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Die Seelenjägerin

Die Seelenjägerin

Roman (Magister-Trilogie, Band 1)

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Die Seelenjägerin — Inhalt

In einer Welt voller Gefahren und Geheimnisse kostet Magie einen schrecklichen Preis – den Tod. Jeder Zauber entzieht einer Seele das Feuer. Doch die dunklen Magister haben andere Wege: Sie nähren sich von der Lebensenergie hilfloser Opfer und sind dadurch fast unsterblich. Die Novizin Kamala aber ist anders – denn die einzige Frau unter den Magistern verfolgt ganz eigene Ziele. Ihr Weg führt sie an den Hof des Königs. Der Thronfolger ist von einer geheimnisvollen Krankheit befallen. Und der zwielichtige Gerion, neuer Berater am Hof, scheint mit Feinden im Bund zu stehen, die noch weitaus gefährlicher sind: den Seelenfressern, uralten Geschöpfen, die die Menschheit schon einmal an den Rand des Aussterbens gebracht hatten. Es obliegt Kamala, die Welt vor ihnen zu bewahren. Ein Epos voll düsterer Kraft, verbotener Magie und immer neuer Überraschungen.

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Erschienen am 10.12.2013
Übersetzt von: Irene Holicki
560 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98006-7

Leseprobe zu »Die Seelenjägerin«

Leseprobe

Prolog

Als Imnea erwachte, spürte sie, dass der Tod bereits auf sie wartete.

Sie hatte seine Spuren schon eine ganze Weile bemerkt: ein kalter Luftzug, der sich hartnäckig in den Ecken des Hauses hielt; Schatten, die durch die Fenster fielen, sich aber nicht mit der Sonne fortbewegten; ein eisiger Hauch, der sie streifte, als sie das kleine Mädchen der Hardings heilte, und sie noch Stunden später erschauern ließ.

Im Spiegel war nicht viel zu sehen. Natürlich nicht. Hexen alterten und starben nicht wie gewöhnliche Menschen. Bei ihnen verzehrte [...]

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Leseprobe

Prolog

Als Imnea erwachte, spürte sie, dass der Tod bereits auf sie wartete.

Sie hatte seine Spuren schon eine ganze Weile bemerkt: ein kalter Luftzug, der sich hartnäckig in den Ecken des Hauses hielt; Schatten, die durch die Fenster fielen, sich aber nicht mit der Sonne fortbewegten; ein eisiger Hauch, der sie streifte, als sie das kleine Mädchen der Hardings heilte, und sie noch Stunden später erschauern ließ.

Im Spiegel war nicht viel zu sehen. Natürlich nicht. Hexen alterten und starben nicht wie gewöhnliche Menschen. Bei ihnen verzehrte sich das innere Feuer schneller, so als hätte man den gesamten Holzvorrat für den Winter auf einmal hineingeworfen. Die Flamme loderte gewaltig auf, doch sie brannte auch allzu rasch nieder und wurde schließlich von der eigenen Asche erstickt.

Wann hatte das Sterben begonnen? Schon in ihrer Jugend, als sie erstmals entdeckte, dass sie zu ungewöhnlichen Dingen – kleinen Wundern, kaum der Rede wert – fähig war, oder erst später? Hatte der Tod ein Auge auf sie geworfen, als sie mit dem naiven Entzücken des Kindes winzige Feuerfünkchen über das Fensterbrett tanzen ließ (Ihre Mutter hatte sie hart dafür bestraft!), oder erst dann, als sie gezielt in die Tiefen ihrer Seele vordrang, um aus jenem Urquell spiritueller Macht, den die Mystiker das Athra nannten, Kraft zu schöpfen und sie ihrem Willen zu unterwerfen? Wann und wo war der Bund mit dem Tod geschlossen und womit war er besiegelt worden? Mit der Heilung des Atkins-Jungen? Mit dem Regen, den sie nach der Großen Dürre von ’92 beschwor? Mit dem Tag, an dem sie Dirums Bein vom Wundbrand säuberte und ihm damit eine Amputation ersparte?

Sie war fünfunddreißig Jahre alt und sah viel älter aus.

Und sie fühlte sich wie eine Achtzigjährige!

Bald, raunte der Tod aus dem Wispern der Schneeflocken. Bald …

Mit einem Seufzer schob sie einige Scheite in den Herd und stocherte in der fast erloschenen Glut, um ihr ein wenig Wärme zu entlocken. Mehr als ein Jahr war vergangen, seit sie die Gabe zum letzten Mal eingesetzt hatte. Sie hatte gehofft, wenn sie damit aufhörte, würde ein Teil ihrer Kraft zurückkehren. Die inneren Energien, die das Athra überhaupt entstehen ließen, konnten es doch sicherlich auch wieder stärken, wenn man ihm keine Kraft mehr entzog. Doch selbst wenn das stimmte, wie viel von ihrem Leben mochte sie bereits verbraucht haben? Jedes Mal, wenn sie mit ihrer Zauberei ein Kind geheilt, einen Dämon ausgetrieben oder ein Feld gesegnet hatte, um es vor dem Einfall von Heuschrecken zu bewahren, hatte sie die dazu benötigte Energie dem Vorrat ihrer eigenen Lebenskraft entnommen. Und dieser Vorrat war nicht unbegrenzt, das wussten alle Hexen und Hexer. Ebenso wie sich die Kräfte des Körpers mit der Zeit erschöpften, verzehrten sich auch die Feuer des Geistes, bis sie nur noch schwelten und schließlich vollends erloschen. Verwendete man das Brennmaterial nicht nur dafür, selbst am Leben zu bleiben, dann ging das Feuer eben entsprechend früher aus.

Doch wie konnte man die Gabe der Heilung besitzen, ohne sie einzusetzen? Wie konnte man zusehen, wenn ein Kind blau anlief, ohne ihm die Lungen frei zu machen und es ins Leben zurückzuholen, auch wenn man für die Tat mit kostbaren Minuten des eigenen Lebens bezahlen musste?

Anfangs hatten ihr solche Minuten nicht viel gegeben. Was versteht ein junger Mensch von der Zeit, besonders, wenn ihm die Energie in den Adern brodelt und nach Ausdruck drängt? Wenn einem endlich zu Bewusstsein kam, dass Minuten sich zu Stunden fügten, aus Stunden Tage wurden und aus Tagen Jahre … klopfte der Tod bereits an die Tür.

Keine Hexerei mehr, hatte sie sich vor einem Jahr geschworen. Die Zeit, die ihr noch blieb, sollte ihr allein gehören. Sie hatte im Dorf bekannt gegeben, sie könne keine Heilungen mehr vornehmen, und damit basta. Mochten die Leute sie dafür hassen. Sie würden ihr schlecht vergelten, was sie jahrelang für sie getan hatte, aber es würde sie nicht wundern. Bei Opfern, die andere zu bringen hatten, erwies sich die menschliche Natur oft als bemerkenswert undankbar.

Es hatte schon angefangen. Das Gerede war bis zu ihr gedrungen. Inzwischen starb jedes Kind, das die Pocken dahinrafften, durch ihre Untätigkeit. An jeder tödlichen Verletzung trug ihre Herzlosigkeit die Schuld. Auch wenn Krankheiten und Verletzungen ein Teil des Lebens waren und man nur mit kostspieligen Wundern dagegen ankämpfen konnte. Auch wenn sie zwei Jahrzehnte lang ihre eigene Lebensenergie verbraucht hatte, um solche Wunder zu wirken. Auch wenn ihr jetzt gerade deshalb der Tod im Nacken saß. In diesem letzten Jahr hatte sie alle Bittsteller abgewiesen, und nur das zählte.

Die menschliche Natur.

Sie beugte sich tief über das Feuer und verdrängte die Frage, die sich alle Hexer und Hexen am Ende stellten. War es das wert? Dieses Zwiegespräch mit sich selbst barg zu viele Gefahren. Beantwortete man die Frage mit Nein, dann verdarb man sich die letzten Tage mit Reue und Bedauern. Lautete die Antwort Ja, dann war man ganz allein schuld an seinem Tod.

Ein Klopfen riss sie jäh aus ihren Gedanken. Wer in aller Welt suchte sie auf in diesen letzten Tagen, obwohl sie doch vom ganzen Dorf wie eine Aussätzige gemieden wurde?

Sie erhob sich und öffnete die schwere Eichentür. Draußen standen zwei Gestalten im trüben Licht des Wintertages. Sie brauchte nicht zu fragen, was sie wollten. Die eine hielt ein kleines Bündel in den Armen, der Größe und der Form nach ein Kind, in ein Tuch gehüllt. Imnea spürte, wie Empörung und Schuldbewusstsein ihr Herz durchbohrten wie ein sengender Pfeil.

Reicht es denn nicht, euch auf dem Marktplatz, im Tempel und auf offener Straße abzuweisen? Müsst ihr mit euren Kranken bis vor meine Tür kommen, um euch fortschicken zu lassen?

Am liebsten hätte sie den Bittstellern die Tür vor der Nase zugeschlagen, aber alte Gewohnheiten waren zäh, und sie war ihr Leben lang gastfreundlich gewesen. Murrend trat sie beiseite und ließ die beiden eintreten. Im schwachen Schein des Herdfeuers betrachtete sie sie genauer: eine hoch gewachsene hagere Frau von bäuerlichem Schlag, die sicherlich schon bessere Tage gesehen hatte, und ein junges Mädchen, das kaum weniger heruntergekommen aussah. Eine von der Sorte, die man heilte und nach Hause schickte, obwohl man wusste, dass sie dem Tod geweiht waren und vielleicht schon im nächsten Jahr am Hunger, an Misshandlungen oder an einer der anderen tausend Ursachen sterben würden, gegen die man mit keiner Hexenkunst etwas ausrichten konnte. Das Mädchen hatte einen harten Zug um den Mund, als hätte es bereits die verwesende Rückseite der Welt gesehen und sich an ihren Gestank gewöhnt; erschreckend bei einem so jungen Menschen. Die Frau wirkte lediglich … verzweifelt.

»Mutter«, begann sie ehrerbietig, »verzeih, wenn wir dich stören …«

»Ich heile nicht mehr«, sagte Imnea kurz. »Ihr könnt eine Tasse Tee bekommen, um euch aufzuwärmen, bevor ihr wieder geht, und vielleicht findet sich auch noch ein Stück Brot. Aber mehr habt ihr nicht zu erwarten.«

Sie rechnete damit, dass die Frau zu feilschen anfangen würde, und hatte sich darauf vorbereitet. Die Götter wussten, dass sie solche Szenen schon hundert Mal erlebt hatte. Doch die Frau sagte nichts, sie schlug nur kurz eine Ecke des Tuchs zurück, in das sie ihr Kind gewickelt hatte. Die leuchtend grünen Pusteln auf dem fieberheißen Gesichtchen sprachen Bände.

Die Grüne Pest. Imnea war ihr erst einmal begegnet, vor vielen Jahren. Nachdem sie ein halbes Dorf dahingerafft hatte. Damals hatten sich alle Hexen und Hexer zusammengetan – ein Ereignis so selten wie der Rote Mond, der ihre Bemühungen von oben verfolgt hatte –, um die Seuche nicht nur aus einem Haufen Leichen, sondern aus dem ganzen Dorf auszubrennen. Irgendwann in grauer Vorzeit war die Grüne Pest angeblich über das ganze Land gefegt und hatte zwei Drittel der Bevölkerung getötet. Dazu war es in diesem Fall nicht gekommen. Vielleicht war es den Hexen und Hexern gelungen, die Seuche aufzuhalten. Vielleicht fanden die Götter, als sie sahen, wie viele Angehörige des Hexenvolks Jahre ihres eigenen Lebens opferten, um ihre Mitmenschen zu heilen, es sei an der Zeit, ein einziges Mal Gnade walten zu lassen. Oder der Tod war so sehr mit all den Angeboten beschäftigt, die ihm die Hexen und Hexer in jener Nacht machten, dass er darüber vergaß, die Krampfseuche weiter zu verbreiten.

Imnea brauchte den Jungen nicht zu berühren, um zu wissen, dass er Fieber hatte. Sie brauchte auch nicht in die Zukunft zu schauen, um zu sehen, welches Leid ihn erwartete, wenn der Seuche nicht Einhalt geboten würde. Es war ein grausamer Tod.

»Ich heile nicht mehr.« Es klang nicht wirklich überzeugend. Verdammt, warum mussten sie das Kind auch hierher bringen, in ihr Haus?

»Du hast die Gabe. Die Leute sagen, du hättest diese Krankheit schon geheilt.«

»Aber jetzt nicht mehr. Es tut mir leid. Es ist eben so«, stieß die Hexe hervor. Jedes Wort versengte ihr die Kehle wie ein glühendes Messer. Konnte die Frau denn nicht begreifen, welchen Preis sie für eine solche Heilung bezahlen müsste?

Wer gibt dir das Recht, mein Leben zu fordern?

Bald würden die Zuckungen anfangen, schreckliche Krampfanfälle, bei denen der Kleine nach Wasser schreien, aber alles erbrechen würde, was man ihm einflößte. Dieser Zustand würde tagelang anhalten, wenn ihn die Angehörigen nicht von seinem Elend erlösten. Und das würden sie nicht tun. Sie würden beten und Opfer bringen, und sie würden die Götter anflehen, diesen Jungen doch bitte, bitte zu einem der wenigen zu machen, die stark genug waren, die Pest zu besiegen. Er würde also leiden, tagelang, unaufhörlich von Qualen geschüttelt, bis nur noch eine vertrocknete, längst von der menschlichen Seele verlassene Hülle übrig wäre, die unhörbar um die letzte Gnade flehte.

Und andere würden folgen. Früher oder später das ganze Dorf. Wenn sich die Krankheit weit genug ausbreitete, erfasste sie vielleicht sogar Gansang. Wo sich die Grüne Pest einmal eingenistet hatte, gab es nur wenig, was sie aufhalten konnte.

Der Kleine befand sich noch im Frühstadium. Wenn sie ihn heilte, solange er noch niemanden angesteckt hatte, bliebe das Dorf verschont.

Imnea wandte sich ab und schürte das Feuer. Das letzte Scheit wollte nicht anbrennen. Die Glut drohte zu erkalten.

»Bitte«, flüsterte die Mutter.

Kein Bestechungsversuch. Keine Drohung. Kein Versprechen. Dagegen hätte Imnea sich wehren können. Stattdessen diese schlichte, von Herzen kommende Bitte, die nichts von alledem war und doch alles in sich vereinigte. Ihr Gewissen stach wie mit tausend glühenden Nadeln.

Ich sollte ihr ein Messer geben und sie auffordern, ein Ende zu machen. Es wäre das Beste für den Jungen. Wenn sie ihn tötet, ohne mit den Körperflüssigkeiten in Berührung zu kommen, wird sich die Seuche vielleicht nicht ausbreiten.

Mit einem Seufzer drehte sie sich wieder um. Die beiden Dörfler hatten zumindest Anspruch darauf, dass sie ihnen ins Gesicht schaute, wenn sie ihre Hoffnungen zerstörte. Doch diesmal begegnete sie nicht dem Blick der Frau, sondern dem des Mädchens. Was für unglaublich klare Augen, trotz der dunklen Schatten von der Form schwarzer Halbmonde, die Hunger und Not daruntergelegt hatten. Die Iris grün und mit Gold gesprenkelt wie mit Feenstaub. Was ihren Blick so zwingend machte, war allerdings weder ihre Farbe noch ihre Klarheit, sondern etwas anderes, Unerklärbares … etwas, das in diesem schummrigen Raum jedoch ebenso fehl am Platz schien wie ein funkelnder Stern.

Ein Blick von solcher Tiefe – ungewöhnlich für ein so junges Ding. Imnea überlegte, ob sie wohl die Gabe hätte … aber nur einen Moment. Sie hatte keine Zeit, um sich mit der Gabe zu beschäftigen, und schon gar nicht, um die Anlagen eines Kükens zu beurteilen, das wahrscheinlich lange, bevor es einen passenden Lehrer gefunden hätte, in der Gosse von Gansang an Hunger und Kälte krepieren würde.

Vielleicht war es dieser Gedanke, der an ihrem Herzen riss wie an einer Harfensaite. Vielleicht war es die Erinnerung an ihre eigenen Schüler, an die Kinder, die sie geboren hatte, und an all die Menschen, die sich in ihrem fünfunddreißigjährigen Leben an sie gewandt hatten, um Heilung, Rat oder einfach Trost zu erbitten. Vielleicht hatte es mit ihrer Gabe zu tun, dass sie jetzt ihre Stimmen hörte, Stimmen, die sie anflehten, dieser Frau zu helfen … aber vielleicht spielte ihr auch nur der Tod einen Streich. Vielleicht wollte er sie zur Eile drängen, um nicht zu spät zu seiner Verabredung mit der nächsten Hexe auf seiner Liste zu kommen.

Fahr doch zur Hölle, dachte sie. Mein Leben kannst du haben, darüber kann ich verfügen, aber diesen Jungen bekommst du nicht. Noch nicht.

»Gib ihn mir«, sagte sie mit einer Stimme so kalt und hart wie das Eis des Winters.

Das Bündel wurde ihr wortlos in die Arme gelegt. Sie spürte, dass es viel zu leicht war, es bestand hauptsächlich aus Stoffschichten. Das Kind war ohnehin nicht groß gewesen, und der erste Ansturm der Pest hatte ihm wohl noch das letzte Fleisch von den Knochen gezogen. Ihre eigenen Knochen protestierten, als sie den kleinen Körper zurechtrückte. Armes Kind, armes Kind, wenn du überlebst, kannst du wenigstens die anderen Kranken pflegen. Ein kleiner Trost.

Sie schloss kurz die Augen. Ruhe finden, allen Mut zusammennehmen, die vielfältigen Schmerzen ihres vorzeitig gealterten Körpers in den Hintergrund drängen, damit der Verstand die Oberhand gewinnen konnte. Zumindest den hatten ihr die Götter noch gelassen.

Ich wollte ohnehin kein weiteres Pestjahr erleben, sagte sie sich. Eine solche Zeit des Grauens sollte für jeden genug sein.

Sie summte leise vor sich hin, um ihre Hexenkräfte zu sammeln. Die Frau und das Mädchen beobachteten ihre Vorbereitungen wie gebannt. Wenn sie ihnen nur zeigen könnte, was sie fühlte! Wenn sie nur mit einem anderen Menschen – ganz gleich, mit wem – den Schmerz und die Freude, die Angst und den Triumph teilen könnte, die in einem magischen Werk beschlossen waren. Jemanden zu finden, der verstand, was die Gabe war, wie teuer sie für ihren Einsatz bezahlen musste, das hätte alles aufgewogen. Denn ein solcher Mensch wüsste auch ihr Opfer zu würdigen. Er würde sie lieben für das, was sie aufgegeben hatte, anstatt sie zu hassen, weil sie so oft versagt hatte.

Als endlich alles bereit war, die Musik, der Raum – das Kind und die Mutter, die Zeit, die Nacht draußen und die ganze Welt –, tauchte sie hinab in die Tiefen ihres Ichs, bis sie das Herz ihrer Macht gefunden hatte. Wo die Flammen in ihrer Jugend so hell aufgelodert hatten, glomm das Seelenfeuer nur noch schwach, erbärmlich schwach. Ihre Seele war uralt und nahezu erschöpft. Sie hätte kein weiteres Jahr mehr durchgehalten, sagte sie sich. Und der Hass des ganzen Dorfes hätte dieses Jahr kalt und einsam gemacht.

Bist du sicher?, flüsterte der Tod ihr ins Ohr. Ganz sicher, Imnea? Diesmal gibt es kein Zurück.

»Fahr zur Hölle«, antwortete sie ebenso leise.

Die Lebenswärme ihrer Seele erfüllte ihren Leib und vertrieb die Kälte der Winternacht. Dann strömte sie nach außen und drang in den Jungen ein. Rein und klar, ein heilendes Geschenk. Sie schloss die Augen und verfolgte mit den übrigen Sinnen, wie die Wärme den schwindenden Lebensmut des Jungen stärkte, seinem Athra neue Kräfte spendete und es auf ein Ziel ausrichtete. Der Kleine schrie auf, als das Feuer durch seine Adern floss, aber weder Mutter noch Tochter zuckten zusammen.

Die Seuche hatte sich an tausend Stellen eingekrallt und war fest in seinem bisschen Fleisch verankert. Imnea zog Energie aus ihrem eigenen Athra, bündelte sie mit der Seele des Kindes und brannte alle Herde aus. Für manche Hexen war eine Krankheit wie ein Lebewesen, das sich wehrte, wenn man es töten wollte; sie selbst sah eher tausend oder zehntausend solcher Lebewesen, die entweder zurückschlugen, sich tarnten oder sich tief im Fleisch vergruben. Wenn man sie nicht alle ausfindig machte, kehrte die Krankheit später mit neuer Kraft wieder. Wie viel von ihrer Lebenskraft mochte sie in den ersten Jahren vergeudet haben, bevor sie diese Lektion gelernt hatte?

Das Scheit im Herd war nicht angebrannt; das Feuer war am Erlöschen. Die Kälte des Winters kroch in die Hütte und in ihre Knochen, aber sie tat nichts dagegen. Um ihren Leib zu wärmen und den Jungen zu heilen, reichten ihre Kräfte nicht mehr. Ohnehin hätte keine vernünftige Hexe ihre Gabe darauf verschwendet, sich warm zu halten … solange sie noch Holz zu verbrennen hatte. Für Alltagsarbeiten war die Gabe zu kostbar. Leider hatte sie das in der Jugend ihres Hexenlebens noch nicht begriffen! Bei der Erinnerung an die hundertundein überflüssigen kleinen Zaubertricks, an all die Kunststücke, die sie zu ihrem Vergnügen aufgeführt hatte, um Aufmerksamkeit zu erregen oder sich das Leben zu erleichtern, kroch ihr eine Träne über die Wange. Wie viel Zeit käme wohl zusammen, wenn sie all das rückgängig machen könnte? Würde sich ihr Leben um eine Woche verlängern, vielleicht gar um ein Jahr?

Jetzt ist es zu spät, flüsterte der Tod.

Sterben. Sie starb. So fühlte es sich also an, wenn die Glut der Seele erlosch. Sie spürte, wie die letzten Fünkchen ihres Athra kraftlos flackerten. Nur noch so wenig Energie. Wie viel Zeit? Lediglich Minuten, oder am Ende eine ganze Stunde, in der sie sich fragen konnte, ob sie richtig gehandelt hatte?

»Es ist vollbracht«, sagte sie leise.

Die Mutter beugte sich nieder, um ihr den Jungen abzunehmen, doch als sie sein Gesicht sah, zögerte sie. »Er sieht noch genauso aus wie vorher.«

»Seine Seele ist rein. Die Pusteln trocknen in ein bis zwei Tagen aus. Dann ist er über den Berg.«

Wenn allerdings du, seine Mutter … wenn auch du die Krankheit hast, dann gibt es leider niemanden mehr, den du um den gleichen Gefallen bitten könntest, sobald die ersten Anzeichen sichtbar werden …

Sie wollte aufstehen, um die Besucher zur Tür zu begleiten. Die Pflichten der Gastfreundschaft. Aber ihre Beine versagten ihr den Dienst, und ihr Herz … ihr Herz quälte sich so unsicher und stockend von Schlag zu Schlag, als hätte der Trommler, der ihm fünfunddreißig Jahre lang den Takt vorgegeben hatte, unvermittelt die Schlegel aus der Hand gelegt.

Sie fror. Es war so kalt.

»Mutter?«

Die Augen der Tochter ruhten auf ihr. Ein tiefer, hungriger, unerschütterlich entschlossener Blick, der das Wissen aufsog, als wäre es Brennstoff für ihre Seele. Da siehst du, Kind, wozu die Gabe fähig ist und was dich erwartet, wenn du sie einsetzt. Kein Staunen war in diesem Blick, auch keine Angst … nur diese Gier.

Vergiss diese Lektion niemals, mein Kind. Denke daran, wenn die Gabe dir winkt. Nun kennst du ihren Preis.

»Komm, Kind.« Die Stimme der Mutter war kaum zu vernehmen. Imneas Gehör wurde schwächer, die Welt verlor an Substanz, zerfiel in Geraune, Windesrauschen und Schatten. »Wir müssen gehen.«

Bist du bereit?, flüsterte der Tod.

Noch einmal klammerte sich Imnea an das Leben. Einen einzigen Moment lang wollte sie noch die Träume auskosten, von denen sie sich hatte leiten lassen … und denen nachtrauern, die unerfüllt geblieben waren.

Dann flüsterte sie: Ja. Die Stimme ohne Klang. Ja, ich bin bereit.

Im Herd knisterten die letzten Fünkchen, dann erlosch die Glut. Dunkelheit senkte sich über den Raum.

Der Anfang

 

Kapitel 1

Wenn auf dem Königsplatz Markt gehalten wurde, herrschte immer viel Betrieb, doch an diesem Tag war das Gedränge derart groß, dass man kaum von einem Ende des Platzes zum anderen gelangen konnte, ohne von den Massen schier erdrückt zu werden. Die einen behaupteten, das läge am schönen Wetter, kaum ein Wölkchen am Himmel, ein herrlicher Frühlingstag, der förmlich dazu einlüde, den Ernst des Winters abzulegen und von diesem oder jenem sommerlichen Schlemmermahl zu träumen, während man das Obst betastete und die Hühner befühlte. Andere führten den Zustrom darauf zurück, dass die Ernte im letzten Jahr so reich ausgefallen war, deshalb hätten die Bauern viel zu verkaufen und ihre Frauen hätten Geld in den Taschen, um fremdländische Leckereien zu erstehen.

Manche nannten auch ganz andere Gründe.

Der Fremde stand lange am Rand der Menge und beobachtete sie mit geschultem Blick. Er war größer als die meisten Einheimischen, ein hagerer Mann mit pechschwarzem, schulterlangem Haar und ebenso schwarzen Augen. Seine adlerhaft scharfen Züge und der olivfarbene Teint kündeten von fremden Gestaden und buntgemischter Herkunft. Etliche Frauen drehten sich nach ihm um, als er sich endlich ins Gewühl stürzte, und das war auch nicht verwunderlich. Mit seiner hohen, schlanken Gestalt und den geschmeidigen Bewegungen hatte er die Frauen von jeher angezogen.

Er trug ein schlichtes schwarzes Hemd und schwarze Kniehosen und sah aus wie ein Bauer im Sonntagsstaat oder wie ein Adeliger, der genug davon hatte, sich nur seines Ranges wegen unter überflüssigen Kleidungsschichten zu vergraben. Doch ein rascher Blick auf seine – peinlich sauberen – Fingernägel, und die ›Bauern‹-Theorie war widerlegt. Eine Näherin mochte feststellen, dass das Hemd aus ungewöhnlich feinem Stoff gemacht war, aber selbst dafür bedurfte es eines kundigen Auges, und der Schnitt seiner Garderobe war nicht elegant genug, um übertriebene Aufmerksamkeit zu erregen.

Auch Bauern trugen bisweilen Schwarz.

Es gab Stimmen, wonach sich die vielen Menschen nicht auf dem Königsplatz zusammengefunden hätten, um den neuesten Klatsch zu hören, ihrer Arbeit nachzugehen oder auf dem Markt ganz banal ihre Einkäufe zu erledigen, sondern einfach, um dabei zu sein. Denn heute, so wurde getuschelt, sollte ein Magister aus Anchasa mit großem Gefolge im Palast eintreffen, und nur über den Königsplatz konnte das gemeine Volk nahe genug an die Haupttore herankommen, um Zeuge dieses Schauspiels zu werden.

Anchasa. Wie viele von den hier versammelten Männern mochten in den großen Kriegen gegen das Reich im Süden gekämpft, wie viele von den Frauen mochten um den Vater, den Gatten, den Sohn getrauert haben, der dabei gefallen war? Zwar herrschte nun schon seit Jahren ein unsicherer Frieden, aber die beiden Völker waren sich noch immer nicht grün, und all die Klatschmäuler, die so eifrig die Nachricht vom Besuch des Magisters aufgenommen und weiterverbreitet hatten, konnten beim besten Willen keinen Grund für dieses außergewöhnliche Ereignis nennen. Jedenfalls musste man – sogar als Magister! – fast schon lebensmüde sein, um sich, nur unter dem Schutz einer kurzen Waffenruhe in einem seit Ewigkeiten lodernden Konflikt, mitten ins Herz des feindlichen Reiches zu wagen.

Der Fremde warf einen Blick über die Menge und studierte sie wie ein Förster, der sich mit den Verhaltensweisen fremder Tiere vertraut machen wollte. Ein Schwarm junger Mädchen in der Tracht von Hausdienerinnen zog an ihm vorbei, die blanken Augen musterten ihn neugierig, ja kokett. Er lächelte, worauf das Gekicher noch lauter wurde. Diese … Tiere waren immerhin berechenbar.

Er nahm eine Frucht von einem Wagen und wollte schon hineinbeißen, doch dann sah er, dass sie angeschlagen war, und legte sie zurück. Seltsamerweise fand die Frau, die sie als nächste aufhob, keinen Schaden daran.

Beim Schmied hatte der Wind das Feuer fast ausgeblasen, das Zelt war voller Rauch. Als der Fremde vorüberging, drehte sich der Wind, und bald war die Luft wieder klar.

Ein Huhn, das eben geköpft werden sollte, starb einen Augenblick, bevor die Klinge seinen Hals traf, was ihm sowohl die Todesangst wie auch die Schmerzen ersparte.

Die grässlich verstimmte Mandoline eines Spielmanns fand ihren Wohlklang wieder.

Ein kindlicher Taschendieb stolperte und stürzte zu Boden, woraufhin seine Beute, für alle sichtbar, durch den Schmutz rollte.

Eine Frau, die noch am Morgen, ohne es zu ahnen, den Keim einer tödlichen Geschwulst in ihrer Brust getragen hatte, war davon befreit, als sie am Abend nach Hause zurückkehrte.

Nach einer Weile gelangte der Fremde zu einem Zelt, das abseits von allen anderen stand. Vom Gestänge hingen viele Glücksbringer, die im Wind wie Äolsharfen klirrten, ein kleines buntes Schild lud die Besucher ein, ins Innere zu kommen, um sich bei einer ›echten Hexe‹ Rat zu holen. Der Fremde zögerte kurz und überlegte, dann duckte er sich und schlüpfte durch die niedrige Klappe. Dichte Weihrauchschwaden durchzogen den kleinen Raum mit den reich bestickten Überwürfen und den vielen Teppichen. Hinter einem niedrigen Tisch saß eine Frau auf seidenen Kissen, die ebenso wie das Tischtuch mit Monden und Sternen geschmückt waren. Billige Effekthascherei. Sie hatte einen Stapel Karten vor sich liegen, eine Kugel aus trübem Kristall und ein Häufchen Runensteine.

»Soll ich für Euch in die Zukunft schauen?«, fragte sie ihn.

»Kommt darauf an«, sagte er. »Bist du wirklich eine Hexe oder spielst du nur Theater?«

Sie lächelte. Sie war noch jung – jedenfalls sah sie so aus – und hatte sich in einen Schneidezahn einen Goldsplitter einsetzen lassen. »Nun, das hängt davon ab, wie viel Ihr mir bezahlt.«

Er fasste in seine Tasche, zog so nachlässig eine Handvoll Münzen heraus, als kenne er ihren Wert nicht, und warf sie vor ihr auf den Tisch. Das Gold glitzerte im Schein der Lampe und in den Strahlen der Nachmittagssonne, die durch den Zelteingang fielen. Der Frau stockte der Atem, und der Fremde musste unwillkürlich lächeln. Eigentlich sollte eine so vollendete Schauspielerin Wert darauf legen, sich ihre Überraschung nicht anmerken zu lassen.

»Ist das genug für einen echten Blick in die Zukunft?«

Sie schaute zu ihm auf, als suche sie in seinen Zügen nach Verständnis für ihre Lage. An einem anderen Tag hätte er ihr die stumme Bitte vielleicht erfüllt, aber heute war er darauf bedacht, alle Hexenkünste von sich abgleiten zu lassen wie Wasser von ölgetränktem Stoff.

»Was wollt Ihr wissen, Herr? Und legt Ihr Wert auf ein bestimmtes Medium?«

Das Zubehör, die Utensilien … waren sie nur Teil der Komödie, oder dienten sie ihr wirklich dazu, ihre Kräfte zu bündeln? Einige der heimischen Hexen glaubten tatsächlich, nur mit solchen Hilfsmitteln auf ihr eigenes Seelenfeuer zugreifen zu können. So viel Unwissenheit versetzte ihn immer wieder in Erstaunen.

»Du kannst verwenden, was immer du willst. Und meine Frage lautet …« Er schaute durch den Zelteingang hinaus auf den Markt, wo die Leute aufgeregt schwatzend durcheinanderliefen. »Wie wird diese Stadt ihren fremden Gast aufnehmen? Wird man ihn aufrichtig willkommen heißen? Oder hat er eher mit einem unfreundlichen Empfang zu rechnen?«

Die Hexe hatte nach den Karten gegriffen, wie um sie auszulegen, doch als seine Worte durch die warme, weihrauchgeschwängerte Luft schwebten, zog sie die Hand wieder weg, lehnte sich zurück und sah ihn lange an.

»Ihr wisst, dass ich Euch diese Frage nicht beantworten kann«, sagte sie endlich. »Falls der König versteckte Absichten hegen sollte, werden solche Geheimnisse von seinen Magistern gehütet, und deren Schutzzauber sind mit allen Karten und Kristallen der Welt nicht zu überwinden. Und selbst angenommen, ich wäre tatsächlich in die Geheimnisse eingedrungen … glaubt Ihr, ich könnte mich in dieser Stadt noch lange halten, wenn ich sie für eine Handvoll Münzen an einen Fremden verkaufte?« Sie schob die Goldstücke über den Tisch. »Ich bedaure. Bitte nehmt Euer Geld zurück.«

Er sah den Hunger in ihren Augen. Sie wollte die Wahrheit wissen, wagte aber nicht zu fragen. Das erlebte er immer wieder, wenn er auf Hexen oder Hexer traf. Sie ahnten, wer er tatsächlich war, aber sie vertrauten ihren eigenen Instinkten nicht genug, um ihre Ahnungen auch in Worte zu fassen.

»Loyalität verdient ihren Lohn«, sagte er ruhig. »Du kannst es behalten.«

Ohne ein weiteres Wort verließ er das Zelt. Er war überzeugt, dass sie ihre Karten wieder aufnehmen und nach ihm befragen würde, sobald er außer Sichtweite war. Diesmal hinderte er sie nicht daran, die Antworten zu finden. Wenn sie kostbare Augenblicke ihres Lebens darauf verschwenden wollte, in Erfahrung zu bringen, wer und was er war, wie käme er dazu, dieses Opfer fruchtlos zu machen?

Zum anderen Ende des Platzes hin gab es eine Fläche, wo man den Händlern verwehrt hatte, ihre Buden und Zelte aufzuschlagen. Als der Fremde darauf zusteuerte, erkannte er auch den Grund dafür. Von dort aus hatte man freien Blick auf den Palast – und umgekehrt war dieser Bereich vom Palast aus einsehbar. Womöglich schaute König Danton aus seinem Fenster und müsste sehen, wie die dreckigen Bauern ihrer Arbeit nachgingen! Gott bewahre! Nein, dieser Platz so dicht vor dem Palast wurde als Promenade genützt, wo saubere, gut gekleidete Bürger die frische Morgenluft genießen und die jungen Prinzen des Reiches ans Fenster treten und sie von ferne bewundern konnten. Vielleicht entdeckte einer von ihnen sogar eine blühende Maid in ihrem Sonntagsstaat, kam schnurstracks aus dem Palast gelaufen und entführte die Glückliche in ein Leben in Reichtum und Muße. Jedenfalls erhofften sich das wohl die jungen Damen, wenn sie am Arm von schüchternen Jünglingen, an denen ihnen im Grunde nichts lag, auf und ab flanierten und von dem Tag träumten, an dem das Auge eines vornehmeren Verehrers auf sie fiele.

Heute drängten sich auf der Promenade so viele Menschen, dass man kaum noch atmen konnte. Bauern wie Händler wollten unbedingt einen Blick auf die breite Straße werfen, die dahinter zu den Palasttoren führte. Dort sollte nämlich der fremde Magister in die Stadt einreiten, in schwarze Seide gehüllt, auf einem schwarzen Pferd, begleitet von die Götter wussten wie vielen Würdenträgern. Seit Menschengedenken hatte es keinen Staatsbesuch aus Anchasa mehr gegeben, und die Klatschmäuler, für die Histörchen aus dem Königshaus das tägliche Brot waren, schwatzten unaufhörlich, während sie darauf warteten, den hohen Gast zu empfangen und aus jeder Kleinigkeit wie der Größe seines Gefolges oder der Art, wie er gekleidet war und sich benahm, ihre Schlüsse zu ziehen.

Die Menschen ändern sich nie, dachte der Fremde.

Er sah eine Weile zu, doch vermochte die Szene ihn nicht lange zu fesseln. Immerhin war die Menge nur auf Gerüchte hin zusammengeströmt, eine Verlautbarung aus dem Königshaus hatte es nicht gegeben. Durchaus möglich, dass der große Aufmarsch gar nicht stattfand. Für die Bauern mit ihrer angeborenen Leidenschaft für glanzvolle Prozessionen schwer zu begreifen, außerdem war König Danton natürlich bekannt dafür, aus dem kleinsten Anlass ein festliches Ereignis zu machen, aber das war nicht überall so, und wer tagtäglich mit dem Reichtum und der Macht ganzer Völker befasst war, fand solche Umzüge eher ermüdend. Ganz zu schweigen davon, dass man bei dieser Hitze Ströme von Schweiß vergoss. Ein echter Magister würde sich nur ungern so zur Schau stellen, dachte der Fremde, aber er könnte mit großem Pomp sein Gepäck vorausschicken, zur Freude für die Bauern und vielleicht als versteckte Beleidigung für den König, der ihn wohl oder übel gastfreundlich aufnehmen musste.

Er überquerte die breite Straße und schlenderte weiter. Gegen Mittag stillte er seinen Hunger mit einem Stück getrockneten Wildfleischs, das er in der Tasche hatte, und als er einen Stand erreichte, der Speisen anbot, kaufte er sich eine Flasche Met, um das Fleisch hinunterzuspülen. Er hätte dem einfachen Imbiss den Geschmack eines königlichen Festmahls verleihen können, aber diesen Luxus gönnte er sich nur selten. Und was seine Kleider anging, so waren sie zwar schwarz, aber mittlerweile so verschwitzt und mit Staub bedeckt, dass niemand darin die Tracht eines Magisters vermutet hätte.

Er hätte sich natürlich säubern können. Aber er tat es nicht.

Auf der anderen Seite des weitläufigen Palastgeländes blieb er neben dem hohen Zaun stehen, der den königlichen Besitz gegen Eindringlinge schützte. Hier war es ruhig, denn dahinter schloss sich ein dichter Jagdwald an, der den Blick auf das Leben und Treiben im Palast verstellte. Das kam ihm gelegen. Er rief einen Vogel – ein Habicht mit kräftigen Gliedern und glattem Gefieder erschien. Der Fremde flüsterte ihm seine Anweisungen ins Ohr, gab ihm einen schönen Silberring von seiner Hand und ließ ihn frei. Der Vogel erhob sich über die Bäume und den Fluss und verschwand rasch in Richtung Palast.

Minuten vergingen.

Eine halbe Stunde.

Der Fremde verspeiste den Rest seines Dörrfleischs und bedauerte, nicht mehr Met gekauft zu haben.

Endlich veränderte sich die Atmosphäre. Er spürte es mehr, als er es sah. Die Luft begann zu flimmern, die Schwingungen griffen über auf seine eigene Seele und entfachten das Feuer, das darin glomm. Als vor ihm die ersten Kräuselwellen erschienen, war er bereit, und als das Wellenfeld für seine Zwecke groß und stabil genug war, trat er hinein – und durchschritt es.

Plötzlich stand er in einem großen, dämmrigen Raum mit vielen Männern in schwarzen Roben. Anstelle von Fenstern gab es nur schmale Schießscharten, durch die kaum Licht fiel, und die spärliche Helligkeit, die die einzigen zwei Lampen auf dem Sims über einer mannshohen Feuerstelle spendeten, wurde von der gewölbten Decke und den düsteren Steinmauern fast völlig geschluckt.

Die Magister hatten die Stühle zurückgeschoben und umstanden einen langen Tisch aus dunklem Holz. Magister jeden Alters und jeder Rasse, von unterschiedlichstem Aussehen … und ausschließlich Männer. Was sonst? Frauen hatten aufgrund ihres Wesens in dieser Gesellschaft keinen Platz.

Der Fremde sah sich um und musterte die Anwesenden der Reihe nach. Wenn er einen erkannte, nickte er ihm kurz zu, aber er kannte nicht viele. Wer an Dantons Hof verkehrte, besuchte kaum jemals die Reiche im Süden, und die Magister aus dem Süden wagten sich nur selten in diese feindlichen Gefilde.

»Mein Name ist Colivar, ich bin Königlicher Magister von Anchasa im Dienste Seiner Majestät Hasim Farah des Allergnädigsten, Geißel der Tathys, Herrscher über alle Länder südlich des Tränenmeeres.« Verglichen mit den weichen Klängen seines gewohnten Dialekts schrammte ihm die Sprache des Nordens hart über die Zunge, aber er beherrschte sie so weit, dass er sich darin verständigen konnte. Kein Wunder, dass man in den Nordlanden die Dichtkunst weniger verehrte als bei seinem Volk; wie wollte man mit diesen rauen, misstönenden Lauten die Liebe preisen?

»Sei uns willkommen, Colivar. Du bist etwas zu früh.« Der Sprecher trat als weiser Mann mit schneeweißem Haar auf, was natürlich nicht unbedingt ein Hinweis auf sein wahres Alter sein musste. Sein imposanter langer Bart war ebenfalls strahlend weiß wie das Fell einer liebevoll gepflegten Katze.

»Mein Gepäck wird zum vereinbarten Zeitpunkt eintreffen.«

Leises Gemurmel erhob sich, es klang belustigt, aber niemand lachte wirklich. Der Blick des Weisen blieb kalt.

»Der König könnte solche Scherze als Beleidigung auffassen.«

Colivar zuckte die Achseln. »Ich habe ihm nicht versprochen, ihn mit einem Aufmarsch zu unterhalten.«

»Und wir haben dir kein freies Geleit hierher und wieder zurück zugesichert. Also hüte dich, den Herrscher über diese Stadt zu vergrämen.«

Der Mann mit Namen Colivar lachte. Es war ein offenes, herzliches Lachen, das frei durch den großen Raum schallte und den Staub auf den Fenstersimsen aufwirbelte. »Der König herrscht über diese Stadt? Tatsächlich? Dann habt ihr euren Magistern wohl die Eier abgeschnitten, denn ich kenne keine zweite Stadt, in der die wahren Machthaber so etwas dulden würden.«

»Still«, mahnte einer der ansässigen Magister mit einem Blick auf die mächtigen Eichentüren, die nach draußen führten. »Der Mann hat seine Ohren überall.«

»Und seine Diener.«

»Diener und Spitzel lassen sich kneten wie frischer Ton«, konterte Colivar. »Und die Töpfer sind wir.«

»Mag sein«, räumte der Magister mit dem weißen Bart ein, »aber hier im Norden legen wir großen Wert auf Diskretion.«

»Aha.« Colivar klopfte sich erst von einem, dann vom anderen Hemdärmel den Staub ab. »Wollt ihr mir nun verraten, warum ihr gegen den Strom der Morati-Politik geschwommen seid und mich hierher geholt habt, oder muss ich es mir selbst zusammenreimen? Ich warne euch«, fügte er hinzu, und seine Augen wurden hart, »meine Schlussfolgerungen werden euch nicht gefallen.«

Der Magister mit dem weißen Bart musterte ihn kurz, dann nickte er. »Vielleicht wird manches klarer, wenn wir uns bekannt gemacht haben. Ich heiße Ramirus und bin König Dantons Königlicher Magister.« Er nannte auch die Namen seiner beiden Nachbarn, die ebenfalls diesem Hof angehörten. Dann wies er auf einen dunkelhäutigen Mann, der einen schwarzen Burnus und einen Turban trug. »Und dies ist Severil von Tarsus.«

Colivar verging die Spottlust so schnell, wie sie ihn überkommen hatte. »Tatsächlich? Ein Tarsaner? Dann hat er selbst für jemanden, der über das Seelenfeuer gebietet, eine weite und beschwerliche Reise hinter sich. Es ist mir eine Ehre, einen Mann aus so fernen Landen kennenzulernen.«

»Und das ist Del von den Mondinseln.«

Colivar hob leicht die Augenbrauen und würdigte auch die Entfernung und die Mühen dieser Reise mit einem wortlosen Nicken.

»Suhr-Halim von Hylis. Fadir von Korgstaat. Tirstan von Gansang.«

So ging es weiter. Namen und Titel in zwei Dutzend Sprachen aus ebenso vielen Reichen. Zwei der Magister kamen aus Ländern, die Colivar nicht einmal vom Hörensagen kannte, dabei hatte er geglaubt, mit den Gegebenheiten der bekannten Welt vertraut zu sein.

»Ein beachtliches Aufgebot«, sagte er, als ihm schließlich alle Anwesenden vorgestellt worden waren. In seiner Stimme schwang kein Spott mehr mit, jetzt hatte sie einen kälteren Ton. »Ich habe noch nie erlebt, dass sich so viele von uns aus allen Himmelsrichtungen an einem Ort versammeln. Es liegt nicht in unserer Art, einander zu vertrauen, nicht wahr, meine Brüder? Daraus schließe ich, dass eine dringende und ungewöhnlich schwere Notlage der Grund ist, warum unser Bruder Ramirus uns alle hier zusammengerufen hat.«

»Wenn ich von einer Bedrohung unserer Existenz spräche«, sagte Ramirus ruhig, »würde dir das genügen?«

Colivar erwog diese Worte mit dem Ernst und der Sorgfalt, die ihnen gebührten, dann nickte er.

»Nun gut«, sagte der Königliche Magister. »Dann komm jetzt mit mir und überzeuge dich selbst.«

Damit führte er seinen misstrauischen Gast ohne ein weiteres Wort aus dem dämmrigen Raum und begab sich mit ihm ins Herz des Palastes.

Kapitel 2

Aethanus erinnert sich:

Jemand steht vor seiner Tür und geht einfach nicht weg. Er überhört das Klopfen schon eine ganze Weile, er will nicht gestört werden, aber der Besucher kommt immer wieder. Das Klopfen ist leise, aber hartnäckig, nicht fest genug, um ihn so richtig wütend zu machen, und die Versuche erfolgen in weitem Abstand, als sollte er nicht unter Druck gesetzt, sondern nur daran gemahnt werden, dass ihn der Besucher weder vergessen noch aufgegeben hat.

Endlich erhebt er sich und lässt mit einem Seufzer die Cantoni-Hieroglyphen ruhen, auf deren Entzifferung er so viel Mühe verwendet, um nachzusehen, wer da glaubt, er könnte seine Zeit auf Besucher verschwenden.

Es ist ein Frühlingstag (er weiß es noch gut), und als er die Tür öffnet, fegt ein Schwall pollengeschwängerter Luft in sein Studierzimmer. Frisch, wohlriechend und voller Leben. Er hätte in seinem Haus mehr Fenster vorsehen sollen, geht es ihm durch den Kopf, doch er hatte nur an die Heizung im Winter gedacht und sich zurückgehalten.

Auf der Schwelle steht ein Mädchen, nein, eine junge Frau. Kein Kind mehr, aber klein und schmächtig genug, um auf den ersten Blick dafür gehalten zu werden. Dass sie ein schweres Leben hat, sieht er auch ohne Magie, es hat sich in ihre Züge eingegraben, in ihre Bewegungen, sogar in ihre Atmung. Er sieht auch, dass sie bislang den Umständen getrotzt hat und Siegerin geblieben ist. In ihren Augen glänzt die kalte Entschlossenheit, die der Dichter Belsarius einmal als »Diamantblick« bezeichnete, um auszudrücken, dass diese Oberfläche durch nichts anzukratzen ist. Gesicht und Hände sind peinlich sauber – wahrscheinlich hat sie beides erst vor einer Stunde geschrubbt –, doch ansonsten hat sie die leichte Patina eines Menschen, für den Reinlichkeit nicht wirklich selbstverständlich ist. Ein Bauernkind vermutlich, in der Stadt geboren, ohne Liebe und unter schlimmen Bedingungen aufgewachsen, aber dennoch bemüht, mit Anstand aufzutreten. Interessant.

Er spielt für einen Moment mit dem Gedanken, ein Quäntchen Macht an sich zu ziehen, um mehr über sie zu erfahren. Aber das hat er sich längst abgewöhnt, die Versuchung geht vorbei.

»Meister Aethanus, Magister von Ulran?«

Seine Miene verfinstert sich, sein Interesse, das kurz aufgeflackert war, erlischt sofort wieder. »Ich erhebe keinen Anspruch mehr auf diesen oder einen anderen Titel, Kind.« Seine Stimme klingt so schroff, wie es die Frage erfordert. Die kleine Rotznase will also, dass er irgendeinen Zauber für sie wirkt, und ist bis zu diesem Haus vorgedrungen, das er gerade deshalb mitten im Wald gebaut hat, um ungestört leben zu können? Von allen Anliegen, mit denen man ihn belästigen könnte, ist dies bei Weitem das ärgerlichste. »Such dir eine Hexe, wenn du Hilfe brauchst, von denen laufen genug herum.«

Er schlägt ihr die Tür vor der Nase zu und setzt sich wieder an seine Arbeit. Zumindest hat er das vor. Aber sie hat ihren kleinen Fuß in die Tür gestellt, und er muss verwundert erkennen, dass er nicht herzlos genug ist, um ihn zu zerquetschen.

Er starrt sie wütend an. Ihre Augen sind wahrhaftig wie zwei Diamanten.

»Wenn Ihr mich anhören wolltet«, sagt sie – sie beugt leicht das Knie wie zu einem Knicks, nur weiß sie nicht, wie man es richtig macht – »ich bin gekommen, um die Magie zu erlernen.«

»Wie gesagt, such dir eine Hexe. Ich bin kein Lehrer.«

Wieder schlägt er die Tür beinahe zu. Wenn dieses Kind den Eindruck hat, er meine es ernst, wird es den Fuß hoffentlich im letzten Moment zurückziehen, und er kann sie vollends schließen. Aber die Kleine rührt sich nicht von der Stelle, und er will sie nicht zum Krüppel machen – womöglich müsste er sie dann heilen –, also seufzt er abermals und findet sich damit ab, das Gespräch zu Ende zu führen.

»Ich will nicht bei einer Hexe in die Lehre gehen, Herr. Ich möchte die wahre Magie erlernen.«

Sein nächster Seufzer klingt gereizt. »Das geht nicht, du bist ein Mädchen. Kann ich jetzt meine Arbeit fortsetzen?«

Aber die Göre lässt sich nicht vertreiben. Die Diamantaugen sehen ihn unverwandt an. »Verzeiht die Frage, Herr, aber wieso wollt Ihr kein Mädchen unterrichten?« Die Worte sind höflich, aber der Ton ist hart. Das war nicht die Antwort, die sie hören will, und sie wird sich, verdammt noch mal, so lange nicht von der Stelle rühren, bis sie eine bessere bekommt.

Mit einem weiteren Seufzer zieht er die Tür wieder auf und geht in die Knie, um auf Augenhöhe mit ihr zu sprechen. »Weil Frauen nicht fähig sind, die Macht zu beherrschen. Das ist eine Tatsache. Glaubst du, du wärst als Erste auf die Idee gekommen? Die weibliche Natur ist den Anforderungen der echten Magie nicht gewachsen. Viele Frauen haben es versucht, aber sie handhaben die Macht nur so wie die Hexen und sterben wie sie an Überanstrengung. Wenn du diesen Weg einschlägst, wird es dir nicht anders ergehen.« Er richtet sich wieder auf. »Vergiss die Macht und führe ein langes und glückliches Leben. Einen anderen Rat kann ich dir nicht geben.«

»Männer können beides.«

»Richtig. Männer können beides.« Doch auch von den Männern, die Magister werden wollen, scheitern die meisten, denkt er, und enden als einfache Hexer. Wer es alleine schaffen will, ohne Lehrer, hat kaum eine Chance. Er verbringt sein kurzes Leben mit der Jagd nach einem Traum, den sich nur herzlich wenige erfüllen dürfen, und stirbt frühzeitig, weil sich sein Seelenfeuer erschöpft. Manchmal, und das sind die schlimmsten Fälle, gelingt es auch … und mit dem Erfolg kommt der Wahnsinn.

Magister zu werden ist eine Sache. Die Bedeutung dessen, was man geworden ist, zu begreifen, sich damit abzufinden und weiterzuleben, ist eine ganz andere.

»Was habe ich denn an mir, das es unmöglich macht?«, will das Mädchen wissen. »Ist es irgendein weibliches Organ? Das schneide ich mir heraus.«

Ihre Dreistigkeit ist lächerlich, und vielleicht hätte er auch gelacht, aber ihr Ton verrät ihm, dass es ihr todernst ist. »Wie?«, fragt er provozierend. »Wenn ich es dir befehle, schlitzt du dir bei lebendigem Leib den Bauch auf und schneidest ein Organ heraus?«

»Nein«, sagt sie ruhig. »Ich gehe zu einer Hexe und lasse es mir so entfernen, dass ich nicht daran sterbe. Dann komme ich zurück und zeige es Euch. Und wenn Ihr sagt, dass noch etwas verschwinden muss, dann trenne ich mich auch davon. Bis nichts mehr von mir übrig ist, was ein Mann nicht auch hätte, und Ihr Euch bereit erklärt, mein Lehrer zu werden.«

Er tritt einen Schritt zurück in den Schatten seines Häuschens und deutet auf die Wände. »Sieh dir dieses Haus an, Kind. Spürst du hier irgendwo Magie? Gibt es einen einzigen Stein, der mit Seelenkraft eingesetzt wurde, ein Möbelstück, das ich nicht mit meiner Hände Arbeit und im Schweiße meines Angesichts gezimmert hätte? Ich habe dieses Haus selbst gebaut, mit diesen meinen Händen, jeden Zoll davon, weil ich es so wollte. Und jetzt soll ich dich in der Magie unterweisen? Ausgerechnet ich?« Er schüttelt den Kopf. »Deine Willenskraft ist bewundernswert, aber du bist hier an der falschen Adresse. Geh an den Hof von Selden oder Amarys und trage dein Anliegen dort vor; vielleicht hören die Magister auf dich. Aethanus von Ulran ist kein Magister mehr, und er nimmt keine Schüler an. Keine Jungen und auch keine Mädchen, die bereit sind, sich selbst zu verstümmeln, um sich zu Jungen zu machen.«

Das Mädchen deutet nur seelenruhig in eine Ecke des Raumes, weit unten, wo Wand und Boden aufeinandertreffen. »Da.«

»Was ist da?«

»Macht. Ihr habt gesagt, sie sei hier nirgendwo zu finden.« Der schmale Finger mit den dünnen Schmutzrändern unter den Nägeln, wo Wasser und Seife nicht hinkamen, lässt sich nicht beirren. »Genau dort.«

Er dreht sich um und mustert die Stelle. Er ist fest entschlossen, ihre Behauptung zurückzuweisen, doch dann erkennt er erschrocken, dass sie recht hat. Da unten, genau an diesem Fleck, es war im Jahr des großen Regens … er war als Maurer noch unerfahren gewesen, er hatte es nicht geschafft, das Grundwasser zurückzuhalten, und schließlich hatte er das Haus von innen abgedichtet. Einzig und allein an dieser Stelle. Nirgendwo sonst hatte es sich als nötig erwiesen.

»Und außerdem bin ich kein Kind mehr«, fügt sie hinzu.

Er erwidert ihren Blick. Diesmal schaut er tiefer, beurteilt nicht nur ihr Äußeres, sondern auch das Feuer, das in ihrer Seele brennt. Es ist stark, sehr stark. Eine Hexe mit diesem Athra könnte viele Jahre überdauern. Ein Mann mit diesem Athra … würde weder Wahnsinn noch Tod scheuen, um in die Reihen der Magister aufgenommen zu werden, und es könnte ihm sogar gelingen.

Außerdem hat sie das Zweite Gesicht. Und das ist sehr selten.

»Was ist ein Kind?«, fragt er.

Die Diamantaugen weichen ihm nicht aus. »Ein Kind ist ein Wesen, das von seinen Eltern auf der Straße verkauft wird, damit sie mit dem Geld neue Kinder machen können.« Sie hält inne. »Ein Erwachsener verkauft sich selbst.«

Sie ist kalt. Kalt wie Eis. Ist es Stärke, was sie ihm zeigt, oder nur die äußere Hülle für eine angeschlagene Seele, die unter der ersten schwereren Prüfung zerbräche?«

»Bist du deshalb zu mir gekommen?«, fragt er. »Um dich zu verkaufen?«

»Wenn es sein muss«, sagt sie ungerührt.

Wenn ich mir eine Frau vorstellen sollte, die mutig genug wäre, um die Translatio und alles, was danach kommt, zu überleben und Magister zu werden, denkt er, dann würde sie genauso sprechen.

Wieder geht er vor ihr in die Knie. Auf Augenhöhe. Erforscht angestrengt, was sich unter dem Fleisch verbirgt, Spuren einer Seele, die so gut abgeschirmt ist gegen fremde Blicke, dass ein Mann, er spürt es, jahrelang danach suchen könnte, ohne sie jemals zu Gesicht zu bekommen.

»Hast du jemals eine Flamme auf einem Fenstersims tanzen lassen?«, fragt er leise. »Oder an einem Sommerabend ein Glühwürmchen auf deine Hand gelockt? Hast du erlebt, dass Ereignisse eintraten, weil du sie dir gewünscht hattest, oder dass Dinge, die für dich schädlich gewesen wären, einfach verschwanden, ohne dass jemand es erklären konnte?«

Der kristallklare Blick wankt nicht. »Nein, Herr, denn solche Dinge bringen den Tod. Und ich will nicht sterben.«

Ja, denkt er. Das ist es, was man braucht. Den brennenden Wunsch zu leben, koste es, was es wolle. Das ist die wichtigste Bedingung überhaupt, daneben verblassen alle anderen.

»Und wenn ich dir sagte, dass wir den Tod annehmen müssen, um ihn zu überlisten?«, fragt er. »Was würdest du darauf antworten?«

Ein spöttisches Lächeln umspielt ihre Lippen – umspielt sie und ist gleich wieder verschwunden. »Wer sein Leben als Hure verbringt, ist auf solche Geschäfte vorbereitet«, sagt sie dann ruhig.

Ja. Ja, das mag sein.

Er richtet sich abermals auf und sieht, dass sie den Fuß nicht mehr in der Tür hat. Das hat sie nicht mehr nötig. Sie weiß, dass sie ihn neugierig gemacht hat. Ein Magister aus der Stadt würde sie abweisen, weil er Wichtigeres zu tun hat, aber ein Einsiedler, der sich in den Wäldern vergräbt und sein Leben mit Nachdenken und obskuren Forschungen verbringt, der den gängigen Magistergeschäften bis ans Ende seiner Tage abgeschworen hat und deshalb mit seiner Zeit nicht viel anzufangen weiß, ein solcher Mann könnte sich durchaus verleiten lassen, einfach deswegen ein Mädchen als Schülerin anzunehmen, weil das eine Herausforderung ist. Eine aberwitzige, unglaubliche und vollkommen sinnlose Herausforderung.

Es gibt keine weiblichen Magister. Es hat sie nie gegeben und wird sie niemals geben.

Sie wartet. Schweigend. Ein gutes Zeichen. Selbstbeherrschung ist immer ein gutes Zeichen.

Stell dir vor, es könnte weibliche Magister geben. Wäre das nicht eine Sensation? Eine ungeheuer spannende Aufgabe?

»Wie heißt du, Kind?«

Ihre Augen blitzen kurz auf, sie sträubt sich gegen die Anrede – das war seine Absicht –, aber ihre Stimme bleibt ruhig und höflich. »Man nennt mich Kamala, Herr.«

»Und wenn ich ablehne, Kamala?« Auch er spricht gelassen und förmlich. »Wenn ich dir sage, ich hätte geschworen, nie wieder einen Schüler anzunehmen – was im Übrigen die Wahrheit ist – und wenn ich dir weiterhin sage, dass es Gründe gibt, warum es noch nie einer Frau gelungen ist, die Magie zu meistern, dass ich diese Gründe kenne, dass du keine Ausnahme sein wirst, und dass ich nicht vorhabe, meine Zeit mit dir zu verschwenden … wenn ich dir das alles sage und dir die Tür vor der Nase zuschlage, was tust du dann?«

»Dann schlage ich vor Eurem Haus mein Lager auf«, gibt sie zurück, »und diene Euch, so gut ich es kann, so lange, bis Ihr Eure Meinung ändert. Ich werde wie jeder Schüler für meinen Unterricht bezahlen. Ich werde Holz spalten für Euren Herd, ich werde in Eurem Garten das Unkraut jäten, ich werde Euch täglich mit meinen eigenen Händen frisches Wasser vom Bach holen – mit meinen eigenen Händen und im Schweiße meines Angesichts –, und bei alledem werde ich keine Hexenkünste einsetzen, obwohl ich das wahrscheinlich könnte. Ich werde nicht nachlassen, bis Ihr Euch bereitfindet, mir beizubringen, wie ich die Macht gebrauchen kann, ohne daran zu sterben. Ihr werdet mich Tag für Tag für Euch schuften sehen und in Eurem Herzen wissen, dass ich niemals aufgeben werde, und irgendwann werdet Ihr mich lehren, was ich wissen will.«

Die Diamantaugen funkeln ihn trotzig an.

Er richtet sich langsam wieder auf. Nun überragt er sie um viele Handspannen. Dann wendet er ihr den Rücken. Er hört nicht, dass ihre Schritte ihm folgen, kein Widerspruch wird laut. Gut. Er geht zu der Ecke, wo er sein Werkzeug aufbewahrt, wählt eine schwere Axt, die nur ein starker Mann mühelos schwingen könnte, und kehrt damit an die Tür zurück. Sie wartet immer noch. Schweigend. Gut.

Er wirft ihr die Axt mit der Klinge voran vor die Füße.

»Der Holzhaufen ist hinter dem Haus«, sagt er.

Sie hat den Fuß zurückgezogen. Er schließt die Tür und setzt sich wieder an sein Schreibpult. Nachdem er den Docht der Leselampe höher gedreht hat, legt er die nächste Cantoni-Schriftrolle aus und beschwert die Ecken mit Flusskieseln.

Doch zu lesen beginnt er erst wieder, als er die ersten Schläge der Axt hört.

Kapitel 3

Die Mauern von König Dantons Palast waren aus uraltem Stein. Davor hingen Wandteppiche in einstmals bunten und fröhlichen Farben, die jedoch nach so langer Zeit ineinander verlaufen und von der Sonne ausgebleicht worden waren. Die Teppiche waren ohne Zweifel von historischem und für Seine Majestät vielleicht auch von sentimentalem Wert; sonst hätte man die traurigen Fetzen doch längst abgenommen, dachte Colivar.

Vor einer Schlachtenszene blieb er stehen, und Ramirus ließ ihm Zeit. Auf dem riesigen Teppich waren Hunderte von Soldaten abgebildet, und obwohl die Fahnen der gegnerischen Heere stark verblasst waren, konnte man die Farben noch deutlich erkennen.

»Die Schlacht von Coldorra«, bemerkte Colivar.

»Wenn ich mich nicht irre, ging dein Volk als Verlierer daraus hervor?«

Colivar zuckte nur die Achseln und ließ sich nicht aus der Reserve locken. »Damals war es noch nicht mein Volk.«

Er berührte eine Stelle, die von den Motten angefressen war; um das winzige Loch begann sich das morsche Gewebe bereits aufzulösen. »Und du nimmst keine Reparaturen vor …?«

»Auf Wunsch Seiner Majestät werden die Teppiche so belassen, wie sie sind. Er schätzt es, dass sie ›alt aussehen‹.«

»Aha.« Colivar nickte. »Verstehe. Ich werde König Farah davon in Kenntnis setzen, sollte er irgendwann den Wunsch verspüren, ihm ein Geschenk zu schicken.« Er wartete, bis Ramirus sich abwandte, dann legte er den Finger auf die schadhafte Stelle; das ausgefranste Gewebe schloss sich. Ein Geschenk von mir, König von Coldorra.

Endlich gelangten sie in einen Flügel, der etwas freundlicher wirkte. Die Fenster hatten menschengemäße Dimensionen und ließen eine Mindestmenge an Sonnenlicht ein. Wahrscheinlich gingen sie auf einen Innenhof hinaus; Danton legte großen Wert darauf, alle Bauten wehrhaft zu gestalten, und hätte so große Öffnungen in den Außenmauern niemals zugelassen. Der ganze Palast war eine seltsame Mischung aus gesellschaftlichem Treffpunkt und Festungsanlage, als hätten die Erbauer sich nicht entscheiden können, was sie eigentlich anstrebten. Vielleicht stand er auch schon so lange und hatte so viele verschiedene Aufgaben erfüllt, dass die sich übereinander abgelagert hatten und nicht mehr deutlich zu trennen waren. So vielschichtig wie sein königlicher Herr, dachte Colivar.

Er überlegte kurz, welch mächtige Sicherungen wohl das Haupttor schützen mochten, das er so lässig umgangen hatte.

Eine Dienerin knickste, als sie auf sie zutraten, hielt aber die Augen scheu zu Boden gerichtet. »Magister Ramirus. Wie kann ich Euch dienen?«

»Ist Prinz Andovan in seinen Gemächern?«, fragte Ramirus.

Die Frau nickte.

»Ist er heute in guter Verfassung?«

Sie zögerte, dann nickte sie.

»Wir möchten ihn sprechen.«

Sie warf einen Blick auf Colivar. »Wen darf ich melden …?«

»Sag nur, ich hätte einen Gast mitgebracht. Er erwartet mich.«

Die Frau knickste wieder, knickste abermals, während sie rückwärts auf zwei breite Eichentüren zuging, und beugte ein letztes Mal das Knie, bevor sie die eine Tür aufdrückte und hineinschlüpfte.

»Prinz Andovan ist noch ein junger Mann«, sagte Ramirus. »Er steht in der Thronfolge an dritter Stelle und wird wohl kaum König werden. Dennoch ist Seine Majestät sehr besorgt um seine Gesundheit und hat uns angewiesen, weder Kosten noch Mühen zu scheuen, um die Ursache seiner derzeitigen Krankheit ausfindig zu machen und wenn möglich eine Heilung zu bewirken.« In den Augen des Magisters glitzerte Verachtung, vielleicht auch Spott. »Der Befehl lieferte uns den Vorwand, dich hinzuzuziehen, und nahm dem König jede Möglichkeit, uns diese Bitte abzuschlagen.«

Colivar zog neugierig eine Augenbraue hoch. »Du hast mich hierhergeholt, damit ich den Sohn eines Feindes heile?«

»Nein. Ich habe dich geholt, um mir bestätigen zu lassen, was ihm fehlt.« Seine Züge verhärteten sich. »Wenn es das ist, was wir vermuten, kann ihm kein Mensch mehr helfen.«

Die schwere Tür schwang auf. Die Dienerin kam zurück. Sie knickste erneut. »Bitte tretet ein, Meister Ramirus, Seine Hoheit sind bereit, Euch zu empfangen.«

Colivar wollte sich in Bewegung setzen, doch Ramirus fasste ihn am Arm. »Findest du nicht, du solltest in angemessener Kleidung erscheinen?«

»Spielt das eine Rolle?«

»In deinem Reich vielleicht nicht.« Das Wort unzivilisiert wurde nicht ausgesprochen, stand aber deshalb nur umso deutlicher im Raum. »Hier schon.«

Colivar zuckte die Achseln. Seinem eigenen Patron war es ziemlich gleichgültig, wie er sich kleidete, solange er seine Arbeit wunschgemäß erledigte, aber die Nordlande legten bekanntlich großen Wert auf »korrektes« Auftreten. Seufzend strich er mit einer Hand über seine Gewänder und leitete so viel Seelenkraft in das Gewebe, dass es sich reinigte, glättete und – wichtiger noch – dass das von Wind und Wetter arg mitgenommene Erzeugnis des Tuchmacherhandwerks jenen tiefschwarzen Ton annahm, der nur durch Magie zu erreichen war. Oh, die Färbergilde hatte sich im Lauf der Jahrhunderte oft genug an diesem Schwarz versucht, aber trotz aller Anstrengungen nie eine Farbe zustande gebracht, die man dem Sonnenlicht aussetzen konnte, ohne dass sie ausbleichte. Das schaffte nur die Magie.

Als Hemd und Kniehosen so dunkel waren, wie schwarzes Tuch nur sein konnte, und die Mitternachtsschwärze so tief eingedrungen war, dass nicht einmal die Mittagssonne ihr mehr etwas anhaben konnte, dachte Colivar bei sich: Und die Münze, mit der solch billige Effekte erkauft werden, ist das Leben eines Menschen. Wer mag wohl diesmal den Preis bezahlen?

Gemeinsam betraten sie die Gemächer des Prinzen.

Der junge Mann wirkte eigentlich nicht krank, sondern eher rastlos und gereizt. Anders als der König war Prinz Andovan blond, und er hatte sein gutes Aussehen eindeutig nicht von seinem Vater geerbt, der eine Hakennase und eine schmale Adlerstirn sein eigen nannte. Colivar erkannte, dass er ein kräftiger junger Bursche voller Tatendrang gewesen sein musste, bevor ihn die rätselhafte Krankheit befiel. Bildteppiche mit Jagdszenen schmückten die Wände, neben dem großen Fenster stand eine maßgefertigte Armbrust, und über dem Bett hing eingerahmt eine Sammlung von Krallen und Tierzähnen. Ein Mensch, der sich gern im Freien aufhält und sich den Wind durch das Haar wehen lässt, um irgendein armes Tier zu Tode zu hetzen, das nur in Ruhe sein Mittagsmahl verzehren wollte. Colivar sah sich den jungen Prinzen noch einmal genauer an. Dafür ist er sehr blass, auch wenn er nordisches Blut in den Adern hat.

»Ist das der Südländer?«, fragte der Prinz und strich sich eine goldene Locke aus der Stirn. Mit Gesten dieser Art ließen sich junge Mädchen betören. »Ihr habt erwähnt, dass Ihr jemanden aus dem Süden holen wolltet, aber ich weiß noch immer nicht, was Ihr Euch davon versprecht.«

Ramirus nickte leicht. »Meister Colivar ist ein besonders erfahrener Heiler, Hoheit. Euer Vater erteilte mir die Erlaubnis, ihn als Ratgeber zuzuziehen.«

»Ich könnte mir denken, dass einem von Farahs Magistern mehr daran gelegen wäre, meinen Tod zu beschleunigen, als mich davor zu bewahren.«

»Hoheit.« Colivar machte seine respektvollste Verbeugung. »Zwischen unseren Ländern herrscht nun schon seit Jahren Frieden. Ich bin ein Bote dieses Friedens.«

»Ja, sicher …« Der junge Prinz schlug das Argument weg wie eine lästige Fliege. »Ich werde mich hüten, mich in Magistergeschäfte einzumischen, aber Ihr müsst verstehen, dass es mir schwerfällt, mich Euch mit Leib und Leben anzuvertrauen. Wie Euch sicherlich bekannt ist, würden mir die meisten Eurer Landsleute lieber ein Messer in den Rücken stoßen, als mir den Puls zu messen.«

Das gilt auch für mich, dachte Colivar, aber wie Ihr schon sagt, das sind Magistergeschäfte.

»Ich habe ihm nichts von Eurem Zustand erzählt, Hoheit«, bemerkte Ramirus in überaus förmlichem Ton. »Ich wollte, dass er Euch unvoreingenommen untersucht.«

»Schon gut. Mein Vater vertraut Euch. Er versteht sich auf die Sitten und Gebräuche der Magister besser als ich, also werde ich sein Urteil respektieren. Nun denn.« Er blickte zu Colivar auf. Seine hellblauen Augen waren sehr klar, aber das Weiße war etwas blutunterlaufen, ein Zeichen von Schlaflosigkeit. »Was wollt Ihr von mir, Magister? Ich warne Euch, ich wurde bereits von den besten Ärzten beklopft und betastet; es wird Euch schwerfallen, mir etwas Neues zu bieten.«

»Zunächst nur ein paar Fragen. Ihr gestattet?«, fragte Colivar und deutete auf den Stuhl neben dem jungen Mann. Er spürte Ramirus’ wütenden Blick, als er sich setzte, kümmerte sich aber nicht weiter darum. Er war nicht viele Hundert Meilen weit gereist, um vor dem Sohn des größten Feindes seines Landes wie ein Höfling herumzustehen. In Farahs Reich durfte er sich setzen, wann immer er wollte; wie käme er dazu, sich vor einem feindlichen Prinzen unterwürfiger zu zeigen als vor seinem eigenen Herrn?

»Schildert mir Eure Beschwerden«, sagte er ruhig. Und machte sich bereit, nicht nur auf die Worte des jungen Prinzen zu hören, sondern auch das Schattenspiel der Erinnerungen dahinter zu verfolgen.

Der junge Mann nickte. Sein Gesichtsausdruck verriet deutlich, dass er die Geschichte schon viele Male erzählt hatte und es allmählich müde wurde, sie zu wiederholen. »Es begann fast auf den Tag genau vor einem Jahr. Ich war eben von einem Ausritt zurückgekehrt. Plötzlich spürte ich eine entsetzliche Schwäche … ich kann es nicht anders beschreiben. Ich hatte so etwas noch nie erlebt.« Er hielt inne. »Mein Vater war sehr beunruhigt. Er rief Meister Ramirus, damit der mich untersuchte, doch inzwischen war es, als wäre nie etwas geschehen. Meine Kräfte waren zur Gänze zurückgekehrt, und der Magister konnte keine Spuren einer Krankheit oder eines körperlichen Schadens finden.«

»Könnt Ihr mir diese Schwäche genauer beschreiben?«, bat Colivar.

Der Prinz holte tief Atem und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Es war, als überkäme mich schlagartig eine tiefe Mattigkeit. Nicht nur die Glieder waren betroffen, sondern auch die Seele. Es fehlte mir nicht wirklich an Kraft, ich hatte nur nicht den Willen, sie einzusetzen. Ich weiß, das klingt seltsam. Es ist schwer, die richtigen Worte dafür zu finden, besonders nach so langer Zeit. Aber so habe ich es in Erinnerung.

Ein Diener reichte mir eine Flasche mit Bier. Ich weiß, dass ich sie in den Händen hielt, aber nicht fähig war, sie an die Lippen zu führen. Nicht, dass sie zu schwer gewesen wäre. Ich sah nur … keinen Sinn darin.«

Colivars Miene hatte sich im Lauf der Erzählung zusehends verdüstert. »Weiter«, sagte er ruhig.

»Mehr geschah beim ersten Mal nicht. Vater brachte im Tempel Opfer dar, um alle Götter zu beschwichtigen, die ich möglicherweise erzürnt hatte, und meinte, ich solle mir weiter keine Sorgen machen.«

»Aber die Schwäche kam wieder.«

Der Prinz nickte. »Ja. Der zweite Anfall war bei Weitem nicht so dramatisch … auch der dritte nicht.« Er seufzte schwer. »Mittlerweile erhole ich mich nicht mehr so schnell. Die Phasen der Schwäche, die Tage mit normaler Kraft … sie fließen ineinander, bis ich nicht mehr zuverlässig zwischen ihnen zu unterscheiden vermag. Manchmal scheint in meiner Seele die Sonne, und die Welt ist hell und freundlich. Dann wieder … dann wieder schaffe ich es nicht einmal, mein Bett zu verlassen. Und ich frage mich, ob schon bald der Tag kommen mag, an dem ich für immer liegen bleibe.«

Colivar spürte, wie Ramirus ihn ansah. Doch er vermied es bewusst, den Kopf zu heben und den Blick zu erwidern.

»Von anderer Seite sagt man mir, es sei die Schwundsucht«, erklärte der Prinz. Er sprach das Wort furchtlos aus, ein Beweis für seinen Mut. Die meisten Menschen hätten schon beim Namen dieser schrecklichen Krankheit ihr Bett genässt.

»Das wäre möglich.« Colivar nickte unverbindlich. Er hielt seine eigenen Gefühle streng unter Verschluss. »Es könnte auch einfach eine von diesen unberechenbaren Krankheiten sein, die in Schüben auftreten. Im Süden gibt es viele davon.«

Ramirus schaltete sich ein. »Deshalb wollte ich den Magister Colivar hinzuziehen.«

Der Prinz breitete einladend die Arme aus, eine elegante Bewegung von solcher Vornehmheit, dass sie die Angst dahinter fast überspielte. Aber nur fast. »Was wollt Ihr also von mir?«, wiederholte er.

Colivar streckte ihm die Hände entgegen. Der Prinz zögerte kurz, dann hatte er verstanden und ergriff sie.

Das Blut fließt, das Fleisch ist warm, das Herz schlägt ruhig, der Puls ist schwach, aber regelmäßig … Colivar drang mit allen Sinnen in den Körper des Prinzen ein, um die Beschaffenheit seiner Lebenskraft und die Reinheit seiner sterblichen Hülle zu prüfen. In diesem Bereich war keine Krankheit festzustellen. Nicht der leiseste Hauch. Das hatte er zwar vermutet, aber eine Bestätigung war allzu unerfreulich, und so hatte er gehofft, er hätte sich getäuscht.

Krankheiten konnte man heilen.

Er zog mehr Kräfte aus seinem Inneren ab, richtete den Blick noch weiter in die Tiefe und forschte im Fleisch des Prinzen nach anderen greifbaren Ursachen für sein Siechtum: Parasiten, Entzündungen, krankhafte Wucherungen, verborgene Verletzungen … aber er fand nichts. Nur einen längst verheilten Knochenbruch, mit Erinnerungsfragmenten behaftet: ein Sturz vom Pferd.

Erst dann suchte er, wo er nicht suchen wollte, nach der Antwort, die er nicht zu finden hoffte.

Im Seelenfeuer des Prinzen.

Bei einem so jungen Mann hätte es hell lodern müssen; alles andere wäre unnatürlich gewesen. Zu sagen, das Feuer seines Geistes sei niedergebrannt und am Erlöschen, hieße nichts anderes, als diesen jungen Mann, diesen sympathischen, von Tatkraft strotzenden Prinzen als hinfälligen Greis zu bezeichnen.

Und doch war dies die Wahrheit.

Keine Krankheit konnte es erklären. Keine Verletzung, kein Gewächs, kein Parasit.

Es gab nur eine Erklärung.

Er schaute zu Ramirus auf. Jetzt verstand Colivar auch, warum der andere so finster dreinblickte.

»Nun?«, fragte der Prinz. »Etwas Brauchbares entdeckt?«

Colivar gab die Hände des jungen Mannes frei. Ja. Nachdem er nun wusste, worauf er zu achten hatte, sah er die Spuren der Schwundsucht überall. Er musste sich sehr zusammennehmen, um keine Miene zu verziehen, er durfte dem Prinzen nicht zeigen, was er empfand. Der Junge musste geschützt werden. Niemand wusste, was er tun würde, wenn er Gewissheit bekäme. Oder was sein Vater tun würde, wenn er die Wahrheit erfuhr.

Du hast von einer Bedrohung unserer Existenz gesprochen, Ramirus, und das war nicht übertrieben.

»Ich muss mich mit meinem Kollegen austauschen«, sagte er langsam. »Im Süden gibt es etliche Krankheiten mit solchen Symptomen. Die müssen wir erst abhandeln, bevor ich einen gesicherten Befund erstellen kann.«

Der Prinz machte seiner Ungeduld mit einem dramatischen Seufzer Luft, doch dann nickte er. Einem Magister widersprach man nicht. Der Junge hatte große Ähnlichkeit mit einem jungen Löwen, dachte Colivar: kühn, rastlos, auf Unabhängigkeit bedacht. Hätte ein menschlicher Feind ihn angegriffen, er hätte sicherlich wie ein Löwe die Zähne gefletscht und die Krallen ausgefahren. Doch diese Krankheit konnte man nicht wie ein Löwe bekämpfen, sie war ein Schattengebilde rätselhafter Herkunft, ein Geheimnis, und dass er sie noch nicht besiegt hatte, belastete ihn nicht nur körperlich, es kränkte auch seinen Stolz.

Wenn die Antwort so ausfällt, wie ich glaube, dann kann es keinen Sieg geben.

Während Ramirus ihn hinausführte, sprach Colivar kein Wort. Fast hätte er vergessen, sich noch einmal zu verneigen. Als sich die Türen hinter ihnen geschlossen hatten, blieb er reglos wie eine Statue stehen, um seine Beobachtungen zu ordnen und sich über ihre Bedeutung klar zu werden.

»Verstehst du jetzt?«, fragte Ramirus leise.

»Er ist dem Tod geweiht.«

»Ja.«

»Und wir …«

»Pst. Warte.« Ramirus bedeutete Colivar, den Rückweg einzuschlagen. Diesmal war der fremde Magister viel zu tief in seine düsteren Gedanken versunken, um Kleinigkeiten wie den Staub oder die verblichenen Wandteppiche zu bemerken.

Als sie so weit entfernt waren, dass weder Andovan noch seine Diener sie belauschen konnten, sagte Ramirus: »Danton ahnt die Wahrheit. Aber er wartet darauf, dass ich die Krankheit benenne, und ich habe mich noch nicht offiziell festgelegt.«

»Wenn es die Schwundsucht ist …« Colivar zog hörbar den Atem ein. »Dann gibt es keine Heilung.«

Ramirus nickte grimmig.

»Das heißt, einer von uns ist die Ursache. Ein Magister.«

»Ja«, sagte Ramirus. An seinem Unterkiefer zuckte ein Muskel. »Jetzt weißt du, warum ich euch alle zusammengerufen habe.«

»Wenn Danton herausfindet, woran er stirbt …«

»Das wird nicht geschehen.« Ramirus’ Miene wurde noch finsterer. »Das darf nicht geschehen.«

»Aber wenn er …«

Der Königliche Magister hob die Hand und unterbrach ihn. »Nicht hier, Colivar. Derart vertrauliche Dinge darf man nicht im Freien besprechen. Warte, bis wir in meinen Gemächern sind. Dort sind Schutzzauber in Kraft, die alle Lauscher abschrecken. Die anderen warten auf deine Stellungnahme.«

»Und was ist mit dir?«, fragte Colivar angriffslustig. »Wartest auch du auf meine Stellungnahme?«

Ramirus sah ihn an. Die hellgrauen Augen verrieten nichts. »Der Feind meines Königs wäre nicht hier, wenn ich seine Meinung nicht schätzte«, sagte er ruhig. Etwas wie ein Lächeln zuckte um die schmalen Lippen. »Aber lass dir das bitte nicht zu Kopf steigen.«

Kapitel 4

Aethanus erinnert sich:

Da steht sie nun, ein Ausbund an Gegensätzen, in der Tür. Das feuerrote Haar umrahmt, einer Flammenkrone gleich, ein Gespenstergesicht, dem die Nacht alle Substanz entzogen hat. Der schlanke Körper ist drahtig und kraftvoll, aber sie bewegt sich so zaghaft wie eine Greisin, jede Geste scheint sie Überwindung zu kosten. Gewöhnlich ist sie geschmeidig wie eine Katze, doch jetzt tastet sie sich ungeschickt vorwärts, als wäre irgendwo zwischen Körper und Geist eine lebenswichtige Verbindung abgerissen. Jeder Schritt erfordert eine bewusste Entscheidung. Jede Bewegung strengt an. Die Mühen des Lebens haben sich in die jungen Züge eingegraben wie in das Antlitz eines uralten Bauern. Sie ist bereit für den Tod.

Bald, denkt er. Bald ist es so weit.

»Ich habe in mein Inneres geschaut, wie Ihr es mich gelehrt habt«, sagt Kamala leise. »Aber selbst das fällt mir jetzt schwer.«

»Was hast du gesehen?«

»Einen schwachen Funken, der kaum noch brannte. Ohne Wärme. Am Erlöschen.«

Er nickt.

»Ihr treibt mich in den Tod.«

»Ja«, sagt er. »Dahin führt der Weg.«

»Aber Ihr wollt mir nicht sagen, was mich erwartet.«

»Die Erfahrung zeigt, dass es dem Anwärter nicht hilft, die Wahrheit zu kennen. Das Mysterium würde nur unnötig preisgegeben. Deshalb werde ich dich in Unwissenheit belassen.«

»Muss ich denn das Mysterium nicht kennen, um zu überleben?«

Ihr Blick ist das Einzige an ihr, was sich niemals ändert, niemals an Kraft verliert. Diamantaugen. Er begegnet ihnen mit schonungsloser Offenheit. »An diesem Punkt kommst du mit Bücherweisheit nicht mehr weiter, Kamala. Der Teil deiner Seele, der bald auf die Probe gestellt werden soll, wird von Instinkten beherrscht und weiß mit den Erkenntnissen des Verstandes nichts anzufangen. Fakten nützen ihm nichts. Sie könnten den Prozess sogar behindern, wenn sie den Anwärter ablenken und seine Konzentration stören.

Ich habe dich vorbereitet, so gut ich konnte. Den Rest des Weges musst du alleine gehen. Du wirst auf den Tod treffen, er wird dein Leben von dir fordern. Wenn du nicht selbst herausfindest, wie du ihn besiegen kannst, ist der Sieg wertlos.« Er hielt inne. »Vertraue mir. Alle Alternativen wurden bereits von anderen Magistern erprobt, diese Form der Ausbildung hat sich am besten bewährt.«

Und keine Frau hat den Kampf mit dem Tod jemals gewonnen. Keine Frau wollte jemals ins Leben zurückkehren, nachdem sie den Preis dafür erfahren hatte.

»Es läuft also immer so ab?«

»Ja.«

»Bei Euch damals auch?«

Es ist so lange her, er kann sich kaum erinnern. »Ja. Allerdings war ich kein so eigenwilliger Schüler und habe meinen Lehrer wahrscheinlich sehr viel weniger geärgert als du.«

Die Antwort entlockt ihr ein schiefes Lächeln; für einen Moment verjüngt sich ihr Gesicht. »Ihr könnt aber nicht bestreiten, dass Euer Haus durch meine Gegenwart gewonnen hat.«

Das muss ich zugeben, denkt er und muss ebenfalls lächeln. Stets auf der Suche nach neuen Beschäftigungen für sie, hatte er sie in seinem Haus ungehindert schalten und walten lassen. Nun vibrierten die Mauern geradezu unter den Rückständen der Kräfte, die sie geweckt und an sie gebunden hatte, und aus der rohen Klause, die er einst mit eigener Hand errichtet hatte, war ein vielschichtiges Bauwerk geworden, ein Kunstwerk, auch wenn er darüber nicht immer sehr glücklich war.

Wenn du stirbst, muss ich mein Holz wieder selbst hacken.

»Noch nie hat eine Frau diesen Schritt überlebt«, sagt sie leise. Ihr Tonfall macht deutlich, dass sie ihm eine Frage stellt … es ist das erste Mal, dass sie das so offen tut. Er will sich schon mit der einfachsten Antwort aus der Affäre ziehen, doch dann hält er plötzlich inne und überlegt. Nein. Sie verdient es, dass man ihr die Wahrheit sagt. Zumindest so viel kann ich ihr in die Translatio mitgeben.

»Noch nie wurde eine Frau zum Magister erhoben.« Er spricht langsam und wählt seine Worte mit Bedacht. Nur ja nicht zu viel sagen. Das ist immer gefährlich. Wenn ein Schüler die Wahrheit erfährt, könnte er falsch reagieren. Aus den Anfangszeiten, als man noch anders unterrichtete, weiß man von Schülern, die in heller Panik davonliefen, sobald man sie aufklärte. Einen konnte sein Magister gerade noch einfangen, bevor er das sorgsam gehütete Geheimnis in einem Anfall verfehlter Menschenliebe dem ganzen Dorf mitteilte. Der Fall alarmierte damals die gesamte Magiergemeinde. Heute geht man solche Risiken nicht mehr ein. »Man sagt zwar allgemein, dass keine Frau die Translatio überlebt, aber ich bin nicht sicher, ob sich diese Behauptung auf Tatsachen gründet. Ein gewisser Anteil der Kandidaten verfällt dem Wahnsinn, bevor sie ihr Ziel erreichen, sie müssen von ihren Lehrern beseitigt werden. Es wäre denkbar, dass auch Frauen bis dahin gekommen sind. Über gescheiterte Schüler wird nicht gesprochen.«

»Warum werden sie wahnsinnig?«

Er schüttelt den Kopf und schnalzt leise mit der Zunge. »Lass gut sein, Kamala. Du weißt, dass ich dir das nicht sagen werde.«

»Wieder eines von den Dingen, die ich erst verstehe, wenn ich am Ziel bin?«

»Richtig.«

Bald. Bald ist es so weit.

Sie seufzt, und aus der wirren Flammenkrone lösen sich ein paar Strähnen und fallen ihr in die Augen. Sie streicht sie achtlos zur Seite, wie ihr Haar aussieht, kümmert sie wenig, solange es nicht stört. Wie kann jemand, dem die eigene Erscheinung so gleichgültig ist, so unglaublich reizvoll sein?, geht es ihm durch den Sinn. Die Natur ist in dieser Hinsicht grausam, sie verdammt die Prinzessin in ihrem Elfenbeinturm dazu, ein Leben lang mit Schminke und Brenneisen vergeblich nach jener natürlichen Schönheit zu trachten, die der Hure aus bäuerlichem Haus aus einer Laune heraus geschenkt wurde. Kamalas schlanke, kräftige Gestalt mag Männer kalt lassen, die Wert auf Grübchenwangen legen, aber wenn ein Mann das sprühende Feuer der Weiblichkeit schätzt, wenn er nur eine wahrhaft unabhängige Frau zu begehren vermag und sich eher von wildem Temperament als von schmachtender Schönheit angezogen fühlt, dann wird er diesem Geschöpf rettungslos verfallen.

Immer vorausgesetzt, sie kommt jemals wieder einem sterblichen Mann unter die Augen, schließt er finster. Das bleibt abzuwarten.

»Und was ist meine Aufgabe für heute, Meister Aethanus? Oder kommt es gar nicht mehr darauf an? Soll ich einfach so lange Wolken hin und her schieben, bis mein Athra erschöpft ist?«

Sie wirft die Frage wie einen Scherz in den Raum, aber er geht nicht darauf ein. Sein ernster Blick trifft und entwaffnet sie jäh. Ihr schüchternes Lächeln erlischt wie eine Kerzenflamme im Wind.

»Ja«, sagt er. »Schieb die Wolken hin und her.«

Er sieht, wie sie erbebt, aber sie stellt keine Fragen. Das ist gut. Sie hat verstanden.

Langsam geht sie nach draußen. Er folgt ihr. Die Dämmerung ist hereingebrochen, der Himmel zeigt sich herzzerreißend schön, von einem tiefen Blau mit schwarz flimmernden Rändern. Die Wolken scharen sich wie Nebelgeister um das Antlitz des Vollmonds, der dicht über den Baumkronen schwebt. Die denkbar beste Nacht für eine solche Übung.

Sie nimmt ihren Platz mitten auf der Lichtung ein und wendet sich dem Mond zu. Er spürt, wie sie tief in ihrem Inneren nach der Quelle aller Macht sucht, wie sie, so hat sie es einmal beschrieben, »ihre Seele von innen nach außen kehrt«. Diesmal muss sie dafür viel Mühe aufwenden, und das Ergebnis ist kläglich. Ihre Lebenskraft ist nahezu erschöpft, ausgebrannt in wenigen Jahren durch magische Übungen, die nur darauf ausgerichtet sind, ihrer Seele unnatürlich schnell alle natürlichen Kräfte zu entziehen. Sie ist noch jung, körperlich strotzt sie nur so vor Kraft, aber von dem inneren Feuer, das den Leib am Leben erhält, ist so gut wie nichts geblieben. Heute Nacht … heute Nacht wird der letzte kostbare Funke erlöschen. Und wenn sie Glück hat, wenn sie stark ist und vor allem, wenn sie die nötige Entschlossenheit aufbringt … wird etwas anderes seinen Platz einnehmen.

Ob sie es erträgt, mit diesem Etwas zu leben, ist eine ganz andere Frage.

Mit einer Geste von geradezu gespenstischer Anmut hebt sie die Arme zum Himmel, als wollte sie die Wolken beschwören, sich aus eigener Kraft in Bewegung zu setzen. Er hat ihr keine einfache Aufgabe gestellt, denn auch wenn die Hexen in Dürrezeiten gern mit ihren Künsten prahlen, ist das Wetter nur schwer zu steuern. Die Macht einer einzelnen Menschenseele muss so fest mit Erde und Himmel verwoben werden, bis kein Stern mehr leuchten und kein Wind mehr wehen kann, ohne diese Seele mit erschauern zu lassen. Dann, erst dann lassen sich kleine Bereiche verändern, ohne dass das große Ganze aus dem Gleichgewicht gerät.

Er sieht, wie sie tief Luft holt, und fragt sich, ob es das letzte Mal ist.

Er hatte vorgehabt, sie nur mit seinen physischen Augen zu beobachten, ohne tiefer in sie einzudringen. Aber das Band zwischen Schüler und Lehrer erweist sich bereits als stark, wo es nur um die Vermittlung profaner Künste geht, um wie viel enger erst da, wo die Geheimnisse des Seelenfeuers weitergegeben werden. Ohne das Zweite Gesicht des Magisters beschwören zu müssen, sieht er ihre Macht in einem so reinen, so hellen Strahl himmelwärts schießen, dass er zunächst geblendet ist. Was hat dieses wilde kleine Luder nur für innere Kräfte! Befriedigt sieht er zu, wie sie ihre Energien mit der Materie des Windes verbindet, wie geschickt sie jede einzelne Himmelsschicht an ihren Willen schmiedet, damit sich kein einziges Fäserchen entziehen kann, wenn sie den Wolken befiehlt, sich zu bewegen. Wie vollkommen sie die Künste des Hexenvolks beherrscht! Warum hat sie nicht Vernunft angenommen und sich gerettet, solange noch Zeit war …

Denn dafür ist es schon seit Längerem zu spät, und bevor er diesen Gedanken noch zu Ende bringen kann, sieht er sie taumeln. Zuerst ist es nur ein Zittern, das über ihre ausgestreckten Arme läuft, aber er weiß, dass sie es so empfindet, als hätten sich auf einen Schlag alle Adern mit Eis gefüllt. Er kennt das von seiner eigenen Translatio. Er weiß, wie es ist, wenn sich die Panik der Seele eines Menschen bemächtigt, weil der Lebensfunke, der seit seiner Geburt in ihm brennt, plötzlich zu flackern beginnt wie eine erlöschende Kerze. Man schickt Gebete zum Himmel – vergeblich! –, kein Gott, der seit Jahren zusieht, wie man seine Kräfte vergeudet, wird sich von solcher Reue in letzter Minute erweichen lassen. Das Herz krampft sich in der Brust zusammen wie eine Faust, die jene letzten kostbaren Lebenstropfen festzuhalten sucht. Doch wenn man dieses Stadium erreicht hat, ist es zu spät. Man hat sein irdisches Leben verbraucht, der Tod schwebt bereits über seinem jüngsten Opfer und zaudert nur noch einen einzigen, entscheidenden Moment, während die Flammen des Athra in der Finsternis verglühen …

Er hört sie aufschreien. Der Laut kommt nicht aus ihrem Mund, sondern aus den Tiefen ihrer Seele, ein gequältes Aufheulen, eine Mischung aus Trotz, Angst, Entschlossenheit – und jenem schieren Eigensinn, der immer schon ihr stärkster Charakterzug war. Doch auch damit kommt sie jetzt nicht mehr weiter. Du musst bereit sein, alles hinter dir zu lassen, was du bist, denkt er, und zu einer Nachtgestalt werden, so schrecklich, dass die Menschen sich vor Angst verkröchen, wenn sie wüssten, dass sie unter ihnen wandelt. Und du musst den Weg dahin alleine finden, ohne dass er dir gezeigt wird; der Wunsch muss so stark sein, dass du alle Bedenken abschüttelst.

Schüttelt ein Mann wirklich alle Bedenken ab?, fragt er sich. Eine Frau muss es tun. Sie wurde von der Natur dazu bestimmt, Leben in die Welt zu setzen, zu hegen und zu pflegen, und ihre Seele ist ganz und gar auf diese Aufgabe hin ausgerichtet. Im Urzustand vermag eine solche Seele weder die Translatio zu bewältigen, noch die spirituelle Prüfung zu überleben, die sich anschließt. Kann Kamala alles von sich werfen, was ihr die Götter schenkten, als sie sie zur Frau machten, kann ihr Hunger nach Leben so verzweifelt sein, dass ihr das Leben anderer nichts bedeutet? Männer werden mit dieser Fähigkeit geboren, denn die Natur hat sie für den Krieg geschaffen, aber Frauen müssen sie erst gegen alle natürlichen Widerstände erwerben.

Deine Bestimmung war es, der Welt Leben zu schenken, denkt er. Jetzt musst du ihr den Tod bringen, wenn du überleben willst.

Sie liegt auf den Knien, von Krämpfen geschüttelt, Todesängste zerreißen ihr die Seele. Aethanus hört, wie sie ihre Verzweiflung in den Himmel schreit. Sie ruft sogar seinen Namen, es klingt wie ein Gebet – sie fleht ihn um das Wissen an, das sie zum Überleben braucht –, aber er antwortet nicht. Jeder Schüler muss den Weg zu seiner Wahrheit alleine finden; so verlangt es die Tradition der Magister. Sonst könnten schwächere Schüler zwar unbeschadet durch die Translatio gebracht werden, wären aber nicht für das gerüstet, was danach kommt.

Vergib mir, meine wilde kleine Hure. Und vergib auch den Göttern, denn sie haben verfügt, dass jede Geburt unter Qualen erfolgt.

Und dann …

Er kann es spüren. Plötzlich erkennt sie, dass da außer ihr noch etwas ist. Jenseits der Wolken, jenseits des Windes, jenseits der Teile der Erde, denen der Mensch Namen gegeben hat. Eine Kraftquelle, die unabhängig von ihr selbst existiert, dem Athra ähnlich, dessen Strom in ihrer Seele langsam versiegt, und doch anders. Sie will danach greifen, aber die Kraft lässt sich nicht fassen. Nein!, schreit sie. Ich werde nicht scheitern! Ein neuer Funke glimmt auf, und sie hascht danach, bietet ihre ganze Willenskraft auf, um ihn an sich zu binden, bevor das Feuer in ihrem Fleisch vollends erlischt. Aethanus kann ihre Entschlossenheit, das Glücksgefühl der jähen Erkenntnis förmlich schmecken. Das, ja, das war es, was sie entdecken sollte – diesen fremden Funken, der kein Seelenfeuer ist, sich aber einfangen lässt, um als Ersatz dafür zu dienen. Warum hat ihr Aethanus nicht einfach gesagt, worum es geht? Warum hat er sie nicht gelehrt, mit welchen Mitteln sie den Funken zähmen kann? Jetzt ringt sie mit dem Tod und muss dabei in höchster Eile ein Band knüpfen zwischen sich und dieser fernen Macht, ein Band so stark, dass kein Mensch, kein Gott es jemals wieder zu zerreißen vermag.

Sie hat gesiegt, er weiß es noch vor ihr. Er weiß es, weil er andere Schüler an diesem Punkt hat sterben sehen, ausgebrannt an der Schwelle zur Unsterblichkeit. Bei ihnen waren in der eigenen Seele die letzten Funken erloschen, bevor es ihnen gelang, die neue Kraft an sich zu ziehen, und der Tod hatte sie unter grässlichen Schreien ins Vergessen gestürzt. Bei ihr … bricht nun das Eis in den Adern … das Herz, das fast erdrückt war, beginnt zaghaft wieder zu schlagen … erlösende Wärme strömt in ihre Lungen, als sie, unter der Last der Todesangst dem Ersticken nahe, abermals Atem holt. Er weiß es vor ihr, weil er die Zeichen kennt. Sie … sie weiß nur, dass jetzt das Wissen um diese fremde Macht in ihr pulsiert wie ein zweiter Herzschlag, und dass es ihrem Körper mit jedem Atemzug leichter fällt, daraus neue Kräfte zu schöpfen.

Als sie endlich begreift, dass sie es tatsächlich geschafft hat, und sicher sein kann, dass der Erfolg von Dauer ist, sieht sie ihn an. Ihre Augen füllen sich mit Tränen, mit roten Tränen, denn die Anstrengung hat ihr das Blut aus den Gefäßen gepresst. Wie passend, denkt er. Auch ihm waren die Tränen gekommen, aber er hat sie weggewischt, bevor sie sie sehen konnte. Sie soll gar nicht erst darüber nachdenken, durch welche Gefühle sie hervorgerufen worden sein mögen.

»Ich lebe«, sagt sie, und in den zwei Worten stecken tausend ungesagte Dinge. Tausend Fragen.

»Ja«, erwidert er. Und hat damit alles beantwortet.

»Ich bin ein … Magister?«

Er betrachtet sie lange. Liebt sie mit einer Inbrunst, mit der er nie gerechnet hätte. Dies ist das letzte Mal, dass du sie im Stande der Unschuld sehen darfst, sagt er bei sich, denn gleich wirst du diese Unschuld für immer zerstören.

»Du kannst die Macht gebrauchen, wie immer du willst«, erklärt er ihr ruhig, »für jeden beliebigen Zweck. Du wirst nicht sterben. Du hast gelernt, dein Athra von anderswo zu beziehen, aus anderen Quellen. Das wird nun immer so bleiben. Wenn eine Quelle versiegt, wirst du eine neue finden. Das gelingt jedem Magister, der mit allen Fasern seines Herzens zu leben begehrt.«

»Und?«, fragt sie. »Wo ist der Haken? Ihr habt von einer Prüfung gesprochen. Ist sie schon vorüber?«

Wieder sieht er sie lange an. Er will ihr Bild in seinem Geist bewahren, so wie sie jetzt ist, bevor sie die Wahrheit erfährt und von ihr verändert wird. Bevor sie sich infolge ihres Geschlechts in eine Sagengestalt verwandelt. Und infolge ihrer Entscheidung in ein Geschöpf der Finsternis.

»Nur eine Lektion musst du noch lernen«, sagt er. »Es ist die letzte.«

Sie wartet.

»Folgendes musst du begreifen, Kamala: Es gibt im ganzen Universum keine Athra-Quellen, aus denen du schöpfen könntest, außer den Seelen lebender Menschen.«

Hoch über ihnen ziehen Wolken über das Antlitz des Mondes. Auf der Lichtung wird es dunkel und still.

»Jetzt«, sagt er, »bist du wirklich ein Magister.«

Kapitel 5

»Nun denn«, sagte Ramirus. Seine Stimme hallte durch den riesigen Saal wie ein Geisterschrei durch eine Krypta. »Prinz Andovan ist todkrank. Und schuld daran ist ein Magister.« Er machte eine weit ausholende Gebärde, die den Raum, alle Anwesenden und den Grund ihres Hierseins einschloss. »Jetzt seht ihr, warum ich euch gerufen habe.«

Magister Del räusperte sich; es mochte aber auch ein höhnisches Lachen sein. »Ich sehe zwar, dass die Götter deinem königlichen Patron einen bösen Streich gespielt haben, Ramirus. Aber ich begreife nicht, was dich daran so überrascht? Die Translatio schert sich den Teufel um Rasse, Alter oder Stand. Dass früher oder später ein Mitglied einer königlichen Familie betroffen sein würde, war zu erwarten. Mich erstaunt nur, dass es nicht schon längst dazu kam.«

»Du hast keine Ahnung«, grollte Ramirus. Es klang wie das Knurren eines Wolfs.

Colivar fiel es schwer, ein Lächeln zu unterdrücken. Die Sache war ernst, gewiss, dennoch beobachtete er mit Vergnügen, wie der Königliche Magister seines Feindes vor so vielen Zeugen gedemütigt wurde. Eine kleine Entschädigung für die lange, staubige Reise. »Wenn es gestattet ist …« Er wartete artig wie ein Höfling, bis Ramirus ihm zunickte. »Es geht hier nicht darum, ob Andovan stirbt, was keinen von uns wirklich kümmert, oder ob irgendein Prinz aus Dantons Reich stirbt – was die meisten von uns nicht kümmert – die Frage ist vielmehr, wie sich die Menschen verhalten werden, während er stirbt. Richtig?«

»Richtig«, sagte Ramirus. Er nickte zu den beiden Lampen auf dem Kaminsims hin, und die Dochte folgten seinem Befehl und drehten sich höher. Die Helligkeit nahm zu, jedoch nicht genug, um auszugleichen, dass durch die Fensterschlitze kein Sonnenlicht mehr fiel, weil der Winkel für die Strahlen zu spitz geworden war. Im Inneren des großen Saales mit dem dunklen Holz und den rauen Steinmauern konnte man den Eindruck haben, die Nacht sei bereits hereingebrochen; Colivar hätte nicht sagen können, wie weit der Tag fortgeschritten war. »Wir alle wissen, was die Schwundsucht in Wahrheit ist, und wir wissen auch, wie sehr sich die Magister bemühen, diese Wahrheit vor allen Außenstehenden zu verbergen. Wer von uns hätte nicht irgendwann in seiner Laufbahn an dem Betrug mitgewirkt? Wer hätte nie bei einem Patienten das Fieber hochgetrieben, damit es so aussah, als wäre er Opfer einer echten Krankheit? Oder mit Hautpusteln, eiternden Wunden oder sonstigen Symptomen den Angehörigen vorgegaukelt, der Kräfteverlust hätte natürliche Gründe?

Seit Jahrhunderten glauben die Menschen dank solcher Kniffe, die Schwundsucht sei genau das, was wir behaupten – eine grausame Seuche, nicht mehr und nicht weniger. Auch die Ärzte bedauern zwar, dass selbst ihre wirksamsten Arzneien versagen, forschen aber nicht nach anderen Ursachen … sondern vergeuden die letzten Tage des Kranken mit der Suche nach einem neuen Trank, einer neuen Salbe, die ihm Linderung verschaffen könnte. Während wir, die wir die wahre Ursache kennen, nur zu genau wissen, dass es keine Linderung gibt. Wenn die Seele eines Magisters erst einmal begonnen hat, die Lebensenergien eines Sterblichen anzuzapfen, kann die Beziehung nur noch mit dem Tode enden.«

»Wobei«, warf Colivar lässig hin, »der Magister auch darauf verzichten könnte, die Energie zu nützen, aber dass irgendein Magister sich dazu bereitfände, nur um ein Leben zu retten, ist unwahrscheinlich.«

Ramirus nickte. »Genau. Aber in unserem Fall handelt es sich nicht um irgendeinen unbekannten Bauern, der klaglos in seiner Lehmhütte stirbt, während sich die Welt auch ohne ihn weiterdreht. Hier geht es um einen königlichen Prinzen. Er wird von einem Stab von Ärzten betreut, die ebenso wie Danton selbst zu allem entschlossen sind. Sie werden jede Arznei auf dieser Welt an ihm ausprobieren und die Wirkungen genauestens schriftlich dokumentieren. Man wird jeden Heiler ausfindig machen, der noch auf Erden wandelt, und ihn mit oder gegen seinen Willen hierher schaffen. Andovans Vater hat bereits verkündet, kein Preis sei ihm zu hoch und kein Risiko zu groß, um den Jungen zu retten – und das könnte unser Untergang sein.«

»Die Geheimnisse eines Magisters sind nicht mit Geld zu bezahlen«, bemerkte Kellam von Angarra trocken. »Und ohne sie wird man die Wahrheit wohl kaum entdecken.«

»Bist du dir da wirklich so sicher?«, meinte Ramirus skeptisch. »Seit Jahrtausenden ranken sich Volkssagen und Ammenmärchen um diese Krankheit. Oft genug war eine Hexe auf dem Totenbett nur um Haaresbreite von der Wahrheit entfernt. Betrunkene Dummköpfe lallen aberwitzige Anschuldigungen, die für Bauernohren erschreckend überzeugend klingen. Und nun erklärt sich ein König bereit, für jedes haltlose Gerücht gutes Geld zu bezahlen. Was wollt ihr wetten, dass solche Aussagen jetzt einen Anstrich von Seriosität erhalten und man ihnen genauer nachgeht?«

»Es gibt auch andere Lebewesen, die sich vom Athra nähren«, sagte Del. »Wieso sollte man gerade Menschen verdächtigen?«

Ramirus kniff die Augen zusammen. Plötzlich erinnerte er mit seinen schneeweißen Brauen seltsam an eine Eule, die zusehen muss, wie ihr Nest beschmutzt wird. »Du bist nicht auf dem Laufenden, Bruder. Tatsächlich weiß man nur von einem Lebewesen mit Sicherheit, dass es sich so ernährt … und von dieser Gattung wurde seit Jahrhunderten kein Exemplar mehr in den Siedlungsgebieten der Menschen gesichtet. Alles andere sind fantastische Erfindungen, mit denen wir mehr oder weniger schwere Krankheiten mit ganz anderen Ursachen zu erklären suchen, um von unseren eigenen abscheulichen Gewohnheiten abzulenken. Wie lange werden sich solche Flunkereien wohl halten, wenn erst ein Mann von Dantons Kaliber sein Vermögen und seine Macht einsetzt, um ihnen auf den Grund zu gehen?«

»Eine Krankheit zerfrisst den Körper«, murmelte Lazaroth. »Ein Magister zehrt die Seele auf. Jede kleine Hexe, die diesen Namen verdient, wird den Unterschied erkennen – wenn man ihr genügend Anreize gibt, danach zu suchen.«

»Und was folgt daraus?«, fragte Colivar und musste lächeln. »Tötet den Prinzen, und das Problem ist gelöst.« Er warf einen vielsagenden Blick auf die Fenster, hinter denen es bereits dämmerte. »Sogar noch vor dem Abendessen.«

»Das kommt nicht in Frage.«

»Wieso nicht?« Colivars schwarze Augen wurden schmal. »Weil Danton ihn noch braucht? Weil das Reich ihn nicht entbehren kann? Das sind sehr politische Überlegungen für einen Magister, Ramirus.«

Ramirus sah ihn böse an. »Gilt das für deinen Vorschlag nicht auch? Wie hoch ist die Belohnung, wenn du deinem königlichen Herrn die Nachricht von Andovans Tod bringst, Colivar? Besonders, wenn du ihm sagen kannst, du wärst dafür verantwortlich?«

»Herrschaften!« Das war Kellam. »Nichts für ungut, aber es geht doch um unser aller Überleben, nicht wahr? Aus dieser Sicht kümmert es mich keinen Rattenpimmel, wer auf welchem Thron sitzt und wie viele Söhne er hat.« Er wandte sich an Ramirus. »Colivar mag unbequem sein, Ramirus, aber das heißt nicht, dass er unrecht hätte. Sag uns, warum der Junge nicht sterben darf. Und im Übrigen halte ich ein Abendessen für eine großartige Idee. Die meisten von uns sind seit Tagesanbruch unterwegs.«

Ramirus sah ihn empört an, ließ sich aber doch herbei, nach dem Klingelzug neben der Feuerstelle zu greifen. An den Gesetzen der Gastfreundschaft kam man nicht vorbei. Er wartete, bis leise und zaghaft an die schwere Eichentür geklopft wurde, und rief: »Herein«. Daraufhin erschien ein junger Bursche, der sich sichtlich scheute, das Reich des Magisters zu betreten.

»Einen kalten Imbiss für meine Gäste«, befahl Ramirus. »Lass die Glocke läuten, wenn alles bereit ist.« Er zog eine Augenbraue hoch und sah Colivar an, als zweifle er, ob dieser sich tatsächlich auf die einheimische Kost oder die hiesige Dienerschaft einlassen wollte. Doch der Anchasaner nahm das Angebot mit einer artigen Verneigung und einem spöttischen Lächeln an. Seine Haltung verriet sogar eine Spur von Arroganz, als wollte er Ramirus provozieren, seine Gastgeberpflichten zu verletzen, um ihn dann auf frischer Tat zu ertappen.

Übertreibe es nicht, wenn dir dein Leben lieb ist, dachte Ramirus. Wenn du mich zu sehr reizt, kann ich mich vielleicht nicht mehr beherrschen.

Er wartete, bis die Tür wieder ins Schloss gefallen war und die Schritte des Jungen verklangen, bevor er abermals das Wort ergriff.

»Wir stehen vor folgendem Dilemma«, sagte er ruhig. »Wenn wir zu diesem Zeitpunkt, ob offen oder im Verborgenen, gegen den Jungen vorgehen, ist die Gefahr der Entdeckung groß. Danton hat bereits Hexen und Hexer in seine Dienste genommen, die nicht alle völlig unfähig sind. Wie schwierig wäre es denn, einen solchen Angriff zurückzuverfolgen? Von uns wäre jeder dazu imstande. Man muss damit rechnen, dass das auch für die eine oder andere Hexe gilt.«

Colivar zuckte die Achseln. »Dann tötet man eben die Hexen.«

Ramirus’ Augen blitzten. »Etwas Besseres fällt dir nicht ein? Müssen denn alle sterben?«

»Magister. Magister!« Das war Del. »Was ist das für ein Benehmen?« Er wandte sich an Colivar. »So spricht man nicht, wenn man zu Gast ist, Bruder.«

»Der Süden kennt keine Manieren«, murrte Ramirus.

»Und du.« Del wandte sich dem Königlichen Magister zu, und seine Augen wurden schmal. »Du hast die Sache viel zu lange schleifen lassen. Dieses Treffen hätte stattfinden müssen, bevor Danton die Hexen und Hexer ins Spiel brachte. Dann hätten wir einen Unfall vortäuschen und den Jungen töten können, ohne dass allzu viel Unruhe entstanden wäre. Jetzt …« Wieder sah er erst Colivar, dann Ramirus an. »Jetzt ist alles … viel schwieriger geworden.«

»Genau«, nickte Colivar. Seine schwarzen Augen funkelten im Schein der Lampen.

»Ich will euch etwas sagen«, begann Fadir. Er war ein kräftiger Mann mit breiten Schultern und schwellenden Muskeln; Colivar überlegte nicht zum ersten Mal, ob er womöglich Soldat gewesen war, bevor er die Macht für sich entdeckte.

»In meinem Land wäre es nie so weit gekommen. In meinem Land vergesse ich nie, dass wir auf einem schmalen Grat wandeln, von dem wir nicht abweichen dürfen. Wer die Geheimnisse der Magister gefährdet, muss sterben. So lautet das Gesetz.« Er begegnete Ramirus’ Blick, ohne auszuweichen. »Mein Bruder hat recht. Du hast zu lange gewartet.« Dann sah er Colivar an. »Doch was geschehen ist, ist geschehen. Nun müssen wir sehen, wie wir den Karren wieder aus dem Dreck ziehen. Aber wenn alles überstanden ist, sollten wir vielleicht Richtlinien erarbeiten, die sicherstellen, dass unsere Bruderschaft nie wieder in eine solche Lage gerät.«

»Einverstanden«, sagte Colivar.

»Wir müssen herausfinden, wer für den Zustand des Jungen verantwortlich ist«, überlegte ein Magister namens An-chi.

»Vielleicht«, sagte Kellam leise, »ist es einer von uns.«

»Nein.« Ramirus schüttelte entschieden den Kopf. »Als ich euch einlud, fragte ich jeden Einzelnen, ob er in den letzten zwei Jahren den Konjunkten gewechselt hätte, weißt du nicht mehr? Selbst wenn wir unterstellen, dass einige nicht wahrheitsgemäß geantwortet haben …« Ein Lächeln zuckte um seine Mundwinkel, »… kam keiner auch nur in die Nähe des fraglichen Zeitpunkts.«

»Und wenn man schon lügt, verschiebt man die Translatio doch eher nach vorne«, überlegte Colivar.

»Genau.«

»Es ist also niemand von uns«, beendete Fadir die Debatte. »Und was schlägst du nun vor? Mit Hilfe der Macht die Verbindung aufzuspüren und den dingfest zu machen, der den Jungen auffrisst? Das ist unmöglich, und jeder weiß es. Wer versucht, einen Konjunkten zu verzaubern, läuft Gefahr, in die Verbindung hineingezogen und selbst aufgefressen zu werden. Eine verdammt schäbige Art, diese Welt zu verlassen, finde ich. Ich habe nicht vor, mein Leben so zu beenden.«

»Angenommen, wir fänden ihn wirklich?«, fragte Del leise. »Ich denke nicht daran, wegen irgendeines Moratus einen Bruder zu töten.« Etliche Magister am Tisch grinsten höhnisch bei der Erwähnung derjenigen Menschen, die nicht die Macht hatten, ihr Leben selbst zu verlängern.

»Ich auch nicht«, riefen mehrere andere im Chor.

»Herrschaften!« Ramirus verschaffte sich mit fester Stimme Gehör. »Gerade deshalb habe ich euch doch zusammengerufen. Ich dachte, wenn sich die größten Geister, die jemals das Athra beherrschten, gemeinsam um eine Lösung bemühten, würden sie vielleicht eher fündig als ein Einzelner.«

Hinter den dicken Mauern war gedämpft eine Glocke zu hören.

»Mir scheint, das Essen steht bereit. Ich würde sagen, wir stärken uns, dann ziehen wir uns zurück, und morgen früh kommen wir wieder zusammen, um uns auszutauschen und gemeinsam einen Ausweg aus dieser unerfreulichen Lage zu suchen.«

»Deine Diener arbeiten unglaublich schnell«, bemerkte Colivar. »Setzt ihr jetzt auch schon in der Küche Hexen ein?«

Ramirus sah ihn an. Von den verschiedenen Gefühlen, die in seinen Greisenaugen glitzerten, war die Verachtung am deutlichsten. »Ich habe schon im Voraus anrichten lassen. Was dachtest du denn?« Er schüttelte den Kopf und schnalzte leise mit der Zunge. »Du solltest mich nicht unterschätzen, Colivar. Eines Tages steht vielleicht mehr als nur ein Abendessen auf dem Spiel.«

Die Nacht war warm und windstill, aber nicht unerträglich schwül. Die beiden Monde standen an entgegengesetzten Enden des Himmels und beschienen den Markplatz, wo sich Huren und Nachtschwärmer wie üblich bis Tagesanbruch tummeln würden. Ein gewöhnlicher Mensch konnte vom Palast aus zwar nicht so weit sehen, aber für einen Magister war es ein Leichtes, seine Augen entsprechend zu schärfen.

Ramirus stand an der Festungsmauer und starrte in die Dunkelheit hinaus. Colivar beobachtete ihn zunächst von Weitem, dann löste er sich aus den Schatten des Ostturms und ging mit festen, deutlich hörbaren Schritten auf ihn zu. Der weißhaarige Magister nickte leicht, dreht sich aber nicht um.

Colivar stellte sich in respektvollem Abstand an die Mauer und schaute ebenfalls über die Landschaft. Von hier oben hatte man einen weiten Blick, in den Wäldern um den Palast tanzten die Schatten, und vom Marktplatz drangen leise die Stimmen der letzten Zecher herauf. Der fremde Geruch des Waldes stieg ihm satt und schwer in die Nase. Regen hatte im Süden Seltenheitswert, und Denkmäler aus behauenem Stein waren ihm vertrauter als dieser wild wuchernde Dschungel. Er wusste noch nicht recht, was er davon zu halten hatte.

Da Ramirus offensichtlich nicht daran dachte, ihn anzusprechen, ergriff er das Wort. »Weißt du, was man im Süden über dich sagen würde? ›Er setzt seiner Familie Kamelmist vor.‹«

Ramirus warf ihm einen missbilligenden Blick zu. »Ich weiß noch, wie du dich in die Felle des Nordens gekleidet und ständig über die Gletscher geflucht hast.« Wieder schaute er über die Mauer. »Damals hast du mir besser gefallen.«

»Der Gott der Chamäleons hat mich besonders anpassungsfähig gemacht.«

»Ein wankelmütiger Gott, wenn ich mich recht erinnere.«

»Er hält nicht viel von Gebeten, er verlangt nur, dass man sich nicht an die Vergangenheit klammert, sondern den Augenblick so nimmt, wie er ist. Während du, mein Bruder, dich niemals änderst.« Er lachte leise. »Dein Bart während der Kahlheitsseuche war allerdings beeindruckend, das muss ich dir lassen.«

»Dabei musste irgendjemand jede Nacht kostbare Minuten seines Lebens opfern, damit ich ihn behalten konnte.« Ramirus strich sich seinen Bart so zärtlich, als wäre es die milchweiße Haut einer Kurtisane. »Ich stelle mir oft vor, dass es eine Frau war.«

Colivar hob jäh den Kopf. »Spürst du, ob es eine Frau ist, der du Kräfte entziehst?«

Ramirus zuckte die Achseln. »Eigentlich müsste es möglich sein. Männer und Frauen sind in ihrem Wesen so verschieden, dass sich der Unterschied doch auch in ihrem Athra spiegeln müsste. Aber es gibt keine Gewissheit. Ein Konjunkt lebt und stirbt namenlos, nicht einmal, wenn es mit ihm zu Ende geht, bekommt er für uns ein Gesicht, und unsere Vermutungen, wer und was er ist, werden niemals bestätigt. Manchmal denke ich mir: Wäre es anders, könnten wir womöglich nicht so handeln, wie wir es tun.«

Er wandte seinem Gast ein Greisengesicht zu, aus dem auffallend jugendliche Augen blickten. Noch eine Lüge. »Warum bist du gekommen, Colivar?«

»Warum liegt dir so viel am Leben dieses Jungen?«, fragte der andere leise zurück.

»Ich sagte es bereits. Beim Treffen mit den anderen.«

»Kamelmist.«

Ramirus seufzte und ließ seinen Blick wieder über die nächtliche Landschaft schweifen. »Du hast wirklich erbärmlich schlechte Manieren. Wie König Farah dich erträgt, ist mir unbegreiflich.«

»Du weißt genau, dass es für uns am besten wäre, den Jungen zu töten. Daran können mich all die gedrechselten Phrasen des Nordens nicht irremachen. Also, was steckt dahinter? Warum führst du diese Eiertänze auf, um uns vom Gegenteil zu überzeugen?«

Ramirus’ Halsmuskeln traten hervor, aber er schwieg.

»Soll ich raten?«, drängte Colivar.

»Wenn es dir Freude macht.«

»Ich glaube, du hast Angst.«

Ramirus’ Miene verfinsterte sich, doch er schwieg verstockt.

»Aber wovor? Das ist die Frage. Sicherlich nicht um dein Leben. Wann hätte das letzte Mal jemand gewagt, sich an einem Magister zu vergreifen? Nein, es muss etwas anderes sein. Etwas … weniger Plumpes. Ein politischer Schachzug vielleicht? Aber der große Ramirus würde sich doch niemals in die Niederungen der Morati-Politik hinabbegeben …«

Ramirus knirschte mit den Zähnen. »Jetzt gehst du zu weit, Colivar.«

»Ich?« Colivars Verneigung fiel etwas zu tief aus, um noch aufrichtig zu sein. »Ich bin doch nur ein müder Reisender, der viele staubige Meilen zurückgelegt hat, um seinen Kollegen beratend zur Seite zu stehen. Schließlich hast du mich gerufen. Hältst du es für guten Stil, jemanden um Hilfe zu bitten, und ihn dann mit Ausflüchten und Halbwahrheiten abzuspeisen?«

»Hältst du es für klug, zu vergessen, wo du bist, und ständig anzuecken, anstatt deine Zunge zu hüten?«

»Du weißt genau, dass schon meine Anwesenheit hier ein Ärgernis ist. Ich kann mir lebhaft vorstellen, dass Danton Schaum vor dem Mund bekam, als er nur meinen Namen hörte.«

Um Ramirus’ Mundwinkel zuckte es kaum merklich. »Schaum … das ist ein klein wenig übertrieben.«

»Glaubst du, ich merke nicht, wie die Wachen wie Ratten um meine Tür herumschleichen, um Auge und Ohr für ihn zu spielen? Ich würde ihnen gern ein prickelndes Schauspiel bieten, aber ich möchte die Kräfte meines derzeitigen Konjunkten nicht allzu schnell erschöpfen.«

»Was hast du erwartet? Er ist hier der König, und du stehst im Dienste seines Feindes. Da ist es doch wohl kein Wunder, wenn er versucht, sich abzusichern?«

»Glaubt er wirklich, dass seine Spitzel ihm dabei von Nutzen sind? Müsste er nicht eigentlich wissen, dass man sich an einen Magister nicht so ohne Weiteres anpirschen kann?«

»Vielleicht bin ich nur ein besserer Schauspieler als du, Chamäleon. Vielleicht bekommt mein Patron – anders als der deine – nur einen Schatten der Wahrheit zu sehen.«

»Mag sein.«

»Es ist nicht leicht, einen Magister zu töten, aber es ist nicht unmöglich. Und es gibt Beispiele dafür, dass jemand sich ›anpirschte‹, als der Betreffende gerade nicht aufpasste.« Nun sah er Colivar offen an. »Du solltest Danton nicht unterschätzen. Das hat schon so mancher getan, und jetzt werden sie alle von den Würmern gefressen.«

»War auch ein Magister darunter?«

»Nicht, dass ich wüsste. Aber ich war Zeuge, als er eine Hexe in den Tod getrieben hat. Es war … erschütternd.«

»Sie kann nicht sehr fähig gewesen sein.«

»Im Gegenteil, sie war beeindruckend – solange sie lebte. Er schürte ihre Ängste, bis sie in jedem Schatten einen Feind vermutete, den es abzuwehren galt. Innerhalb von zwei Wochen war sie ausgebrannt, ohne zu ahnen, dass er der Urheber des abgefeimten Spiels war.« Ramirus hielt inne, dann bemerkte er nachdenklich: »Ich hätte ihr zugetraut, die Translatio zu schaffen, trotz ihres Geschlechts. Den Mut dazu hatte sie. Und dann hätte er eine Überraschung erlebt!«

»Ich glaube nicht, dass die Monde jemals den Tag bescheinen werden, an dem das geschieht.«

»Nein«, stimmte Ramirus zu. »Die Natur lässt nicht zu, dass gewisse Grenzen verletzt werden.«

Er wandte sich wieder dem Wald zu, um Colivar zu zeigen, dass das Gespräch für ihn beendet war.

»Und der Junge?«, drängte Colivar.

Ramirus seufzte. »Ist ein königlicher Prinz, und durch seine Stellung entstehen gewisse Schwierigkeiten. Das ist alles.«

Mehr aus Neugier denn aus Notwendigkeit tastete der schwarzhaarige Magister mit einem dünnen Finger der Macht nach seinem Kollegen, um diese Lüge genauer zu erforschen. Natürlich ohne Erfolg. Der Fühler glitt einfach ab.

»Ich glaube immer noch, dass du Angst hast«, wiederholte er ruhig. »Du fürchtest, man wird dich verantwortlich machen, wenn Andovan stirbt. Nicht, weil du an seiner Krankheit schuld wärst, sondern weil du sie nicht heilen konntest.«

»Menschen sterben andauernd an irgendwelchen Krankheiten. Die Schwundsucht ist berüchtigt dafür, dass sie schwer zu heilen ist. Was könnte man mir vorwerfen?«

»Natürlich nichts … und Danton ist ohne Zweifel auch verständnisvoll genug, um das einzusehen.«

Wieder spannten sich Ramirus’ Halsmuskeln.

»Und wenn Andovan auf andere Weise zu Tode käme? Angenommen, ein Stein löste sich aus der Decke seines Zimmers und fiele ihm auf den Kopf. Würde man dich nicht auch dafür verantwortlich machen? Als Königlicher Magister müsstest du solche Unfälle doch vorhersehen und zu verhindern wissen! Das ist der wahre Grund, warum du uns zurückhältst, nicht wahr? Deshalb schlagen wir diesen Weg ein, obwohl Gefahr besteht, dass dabei unsere Geheimnisse gelüftet werden.«

»Selbst wenn er mir die Schuld gibt – er kann mir nichts anhaben. Auch wenn er das nicht glauben will.«

»Das vielleicht nicht, aber du könntest dein warmes Plätzchen verlieren.«

»Eine andere Stellung lässt sich finden. Es gibt genügend Patrone, die einen Magister suchen.«

»Einen Magister, der bei Danton Aurelius, dem König des Großreiches, in Ungnade gefallen ist? Dantons Einfluss reicht weit, Ramirus, viel weiter als die Macht kleinerer Monarchen. Sein Wort hat Gewicht, und wenn er dich zum Versager – oder noch schlimmer, zum Verräter – erklären sollte, fändest du sehr, sehr lange kein so behagliches Nest mehr. Natürlich«, fuhr er nachdenklich fort, »wäre vielleicht der eine oder andere Stammeshäuptling in der Wüste bereit, einen unfähigen Magister aufzunehmen. Vorausgesetzt, er vergreift sich nicht an seinen Söhnen. Oder an seinen Ziegen. Könnte es dir in der Wüste gefallen, Ramirus?«

»Ich höre mir deine Unverschämtheiten nicht länger an«, murrte der andere.

»Wie auch immer, es gibt noch eine Möglichkeit. Du bringst zuerst den Jungen um, und wenn der Vater Schwierigkeiten macht, tötest du auch ihn. Dann fiele das Reich allerdings an Rurick, seinen Erstgeborenen, und gegen diesen aufgeblasenen Schwachkopf würde das Volk wahrscheinlich bald aufbegehren – damit hättest du noch ein Verdienst vorzuweisen, wenn du dich anderswo als Königlicher Magister bewirbst.« Colivar lachte leise, doch es klang kalt und freudlos. »Nein, Ramirus, ich möchte wahrhaftig nicht in deinen Schuhen stecken. Du bist im Begriff, deinen Ruf zu verlieren, und um ihn zu retten, müsstest du ein Dutzend Magister dazu überreden, dir einen ihrer Kollegen auszuliefern. Und was dann? Willst du ihn töten? Oder ihn für die nächsten Jahrzehnte wegsperren, bis Andovan eines natürlichen Todes stirbt? Oder ist dir eine so originelle Lösung eingefallen, dass die Magister sie noch nicht verboten haben?«

»Ich habe die Hoffnung …« Ramirus suchte so sorgfältig nach den richtigen Worten, als hinge davon der Erfolg seines Vorhabens ab, »… dass wir, wenn wir den Verantwortlichen erst haben, auch einen Weg finden, das Band zwischen ihm und dem Prinzen zu lösen. Er braucht sich nur einen anderen Konjunkten zu suchen, dann ist Andovan frei.«

Colivar klatschte verhalten Beifall. »Ausgezeichnet, Ramirus. Aus deinem Munde klingt der Plan fast machbar. Auch wenn so etwas noch nie gelungen ist …«

»Es wurde auch noch nie versucht.«

»Jedenfalls brauchst du Verbündete, um die anderen zu überzeugen. Richtig?«

Ramirus zog ungläubig eine weiße Augenbraue in die Höhe. »Höre ich richtig? War das etwa ein Angebot? Oder bin ich nicht mehr ganz richtig im Kopf, weil ich beim Essen zu viel Met getrunken habe?«

»Eine Frage des Preises.«

»Aha …« Ramirus nickte anerkennend. »Du bist und bleibst ein Geier, Colivar.«

»Wir alle sind Geier. Sonst wären wir schon längst tot.«

»Wohl wahr.«

»Die Hilfe eines Feindes ist hier besonders wertvoll. Denn wenn die anderen sehen, dass sogar Colivar, der doch allen Grund hätte, dir zu schaden, deine Partei ergreift, hat das letztlich nicht mehr Gewicht als die halbherzige Unterstützung deiner Freunde?«

Bei dem Wort »Freunde« zuckte ein spöttisches Lächeln um Ramirus’ Mundwinkel. Als ob es zwischen Magistern jemals etwas anderes geben könnte als Rivalität, respektvoll im besten und … umgeschlagen in Erbitterung im schlimmsten Fall, eine Gegnerschaft von so erschreckender Grausamkeit, wie die Morati, die normalen Sterblichen, sie sich nicht einmal in ihren schlimmsten Albträumen auszumalen wagten.

Und all das nur, um die Jahrhunderte zu überbrücken.

»Was verlangst du denn nun?«, fragte Ramirus. »Du hattest doch von einem Preis gesprochen.«

Colivar breitete die Arme weit aus. »Ich bin nicht unbescheiden. Einen kleinen Gefallen vielleicht. Ein Wort in König Dantons Ohr, wenn er dich wieder einmal um Rat fragt.«

»Eine Kleinigkeit«, gab Ramirus spöttisch zurück. »Du hattest sicherlich an etwas Bestimmtes gedacht?«

Colivar strich sich mit trägem Genuss seinen Spitzbart; ein scharfsichtiger Beobachter hätte vielleicht die Parodie auf Ramirus erkannt. »Ich dachte an … Auremir.«

Ramirus zog scharf die Luft ein. »Jetzt gehst du wirklich zu weit.«

»Eine wunderschöne Hafenstadt, findest du nicht? Danton schätzt sie offenbar sehr, denn wie man hört, hat er vor, sie zu überfallen und in seine Gewalt zu bringen.«

»Dein Herr hätte dort wohl etwas zu verlieren? Gut zu wissen.«

»Es geht hier nicht um meinen Patron!«

Ramirus zog eine Augenbraue hoch. »Wirklich nicht? Seit wann beteiligst du dich an den Ränkespielen der Morati?«

»Menschen sterben. Auch Fürsten. Man sollte deshalb seine eigenen Interessen verfolgen, ohne sich vom guten Willen eines einzelnen Monarchen … oder auch eines einzigen Volkes abhängig zu machen.«

»Wie wahr. Wenn auch nicht die traditionelle Haltung des Magisterstandes.«

Colivar lächelte verschlagen. »Du wirst noch merken, dass ich nicht bin wie alle anderen.«

»Das wird mir allmählich klar … Was ist nun mit dieser Hafenstadt? Willst du sie für dich selbst?«

»Keineswegs. Sie kann von mir aus bleiben, was sie ist, ein kleiner Freistaat, von Feinden umringt. Ich möchte nur nicht, dass einer dieser Feinde das Gleichgewicht in der Region stört …«

»… denn das wäre schlecht für die Politik der Morati.«

»Genau.«

»Und die Morati kann man nicht unbeaufsichtigt lassen.«

Colivar nickte respektvoll. »Du verstehst also, worum es mir geht.«

»Ich verstehe, dass du eine Menge verlangst«, sagte der andere leise. »Auremir ist einer der besten Häfen in den Freien Landen. Falls Danton ein Auge auf dieses Kleinod geworfen haben sollte – ich sage ausdrücklich falls –, dann wäre es sehr schwer, ihn davon abzubringen.«

Colivar breitete beredt die Arme aus. »Aber nicht schwerer, als den Ruf eines Magisters zu retten, wenn ein so mächtiger Fürst es sich erst in seinen königlichen Kopf gesetzt hat, ihn zu vernichten. Richtig?«

Beide schwiegen lange. Endlich kehrte Ramirus sowohl der Mauer wie Colivar den Rücken. Ein Windstoß fuhr in seine Gewänder und bewegte sie hin und her wie die Flügel einer Fledermaus. »Ich wüsste nicht, inwiefern ein Angriff auf Auremir für Danton im Moment von Vorteil wäre«, sagte er ruhig. Seine Aura stand in hellen Flammen, doch seine Stimme war frei von Emotionen. »Ich werde ihn entsprechend beraten.« Damit stapfte er wütend auf den Turm zu und öffnete mit einem stummen Befehl die schwere Tür, bevor er sie erreichte, um seinen Abgang nicht unterbrechen zu müssen.

Colivar beschwor so viel Macht, dass Ramirus nicht hören konnte, wie er lachte, dann wandte er sich ebenfalls zum Gehen.

Kapitel 6

Aethanus erinnert sich:

An diesem Abend fällt es ihm schwer, sich auf die Übersetzung alter Runen zu konzentrieren. Es fällt ihm überhaupt schwer, seine Gedanken beisammenzuhalten.

Sie findet keine Ruhe.

Manchmal glaubt er, sie in seiner Seele zu spüren. Ein seltsam verwirrendes Gefühl. Intim auf einer Ebene, wo er an Intimität nicht gewöhnt ist. Ob das wohl daran liegt, dass sie eine Frau ist? Verändert es das Band zwischen Lehrer und Schüler, wenn ein Teil der Gleichung weiblich ist? Oder sind das nur Ausflüchte, die ihn berechtigen sollen, sich ihr nahe zu fühlen und sich noch eine Nacht länger vor der Wahrheit zu drücken: Sie ist jetzt Magister, und bald wird sie all das begehren, was sich mit diesem Rang verbindet. Das ist so unvermeidlich wie der Regen im Sommer und der Schnee im Winter.

»Meister Aethanus?«

Er hebt den Kopf. Sie steht ganz still in der Tür. Aber es ist eine seltsame Stille, nicht heiter und gelassen, sondern angespannt und voller Erwartung. Es ist die Reglosigkeit einer Katze, die überlegt, ob sie die Maus fressen oder lieber mit ihr spielen soll.

Ob es heute so weit ist?

Sie wartet wie immer, bis er ihr antwortet, nicht wie seine Schülerin, eher wie eine Dienstmagd. Er rollt das Pergament zusammen, das vor ihm auf dem Tisch liegt, steht auf und streckt sich. Draußen dämmert es schon, der Mond ist aufgegangen, und unter der Sommerwärme ahnt man bereits den ersten frischen Hauch des Herbstes.

»Komm«, sagt er, »wir gehen ein Stück.«

Sie passt sich seinen Schritten mit ihren langen Beinen mühelos an und folgt ihm schweigend. Er nimmt den Pfad durch das Gestrüpp, den sie in so vielen Nächten ausgetreten haben, vorbei an den Rehen, die sich eben zur Abendmahlzeit einfinden. Kamala füttert sie oft – ein seltsamer Liebesdienst für jemanden, der sich von der Lebenskraft der eigenen Artgenossen ernährt –, deshalb heben sie die Köpfe, als sie vorbeigeht, wie um zu fragen, ob sie ihnen wohl auch diesmal etwas mitgebracht hat.

Aber nein, heute Abend hat sie andere Dinge im Kopf. Er spürt, wie die Fragen auf ihre Lippen drängen, als wollte jede als Erste an die Reihe kommen.

Der Pfad führt einen Hang hinauf zu einem Felsen, der einen herrlichen Blick auf den Himmel und die umliegenden Wälder bietet. An diesem Ort hat er ihr oft Unterricht erteilt. Jetzt führt er sie wieder hierher, und sie steht neben ihm auf dem Granitband, während sich ringsum die Geschöpfe des Tages mit viel Geraschel und Gezwitscher zur Ruhe begeben und den Nachtbewohnern Platz machen.

Schweigend stehen sie da und genießen die Schönheit des Abends.

»Warum habt Ihr Ulran verlassen?«, fragt sie endlich.

Er seufzt tief auf.

»Wenn Euch die Frage unangenehm ist, braucht Ihr es nur zu sagen.«

»Nein, darum geht es nicht. Du hast ein Recht, es zu erfahren.«

Wieder seufzt er und reibt sich mit zwei Fingern die Stirn. »Der König von Ulran – er hieß Ambulis, Ambulis der Vierte – verlangte ein Feuerwerk von mir. Du weißt schon, wie es die Morati mit Schwarzpulver machen. Nur größer sollte es sein, prächtiger …« Er schüttelt den Kopf. »Mehr, als mit Schwarzpulver zu erreichen gewesen wäre. Ein magisches Spektakel, das nicht nur den Himmel mit Licht erfüllen, sondern sein Volk gebührend beeindrucken sollte. Ein Spektakel, welches die Möglichkeiten der Morati so weit überstieg, dass nur ein Magister es geschaffen haben konnte, ein Magister, der seinem Willen unterstand …« Seine Stimme verklingt im Dunkeln.

»Und Ihr habt Euch geweigert?«, fragt sie.

»Nein«, sagt er leise. »Ich habe mich nicht geweigert.

Es ist für einen Königlichen Magister nicht so einfach, seinem Patron einen Wunsch abzuschlagen. Man gewöhnt sich an das angenehme Leben, den Luxus, die Nähe zur Macht, an die eigene Stellung, die es einem erlaubt, andere wie Puppen tanzen zu lassen. Aber diese Stellung ist an Bedingungen geknüpft, man hat sich verpflichtet, den Befehlen des Königs zu gehorchen und ihm alle Wünsche zu erfüllen, solange sie nicht gegen das Magistergesetz verstoßen.

Das Gesetz zieht hier natürlich Grenzen. Die Morati dürfen nicht erfahren, woher wir unsere Kräfte beziehen, sonst würden sie bis zum Letzten gegen uns kämpfen, und die Erde schwömme bald in ihrem Blut. Deshalb sind wir bemüht, unsere Macht niemals so einzusetzen, dass damit die Aufmerksamkeit auf unser Geheimnis gelenkt würde, und genau das wäre der Fall, wenn in einer einzigen Nacht zu viele Konjunkten stürben. Deshalb halten wir uns beim Gebrauch unserer Macht sehr zurück und schieben den Königen gegenüber andere Gründe vor. Ist das nicht widersinnig? Denn wenn das Gesetz nicht wäre, könnten wir mit einer Handbewegung alles erreichen, was wir begehrten, und bräuchten keinen König mehr.«

Er schüttelt den Kopf, während er an jene Nacht zurückdenkt.

»Ich hätte Nein sagen können. Doch ich tat es nicht.

Ich forderte ihn nur auf, alles bereitzustellen, was er bräuchte, um das Schauspiel ohne meine Hilfe zu inszenieren. Er dachte, ich wollte mich seinem Befehl widersetzen, und wurde wütend, dabei war ich nur bestrebt, möglichst viel ohne Magie zu bewirken, um den Aufwand niedrig zu halten. Schließlich ließ er von den Meistern dieser Kunst doch das prächtigste Feuerwerk vorbereiten, das mit königlichem Gold zu kaufen war, hörte aber nicht auf, über die Kosten zu klagen.

Ich hätte ihm sagen müssen: Gold ist billig, Menschenleben sind teuer, aber das konnte ich nicht. Er hätte meine Gründe nicht verstanden, und so erklärte ich ihm, es wäre Magisterbrauch, für einen König nichts zu tun, was er auch selbst vollbringen könne.

Die Spannungen waren stark in jenen Tagen, er ließ seinem Zorn freien Lauf, ich erfand immer neue Ausflüchte. Ich weiß noch, dass ich Zweifel bekam, ob es richtig gewesen war, diese Stellung anzunehmen. Ob die Annehmlichkeiten am Hof eines Königs ihren Preis wohl wert wären.

Dann war es so weit. Es gab einen Sieg zu feiern, und die Menschen drängten sich auf den Straßen der Hauptstadt. Auf jedem halbwegs stabilen Dach standen mehr Zuschauer, als es eigentlich fassen konnte, und ich gestehe gern, dass ich immer wieder einen Dachstuhl magisch verstärkte, wenn ich befürchtete, er könnte zusammenbrechen. Aus den entlegenen Teilen des Reiches hatten sich mehrere Magister eingefunden, die für die Unterhaltung der vornehmen Gäste sorgten, während ich meine Vorbereitungen traf. Ich weiß noch, wie mich jeder mit Adleraugen beobachtete, denn ich wusste, dass mich ein jeder von ihnen gern von meinem Platz verdrängt hätte, sei es, weil er die Stellung aufrichtig begehrte, oder auch nur zum Zeitvertreib.«

»Zum Zeitvertreib?«, fragt sie.

Sie unterbricht ihn nicht oft. Aber er spürt hinter ihrer Frage den brennenden Wunsch, dieses fremde Gebilde mit dem Namen Magistergesellschaft zu verstehen. Dabei ist die Bezeichnung schon ein Widerspruch in sich, denkt er; der Ausdruck beschwört eine Geschlossenheit unter Männern, die einander so herzlich misstrauen, dass sie nur dann zur Zusammenarbeit bereit sind, wenn es gilt, ihr großes Geheimnis zu wahren.

Bald, denkt er. Bald wird sie mich verlassen.

»Wir haben außerhalb unserer eigenen Reihen keine nennenswerten Gegner«, erklärt er ihr. »Die Morati sind dank ihrer Sterblichkeit keine Bedrohung für uns, höchstens ein … Hindernis. Ein Magister braucht einen Morati-Widersacher nur auszusitzen. Er sucht sich eine andere Beschäftigung und wartet ein Jahrhundert, bis ihm durch den Tod der Sieg in den Schoß fällt. Wo ist da der Reiz? Wozu sollte man sich auf eine Konfrontation einlassen, wenn der Ausgang von vornherein feststeht?

Und so ziehen die Jahrhunderte vorüber. Wir wissen, dass es ohne unser Großes Geheimnis keine Grenzen für uns gäbe und wir alles haben könnten, was wir wollen. Ein Konjunkt nach dem anderen bezahlt für unsere Macht mit seinem Leben, und wir werden kalt und verlieren unsere Menschlichkeit, denn ein Magister, der zu sehr Mensch bleibt, geht an seinem eigenen Mitgefühl zugrunde. Am Ende zählt eigentlich nichts mehr außer den Männern, die das Geheimnis mit uns teilen, die gleiche Macht besitzen und unter der gleichen dumpfen Unruhe leiden.

Sie waren also gekommen, Brüder und Rivalen in einer Person, und mir war klar, dass jeder Einzelne schon deshalb auf meine Vernichtung sann, weil ihn die Herausforderung lockte. Natürlich kannten sie meinen Auftrag; das ganze Reich wusste darüber Bescheid. Sie hatten sich wie die Geier um das Aas geschart, beobachteten mich mit hungrigen Blicken … und warteten …«

Er schüttelte den Kopf, wie um die Erinnerungen zu vertreiben.

»Dann begannen die Darbietungen. Die Sonne ging unter, eine dunkle, mondlose Nacht stand bevor; der König hatte den Tag für das Fest bewusst so gewählt. Auf dem großen Platz und abseits davon tummelten sich so viele Zecher, dass einem die Luft, die sie ausatmeten, die Sinne verwirrte. Die ausgelassenen Gestalten in ihren bunten Kostümen umschwirrten die fremden Magister wie trunkene Falter, und auch der König an meiner Seite war wie berauscht von seiner eigenen Macht und von der Vorfreude auf das geplante Spektakel, das seinen Ruhm so gewaltig mehren sollte.

Das Feuerwerk begann. Zuerst jagten die Morati ihre Leuchtkörper über den nächtlichen Himmel. Es war ein prächtiges Schauspiel. Aber nicht prächtig genug für diesen König, der nicht nur seinen Sieg feiern, sondern seine Untertanen auch mit seinen engen Beziehungen zu einem Magister beeindrucken wollte. Daher griff ich ein, nachdem sich die Menge ein wenig an das Spektakel gewöhnt hatte, und verstärkte um ein Vielfaches die Leuchtkraft, die Farben, die Bewegungen … ich spannte einen dünnen Nebelschleier auf, der bei jeder Explosion das Licht reflektierte und den Himmel mit Farben erfüllte wie bei einem gewaltigen Unwetter. Ich verwob Lichtbänder zu immer neuen Mustern … aus einem lächelnden Frauengesicht wurde die Hellebarde eines Soldaten, und die verwandelte sich wiederum in das Wappen des Königs. Unter meinem Einfluss wurde die Nacht zum Tage, ja, neben meinen Darbietungen wäre selbst der herrlichste Sonnenuntergang verblasst. Unten auf dem Platz hörten selbst die trunkenen Falter auf, mit ihren Flügeln zu schlagen, Bier und Wein waren vergessen, alle bestaunten das Geschenk ihres Königs.

Und dann … geschah es. Ich hatte es kommen sehen. Den Himmel umzugestalten ist ein aufwändiges Unterfangen, tollkühn selbst dann, wenn der Konjunkt jung und kräftig ist. Meinem Konjunkten entzog ich dafür mehr Athra, als er entbehren konnte, und als er starb, durchzuckte es mich wie ein Speer aus Eis, und ich fiel aus allen Wolken.

Unter normalen Umständen schlägt der Tod nicht so plötzlich und nicht mit so verheerender Wirkung zu, aber mitten in einem größeren Werk ist er eine große Gefahr. Daher wird ein Magister einem erschöpften Konjunkten lieber vorher und ohne Zeugen die letzten Kräfte entziehen, um nicht während des Zaubers von der Translatio überrascht zu werden. Doch diese Art von Mord hatte ich immer abgelehnt, und das rächte sich nun.

Ich sah die Lichter am Himmel nicht mehr. Fast hätte auch ich mein Leben verloren. Verzweifelt suchte meine Seele in der Nacht – als mein Zauber zu wirken aufhörte, war es stockdunkel geworden – nach einer neuen Kraftquelle. Alle meine Rivalen begriffen, was in diesem Moment, diesem Augenblick des Schreckens geschehen war. Natürlich. Sie hatten ja nur darauf gewartet, hatten bei jeder neuen Darbietung den Atem angehalten und sich Hoffnungen gemacht. Dies ist die einzige Situation, in der ein Magister so verwundbar ist, dass ihm ein Mensch das Leben nehmen … oder ihm noch Schlimmeres antun kann.

Ich weiß nicht, mit welchen magischen Waffen man auf mich zielte. Mit heimtückischen Pfeilen vielleicht, die sich mit Widerhaken in meine Seele bohrten, um mich später zu zwingen, einer fremden Macht zu gehorchen; oder mit gröberen Geschützen, um mir Verletzungen oder Verkrüppelungen zuzufügen, die kein Moratus je zu sehen bekäme. Magister sind im Grunde ihres Herzens grausam, und nichts fördert die Grausamkeit schneller zutage als der Anblick eines hilflosen Rivalen. Die Morati bekamen von diesem Drama nichts mit, sie wollten nur wissen, warum die hübschen Lichter erloschen waren und wann sie wieder aufflammen würden.

Endlich gelang es mir mit letzter Kraft, einen neuen Konjunkten an mich zu binden. Ich trank sein Athra wie ein Verdurstender in der Wüste das frische Wasser einer Oase und schlug damit alle Angriffe aus dem Dunkel zurück. Ich glaube, ich habe gesiegt. Aber wer weiß? Vielleicht trage ich aus dieser Zeit immer noch etwas in mir. Vielleicht besteht noch eine Verbindung zu irgendeinem meiner Rivalen … wie könnte ich jemals Gewissheit erlangen? Es hat Gründe, warum wir die Nähe anderer Magister beim Konjunktenwechsel fürchten … die gleichen Gründe, warum diese anderen den Moment nur allzu gern miterleben möchten.

Natürlich waren meine Kollegen nur deshalb gekommen. Als sie von dem Spektakel hörten, hatten sie sofort erkannt, wie kostspielig es sein würde.

Endlich raffte ich mich auf und gewann die Herrschaft über meinen Körper zurück. Als ich die Augen aufschlug, beugte sich König Ambulis über mich. Seine Augen loderten vor Zorn.

›Willst du mich zum Narren machen, Magister?‹ Er sprach so leise, dass ihn auf dem Platz niemand hören konnte, aber meinen Rivalen entging kein Wort. ›Der Himmel ist dunkel, und ich wüsste nicht, dass ich das befohlen hätte.‹

Mühsam erhob ich mich und schaute wieder in die Nacht hinein. Unter mir beobachteten die fremden Magister mit ihren bleichen Gesichtern jede meiner Regungen. Die Menge war sinnlos betrunken und verlangte lärmend nach neuen bunten Lichtern. In meinem Kopf hämmerte es, denn ich war beim Sturz mit der Stirn gegen die Balustrade geprallt. Die Angst lag mir im Magen wie eine zusammengerollte Schlange. Was mochten mir meine Rivalen im Augenblick der Translatio angetan haben? Und was würden sie erst tun, wenn Ambulis mir so viel abverlangte, dass eine weitere Translatio erforderlich würde?

›Nun?‹, fragte mein König.

Und ich saugte auch meinen neuen Konjunkten aus und erhellte die Nacht mit seinem Seelenfeuer. Sein Tod gab ein prachtvolles Schauspiel ab, und nur die Magister verstanden, was wirklich geschah.

Dafür muss nun ein Mensch sterben, dachte ich, als unter meiner Zauberkunst der Himmel erstrahlte. Nicht um einen Krieg zu gewinnen, nicht um ein Werk für die Nachwelt zu schaffen, nicht einmal, um mir selbst einen kleinen Wunsch zu erfüllen. Dieser Mensch stirbt nur, um die Eitelkeit des Königs zu befriedigen. Hat Ambulis das verdient?«

Er hält inne. »Am nächsten Morgen verließ ich den Hof. Und ich habe nie zurückgeschaut.«

»Und habt Ihr hier Euren Frieden gefunden?«, fragt Kamala leise.

Er schaut lange in die Nacht hinein, bevor er antwortet.

»In den Wäldern herrscht Ruhe«, sagt er endlich. »Und meine Ansprüche sind gering. Meine Konjunkten sterben zumeist an Altersschwäche … vielleicht etwas früher als unter normalen Umständen, aber nicht so lange vor ihrer Zeit, dass deshalb Gerede aufkäme. Und ich bin nicht von Räubern in schwarzen Gewändern umgeben, die auf jedes Anzeichen von Schwäche lauern. Ja, ich denke, ich habe das gefunden, was ein Magister unter Frieden versteht. »

Jetzt ist sie es, die schweigt. Er braucht sie nicht anzusehen, um ihre Gedanken zu lesen; sie bringen die Luft zum Schwingen.

»Für dich ist das wohl nicht genug, Kamala?«

Sie antwortet nicht.

»Mir hätte es in deinem Alter auch nicht genügt.«

Sie schaut mit ihren Smaragdaugen starr in die Nacht hinaus. »Ich habe in letzter Zeit oft Träume. Seltsame Träume.« Sie beißt sich auf die Lippe, während sie die Erinnerung wachruft. »Ich denke, sie handeln von … meinem Konjunkten.«

Aethanus zuckt zusammen. »Das kann nicht sein.«

»So habt Ihr es mich gelehrt.«

»Was siehst du in diesen Träumen? Wieso glaubst du, dass er dir erscheint?«

»Kein Gesicht. Nichts Genaues. Ich spüre nur … dass da jemand ist. Und dass eine Verbindung zu ihm besteht. Ich weiß, was er ist. Aber ich kann nicht erkennen, wer er ist.« Sie schaut zu ihm auf. »Gibt es eine Möglichkeit, die Träume klarer zu machen? Ich versuche es jede Nacht, aber ohne Erfolg.«

Seine Stimme ist nur ein Flüstern. »Das darfst du nicht.«

Sie widerspricht ihm nicht – das tut sie nie –, aber aus ihren Augen lodert ein unbeugsamer Trotz, den er nur zu gut kennt.

»Kamala, hör mir zu.« Er fasst sie an den Schultern und dreht sie zu sich herum. »Dieser Weg führt in den Tod, verstehst du das nicht? Die Götter waren gnädig, als sie verfügten, dass unsere Konjunkten gesichtslos seien, dass wir nicht erfahren sollten, wer sie sind. Wie könnten wir sonst handeln, wie wir es tun?«

»Habt Ihr Euch nie gefragt, von wem Ihr Eure Kräfte bezieht?«, flüstert sie. »Ich fände es ganz natürlich, neugierig zu sein.«

»Kamala …« Er wählt seine Worte mit Sorgfalt, denn er weiß um den eisenharten Starrsinn seiner Schülerin. Wenn es ihm nicht gelingt, ihr Sinn und Zweck der Magistergesetze begreiflich zu machen, wird sie sich kaum daran halten. »Wir sind nicht mehr menschlich, jedenfalls nicht menschlich in dem Sinn, wie die Morati es verstehen. Wir schüren mit gestohlenen Energien das Feuer eines Lebens, das im Kern längst erkaltet ist. Wenn es jemals dazu kommt, dass du daran zweifelst, auf diese Energien ein Anrecht zu haben, wenn du jemals Reue empfindest, zerreißt das Band, und du stirbst.

Frage nicht nach seinem Namen. Versuche nicht, im Traum sein Gesicht zu sehen. Ich bitte dich. In diesem Punkt musst du mir vertrauen.«

»Glaubt Ihr, dass meine Träume Wahrträume sind?«, beharrt sie. »Wenn ich darin ein Gesicht sähe, wäre es tatsächlich das seine? Oder würde mir mein schlafender Geist nur ein Trugbild zeigen, das meine Neugier heraufbeschworen hat?«

Aethanus schüttelt den Kopf, seine Lippen sind schmal geworden. »Ich weiß es nicht. Man sagt, früher hätten einige Magister versucht, mit Zauberei ihrem Konjunkten auf die Spur zu kommen, aber solche Bemühungen seien immer gescheitert, nie sei es einem Magister gelungen, mit welchen Mitteln auch immer, den zu entdecken, mit wem er verbunden war … aber dabei handelte es sich um Männer.« Wieder sinkt seine Stimme zu einem Flüstern herab, das kaum den Nachtwind übertönt, aber mit Spannung geladen ist wie ein Blitz. »Du bist neu, etwas wie dich hat es noch nie gegeben. Vielleicht gelten für dich andere Regeln. Vielleicht kann eine Frau keinen Menschen töten, ohne seinen Namen erfahren zu wollen. Aber deshalb ist es noch lange nicht klug, diesem Wunsch nachzugeben.«

»Vielleicht konnten sie deshalb nicht überleben«, sagt sie leise. »Die anderen Frauen, meine ich. Ihr sagtet doch, einige wenige seien durch die Translatio gekommen, aber anschließend gestorben.«

»Das war nur eine Vermutung von mir.«

Die Entschlossenheit in ihren Zügen hat etwas Verbissenes. »Ich habe nicht vor zu sterben.«

»Dann setze deine Bemühungen nicht fort.«

»Ich bin schon so weit gekommen. Es wird mich nicht umbringen, das Gesicht eines Menschen zu sehen.«

»Kamala …«

Ihre Augen funkeln. »Zweifelt Ihr an mir, Meister? Glaubt Ihr, ich würde dieses Leben – dieses ewige Leben – aufgeben, aus Angst, einen einzelnen Menschen zu töten? Haltet Ihr mich wirklich für so weich?«

Wieder wählt er seine Worte mit Bedacht. »Ich denke, es hat Gründe, dass man Verbrechern eine Kapuze überzieht, bevor man sie hängt. Es fällt leichter, einen Unbekannten zu töten.«

»Wenn der Henker zaudert, verliert er höchstens den Sold für einen Tag. Ein Magister verliert sein Leben. Ich kenne den Unterschied.«

Dieser Trotz! Dieses Selbstbewusstsein! Eigenschaften, die ihm von Anfang an aufgefallen sind. Der grenzenlose Starrsinn dieser Frau, die in ihrer Jugend so viel Elend überlebte, dass sie sich nun nichts mehr vorstellen kann, was stärker wäre als sie. Bislang ist sie mit dieser Haltung durch alle Prüfungen gekommen, aber der Panzer hat Schwachstellen. Wer sich nicht eingesteht, dass eine Gefahr droht, kann sich auch nicht dagegen wappnen.

Noch hast du die Bewährungsprobe nicht bestanden, denkt er. Noch bist du nicht in die Welt hinausgezogen, um dich mit denen zu messen, die dir ebenbürtig sind. Bisher bist du nur das Experiment eines verschrobenen Magisters, eine Möglichkeit, die erst verwirklicht werden muss … und nur die Götter wissen, was geschieht, wenn die anderen von dir erfahren.

»Ich bin nicht mehr dein Lehrer.« Die Worte lasten schwer auf seinem Gewissen, aber er muss sie aussprechen. »Ich kann dir Ratschläge geben, aber mehr auch nicht. Ich bitte dich, mir zu vertrauen, wie du es schon einmal getan hast. Du hast auf deinem neuen Weg noch kaum den ersten Schritt getan, und weder du noch ich wissen, wohin dieser Weg dich führt. Lass nicht zu, dass deine Seele dem Wahnsinn verfällt. Bleib auf erprobten, sicheren Pfaden. Für Abenteuer ist auch später noch Zeit.«

Ihre Augen sprühen Blitze, aber sie schweigt. Er seufzt laut vernehmlich, denn er kennt diesen Blick. Als seine Schülerin hat sie Zucht und Gehorsam gelernt, aber im Innersten ist sie immer noch das zornige, vom Schicksal misshandelte Kind, das damals auf seiner Schwelle stand: fest entschlossen, die Welt am Kragen zu packen und ihr abzuringen, was sie begehrt. Und jetzt hat sie auch die Macht dazu.

Die Götter seien dir gnädig, wenn du anfängst, Forderungen zu stellen, die dir die Welt nicht erfüllen will. Und die Götter seien jedem Magister gnädig, der sich dir in den Weg stellt.

»Versprich es mir«, sagt er leise. »Fürs Erste.«

Lange, lange ist es still. Vor ihrer Translatio hätte er gewusst, was sie antworten würde. Jetzt … ist sie nicht mehr berechenbar.

»Fürs Erste«, sagt sie endlich. Es klingt wie ein feierliches Gelübde, aber das Feuer in ihren Augen lässt erahnen, wie begrenzt die Zeit sein könnte, für die es Gültigkeit hat.

Sie wendet sich ab, steigt den Hang hinunter und verschwindet in den Schatten des Waldes.

Er schweigt und lässt sie gehen.

Kapitel 7

Gegen Ende des Marktes frischte der Wind auf, bewegte die Glücksbringer am Zelt der Hexe und erzeugte ein unrhythmisches Klirren, das den Einbruch der Nacht ankündigte.

Die Hexe namens Raquel zählte die wenigen Münzen in ihrer Börse und seufzte. Sie hatte heute nicht viel verdient, aber das hatte sie nicht anders erwartet. Man befragte kein Orakel, wenn es einem gut ging, und mit den jüngsten Regenfällen und dem warmen Wetter waren die Einheimischen mehr als zufrieden. Das Getreide schoss in die Höhe, und die Stimmung stieg mit ihm – wer brauchte da die Voraussagen einer Hexe? Selbst die üblichen Sommerkrankheiten schienen die Stadt in diesem Jahr verschonen zu wollen, es war, als hätte sich die gesamte Natur verschworen, die Hexen der Stadt um Lohn und Brot zu bringen.

Der Besuch des fremden Magisters war ihr daher umso willkommener gewesen. Dank seiner Großzügigkeit würde sie die Flaute überstehen, und dafür war sie dankbar, auch wenn sie jedes Mal erschauerte, sobald sie seine Münzen berührte. Ein Hauch von Unglück haftete ihnen an, eine dünne Patina, die kein Moratus bemerkt hätte, aber ihr mit ihrer Gabe, Dinge zu sehen, die anderen verborgen blieben, geradezu ins Auge sprang. War diese Düsterkeit nur die ganz persönliche Ausstrahlung eines bestimmten Mannes, oder war sie mit seinem Status als Magister verbunden? Sie war bisher keinem Magister so nahe gekommen, um das ausschließen zu können, und nachdem sie die Aura seines Geldes gespürt hatte, wollte sie das auch nicht mehr. Sie mutete unnatürlich … unmenschlich an.

Das Tuch vor dem Zelteingang bewegte sich so plötzlich, als sei nicht nur der Wind hineingefahren. Sie blickte erschrocken auf und ließ die Münzen hastig in ihrer Tasche verschwinden. »Ja?«

Eine Männerstimme ließ sich vernehmen, so glatt und fein wie dunkles Bier. »Ist das Zelt schon geschlossen?«

»Durchaus nicht«, sagte sie. »Bitte tretet ein.«

Sie stand auf und strich sich die bestickten Röcke glatt, um den Besucher angemessen zu begrüßen.

Ein Mann zog die Zeltklappe beiseite und duckte sich durch die niedrige Öffnung. Er war von hohem Wuchs, sah gut aus auf eine schwer zu beschreibende Weise, die mehr mit seinem Wesen als mit der Form seiner Züge zu tun hatte, und bewegte sich mit der Geschmeidigkeit der Jugend. Seine Kleidung war schlicht, aber von auffallend feinem Schnitt, und obwohl er darauf verzichtet hatte, seinen Reichtum mit Gold und Edelsteinen zur Schau zu stellen, entdeckte sie mit ihrem Zweiten Gesicht die Schemen kostbarer Schmuckstücke an ihm.

Sie war so neugierig geworden, dass sie mit einem Hauch echter Magie ausforschte, wer und was er war … und was sie entdeckte, raubte ihr den Atem.

Sie fiel auf die Knie und senkte den Kopf bis zum Boden, bevor sie zu sprechen wagte. »Hoheit.«

»Schon gut, schon gut«, beschwichtigte er. »Steh bitte wieder auf.«

Sie gehorchte, sah sein schwaches Lächeln und war beruhigt. Es war ein Lächeln voller Wärme, auch wenn sie mit ihrer Gabe den namenlosen Kummer dahinter erspürte.

»Du weißt, wer ich bin?«, fragte er.

»Ein Prinz aus dem Königshaus.«

»Andovan. Mein Name ist Andovan.«

Sie nickte, das Herz klopfte ihr bis zum Hals. »Prinz Andovan. Ihr erweist mir eine große Ehre. Wie kann eine einfache Hexe Eurer Hoheit dienen?«

Er sah sich im dämmrigen Zelt um und musterte die Einrichtung. Die bunt bestickten Seidenstoffe und die Schmuckamulette, die den üblichen Kunden vom Marktplatz so sehr beeindruckten, konnten ihm wohl kaum imponieren, war er doch mit Seidengewändern aufgewachsen und hatte wahrscheinlich mit Edelsteinen gespielt wie ein anderes Kind mit Murmeln. Aber er war davon auch nicht abgestoßen, und als er den Blick wieder auf die Hexe richtete, erschauerte sie nicht nur wegen des Rangunterschiedes, sondern mehr noch wegen seiner männlichen Ausstrahlung.

»Raquel – so heißt du doch, nicht wahr?« Er deutete auf die Polster, die sie für Gäste ausgelegt hatte. »Darf ich mich setzen?«

»Ich … ja, Herr, gewiss doch.« Sie war in heller Aufregung und verabscheute sich selbst dafür. Tu einfach so, als wäre er ein Kunde wie jeder andere. Als er sich auf den dicken Polstern niederließ, schloss sie kurz die Augen und suchte die Gelassenheit wiederzufinden, die ihr Gewerbe erforderte. Doch ihr Herz hämmerte weiter. Zuerst ein Magister und nun ein Prinz. Was mochten die Götter mit ihr vorhaben, dass sie ihr so vornehme Besucher schickten?

Wenn sie wirklich wollte, könnte sie das Geheimnis natürlich lüften. Mit ihrer Gabe wäre es möglich. Aber die Aufgabe wäre schwierig und der Preis hoch. Man opferte leichten Herzens eine Sekunde seines Lebens, um den Namen eines Mannes zu erfahren; aber man zögerte doch, für ein einziges Stück Wissen Jahre seines Daseins hinzugeben.

Der Magister würde es mir vielleicht sagen, dachte sie. Wenn ich ihn fände und ihn fragte, wäre er möglicherweise bereit, mir mit seiner Macht behilflich zu sein.

Aber dann stünde sie in seiner Schuld, und eines lernte man als Hexe schon in der Wiege: Man machte keine Schulden bei einem Magister.

»Du hast doch nichts dagegen, wenn ich dich mit deinem Namen anspreche?«

Sie errötete leicht und ließ sich ihm gegenüber hinter dem Tisch mit dem Seidentuch auf einem Polster nieder. »Nein, Herr. Es wundert mich allerdings, dass Ihr ihn kennt.«

Sein Lächeln, so schwach es war, ließ im Zelt die Sonne aufgehen. »Du bist in der Stadt als fähige Hexe bekannt. Es heißt, du wärst wirklich begabt, und das können nur wenige von sich behaupten.«

Ganz ähnlich hatte erst vor wenigen Tagen der Magister zu ihr gesprochen. »Ich habe das Zweite Gesicht, Herr. Manchmal, wenn es gewünscht wird, auch mehr als das.«

»Dann kannst du mir vielleicht tatsächlich helfen«, sagte er. Das Lächeln erlosch, eine seltsame Zurückhaltung schlich sich in seine Stimme. »Willst du für mich schauen, Raquel? Nach Hexenart?«

»Gewiss, Herr, aber …« Sie stammelte vor Schreck. »Aber … ich meine … können denn nicht … die Magister …«

»Du meinst, warum ich mich nicht an den Königlichen Magister oder die Besucher in der schwarzen Tracht wende, die mir gerade jetzt in so großer Zahl zur Verfügung stehen? Ist es das, was du sagen wolltest?«

Sie biss sich auf die Unterlippe und nickte.

Er schaute kurz zu Boden, überlegte wahrscheinlich, wie viel er einer Frau aus dem Volk, ob Hexe oder nicht, verraten durfte. Endlich sagte er: »Der Königliche Magister dient vor allem meinem Vater und sagt ihm nur, was er hören will. Die anderen sind mir fremd, außerdem stehen sie im Dienst der Feinde meines Vaters.« Seine Augen waren blau und etwas trüb wie der Himmel kurz vor einem Gewitter. »Wem von ihnen könnte ich vertrauen, Raquel? Wer gäbe mir eine ehrliche Antwort?«

»Ich verstehe«, flüsterte sie.

»Du …« Sie war wie gebannt vom Blick dieser blauen Augen und konnte nicht wegsehen. »Wirst du mir die Wahrheit sagen, Raquel? Auch wenn du meinst, ich wollte sie eigentlich so nicht hören? Ich werde für deine Dienste bezahlen, was du verlangst, Raquel. Wenn du jetzt aufrichtig bist, sollst du in deinem Leben nie mehr Not leiden.«

Es dauerte Sekunden, bis sie sich zu einer Antwort fähig fühlte. Sie sprach erst, als ihr Herzschlag ruhiger geworden war und sie sicher sein durfte, dass ihre Stimme nicht vor Angst zitterte. »Natürlich, Herr.« Ein Flüstern nur. »Es ist eine Ehre, Euch zu dienen.«

Was mochte das für eine Wahrheit sein, die solche Männer ihm verheimlichen würden? Was würde mit ihr geschehen, wenn sie sich in Magistergeschäfte mischte? Die Hände in ihrem Schoß zitterten; sie verbarg sie rasch in einer tiefen Falte ihres Rocks und hoffte, dass er es nicht bemerkt hatte.

»Was wollt Ihr nun von mir wissen?«, flüsterte sie.

Die blauen Augen, trüb wie der Himmel am Morgen, musterten sie kurz. Jede Frau könnte in diesen Augen ertrinken, dachte sie … wenn die Frau keine Hexe wäre und der Mann kein königlicher Prinz, und wenn die beiden nicht ein dunkles Geheimnis teilten, das wahrscheinlich nur so strotzte von tödlichen Gefahren.

»Ich fühle mich seit einiger Zeit nicht wohl«, sagte er ruhig. »Die Magister behaupten, die Krankheit nicht heilen zu können, aber ich weiß, wie Heilung sich anfühlt, und keiner von ihnen hat es auch nur versucht. Wenn man sie nach den Gründen fragt, stieben sie auseinander wie die Rehe, wenn das Jagdhorn erschallt. Ich habe in ihre Augen gesehen, Raquel. Sie wissen mehr, als sie zugeben wollen. Als Prinz lernt man so etwas zu erkennen.«

Er beugte sich über den Tisch. »Sag du mir, was mir fehlt. Gib der Krankheit einen Namen – wäre es auch der Teufelsschlaf selbst –, und ich schwöre dir, ich werde dich für deine Aufrichtigkeit belohnen.«

Wieder konnte sie nicht gleich antworten. Ihr Herz klopfte zu laut. Zu viele unsichtbare Fangschlingen, zu viele versteckte Fallen; was davon würde einer Hexe zum Verhängnis werden?

Sie zwang sich zu einem tiefen Atemzug – sie hatte zwischendurch zu atmen vergessen – und sagte sich: Es ist nicht Danton. Der Großkönig war berüchtigt dafür, dass er seinen Zorn an jedem Boten ausließ, der ihm schlechte Nachrichten brachte. Aber dieser Mann? Von Andovan hatte sie noch nichts gehört, was darauf schließen ließe, dass er grausam oder ungerecht wäre. Wenn die Frauen von ihm redeten, steckten sie in dunklen Ecken die Köpfe zusammen und kicherten, während die Männer nur ein finsteres Gesicht machten und so taten, als gäbe es ihn nicht.

Sie beschwor genügend Macht, um seine Absichten zu erforschen … ja, er sagte die Wahrheit, er wollte nur eine ehrliche Antwort. Sein Wunsch nach Gewissheit war so stark, dass sie ihn förmlich auf der Zunge schmeckte.

»Ich bin kein Magister«, sagte sie leise, »aber ich werde für Euch tun, was in meinen Kräften steht.« Er nickte.

Sie streckte ihm die flachen Hände entgegen. Er verstand und reichte ihr die seinen. Sie drehte die Handflächen nach oben und studierte zunächst nur die Muster – hier eine Schwiele, dort eine feine Narbe, die Hand eines Bogenschützen, eines Waldläufers und Jägers, dem an der Überfeinerung des höfischen Lebens wenig lag.

Dann schaute sie tiefer.

Sobald sie unter die Haut drang, spürte sie die Schwäche. Eine sonderbare Schwäche, sie schien von nirgendwo auszugehen, doch die Auswirkungen waren überall. Das Blut floss dünn und stockend wie ein Bach im Hochsommer durch ein Bett, das eindeutig für einen breiteren Strom angelegt war. Doch sie entdeckte nichts, was seinen Lauf blockiert hätte. Der Herzschlag war auffallend gedämpft, aber das Herz arbeitete einwandfrei. Selbst den Muskeln fehlte es an jugendlicher Spannkraft, und auch dafür war keine Ursache zu erkennen: keine Krankheit, kein Parasit, kein Erbfehler, nichts.

Dann lenkte sie den Blick auf sein Seelenfeuer … und ihr stockte der Atem.

Es war erschreckend schwach! Niedergebrannt wie ein wirkliches Feuer, nur noch matt schwelende Glut unter der Asche. Sobald sie es berührte, schlug ihr eine überwältigende Abartigkeit entgegen, und sie begriff, dass hier der Kern seiner Krankheit lag, konnte sie benennen, aber nicht erklären.

Gewöhnlich hütete sich jede Hexe, das Seelenfeuer eines Fremden zu genau zu betrachten, aus Angst, es könnte die eigene Seele zu Asche verbrennen. Doch hier konnte sie die Augen nicht verschließen. Sie hatte zwar von Erkrankungen gehört, die das Seelenfeuer vorzeitig ausbrennen ließen, aber ihr selbst war ein solcher Fall bisher nicht begegnet. Ob das Athra wohl zu heilen wäre wie der Körper, indem man die Ursache seiner Schwäche beseitigte? Könnte sie den Mann wieder gesund machen, wenn sie bis zu den Wurzeln dieser Schwäche vordränge? Angeblich waren Hexen bessere Heiler als Magister, weil die Heilkunst ihrem Naturell mehr entsprach. Könnte sie Erfolg haben, wo alle Diener des Königs versagt hatten?

Zitternd umfing sie mit ihren besonderen Sinnen die sterbende Flamme und prüfte ihre Beschaffenheit. Tief im Inneren ahnte sie einen heißen Funken, der vielleicht das Feuer von Neuem entfachen könnte, wenn sie ihn schürte, aber die äußeren Bereiche waren so dünn und verschattet, dass sie den Tod bereits zu riechen glaubte. Es war das Athra eines sterbenden Greises, ohne dass es eine körperliche Ursache dafür gegeben hätte. Aber an irgendetwas musste es doch liegen, dachte sie. Kein Mensch starb ohne Grund.

Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen, beschwor die Kräfte ihrer eigenen Seele und blickte noch tiefer in das Herz des Prinzen. Sie durchdrang die äußeren Bereiche des Seelenfeuers, überschritt die Grenze, an der ein Fremder besser innehalten sollte, und stieß bis in das Zentrum der Seelenkräfte vor, wo alle Lebensenergien entstanden …

Und dort wurde sie fündig. Etwas hatte seine Wurzeln in die geschwächte Seele des Prinzen geschlagen, etwas, das … von anderswo kam. In all den Jahren ihres Hexenlebens hatte sie so etwas noch nie gespürt, es war eine Erscheinung, die sie nicht einmal vom Hörensagen kannte. Das Seelenfeuer war naturgemäß in sich abgeschlossen und zumindest bei den Morati fest an den Körper gebunden; doch hier führte irgendetwas ganz unverkennbar nach außen, weg von diesem Körper, aber … wohin? Wo endete dieser dünne Faden, der keine feste Hülle hatte? Fasziniert setzte sie ihre volle Kraft ein, um herauszufinden, woraus er bestand, ob er einen Namen hatte …

Plötzlich traf sie ein mächtiger Schlag von allen Seiten zugleich und presste ihr die Luft aus den Lungen. Sie wollte sich sofort aus der Seele des Prinzen zurückziehen, konnte es aber nicht; es war, als hätte eine unsichtbare Macht von ihr Besitz ergriffen und ließe sie nicht mehr los. Der Prinz konnte es nicht sein, selbst wenn er Herr über sein Athra gewesen wäre; nein, er war mit etwas, mit jemand anderem verbunden, und die Hexe spürte, wie sich ein fremder Wille um ihr eigenes Bewusstsein legte, wie Fühler der Macht sich hungrigen Schlangen gleich in ihr Fleisch bohrten und zu der zarten Seele vorzudringen suchten.

Sie stieß einen Schrei aus. Er klang grauenvoll hohl, sie hörte es selbst. Vielleicht zuckte Andovan zusammen, vielleicht sah er sie auch nur verwundert an. Sie war ihrer Sinne nicht mehr so weit mächtig, dass sie ihn hätte beobachten können. Etwas hatte ihre Seele gepackt, wollte sie ihr aus dem Körper ziehen und nur einen toten Kadaver zurücklassen. Sie wehrte sich verzweifelt, aber es war vergebens; ihre Seele zappelte hilflos im Netz wie ein Fisch, der aus dem Wasser geholt wird, um an der Luft zu ersticken. Vor ihrem inneren Auge tanzten schwarze Sterne; sie wollte noch einmal schreien, bekam aber keine Luft mehr.

»Raquel?« Eine Stimme wie aus weiter Ferne. Sie konnte nicht antworten. War es Andovan, der zu ihr sprach, oder einer ihrer Freunde vom Markt? Ihr Aufschrei hatte sicher viele Menschen angelockt. »Raquel, was hast du?«

Ihr wurde schwarz vor den Augen, ihr Widerstand ließ nach. Das Feuer in ihrem Inneren, das größere Anstrengungen hätte nähren können, verlor zusehends an Kraft. Die fremde Macht entzog es ihr gnadenlos. Die Macht war gierig, entsetzlich gierig, und sie zerrte an ihrer Seele wie ein verhungerndes Tier an einem Stück rohen Fleisches. Der Tod winkte, die kalte, schwarze Ewigkeit, und sie verblutete in diese Nacht hinein.

Noch immer wehrte sie sich dagegen, suchte den Angreifer zu fassen. Schritt entschlossen vorwärts, anstatt sich mit aller Kraft zurückzuziehen.

Dann sah sie die Quelle des Übels.

Und wusste Bescheid.

»Sie tötet Euch!«, stieß sie heiser hervor. Die Worte hallten wider, als kämen sie aus weiter Ferne. Hatte sie laut gesprochen? Das Bild einer schlanken jungen Frau stand ihr vor Augen, blasses Gesicht, rotes Haar, das wie eine Feuerkrone loderte. Sie wollte es an Andovan weiterleiten, aber ihre Kräfte waren fast erschöpft, und sie wusste nicht, ob es ihr gelungen war.

Als ihr dieselbe gnadenlose Gier, die auch Andovan verzehrte, die letzten Athra-Reste entriss, erfüllte ein gewaltiges Rauschen ihre Ohren. Sie konnte nicht mehr widerstehen, allein der Versuch überstieg ihre Kräfte. Ihre Lider sanken langsam herab und schlossen auch noch das letzte Licht dieser Welt aus. Ebenso langsam schwanden ihre inneren Sinne, die Flamme ihrer Seele fiel in sich zusammen, zuckte noch einmal schwach und wurde trüb.

Es tut mir leid, flüsterte sie. Lautlose Worte, die im Tod untergingen. Es tut mir leid. Als trüge sie die Schuld an diesem Akt des Sterbens. Als müsste sie dafür um Verzeihung bitten.

Dann war auch das letzte Athra entwichen, und die Dunkelheit war vollkommen.

Kapitel 8

»Sie tötet ihn«, sagte Ramirus langsam und wiederholte mit Nachdruck das erste Wort. »SIE.«

Das Wort hing schwer über dem Konferenzsaal, das Schweigen der Magister zerschnitt die Luft wie mit Messern.

Endlich ergriff Del das Wort. »Man könnte sich vorstellen, dass hinter alledem eine andere Hexe steckt. Vielleicht ist es das, was die Seherin Raquel, die ja auch eine Hexe war, meinte.«

Fadir nickte. »Nicht auszuschließen, dass eine Laune der Macht eine einfache Hexe in den Stand versetzt …«

»Was zu tun? Einem Menschen sein Seelenfeuer zu entziehen?«, fragte Lazaroth mit finsterer Miene. »Wenn sie das könnte, wäre sie nichts anderes als ein Magister. Diese Fähigkeit ist doch das Kennzeichen unserer Art?«

»Vielleicht handelt es sich bei der Krankheit des Prinzen gar nicht wirklich um die Schwundsucht«, beharrte Fadir. »Die Anzeichen mögen die gleichen sein, aber die Ursache ist eine andere.«

Ramirus musterte ihn mit drohendem Blick. »Andovan leidet an der Schwundsucht. Daran besteht kein Zweifel.«

»Nein.« Colivars Antwort klang düster und nachdenklich, sein Ton war ausnahmsweise frei von Spott. »Es ist die Schwundsucht, das steht fest. Ich habe ihn selbst untersucht.«

»Damit hat ein Magister die Hand im Spiel, nicht wahr? Und wir stehen wieder am Anfang.«

»Vielleicht hat irgendeine Frau den Stein ins Rollen gebracht …«

»Wie sollte das zugehen?« Severil schnaubte. »Willst du andeuten, eine Frau hätte einen Magister dazu gebracht, sich Andovan zum Konjunkten zu erwählen? In diesem Falle wäre sie fähiger als wir alle, denn ich habe noch nie gehört, dass sich ein Magister seinen Konjunkten selbst aussuchen … oder auch nur hinterher feststellen könnte, um wen es sich handelt.«

»Das heißt also – ein weiblicher Magister?«, fragte Lazaroth mit beißendem Hohn in der Stimme. »Für mich eine aberwitzige Vorstellung.«

»Ganz richtig!«, nickte ein anderer, und ein Dritter murmelte: »Ausgeschlossen!«

Fadir nickte knapp. »Wenn so etwas möglich wäre, hätten wir längst davon erfahren.«

»Es sind viele Erklärungen denkbar«, sagte Ramirus ruhig. »Natürlich könnte sich die Hexe, die mit Andovan gesprochen hat, ganz einfach geirrt haben. Vielleicht sucht eine andere Frau dem Prinzen zu schaden, und diese Raquel hat nicht die wahre Ursache seiner Krankheit, sondern die Spuren dieser Angriffe entdeckt. Eine andere Gefahr, die mit seinem derzeitigen … Zustand nichts zu tun hat.« Er seufzte, und für einen Moment zeichnete Erschöpfung sein bleiches Gesicht. »In diesem Fall wäre das Unheil allerdings bereits geschehen. Danton weiß von Andovans Besuch bei der Hexe, damit wissen auch die Hälfte der Klatschbasen im Schloss Bescheid, und bald wird es überall herum sein. Der Prinz hat die Schwundsucht, und schuld daran ist eine Hexe … es ist nicht gut, wenn beides in einem Atemzug genannt wird, selbst wenn die Einzelheiten nicht stimmen.«

»Wurde nicht schon einmal versucht, eine Frau durch die Translatio zu bringen?«, fragte Kellam. »Ich glaube mich vage zu erinnern.«

»Irgendjemand macht immer solche Experimente«, gab Colivar zurück. »Weil man glaubt, den richtigen Anwärter oder die richtige Unterrichtsmethode gefunden zu haben … oder einfach aus Langeweile. Aber es klappt nie.« Er lachte leise in sich hinein, kalt, ohne jeden Humor. »Offenbar fehlt den Frauen eine wesentliche Eigenschaft, die sie befähigen würde, menschliche Seelen zu verschlingen.«

»Was ist mit der einen unten in den Freien Landen?«, fragte Seviral. »Dieser … wie nennt man sie noch … die Hexenkönigin?«

»Von Sankara«, soufflierte Ramirus. Sein Blick richtete sich jäh auf Colivar, und der Magister bemerkte den dunklen Verdacht, der jäh in ihren Tiefen aufglomm. War dem Königlichen Magister eben erst aufgefallen, dass Sankara an Auremir grenzte und Colivar im Grunde diese Stadt schützte, wenn er den anderen Stadtstaat vor Dantons Zugriff bewahrte? In diesem Fall, überlegte der schwarzhaarige Magister, wäre er unter dem Druck der Ereignisse um Andovan sträflich nachlässig geworden. Dem alten Ramirus wäre dieser Umstand nie entgangen.

Colivar zuckte die Achseln. »Sie ist eine Hexe. Stark, ehrgeizig und gefährlich wie alle Höllen zusammen … aber doch nur eine Hexe.«

»Du kennst sie.« Ramirus’ Ton war eine einzige Anklage.

Wieder zuckte Colivar die Schultern. »Jeder von uns, der durch ihr Reich kommt, ist eingeladen, ihr Gast zu sein. Warst du denn niemals dort unten, Ramirus?« Colivar schüttelte in gespielter Missbilligung den Kopf. »Du solltest wirklich öfter einmal auf Reisen gehen.«

»Ich war dort«, sagte Kellam und lächelte ironisch. »Sie wollte mich in ihr Bett locken.«

»Und du hast abgelehnt?«

»Nach allem, was man hört, ist das gar nicht so einfach«, ließ sich Thelas vernehmen. »Sie soll besondere Tränke haben, um die Männer ihren Wünschen gefügig zu machen.«

»Ich habe gehört, dass sie die Eier der Magister sammelt und als Andenken aufbewahrt.«

Wahrscheinlich war jeder von euch irgendwann einmal ihr Liebhaber, dachte Colivar, aber keiner will es vor den anderen zugeben. Von allen Magistern in diesem Teil der Welt war Ramirus vermutlich der Einzige, der sich noch nie mit der Herrscherin von Sankara eingelassen hatte. Durchschaute der Königliche Magister, dass das Geplänkel nur ein Ablenkungsmanöver war, oder ahnte er wirklich nicht, wie viele seiner Brüder Beziehungen zu Sankara unterhielten? Letzteres hielt Colivar für unwahrscheinlich. Andererseits lebte man in unwahrscheinlichen Zeiten.

»Brüder!«, mahnte Lazaroth streng. »Ich fürchte, wir vergessen, warum wir eigentlich hier sind.«

»Meinst du?«, fragte Ramirus leise, den Blick auf Colivar gerichtet. »Ich bin mir nicht sicher.«

Colivar zuckte ein drittes Mal die Schultern; sein betont unbeteiligter Gesichtsausdruck verriet nichts von seinen Gefühlen. »Du kannst ja Ermittlungen anstellen. Allerdings wüsste ich nicht, welchen Vorteil sie davon haben sollte, dass Dantons dritter Sohn erkrankt ist … solange Rurick herumstolziert, wird Andovan nicht viel erben, aber lass dich bitte nicht abhalten.«

»Hättest du wirklich nichts dagegen?«, fragte Ramirus leise. »Oder wäre es dir doch nicht gleichgültig, wenn meine Erkenntnisse … gegen sie sprächen?«

Colivars Augen waren hart und kalt, ihr Blick so schwarz wie eine mondlose Nacht. »Siderea Aminestas ist eine Morata«, sagte er knapp. »Verglichen mit unserer Lebensspanne währt die ihre nur einen Lidschlag. Eine flüchtige Brise, die von stärkeren Winden geschluckt wird. Im Angesicht mächtigerer Stürme zählt das Ende einer kleinen Brise nicht viel. Wir, die wir die Stürme lenken, wissen das.«

»Aber wir wissen noch nicht, ob sie tatsächlich hinter alledem steckt«, gab Kellam zu bedenken. »Wir haben keine Beweise, wir haben sie nur deshalb in Verdacht, weil sie unter den Morati mächtig genug ist, um unsere Aufmerksamkeit zu erregen.«

»Außerdem ist sie für Danton ein begehrenswertes Ziel«, erinnerte Fadir. »Das sollten wir nicht vergessen.« Er wandte sich an Ramirus. »Wir, die wir nicht unter Dantons Einfluss stehen, sehen seinen politischen Ehrgeiz nur zu genau. Sankara wäre in der Krone jedes Eroberers ein Juwel. Ich jedenfalls ließe mich nur unter Protest in eine Ermittlung hineinziehen, die lediglich den Zweck hätte, eine Morati-Rivalin deines elenden Königshauses in Verruf zu bringen.«

Die schneeweißen Brauen zogen sich grollend zusammen. »Unterstellst du mir, ich würde um der Machenschaften der Morati willen diese Bruderschaft manipulieren?«

»Ich bitte euch!« Lazaroth hob die Hand. »Wir sind weder Kinder noch Dummköpfe. Es gibt auf dieser Erde keinen Magister, der seine Kollegen nicht irgendwann manipuliert hätte, um die Ziele der Morati zu fördern. Wir sollten die Zeit nicht mit scheinheiligen Beteuerungen vergeuden.«

»Ganz richtig«, bemerkte Severil. »Wenn wir uns nicht mit den Morati beschäftigen und uns mit ihren politischen Spielchen die Zeit vertreiben könnten, müssten wir wohl oder übel mit unseresgleichen verkehren … und das würde jedenfalls mich in den Wahnsinn treiben.«

Colivars Augen glitzerten höhnisch. »Wir wären schon in erbärmlich schlechter Gesellschaft, nicht wahr?«

Suhr-Halim meldete sich aus einer dunklen Ecke und fragte ruhig: »Was wurde bisher unternommen, um mehr über diese rätselhafte Frau zu erfahren?«

»Du meinst, mit Magie?«

Der Magister nickte.

»Zu gefährlich«, sagte Kellam. »Wenn unser Gastgeber recht hat und Andovan an der Schwundsucht leidet, endet jeder Versuch, den Verursacher durch Zauberei ausfindig machen zu wollen, mit dem Tod. Das musste wohl auch die Hexe erfahren, an die er sich gewandt hat.«

»Hexen sind sterblich«, gab Colivar zu bedenken. »Sie sterben zumeist während eines Zaubers, denn letztlich bringt die Magie sie um. Hat jemand bei dieser Hexe die genaue Todesursache festgestellt? Oder gehen wir alle nur von Vermutungen aus?«

Betretenes Schweigen breitete sich aus.

»Schön.« Der Magister lehnte sich zurück. »Dann sollte das wohl unsere erste Aufgabe sein.«

»Willst du deine Dienste anbieten?«, fragte Ramirus.

Colivars schwarze Augen glitzerten im Schein der Lampen. »In einer Angelegenheit, die so offensichtlich im Rahmen deiner Fähigkeiten liegt, würde ich mich niemals vordrängen. Schließlich könnten das gewisse Magister als Beleidigung auffassen.« Er lachte leise. »Und ich möchte nun wirklich niemandem zu nahe treten.«

»Es gibt Verfahren, bei denen das Risiko nicht allzu groß ist«, erklärte Suhr-Halim. Er sprach mit stärkerem Akzent als die meisten anderen, sein rhythmischer Singsang beschwor weite Wüstenflächen und goldene Sonnenuntergänge herauf. »Man müsste sich allgemein mit dem Leben des Prinzen befassen und in Erfahrung bringen, mit wem er in der Vergangenheit Umgang hatte … wenn diese Frau von Bedeutung für ihn ist, könnte man sie auf diese Weise sicherlich finden. Und es wäre ungefährlich, solange man sich hütete, dem Konjunktenband zu nahe zu kommen.«

Lazaroth sah dem Gastgeber vielsagend an. »Ramirus, es ist deine Sache. Ich gehe davon aus, dass du bereit bist, den Versuch zu wagen?«

Die Herausforderung brachte die Luft im Saal zum Knistern. Colivar widerstand der Versuchung, Ramirus weiter zu reizen oder ihm zu Hilfe zu kommen. Eine neue Provokation wäre in diesem Stadium zu viel gewesen, und den Retter zu spielen, passte einfach nicht zu ihm. Er wartete lieber ab, und das war eine Herausforderung für sich.

Endlich sagte der weißhaarige Magier ruhig: »Ich werde es tun.« Er sprach leise und beherrscht, aber der Blick, den er Lazaroth zuwarf, war mörderisch. Colivar unterdrückte ein Lächeln. Gewiss, es gab Wege, solche Erkenntnisse zu gewinnen, ohne sich in eine Konjunktenbindung hineinziehen zu lassen, aber Ramirus war noch nie ein Neuerer gewesen, und dass er jetzt mit einer wahrhaft originellen Lösung aufwarten würde, war zu bezweifeln. Colivar nahm sich vor, einige Nächte vergehen zu lassen, und wenn sich der Königliche Magister allmählich schämte, weil er nicht weiterkam, vielleicht einige Vorschläge zu machen. Die natürlich ihren Preis hätten.

Das Spiel gefällt mir immer besser.

»Damit ist alles klar.« Lazaroth schob seinen Stuhl zurück, die Holzbeine scharrten über den Steinboden. »Ohne die Anwesenden kränken zu wollen – ich sehe keinen Grund, das Gespräch fortzusetzen, bis unser Gastgeber seine Nachforschungen abgeschlossen hat. Dann können wir uns hoffentlich auf greifbare Tatsachen stützen und brauchen nicht über Fantasiewesen zu spekulieren, deren Existenz nicht belegt ist.« Er sah in die Runde, seine Lippen kräuselten sich in leiser Verachtung. »Offen gestanden, ich habe von dieser Gesellschaft allmählich … genug.«

Er verneigte sich leicht vor Ramirus, ohne Herzlichkeit und keinen Zoll tiefer oder aufrichtiger, als das Protokoll es verlangte, und verließ den Saal. Wenig später verabschiedete sich Fadir auf die gleiche Weise. Dann folgte Thelas. Danach Kellam …

Schließlich waren Colivar und Ramirus allein. Colivar saß bequem zurückgelehnt in seinem Sessel und veränderte seine Haltung auch nicht, als der Königliche Magister seinen kalten stahlharten Blick auf ihn richtete.

»Sollte ich jemals erfahren, dass du die Hand im Spiel hattest«, warnte Ramirus, »oder dass deine Hexenkönigin in irgendeiner Weise die Fäden zog und du wusstest es – oder ahntest es auch nur –, dann, ich schwöre es bei allen Göttern, kostet dich das den Kopf, auch wenn das Magistergesetz es verbietet. Hast du mich verstanden, Colivar?«

»Ich tappe ebenso im Dunkeln wie du«, gab der schwarzhaarige Magister zurück. »Und ich bin ebenso erpicht darauf, die Antworten zu finden. Schließlich bedeutet die Sache doch eine Gefahr für uns alle.«

Ramirus sah ihn lange schweigend an. Vielleicht setzte er insgeheim seine Macht ein, um Colivars Absichten zu ergründen. Doch Colivar vertraute auf seine Abschirmungen. Man ging nicht in eine Magisterversammlung, ohne sich mit einem mentalen Panzer zu wappnen, der nicht durchbrochen werden konnte.

Wie viele von den Anwesenden mochten wohl versucht haben, die geheimen Gedanken ihres Gegenübers zu lesen, während sie von anderen Dingen sprachen? Was für ein Teppich der Macht mochte in dieser Nacht geknüpft worden sein, um alle Magister in die klebrigen Fäden eines riesigen Spinnennetzes einzubinden! Fast bedauerte er, dass er sich, nur zum Spaß, nicht auch selbst an dem Spiel beteiligt hatte. Aber er arbeitete lieber mit subtileren Methoden – man könnte auch von Morati-Methoden sprechen –, und in Gesellschaft seiner Brüder hatte er schon immer auf unnötigen Einsatz von Magie verzichtet. Theoretisch hatten sich alle Magister unter der Friedensfahne zusammengefunden, aber er hätte sein Leben nicht darauf verwettet, dass dieser Frieden auch noch halten würde, falls einer von ihnen in die Translatio und die damit einhergehende Wehrlosigkeit fiele. In dem Augenblick, da ein Magister einen neuen Konjunkten nahm, konnten tausend Zauber um ihn gesponnen werden, und Colivar hatte nicht die Absicht, sich solchen Angriffen auszusetzen, während er von seinen erbittertsten Gegnern umringt war.

Wie wäre es wohl, überlegte er, wenn wir tatsächlich Herr über das Band wären! Wenn sich der Magister zu einem geeigneten Zeitpunkt von seinem Konjunkten trennen könnte, bevor dessen Athra völlig erschöpft wäre, um dann Zeit und Ort seiner nächsten Translatio selbst zu bestimmen?

Würden wir unsere Konjunkten am Leben lassen? Oder würden wir nur den für uns günstigsten Moment wählen, ohne an die Menschen zu denken, die wir zerstören? Wenn wir unseren Konjunkten nicht mehr zu töten bräuchten, um weiterleben zu können, würden wir es – aus alter Gewohnheit – trotzdem tun? Wären wir vielleicht sogar zu gleichgültig, um diese Gewohnheit zu hinterfragen?

Die Fragen beunruhigten ihn. Aber sie waren auch neu, und Neues war im Leben eines Magisters immer willkommen. Wer so viele Jahre hinter sich hatte wie Colivar, wer sich so völlig abgekoppelt hatte vom Rhythmus eines normalen Menschenlebens, der wusste, dass die größte Gefahr weder von heimtückischen Angriffen durch Rivalen noch von magischen Unfällen drohte – sondern von der Langeweile, von den Streichen, die sich der menschliche Geist selbst spielte, weil es in der Außenwelt nichts gab, womit er sich beschäftigen konnte.

Diese Gefahr ist dann wohl vorerst gebannt, dachte Colivar spöttisch.

Kapitel 9

Aethanus wusste Bescheid, sobald er den Holzstoß sah.

Die Scheite waren zweimal so hoch gestapelt wie sonst und ordentlicher, als es selbst für Kamala üblich war. Der Stapel war fast ein Kunstwerk, die Teile griffen ineinander wie die Steine der Mauer, die sie vor langer Zeit um das Haus herum gebaut hatten, die Enden schlossen in genau gleicher Länge wie an einer imaginären Ebene ab.

Hatte sie überhaupt bemerkt, dass sie ihre Arbeit an diesem Tag anders verrichtete als sonst … und waren ihr auch die Gründe bewusst gewesen?

Ihm schon.

Sie wartete drinnen. Sie sah so sauber und ordentlich aus wie der Holzstoß, das wilde Haar war halbwegs gebändigt, die Kleidung frisch gewaschen, alle Spuren körperlicher Arbeit beseitigt. Als er eintrat, richteten sich die großen Augen auf ihn, und er überlegte flüchtig, wie schön sie war und wie sehr sie ihm fehlen würde. Sie hatte sich sogar die Fingernägel gereinigt, das Erste, was er sie einst lehrte, nachdem er sie nach langem Zögern als Schülerin angenommen hatte.

»Meister Aethanus …«, begann sie.

Er unterbrach sie mit erhobener Hand. »Ich bin durstig, Kamala. Du nicht auch? Die Luft ist heute sehr trocken.«

Er ging an ihr vorbei zur Feuerstelle, wo der Wasserkessel wartete, denn er wollte sich mit irgendeinem Gegenstand beschäftigen, für den er keine Gefühle empfand. Und so spähte er in den Kessel und nickte beifällig, als er sah, wie der Dampf von der Wasseroberfläche aufstieg. Er nahm zwei irdene Becher vom Bord, stellte sie bereit und holte die Büchse mit dem Kräutertee vom Kaminsims. Er gab eine Prise in jeden Becher und brachte die Büchse zurück. Dann nahm er den Kessel vom Feuer, goss langsam heißes Wasser auf die getrockneten Blätter und sah zu, wie sie im Kreis herumgewirbelt wurden.

Schweigend. Ohne zu denken. Ohne zu fühlen.

Als das Ritual endlich vollendet war, nahm er die Becher und reichte ihr den einen. Die winzigen Blättchen gaben langsam ihre Farbe an das Wasser ab, und der Duft der Kräuter erfüllte das ganze Haus.

»Jetzt wirst du mich also verlassen«, sagte er. Keine Frage, eine Feststellung.

Sie nagte an ihrer Unterlippe und schaute stumm in ihren Becher, dann nickte sie. »Ich habe viel von Euch gelernt, Meister Aethanus. Und von diesem Ort. Aber es gibt Dinge, die ich hier nicht lernen kann.«

Er brummte nur leise und trank einen Schluck. Es war sicherer, nichts zu sagen.

»Ihr könntet mit mir kommen«, schlug sie vor.

Die Antwort darauf war beiden bekannt, also sagte er auch darauf nichts, sondern widmete sich weiter stumm seinem Tee.

Warum fällt es mir so schwer?, überlegte er. Wenn meine anderen Schüler mich verließen, war ich so weit, dass ich sie am liebsten selbst aus dem Haus geworfen hätte. Wieso ist es bei ihr anders?

Als sie ihren Tee ausgetrunken hatte, schüttelte sie die Blätter auf dem Grund des Bechers und betrachtete das entstandene Muster. Die Seherin in ihr wollte Hexe spielen. Von seinem Platz aus sah er einen schlichten Kreis. Das Rad des Schicksals. Die Zeit vergeht, die Welt verändert sich, alles hat seine Zeit.

»Die Macht brennt wie Feuer in mir«, sagte sie ruhig. »In manchen Nächten fürchte ich, sie könnte mich verzehren, wenn ich sie nicht freisetze.«

»Du kennst die Gefahren.«

Sie nickte.

»Du musst das Seelenfeuer beherrschen, sonst wirst du sein Sklave.«

Draußen ging die Sonne unter; ein einzelner Strahl fiel durch das Fenster, ließ ihr rotes Haar kurz aufleuchten wie einen Glorienschein und war verschwunden. Vergängliche Schönheit. Zu wild für einen Engel, zu vollkommen für einen Menschen.

»Du bist ein Kind der Stadt und ihrer Straßen«, sagte er ruhig, »ein Kind des Pöbels mit seinem Gestank, seinen Spannungen, seiner selbstverständlichen Grausamkeit und seiner heißen Tränen, ein Kind der lärmenden Massen, die im Elend leben. Du hast das alles hinter dir gelassen, um die Macht zu erringen und mit ihrer Hilfe zu überleben. Jetzt verfügst du über diese Macht und willst natürlich zurückkehren. Um deine Kräfte zu erproben.«

Sie nickte erneut.

»In dieser Hinsicht konnte ich dir leider nur wenig helfen, fürchte ich.« Er trank die letzten Tropfen und stellte den Becher beiseite. Bei ihm ballten sich die feuchten Teeblätter in der Mitte zu einem Klumpen zusammen, der jeden Deutungsversuch zunichte machte. »Du hättest dir nicht gerade einen alten Einsiedler als Lehrer aussuchen sollen.«

Sie ging auf ihn zu, kniete nieder und umfasste seine Hände mit liebevollem, warmem Griff. Er spürte die Schwielen an den Spitzen ihrer langen, schmalen Finger, Spuren harter Arbeit, zu denen sie sich stolz bekannte. Dabei hätte sie jetzt die glatteste Haut haben können.

»Ich verdanke Euch mein Leben und meine Macht«, flüsterte sie, »und den Wunsch, alles Wissen in mich aufzunehmen, das die Welt zu bieten hat. Was könnte man von einem Lehrer mehr verlangen?«

»Ich habe dich nicht auf die Welt da draußen vorbereitet.«

»Fragt lieber, ob die Welt auf mich vorbereitet ist.«

Er musste unwillkürlich lächeln. »Die Magister werden dich nicht gerade mit offenen Armen empfangen.«

Aus ihren Augen sprühte der Übermut. »Es wäre nicht das erste Mal, dass ich mir Zutritt verschaffe, obwohl ich nicht erwünscht bin. Nicht wahr?«

Er seufzte, umfasste nun seinerseits ihre Hände und drückte sie fest. »Du solltest sie nicht unterschätzen, Kamala. Männer, die in ihrer eigenen Welt und ohne Frauen leben, können sehr ungehalten reagieren, wenn man ihre Kreise stört. Ganz zu schweigen davon, dass du allein durch deine Existenz vieles widerlegst, was sie über die Macht zu wissen glauben. Und stolze Männer lassen sich nicht gern widerlegen.«

Die Diamantaugen glitzerten trotzig. »Soll das eine Empfehlung sein, mich zu verstecken?«

»Du? Gewiss nicht.« Ein Lächeln zuckte um seine Mundwinkel. »Aber … nimm dich in Acht. Halte dich zurück. Du kannst doch Zurückhaltung üben? Gib dich vorerst als Hexe aus, zumindest so lange, bis du dich zurechtgefunden hast. Lass sie im Dunkeln darüber, dass etwas Neues in die Welt gekommen ist, bis du selbst bestimmen kannst, wie sie es erfahren.« Er hielt inne, und als sie schwieg, fragte er: »Versprichst du mir das?«

»Falls mir gestattet ist, die Geschicke zu lenken«, sagte sie ruhig.

»Sobald sie von dir wissen, werden sie dich Prüfungen unterwerfen. Prüfungen, bei denen nicht vorgesehen ist, dass du sie bestehst. Prüfungen, die dir das Blut aus der Seele ziehen.« Er sah ihr in die Augen und hielt ihren Blick fest. »Sie werden wollen, dass du versagst. Darüber musst du dir klar sein. Allein deine Existenz stellt die Weltordnung, wie sie sie kennen, auf den Kopf. Wenn du einmal als Magister anerkannt bist, werden sie dir zwar nicht mehr nach dem Leben trachten – das verstieße gegen unser Gesetz –, doch sonst ist alles erlaubt. Und wenn sie sich selbst beweisen können, dass du nicht etwa eine der Ihren bist, sondern eine Betrügerin, eine größenwahnsinnige Hexe, die allenfalls ein paar Gauklerkunststücke beherrscht, dann werden sie dich erst recht jagen, einfach nur zum Spaß.«

Die Diamantaugen wurden schmal, und sie sagte ernst: »Mein Lehrer … ich wurde auf der Straße verkauft, bevor ich noch alle Milchzähne verloren hatte, und ich habe überlebt. Wenig später raubte mir die Grüne Pest zuerst meine Mutter und danach mein Heim, und ich habe überlebt. Ich habe Prüfungen von einer Grausamkeit überstanden, die ich nicht näher beschreiben will, und musste mich gegen die niedrigsten Instinkte der Menschheit behaupten … und ich habe alles überlebt.« Sie strich ihm sanft mit schwieligem Finger über die Wange; ihre Mundwinkel hoben sich zu einem Lächeln. »Und Ihr traut mir nicht zu, mit einer Horde Magister fertig zu werden? Vielleicht wäre der Spaß ja auch auf meiner Seite?«

Er fing ihre Hand ein und drückte sie. Nun hielt sie seinen Blick fest, und aus ihren Augen sprach eine Zärtlichkeit, die nicht in Worte zu fassen war. Einen Moment – nur einen Moment lang – stand sie als Frau vor ihm, und alle Schranken, die er aufgerichtet hatte, um es ihnen zu ermöglichen, ihre Rollen als Lehrer und Schüler zu spielen, brachen zusammen. Mit einem Mal nahm er ihren Körper mit allen Sinnen wahr – die Wärme ihrer Hand, den schwachen Kiefernduft, der an ihren Fingerspitzen haftete, das Auf und Ab ihres Atems – und sah in ihren Augen eine Frage, die umso eindringlicher war, weil sie nicht ausgesprochen wurde.

Nein, keine Frage. Ein Angebot.

Vergiss mich nicht, flehte ihr Blick. Bewahre, was ich dir bin. Und was ich sein könnte.

Behutsam löste er seinen Griff und ließ ihre Hand sinken. Auf seiner Haut blieb ein feuchter Glanz zurück, der nach ihrem Schweiß duftete. Er versagte es sich, die Hand an die Nase zu führen und den Duft einzuatmen. Schon drohte sich ihre Ausstrahlung zu verlieren, und für einen Moment wünschte er sich nichts mehr, als darin zu versinken, um sie niemals zu vergessen.

Dann erwachte er wie aus einem Traum und schüttelte leicht den Kopf – als Antwort auf seine wie auf ihre Gefühle.

»Du warst mein begabtester – und mein anstrengendster – Schüler respektive Schülerin. So werde ich dich stets in Erinnerung behalten.«

»Das entspricht nicht der Magistertradition«, sagte sie leise.

»Nein«, antwortete er. »Tradition ist es nicht.«

Er zog sich einen Ring vom Finger, einen schmalen Silberreif, den er vor vielen Jahren zum Geschenk bekommen und mit wenigen anderen Stücken behalten hatte, als er Ulran verließ. Diesen ließ er in ihre Hand fallen und schloss ihre Finger darüber. »Mit diesem Ring kannst du zu mir sprechen, wenn du mich brauchst, er bringt dich sogar zu mir, ohne dass du dafür einem ganzen Heer von Männern ihr Athra entziehen müsstest.«

»Und wir werden keine Rivalen sein? Keine Gegner?« Ihre Augen neckten ihn, aber ihre Stimme klang ein wenig unsicher. Was davon war die Sprache ihres Herzens? »Ist nicht auch das Magistertradition?«

»So ist es.« Er nickte. »Und für die Morati wäre es sehr viel besser, wenn es nicht so wäre.« Er erhob sich, nahm die beiden Becher und schwenkte sie noch einmal, um zu sehen, ob die Blätter vielleicht eine letzte Botschaft für ihn hätten. »Aber wir beide stellen ohnehin schon Ausnahmen von der Regel dar, ich durch meine Lebensweise und du durch deine Existenz, und so wird ein weiterer Regelbruch wohl keine größeren Auswirkungen haben.« Er zog eine Augenbraue hoch und sah sie an. »Was dich ja ohnehin nicht kümmern würde.«

Sie grinste, und das gestohlene Feuer ihrer Seele loderte ihr aus den Augen und wärmte sein Gesicht wie mit echten Flammen.

Ja, dachte er, und das Herz wurde ihm schwer, es ist Zeit, du musst gehen. Dein Feuer ist zu stark, es würde jedes Haus verbrennen, in dem man es einschließen wollte.

Und wenn dich die Magister zu ihrem Feind machen, mögen ihnen die Götter gnädig sein.

Kapitel 10

Mitternacht.

Der Wind hatte sich längst gelegt, und im Burghof staute sich die Hitze des Sommers. Der Wachwechsel vollzog sich ohne viele Worte, neue Gardisten übernahmen Hellebarden und Fahnen und machten sich zum Dienst bereit.

Auf dem Wohnturm, ganz oben auf dem Gang hinter den Wällen, der den Angehörigen der königlichen Familie vorbehalten war, bewegte sich eine Gestalt. Die Gardisten hätten sie sehen können, aber sie schauten nicht nach oben. Sie hatten darauf zu achten, dass keine Feinde versuchten, bis zu den schmalen, zinnenbewehrten Wehrgängen hinaufzuklettern, um von dort aus den Palast zu erstürmen. So lauteten jedenfalls ihre Befehle. Doch da kein Feind jemals über die Außenmauern hinausgelangt war, gestalteten sich die Aufgaben in Wirklichkeit weniger romantisch, und der Hauptmann der Garde seufzte schwer bei dem Gedanken, wieder einmal die ganze Nacht Liebespaare aus den Winkeln und Nischen verscheuchen zu müssen, wo die Diener des Königs immer wieder ihre Stelldicheins abhielten.

Der Blick des Hauptmanns ruhte auf den Schatten am Fuß der Mauer, während die Gestalt geschmeidig wie ein Gespenst auf die Krone des höchsten Walles stieg. Hätte der Hauptmann den Kopf gehoben, dann hätte er sehen können, wie der Schein der beiden Monde auf blondes Haar fiel, und vielleicht wäre ihm das Herz stehen geblieben bei der Erkenntnis, wer die Gestalt sein musste. Diese Haarfarbe hatte nur ein einziger Angehöriger des Königlichen Hauses.

Aber er schaute nicht nach oben, und die Gestalt bewegte sich auf geradezu unheimliche Weise lautlos, dass sie unbemerkt blieb.

Sie war dunkel gekleidet, als hätte sie es darauf angelegt, nicht gesehen und in ihrem Tun nicht gestört zu werden. Sie erschien wie aus dem Nichts, ein Schattengebilde, doch ihre Umrisse verfestigten sich, je näher sie dem höchsten Punkt des Schlosses kam. Ihr Ziel war ein Nest für Bogenschützen auf dem Nordturm, einem von vier schmalen Aufbauten an den Ecken des Palastgebäudes.

Oben angelangt, blieb sie einen Augenblick lang reglos stehen, wie um den nächsten Schritt zu überlegen. Vielleicht beobachtete sie die Gardisten, um den Zeitpunkt abzupassen, wenn sich keiner der Männer am Fuß des Turmes befand.

Als es so weit war, breitete sie die Arme aus, als wollte sie die Nacht an sich drücken, und wäre jemand nahe genug gewesen, er hätte vielleicht sehen können, wie die Angst einem flüchtigen Schatten gleich über ihre Züge huschte.

Dann sprang sie.

Der Sturz hinab auf den steinernen Wehrgang war lang. Der harte Aufprall, kurz und blutig, rief die Gardisten herbei. Sie kamen mit gezückten Waffen angelaufen. Der Hauptmann war unter den Ersten und rief eine Warnung, als er den Leichnam sah. Bei dem Gedanken, wie Danton sich verhalten würde, wenn er den Eindruck bekäme, er, der Hauptmann, hätte seine Pflichten vernachlässigt, gefror ihm das Herz in der Brust – er fürchtete den Großkönig mehr als jeden Feind –, aber dank seiner jahrelangen Erfahrung war er dennoch fähig, das Nötige zu veranlassen. Alarm schlagen. Das Gelände absuchen. Der Körper war eindeutig von oben herabgefallen, das bedeutete, er war aus dem Schloss gekommen. Nachsehen, ob sich kein Feind auf der Jagd nach weiteren Opfern im Inneren des Gebäudes versteckt.

Dann drehte einer seiner Männer den Körper auf den Rücken, sodass man sehen konnte, was vom Gesicht noch übrig war, und der Hauptmann erstarrte. Eine Seite war durch den Aufprall zermalmt, aber das Antlitz war nicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

Andovan!

Der Alarm zeigte Wirkung, im Inneren des Schlosses wurde es lebendig. Hinter den schmalen Schießscharten flackerten Laternen auf, Befehle wurden gerufen. Wenig später begann die große Glocke im Südturm zu läuten, eine Warnung an alle innerhalb der Mauern, dass ein Feind sein Unwesen trieb. Alle waffenfähigen Männer hatten nach ihren Schwertern zu greifen, die anderen sollten bis auf Weiteres ihre Türen verschließen.

Der Hauptmann stand zitternd neben dem Leichnam des Prinzen, wartete darauf, dass Dantons Zorn über ihn hereinbräche, und fragte sich, ob seine Laufbahn als Königlicher Gardist wohl schon bald ein blutiges Ende fände.

»Verzeiht?«

Der Hauptmann blinzelte zweimal, dann wandte er sich dem Gardisten zu, der ihn angesprochen hatte, und nickte.

»Er hat etwas in der Hand.«

Wieder beugte sich der Hauptmann über die Leiche. Tatsächlich, Andovan hielt etwas in den Fingern, ein zerknittertes, beschriebenes Stück Papier. Eine Nachricht vielleicht?

»Soll ich es herausziehen?«

»Nein.« Der Hauptmann sprach ruhig und gefasst, ein Mann, der wusste, dass ihm eine schwere Stunde bevorstand, die ein paar Zeilen auf einem Stück Papier nicht leichter machen könnten. »Überlass das Seiner Majestät.« Ohne Zweifel suchte Ramirus das Schloss bereits nach Eindringlingen ab; auf solche Dinge verstanden sich die Magister am besten. Wenn sich irgendwo ein Fremder aufhielt, würde Ramirus ihn aufstöbern und ihn sich vornehmen.

Falls es sich um einen der fremden Magister handeln sollte – was durchaus möglich war – könnte das eine Weile dauern. Der Hauptmann war über die vielen Besucher im Schloss nie glücklich gewesen, schon gar nicht über Besucher, die durch Mauern gehen oder mit Gedankenkraft einen Menschen erdrosseln konnten. Wenn nun einer von ihnen für das Unglück verantwortlich wäre?

Erst wenn das alles erledigt war, würde man die Tore öffnen. Dann würde sich Großkönig Danton – auch Danton der Rasende, Danton der Grausame und bisweilen Danton der Unversöhnliche genannt – die blutigen Überreste seines königlichen Sprosses ansehen und entscheiden, was damit geschehen sollte.

 

Mein Vater,

 

vergib mir.

Ich kenne den Namen meiner Krankheit, auch wenn ihn niemand laut auszusprechen wagt. Ich weiß, was für ein Tod mich erwartet, weiß um die Schwäche, die immer größer wird und einen gesunden Mann Schritt um Schritt zum Krüppel macht, und weiß auch, dass es keine Heilung gibt. Ich weiß, dass ich bestenfalls noch ein paar Jahre vor mir habe, Jahre, in denen das Feuer in meiner Seele immer weiter herunterbrennt, bis es in den letzten Stunden schließlich erlischt und nur noch eine leere Hülle zurücklässt.

Vergib mir, Vater, wenn ich in dieser Nacht einen schnelleren Ausweg wähle. Vergib mir, wenn ich in deiner Erinnerung lieber als Prinz in der Blüte seiner Kraft fortleben möchte und nicht als lebender Leichnam, der nicht mehr die Kraft hatte, sein Bett zu verlassen. Vergib mir vor allem, dass ich nicht vorher mit dir darüber sprach, denn ich wusste, dass du mir die Tat verboten und die Hoffnung so lange nicht aufgegeben hättest, bis der letzte Rest meiner Lebensenergie verbraucht und mir nur noch jener grausame Tod geblieben wäre.

Denn es gibt keine Hoffnung. Nicht bei dieser Krankheit. Das ist seit tausend Generationen überliefert, und selbst die vielen Magister, die du an deinen Hof geholt hast, können daran nichts ändern.

Vergib mir, mein Vater. Behalte mich so im Gedächtnis, wie ich vor meinem Sprung in den Tod war, und tröste dich mit der Zeit, die wir gemeinsam verbringen durften und die mir kostbar war.

Nun soll diese Zeit nach dem Ratschluss der Götter zu Ende sein, und gegen das Wort der Götter ist der Mensch machtlos.

Andovan

König Danton war selbst bei bester Laune kein sanftmütiger Mensch. Doch nun hätte er sich mit seinem finsteren, von Wut, Trauer und tiefem Schock verzerrten Gesicht zu den Dämonen an die Höllenpforte stellen können, ohne allzu sehr aufzufallen. In seinem jetzigen Zustand hätten sich womöglich sogar die bösen Geister gehütet, ihm zu nahe zu kommen.

Auch kein Sterblicher wagte, sich ihm zu nähern. Niemand sprach ein Wort. Nicht einmal die Magister, die wie Aasgeier den Schauplatz umschwirrten – einige davon im wahrsten Sinne des Wortes, hatten sie doch die Vogelgestalt gewählt, um die Szene im Schlosshof so gefahrlos wie möglich überschauen zu können.

Sogar Ramirus schwieg. Der mächtigste Magister des mächtigsten Reiches der Menschen kniete neben dem Leichnam des Prinzen und suchte der Tragödie mit allen magischen Mitteln, die ihm zu Gebote standen, auf die Spur zu kommen. Das war keineswegs ungefährlich, denn jede Verbindung zum Konjunkten eines Magisters, auch wenn er bereits tot war, barg ein Risiko in sich. Ramirus wusste ja nicht, ob das Band zwischen Andovan und seinem Mörder nicht noch in der Seele des Prinzen verankert war, und konnte, wenn er auf der Suche nach Antworten die betreffende Stelle berührte, durchaus selbst zum Opfer des unbekannten Zauberers werden.

Danton konnte man das alles natürlich nicht erklären. Der Großkönig dachte nur in Begriffen wie Ruchlosigkeit, Versagen – und Schuld.

»Wer war das?«, fragte er. »Welcher Verbrecher hat meinem eigen Fleisch und Blut das angetan? Das kostet ihn den Kopf.«

Der Königliche Magister wählte einen sachlichen Ton, in der Hoffnung, den König zu beruhigen, obwohl sein Herz ihm sagte, dass das aussichtslos war. »Ich finde nichts, was dafür spräche, dass ihm von außen Gewalt zugefügt wurde, Majestät. Die einzigen Verletzungen stammen von seinem Sturz in den Tod.« Er blickte zum König auf. »Mehr kann ich dem Leichnam nicht entnehmen. Es tut mir leid. Die Macht, die wir beschwören, ist eine lebendige Kraft, und wenn erst das Leben aus einem Menschen gewichen ist, bleibt nicht mehr viel, was man untersuchen könnte.«

Danton knurrte tief in der Kehle, ein Laut wie die Warnung eines gereizten Löwen. »Ich will keine Ausreden hören, Magister, ich verlange Erklärungen.«

Ramirus biss die Zähne zusammen und wandte sich wieder dem Leichnam zu. Es gab keine Erklärung, die Danton zufriedengestellt hätte, aber ihm nichts zu liefern, wäre noch gefährlicher gewesen. »Verzweiflung umhüllt den Körper wie ein Leichentuch«, sagte er endlich. »Nicht die Verzweiflung des letzten Augenblicks; die wäre inzwischen verflogen. Dieses Gefühl reicht weiter zurück und wiegt schwerer.« Er hielt inne. Wozu aussprechen, was ohnehin offensichtlich war?

Trauer – oder Schmerz – verzerrten für einen Moment die Züge des Großkönigs. »Mein Sohn war kein Feigling. Er war stark. Er hätte sich nicht von einer Krankheit besiegen lassen.«

O doch, wenn er nämlich die Ursache kannte, dachte Ramirus. Wenn er begriffen hätte, dass er nur noch eine Milchkuh in der Herde eines Magisters war. »Was steht in dem Brief, Majestät?«

Glühend vor Hass hefteten sich die schwarzen Augen auf Ramirus. Danton schien etwas sagen zu wollen, doch dann schnaubte er nur und reichte das Blatt wortlos weiter.

Ramirus las, ohne eine Miene zu verziehen, wusste er doch, dass er nicht nur von Danton beobachtet wurde, sondern auch von fremden Magistern mit womöglich feindlichen Absichten.

Als er fertig war, holte er tief Luft und las noch einmal. Mit einem Hauch von Seelenfeuer ergründete er die Substanz des Briefes – wer ihn geschrieben hatte und warum – und prüfte die Worte auf ihre Untertöne und ihre Aufrichtigkeit.

Der ganze Schlosshof wartete wie gebannt auf sein Urteil. Sogar die Vögel verharrten reglos.

Schließlich war Dantons Geduld zu Ende. »Mein Sohn hat diese Worte nicht geschrieben«, stieß er heiser hervor.

»Ich bedaure, Majestät.« Ramirus flüsterte nur. »Er hat sie geschrieben.«

»Dann wurde er dazu gezwungen.« Die schwarzen Augen waren misstrauisch zusammengekniffen. »Vielleicht hat ihn einer von Euresgleichen in seine Gewalt gebracht. Schließlich sind genügend Magister hier versammelt. Darunter einige, die wahrhaftig nicht meine Freunde sind. Könnt Ihr mit Sicherheit ausschließen, dass es einer von ihnen war? Wie wollt Ihr das feststellen?«

Ramirus nahm einen langen, tiefen Atemzug, bevor er antwortete. Der Brief war echt, das war Tatsache, eine Tatsache allerdings, die Danton niemals anerkennen würde.

»Nichts weist darauf hin, dass diese Zeilen unter Zwang geschrieben wurden«, sagte er endlich. »Die Worte kamen von Herzen, der Schreiber stand nicht unter fremdem Einfluss, er schrieb sie aus freiem Willen auf das Blatt. Nichts weist auf äußere Ursachen oder Beweggründe hin.« Er schaute zu Danton auf. »So leid es mir tut, Majestät, aber das ist die Wahrheit.«

Der Großkönig riss ihm mit einem Wutschrei den Brief aus der Hand. »Ihr wagt es? Ich befahl Euch, ihn zu heilen. Habt Ihr das getan? Ich wies Euch an, ihn zu beschützen! Ist das Euer Schutz? Sind das die Dienste, die Ihr mir versprochen hattet, als ich Euch anbot, an meinen Hof zu kommen?«

»Majestä-«

»SCHWEIGT!« Erbost sah sich Danton nach den Vögeln um, er schien sie mit seinen schwarzen Augen durchbohren zu wollen, als kenne er jeden einzelnen und wüsste, was er dachte. Einer wich zurück, als der mörderische Blick auf ihn fiel, eher wie ein Mensch denn wie ein Vogel.

»Die da …!«, schrie Danton und wies auf die Vögel. »… will ich in meinem Reich nicht mehr sehen! Habt Ihr verstanden? Sie nicht und die anderen nicht. Sie hielten nur endlose Beratungen ab, während die Seele meines Sohnes im Sterben lag. Habt Ihr Euch heimlich über sein Siechtum lustig gemacht?«, fragte er die Vögel. »Hat der eine oder andere seine Verzweiflung vielleicht noch geschürt? Nun habt Ihr Euren Herren einen glänzenden Sieg zu melden! Ihr habt Dantons leiblichen Sohn vernichtet!

Und Ihr.« Dantons Gesicht war rot wie das eines Dämons, seine Augen richteten sich, schwarz wie die Nacht, abermals auf Ramirus. »Ihr habt sie hierhergeholt. Ihr habt ihnen meinen Sohn vorgeführt wie eine Missgeburt in einem Karnevalszug, damit sie ihren Herren von meiner Schwäche berichten könnten, um Euch dann zurückzulehnen und tatenlos zuzusehen, wie er starb. Tatenlos!«

Danton holte tief Luft; die Gardisten, die sich um ihn geschart hatten, hielten den Atem an. »Hört mir gut zu, Ramirus. Ich verweise Euch des Landes, jetzt und für immer. Ich gebe Euch so viel Zeit, wie ein Sterblicher braucht, um zu Fuß die Grenzen des Reiches zu erreichen, danach mögen die Götter Eurer elenden Seele gnädig sein, wenn Ihr noch einmal wagt, meinen Boden zu betreten.«

Er wandte sich mit einer Entschiedenheit von dem knienden Magister ab, die deutlich machte, dass er ihn nicht nur verstoßen, sondern aus seinem Leben gestrichen hatte. »Du da!«, sagte er zum Hauptmann. »Bring den Leichnam meines Sohnes nach drinnen.«

Der Gardist beeilte sich zu gehorchen, während Danton einen letzten bösen Blick auf die Zaubervögel warf, die ihn umringten. »Bis zum Morgengrauen habt Ihr alle meine Stadt verlassen«, knurrte er. »Und die Götter sollen Euch beistehen, wenn Ihr Euch verspätet.«

Es war nach Mitternacht, aber noch nicht Morgen.

Die Monde waren fast untergegangen, ihr Schein fiel nur noch matt in die dichten Wälder rings um die Stadt. Eine kleine abgeschirmte Laterne auf dem Boden spendete etwas mehr Licht, dennoch waren auf der kleinen Lichtung nur schemenhafte Gestalten zu erkennen, Bruchstücke eines Bildes:

Ein Mann auf einem Felsen. So reglos wie der Stein unter ihm. In Wartehaltung.

In seiner Hand ein Stab. Nicht weit davon entfernt ein angebundenes Pferd.

Ein Ranzen aus Segeltuch und Leder, an der Unterseite zwei zusammengerollte Decken.

Wenig später raschelte es in den Bäumen. Die meisten Menschen hätten sich darüber keine Gedanken gemacht, sondern geglaubt, es sei der Wind oder vielleicht ein kleines Tier auf Futtersuche. Doch dieser Mann kannte die Geräusche des Waldes besser, er ahnte, dass das Rascheln nicht hierher gehörte, dass es eine besondere Bewandtnis damit hatte. Er bückte sich nach der Laterne und zog mit der anderen Hand für alle Fälle das Jagdmesser ein Stück weit aus seinem Gürtel.

Ein Mann trat auf die Lichtung, ganz in Schwarz gekleidet. Sein langes Haar glänzte im Schein der Laterne wie ein Wasserfall. Er schaute nur kurz ins Licht, dann machte er eine knappe Handbewegung, und der Strahl änderte seine Richtung, sodass er ihm nicht mehr direkt in die Augen schien.

»Warum so misstrauisch heute Nacht?«, fragte der Neuankömmling.

»Sollte ich nicht?« Andovan stellte die Laterne wieder ab. »Ihr seid immer noch ein Feind meines Vaters, Colivar; daran hat sich nichts geändert.«

»Euer Tod bringt mir keinen Vorteil, Hoheit.«

»Nennt mich nicht so.« Die Stimme verriet grimmige Entschlossenheit. »Prinz Andovan ist tot. Lasst ihn in Frieden ruhen.«

Die schwarzen Augen des Magisters glitzerten. »Wie Ihr wollt.«

Andovan stand auf und schwang sich dabei den Ranzen auf den Rücken. »Ging alles so wie geplant?«

»Genau so.«

»Dann werde ich vor meinem Aufbruch dafür sorgen, dass die Familie des Mannes das Geld bekommt, das ihr versprochen wurde.«

»Wurde bereits erledigt.«

Andovan sah ihn scharf an. »Wenn es um den Tod geht, seid Ihr sehr gründlich.«

»Ich bin immer gründlich«, verbesserte Colivar.

Der Prinz holte tief Luft und hielt den Atem lange an, als wollte er alle Gerüche des Waldes auskosten. »Dann bin ich jetzt frei und kann reisen, wie es mir mein Vater nie erlaubt hätte. Ich kann allen Spuren folgen, die die Götter mir gewähren, um Eure Hexe zu finden …«

»Nicht meine Hexe, Ho- … Andovan.«

»Mein Vater hätte alle Hexen töten lassen. Er hätte jede einzelne Hexe im Umkreis abgeschlachtet, in der vagen Hoffnung, die richtige möge darunter gewesen sein. So ist er nun einmal.«

»Es gibt keine Gewissheit, dass sie sich überhaupt in seinem Reich befindet. Das wisst Ihr.«

»Er hätte es trotzdem getan.« Andovan seufzte tief auf. »Es würde mich wundern, wenn er bis Tagesanbruch nicht irgendeinen Sündenbock fände, um ihn einen Kopf kürzer zu machen.«

»Deshalb haben die Herrscher der Nachbarreiche also so viel Respekt vor ihm.«

Andovans Miene verfinsterte sich. »Hütet Eure Zunge, Magister. Er ist immer noch mein Vater.«

»Selbstverständlich. Verzeiht mir.«

»Er ist also auf die Täuschung hereingefallen?«

»Warum sollte er nicht? Der Bauer, der Eure Stelle einnahm, sah dank meiner Künste genauso aus wie Ihr und war dank Eurer Bezahlung zum Sterben bereit. Der Abschiedsbrief war echt, Ihr hattet ihn eigenhändig geschrieben, und er drückte Eure wahren Gefühle aus. Nicht einmal ein Magister hätte Anlass gehabt, Verdacht zu schöpfen.«

»Ja«, murmelte Andovan. »Ich nähme mir tatsächlich lieber selbst das Leben, als in einem königlichen Bett hilflos dahinzusiechen.«

»Ihr habt einen gefahrvollen Weg gewählt, aber das wisst Ihr ja. Die Krankheit wird fortschreiten. Die schlimmsten Schübe kommen ohne Vorwarnung. Gegen Ende werdet Ihr keine guten Tage mehr haben, die Euch die Kraft zum Durchhalten geben.«

»Ich will nicht im Bett sterben«, knirschte Andovan. Dann fragte er mit einem tiefen Seufzer: »Wie viel Zeit bleibt mir noch?«

Der Magister zögerte. »Das weiß niemand. Es tut mir leid. Aber wenn die Anzeichen schon so deutlich sind … im Allgemeinen nicht mehr viel.«

»Einige Jahre?«

Colivars Augen glitzerten im Mondlicht wie schwarzer Onyx. »Bestenfalls.«

»Schön.« Andovan war nicht in Samt und Seide gekleidet wie ein Prinz, sondern trug braune Wolle in mehreren Schichten übereinander, wie ein einfacher Bauer. Man sah ihm nicht an, dass er von königlichem Geblüt war und von Kindesbeinen an nichts anderes als Reichtum und Luxus kannte. Er kam daher wie ein ganz gewöhnlicher Reisender.

Vielleicht gelingt es ihm tatsächlich, dachte der Magister. Er hatte getan, was er konnte, um den jungen Mann bei seinem Vorhaben zu unterstützen, er hatte sogar einen Zauber gewirkt, um ihn zu der Frau zu führen, deren Konjunkt er war. Das war jedenfalls der Plan. Versucht hatte so etwas bisher noch niemand. Er konnte die Wirkung des Zaubers weder prüfen noch verstärken, ohne Gefahr zu laufen, in das magische Band hineingezogen zu werden, das die beiden aneinander fesselte. Und natürlich konnte er dem jungen Mann auch nicht erklären, wen er suchte oder was jene Frau ihm angetan hatte. Der Prinz war für Colivar wie eine Brieftaube oder eine Kompassnadel, ein Werkzeug, das ihm helfen sollte, die Gesuchte zu finden.

Eine machtbegabte Frau, überlegte der Magister. Dafür sollte sich das Experiment doch lohnen. Dafür kann man sogar ein gewisses Risiko eingehen.

»Ihr müsst das Reich bis zum Morgengrauen verlassen haben«, warnte der Prinz. »Zweifelt nicht an der Entschlossenheit meines Vaters; es wäre nicht das erste Mal, dass er einen Menschen tötet, der über die Macht gebietet.«

»Ich bin mir dessen bewusst, Ho- … Andovan.« Colivar verneigte sich ehrerbietig. »Aber ich danke Euch für die Warnung.«

»Nicht Andovan. Das war einmal. Ich werde mir wohl einen anderen Namen ausdenken müssen.« Der Prinz hielt inne. »Seltsam, man braucht kaum mehr als eine Nacht, um den Entschluss zu fassen, das gewohnte Leben aufzugeben, aber viel länger, um sich von einem Namen zu trennen, der doch nur aus einer Aneinanderreihung von Lauten besteht.«

»Seinen Namen ändern heißt sein Leben ändern«, sagte Colivar ruhig.

»Ja«, flüsterte der Prinz. »So ist es.«

Ohne ein weiteres Wort wandte er sich nach Westen und tat den ersten Schritt auf der harten Erde. Kein Laut war zu hören. Er hatte den Gang eines Jägers.

Aber diesmal gehst du nicht auf die Jagd, dachte Colivar. Du bist nur der … Köder.

Er wartete, bis der matte Schein der Laterne nicht länger zu sehen war, dann beschwor er die Macht des geliehenen Seelenfeuers und ließ sich Flügel wachsen. Lange, schwarze Flügel, die ihn mit kraftvollen Schlägen durch die Schatten des Waldes davontrugen, aber nicht in die Richtung, wo seine Heimat lag. Noch nicht.

Er flog nach Westen.

Irgendwo auf der Welt spürte sein namenloser, unbekannter Konjunkt einen Anfall von Schwäche.

Wenig später gingen die beiden Monde unter.

Das Erwachen

 

Kapitel 11

»Mutter?«

Beim Anblick der leeren Straße blinzelte der Junge verdutzt. Die Luft war noch erfüllt von den alltäglichen Gerüchen des Lebens – nach dem fettigen Rauch, der aus den Küchenfenstern quoll, nach dem Gestank der Nachtgeschirre, die vor den Wohnungen geleert wurden, und nach dem verschütteten Bier und dem Erbrochenen, die neben der Seitentür der Schenke in der Erde versickert waren – doch sonst war alles leer. Unheimlich leer. Der Junge stolperte ein paar Schritte vorwärts, den Namen seiner Mutter auf den bebenden Lippen. »Wo bist du?«, flüsterte er. Eine blonde Strähne fiel ihm, lieblos gestutzt, über das linke Auge; er strich sie mit schmutziger Hand zurück. »Hallo? Niemand da?«

Er war am Morgen, verfolgt vom Wutgebrüll seines Vaters, aus dem Haus geflüchtet. Den ganzen Nachmittag hatte er im Moor gespielt, hatte Schlammfestungen gebaut und aus Grashalmen Soldaten geflochten, die unter seinem Befehl Kriege führen mussten. Bei der letzten Schlacht ging es darum, eine schöne Maid aus der Hand eines Menschenfressers zu retten. Der Menschenfresser hatte die Frau geschlagen, nicht nur einmal, sondern so oft, bis ihr jüngerer Bruder weggelaufen war und ein Heer gesammelt hatte, um sie zu rächen. Sie hatten den Menschenfresser besiegt und fortgeschleift, um ihn von den Soldaten zu Tode trampeln zu lassen. Als die Sonne unterging, war die Erde in weitem Umkreis zerstampft, der gräserne Menschenfresser war in Stücke gerissen, und dem Jungen war ein wenig leichter ums Herz.

Aber nur ein wenig.

Inzwischen müsste sein Vater das Haus verlassen haben oder sinnlos betrunken sein, und seine Mutter würde die Wunden der Familie verbinden. Er konnte es wagen, sich wieder blicken zu lassen, zumindest, um sich etwas zu essen zu holen. Viel war nicht im Haus – etwas altes Brot, ein paar harte Käserinden – aber er war jetzt so hungrig, dass er alles gegessen hätte. Seine Mutter würde schelten, weil er am Vormittag weggelaufen war, aber nicht allzu sehr. Sie verstand ihn. Sie würde selbst gern weglaufen, wenn sie nur könnte.

»Hallo!«

Die Stille auf der Straße war ihm unheimlich. Nicht allein deshalb, weil sich offenbar alle Bewohner in ihre Häuser zurückgezogen hatten, obwohl das an sich schon ungewöhnlich war. Oder weil sie sich so ruhig verhielten, dass er durch die dünnen Wände und die winzigen Fensterchen keine einzige Stimme hören konnte. Die ganze Atmosphäre beunruhigte den Jungen in einer Weise, die er nicht hätte in Worte fassen können. Manchmal findet ein Tier eine unnatürliche Erscheinung so beängstigend, dass es nur noch den Schwanz einklemmen und fliehen möchte. So etwa erging es ihm jetzt.

Es kribbelte ihn im Nacken, als er die Straße hinunterging und mit zitternder Stimme einen Namen nach dem anderen rief. Aber er wollte tapfer sein. Er war heute schon einmal davongelaufen, und jetzt schämte er sich seiner Feigheit. Nein, er durfte diese Stille, so rätselhaft sie auch sein mochte, nicht zum Vorwand nehmen, um schon wieder die Flucht zu ergreifen.

Aber wieso war denn nun gar niemand draußen?

Scheu wie ein wildes Kaninchen tastete sich der Junge durch die Straße. Nichts regte sich. Inzwischen hätte ihm doch ein Hund nachschnüffeln müssen oder … oder sonst etwas.

Nichts.

Er kam an einem Haufen Pferdeäpfel vorbei. Sie waren noch ziemlich frisch, und die Fliegen hatten sich darum geschart wie hungrige Bauern um ein Festmahl. Bei diesem Anblick wurde ihm plötzlich himmelangst, ohne dass er gewusst hätte, warum. Fast hätte er kehrtgemacht und wäre davongelaufen. Aber er zwang sich zu bleiben. Fliegen und Kot konnten ihm schließlich nichts anhaben. Für die Angst, die ihm langsam wie eine kalte Faust das Herz zusammendrückte, musste es einen anderen Grund geben.

»Hallo …?«

Er hatte die kleine Dorfschenke erreicht. Eigentlich nichts Besonderes, aber die Männer des Dorfes bekamen dort billiges Bier, und die Bauern, die bei jedem Wetter draußen waren, konnten für ein paar staubige Münzen ihren Hunger stillen. Mit Rücksicht auf sein Geschäft kippte der Wirt seine Abfälle nicht auf die Straße wie die meisten anderen, sondern in den schmalen Durchgang zum Nachbarhaus. Der Junge sah den Haufen im Vorübergehen … blieb stehen, trat näher und starrte ihn an. Wieder beschlich ihn das Gefühl, dass etwas nicht stimmte, ein so intuitiver, schwer zu fassender Verdacht, dass er am liebsten doch noch weggerannt wäre. Aber er widerstand auch diesmal und suchte sich darüber klar zu werden, was an einem Haufen verwesender Abfälle so schrecklich sein konnte.

Und dann ging ihm ein Licht auf.

Es gab keine Ratten!

Er schaute hinter sich die Straße entlang. Auch da waren keine Ratten zu sehen, dabei sollten sich um diese Zeit schon die ersten der kleinen grauen Biester aus ihren Löchern wagen, um sich in den länger werdenden Schatten bei Sonnenuntergang ein Stück Abfall zu sichern, bevor alle ihre Brüder herauskamen und sich ihren Anteil am Unrat der Menschen erkämpften. Ratten gehörten zum Alltag des menschlichen Lebens, die Frauen verfluchten sie mit Inbrunst, aber sie aufhalten zu wollen war aussichtslos.

Jetzt aber war nirgendwo eine Ratte zu sehen.

Nicht auf der Straße, nicht in den Schatten, nicht in den frischen Abfällen … nirgendwo.

Der Junge wich ein paar Schritte zurück und trat unversehens in die Pferdeäpfel. Die Fliegen rollten herunter wie schwarze Steinchen. Tot. Sie waren alle tot.

»Mutter?«

Panik erfasste sein kleines Herz. Jetzt rannte er doch los. Nicht weg vom Dorf, wie alle seine Instinkte es ihm zuschrien, sondern die Straße hinunter, am Dorfplatz vorbei und weiter, bis nur noch kleine Häuser zu beiden Seiten der ungepflasterten Straße standen, jedes mit einem eigenen ratten- und fliegenfreien Abfallhaufen vor der Tür.

»Mutter!«

Auch die Vögel zwitscherten nicht, stellte er fest, als er atemlos vor seinem Zuhause anhielt. Und keine Insekten summten. Nichts war wie sonst, alles war falsch.

Er hämmerte gegen die Haustür, bis sie nachgab. Niemand antwortete auf sein Rufen. Er stolperte ins Innere und stieß dabei einen Schemel um. Heiße Tränen der Angst liefen ihm über die Wangen. Niemand sah den Schemel über den Boden schlittern, niemand hob den Fuß, um ihn wegzustoßen, niemand schimpfte, weil er ihn umgeworfen hatte.

Seine Mutter saß auf der Bank vor dem groben Holztisch, der in der Mitte des kleinen Raumes stand. Sie war zusammengesunken, ihr Kopf lag neben einem trockenen Brotkanten auf der Tischplatte. Ihr Gesicht wirkte fast friedlich, wenn man die frischen Blutergüsse übersah; hätte der Junge nicht eben noch genügend Lärm gemacht, um selbst Tote aufzuwecken, er hätte gedacht, sie schliefe nur. Seine kleine Schwester war neben ihr von der Bank gerutscht und lag wie eine zerbrochene Puppe auf dem Boden. Ein Stückchen Brot war ihr aus der Hand gefallen und bis vor die Feuerstelle gerollt. Ein paar schwarze Pünktchen daneben mochten Insekten gewesen sein. Auch sie bewegten sich nicht.

Erstickende Schwüle hing über dem kleinen Raum. Der Junge hatte das Gefühl, keine Luft zu bekommen, die Stille schien lebendig zu sein und ihm das Leben auszusaugen. Er musste sich zwingen, einen Fuß vor den anderen zu setzen und alle Winkel des Häuschens abzusuchen, in denen ein verängstigtes Kind versteckt sein mochte. So fand er schließlich den Leichnam seines jüngsten Bruders, der fast noch ein Säugling gewesen war. Der kleine Körper lag ausnahmsweise ganz friedlich da, anstatt wie zu seinen Lebzeiten unentwegt aus Leibeskräften zu brüllen, weil er hungrig war und wieder einmal niemand seine Bedürfnisse stillte. Wie der Tod die Menschen in diesem Haus auch geholt haben mochte, er hatte sich klammheimlich eingeschlichen, und niemand hatte ihn bemerkt.

War den übrigen Bewohnern des Dorfes das Gleiche widerfahren? Waren auch in den anderen Häusern nur noch Leichen zu finden?

Der Junge hatte einen bitteren Geschmack im Mund. Gleich würde er sich übergeben müssen, nicht weil er krank war, sondern aus Angst. Er steuerte wie gewohnt auf die Tür zu, um das Haus nicht zu beschmutzen und dafür von seinem Vater verprügelt zu werden. Doch dann bemerkte er draußen eine flüchtige Bewegung und war so verdutzt, dass er seine Übelkeit vergaß. Sein Magen beruhigte sich, und auch die Angst trat in den Hintergrund.

Eine Bewegung! Etwas hatte sich bewegt! Das musste doch heißen, dass da draußen noch etwas am Leben war!

Hastig stolperte er zur Tür. Hoffentlich war das, was er gesehen hatte, nicht schon wieder verschwunden. Aber nein, es war noch draußen auf der Straße, ein geflügeltes Wesen, etwa so groß wie ein Vogel, und als er aus der Tür trat, flog es auf ihn zu, hielt dicht vor seinem Gesicht an und schlug mit bunten Flügeln rasche Muster in das erlöschende Sonnenlicht.

Von Weitem hätte er es für eine Libelle gehalten, denn es hatte einen langen, schlanken Körper und zwei Paar zart geäderter, durchsichtiger Flügel. Aber für eine Libelle oder ein anderes Insekt war es viel zu groß, und der Kopf glich eher dem einer Eidechse. Oder vielleicht einer Schlange. Der biegsame Körper war von einem tiefen bläulichen Schwarz, wo das Licht der untergehenden Sonne darauf fiel, leuchtete er violett auf und schien zu erzittern. Das Wesen bewegte die spinnwebfeinen Flügel rasend schnell auf und ab, um sich auf gleicher Höhe mit seinem Gesicht zu halten. Diese Flügel waren wunderschön! Wie buntes Glas schillerten sie im Sonnenlicht in allen Blau- und Rottönen. Die gleichmäßig schnelle Bewegung wirkte einschläfernd, und der Junge fühlte sich trotz seiner Angst davon angezogen und konnte sich nicht mehr losreißen. Er spürte, wie ihn von irgendwoher zwei schwarze Augen ansahen und ahnte die aufkeimende Intelligenz darin. Wenn er ihren Blick erwiderte, könnte neues Entsetzen über ihn hereinbrechen, und so hielt er die Augen auch weiterhin unverwandt auf die bunten Flügel gerichtet und beobachtete das Spiel des Abendlichts auf den feucht glänzenden Membranen.

Hatte er sich nicht eben noch gefürchtet? War in seinem Dorf nicht etwas geschehen? Er dachte angestrengt nach, aber die Erinnerung entschlüpfte ihm wie ein nasser Aal. Das Wesen vor seinem Gesicht entzückte ihn. Ob es wohl einen Namen hatte? Und wenn nicht? Vielleicht war er der erste Mensch, der es jemals zu Gesicht bekam? Wenn er seiner Mutter davon erzählte, und sie sagte nein, es hätte keinen Namen … ob er ihm dann wohl einen geben dürfte? Würden dann alle dieses fremde Wesen mit seinem Namen rufen?

Seine Mutter …

Aus den Tiefen seines Unterbewusstseins tauchte eine Erinnerung auf. Nur für einen Moment, aber der genügte, um ihn zurückweichen zu lassen.

Das Wesen folgte ihm. Mit bunt schillernden Flügeln überflog es die Schwelle und tauchte ein in die Schatten.

Mutter?

Er ging rückwärts weiter, stieß mit den Kniekehlen an die Bank und wäre fast gefallen. Blind tastete er mit der Hand nach dem Tisch und traf ihn so unglücklich, dass er alles umwarf, was darauf lag. Der Lärm riss ihn aus seiner Trance, er schaute sich um und sah gerade noch, wie der Leichnam seiner Mutter schlaff wie eine Puppe zu Boden rutschte.

»NEIIIIN!«

Das Wesen befand sich zwischen ihm und der Tür, doch das kümmerte ihn nicht. Er legte die Arme schützend über den Kopf und rannte los. Hoffentlich war es nicht stärker als er. Er wagte nicht, es noch einmal anzusehen. Als er es erreichte, war er auf einen Angriff gefasst – ob es wohl beißen konnte wie eine echte Schlange? –, aber es versuchte nicht, ihn aufzuhalten. Dann war er draußen auf der Straße und rannte wie noch nie zuvor in seinem Leben. Jetzt spürte er, wie sich in den Schatten etwas bewegte – flimmernde Lichter überall, wo die Kadaver lagen –, aber er blieb nicht stehen. Wenn er stehen bliebe, würden sie auch ihn erwischen. So wie seine Mutter. Seine Schwester. Und alle anderen in dem kleinen Dorf …

Erst nach ungefähr einer Meile hielt er an, und auch dann nur deshalb, weil die Schmerzen in seinen Beinen so schlimm geworden waren, dass er keinen einzigen Schritt mehr laufen konnte. Inzwischen war es fast dunkel geworden, und als er sich zu Boden fallen ließ, glaubte er, in den Schatten glänzend schwarze Insekten umherschwirren zu sehen. Er keuchte und schluchzte, hielt sich den Arm vor die Augen und suchte nach Worten, um irgendeinen Gott um Hilfe zu bitten. Aber kein Gebet wollte ihm einfallen. Keinen einzigen Satz brachte er zustande. Es war, als hätte ihm das seltsame Wesen die Stimme geraubt, damit er nicht beten konnte.

Langsam und unaufhaltsam senkte sich die Nacht hernieder.

Kapitel 12

Gansang war kleiner, als Kamala es in Erinnerung hatte. Es war auch schmutziger, und der allgegenwärtige Verwesungsgeruch war ihr als Kind nie aufgefallen. Vielleicht hatte er sie damals auch nur nicht gestört. Jetzt setzte sich der Gestank überall fest: in den Kleidern, die sie trug, in den Speisen, die sie aß, er drang ihr sogar bis unter die Haut. Sie versuchte sich ständig mit Hilfe kleiner Mengen von Seelenfeuer zu reinigen, aber der Mief kehrte immer wieder zurück. Vielleicht war er auch so tief im Wesen des Ortes verwurzelt, dass selbst ein Magister mit seinen Zauberkünsten dagegen machtlos war. Angenommen, man vertriebe den Geruch einer Stadt, verschwände dann auch die Stadt selbst?

In all den Jahren bei Aethanus hatte sie nur von Gansang geträumt. Im Triumph zurückzukehren, nicht mehr als halbwüchsige Hure, auf der jeder herumtrampeln konnte, sondern als Angehörige des höchsten Magierordens, als jemand, der das Schicksal der Stadt so selbstverständlich in eine neue Richtung lenken konnte, wie die meisten Menschen ihr Frühstück verzehrten. Aber seit sie hier war – seit sie tatsächlich ein Magister war –, wurde ihr klar, dass das nicht so einfach war. Es war wie beim Wolkenschieben: Das Schicksal einer Stadt war zu vielschichtig, um es nebenbei zu steuern. Jeder Teil war eingefügt wie in ein riesiges Mosaik. Wenn man ein Element bewegte, erzitterten tausend andere Schicksale; entfernte man eines ganz, dann setzte sich womöglich etwas noch Dunkleres an seine Stelle.

Natürlich hätte sie auch die Möglichkeit, alles auszulöschen. Wenn sie sich vor Augen führte, wozu sie fähig war, spürte sie ein jähes Kribbeln vom Grund ihrer Seele bis in die Fingerspitzen. Sie könnte die ganze Stadt samt ihren schmutzigen Straßen, ihren Dieben und ihren Zuhältern einstürzen lassen, bis nur noch ein riesiger Berg aus stinkendem Schutt übrig wäre. Natürlich müssten dafür viele Konjunkten ihr Leben lassen, andererseits würden auch Männer in den Trümmern sterben, würden in dem Dreck und der Verkommenheit ertrinken, in der sie einst geschwelgt hatten. Die Größe eines solchen Unternehmens bemäße sich nach der Zahl der Toten.

Es wäre ein Akt der Gerechtigkeit.

In den engen Straßen wurde es früh dunkel, die hohen Gebäude aus altem Holz und bröckelndem Gips schirmten lange, bevor die Sonne tatsächlich unterging, das Licht ab. In der frühen Dämmerung regten sich die Räuber der Stadt, Ratten wie Menschen. Die Bettler, die im Sonnenschein die Straßen füllten, hatten sich in die schmalen Gänge zwischen den Häusern und in die Keller zurückgezogen, um ihre Münzen zu zählen. Nun nahmen Diebe und Huren ihren Platz ein, bezogen Posten in den größeren Straßen und vor den Schenken und warteten wie Wolfsrudel darauf, dass sich die Schwachen und Hilflosen zu erkennen gäben, um sie dann abzudrängen und zu verschlingen.

Ich gehöre nicht mehr zu euch, dachte sie, und ich bin auch nicht eure Beute, sondern etwas anderes, Neues, das außerhalb eurer Welt steht und euch zusieht, ohne von der Grausamkeit und von den Tränen der Menschen berührt zu werden.

Sie trug immer noch die Kleidung, die sie als Aethanus’ Schülerin gewählt hatte, eher die Tracht eines Knaben als die einer ehrbaren Bürgersfrau. Die hohen Stiefel und das enge Lederwams waren schwarz, kein Magisterschwarz, aber doch dunkel genug, um an düstere Geheimnisse denken zu lassen. Wenn sie das flammendrote Haar unter einer Mütze versteckte, konnte man sie auf den ersten Blick für einen Jungen halten. Wer jedoch genauer hinsah, mochte nachdenklich werden, und das war ihr gerade recht. Frauenkleider waren ihr ein Gräuel, und als ihre Mutter noch lebte, hatten sie oft darum gestritten, ob sie einen Rock tragen musste. Sie hasste den hinderlichen Stoff um die Beine, und vor allem hasste sie es, wenn der Saum im Schlamm und in der Jauche schleifte und ihr beim Gehen den Schmutz der Stadt gegen die Knöchel klatschte. Als Kind hatte sie einmal ein Messer genommen und den durchweichten Rand einfach abgeschnitten, sodass ihr Kleid wie ein zerlumpter Kittel aussah. Zwar hatte sie dafür von ihrer Mutter eine ordentliche Tracht Prügel bezogen, aber die Sache war ihr jeden einzelnen Schlag wert gewesen.

Jetzt … jetzt konnte sie anziehen, was immer sie wollte. Und wenn ein Mann daran Anstoß nahm und ihr das ins Gesicht sagte, würde er schon sehen, was er davon hatte.

Ihre Mutter war, kurz nachdem Kamalas Bruder von der Pest genesen war, mit den beiden Kindern nach Gansang gekommen, weil sie hier auf Verdienstmöglichkeiten hoffte, die ihr das Dorf ihrer Geburt nicht bieten konnte. Die Stadt hatte sie verschlungen und wieder ausgespuckt, sie aber vorher noch gezwungen, ihre beiden Kinder an jeden zu verkaufen, der sie haben wollte. Kamala hasste ihre Mutter nicht, weil sie ihnen das angetan hatte, aber sie konnte ihr auch nicht verzeihen. Anstelle menschlicher Gefühle empfand sie eher eine tiefe Leere. Sie überlegte, wie sie sich verhalten würde, falls sie ihr jetzt in irgendeiner Gasse begegnete. Würde sie sie begrüßen oder einfach verächtlich vorübergehen, als ob sie sie gar nicht kannte? Aber das waren nur Gedankenspielereien. Die Frau war längst an irgendeiner Gossenkrankheit zugrunde gegangen, und Kamala … Kamala hatte einen neuen Weg eingeschlagen, der sie hoffentlich an bessere Orte führen würde. Zumindest sollten sie weniger schmutzig sein.

Sie schlenderte nun wie eine Fremde durch die Stadt ihrer Jugend, wie ein Geist, der alles sah, aber nichts berührte. Die Einheimischen machten ihr Platz, niemand sprach sie an, obwohl sie hin und wieder glaubte, in einem gealterten Gesicht schemenhaft bekannte Züge zu entdecken. Sie selbst wurde nicht erkannt. Die Armut und das Gefühl, versagt zu haben, ließen die Menschen vorzeitig altern, sodass Kamala nicht mehr in die Generation passte, der sie eigentlich angehörte. Die Mädchen, die einst in der Winterkälte schlotternd mit ihr an einer Straßenecke gestanden und gerade so viel nacktes Fleisch gezeigt hatten, um das Interesse der Passanten zu erregen, hatten jetzt so viele Runzeln und Falten im Gesicht wie einst ihre Mutter. Niedergeschlagenheit und Verzweiflung hatten tiefe Spuren hinterlassen. Sie waren ihr fremd geworden.

Und immer noch bezahlen die Männer für diese Frauen, dachte Kamala böse, denn bei der Hurerei geht es letzten Endes nicht um Lust, sondern um Erniedrigung, sie ist weniger ein fleischliches Vergnügen als ein Triumph der Macht – man kann mit ein paar Münzen einen Menschen kaufen, der einem dann für wenige Minuten auf Gnade und Ungnade ausgeliefert ist. Die vornehmen Patrizier oben auf dem Stadtberg mochten Gefallen an raffiniert geschminkten Damen und an den Kurtisanen finden, die in den Schatten des Hofes mit ihnen kokettierten, während ihre Diener Musik machten und duftenden Weihrauch verbrannten, aber in diesem ärmlichen Stadtteil, den man »das Viertel« nannte, fanden die Männer bei einem herzlosen, anonymen Geschlechtsakt nicht weniger Befriedigung, als wenn »erhabenere« Gefühle im Spiel waren. Warum sonst sollte jemand für solche Zwecke ein Kind kaufen?

Jäh übermannte sie der Zorn und mit ihm die Erinnerung an ihre damalige Verzweiflung. Es ist vorbei, sagte sie sich. Kein Mann kann dir je wieder so etwas antun. Für kurze Zeit spielte sie mit dem Gedanken, mithilfe ihrer Macht all jene zu schützen, die immer noch diesen Weg gingen, aber die Regung verging schnell. Es waren zu viele, als dass die Bemühungen eines einzigen Magisters hätten etwas ausrichten können, und außerdem erschien es ihr irgendwie Unrecht, einem Moratus das Leben zu nehmen, um einen anderen zu retten.

Magistermoral ist eine verzwickte Sache, hatte Aethanus einmal gesagt. Sie begriff erst jetzt, was er damit gemeint hatte.

Als sich der feuchte Gifthauch der Nacht über die Straßen senkte, bekam sie allmählich Hunger. Aus alter Gewohnheit tastete sie zunächst nach ihrer Börse. Sie trug noch immer die wenigen kostbaren Münzen bei sich, die sie als Kind auf der Flucht in ein besseres Leben aus der Stadt mitgenommen hatte. Jetzt … jetzt waren sie kaum mehr als eine Zierde, ein Gewicht in dem Beutel, den sie zur Tarnung am Gürtel befestigt hatte. Ein Magister brauchte kein Geld.

Sie ließ mehrere Schenken des »Viertels« links liegen und suchte nach einer, bei der Bier und Kochdünste den Gestank nach menschlichem Schweiß überdeckten. Das dauerte eine Weile. Die Kneipen waren klein und lagen zumeist zu ebener Erde in schmalen Gebäuden, doch an einer Ecke fand sie ein Gasthaus, das halbwegs gut durchlüftet war, sodass sich die üblen Gerüche zumindest mit anderen vermischen, wenn schon nicht verflüchtigen konnten.

(Der Wald hatte so herrlich frisch geduftet. Besonders nach dem Regen, wenn unter den nassen Blättern die Insekten raschelnd nach unsichtbaren Wassertropfen suchten.)

Ein Bettler stand an der Tür, aber sie drängte sich vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Sie hatte oft genug beobachtet, wie die Bettler dieser Stadt nach einem ertragreichen Tag ihre Münzen zählten, um einschätzen zu können, was sich mit künstlichen Wunden und vorgetäuschten Missbildungen verdienen ließ. Kinder, die in Lumpen gewickelt waren, um Mitleid zu erregen, taten ihr leid, denn ihre Striemen und Kratzer waren meist echt – viele Eltern brachten ihren Kleinen Schnitte mit dem Messer bei oder stachen ihnen hin und wieder sogar ein Auge aus, um ihr Elend einträglicher zu machen –, aber erwachsene Männer bestimmten selbst, was sie taten, und kaum ein Bettler musste hungern.

(Sie musste an ihren Bruder denken, dem ihre Mutter die Pusteln der Grünen Pest immer wieder geöffnet hatte, damit sich wulstige Narben bildeten, denn Narben brachten Geld. Wieder loderte der Zorn in ihr auf, und in den dunklen Tiefen ihres Bewusstseins regten sich die Erinnerungen und krochen wie tödliche Schlangen aus den Schatten hervor …)

»Willst du etwas essen, Junge? Zur Abendmahlzeit kommst du fast schon zu spät.«

Sie sah überrascht auf. Ja, die Frage galt ihr. Hier drin war es so dunkel, dass der Wirt sie nicht genau sehen konnte und deshalb einfach nach ihrer Kleidung gegangen war.

»Ja, äh … danke.« Sie räusperte sich. War sie als »Junge« jung genug für ihre Stimme, oder sollte sie versuchen, tiefer zu sprechen? Plötzlich war sie so aufgeregt, dass sie zitterte. »Ich nehme, was du hast.« Sie schüttelte ihre Börse, um ihm zu zeigen, dass sie für das Essen auch bezahlen könne. Als ob sie dafür Geld brauchte!

Der düstere Schankraum war verstaubt. Die Gäste waren zumeist Männer, die ihr Tagewerk hinter sich hatten – oder sich darum drücken wollten. Sie hatten sandige Hände und schwarze Ränder unter den Fingernägeln. Aethanus hätte sie in diesem Zustand nie empfangen. Ein leises Lächeln umspielte ihre Mundwinkel, als sie sich erinnerte, wie ungewaschen sie selbst als Kind herumgelaufen war. Die meisten Bewohner von Gansang hielten allzu häufiges Waschen für schädlich. Das mochte sogar stimmen, schließlich war das »Viertel« über einem Salzsumpf erbaut und von Kanälen durchzogen, durch die sich träge das Brackwasser wälzte.

Sie wählte einen Tisch in der hintersten Ecke, wo es besonders dunkel war, und setzte sich mit dem Rücken zur Wand. Wenige Minuten später brachte man ihr einen Holzteller mit einer fetttriefenden Fleischpastete, die weitaus mehr Zwiebeln und Knoblauch als Fleisch enthielt, und einen Krug mit einem schäumenden braunen Getränk. Sie zog eine Münze aus ihrem Beutel, hielt sie einen Moment in den Fingern und umgab sie mit ihrer Macht, bis sie sich überzeugend anfühlte. Dann reichte sie das Geldstück dem Wirt und beobachtete mit angehaltenem Atem, wie er es prüfend ins matte Licht hielt. Endlich nickte er und gab ihr Kleingeld heraus. Ihre Münze steckte er in seine tiefe Tasche, wo sie andere Geldstücke klirren hörte. Gut so. Wenn der Zauber seine Wirkung verlor und der wahre Wert wieder zum Vorschein kam, hätte sie sich längst unter die anderen gemischt.

Es war ihr nicht aufgefallen, wie sie den Atem angehalten hatte. Nun ließ sie ihn ausströmen und spürte, wie eine unklare Spannung von ihr wich. Sie hatte die Macht mehrfach eingesetzt, seit sie Aethanus verlassen hatte, aber immer nur, wenn sie allein war. Jetzt hatte sie zum ersten Mal jemanden damit betrogen.

Stets ist es leichter, ein Bewusstsein zu manipulieren, als Materie zu beschwören, hatte der Magister sie gelehrt. Wenn du die Kunst der Illusion beherrschst, sinkt die Gefahr, in feindlicher Umgebung in eine Translatio zu fallen.

Sie lehnte sich zurück und trank einen Schluck Bier. Es war nicht ungenießbar. Das galt auch für die Fleischpastete, obwohl sie nicht mehr ganz frisch war. Aus ihrer dunklen Ecke beobachtete sie die Gäste, die dicht gedrängt an den derben Holztischen saßen und erregt diskutierten, und erinnerte sich, wie sehr sie sich einst vor solchen Männern gefürchtet hatte. Damals waren sie durch ihre Größe und ihre Kraft mächtig gewesen. Jetzt lag die wahre Macht in ihren Händen.

Wer zahlte den Preis dafür? Die Worte schlichen sich in ihr Bewusstsein, während sie das warme Bier trank. Was für ein Mensch liefert die Energie für meine kleinen Diebereien? Wer muss sein Leben opfern, damit ich eine warme Mahlzeit bekomme?

Sie schüttelte den Kopf, aber die Gedanken ließen sich nicht vertreiben. Aethanus hatte sie immer wieder vor solchen Grübeleien gewarnt. Kein Magister kann es sich leisten, sich um seinen Konjunkten zu sorgen, hatte er ihr eingeschärft. Sobald er das tut – sobald er daran zweifelt, dass er Anspruch auf dessen Leben hat, um seine Bedürfnisse zu erfüllen –, zerreißt das Band, und der Magister wird zu dem, was er eigentlich im Augenblick seiner ersten Translatio hätte werden sollen – einer fleischlichen Hülle ohne den Funken des Lebens. Zu einem Leichnam.

Ich »sorge« mich nicht, dachte sie störrisch. Ich bin nur … neugierig.

Sie wurde aufmerksam, als die Stimmen plötzlich lauter wurden. Zwei der Gäste hatten offenbar zu viel getrunken und taten nun, was Männer in diesem Zustand immer taten – sie fingen Streit an. Diesmal ging es darum, wer von ihnen von einer der Kellnerinnen bevorzugt wurde, dabei wäre es dem Mädchen, nach seinem verängstigten Blick und danach zu schließen, wie es eben noch den Kittel über der Brust zusammengezogen hatte, am liebsten gewesen, wenn alle beide vergessen hätten, dass sie auf der Welt war.

Sollte ich etwas tun, um ihr zu helfen?, fragte sich Kamala. Allein schon die Tatsache, dass sie die Möglichkeit dazu hatte, war neu für sie. Sie war gewöhnt, hilflos zusehen zu müssen, wenn eine Frau misshandelt wurde, und sich nur mit dem Zorn trösten zu können, der heiß durch ihre Adern strömte. Aber selbst wenn sie eingreifen wollte, was würde es nützen? Sie konnte die Männer mit ihrer Macht flach auf den Tisch werfen, aber schon zehn Minuten später würden die nächsten zwei dieselbe Frau begrapschen, weil sie glaubten, sich mit ihrem Bierpfennig das Recht erworben zu haben, alles, was Brüste hatte, wie eine Hure zu behandeln. Die Gründe für dieses Verhalten – Armut, Frustration und der Umstand, dass sich der Kopf eines Mannes leerte, wenn ihm das Blut in die Lenden schoss – ließen sich auch mit Magie nicht in einer Nacht beseitigen.

So war es schon im Ersten Königtum, dachte sie düster. Und so wird es immer bleiben.

Wenigstens rangen die beiden jetzt miteinander und hatten darüber die Frau vergessen. Kamala zuckte zusammen, als einer der verschrammten Holztische krachend umstürzte – so wie er aussah, war es nicht das erste Mal – und entschied, dass sie satt war. Jetzt beteiligten sich auch die Zuschauer an der Schlägerei, wie es so oft der Fall war, wenn Männer nichts Vernünftiges zu tun hatten. Ein Blutbad zur Unterhaltung. Sie schob ihren Stuhl zurück, stand auf und suchte nach einem sicheren Fluchtweg. Ein Gegenstand kam auf sie zugeflogen, aber sie lenkte ihn ab, ohne weiter darüber nachzudenken, und strebte an der Wand entlang der Tür zu. Mehrere der Gäste waren von der Rauferei so gefesselt, dass sie gar nicht bemerkten, wie sie sich vorbeidrängte. Einige schlossen sogar Wetten ab … nicht darüber, wer Sieger würde – das wäre zu einfach gewesen –, sondern wer mit den blutigsten Wunden, den übelsten Prellungen oder den schlimmsten Demütigungen das Schlachtfeld verließe.

In diesem Moment wurde ihr Hass übermächtig. Sie hasste diese Männer und die Welt, aus der sie kamen, den Sumpf aus engen Gassen und baufälligen Häusern, der so elende Kreaturen hervorbrachte, den Gestank und den Schmutz dieser Stadt und all ihrer Bewohner. Ihr Hass war so stark, dass die Macht in ihrem Inneren erwachte wie eine giftige Schlange und sie sie mit aller Kraft niederhalten musste, damit sie sich nicht losriss und alles verschlang.

Das ist nicht mehr meine Welt.

Der Gedanke zerriss ihr das Herz, als sie in die warme Nachtluft hinaustrat. Nicht, weil diese stinkende Stadt in irgendeiner Weise begehrenswert gewesen wäre oder sie zu ihren Bewohnern hätte gehören wollen … sie war jetzt mehr als ein Mensch und hatte mit den Dieben und Huren des »Viertels« weniger gemeinsam als diese mit den Ratten auf ihren dreckigen Straßen, aber die jähe Erkenntnis, dass sie nirgendwohin gehörte, war bestürzend. Bei Aethanus im Wald hatte sie Frieden gefunden, aber auch das war nicht ihre Welt gewesen. Und Gansang war ihr fremd geworden. Sie wurde von einer inneren Unruhe getrieben, für die sie nicht einmal einen Namen hatte, einer Mischung aus Macht und Schmerz, die diese schlichte Umgebung sprengte. Sie sehnte sich … wonach eigentlich? Wie sollte die Heimat aussehen, die sie sich wünschte? Wie die Menschen, denen sie sich in ihrer neuen Existenzform zugehörig fühlen könnte?

Solchen Träumereien hing sie nach, als plötzlich hinter ihr die Tür aufgerissen wurde und eine Horde Männer auf die schlammige Straße taumelte. Ein dichter Schwall von Bierdunst, vermischt mit abgestandenem Schweiß, wehte ihnen voran, und Kamala stand kurz davor, sich übergeben zu müssen. Hatte es diese Männergerüche in ihrer Jugend wirklich nicht gegeben, oder waren sie so allgegenwärtig gewesen, dass sie ihr nicht aufgefallen waren? Sie beruhigte ihren Magen mit einem Hauch von Athra, dann wandte sie sich ab, um diese Schenke schnell so weit wie möglich hinter sich zu lassen …

… doch da legte sich eine schwere Hand auf ihre Schulter, sie wurde herumgedreht, Wams und Hemd wurden aufgerissen. Die kostbaren Metallknöpfe flogen davon, unter dem Stoff quoll eine ihrer Brüste hervor.

»Seht ihr?« Der Mann, der sie gepackt hatte, wies mit unsicherer Geste auf die Zuschauer. Er war breit und stämmig, seine Kleider verströmten einen leichten Harngeruch; wahrscheinlich ein Lodenmacher, der bis zu den Ellbogen in der Pisse stand, wenn er einmal seine Arbeit tat, anstatt sich zu betrinken. »Ich hab’ doch gleich gesagt, es ist ein Mädchen!«

Kamala spürte, wie sich die Schlange in ihrem Leib weiter aufrichtete. Gefährlich, sehr gefährlich. Diese Männer hatten keine Ahnung, mit was für einem Feuer sie spielten.

Sie beherrschte sich eisern, streckte nur die Hand aus und rief die abgesprungenen Knöpfe zurück. Sie flogen ihr in die Hand. Zwei Männer keuchten bei diesem Beweis der Macht erschrocken auf, aber die meisten waren zu betrunken, um die Geste richtig zu deuten. Es war eine Warnung gewesen. Kamala wandte sich zum Gehen, aber die feiste Pranke riss sie zurück, diesmal so heftig, dass sie fast das Gleichgewicht verloren hätte.

»Was ist los, Hexe? Ist dir unsere Gesellschaft nicht gut genug?«

Einer der Jüngeren kicherte. Jetzt kamen sie alle näher, die einen wollten es so, die anderen liefen in ihrem Rausch nur blindlings hinterher.

Einem hatte der Alkohol das Gehirn offenbar noch nicht völlig durchtränkt. »Mit Hexen fickt man nicht …«

»Von wegen! Hast du noch nicht gehört, wo ihre Macht herkommt?«

»Ich habe gehört, sie sind da unten so heiß, dass sie einem Mann die Rute verbrennen können.«

»Und ich habe gehört, dass sie das nicht tun, weil es zu viel Lebenskraft kostet. Stimmt’s nicht, Hexenmädel?« Er fasste sie unter dem Kinn, sie schlug die schmierige Hand hart beiseite. »Für kleine Gaukeleien lässt sich die Hexenkunst schon einsetzen, aber bei so großen Dingen wäre das tödlich, und das lohnt sich doch nicht, mein Liebchen, nicht wahr?« Sein Grinsen war grotesk, er hatte den ganzen Mund voll abgebrochener Zahnstümpfe. »So viel Lebenskraft wirst du doch nicht vergeuden wollen?«

Ein anderer packte sie von hinten und zerrte sie zurück, um sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sie kannte das Manöver und stemmte sich unwillkürlich dagegen. Die Schlange in ihr schrie danach, freigelassen zu werden.

Beherrsche die Macht. Lass dich nicht von ihr beherrschen.

Ein dritter Mann ergriff ihren Arm. Sie riss sich mit Hilfe der Macht los, aber es war schon fast zu spät. Ein weiterer hatte bereits die Hand am Kragen ihres Wamses, sein Atem roch nach verfaulten Zähnen und nach Alkohol. Zu viele, zu schnell! Zu viele Hände, zu viele Ziele, sie konnte sich nicht konzentrieren. Die Macht konnte erst wirken, wenn sie ihr Form gab, und sooft sie einen Angreifer zurücktrieb, trat ein anderer vor. Eine mächtige Welle von geilem, stinkendem Männerfleisch drohte sie zu verschlingen …

Und plötzlich riss die Macht sich los, wallte auf und wütete mit einer Heftigkeit, die ihr den Atem nahm. Ein Feuersturm aus Angst, Wut und Hass raste durch ihren Körper, drohte ihr die Adern zu versengen, brach sich Bahn und erfasste die Betrunkenen. Ihr Zorn war wie glühendes Magma, angestaut seit zwanzig Jahren. Die Angst des Kindes. Der Schmerz des jungen Mädchens. Die Empörung der Frau. Kamala erzitterte, als diese Kräfte sie durchströmten, aber sie waren stärker als alles, was sie jemals beschworen hatte, und sie konnte sie nicht beherrschen. Sie war geblendet, in ihrem Blickfeld war alles rot – rot wie Blut –, und als das Athra sich durch ihre Adern brannte, glaubte sie den Schlag des fernen Herzens zu spüren, das es antrieb. Es hatte zu kämpfen, denn das Leben sprudelte aus ihrem Konjunkten heraus wie das Blut aus einer Wunde. Kein Mensch konnte so viel Athra verlieren, ohne Wirkung zu zeigen. War der Konjunkt dem Tode nahe? Würde die Translatio hier auf dieser schmutzigen Straße, inmitten von Feinden über sie hereinbrechen? Zum ersten Mal, seit sie Aethanus’ Haus verlassen hatte, bekam sie es mit der Angst zu tun. Wann war es zu viel? Was wurde aus dem Leben eines Menschen, wenn man es in solchen Mengen verschwendete?

Es schien, als wollte das Feuer nicht aufhören zu brennen, doch irgendwann beruhigten sich die tosenden Flammen der Macht. Der Knoten in ihrer Brust löste sich, und sie konnte wieder atmen. Sie zwinkerte sich das Rot aus den Augen und bemühte sich, ihre Umgebung zu erkennen. Noch war sie nicht sicher, ob die Macht tatsächlich etwas bewirkt hatte oder nur das magische Gegenstück eines empörten Aufschreis gewesen war.

Auf der Straße war es still. Die Männer, die um sie herumgestanden hatten, waren nicht mehr da. Sie zwinkerte, um deutlicher sehen zu können.

Auf dem Boden lagen … Gegenstände. Von Männergröße. Sie musste sie alle mit ihrer Macht niedergestreckt haben.

Sie hörte ein Keuchen hinter sich und fuhr herum. Da stand ein Junge und starrte sie an. Seine Augen waren vor Angst – oder vor Entsetzen? – weit aufgerissen, und als sie ihn ansah, machte er kehrt und stolperte davon.

Was …?

Sie wandte sich wieder zurück, und endlich wurde ihr Blick wieder scharf.

Sie konnte sehen.

Körper. Zerschmetterte Körper. Einzelne Körperteile. Körper wie leblose Puppen, zerschlagen von der Hand eines Riesen. Ein Mann war im Schrei erstarrt; sein Gesicht war schwarz verkohlt, wie von heißer Asche versengt, ein bizarrer Anblick. Kopf und Glieder eines anderen waren aufs Unnatürlichste verrenkt.

Du darfst dich niemals von der Macht beherrschen lassen, hatte Aethanus gewarnt.

Sie stolperte davon. Übelkeit würgte sie mit betäubender Kraft, sie wollte nur weg von diesem Gemetzel, wohin, war ihr gleichgültig, solange sie diese Schreckensbilder nicht mehr zu sehen brauchte. Das Feuer in ihren Adern war erloschen, eisiges Grauen hatte sich breitgemacht. Was habe ich getan! Sie konnte kaum noch klar denken. Nur weg von diesen Leichen, das war alles, was zählte. Irgendwohin, wo die Mauern nicht mit Blut bespritzt waren und dieser Gestank nach Angst und Trunkenheit nicht in der Luft hing. Wo die Schlange der Zerstörung in ihrem Inneren nicht nach noch mehr Toten verlangte, wo sie ihre Blutgier nicht mehr schmecken konnte.

Endlich blieb sie erschöpft stehen. Ihre Beine trugen sie kaum noch. Zitternd und nach Atem ringend, kauerte sie sich nieder und suchte zu begreifen, was ihr widerfahren war. Selbst wenn sie die Augen schloss, standen gespenstergleich die Bilder der zerstörten Körper vor ihr. Was hatte sie getan? Wozu war sie geworden, wenn sie solcher Gräuel fähig war? Sie wusste, wie Aethanus’ Antwort lauten würde, aber erst als sie sich vorstellte, wie er sie mit seiner unerschütterlichen Gelassenheit aussprach, erfasste sie den tieferen Sinn der Worte, die sie bisher nie wirklich verstanden hatte.

Du bist ein Magister.

Zu Tode erschöpft schlug sie die Hände vors Gesicht und tat etwas, was sie sich nie zuvor gestattet hatte, nicht einmal in den Jahren, die sie als Kind in dieser Stadt verbracht hatte.

Sie weinte.

Kapitel 13

Der Tag war so düster und stürmisch wie Dantons Stimmung. Der Großkönig grollte, seit er Ramirus und die anderen Geier in den schwarzen Roben aus dem Reich gewiesen hatte. In der Außenwelt gelang es der Sonne natürlich hin und wieder, durch die Wolken zu spitzen und den Weg durch die schmalen Fenster seines Schlosses zu finden. In der Welt seines Inneren gab es jedoch kein solches Licht.

Gerade jetzt war der Himmel draußen fast so schwarz wie bei Einbruch der Nacht, und der Regen, der so unregelmäßig gegen die Außenmauern gepeitscht wurde, drohte ihn in den Wahnsinn zu treiben. Dabei war er nur ein weiteres Ärgernis auf einer langen Liste. Der Tribut von Corialanus war seit Tagen überfällig, was den üblichen Gerüchten über einen Aufstand neue Nahrung gab, unter der Schlossgarde machte eine Krankheit der Gedärme die Runde, die Thronfolge in Inamorand war durch Untreuevorwürfe infrage gestellt, was langfristig die Stabilität der Westgrenze gefährden konnte – und so ging es endlos weiter.

Das alles wären allenfalls kleinere Ärgernisse gewesen, wenn ihm nur ein Magister behilflich gewesen wäre, die Probleme zu meistern.

Er hatte fünf Magister empfangen, um Ramirus’ Posten neu zu besetzen. Keiner von ihnen hatte seinen Vorstellungen so weit entsprochen, dass er ihn zum Königlichen Magister ernannt hätte, allerdings hatte er drei von ihnen in seinen Dienst genommen und in Außenregionen seines Reiches geschickt. Der Königliche Magister eines Großkönigs musste nicht nur ein Meister der Hexenkunst sein; er musste sich auch in der Politik auskennen, die Strömungen der menschlichen Aggression begreifen und die Leidenschaften der Menschen zu steuern wissen, und vor allem musste er die Begehrlichkeiten des Großkönigs, seine Träume und seine Hoffnungen teilen. Bisher hatte sich kein Bewerber diesen Anforderungen gewachsen gezeigt, und Danton wurde von Tag zu Tag unzufriedener. Wer hätte gedacht, dass es so verdammt schwierig wäre, diesen Verräter Ramirus zu ersetzen?

In der Theorie konnte man durchaus alle seine Magister aus dem Palast werfen, aber wenn man im Alltag ohne sie auskommen musste, sah die Sache anders aus. Das wurde ihm nun schmerzlich vor Augen geführt. Wenn er einen Brief an die äußerste Grenze seines Reiches schicken wollte, brauchte er für das verdammte Ding einen berittenen Boten, auch wenn es noch so wichtig war und gar nicht schnell genug ans Ziel kommen konnte. Oder er bediente sich eines Vogels und hoffte, dass die hirnlose Kreatur seine Botschaft auch wirklich seinen Vertretern aushändigte und nicht etwa den Feinden, von denen diese umringt waren. Und so war es mit vielen anderen Annehmlichkeiten, für die Ramirus gesorgt und die Danton als selbstverständlich hingenommen hatte. Im Grunde war er wie ein König aus den barbarischen Finsteren Zeiten, seine Macht reichte nur so weit, wie seine Hände greifen konnten und seine Stimme trug.

Damit hätte er sich noch abgefunden, wären seine Rivalen in der gleichen Lage gewesen, aber das war natürlich nicht der Fall. Selbst die jämmerlichsten Nachbarkönige hatten ihren Königlichen Magister und waren noch mit dem unfähigsten Zauberer besser bedient als Danton. Er konnte weder seine Feinde angreifen, noch seine Vasallen bestrafen oder auch nur warnend die königliche Faust ballen, ohne sich bewusst zu sein, dass ihm noch der schwächste seiner Rivalen überlegen war … und seine Untertanen wussten das auch. Es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand dies ausnutzte und gegen ihn aufbegehrte.

Verflucht seien die Götter des Ersten Königtums für dieses Unglück, und all die verdammten Magister mit ihnen! War es auch damals schon mit solchen Mühen verbunden gewesen, über ein Reich zu herrschen?

»Majestät?«

Er zog die schwarzen Brauen zusammen und blickte auf. »Was gibt es denn?«

Der Diener verneigte sich. »Ein Besucher. Er hat sich als Kostas vorgestellt und meint, Ihr wolltet ihn sprechen.«

»Kostas? Der Name ist mir nicht bekannt.«

»Er trägt schwarz, Majestät«, sagte der Diener leise.

»Ein Magister?«

»Allem Anschein nach.«

Interessant. Vielleicht hatte der Sturm doch etwas Brauchbares ins Land geweht.

Er nickte knapp. »Nun gut. Bring ihn in den Audienzsaal. Ich werde ihn dort empfangen.«

Wenn Danton noch nie von ihm gehört hatte, musste er von weit her kommen. Der Großkönig rühmte sich, alle Magister aus dem näheren Umkreis und ihre Besonderheiten zu kennen. Aber vielleicht hatte auch nur irgendein Zauberer, der die Absicht hatte, seinen derzeitigen Herrn zu verlassen und sich eine bessere Stellung zu suchen, den Namen Kostas angenommen. In diesem Fall würde ihm Danton fürs Erste seine Anonymität gewähren. Es lohnte sich immer, den Magister eines Rivalen zu umwerben.

Unterredungen dieser Art führte der Großkönig besonders gern im Audienzsaal. Das düstere, frostige Gewölbe mit den nackten Felswänden und dem schwarzen Fußboden wirkte immer feucht, auch an völlig trockenen Tagen. Sterbliche wie Magister sahen sich darin vor unterschiedliche Herausforderungen gestellt. Gewöhnliche Menschen mussten in einer kalten, abweisenden Umgebung ihre Bittschriften überreichen, während der Großkönig auf seinem Thron saß und wie ein Habicht auf sie herabschaute. Unter solchen Umständen ließ sich unglaublich viel über einen Menschen in Erfahrung bringen. Die meisten Magister setzten dagegen schon beim Betreten ihre Kräfte ein, um den Raum mehr oder weniger drastisch umzugestalten. Einer hatte tatsächlich gewagt, sich einen Sessel – einen Sessel! – zu zaubern, der dem Thron des Großkönigs zum Verwechseln ähnlich war. Offenbar glaubten die Schwarzröcke, ihn damit zu erfreuen oder zumindest – wie mit dem Sessel – von vornherein klarzustellen, wie sich die Beziehung zwischen dem König und seinem Magister zu gestalten hätte. Wobei sie einen sehr wesentlichen Punkt übersahen, nämlich, wie er sich diese Beziehung vorstellte.

Danton hatte soeben auf seinem Thronsessel Platz genommen – das schwere Holzmöbel stammte aus den Anfängen des Zweiten Reiches und war inzwischen so dick mit Farbe und Blattgold verkleistert, dass er manchmal zweifelte, ob vom ursprünglichen Holz noch etwas vorhanden war –, als sich auch schon die großen Türen öffneten und die Diener den schwarz gekleideten Besucher hereinführten.

Der Mann fiel aus dem Rahmen und weckte damit sofort Dantons Interesse. Magister konnten ihr Aussehen ganz nach Belieben verändern, folglich verrieten sie mit der Wahl ihres Körpers viel über sich. Im Allgemeinen entschieden sie sich für eine auffallende oder zumindest einprägsame Erscheinung. Die einen bevorzugten junge Gesichter, die nicht von den Härten des menschlichen Lebens gezeichnet waren; andere präsentierten sich als runzlige Greise, so gesättigt mit Erfahrung, dass man sich mit jedem Blick unter die schweren Lider in vergangene Epochen versetzt glaubte. Einige machten sich abstoßend hässlich, um kundzutun, dass die unbegrenzte Macht, über die sie verfügten, sie über die sterblichen Menschen erhob; und manche schufen sich Masken von so makelloser Schönheit, als wollten sie den Neid der Götter erregen.

Dieser Mann … dieser Mann sah ganz und gar normal aus, dachte Danton. Und das war an sich schon bemerkenswert.

Er war schlank wie ein Windhund, und seine eng anliegenden schwarzen Gewänder ließen ihn noch hagerer erscheinen. Der Körper schien nur aus Ecken und Kanten zu bestehen, wo etwas von der Haut zu sehen war, zeichneten sich die Knochen deutlich ab: im Gesicht, wo die spitzen Jochbeine hungrig hervortraten; am Hals, wo sich Sehnen und Muskeln straff vom Unterkiefer zum Schlüsselbein spannten; an den Händen, die aussahen, als hätte er dicke Handschuhe über ein zackiges Metallgestell gezogen. Die Haut war gerötet und großporig, wettergegerbt wie die eines Bauern, der ein Leben lang den Elementen getrotzt hatte. Danton fühlte sich an einen Fischer aus dem Norden erinnert, dem tagtäglich Salzwind und eisiger Meeresgischt ins Gesicht peitschten. Auch durch das Gesicht dieses Mannes zogen sich viele harte, scharfe Linien, und sie schienen Danton nicht aus künstlerischen Erwägungen eingefügt, sondern wie bei einem gewöhnlichen Menschen vom Alter eingegraben worden zu sein.

Hochinteressant.

Der Magister trat ein paar Schritte in den Saal und sah sich um. Danton bemerkte, dass seine Augen grau waren wie ein Gewitterhimmel. Sein Haar war von einem so unauffälligen Braun, dass es die natürliche Farbe sein musste, und hing ihm in ungleich langen Strähnen bis auf die Schultern, ein Zeichen, dass er sich wenig darum kümmerte, was gerade Mode war. Am aufschlussreichsten fand Danton die Narben in seinem Gesicht: mehrere dünne parallele Linien auf einer Wange, vielleicht Klauenspuren, und ein runzliger Wulst an einer Seite des Unterkiefers. Man sah sofort, dass sie nicht frisch waren, sie waren so glatt, wie von selbst verheilte Narben nur sein konnten. Dicht am Haaransatz sprossen aus einer weiteren alten Schramme dicke weiße Haare, die hatte er zu einem Zopf geflochten, der ihm wie ein heller Strich auf den Rücken fiel. Danton stellte fest, dass alle Narben naturbelassen zu sein schienen, wieder eine Besonderheit, denn wieso trug jemand, der jede Wunde heilen konnte, die Zeichen früherer Verletzungen zur Schau?

Dann hefteten sich die grauen Augen auf ihn, und Danton erstarrte; er spürte die ungezähmte Kraft hinter diesem Blick und die Abgründe eines Daseins, das sich nicht in ein einzelnes Menschenalter pressen ließ.

»Großkönig Danton …« Der Magister verneigte sich, »… mir ist zu Ohren gekommen, dass Ihr für Euren Hof einen Mann sucht, der über die Macht gebietet.«

»Der letzte hat meinen Zorn erregt«, sagte Danton rundheraus. »Ich habe ihn verbannt.«

Das war eine offene Herausforderung. Die meisten Könige lebten in ständiger Angst davor, einen der schwarz gewandeten Zauberer zu verärgern, und waren ebenso sehr damit beschäftigt, ihre Königlichen Magister zufriedenzustellen, wie ihr Reich zu regieren.

Deshalb waren sie auch Schwächlinge, dachte Danton, und er war ihnen … überlegen.

Einige der Schwarzröcke, die sich bei ihm vorgestellt hatten, waren so dreist gewesen, seine Handlungsweise zu kritisieren. Andere hatten ihr Missfallen zwar nicht offen geäußert, aber ihre Blicke hatten Bände gesprochen.

Doch dieser Magister nickte nur gleichmütig und ohne Zögern. Die Geste war in ihrer Schlichtheit sehr beredt, und Danton verstand die Botschaft wohl: Es ist dein Reich. Noch nicht einmal ein Magister hat sich in deine Befehle einzumischen.

Ein guter Anfang.

»Ich habe mit vielen Anwärtern gesprochen«, sagte Danton schroff. »Keiner hat mir zugesagt.«

»Es gibt viele Dummköpfe auf der Welt«, bemerkte der Magister. »Daran ändert auch die Macht nichts.«

Ein schwaches Lächeln umspielte die Mundwinkel des Großkönigs.

»Man nennt mich Kostas«, erklärte der Magister. »Aber wenn Euch ein anderer Name besser gefällt, habe ich nichts dagegen.«

»Demut ist selten unter Euresgleichen.«

Der Magister zuckte die Achseln. »Demut heißt, sich in wichtigen Dingen zu fügen. Bei Belanglosigkeiten ist es einfach … Zweckmäßigkeit.«

»An welchem Hof wart Ihr zuletzt in Stellung …?«

»Bisher war ich leider noch nie bei Hofe.« Die grauen Augen glänzten so düster wie Gewitterwolken vor einem Sturm. »Ist das Voraussetzung?«

»Nein. Aber es ist … ungewöhnlich.«

»Ich hatte kein Verlangen danach.«

»Und das hat sich jetzt geändert?«

Wieder ein Achselzucken. Wie alles an ihm, war auch diese Bewegung so eckig, als bestünde er nur aus spitzen Knochen. »Meine Interessen haben sich geändert. Die politischen Gegebenheiten dieser Region reizen mich.« Sein Lächeln war kalt und böse. »Und wie ich höre, kann man dergleichen am besten beobachten, wenn man neben dem Thron eines großen Königs steht.«

Danton tat so, als hätte er die Schmeichelei überhört. »Und das ist alles, was Ihr wollt? Beobachten?«

Die Gewitteraugen glitzerten. »So ist es der Brauch, nicht wahr?«

Über Celia Friedman

Biografie

Celia Friedman arbeitete zwanzig Jahre lang als Kostümdesignerin, bevor sie den Beruf an den Nagel hängte, um nur noch zu schreiben. Ihre Dark-Fantasy-Romane wurden mit zahlreichen Publikumspreisen ausgezeichnet. Celia Friedman lebt mit mehreren Katzen im nördlichen Virginia. Nach »Die...

Pressestimmen

Mittelbayerische Zeitung

»Eine düstere Fantasy-Trilogie, die den Leser mit gut ausgearbeiteten Figuren und einer spannenden Handlung in den Bann zieht.«

Passauer Neue Presse

»Ein Epos voll düsterer Kraft, verbotener Magie und immer neuen Überraschungen.«

Locus

Unwiderstehlich fantastisch!

Nautilus - Abenteuer & Phantastik

»Im Auftaktband ihrer neuen Trilogie umgarnt Friedman die Leser einmal mehr mit starken Charakteren und ihrer gefälligen Schreibe: Die Seiten fliegen nur so dahin. (…) ›Die Seelenjägerin‹ bleibt ein richtig guter, vielversprechender erster Band mit Schmökerqualitäten, auf dessen Fortsetzung man sehnlichst wartet.«

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