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Die Seelenkriegerin

Die Seelenkriegerin

Roman (Magister-Trilogie, Band 3)

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Die Seelenkriegerin — Inhalt

Der Kampf gegen die Seelenfresser erreicht seinen spannenden Höhepunkt: Die Hexenkönigin Siderea Aminestas ist entschlossen, sich mithilfe der Ungeheuer an der ganzen Menschheit zu rächen. Während sich der Büßermönch Salvator von den Magistern und ihrer parasitären Zauberei abwendet, um seinem eigenen Glauben zu folgen, bereitet sich Kamala auf die letzte Schlacht vor. Als einzige Frau unter den Magistern ist sie todesmutig genug, um den Seelenfressern entgegen zu treten. Doch dazu muss sie sich mit Colivar verbünden, der selbst dunkle Geheimnisse hütet. Werden die Seelenfresser über die Menschheit herfallen, oder kann Kamala mit ihren Verbündeten in dieser Schlacht doch noch den Sieg erringen?

€ 4,99 [D], € 4,99 [A]
Erschienen am 17.02.2014
Übersetzt von: Irene Holicki
560 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98046-3

Leseprobe zu »Die Seelenkriegerin«

Was werden die Spielleute in späteren Zeiten singen von den letzten Tagen vor der entscheidenden Schlacht?

Von den Seelenfressern mit ihren bunt schillernden Schwingen werden sie singen, die sich von der Lebensenergie der Menschen nährten und das Erste Königtum zu Fall brachten. Und von den Märtyrern, die sich unter Führung der letzten noch lebenden Hexen und Hexer zu einem Heer versammelten, um die Plage dieser Welt zu bekämpfen. Diese Helden trieben die Riesenbestien mit Feuer und mit ihrem Glauben in ein Gefängnis aus Eis und hofften, der lange [...]

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Was werden die Spielleute in späteren Zeiten singen von den letzten Tagen vor der entscheidenden Schlacht?

Von den Seelenfressern mit ihren bunt schillernden Schwingen werden sie singen, die sich von der Lebensenergie der Menschen nährten und das Erste Königtum zu Fall brachten. Und von den Märtyrern, die sich unter Führung der letzten noch lebenden Hexen und Hexer zu einem Heer versammelten, um die Plage dieser Welt zu bekämpfen. Diese Helden trieben die Riesenbestien mit Feuer und mit ihrem Glauben in ein Gefängnis aus Eis und hofften, der lange Winter mit seiner Kälte und Dunkelheit würde nicht bloß an ihren Kräften zehren, sondern sie letztlich töten. Und die Götter schleuderten, so glaubte man, in ihrem Zorn mächtige Speere auf die Erde und errichteten daraus eine Barriere, die bis ans Ende der Zeiten alle dennoch überlebenden Seelenfresser aufhalten sollte. Dieser »Heilige Zorn« überdauerte vierzig Generationen und ließ das Zweite Königtum aufblühen und gedeihen. Doch in Wirklichkeit war er nicht von den Göttern geschaffen, sondern lediglich ein Werk der Hexen und Hexer, und als er endlich seine Kraft verlor, drangen die Seelenfresser abermals in die Reiche der Menschen ein …

Von den Magistern werden sie singen, jenen unsterblichen Zauberern, deren Macht grenzenlos schien, und davon, wie das Magistergesetz ihr Los an das Schicksal der sterblichen Menschen band. Doch kein Spielmann wird von dem Geheimnis im Herzen dieser dunklen Bruderschaft singen, denn kein Sterblicher, der diese Wahrheit entdeckte, durfte weiterleben. Die Magister speisten ihre Zauberkräfte nämlich mit der Lebensenergie menschlicher Konjunkten, das heißt, sie erkauften sich die eigene Unsterblichkeit mit dem Leben ihrer unschuldigen Opfer. Vielleicht wurden sie dadurch innerlich so verdorben, dass sie auch für ihresgleichen nichts anderes als Feindschaft empfinden konnten – vielleicht gab es dafür auch einen anderen Grund. Colivar war offenbar der Einzige, der die Wahrheit kannte, doch selbst seinem ältesten und entschlossensten Rivalen Ramirus war es nicht gelungen, ihm sein Wissen zu entlocken.

Von Kamala werden sie singen, dem rothaarigen Mädchen, das dazu bestimmt schien, in Armut und von Männern missbraucht in Gansang in der Gosse zu leben, das sich jedoch gegen dieses Schicksal auflehnte und als erste Frau die wahre Zauberei erlernte. Doch dann tötete sie versehentlich den Magister mit Namen »der Rabe« und brach damit das heiligste Gesetz der Bruderschaft; nun wagte selbst ihr Mentor Aethanus, der einsam in den Wäldern lebte, nicht länger, ihr Unterschlupf zu gewähren. Sie war gezwungen, sich als Hexe auszugeben und die ganze Welt zu bereisen, um ein Geheimnis oder ein Pfand zu finden, mit dem sie sich von der Strafe freikaufen konnte, um danach den Titel eines Magisters offen zu tragen und ihren Platz in der Bruderschaft der Zauberer einzunehmen.

Von Danton Aurelius werden sie singen, der mit eiserner Faust über das Großkönigreich herrschte, bis ihn der Verräter Kostas ins Verderben stürzte. Sie werden Klagelieder um die beiden jungen Prinzen zum Vortrag bringen, die mit ihrem Vater ums Leben kamen, und zugleich werden sie die Königin Gwynofar preisen, die mit großem Mut den Tod ihres Gemahls rächte. Leider war dies nicht das Ende ihrer Drangsal. Denn als Weissagungen sie nach Alkal und zum Thron der Tränen riefen, einem uralten magischen Artefakt, das die mystischen Fähigkeiten der Lyr-Geschlechter wecken und zu voller Blüte bringen sollte, da forderten die Götter als Opfer ihr ungeborenes Kind und später ihren geliebten Halbbruder Rhys …

Von der Hexenkönigin Siderea Aminestas werden sie singen, der Geliebten von Magistern und Gemahlin von Königen, die von den Zauberern verlassen wurde, als sie ihnen nicht mehr nützlich sein konnte. Und von dem Seelenfresser-Weibchen, das ihr das Leben rettete, aber die menschliche Seele raubte. Hell loderte die Rache in ihrem Herzen, als sie auf dem Rücken ihrer Konjunkta mit den bunt schillernden Flügeln aus Sankara floh und nach einem Land suchte, wo sie die Saat für ein neues und schreckliches Reich legen konnte.

Auch von Salvator werden sie singen, dem dritten Sohn des Danton Aurelius, dem Büßermönch, der seinem Gelübde entsagte, um seinem Vater auf dem Thron zu folgen, jedoch wegen seines Glaubens auf die Macht und den Schutz der Magister verzichtete. In vielen Liedern werden sie schildern, wie er von Dämonen und Zweifeln gequält und von der Hexenkönigin selbst auf die Probe gestellt wurde, während zugleich die Führer seiner eigenen Kirche darüber debattierten, wie er sich am besten für ihre politischen Ziele einspannen ließe.

Und ganz zuletzt werden sie von der großen Schlacht singen, die noch bevorstand und die über das Schicksal des Zweiten Königtums – und der ganzen Menschheit – entscheiden sollte. Und jeder, der ihre Lieder hört, wird sich fragen, wie ein Prinz, der zuerst zum Mönch und dann zum König wurde, die Welt retten sollte, wenn ausgerechnet der Gott, den er anbetete, womöglich bereits von allem Anbeginn nach deren Zerstörung getrachtet hatte.

 

 

Prolog


Auf dem Schlachtfeld herrschte Stille.

Leichen bedeckten den blutdurchtränkten Boden, Leichen von Feinden, wie Liebende ineinander verschlungen. Tausende und Abertausende von Männern, die einst der Stolz ihres Landes gewesen waren – starke, treu ergebene Soldaten –, waren nur noch Aas. Der Tod hatte ihnen die Würde und ihrem Dasein den Sinn geraubt. Für wen sie gekämpft oder wie fest sie an ihre Sache geglaubt hatten – all das zählte nicht mehr. Die Raben, die sich über dem Schlachtfeld sammelten, kümmerten sich nicht um solche Feinheiten, die den Menschen so wichtig waren.

Colivar wanderte schweigend zwischen den Leichen dahin. Die Schlacht hatte ihm viel zu wenig Vergnügen bereitet. Damals, als das Spiel noch neu für ihn gewesen war, hatte es ihn in einen wahren Rausch versetzt, Menschen gegeneinander zu hetzen, doch inzwischen war er infolge der Gewohnheit längst abgestumpft.

Alle diese Männer waren seinetwegen oder wegen eines anderen Magisters gestorben. Natürlich hatten sie geglaubt, sie gäben ihr Leben für ihren König hin – oder für eine Sache, die ein solches Opfer wert war –, doch die Zauberer wussten es besser. Die Anführer, die zu diesem Kampf aufgerufen hatten, waren inzwischen längst tot und alle ihre Ratgeber ebenso. Vielleicht auch ihre Erben. Und es musste nicht unbedingt Colivars Gegner gewesen sein, der sie alle getötet hatte. Bei menschlichen Auseinandersetzungen dieser Größenordnung sammelten sich die Magister wie die Fliegen. Wie konnte man seine Macht eindrucksvoller unter Beweis stellen, als wenn man eine ganze Nation ins Chaos stürzte? Kaum ein Zauberer konnte dieser Versuchung widerstehen.

Der Gedanke an ein solches Kräftemessen brachte immer noch sein Blut in Wallung – dieser perverse Funke in seinem Innern würde wohl nie mehr erlöschen –, ließ aber seine menschliche Seele, dieses unerreichbare, tief verletzte Ding kalt. Ereignisse, die ihn einst in Ekstase versetzt hatten, vermochten dies nun nicht mehr. Bedeutete das, dass die alten Wunden endlich doch verheilten? War es ein Zeichen dafür, dass sein Menschsein, das der Wahnsinn vor so vielen Jahren in Stücke gerissen hatte, sich langsam wieder zusammenfügte? Oder waren die letzten Reste seiner geschundenen Seele lediglich im Begriff, an schierer Erschöpfung zugrunde zu gehen, zu verhungern in der gefühllosen Kälte seiner Existenz? Wenn ja, was würde aus ihm werden, wenn sie endgültig verschwänden? Wahrhaft unerfreuliche Fragen.

»Das muss ein Ende haben.« Die Stimme kam von hinten und riss ihn jäh aus seinen Tagträumen. »Und du weißt es.«

Die plötzliche Erkenntnis, dass ein anderer ihm so nahe war, weckte bei Colivar urtümliche Revierinstinkte. Während er sich blitzartig umdrehte, beschwor er genügend Seelenfeuer, um jeden Angriff abwehren – oder selbst angreifen zu können. So war er auf alles gefasst und konnte den Besucher in Ruhe taxieren. Dass es sich um einen Magister handelte, erkannte er auf den ersten Blick, wenn nicht an seiner Kleidung, so doch an seinem Auftreten. In Colivars Kopf johlte der Hass, primitive Gefühle schossen mit unwiderstehlicher Kraft durch seine Adern. Ein Feind! Schlag ihn in die Flucht! Und wenn er nicht fliehen will, dann reiß ihn in Stücke! Ein schwächerer Magister als Colivar hätte die Verbindung zu seinem menschlichen Ich in diesem Moment womöglich vollends verloren und sich wie ein Tier auf den Störenfried gestürzt. Es war noch nicht so lange her, seit er das letzte Mal einem Feind mit messerscharfen Zähnen die Kehle aufgerissen hatte, dass er vergessen hätte, wie sich das anfühlte. Er bemühte sich, die Flut tierischer Instinkte niederzukämpfen, hätte ihr aber zu gerne nachgegeben.

Doch endlich bekam er sich mit großer Anstrengung so weit in den Griff, dass er imstande war, wie ein Mensch zu sprechen. »Warum bist du gekommen?«, fragte er. Seine Stimme klang heiser und stockend, er erkannte sie kaum wieder. Nun, er führte zurzeit nicht viele Gespräche. »Was willst du?«

»Mit dir sprechen«, antwortete der Fremde ungerührt. Wenn diese Angriffslust auch in seinen Adern tobte, so merkte man es ihm nicht an. »Nichts sonst.«

Magister pflegten kaum persönliche Kontakte untereinander. Wenn sie dem Schülerdasein entwachsen waren und sich zu eigenständigen Persönlichkeiten entwickelt hatten, wurden die Revierinstinkte dafür zu stark. Jeder Zauberer ging seinen eigenen Weg, und wenn sich zwei solcher Wege kreuzten, begann ein heftiger Machtkampf, der manchmal Tausende von Morati das Leben kostete. Solche Rivalitäten hatten ganze Königreiche vernichtet, wenn Ritter und Fürsten Kriege um eine Sache führten, die sie für ihre eigene hielten, während sie in Wirklichkeit von den Zauberern gesteuert wurden und lediglich deren Revierkoller auslebten. Was die Morati glaubten, spielte ohnehin keine Rolle. Selbst wenn sie die Wahrheit gekannt hätten – sie hätten sich nicht wehren können.

Aber … jetzt war ein fremder Magister hier, in seinem Herrschaftsgebiet, und Colivar hatte tatsächlich dem Drang widerstanden, ihn auf der Stelle zu vernichten. Vielleicht hatte der jüngste Kampf dem Tier in ihm so viel von seiner Kraft geraubt, dass ein zivilisierter Umgang möglich wurde. Eine interessante Überlegung. Es mochte sich lohnen, ihr weiter nachzugehen.

Er resorbierte die Macht, die er beschworen hatte. Der Fremde wusste sicherlich, wie schnell er sie wieder verfügbar machen konnte, wenn es nötig werden sollte. »Sprich«, krächzte er.

Der andere war hochgewachsen, kräftig gebaut, mit feinen Fältchen um die Augen und einer Spur von Grau an den Schläfen. Das konnte bedeuten, dass er mit dreißig oder vierzig Jahren durch die Erste Translatio gegangen und von diesem Zeitpunkt an körperlich nicht weiter gealtert war. Es konnte allerdings auch heißen, dass er ein schlaksiger Junge oder auch ein verkrüppelter Greis gewesen war, der nun seine Macht dazu verwendete, sein Aussehen anziehender zu gestalten. Es gab keine Möglichkeit, sich Gewissheit zu verschaffen. Mithilfe von Zauberei das wahre Aussehen eines Magisters – sein wahres Alter oder andere Tatsachen – herausfinden zu wollen, galt als tödliche Beleidigung.

»Du hast gehört, was ich sagte.« Die ruhige, aber bezwingende Stimme eines Menschen, der weiß, dass er nicht laut zu werden braucht, um sich Gehör zu verschaffen. »Es muss ein Ende haben.« Eine scharfe, weit ausholende Geste, die das Schlachtfeld, Colivar und die ganze Welt jenseits davon einschloss. »Das alles.«

»Du meinst … der Krieg?«

»Ich meine das, was wir dazu beitragen. Unsere Exzesse. Die mörderische Gewalt. Den Preis, den die Morati-Welt für unseren maßlosen Egoismus bezahlt.«

Es zuckte um Colivars Mundwinkel. »Wir sollten also … rücksichtsvoller sein?«

»Nein. Lediglich pragmatischer.«

»Der Morati wegen?«

Die Augen des Fremden wurden schmal. »Einst gab es überall auf der Erde mächtige Königreiche. Was ist davon geblieben? Chaos und Barbarei. Kaum eine Erinnerung an die einstige Größe und keine Energie, um sie wiederherzustellen. Ist das die Welt, in der wir leben wollen?«

»Nicht wir waren es, die die Reiche des Ersten Königtums zu Fall brachten«, gab Colivar zu bedenken.

»Nein, aber wir verhindern ihren Wiederaufbau.« Die Augen des Fremden waren klar und glänzend, blassblau wie das arktische Eis. In Colivar erwachten schwache Erinnerungen an Dinge, die er lieber vergessen wollte. »Hast du nicht den Wunsch, die mächtigen Türme abermals aufragen zu sehen? Würdest du nicht gerne in einer Welt leben wie einst die Ersten Könige? Wir selbst, die wir uns vom Tod nähren, werden solche Wunder niemals schaffen, denn wir sind zu besessen von Zerstörungswut, zu geblendet von unserem triebhaften Hass aufeinander. Und in unserem Wahn reißen wir die Morati mit in die Tiefe. Bald wird in ihnen nichts mehr übrig sein, was zu wahrer Größe fähig wäre. Und das ist ein Verlust für uns alle.«

Wie anmaßend, dachte Colivar, einen anderen Magister wie ein Schulkind zu belehren! An einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit hätte ihn diese Überheblichkeit wütend gemacht. So wütend vielleicht, dass er seine Selbstbeherrschung vergessen hätte, und dann hätte dieses Gespräch in dem Blutbad geendet, nach dem das Tier in seinem Inneren so lauthals schrie. Doch nun regten sich andere Gefühle in ihm, Gefühle von beunruhigender Fremdartigkeit, die seine menschlichere Seite ansprachen. Und so ließ er nicht zu, dass das Tier die Oberhand gewann. Jedenfalls noch nicht gleich.

Was die Zukunft der Zivilisation anging, so hatte der Fremde natürlich recht. Kein Magister wusste das besser als Colivar. Er allein übersah das volle Ausmaß dessen, was die Menschheit verloren hatte. In einer Weise, die keiner der anderen vollends begreifen konnte, sehnte er sich nach jener alten Welt. Und er kannte das wahre Wesen der Magister gut genug, um sich darüber im Klaren zu sein, dass die Menschen solche Höhen nie mehr erreichen würden. Die Seelenfresser hatten einfach zu viel zerstört. Und danach waren die Magister gekommen. Von der ersten Heimsuchung mochte sich die Menschheit noch erholen, doch die zweite war weitaus schlimmer.

»Wir sind die Raubtiere«, sagte er schroff. »Nicht die Wärter.«

»Und was nützt uns diese Unterscheidung, wenn die Welt im Chaos versinkt? Denn sie ist auf dem besten Wege dazu, und das weißt du genau. Vielleicht verblutet sie nur langsam an den Wunden, die wir ihr bisher geschlagen haben, aber sie verblutet daran. Wir müssen die Blutung stillen, solange Heilung noch möglich ist. Sonst rinnt uns die ganze Welt durch die Finger, und wir werden sie mit allen unseren Zauberkräften nicht wiederherstellen können.«

»Du sorgst dich um die Morati«, provozierte Colivar sein Gegenüber. Nicht, weil er das dem Fremden wirklich unterstellte, sondern um das Tier in ihm zu reizen und ihn abzulenken. Einem Magister menschliches Mitgefühl vorzuwerfen, das galt als schwere Beleidigung. Er war neugierig, wie sein Gegenüber darauf reagieren würde.

Doch der andere verzog keine Miene. »Und du warst einmal bereit, für sie zu sterben, Colivar. Jedenfalls lässt sich das den Mythen entnehmen. Ist es wahr? Hat dir das Wohl der gewöhnlichen Sterblichen tatsächlich so viel bedeutet?«

Erinnerungen – echte Erinnerungen! – stiegen aus der Dunkelheit empor, in der er sie vor langer Zeit vergraben hatte. Sie waren vom Wahnsinn in Fetzen gerissen und jahrelang im Vergessen erstickt worden, aber trotz ihres elenden Zustandes gelang es ihnen, ihn bis in die Tiefen seiner Seele zu erschüttern.

Er wandte sich ab, um dem Fremden nicht in die Augen sehen zu müssen, und schaute über das Schlachtfeld. Die Raben hatten sich niedergelassen und begonnen, sich am Fleisch der Gefallenen gütlich zu tun. Einige der Soldaten waren noch gar nicht tot, jedoch so schwer verwundet, dass sie sich gegen die Vögel nicht wehren konnten. Colivar war sich bewusst, dass er diesen Raben näherstand als den Morati. Damit konnte er sich abfinden; das Tier in ihm ließ nichts anderes zu. Vor langer Zeit hatte er noch versucht, es zu verleugnen und sich vorzugaukeln, er wäre noch immer ein Mensch. Doch inzwischen war das Tier ein Teil seiner Seele geworden, er hatte sich ihm freiwillig unterworfen, und nun ließ es sich nicht mehr so leicht unterdrücken.

Wenn du wüsstest, wo die wahre Quelle deiner Macht liegt, dachte er, würdest du mir solche Fragen nicht stellen.

»Es mag einmal einen Moratus namens Colivar gegeben haben, dem diese Welt am Herzen lag.« Er bemühte sich, seine Stimme von allen Gefühlen frei zu halten, um den Fremden nicht merken zu lassen, welchen Sturm er mit seiner Frage entfacht hatte. »Vielleicht wäre er sogar bereit gewesen, sein Leben für sie zu geben. Aber dieser Mann ist tot.« Er wandte sich wieder dem lästigen Besucher zu. »Wir sind, was wir sind. Und alle Zauberei der Welt kann daran nichts ändern.«

»Nein.« Der andere nickte nachdrücklich, mit einer Ruhe, die Colivar rasend machte. War das innere Tier dieses Mannes schwächer als sein eigenes oder lediglich besser gezähmt? Er hatte sich immer gefragt, was die anderen Mitglieder seiner Bruderschaft empfanden. Waren ihre Kämpfe mit sich selbst weniger heftig, weil sie weiter von der Quelle entfernt waren als er? Oder konnten sie sie lediglich besser verbergen? »Zauberei kann nichts ändern.«

»Was dann?«

»Etwas, das mächtiger ist als Zauberei. Etwas, dessen Wert die Morati ironischerweise kennen … während wir ihn vergessen haben.« Er ließ Colivar kurz darüber nachdenken, und schließlich sagte er sehr leise: »Ein Gesetz.«

Colivar holte zischend Atem. »Was … meinst du damit? Kampfregeln?«

»Nein. Die gelten bloß für Kriegszeiten. Wir brauchen etwas Allgemeineres. Etwas Grundlegenderes. Etwas, das uns helfen kann, unsere niederen Instinkte zu zügeln, wenn sie übermächtig werden, sodass offene Kämpfe nicht mehr stattzufinden brauchen. Oder zumindest …« Ein spöttisches Lächeln umspielte seine Lippen. »… nicht mehr ganz so oft.«

»Wir sind keine Morati«, blaffte Colivar.

»Nein … aber das heißt doch nicht, dass wir nichts von ihnen lernen können. Durch ihre Rechtsnormen unterscheiden sich die Morati von den Tieren. Vielleicht könnten solche Normen das auch für uns leisten.«

Aber das Tier in einem Magister ist Teil seiner Seele, grübelte Colivar. Das konnte der Fremde natürlich nicht begreifen. Keiner von den anderen Magistern konnte das. Und er hatte nicht vor, es ihnen zu erklären. »Wie willst du diese Normen durchsetzen?«, wollte er wissen. Und bemühte sich, mehr auf die Worte des Fremden zu hören als auf die Erinnerungen, die sie heraufbeschworen. »Welche Autorität werden Magister deiner Meinung nach anerkennen?«

»Es wäre ein einvernehmlicher Beschluss erforderlich.«

Colivar war zunächst sprachlos. Dann stieß er hervor: »Ein Beschluss … dem wir alle zustimmen?«

Der Fremde nickte.

»So viel Einmütigkeit gäbe es nicht einmal bei den Morati.«

»Sind wir den Morati denn nicht überlegen?«

Colivar schüttelte fassungslos den Kopf. »Manch einer würde dich allein wegen eines solchen Vorschlags für verrückt erklären.«

»Während ich mich eher als pragmatisch bezeichnen würde.«

Wir sind nicht einmal fähig, mit unseresgleichen ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht zu führen, ohne dass die tierischen Instinkte die Herrschaft übernehmen. Was für ein Gesetz stellst du dir für unsere Bruderschaft vor? Und wie willst du die bestrafen, die es brechen?

Doch die Worte kamen ihm nicht über die Lippen. Denn der Vorschlag, so verrückt er war, schlug tief in seinem Inneren eine Saite an. Eine menschliche Saite. Und für einen Moment – einen Moment nur – schwieg das Tier in ihm, und er konnte plötzlich klar denken.

»War das deine Idee?«, stieß er endlich hervor.

Der Fremde schüttelte den Kopf. »Nicht allein. Doch nur wenige sind in so hohem Maße wie ich für Botendienste geeignet, deshalb habe ich diese Aufgabe übernommen. Sie erfordert …« Ein schwaches Lächeln spielte erneut um seine Lippen. »… ungewöhnlich viel Selbstbeherrschung.«

Angenommen, alle anderen würden sich zu diesem Projekt zusammenschließen, schoss es Colivar durch den Kopf, und ich wäre als Einziger dazu nicht fähig? Mit einem Mal wurde ihm schmerzlich bewusst, dass ihn eine tiefe Kluft von seinen Standesgenossen trennte. Wäre dieser Fremde mit seinem Angebot auch zu ihm gekommen, wenn er die Wahrheit über ihn wüsste? Würde er überhaupt wollen, dass Colivar sich an seinem Projekt beteiligte?

»Es wird sehr lange dauern«, wandte er ein.

»Mag sein. Aber Zeit haben wir schließlich mehr als genug, nicht wahr?«

»Und das letzte Ziel ist … was? Eine große Versammlung einzuberufen, damit wir in trauter Gemeinsamkeit ein Gesetzeswerk entwickeln können?« Er lachte rau. »Wir würden einander in Stücke reißen, bevor noch das erste Wort auf dem Papier stünde.«

»Aha.« Ein Lächeln – kalt und freudlos – huschte über das Gesicht des Fremden. »Hierin liegt nämlich der Unterschied zwischen dir und mir. Ich glaube, dass Magister ihre instinktive Blutgier überwinden können, wenn es gelingt, sie von der Notwendigkeit zu überzeugen. Und wenn der Wille stark genug ist, könnte es einigen von uns eines Tages sogar gelingen, sich wie zivilisierte Menschen zusammenzusetzen und Themen von gemeinsamem Interesse zu erörtern, ohne dass uns unsere niederen Triebe ins Handwerk pfuschen. Wäre das nicht ein erstaunlicher Fortschritt?«

»Und du glaubst wirklich, dass all das durch die Aufstellung von Regeln möglich wird?«

Der Fremde wurde ernst. »Die Macht dazu liegt nicht in dem Gesetz an sich, Colivar. Sondern darin, wie wir uns verändern müssen, um es einzuführen.«

In der Ferne krächzten die Raben. Irgendwo zwischen den Leichen stöhnte ein Sterbender. Colivar schloss die Augen und konzentrierte sich auf die Geräusche, um etwas Ruhe in den Sturm von Gefühlen zu bringen, der in seiner Seele tobte. Es war, als stünde er an einem Scheideweg und spähte ins Dunkel, um wenigstens in Umrissen zu erkennen, was vor ihm lag, und sich für einen Weg zu entscheiden. Doch beide Pfade waren in einen dichten Nebel gehüllt, der nichts preisgab. Man musste in blindem Glauben vorwärtsschreiten oder auf jeden weiteren Schritt verzichten.

Alles, was er über seine Kräfte – ja, über seine eigene Seele – zu wissen geglaubt hatte, wurde von diesem Mann infrage gestellt. Aber nur einmal angenommen, er wäre von falschen Voraussetzungen ausgegangen? Angenommen, die anderen Zauberer, in einer ruhigeren Zeit geboren, hätten eine klarere Vorstellung von ihren wahren Fähigkeiten? Angenommen, sie wären tatsächlich imstande, Veränderungen herbeizuführen?

Und er, die große Ausnahme unter allen Magistern, könnte an diesen Veränderungen nicht teilhaben? Ein erschreckender Gedanke, bei dem sich die empfindlicheren Teile seiner Anatomie in blankem Entsetzen ins Körperinnere verkriechen wollten.

Sollte dieser Wahnsinnsplan allerdings gelingen … dann eröffneten sich unglaubliche Möglichkeiten! Nicht bloß für ihre Gemeinschaft im Allgemeinen – falls man die Magister als Gemeinschaft bezeichnen konnte –, sondern auch, was seine eigenen inneren Kämpfe betraf.

Ich könnte wieder ein Mensch werden, dachte er staunend. Er hatte diesen Traum vor langer Zeit aufgeben müssen. Nun sah er sich aufgerufen, zu ihm zurückzukehren. Es war fast mehr, als er zu fassen vermochte.

Wieder hörte er einen Raben krächzen. Er schüttelte verwirrt den Kopf.

»Was willst du von mir?«, fragte er endlich.

Der Fremde hatte bislang keinerlei Gefühle gezeigt, doch jetzt entspannten sich seine Züge, und Colivar sah deutlich, dass er keineswegs sicher gewesen war, wie dieses Gespräch enden oder wer überleben würde, falls es in eine weniger zivilisierte Form des Umgangs münden sollte. »Nicht mehr als dein Eingeständnis, dass es den Versuch wert ist. Dass du nicht ablehnst, dich aktiv zu beteiligen, wenn die Zeit kommt, in die nächste Phase einzutreten. Natürlich kann niemand vorhersagen, wie viel wir erreichen … aber wir sind bereit, unser Bestes zu tun, und deine Unterstützung wäre uns sehr wichtig.«

Colivar zog eine Augenbraue hoch. »Komm mir nicht mit Schmeicheleien«, warnte er. »Das sind Morati-Tricks.«

Der Fremde zuckte mit den Schultern. »Dein Wort hat großes Gewicht bei unseresgleichen. Das ist keine Schmeichelei, sondern die reine Wahrheit.«

»Weil ich gefährlicher bin als die meisten anderen?«

»Weil du über mehr Wissen verfügst als die meisten andern.« Die Saphiraugen glitzerten. »Auch wenn du dieses Wissen fest in deiner Brust verschließt.«

Colivar holte tief Atem. In seiner Brust war lediglich die Seele eines Tieres eingeschlossen, und diese war ständig auf dem Sprung. Ob sich andere Magister wohl auch in diesem ewigen Kräftemessen zwischen ihrer menschlichen Hälfte und einem finsteren animalischen Herrn gefangen fühlten? Oder hielten sie ihre heftigen Revierinstinkte lediglich für entartete menschliche Emotionen? Fragen konnte er nicht; über solche Dinge wurde unter Magistern nicht gesprochen.

Er hatte ihre Unwissenheit immer als Schwäche angesehen. Aber vielleicht konnte sie ihnen Türen öffnen, die ihm durch sein eigenes Wissen um die Vergangenheit verschlossen blieben.

»Nun gut.« Colivar nickte steif. »Wenn die Zeit kommt und alle Magister diesem Kurs zugestimmt haben – wenn sie sich versammeln, um zu beschließen, was für ein Gesetz sie aufstellen wollen –, dann finde auch ich mich ein.« Ein schwaches Lächeln huschte über sein Gesicht. »Und ich werde mir gewissenhaft Mühe geben, sie nicht alle umzubringen.«

Der Fremde verneigte sich respektvoll. »Mehr können wir nicht verlangen.«

Damit wandte er sich zum Gehen. Das war auf seine Weise der größte Vertrauensbeweis, den ein Magister zu geben hatte. Er konnte nicht wissen, ob ihn Colivar von hinten niederschlagen würde, sobald er ihm den Rücken zukehrte. Dennoch ging er das Risiko bereitwillig ein. War es Optimismus, was ihn dazu trieb, oder Torheit? Oder beides?

»Warte«, sagte Colivar.

Der Fremde drehte sich um.

»Du kennst meinen Namen, aber deinen hast du mir nicht genannt.« Er zog eine Augenbraue hoch. »Willst du die Zusammenarbeit so beginnen?«

Die blauen Augen ruhten kalt auf ihm. Ein Name hatte Macht, auch wenn er nur in der Öffentlichkeit verwendet wurde. Und er wurde noch mächtiger, wenn man ihn unmittelbar von seinem Besitzer erfuhr. Nur wenige Magister würden sich zu einer solchen Geste bereitfinden.

Beweise mir, wie wichtig dir dieses Projekt ist, dachte Colivar. Beweise mir, wie weit du zu gehen bereit bist, um es zur Verwirklichung zu bringen.

»Ramirus«, sagte der Fremde. »Ich heiße Ramirus.«

Er wandte sich abermals zum Gehen. In der Ferne krächzten noch immer die Raben. Diesmal hielt Colivar ihn nicht zurück.

Über Celia Friedman

Biografie

Celia Friedman arbeitete zwanzig Jahre lang als Kostümdesignerin, bevor sie den Beruf an den Nagel hängte, um nur noch zu schreiben. Ihre Dark-Fantasy-Romane wurden mit zahlreichen Publikumspreisen ausgezeichnet. Celia Friedman lebt mit mehreren Katzen im nördlichen Virginia. Nach »Die...

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