys jedes Mal zu, wenn sie ihm das Zeug anbot. Natürlich spülte er mit einem ordentlichen Schluck Bier nach. Oder auch mit zweien.

»Mein Dienst hier hat Vorrang«, sagte er und schnitt sich mit seinem Jagdmesser ein Stück Käse ab. »Ich musste die Seelenfresser-Proben zu Meister Favias bringen und den Hütern berichten, was ich erlebt hatte. Und nun müssen wir nach den Speeren sehen. Das ist viel wichtiger, als an einer Zeremonie teilzunehmen, die mich im Grunde nichts angeht.« Nun schlugen die Flammen an den Seiten des Holzstapels hoch. Er setzte sich zufrieden auf die Fersen zurück und blickte ins Feuer. »Gwynofar ist Lyra, sie wird das verstehen.«

Namanti nickte, holte auch für sich einen Lederschlauch mit Bier und zog den Stöpsel heraus. »Jetzt möchte ich noch wissen, wieso dich die Erzprotektorin an ihrem Hof duldet. Ich muss gestehen, die Frage hat mich immer schon beschäftigt.«

Er zog eine Augenbraue hoch. »Du bist heute Abend sehr neugierig.«

Sie zuckte die Achseln. »Der Ritt ist langweilig genug. Sei mir nicht böse.«

Er seufzte und starrte lange schweigend in die Flammen. Sie waren so weit im Norden und so hoch oben in den Bergen, dass die Nächte auch im Sommer kühl waren; wenn die Sonne unterging, würden sie um die Wärme froh sein. »Ich weiß es nicht, Namanti. Und das ist die reine Wahrheit, ich schwöre es bei den Göttern. Nach allen gängigen Vorstellungen müsste ich der letzte Mensch sein, den sie im Haus haben will …«

»Hast du dir irgendwie ihren Respekt erworben? Oder ist sie von deinem guten Aussehen so hingerissen?«

Rhys schnaubte und nahm noch einen tiefen Schluck aus seinem Schlauch. »Wenn man bedenkt, dass ich gerade einmal zehn Jahre alt war, als sie mich zum ersten Mal sah, habe ich da meine Zweifel.«

»In Skandir wird von einem Herrscher erwartet, dass er eine gewisse Zahl von Konkubinen hat, aber selbst bei uns sind die Kinder aus solchen Verbindungen im väterlichen Haus nicht willkommen. Der Grund sind die Erbfolgeregelungen. Wenn die Bastarde nicht öffentlich verleugnet würden, könnte das ganze System auseinanderbrechen. Jedenfalls hat man es mir so erklärt.«

»Dann kann ich wohl von Glück reden, dass ich nicht in Skandir geboren wurde?« Er nahm noch einen Bissen von dem harten, trockenen Keks und spülte ihn rasch hinunter. Es war besser, wenn einem der Geschmack gar nicht erst zu Bewusstsein kam. »Ich weiß nur, dass ich noch ein Kind war, als ein Diener vom Königshof in unserem Haus erschien und nach mir fragte. Meine Mutter hatte immer angedeutet, mein Erzeuger sei jemand ›von Rang‹, deshalb nahm ich an, die Anfrage käme von jener geheimnisvollen Person. Ich war stolz darauf, dass mein Vater sogar einen Diener schickte, um sich nach mir zu erkundigen, als hätte ich mein Dasein nicht nur den Ausschweifungen einer durchzechten Nacht zu verdanken!« Er verzog das Gesicht, als er sich die letzten Krümel des Skandir-Kekses aus den Zahnlücken pulte und hinunterschluckte. »Aber der Mann musterte mich nur mit leicht angeekeltem Gesichtsausdruck, etwa so, wie man auf dem Markt eine überreife Melone auf Druckstellen oder gar auf Würmer untersucht.« Er hielt inne. »Erst sehr viel später fand ich heraus, dass es ihr Diener gewesen war. Evaine Keirdwyn hatte erst zu diesem Zeitpunkt erfahren, dass ein Seitensprung ihres Mannes Folgen gehabt hatte, und wollte sich selbst davon überzeugen, ob der Samen auch im bäuerlichen Acker gedieh.« Er nahm einen tiefen Schluck Bier und wartete, bis sich die Wärme bis in seine Finger und Zehen ausgebreitet hatte. »Wäre der Erzprotektor nicht selbst Lyr, dann wäre ihr das vermutlich gleichgültig gewesen … aber da es so war, kam die Tradition des Protektorats ins Spiel. Ein Kind mit der ›Gabe der Götter‹ kann man nicht einfach vergessen. Auch wenn man eigentlich wünscht, es wäre nie geboren worden.«

»Glaubst du, dass sie so denkt?«

Er zögerte mit der Antwort. »Nein. Ich glaube nicht. Sie müsste so denken – ich würde an ihrer Stelle so denken –, aber mir gegenüber hat sie sich nie etwas dergleichen anmerken lassen. Wenn ich an den Hof komme, ist sie stets die Freundlichkeit selbst. Als wäre ich … etwas anderes als das, was ich bin.« Warum verbitterte ihn das so? Wieder nahm er einen tiefen Schluck und verbarg sein Gesicht hinter dem Schlauch. »Ich bemühe mich meistens, ihr aus dem Weg zu gehen. Aber Favias schickt mich auffallend oft mit seinen Botschaften an Keirdwyns Hof. Ich glaube, er genießt diese Situation.«

»Wärst du denn bei der Krönung überhaupt willkommen gewesen?«

Er starrte kurz ins Leere. »Salvator wird Großkönig, ob ich dabei bin oder nicht. Ich bin ganz froh, dass ich einen anderen Auftrag hatte. Wohin würde ich denn gehören unter all den gekrönten Häuptern und ihrem Gefolge? Würde ich als Gwynofars Gast womöglich einem hochgeschätzten Vasallen des Großkönigs den ihm zustehenden Platz im Palast wegnehmen? Oder würde man mich nach draußen in die hinterste Ecke des Heerlagers verbannen, wie es meinem gesellschaftlichen Rang angemessen ist, so weit entfernt, dass ich nicht mehr mitbekäme als ein Hausdiener oder ein Bauer aus dem Umland, der seine Waren verhökert?« Er drückte den Stöpsel in den Schlauch, legte ihn neben sich auf den Boden und seufzte. »Mein Platz ist hier. Gwynofar wird das verstehen. Und überhaupt …« Er lächelte schwach. »Ein illegitimer Halbonkel, der im Palast herumgeistert, ist wahrhaftig das Letzte, was Salvator momentan braucht.«

Wie vernünftig sich das alles anhörte, dachte er. Wenn man es so erklärte, wurde der Druck auf seiner Seele fast ein wenig leichter.

Sie sagte nur: »Entschuldige«, dann schwieg sie.

Dass sie ihm die Hand auf die Schulter gelegt hatte, merkte er erst später. Es war keine intime, nur eine kameradschaftliche Geste. Die Geste eines Mannes. Er schüttelte die Hand ab.

»Ich muss mal pissen«, sagte er.

Sie antwortete nicht. Er verließ das Lager und ging durch die Kiefern zu einem kleinen Bach, der leise plätschernd über die Felsen floss. Dort stand er eine Weile mit halb geschlossenen Augen und ließ die Düfte und Geräusche des Waldes auf sich wirken. Er bemühte sich, nicht an das Ereignis zu denken, das Hunderte von Meilen weiter südlich stattfand, und sich nicht vorzustellen, wie es hätte sein können, daran teilzunehmen.

Lass gut sein, sagte er sich. Bald wirst du dem Heiligen Zorn so nahe sein, dass du dich nach den zivilisierten Peinlichkeiten am Hof der edlen Evaine zurücksehnen wirst.

 

Kamala schreckte jäh aus dem Schlaf.

Zuerst dachte sie, ein Tier hätte in der Nähe nach Futter gesucht und sie geweckt. Sie hatte mit einem einfachen Zauber verhindert, dass heimisches Wild – von dem es in diesem verfluchten Landstrich ohnehin nur wenig gab – während der Nacht über sie stolperte, aber das hieß nicht, dass nicht irgendein kümmerliches Exemplar außerhalb des Bannkreises genügend Lärm machte, um ihren Schlaf zu stören. Sie lag zunächst ganz still und versuchte herauszufinden, ob sie tatsächlich davon aufgewacht war. Aber was immer sie geweckt hatte, jetzt verhielt es sich still. Was aus seiner Sicht nur vernünftig ist, dachte sie. Besonders, wenn Wild so rar war wie hier. Von der gestrigen Feldmaus war sie nicht satt geworden.

Diesmal war es kein Geräusch. Mit ihren menschlichen Sinnen allein hätte sie nichts wahrnehmen können. Doch es gab keinen Zweifel, da draußen schlich etwas herum.

Sie lag wie erstarrt, wagte nicht einmal zu atmen, strengte alle Sinne aufs Äußerste an. Aber nichts regte sich. Und nicht nur das – sie hörte gar nichts: keinen Wind, der durch die Bäume strich, kein Insektengekrabbel auf dem Boden, nicht einmal den Bach, der etwas weiter unten am Hang über die Steine plätscherte. Nichts.

Eiskalt strich ihr die Angst über den Rücken. Heimlich und leise sammelte sie ihr Athra, stellte sich aber so, als wäre sie noch halb im Schlaf. Was immer die natürlichen Geräusche der Berglandschaft hatte verstummen lassen, sollte glauben, sie sei ahnungslos.

Und dann knackte ein Ast.

Sie setzte sich rasch auf und sah gerade noch im Mondschein, wie eine Gestalt in schwarzer Robe wieder verschwand. Der Stoff war so dunkel, dass er das Licht verschluckte, und damit war alles klar. Es war ein Magister. Ganz kurz nur trafen sich ihre Blicke – genau so lange, dass sie den Hass in seinen Augen erkennen konnte –, dann legte sich die Nacht um ihn, und sie sah ihn gar nicht mehr. Aber er war noch da. O ja, sie war ganz sicher. Für ihre menschlichen Sinne war er unauffindbar, aber seit sie vollends wach war, erspürte sie mit ihrem Zweiten Gesicht, was er getan hatte. Während sie schlief, hatte er ihren Lagerplatz mit Bannsprüchen umgeben, Schicht um Schicht, so klebrig wie das Netz einer Riesenspinne. Die magischen Fäden flackerten unruhig, als wären sie aus einer kranken Macht gewoben – das lag sicherlich an der Nähe des Heiligen Zorns. In diesem Fall hätte ihr der Fluch der Götter womöglich das Leben gerettet, denn sie erkannte in dem Netzwerk, das sie umgab, ganz deutlich die bösen Absichten seines Urhebers. Wäre die Konstruktion perfekt gewesen, sie hätte weitergeschlafen, bis es für jede Rettung zu spät gewesen wäre.

Eilig versuchte sie einen Beförderungszauber, bündelte ihr Athra und richtete es zur Orientierung auf eine Stelle im Netz, die ihr schwächer erschien. Aber das Athra war irgendwie schlüpfrig, es ließ sich nicht lenken. War auch das eine Auswirkung des Zorns? Oder hemmte der fremde Bann ihre eigene Magie?

Nun begannen sich auf allen Seiten Schatten zu regen, und sie erkannte in jähem Schrecken, dass nicht nur ein Magister präsent war – es waren viele! Offenbar hatte sich die Nachricht von ihrem Verbrechen herumgesprochen. Wie man sie bis hierher verfolgt hatte, wusste sie nicht, aber eines war gewiss: Wenn es ihr nicht gelang, sich aus den Bannfesseln zu befreien, war sie verloren.

Sie versuchte, sich wieder Schwingen wachsen zu lassen und die Vogelgestalt anzunehmen, die ihr in den letzten Tagen so gute Dienste geleistet hatte. Aber die Verwandlung war qualvoll; ihre Knochen knackten hörbar, glühende Nadeln bohrten sich in ihre Gelenke, und alle Weichteile fühlten sich an, als stünden sie in hellen Flammen. Sie biss die Zähne zusammen und zwang ihr Fleisch mit aller Kraft in die gewünschte Form. Noch nie zuvor war sie so nahe daran gewesen, die Herrschaft über ihren Körper … und ihren Mut zu verlieren.

Wenn sie mich vernichten, soll sie das teuer zu stehen kommen, schwor sie sich.

Allmählich waren die Gestalten deutlicher zu erkennen, sie traten aus den Schatten, umringten sie, postierten sich unmittelbar außerhalb des Bannkreises. So viele Magister! Sie hatte keine Zeit, nach bekannten Gesichtern zu suchen; stattdessen schwang sie sich in die Lüfte, sobald ihre Schwingen stabil genug waren, peilte den höchsten Punkt der Barriere an und zielte dabei auf eine Stelle, die ihr dünner erschien. Sie verfing sich in dem magischen Gespinst und schlug verzweifelt um sich. Ich muss hinaus! Die Magister beobachteten sie stumm. Ich muss durchbrechen! Sie riss mit ihren Krallen an den Fäden – vergebens. Endlich gab das Netz sie frei, und sie fiel auf den Boden zurück. Hektisch wie ein eingesperrter Vogel versuchte sie, die Barriere an anderen Stellen zu durchstoßen. Sie warf sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen den Bannkreis, riss mit ihren Krallen und ihrer Magie an den Strängen. Von ihren Schultern stoben die Federn auf, von ihren Krallen tropfte das Blut. Aber der Zauber, der sie gefangen hielt, blieb unversehrt; sie fand keine Stelle, die schwach genug gewesen wäre, um ihren körperlichen oder metaphysischen Kräften den Durchbruch zu ermöglichen.

Und immer noch schwiegen die Magister. Es waren so viele! Schwarzgewandete Kannibalen einer wie der andere, die sich an ihrer Verzweiflung weideten. Sie spürte, mit welcher Gier sie ihren Kampf beobachteten. Mit welchem Hass. Inzwischen umstanden sie den Bannkreis dicht gedrängt, in so vielen Reihen hintereinander, dass sie ihre Zahl nicht einmal ansatzweise zu schätzen vermochte. Sie hätte nicht gedacht, dass es auf der ganzen Welt so viele gäbe, wie sich hier versammelt hatten – und jeder Einzelne hatte mit seiner Macht zu dem Zauber beigetragen, der sie gefangen hielt. Seit ihre Sinne geweckt waren, strahlte diese Macht so hell, dass Kamala die Augen schmerzten, wenn sie hineinschaute. Und ihre Bemühungen schienen sie noch weiter zu speisen, denn mit jedem Befreiungsversuch wurde das Licht heller. Die Barriere entzog ihr immer mehr Energie.

Ich muss freikommen! Ich muss!

Zitternd vor Angst und Erschöpfung kehrte sie in ihre menschliche Gestalt zurück, um ihre Kräfte besser steuern zu können. Ihre Arme waren gefühllos, von Blutergüssen übersät, und das Blut tropfte ihr von den Fingerspitzen. Was hatten sie mit ihr vor? Die Ungewissheit war zermürbender, als ein direkter Angriff es gewesen wäre. Mit Gewalt wusste sie umzugehen, auf Gewalt wusste sie zu antworten. Doch hierauf … hatte sie nichts zu erwidern.

Die Magister beobachteten sie ungerührt. Dann begannen sie leise zu singen, in einer Sprache, die sie nicht verstand. Dennoch spürte sie sofort, dass es Worte der Macht waren, wie Hexen und Hexer sie verwendeten, um vor größeren Vorhaben ihr Athra zu bündeln. Magister brauchten solche Hilfen nicht. Was im Namen aller Höllen hatte das zu bedeuten?

Sie sah, dass sich das Gespinst bewegte und verdichtete. Wo noch kleine Lücken gewesen waren, die Hoffnung versprachen, teilten sich dünne Machtstränge wie Stopfgarn und schlossen unerbittlich jede Öffnung. Verzweifelt zog sie ihr Athra an sich und rannte damit noch einmal gegen das Teufelsgebilde an, richtete alle Kraft ihrer Seele auf den einen Punkt, der ihr am schwächsten erschien, vermochte aber kaum noch einen Hauch von Macht zu beschwören. Und der Bannkreis gab nicht nach.

»Was wollt ihr?«, keuchte sie. »Sagt es mir!«

Sie sangen ungerührt weiter. Wenn so viele Magister ihre Lebensenergien in ein einziges großes Werk einfließen ließen … wie sollte ein einzelner Mensch dagegen etwas ausrichten?

Die letzten Löcher im Gespinst schlossen sich. Lichtfäden fügten sich zu Buchstaben und Worten in einer fremden Sprache zusammen. Die Lettern waren so hell, dass sie dahinter kaum etwas erkennen konnte. Das Gespinst selbst verschwamm, aber die Schrift blieb gestochen scharf. Verzweifelt versuchte Kamala, genügend Macht aufzubieten, um sie zu entziffern, aber die Macht verweigerte sich ihr. Schlimmer noch, die leuchtenden Buchstaben schienen ihr die Energie zu entziehen, als speisten sie sich aus ihrem eigenen Athra. Der Bann, der sie umgab, sog alle Macht aus ihrer Seele …

»Es war ein Unfall!«, schrie sie. Wollte sie schreien. Ihre Kehle war trocken und rau, sie konnte sich kaum einen Laut abringen, an verständliche Worte war nicht zu denken. »Ich wollte ihn nicht töten!« Das bisschen Stimme, das sie hervorbrachte, schien ebenfalls von den Leuchtbuchstaben aufgesogen zu werden; sie schwebten pulsierend auf sie zu. Die Bannmauer dahinter war vollends dunkel geworden, es gab nur noch die unbekannten Symbole, die vor ihr in der Luft schwebten und darauf warteten, dass sie ihnen noch mehr von ihrer Lebensenergie opferte. Sie würden alles schlucken, was sie beschwor, und alle Zauber verschlingen, die sie wirkte, um sich zu retten.

Mit einem Schlag verschwand auch dieses Licht, die Buchstaben flackerten und erloschen, und alles war dunkel. In ihrer Panik wollte sie auf die Barriere einschlagen, aber sie kam nicht weit, bevor sie auf massiven Stein traf. Und überall fand sie das Gleiche: Fels auf allen Seiten, auch über und unter sich, grob behauen, gewiss nicht natürlich entstanden.

Sie war eingemauert.

Sie scharrte an der unsichtbaren Wand, bis ihr das Blut unter den Nägeln hervorquoll. Vergebens. Sie ertastete primitive Zeichen, die in die raue Oberfläche gemeißelt waren. Buchstaben. Überall. Zaubersprüche – mächtige Zaubersprüche –, die ihr langsam, aber sicher alle Lebenskräfte stehlen würden, um sie umzuwandeln in …

In was? Was wollten sie? Was geschah mit ihr?

Sie stieß einen wortlosen Schrei aus. Öffnete den Mund und ließ ihr Entsetzen hinausströmen, bis die Steinmauern unter der Wucht des Lautes erbebten. Sicherlich würden die Tiere draußen das Echo vernehmen und fliehen …

 

Und dann fand sie sich auf einem Lager aus Blättern wieder – und es gab kein steinernes Grab.

Keine Worte der Macht.

Keine Magister.

Zunächst lag sie einfach nur benommen da und suchte zu begreifen, was geschehen war. Ihr Herz schlug so wild, als wollte es ihr die Brust sprengen. Sie war in kalten Schweiß gebadet. Ihre Hände, ihre Hände … sie hielt sie vors Gesicht. Sie waren unverletzt. Kein Blut. Kein Blut.

Die plötzliche Erleichterung war mehr, als sie ertragen konnte; Würgekrämpfe schüttelten sie, sie drehte sich zur Seite und erbrach das Entsetzen der vergangenen Stunde. Der Anfall schien kein Ende zu nehmen.

Es war ein Traum, dachte sie, als es endlich doch vorüber war. Sie lag auf dem felsigen Untergrund und hätte am liebsten die beschmutzte Erde unter ihrer Wange geküsst, so froh war sie, wieder in die wirkliche Welt zurückgekehrt zu sein.

Doch dann: Nein, das war mehr als ein Traum.

Sie hatte nie unter Albträumen gelitten. Selbst in den düstersten Tagen ihrer Jugend, die ihr mehr Schmerzen zugefügt hatten, als irgendein junges Mädchen je erleiden sollte, war ihr Schlaf von solchen Qualen frei gewesen. Ihr Bruder war immer wieder mitten in der Nacht weinend aufgewacht und hatte etwas von Finsternis und Ungeheuern gewimmert, sie selbst kannte das nicht. Ihre Ungeheuer waren bei Tag auf Erden gewandelt und hatten sich mit schmutzigem Geld das Recht erkauft, sie zu missbrauchen; der Schlaf war ihre einzige sichere Zuflucht gewesen.

Der Heilige Zorn war bekannt dafür, dass er den Menschen Albträume bescherte. Sie war darauf gefasst gewesen, als sie den Fuß in dieses Gebiet setzte; dennoch hatte sie das Risiko auf sich genommen, um den beiden Heiligen Hütern zu folgen. Aber dies … dies war mehr gewesen als ein einfacher Albtraum. Das wusste sie, ohne ganz zu begreifen, woher dieses Wissen kam. Es war eine Vision, und diese Vision wollte ihr etwas sagen. Doch was davon war von Bedeutung, und was war nur die Ausgeburt ihrer eigenen Ängste? Sie hatte keine Ahnung, wie sie Ordnung in das Chaos bringen sollte. Und doch war die Botschaft wichtig. Das sagte ihr ein Instinkt, und sie wusste es mit der gleichen Sicherheit, mit der sie wusste, dass jeden Morgen die Sonne aufging.

Der Hüter wüsste die Botschaft ohne Zweifel zu deuten. Doch sie wagte nicht, ihn zu fragen.

Es war ein kühler Morgen. Fröstelnd wischte sie sich mit einem Büschel Gras das Gesicht ab, dann stieg sie langsam zum Bach hinunter, um sich zu waschen.

Kapitel 8

Bei Colivars letztem Besuch hatte das Land im Umkreis von Dantons Palast ein Bild der Verwüstung geboten: rußgeschwärzte Erde und verkohlte Baumskelette, so weit das Auge reichte, und die feuchte Sommerluft geschwängert vom Geruch nach abgestandenem Rauch und verbranntem Fleisch.

Jetzt war dieselbe Landschaft hell und farbenfroh, die Erde bedeckte ein dichter Teppich aus frischem Gras – so frisch, dass es noch nicht einmal den ersten Samen abgeworfen hatte –, und eine wahre Metropole aus bunten Zelten und Pavillons breitete sich über jede freie Fläche aus, die zur Verfügung stand. Durch einen eigens angelegten Kanal wurde Frischwasser von einem nahegelegenen Fluss in die Zeltstadt geleitet, und mehrere Teiche versorgten die umliegenden Feldlager. Vielleicht noch wichtiger war, dass man am anderen Ende des Grundstücks große Latrinen ausgehoben hatte. Dort standen Diener bereit, um jede neue Spende mit einer Schaufel Erde zu bedecken und so zu verhindern, dass im Lauf der Festlichkeiten die Luft verpestet wurde. Alles in allem, überlegte Colivar, eine beeindruckende Leistung.Wenn die Familie Aurelius die Absicht verfolgt hatte, jede Erinnerung an die früheren Verwüstungen aus dem Gedächtnis zu tilgen, so hatte sie ihr Ziel in jeder Hinsicht erreicht.

Man hatte jeder Abordnung einen eigenen Platz zugewiesen, und die größeren Delegationen hatten regelrechte Zeltresidenzen mit Bankettsälen, Audienzräumen und manchmal auch Tempeln des einen oder anderen Gottes errichtet. Uniformierte Wachen gingen Streife an den Planenwänden, die das jeweilige Territorium abgrenzten, und da und dort hatte man innerhalb der Wände erhöhte Laufstege aufgebaut, damit die Männer die Umgebung besser überblicken konnten. Natürlich war das zumeist nur Schau. Jede ranghohe Abordnung hatte einen Königlichen Magister in ihrem Gefolge, und selbst die kleineren Lager, die sonst keinen Zauberer unter Vertrag hatten, hatten sicherlich keine Kosten und Mühen gescheut, um für diesen Anlass einen anzustellen. Und daraus folgte, dass es keinen größeren Ärger geben würde, dachte Colivar spöttisch. Magister schätzten ihren Frieden.

Am anderen Ende des Feldes stand etwas abseits ein einzelner Pavillon. Er war schwarz – von jenem tiefen, unnatürlichen Schwarz, das nur mit Zauberei zu erzeugen war –, und wenn man sich weit genug näherte, spürte man, unabhängig davon, wo die Sonne stand oder wie warm der Tag war, eine kühlende Brise. Selbstredend kamen nur wenige Morati diesem Zelt so nahe. Die Farbe sendete eine unmissverständliche Botschaft, und so machte man tunlichst einen weiten Bogen um diesen Bereich, den die Magister so überdeutlich – ja geradezu aggressiv – für sich reserviert hatten.

Beim Betreten des Pavillons leistete Colivar mit seinen eigenen Zauberkräften einen kleinen Beitrag zur Erhaltung der angenehmen Temperatur. Ein Gebot der Höflichkeit. Als sich seine Augen an das Halbdunkel im Inneren gewöhnt hatten, konnte er erkennen, dass die Einrichtung zwar kostbar und bequem war, die einzelnen Möbel aber nicht so recht zusammenpassten. Offenbar hatte jeder Magister ein Stück im Stil seiner Wahl gespendet, ohne sich groß um die Gesamtwirkung zu kümmern. Vielleicht war auch nur keiner bereit gewesen, sich dem Geschmack der anderen anzupassen. Schwer zu sagen. Gesellschaftliche Anlässe, an denen so viele Magister teilnahmen, gab es in jedem Jahrhundert nur ein paar Mal, deshalb hatte man nie die Zeit, sich zu überlegen, wie man sie im Einzelnen organisieren sollte. Außerdem fehlte auch das Interesse.

Colivar betrachtete die Zusammenstellung eine Weile, dann beschwor er ein wenig Macht und veränderte hier und dort geringfügig die Farben; als die Magie ihre Wirkung getan hatte, zeigten sich alle Teile in einer pompösen, aber geschmackvollen Kombination aus Burgunderrot, Scharlachrot und Gold. Das gefiel ihm schon besser. Er steuerte noch ein paar bestickte Sitzkissen bei, dann trat er an den Wandtisch, auf dem Weinflaschen standen und Platten mit verschiedenen Leckereien aufgebaut waren. Von den Platten und Schalen, die gekühlt werden mussten, stieg ein kalter Hauch nach oben, der nach der Hitze des Tages sehr angenehm war.

Drei weitere Magister befanden sich im Pavillon: Lazaroth, Tirstan und ein dritter aus Gansang, dessen Name Colivar nicht einfallen wollte. Er nickte ihnen zu und schenkte sich einen Becher Wein ein. »Und«, sagte er dann, »gibt es Neuigkeiten, die man sich anhören sollte?«

»Lemnos hat Keirdwyn fluchtartig verlassen«, sagte Tirstan. »Wenn du das für eine Neuigkeit hältst.«

Colivar nahm einen Schluck. Es war ein raffinierter Verschnitt, fein abgestuft und vollmundig im Geschmack; wer immer ihn beschworen hatte, war ein hervorragender Weinkenner. »Das überrascht mich nicht allzu sehr. In einem Protektorat hält es kein Magister lange aus.«

»Er sagt, der Heilige Zorn wird immer schlimmer«, bemerkte Lazaroth trocken. »Offenbar ging das über seine Kräfte.«

Colivar zog eine Augenbraue hoch. »Glaubst du, es ist die Wahrheit? Dass sich der Heilige Zorn verändert?« Als Lazaroth nicht sofort antwortete, fügte er ironisch hinzu: »Deinem selbstzufriedenen Tonfall entnehme ich, dass du derjenige bist, der Lemnos’ Stelle einnehmen möchte, aber wenn ich mich irren sollte, lasse ich mich gerne eines Besseren belehren.«

Tirstan lachte leise. »Du irrst dich nicht.«

Der Magister aus Gansang hob den Becher zu einem Trinkspruch: »Ich darf euch den Königlichen Magister Lazaroth vorstellen, der soeben Stevan und Evaine Keirdwyn vom Protektorat Keirdwyn den Diensteid geschworen hat. Möge er etwas länger durchhalten als sein Vorgänger.« Er nahm einen tiefen Schluck.

Tamil, fiel Colivar plötzlich ein. Der Magister hieß Tamil. »Der Posten ist sicherlich interessant«, bemerkte er nachdenklich. »Heutzutage passiert schließlich so viel. Damit spielst du bei Salvators Krönung sicherlich eine zentrale Rolle, Lazaroth.«

Der andere schnaubte nur. »Wohl kaum. Du vergisst seine vermaledeite Religion. Der Erzprotektor und seine Gemahlin haben mich gebeten, ihm möglichst nicht über den Weg zu laufen … nur deshalb verbringe ich die Zeit in dieser entzückenden Gesellschaft.« Das kam so scharf heraus, dass es an eine offene Beleidigung grenzte. Lazaroths schlechte Laune war unübersehbar.

»Ach ja«, sagte Tamil. »Was hat es damit eigentlich auf sich? Ich muss zugeben, dass ich mich nicht allzu eingehend mit Morati-Religionen beschäftige. Wo genau ist in diesem Fall der Haken?«

»Die Büßer glauben an einen einzigen Gott«, antwortete Colivar, »der als Schöpfer und Zerstörer in einer Person auftritt und die Welt im Gleichgewicht hält. Während des Ersten Königtums wurde er von den Menschen gekränkt und schuf die Dämonen, die wir als Seelenfresser bezeichnen, um sie Demut zu lehren. Daraufhin brach die Zivilisation zusammen, das Erste Königtum fiel in Trümmer … der Rest ist bekannt. Vermutlich war der Gott damit zufriedengestellt, denn er gestattete letztendlich, dass die Dämonen vertrieben wurden. Und das ist der heutige Stand. Der Mensch wandelt nur noch auf Erden, um die Sünden seiner Vorväter zu bekennen und Buße zu tun. Und er sollte diesen Gott möglichst nicht noch einmal verärgern.«

Tamil zog eine Augenbraue hoch. »Das klingt doch ziemlich … bedrückend. Aber was haben sie gegen die Magister?«

»Wir sind Werkzeuge des Zerstörers«, sagte Colivar ruhig. »Die Vermessenheit in Person.«

Lazaroth lachte finster. »Unsere Zauberei ist unrein. Sie zerstört die Seelen der Menschen. Und so weiter, und so fort.« Er nahm einen tiefen Schluck. »Wobei man gerechterweise zugeben muss, dass die Büßer in diesem Punkt nicht so weit von der Wahrheit entfernt sind.«

Sie sind in keinem ihrer Glaubenssätze weit von der Wahrheit entfernt, grübelte Colivar. In den tiefsten Nischen seines Bewusstseins regten sich schemenhafte Erinnerungen, flüchtige Bilder von Dingen und Menschen, die besser im Dunkeln geblieben wären. »Ich werde mit Interesse beobachten, wie sich diese Religion verhält, wenn sich bestätigt, dass die Seelenfresser zurückkehren. Werden ihre Anhänger denken, ihr Schöpfer hätte sie verstoßen? Oder wollte er sie noch einmal prüfen? Das könnte … unerfreulich werden.«

»Fanatiker werden von Widrigkeiten nur noch bestärkt«, bemerkte Tamil.

»Richtig«, pflichtete Tirstan ihm bei, »und Salvator kommt mit Hexen und Hexern allein offenbar ganz gut zurecht. Als König kann er sich den Preis für deren Dienste schließlich leisten.«

»Und was haltet ihr von dem Gerücht, er hätte mit einem von uns einen geheimen Kontrakt geschlossen?«, fragte Lazaroth in die Runde.

Colivars Augen wurden schmal. »Bevor ich hierherkam, hatte ich es nicht glauben wollen. Aber jetzt …« Er wies mit weit ausholender Geste auf das Land. »Um es so auszudrücken: Alles ist sehr viel grüner, als es sein dürfte.«

»Auch Hexen können Gras wachsen lassen«, gab Tirstan zu bedenken.

»Schon, aber es ist unwahrscheinlich, dass ein Büßermönch, nur um seinen Stolz zu befriedigen, einem Menschen befehlen würde, sein Leben zu verkürzen.« Er scharrte mit der Fußspitze in den saftigen Halmen; sie standen so dicht, dass die verwüstete Erde kaum noch zu sehen war. »Das ist ohne jeden Zweifel das Werk eines Magisters. Die Frage ist nur, welches Magisters? Und was hat er dafür verlangt?«

Lazaroth gluckste leise. »Nun haben wir also ein Geheimnis, an dem wir uns alle die Zähne ausbeißen können, wenn uns die Morati-Festlichkeiten langweilen. Gut gemacht, Colivar. Ich werde dich künftig immer zu meinen Gesellschaften einladen.«

»Auf jeden Fall hast du deine Wette verloren.« Tirstan grinste. »Wenn Salvator mit einem der Unseren einen Kontrakt geschlossen hat, können ihm Zauberkräfte nicht mehr schaden.«

»Immer vorausgesetzt, niemand treibt falsches Spiel«, schränkte Tamil ein.

»Ganz recht.« Lazaroths schwarze Augen ruhten auf Colivar. »Aber ein Bruch des Magistergesetzes kann einen teuer zu stehen kommen, nicht wahr?«

Colivars Miene verriet nichts. »So sollte es auch sein«, sagte er ruhig. Dann stellte er seinen Becher auf den Tisch und beschwor mit einer kurzen Handbewegung ein wenig Macht, um ihn zu reinigen, bevor der Nächste daraus trank.

»Die Herren müssen mich jetzt entschuldigen, ich habe für meinen eigenen Patron noch ein paar Dinge zu erledigen …«

Damit wandte er sich dem Zelteingang zu, aber Lazaroths Stimme ließ ihn innehalten.

»Du weißt, dass sie hier ist?«

Colivar schaute über die Schulter. »Wer?«

»Die Frau, die ihr alle vergöttert habt, solange sie euch etwas zu bieten hatte. Nur um sie dann im Angesicht des Todes alleinzulassen.« Sein Lächeln war ohne jede Wärme. »Wie muss sie euch dafür hassen! Hätte ich das Herz einer Frau, ich würde nicht anders empfinden.«

Colivar presste die Lippen aufeinander und schwieg.

»Natürlich sind die Morati für uns nur elende Würmer, nicht wahr? Aber diese Frau ließ man in dem Glauben, mehr zu sein. Wie grausam, wenn man endlich die Wahrheit erfährt! Von der Königin zum Wurm, und das innerhalb von wenigen Tagen.«

»Das reicht, Lazaroth!«, fauchte Tirstan.

»Wenigstens habe ich sie nicht ausgenützt wie so manche andere.« Lazaroths Augen glitzerten eisig. »Ihr Groll kann sich also nicht gegen mich richten. Das ist doch ein gewisser Trost.«

Alle schwiegen für einen Moment. Colivar ging sämtliche Antworten durch, die möglich gewesen wären, fand aber keine, die seinen Ansprüchen standhielt. Endlich verließ er den Pavillon wortlos und überließ es den zurückbleibenden Magistern, die Frage ohne ihn zu Tode zu diskutieren.

Solche Vorwürfe sollten ihm nichts ausmachen. Kein Magister durfte sich daran stören. Mit der ersten Translatio überwand ein Magister alle menschlichen Regungen und damit auch jedes Mitgefühl. Das musste er, Colivar, doch wohl am besten wissen.

Wir haben ihr kein Unrecht zugefügt, sagte er sich. Ihre Tage waren von jeher gezählt, und daran können nicht einmal wir etwas ändern.

Doch Lazaroths Bemerkungen gingen ihm noch viele Stunden durch den Kopf. Erst tief in der Nacht, als ihn endlich der Schlaf übermannte, konnte er sich davon lösen.

 

»Majestät?«

Siderea drehte sich um und lächelte der jungen Frau zu, die sie angesprochen hatte. Sie stand inmitten des großen Pavillons auf dem Platz, den man den Freien Landen für ihre Zelte zur Verfügung gestellt hatte, und war von einem Schwarm reicher junger Männer umringt, die sie nur zu gerne mit Komplimenten und Aufmerksamkeiten überschüttet hätten, wäre sie mit ihren Gedanken nur etwas mehr bei der Sache gewesen.

Drei Mal war sie nun schon an verschiedenen Stellen einem Magister begegnet, ohne Ausnahme Männer, die sie einst als ihre Liebhaber bezeichnet hätte. Alle waren sie makellos höflich gewesen, einer hatte sich sogar nach ihrem Befinden erkundigt. Nach ihrem Befinden! Dachten diese Idioten wirklich, sie wüsste nicht, wie es um sie stand? Oder sie bräuchten nur höflich mit ihr zu plaudern, als wäre nichts geschehen, um ihr ihre Lage erträglicher zu machen?

Die Magister könnten sie retten, wenn sie nur wollten, davon war sie fest überzeugt. Oh, sie prahlten natürlich damit, dass keine Frau jemals ihrer magischen Gemeinschaft angehören könne; zu diesem Thema hatte sie so viele Argumente gehört, dass sie ein ganzes Buch gefüllt hätten. Frauen seien von Natur aus zu schwach, zu wankelmütig oder auch einfach nicht männlich genug, um die »wahre Macht« zu beherrschen. Aber daraus folgte doch nicht, dass sie sonst nichts für sie tun konnten. Hatten sie ihr nicht weit über die normalen Grenzen hinaus ihre Jugend bewahrt? Gewiss hatten sie noch andere Tricks in ihren schwarzen Ärmeln, mit denen sie ihr noch etwas mehr Zeit erkaufen könnten.

In Wahrheit hatten sie nur beschlossen, sie sterben zu lassen. Und keiner von ihnen besaß so viel Anstand, dass er das zugegeben hätte. Keiner brachte auch nur einen Funken ehrlichen Mitgefühls für sie auf. Bei den Göttern, sie hasste sie alle!

Doch jetzt war ein gewinnendes Lächeln angebracht, und so setzte sie pflichtbewusst die entsprechende Miene auf und reichte der jungen Frau, die sie angesprochen hatte, die Hand. Ein hübsches Ding, das einen perfekten Knicks machte und ihre Hand nur kurz berührte, als wäre sie nicht ganz sicher, wie formell es zugehen sollte. Entzückend aufrichtig.

»Bitte verzeiht die Störung«, sagte sie. Ihre Wangen färbten sich leicht zu einem reizenden Rosa, doch ihr Blick war fest und ruhig. »Ich hatte gehofft, Ihr würdet kurz Zeit finden, um mir ein paar Fragen zu beantworten. Ich will nicht aufdringlich sein …« Ihr Blick ging in die Runde, einige von den Männern zwinkerten ihr anzüglich zu oder hoben grüßend die Gläser.

Siderea verstand sofort. Frauensache. Zum ersten Mal seit vielen Stunden breitete sich ein echtes Lächeln über ihre Züge. »Aber gewiss, meine Liebe. Kommt mit. Die Herren werden uns sicher entschuldigen?« Sie strahlte die Pfauen an, die ihr den Hof machten, und dirigierte die junge Frau in eine ruhigere Ecke des Zelts. »Bevor wir fortfahren, Ihr heißt …?«

»Petrana Bellisi, Majestät. Aus dem Haus Bellisi.«

Bellisi. Natürlich. Ihr Name stand auf der Liste der Frauen, die als Salvators künftige Gemahlinnen infrage kamen. Herzog Bellisi regierte eines der kleineren Freien Lande, hatte aber durch geschickte Bündnis- und Heiratspolitik feste Beziehungen zu allen anderen geknüpft. Das bedeutete, dass seine älteste Tochter eine glänzende politische Mitgift mit in die Ehe brächte. Wenn Salvator die Freien Lande durch Allianzen anstatt durch Krieg erobern wollte, wären eheliche Bande zum Haus Bellisi ein ausgezeichneter erster Schritt dazu.

Neugierig geworden, begutachtete Siderea die Vorzüge der jungen Frau. Sie war bildhübsch, mit jener rosigen Pfirsichhaut, von der die Männer so gerne in Gedichten schwärmten. Für den natürlichen Rosaschimmer auf ihren Lippen und Wangen hätten andere Frauen ein Vermögen bezahlt. Die Figur war durchaus vielversprechend, versteckte sich aber im Moment unter einem schlichten dunkelbraunen Wollkleid, das nicht sehr vorteilhaft war. Viel zu zurückhaltend für einen solchen Anlass, und die Farbe tat nichts, um ihren Teint zu betonen. Bestimmt hatte es ein Mann für sie ausgesucht, dachte Siderea. Keine Frau, die Augen im Kopf hatte, hätte jemals eine so ungünstige Farbe gewählt.

Die Farbe einer Mönchskutte, ging es ihr durch den Sinn, und sie schüttelte fassungslos den Kopf. Männer hatten wirklich keine Ahnung von … nun, eigentlich von gar nichts.

Froh darüber, etwas gefunden zu haben, das sie von ihren düsteren Grübeleien ablenkte, lotste sie das Mädchen zu zwei freien Stühlen. »Was kann ich denn für Euch tun, meine Liebe?«

Die Kleine setzte sich vorsichtig und ordnete die Falten ihres Kleides. Dann strich sie noch einmal über den Stoff, um den Augenblick der Wahrheit hinauszuschieben. Sie wusste ganz offensichtlich nicht, wie sie anfangen sollte. »Ich brauche einen guten Rat«, sagte sie endlich. »Und man empfahl mir, mich an Euch zu wenden.«

Siderea zeigte ihr strahlendstes Lächeln, um dem Mädchen die Befangenheit zu nehmen. »Wer würde sich da nicht geschmeichelt fühlen? Aber Ihr müsst mir schon sagen, wie ich Euch helfen kann.«

»Mein Vater möchte mich nach der Krönung König Salvator vorstellen. Er will, dass ich mein Bestes tue, um einen guten Eindruck zu machen, auch wenn mir dafür nicht viel Zeit zur Verfügung steht.«

»Richtig.« Siderea nickte. »Jede junge Frau, die sich gern als Großkönigin sähe, wird genau das Gleiche tun. Und zwar die ganze Woche lang. Ich könnte mir denken, dass Salvator nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht.«

»Aber genau darum geht es.« Die schmalen Hände in ihrem Schoß bewegten sich unruhig. »Ich weiß nicht … ich meine, was für eine …« Sie schaute flehentlich zu Siderea auf. Was für große, dunkle Augen, und wie sie glänzten! Ein wenig Kajal auf die Lider, und die Höflinge würden sich in ihren Gedichten förmlich überschlagen!

Siderea nahm eine von Petranas Händen in die ihre. »Ich verstehe«, sagte sie leise. »Und es war richtig, zu mir zu kommen. Schließlich habe ich ein persönliches Interesse daran, dass eine Tochter der Freien Lande Salvators Hand erringt.«

»Man sagt, niemand kenne die Männer besser als Ihr. Kein Mann, auf den Ihr ein Auge geworfen hättet, könnte Euch widerstehen.«

»Und diese Kunst soll ich Euch nun lehren?«, fragte sie. »In wenigen Stunden?«

Petrana errötete. »Das würde ich niemals verlangen. Was denkt Ihr von mir?«

Immerhin, die Vorstellung war verlockend. Siderea selbst konnte sich in den Reigen der Bewerberinnen nicht einreihen, da sie das gebärfähige Alter längst hinter sich hatte, aber es könnte sehr vergnüglich sein, eine Figur in diesem Spiel zu haben. Natürlich müsste Petrana dafür erst in Form gebracht werden, aber das sollte nicht allzu schwierig sein.

»Ich bin nicht abgeneigt, Euch meine Kunst zu lehren«, sagte sie und strich dem Mädchen eine Locke aus der Stirn, die sich gelöst hatte. »Aber dazu brauchen wir mehr Ruhe, als wir hier finden können. Warum besucht Ihr mich nach unserer Rückkehr nicht zu Hause? Damit wir uns dieser Aufgabe ausgiebig und ohne Zeitdruck widmen können?«

»Es – es wäre mir eine Ehre, Majestät. Ich danke Euch.«

»Doch zunächst müssen wir sicherstellen, dass Salvator aus dieser Woche den gewünschten Eindruck von Euch mitnimmt …« Sie legte nachdenklich die Fingerspitzen aneinander. »Er ist schließlich auch nur ein Mann. Er mag Mönch gewesen sein und er mag König werden, aber er ist und bleibt ein Mann. Das wird allzu oft vergessen.«

»Er hält sein Keuschheitsgelübde seit vier Jahren«, sagte Petrana. »Mein Vater meint, das sei das Wichtigste.«

Siderea lachte. »Ja, es ist wichtig, aber kaum jemand weiß, wie man daraus Nutzen zieht.« Sie beugte sich vor und sah das Mädchen fest an. »Soll ich Euch sagen, welche Fehler Eure Rivalinnen machen werden? Sie werden alle davon ausgehen, dass Salvator durch seine Enthaltsamkeit bestimmt wird. Sie meinen, er sei nach vier Jahren ohne Frau für alle Verlockungen so empfänglich, dass er alles andere vergessen wird. Manche werden ihre freizügigsten Kleider anlegen, viel gewagter, als sie es gewohnt sind, weil sie hoffen, die jäh aufwallende Lust würde ihn so blind machen, dass nichts anderes mehr für ihn zählt. Dabei übersehen sie, dass er ein Aurelius ist, erzogen von einem mächtigen Monarchen, und dass er die Politik schon mit der Muttermilch aufgenommen hat. Er wird nach einer Frau suchen, die würdig ist, den Thron mit ihm zu teilen, und nur in diesem Rahmen wird die sinnliche Begierde, soweit überhaupt vorhanden, eine Rolle spielen. Eine Frau, die ihn allzu schamlos zu verführen sucht, die zu weit geht, um seine Sinne zu reizen, mag er als Konkubine anziehend finden, die Krone des Großkönigtums wird er ihr aber niemals aufs Haupt setzen.

Einige werden ins andere Extrem verfallen und darauf setzen, dass Salvator aufgrund seiner Vergangenheit alle Freuden des Fleisches in tiefster Seele zuwider sind. Doch so kann nur denken, wer seinen Glauben nicht kennt. Die Büßer nehmen keinen Anstoß an natürlichen Trieben. Wenn ihre Mönche sich kasteien, dann tun sie das, um mit diesem persönlichen Opfer einen Ausgleich für die sündhaften Ausschweifungen der Ungläubigen zu schaffen. Sobald Salvator seine Kutte ablegt, übernimmt er eine andere Rolle. Ein Großkönig will im Schlafgemach auf keinen Fall wie ein Mönch behandelt werden. Dennoch werden einige Bewerberinnen höchst hausbackene Kleider anziehen und alle Vorzüge verbergen, die einen Mann interessieren könnten, um dieser Seite seines Wesens zu schmeicheln. Aber ihre Namen werden vergessen sein, bevor die Sonne untergeht, das versichere ich Euch.« Sie hob eine Falte von Petranas Rock an und fragte: »Das Kleid hat wohl Euer Vater für Euch ausgesucht?«

Petrana nickte.

Siderea seufzte. »Überlasst die Wahl Eurer Kleidung niemals einem Mann, meine Liebe. Es sei denn, Ihr wolltet ihn damit verführen. Männer glauben immer, sie wüssten Bescheid, aber die Wirklichkeit sieht anders aus.«

»Was also würdet Ihr mir empfehlen?«

»Zieht etwas Reizvolles an, das Eure Haut- und Haarfarbe zur Geltung bringt. Ein Kleid, wie Ihr es zu Hause tragen würdet, um Bewerber aus vornehmem Hause zu empfangen. Bescheiden, aber gefällig. Er soll sehen, dass er Euch als Mann interessiert, aber er soll auch sehen, dass Ihr eine intelligente Frau von Geschmack seid, die seinen Geist zu fesseln vermag. Überlasst ihm die Führung des Gesprächs, aber seid nicht zu schüchtern, eine Meinung zu äußern, wenn er Euch danach fragt. Und wenn er mittendrin das Thema wechselt, ist das ein gutes Zeichen. Dann will er Euch auf die Probe stellen.

Ich will nicht bestreiten, dass ihn die vier Jahre im Kloster geprägt haben, aber auf andere Weise, als Euer Vater es erwartet. Salvator mag in seiner Jugend darauf getrimmt worden sein, in der Politik die Fäden zu ziehen, aber er hat diese Welt verlassen und sich ein einfacheres Umfeld gesucht, wo Lügen nicht zum Alltag gehören. Vermutlich wird er jetzt auf der Hut sein, er kann sich denken, dass feinste Intrigen gesponnen werden und dass er über solchen Dingen stehen muss, wenn man ihn als Herrscher respektieren soll. Dazu ist er gewiss in der Lage – sonst hätte ein anderes von Dantons Kindern Anspruch auf den Thron erhoben –, aber es wird ihn auch seelisch unter Druck setzen. Also bietet Ihr ihm Aufrichtigkeit. Wählt eine Kleidung, in der Ihr Euch wohlfühlt, damit Ihr in seiner Gegenwart ganz Ihr selbst sein könnt. Sagt, was Ihr denkt, und wenn ein bestimmtes Thema eine diplomatische Behandlung erfordert, dann bringt die Rede auf etwas anderes. Er kennt das Spiel und wird sich leiten lassen. Aber belügt ihn nicht. Macht ihm oder seinem Reich keine Komplimente, wenn Eure Bewunderung nicht echt ist. Hohle Schmeicheleien sind einem solchen Mann ein Gräuel, und eine Frau, die heute damit arbeitet, ist morgen vergessen.« Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. »Ihr dagegen bietet ihm eine Atempause im Sturm der höfischen Ränke, und dafür wird er Euch in guter Erinnerung behalten.«

Petrana lächelte ein wenig. »Aber das widerspricht allen Ratschlägen, die ich bisher erhalten habe.«

Siderea zuckte die Achseln. »Von alten Männern und vertrockneten Zofen. Wem schenkt Ihr in solchen Dingen mehr Vertrauen?«

Das Mädchen neigte respektvoll den Kopf. »Ihr seid weithin berühmt für Euer Wissen und Eure Erfahrung.«

»Wissen und Erfahrung?« Siderea lachte. »Ich mache meine Hausaufgaben, das ist alles. Kein Mann ist so rätselhaft, dass man nicht irgendeine kritische Schwäche fände, wenn man seine Verhältnisse nur gründlich genug erforscht. Aber Ihr müsst die Zeichen auch zu deuten wissen, sonst war die ganze Mühe umsonst.«

Sie beugte sich vor und strich mit dem sorgsam gepflegten Nagel ihres Zeigefingers über Petranas blütenzarte Wange. Die Haut rötete sich anmutig. »Später kann ich Euch noch ausführlicher unterweisen«, versprach sie. Sie war der jungen Frau so nahe, dass ihr duftender Atem bis zu ihr drang und Petranas Nasenflügel sich blähten. »Wenn Ihr mich besucht, werde ich Euch alles lehren, was ich weiß. Das war doch Euer Wunsch, nicht wahr?«

»O ja.«

»Und ich werde ihn erfüllen.« Siderea lehnte sich wieder zurück und ließ ihre Hand sinken. »Aber jetzt müsst Ihr mich entschuldigen, ich muss mich noch um einige andere Dinge kümmern.« An sich bestand kein Grund, sich schon zu entfernen, aber solche Unterredungen sollte man immer in der richtigen Stimmung beenden. Solange der Partner noch nicht völlig zufriedengestellt war.

»Natürlich, Majestät.« Petrana erhob sich schnell und machte einen respektvollen Knicks. »Ich kann Euch nicht genug dafür danken, dass Ihr Euch so lange für mich Zeit genommen habt. Eure Ratschläge sind von großem Wert für mich.«

Zumindest schien sie etwas mehr Sicherheit gewonnen zu haben. Das war ein gutes Zeichen. Eine Großkönigin brauchte Selbstbewusstsein.

Diese Petrana konnte es noch weit bringen.

Erst Stunden später, als Siderea das Lager verließ, um in ihre Gemächer im Palast zurückzukehren, kam ihr zu Bewusstsein, was sie da gesagt hatte.

Wenn Ihr mich besucht, werde ich Euch alles lehren, was ich weiß.

Noch vor wenigen Tagen hatte sie keine Zukunft gehabt. Nun schmiedete sie Pläne. Bedeutete das, dass es doch noch Hoffnung für sie gab? Oder war sie nur so verzweifelt, dass sie die Lügen dieses Fremden für bare Münze nahm, um sich eine solche Hoffnung vorgaukeln zu können?

Wie auch immer, jedenfalls fühlte sie sich besser. Und als sie auf dem Weg in den Palast abermals einem Magister begegnete, nickte sie ihm nur kurz zu. Und malte sich dabei aus, wie diebisch sie sich freuen würde, wenn er und seine Brüder endlich erkannten, dass sie nicht die Einzigen waren, die hier die Fäden zogen.

Kapitel 9

»Hier stimmt etwas nicht.«

Rhys starrte finster auf die Karte in seiner Hand und studierte dann das Gelände vor sich. Auf der Karte war deutlich ein schmaler Pass verzeichnet. Im Gelände gab es ihn nicht.

Mit einem leisen Fluch ging er zu seinem Pferd zurück und kramte die Ledermappe mit den Karten heraus, die ihnen Meister Favias mitgegeben hatte. Sie enthielt Abschriften aller Skizzen dieser Region, die jemals von Heiligen Hütern angefertigt worden waren, darunter auch über und über mit Anmerkungen bekritzelte Detailzeichnungen. Die Archivare achteten peinlich darauf, ihre Arbeit auf dem neuesten Stand zu halten, und jede Karte wurde angepasst oder ersetzt, sobald neues Wissen zur Verfügung stand. Wer konnte schließlich sagen, wann sich ein bestimmtes Geländemerkmal als wichtig erweisen würde, wenn schon nicht für den Schutz der Protektorate, solange sich die Seelenfresser noch in der Verbannung befanden, dann sicherlich in dem Krieg, der auf ihre Rückkehr folgen musste? Die bestmögliche Beförderung von Männern und Vorräten von einem Punkt zum anderen könnte in einem solchen Endkampf eine entscheidende Rolle spielen, und die Hüter wollten auf diese Aufgabe vorbereitet sein.

Aber …

 

 

Ende der Leseprobe aus 512 Seiten

Über Celia Friedman

Biografie

Celia Friedman arbeitete zwanzig Jahre lang als Kostümdesignerin, bevor sie den Beruf an den Nagel hängte, um nur noch zu schreiben. Ihre Dark-Fantasy-Romane wurden mit zahlreichen Publikumspreisen ausgezeichnet. Celia Friedman lebt mit mehreren Katzen im nördlichen Virginia. Nach »Die...

Pressestimmen

booksection.de

»Dabei versteht es Celia Friedman Figuren zu zeichnen, denen man gebannt folgt. Den Guten wie den Bösen gleichermaßen, denn die Autorin versteht es, ihre Motivation emotional greifbar zu machen und damit nachvollziehbar. So muss starke Fantasy sein!«

Publishers Weekly

Grandios geschrieben – nur viel zu kurz!

Nautilus - Abenteuer & Phantastik

»Schreiberisches Können, Einfühlungsvermögen, glaubwürdige und liebenswerte Charaktere und das magische Konzept dieser extrem stimmigen Fantasy-Welt – das zeichnet wie schon Die Seelenjägerin auch das zweite Buch der Magister-Saga aus.«

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