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Die Seele der WeltDie Seele der Welt

Die Seele der Welt

Linien der Macht 1

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Die Seele der Welt — Inhalt

Es ist das Zeitalter der Revolution. Im Reich Sarresant begehren die hungernden Bürger gegen die Krone auf. In der Wildnis, wo bislang mächtige Stämme regierten, entsteht eine neue Art von Magie. Die Kommandantin Erris führt ihre Truppen gegen das gegnerische Reich Gand ins Feld und muss in einer erbitterten Schlacht erfahren, dass die Kraft dieser unbekannten Magie alles verändern wird. Gemeinsam mit der jungen Künstlerin Sarine und dem Stammeswächter Arak'Jur findet sie heraus, dass die Welt zum Spielball unvorstellbar mächtiger Feinde geworden ist – der Götter selbst. Und das Schicksal wird sich erfüllen: Drei werden kämpfen. Drei werden sterben. Drei werden zurückkehren.

€ 25,00 [D], € 25,70 [A]
Erschienen am 02.05.2018
Übersetzt von: Simon Weinert
816 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-492-70483-0
€ 19,99 [D], € 19,99 [A]
Erschienen am 02.05.2018
Übersetzt von: Simon Weinert
816 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99080-6

Leseprobe zu »Die Seele der Welt«

1. Kapitel - Sarine

 

Park von Fontcadeu

Königlicher Palast, Rasailles

 

»Werft!«, scholl das Kommando von der Wiese herüber.

Ein Bündel frisch geschnittener Blüten flog in die Höhe, gefolgt von Pfeilen und dem Gekicher der im Park verstreuten Zuschauer.

Man musste rasche Striche mit der Kohle machen, um die fließenden Schwünge der durch die Luft schießenden Federn und Farbflecken auf Papier zu bannen. In diesem Frühjahr waren prunkvolle Kleider angesagt. Das eintönige Grau und Braun ihrer eigenen Kluft hätte sich dagegen sonderbar ausgemacht, hätten [...]

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1. Kapitel - Sarine

 

Park von Fontcadeu

Königlicher Palast, Rasailles

 

»Werft!«, scholl das Kommando von der Wiese herüber.

Ein Bündel frisch geschnittener Blüten flog in die Höhe, gefolgt von Pfeilen und dem Gekicher der im Park verstreuten Zuschauer.

Man musste rasche Striche mit der Kohle machen, um die fließenden Schwünge der durch die Luft schießenden Federn und Farbflecken auf Papier zu bannen. In diesem Frühjahr waren prunkvolle Kleider angesagt. Das eintönige Grau und Braun ihrer eigenen Kluft hätte sich dagegen sonderbar ausgemacht, hätten die jungen Adligen überhaupt Notiz von ihr und ihrer Arbeit genommen.

Umso besser, dass sie es nicht taten. Dafür sorgte die Ley-Linie, die sie mit einer Glaube-Quelle unterhalb der Palastkapelle verknüpft hatte.

Sarine grinste bei der Vorstellung, welche Aufregung herrschen würde, wenn sie diese Verbindung auf einmal kappen und plötzlich vor aller Augen mitten auf der Wiese auftauchen würde. Rasailles lag nur ein kleines Stück südwestlich von Nouvelle-Sarresant, es hätten aber Welten dazwischen liegen können. Obgleich der Park öffentlich war, durfte man sich keinen Illusionen hingeben, welcher Öffentlichkeit die Grünanlage tatsächlich vorbehalten war. Die Wachmänner, die das Eingangsgelände umstellten, machten deutlich, dass eine gewisse Herkunft oder doch wenigstens eine gewisse Zurschaustellung von Reichtum für den Einlass vonnöten war, und sie, Sarine, erfüllte keine der beiden Bedingungen.

Im Geist überprüfte sie rasch die Verschlingungen ihrer Ley-Linien und stellte mit Genugtuung fest, dass sie hielten. Sie sollte sich besser keine Unachtsamkeit leisten, denn hierherzukommen stellte ein großes Risiko dar. Zi schien diese Ausflüge jedoch zu mögen, und außerdem ließen sich Zeichnungen von Adligen sehr gut an den Mann bringen. Zi hatte sich gerade erst vor ihr materialisiert und streckte sich wie eine Katze. Er inszenierte es regelrecht, bog den Rücken durch, sodass die blauen und violetten Schuppen bei seinen Bewegungen in der Sonne glitzerten.

Eben wollte sie in ihre Tasche greifen, um ein frisches Stück Papier herauszuholen, als sie mitten in der Bewegung innehielt, um ihm dann einen Klaps zu geben. Zi schnaubte und drückte sich an ihre Füße.

Es ist kalt, erklang Zis Stimme in ihrem Kopf. Ich kralle mir alles Sonnenlicht, das ich kriegen kann.

»Ja, trotzdem ist es ein ziemliches Schauspiel«, sagte sie leise – und froh, dass kein Adliger in der Nähe war, der sie hören konnte.

Welches Spiel spielen sie heute?

»Das neue. Das mit den Blumen und den Pfeilen. Es ist schwer, ihm zu folgen, aber ich glaube, dass Seigneur Revellion gewinnt.«

Mmm.

Ihren Geist durchströmte ein warmes Glühen. Zi war zufrieden. Und so waren es auch die jungen Damen, die Seigneur Revellion dabei zusahen, wie er zur Abschusslinie schlenderte. Sie hockte sich wieder im Schneidersitz hin und begann eine rasche Skizze seiner edelmännischen Gelassenheit. Vor allem wollte sie Seigneur Revellions natürliches Selbstbewusstsein einfangen, mit dem er die Damen auf der Wiese bezauberte. Er war das Muster eines von heiratswilligen Frauen umworbenen Adligen aus Sarresant: eine enge, blaue Kavallerieuniform, lang wehendes, kohlschwarzes Haar und feine Gesichtszüge – und alles an ihm rief ihr ins Bewusstsein, wie ungerecht das Leben war. Nicht, dass jemand, der seine Kindheit in den Straßen von Schlund verbracht hatte, diesbezüglich eine besondere Bewusstmachung nötig hatte.

Er rief ein paar jungen Männern, die in der Nähe standen und die Blumen hielten, etwas zu. Eilig griffen sie zu ihren Körben und machten sich zum Werfen bereit. Revellion wandte sich um und präsentierte die Pfeile, die er in jeder Hand hielt, wofür er von den Gecken auf der Wiese Gekicher und Gegacker erntete. Sarine bemühte sich, den Augenblick festzuhalten: Mit der Kohle fuhr sie die Umrisse seines Mantels nach, während er nach vorn trat und sich zum Werfen bereit machte; mit raschen Strichen sein Haar gezeichnet, das von einer Brise nach hinten geweht wurde; mit einer einzigen Linie deutete sie sein konzentriertes Stirnrunzeln an.

Keuchen und Jubel gingen durch die Zuschauer, als die Blumen in die Höhe geschleudert wurden. Wie eine Katze schnellte Revellion in Aktion, in rascher Folge warf er seine Pfeile. Tschack. Tschack. Tschack. Tschack. Noch mehr Jubel. Auch aus der Entfernung war ihr klar, dass er öfter getroffen als verfehlt hatte, was bei diesem Spiel schon eine seltene Leistung war.

Den magst du, erklang die Stimme in ihrem Kopf. Zi rollte sich auseinander und blitzte kurz golden auf, bevor seine Schuppen wieder blau und violett wurden. Mit schräg gehaltenem Kopf sah er forschend zu ihr auf. Du weißt schon, dass du ihm helfen könntest zu gewinnen.

»Still. Er kommt auch ohne meine Hilfe gut zurecht.«

Ihr Blick huschte zwischen der Skizze auf ihrem Papier und dem Rasen hin und her, denn sie versuchte, so viele Einzelheiten wie möglich abzubilden. Das Muster der Decken, die für die Damen ausgebreitet worden waren, damit sie sich ins Gras legen konnten, ihre unbekümmerte Art zu lachen. Ihre gezierten Bewegungen, wenn sie von Obst und Käse naschten, die geneigten Häupter der Diener, die ihnen auf den Knien die Tabletts hinhielten … Die lebhaften Farben der Blumen vermochte sie mit dem schwarzen Kohlestift nicht wiederzugeben, doch ihre Umrisse zeichnete sie wirklichkeitsgetreu ab, ebenso wie die vom Wind verwehten Blütenblätter, wenn sie in die Luft geschleudert wurden.

So viele Einzelheiten waren gar nicht nötig, um ihre Zeichnungen zu verkaufen; doch die Einzelheiten verliehen ihnen Echtheit, was für sie selbst so wichtig war wie für die Kunden. Hätte sie das Ganze nicht selbst gesehen und nach dem Leben gezeichnet, hätte sie solchen Überfluss nicht für möglich gehalten: Tänze auf dem Rasen, Essen und Wein auf ein Fingerschnippen hin, vornehme Eleganz in jeder Bewegung. Ein bitteres Lachen entwich ihr bei der absurden Vorstellung, dass man das Nippen am Weinglas genauso einüben musste, wollte man dem Bild einer hochgeborenen Dame entsprechen.

Zi stupste ihren Zeh an, und sie schrak zusammen. Ein anderes Leben kennen sie nicht, dachte er in ihrem Kopf. Seine Schuppen hatten einen dunklen Grünton angenommen.

Sie runzelte die Stirn, war sich nicht sicher, ob er tatsächlich ihre Gedanken lesen konnte.

»Möglich«, sagte sie nach einem Augenblick. »Aber es würde ihnen nicht wehtun, wenn sie hin und wieder mal ein paar von ihren Trauben essen oder etwas Käse teilen würden.«

Indem sie einen letzten Blick auf ihre Zeichnung warf, befand sie, dass sie es ganz gut getroffen hatte. Wenn sie den richtigen Käufer fand, würde sie vielleicht eine halbe Mark damit erzielen. Sie legte das Papierstück ins Gras und stützte sich auf den Händen ab, um bei einer weiteren Runde Pfeilwurf zuzuschauen. Der nächste Schütze traf schlecht, bei ihm machte es nur einmal tschack. Von den Zuschauern kam vereinzeltes Stöhnen, doch genauso viel Jubel. Wie es schien, hatte Revellion gewonnen. Der junge Herr stolzierte nach vorn, um sich tief zu verneigen, und erntete höflichen Applaus vom anderen Ende des Rasens, während Diener losstürmten, um Blumen und Pfeile für die nächste Runde einzusammeln.

Sie nahm die Zeichnung, schob sie in ihre Tasche und zog ein neues Blatt heraus. Diesmal würde sie die Damen zeichnen, um vielleicht die neueste Mode zu präsentieren für …

Sie erstarrte.

Über den Rasen näherten sich ihr drei Männer, die von den Adligen neugierig in Augenschein genommen wurden. Die Kleider der Dreiergruppe stachen genauso aus dem Putz der Adligen heraus, wie es ihre eigenen getan hätten, denn zwei der Männer trugen das blau-goldene Leder der Palastgarde, und einer steckte in einer einfachen braunen Kutte. Ein Priester.

Nicht alle Mitglieder der Priesterschaft vermochten Ley-Linien zu fassen, aber sie hätte keine Kupfermünze darauf verwettet, dass der hier das Talent nicht besaß, selbst wenn er nicht nahe genug gewesen wäre, um die Narben auf seinen Handrücken zu erkennen, die jeden Zweifel ausschlossen. Das Mal der Knüpfer, das Nebenprodukt der Prüfung, der die Krone jedes Kind unterzog, dessen sie habhaft werden konnte. Wenn dieser Priester über die Gabe verfügte, dann konnte er ihren Schlingen folgen, ob er sie nun sehen konnte oder nicht.

Hastig packte sie das neue Blatt und die Kohle weg, hing sich die Tasche über die Schulter und sprang auf.

Zeit zu gehen?, fragte Zi in ihrem Kopf.

Sie machte sich nicht die Mühe einer Antwort. Zi würde Schritt halten. Die Wachen, die um den Garten patrouillierten, beobachteten vom anderen Ende des Rasens, wie der Priester und seine Begleiter näher kamen. Verdammt. Ihre Glaube-Schlinge reichte weit genug, um sie über die Mauer zu bringen, doch wenn sie den Park einmal verlassen hatte, würde es keine weiteren Vorräte mehr geben. Sie hatte auf noch mindestens eine weitere Stunde gehofft, Zeit für ein halbes Dutzend zusätzliche Zeichnungen und eine zweite Runde Spiele. Doch nun hielt hier einer dieser Priester Wache. Sie konnte von Glück sagen, wenn sie mit einer Flucht durch den Wald entkam, und den Göttern sei Dank schienen sie weder Hunde noch Pferde dabeizuhaben, um den Urheber des herrenlosen Knüpfwerks zu verfolgen.

Besser einen Zahn zulegen, was?

Mitten in der Bewegung wurde sie langsamer. »Zi, du weißt, wie ich es hasse, wenn …«

Pst.

Zi tauchte ein paar Schritte vor ihr auf, seine Schuppen waren von einem tiefen, sauren Rot überzogen, der Farbe abgefüllten Weins. Ohne Vorwarnung machte das Herz in ihrer Brust einen Satz, und ein roter Nebel trübte ihr die Sicht. In ihren Ohren schien das Blut zu dröhnen, ihre Muskeln strotzten vor roher Energie, sodass sie federnd davonrannte und der Priester und seine Gardisten zurückfielen, als wateten sie durch Teer.

Ihr Magen schnürte sich zusammen, doch sie lief, so schnell sie ihre Füße trugen, zur Mauer. Zi hatte recht: Auch wenn ihre Gaben ihr den Wunsch einflößten, die Brotkrumen, die sie zum Frühstück zusammengekratzt hatte, wieder zu erbrechen. Je eher sie über der Mauer war, desto früher konnte sie ihre Glaube-Schlinge lösen, und der Priester würde ihrem Faden nicht mehr folgen können. Vielleicht würde er das Ganze bloß für eine Anomalie halten, eine herrenlose Wolke aus Ley-Energie, die er für etwas anderes gehalten hatte.

Sie griff nach den Weinranken und schwang sich in einer fließenden Bewegung die Mauer hoch, über sie hinweg und landete wie eine Katze auf der anderen Seite. Glaube löste sich, sobald sie den Boden berührte, doch sie rannte weiter, bis sich ihr Herzschlag beruhigte und der rote Nebel vor ihren Augen verschwunden war.

 

Noch ehe der Wald sich so weit lichtete, dass man die Stadt sehen konnte, drangen ihre Geräusche und Gerüche zu ihr. Dass dort überhaupt Wald war, stellte ein kleines Wunder dar. Im Norden und Süden waren die Bäume Grasland gewichen, das von den Handelsstraßen zur Großen Barriere bis zu den Kolonien und der Wildnis jenseits davon reichte. Doch der Duc-Gouverneur hatte befohlen, dass rings um den Palast von Rasailles ein Wald stehen bleiben sollte, und deshalb hatten sich die Äxte anderswo Nahrung gesucht. Der Wald bot Gelegenheit für ruhige Spaziergänge, wenn sie nicht gerade auf Priester und Wachen aufpassen musste, die nach unbefugten Eindringlingen in den Park forschten.

Den Großteil des Rückwegs war sie verhältnismäßig sicher gewesen. Zis Gaben waren stark, und den Göttern sei Dank schien man sie im Geflecht der Ley-Linien nicht wahrnehmen zu können. Der Priester hatte die Jagd aufgegeben, sodass sie genug Zeit hatte, über die Spiele am Vormittag nachzudenken: über die Dekadenz, über eine verborgene Welt voller Reichtum und Schönheit, die im krassen Gegensatz zu den stumpfen Blicken und den eingefallenen Gesichtern der Städter stand. Ihr Onkel würde sagen, es sei Teil des Plans der Götter, das übliche Dogma des Dreigötterglaubens. Eine Geschichte, die man nur schwer schlucken konnte, wenn man die Adligen essen, lachen und spielen sah, während die Hälfte der Stadtbevölkerung nicht wusste, wo sie eine Mahlzeit für den nächsten Tag auftreiben sollte. Eigentlich sollte dies ein Land voller Versprechen sein, ein Land der Freiheit und der Möglichkeiten – eine … Neue Welt. Wenn sie sich den Überfluss von Rasailles vor Augen hielt, schien sie mehr der alten zu gleichen. Nicht, dass sie jemals jenseits des Ozeans oder in irgendeiner der Kolonien außer in Nouvelle-Sarresant gewesen wäre. Aber trotzdem.

Dennoch besaß Rasailles eine gewisse Anziehungskraft.

Es zog sie immer wieder dorthin, und es sorgte dafür, dass Kunden ihre Zeichnungen kauften, wann immer sie ihren Stand auf dem Markt aufbaute. Die Mode, der Putz, der Traum von etwas Jenseitigem, das man beinahe berühren konnte. Und Seigneur Revellion. Sie musste zugeben, dass er gut aussah, selbst aus der Ferne. Er wirkte so selbstsicher, so sehr für das Leben gewappnet, das er führte. Was würde er wohl von ihr halten? Immerhin schlich sie sich mithilfe ihrer Gaben in den Park, aber das war ein blasser Schatten gegen eine richtige Einladung. Und an diesem Punkt blieb sie … nun ja: ungenügend. Zwar machten ihre Gaben sie zu etwas Besonderem, doch darunter blieb sie immer noch dieselbe. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, ob das ausreichte. Konnte es das? Reichte es, um am Ende an einem Ort wie Rasailles zu landen mit jemandem wie Seigneur Revellion?

Zi setzte sich auf ihre Schulter und pickte ihr in den Nacken, sodass sie zusammenzuckte. Als sie sich davon erholt hatte, lächelte sie und schnalzte seinen Kopf zur Seite.

Wir sind gleich da.

»Ja. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich dich auf den Markt mitnehmen soll, nachdem du mich vorhin schweigen geheißen hast.«

Schmoll doch nicht. Das war zu deinem eigenen Schutz.

»Ach, natürlich«, sagte sie. »Trotzdem, bestimmt könnte Onkel meine Hilfe in der Kapelle brauchen, und es ist schon fast Mittag …«

Zi ruckte mit seinem Kopf hoch, seine Augen blitzten wie zwei glühende Schüreisen, und die Schuppen nahmen dieselbe Farbe an.

»Na schön, na schön, dann eben zum Markt.«

Zi neigte den Kopf zur Seite, als wolle er sich überzeugen, dass sie es ernst meinte, und gleich darauf rollte er sich zu einem Nickerchen zusammen, während sie weiterging. Sie schritt rasch aus und vermied neugierige Blicke, damit sich niemand wunderte, was ein Mädchen so allein im Wald gemacht haben mochte. Bald drängte sie sich zwischen den Menschen im Stadtteil Südtor und steuerte den Markt im Zentrum an. Zi lief tiefblau an, während sie durch die belebten Straßen ging und sich durch die Menge wand.

Zurück auf dem Pflaster von Nouvelle-Sarresant, erschienen das üppige Grün und die farbenfrohe Blütenpracht der königlichen Gärten wie eine andere Welt, fremd und sonderbar. Dies hier war ihr Zuhause: das düstere Grau, die verlotterten Häuser aus Holz und Ziegelstein, die gesenkten Blicke der Städter, wenn sie ihrem Tagwerk nachgingen. Hier sorgte eine vergoldete Kutsche für Aufsehen und Getuschel, deren Ursprung zuweilen auch in weniger harmlosen Regungen als purem Neid lag. Sie vermied es tunlichst, bei diesen Leuten Aufsehen zu erregen – bei den Gierigen, die den Adligen hinterherstierten, solange keine Stadtwache hinsah.

Ihre Tasche drückte sie fest an sich, als sie sich an zwei zwielichtigen Gesellen vorbeizwängte, die mitten im Gewühl stehen geblieben waren. Beide sahen sie finster an, und Zi richtete sich auf ihrer Schulter auf und fauchte die beiden an. Sie verdrehte die Augen. Zi musste natürlich genauso den starken Macker mimen wie die beiden Kerle. Manchmal war es ganz gut, dass nur sie allein Zi sehen konnte.

Als sie sich dem Stadtzentrum näherte, musste sie sich an einer weiteren Traube aus Gaffern vorbeischieben und dann an noch einer. Irgendwann, kurz bevor sie den Hauptplatz erreichte, wurde das Gedränge so dicht, dass sie nicht mehr weiterkam. Ein Flüstern ging vor ihr durch die Menge, und sie wusste gleich, was los war.

Eine Hinrichtung.

Interessehalber ging sie ein paar Schritte zurück und lauschte den Gesprächen der Leute. Nicht nur eine Hinrichtung, sondern drei. Deserteure der Armee, Verräter also, denn die Krone hatte den Gandern vor einem halben Jahr den Krieg erklärt. Ein ruhmreiches Unterfangen, mit dem die Ausweitung einer Tyrannei verhindert werden sollte, so stand es zumindest in den Kolonialzeitungen. In ihrem Viertel bedeutete es jedoch lediglich, dass die Wagen mit Nahrungsmitteln nach Süden umgeleitet wurden, wo, bei den Göttern, doch schon genug Mangel herrschte.

Sie ließ das Stimmengewirr hinter sich und huschte in eine Seitengasse, nachdem sie sich mit einem raschen Blick vergewissert hatte, dass sie allein war. Zi schwoll an, seine Schuppen pulsierten, und sein Kopf ruckte hin und her mit großen, gierigen Augen.

»Was meinst du?«, flüsterte sie ihm zu. »Willst du mal nachsehen?«

Ja. Der Gedanke triefte vor Spannung.

Nun, dann war das geklärt. Doch diesmal war es ihre eigene Entscheidung, sich die Macht zu geben, und sie würde es tun, ohne dass Zi ihr das Herz bis zum Hals schlagen ließ.

Einmal tief Luft holen, dann schloss sie die Augen.

In der Dunkelheit hinter ihren Augenlidern dehnten sich Kraftlinien in alle Richtungen aus, ein Gitter aus sich kreuzenden Lichtfäden. Farben und Umrisse umspielten die Linien, die von den Läden, den Häusern, den Bewohnern der Stadt mit Energie gespeist wurden. Überwältigend waren die grünen Schoten von Leben, die überall dort überreichlich waren, wo Menschen lebten und arbeiteten. Doch in den Augenwinkeln sah sie die roten Staubflecken von Leib, die Rückstände einer Kneipenschlägerei oder dergleichen. Und in der Mitte des Platzes eine flache Lache Glaube. Nichts brachte den Glauben und die Hoffnung auf die Götter und das Unbekannte in den Menschen leichter hervor als eine Hinrichtung.

Sie öffnete sich den Ley-Linien und knüpfte Lichtfäden zwischen ihrem Körper und den Energiequellen, die sie benötigte.

Als Leib-Energie durch sie strömte, riss sie die Augen auf. Ihre Muskeln reagierten schneller, und ihre Tasche war plötzlich federleicht. Gleichzeitig wand sie eine Glaube-Schlinge um sich herum und wurde unsichtbar.

Reflexartig prüfte sie ihre Vorräte. Ganz viel Glaube. Nicht sehr viel Leib. Eile war geboten. Sie machte einen Schritt zurück, bevor sie nach vorn schnellte und gegen die Hauswand sprang. Mit einer Drehung stieß sie sich von der Wand ab und schraubte sich zum hervorkragenden Dach hinauf. Dort hielt sie sich an der Dachkante fest und schwang sich mit einer fließenden Bewegung auf das Dach der Schenke hinauf.

Sehr gut, kam Zis Gedanke. Etwas gekünstelt neigte sie den Kopf, ohne auf seinen Sarkasmus einzugehen.

Können wir jetzt gehen?

Dringlichkeit flutete ihren Geist. Es war besser, Zi nicht warten zu lassen, wenn er in dieser Verfassung war. Sie löste die Leib-Schlinge, hielt aber ihren Glaube-Schleier aufrecht, während sie auf dem Dach der Schenke entlangging. Als sie die andere Kante erreichte, ließ sie sich auf einen Fenstergiebel hinab, auf dem sie sitzen konnte. Von hier überblickte sie den Platz. Mit etwas Glück entging sie der Aufmerksamkeit weiterer Priester oder irgendwelcher Knüpfer, die in der Gegend sein mochten, und gleichzeitig hatte sie den besten Platz für dieses grausige Spektakel.

Sie stellte die Tasche neben sich ab und holte ihr Zeichenzeug heraus. Warum sollte sie die Zeit nicht nutzen, um ein bisschen Silber zu verdienen?

David Mealing

Über David Mealing

Biografie

David Mealing studierte Philosophie, Politik und Wirtschaft in Oxford, England, und lebt heute mit seiner Frau und drei Kindern in Washington State. Neben dem Schreiben widmet er sich seinem Vorhaben, eines Tages eine Ranch sein Eigen zu nennen.

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