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Die schwebende Zitadelle (Das Erbe der Aldar 1)

David Hair
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Roman

„Seine Romane haben definitiv das Zeug zu Klassikern im Bücherregal.“ - literaturmarkt.info

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Die schwebende Zitadelle (Das Erbe der Aldar 1) — Inhalt

Ein finsteres Imperium. Unberechenbare Magie.
Und das Erbe eines legendären Volks, dessen Artefakte im Verborgenen lauern.

Dash Cowley, einst Imperialer Magier, muss aus dem Reich der Bolgravianer fliehen, als seine Familie in Ungnade fällt. Doch das tyrannische Imperium sucht ihn unablässig. Als Dash eine mysteriöse Karte in die Hände fällt, die einen magischen Ort außerhalb der bekannten Länder zeigt, sieht er seine Chance, sich dem Imperium entgegenzustellen. Die Karte zeigt eine Mine, in der sich Istariol verbirgt – ein seltenes Mineral, das ganze Städte zum Schweben bringen kann. Doch der Weg dorthin ist unerbittlich …

€ 18,00 [D], € 18,50 [A]
Erschienen am 31.03.2022
Übersetzt von: Andreas Decker
480 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70633-9
Download Cover
€ 14,99 [D], € 14,99 [A]
Erschienen am 31.03.2022
Übersetzt von: Andreas Decker
480 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-60089-7
Download Cover

Leseprobe zu „Die schwebende Zitadelle (Das Erbe der Aldar 1)“

EINS

Öffne nach Einbruch der Dunkelheit niemals die Tür


Das laute Donnern des Panzerhandschuhs an der Tür riss Dash Cowley aus seinen Träumen. Sofort erfüllten ihn Erinnerungen an eine andere Nacht, in der stählerne Fäuste sein Leben zerstört hatten. Einen Augenblick lang war er wieder in der Vergangenheit, als Tore aufgestoßen wurden und Schreie die Luft zerrissen …

Dann war er wach und blickte sich wild im Dämmerlicht der Hütte um, blinzelte die Erinnerungen fort. Aber die Faust hämmerte weiter, und jetzt gesellte sich eine raue Stimme dazu: »He, [...]

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EINS

Öffne nach Einbruch der Dunkelheit niemals die Tür


Das laute Donnern des Panzerhandschuhs an der Tür riss Dash Cowley aus seinen Träumen. Sofort erfüllten ihn Erinnerungen an eine andere Nacht, in der stählerne Fäuste sein Leben zerstört hatten. Einen Augenblick lang war er wieder in der Vergangenheit, als Tore aufgestoßen wurden und Schreie die Luft zerrissen …

Dann war er wach und blickte sich wild im Dämmerlicht der Hütte um, blinzelte die Erinnerungen fort. Aber die Faust hämmerte weiter, und jetzt gesellte sich eine raue Stimme dazu: „He, Physicus! Aufwachen!“

„Vater?“, rief Zar mit zittriger Stimme vom Dachboden herunter.

„Pst!“, zischte Dash. Er spähte zur Tür. Hinter den Spalten in den Wänden der primitiven Blockhütte flackerte Fackelschein. Bis zur Morgendämmerung würden noch Stunden vergehen. Die Kiefern ächzten im Wind, etwa eine Meile entfernt krachten die Wellen gegen die Küste.

Niemand kommt zu dieser Stunde her. Damit boten sich zwar Hunderte mögliche Erklärungen für das Klopfen an der Tür an, doch alle waren unheilvoll. „Lass dich bloß nicht sehen“, zischte Dash Zar zu, während er sich seine Kleider überwarf. „Lass den Vorhang zugezogen.“

„He, aufwachen!“, brüllte die Stimme von draußen erneut.

„Ich komme ja schon.“

Wenige Stunden nach Dashs Ankunft in Teshveld, diesem von Garda verlassenen Dorf an der Küste, hatte man ihn gewarnt, nach Einbruch der Dunkelheit niemals die Tür zu öffnen. Er vergewisserte sich, dass der Türbalken richtig eingehakt war. „Wer ist da?“, rief er.

„Gravis. Aus der Schenke. Ich habe Edelmänner bei mir, sie brauchen einen Physicus.“

„Was?“ In Teshveld gab es keine Edelmänner. Aber es war unzweifelhaft Gravis’ Stimme.

Eine kalte Männerstimme mit einem unverkennbaren bolgravianischen Akzent ertönte. „Mach Tür auf, oder wir sie schlagen ein, verstanden?“ Die Stimme war tief, in jeder Silbe lag eine schwerfällige Autorität.

Scheiße, was hat ein Bolgravianer hier zu suchen?

Zar steckte das blasse Gesicht durch den Vorhangspalt. Dash seufzte. Zieh den verdammten Vorhang zu. Dann öffnete er die Tür, bevor diese tatsächlich noch eingeschlagen wurde.

Eine Faust im Panzerhandschuh kam ihm entgegen und verharrte einen Zoll vor seiner Nase. Dash spähte daran vorbei und sah einen großen, robusten Mann mit ergrauendem Haar und einem Bart wie aus Stahlwolle. Allem Anschein nach ein Ranger aus Norgania in den Vierzigern oder Fünfzigern. Seine hellblauen Augen weiteten sich, aber er senkte die geballte Faust keineswegs, während er Dash musterte.

Der Norganianer erschien nicht beeindruckt, was auch verständlich war. Dash war sich durchaus bewusst, dass er keine heldenhafte Gestalt bot – nur einen schlanken Mann in den Dreißigern mit einem stechenden Blick, schwarzem Haar, das die ersten Spuren von Grau zeigte, und einer Hakennase. Bei gutem Licht wäre er einigermaßen ansehnlich gewesen, aber im Augenblick war sein Haar zerzaust und das Kinn stoppelig.

„Das ist er, unser Physicus“, überschlugen sich Gravis’ Worte. Die flackernde Fackel in seiner Faust tauchte alle in rötliches Licht. „Dash Cowley, so heißt er. Kam vor vier Monaten her. Der erste vernünftige Heiler, den wir seit Jahren haben.“

„Cowley“, wiederholte die bolgravianische Stimme gedehnt. Sie gehörte einem Mann im Gewand eines Adligen, der hinter dem Norganianer stand. Er war glatt rasiert und elegant, hatte eine blonde Haarmähne und einen hochmütigen Ausdruck im Gesicht. Sein heller Umhang war mit einem Kragen aus blauem Fuchsfell besetzt, ausgesprochen nobel, aber in diesem abgeschiedenen Küstenkaff völlig fehl am Platz. Dennoch vermittelte seine Kleidung den Eindruck, dass er sie schon lange am Leib trug, als wäre er bereits seit langer Zeit auf der Reise. „Du behandeln kranken Freund, verstanden?“, befahl er.

Ehrlich gesagt würde ich dir lieber deinen bolgravianischen Hals durchschneiden, als mich um deinen verdammten Freund zu kümmern, dachte Dash. Aber der Bolgravianer hatte außer dem Norganianer drei weitere Soldaten dabei. Dash schloss aus den konischen Helmen und langen Steinschlossmusketen, die von ihren Schultern hingen, dass es Landsleute des Bolgravianers waren. Einer war ein Sergeant, die anderen beiden schleppten eine Trage mit einem verhüllten Bündel. Atemwolken umgaben sie. Über ihren Köpfen schimmerten Planetenringe am Firmament, die silbrigen Lichtbänder teilten den Himmel wie die Klingen eines Himmelsgottes.

Kragga, der Bolgravianer ist vermutlich ein Lord … aber was hat er in dieser Einöde zu suchen?

„Hier ist der Physicus, genau wie ich gesagt habe, mein Lord“, säuselte Gravis. Er hielt seine Mütze in der Hand. „Es ist eine kalte Nacht und ein langer Weg.“

„Sergeant, bezahl ihn“, fauchte der Bolgravianer. „Du, Physicus Cowley, wo du herkommen?“

„Ich bin Otravianer“, sagte Dash wahrheitsgemäß. Seine Nase verriet das sowieso. „Meine Honorarsätze sind …“

„Wir zahlen, wie du arbeiten, was du am Ende verdienen, ney?“, knurrte der Mann. Er stieß Dash zur Seite und betrat die Hütte. Sein Blick huschte zu dem Vorhang, der den Raum vom Dachboden abtrennte. „Was da oben?“ Als Dash zögerte, fügte er hinzu: „Ich lassen sowieso durchsuchen von meinen Männern, also sag schon.“

„Mein, äh, Kind“, gestand Dash ein. „Zar, zeig dich.“

Sie schob ihre sommersprossigen Wangen mit weit aufgerissenen Augen durch den Vorhangspalt.

„Ah, junges Mädchen, yuz?“, schnurrte der Bolgravianer. „Du, Mädchen, runterkommen.“

Dash knirschte mit den Zähnen. „Zieh dich zuerst an“, rief er. Wenn dieser Bastard sie misshandelte …

Aber die beste Chance, die Bolgravianer wieder loszuwerden, bestand darin, so schnell wie möglich ihren Wunsch zu erfüllen, also zündete Dash eine Öllampe an und räumte hastig den Tisch frei. Dann trat er zurück, während die Soldaten die Trage auf den Tisch wuchteten. Darauf lag ein dicker rothaariger Mann mit gerötetem Gesicht, der stark schwitzte und nach Pisse und Fäkalien stank. Blutdurchtränkte, schlecht gewickelte Verbände bedeckten seine rechte Seite.

„Was ist mit ihm passiert?“, wollte Dash wissen und fragte sich, ob man den Mann überhaupt unbeschadet anfassen konnte. „Äh, mein Lord …?“

„Lord Vorei Gospodoi, das sein ich. Du sprechen Bolgravianisch? Wäre einfacher.“

In der Tat sprach Dash etwas Bolgravianisch, aber das würde er sicher nicht zugeben. „Nur Magnianisch, mein Lord.“

Der Bolgravianer grunzte ärgerlich. Sein Blick richtete sich auf Zar. Das dürre Mädchen kletterte, in ein Jungenhemd und Hose gekleidet, die Leiter nach unten. Gospodoi vertrat ihr den Weg zu Dash und ignorierte ihr Zusammenzucken, als er ihre Wange streichelte. „Hm. Weich wie alle Otravianer, ney? Dein Name, Mädchen?“

„Sie wird Zarelda gerufen“, antwortete Dash für sie. „Sie ist meine Krankenhelferin. Um diesen Mann zu behandeln, brauche ich ihre Hilfe.“

Gospodoi zeigte ein kaltes Lächeln, gestattete dem Mädchen aber dann, an ihm vorbeizuflitzen.

„Cowley, du werden Mann heilen oder dir und Tochter passieren Schlimmes.“

Verfluchte Bolgravianer. Wir haben einen ganzen Kontinent durchquert, um Arschlöchern wie dir zu entkommen.

„Ich werde mein Bestes tun“, antwortete Dash, „aber ich muss wissen, was ihm fehlt.“

„Dieser Mann haben unbekannte Krankheit aus dem Nordwesten.“

„Dem Nordwesten? Aber dort gibt es nichts außer …“

Gospodoi fixierte ihn mit einem frostigen Blick. „Ich dir das sagen, du für dich behalten, ney? Er wurden krank an Ort jenseits der Meerenge, heißen Verdessa.“

Das neu entdeckte Land? Gerüchten zufolge gab es dort nichts außer einem schmalen, steinigen Strand unter den Eisklippen, andererseits hatte das bolgravianische Imperium gerade erst angefangen, sich dort umzusehen. In Dash regte sich widerstrebendes Interesse. „Verdessa. Davon habe ich gehört.“

„Neuer Ort.“ Gospodoi grinste hämisch. „Alle neuen Orte werden von Bolgravianern entdeckt. Wir die größte Nation, erobern ganz Shamaya, yuz. Entdecken, ausbreiten, ausbeuten. Ganz egal, wohin du auch gehen, Otravianer, und welche Frauen du auch finden, die Bolgravianer hatten sie zuerst.“ Er kicherte, dann zeigte er mit dem Finger auf den Kranken. „Dieser Mann sein Kartomagiker. Du wissen, was Kartomagiker sein?“

Heilige Garda! „Ja, ich weiß, was ein Kartomagiker ist“, gab Dash zu.

„Du gebildeter Mann, das gut. Also du ihn retten, yuz?“

„Ich werde mein Bestes tun.“

„Das du werden“, stimmte Gospodoi ihm zu, „oder ich brechen dir Hände … und vielleicht auch hübscher Tochter?“

Bei diesem Bolgravianer war jeder zweite Satz eine Drohung. „Wie lange ist er schon krank?“

„Zwei Wochen.“

„So lange? Gab es niemanden in Verdessa oder Sommahafen, der ihn heilen konnte?“

Gospodoi wollte antworten, aber die Mühe, alles richtig ins Magnianische übersetzen zu müssen, war ihm zu lästig. Also warf er dem Norganianer einen finsteren Blick zu. „Du erklären es, Vidarsohn.“

Der Norganianer ergriff das Wort: „Ich bin Vidar Vidarsohn. Der Kartomagiker ist ein Ferreaner namens Lyam Perhan. Er wurde am Rand des Eisherzes krank, im Norden Verdessas. Wir hatten den größten Teil unserer Arbeit erledigt, also sind wir zur Küste gereist, und dort schien es ihm wieder besser zu gehen. Wir segelten nach Süden in Richtung Sommahafen. Aber kurz nach der Abreise aus Sommahafen verschlechterte sich sein Zustand. Teshveld ist das erste Dorf, das wir an dieser Straße gefunden haben.“

„Yuz, es sein genauso, wie Vidarsohn gesagt haben“, mischte sich Gospodoi ein. „Du behandeln Perhan, machen ihn gesund.“ Er streichelte über Zars Haare. Dann drehte er sich auf dem Absatz um. „Vidarsohn, du bleiben und passen mit meinen Männern auf. Ich bleiben in Schenke.“

Klar wirst du das, dachte Dash mürrisch, und vermutlich trinkst du ihren besten Grog und bezahlst nicht. Aber das war das Problem von Gravis, dem Schankwirt. Dash hingegen musste diesen Kartomagiker irgendwie retten.

Lord Gospodoi ging, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Dash wandte sich an Zar und gab ihr eine Reihe Anweisungen: Er brauchte gekochtes Wasser, Betäubungsmittel sowie die Kräuterpackungen, die er für den nächsten Ausbruch der Slaanfliege vorbereitet hatte. Die bolgravianischen Soldaten machten es sich draußen gemütlich, pinkelten gegen die Rückwand der Hütte und stahlen Dashs Feuerholz.

Der norganianische Ranger setzte sich an Dashs Tisch und schnupperte an dessen Weinkrug. „Rotwein aus Rannock?“ Er schenkte sich einen Becher ein. „Habt Ihr den aus der Heimat mitgebracht?“

Fragen waren unwillkommen, genau wie die Tatsache, dass jemand Dashs Wein stahl, aber der Norganianer war ein Hüne, der gewalttätig aussah, also begrenzte er seine Reaktion auf Sarkasmus. „Ich habe ihn gekauft, Vidarsohn.“

„Nennt mich Vidar“, grollte der Ranger. Seine Züge waren zerklüftet, an seiner rechten Schläfe pochte eine Ader. „Was macht ein otravianischer Heiler in diesem von Garda verlassenen Loch?“

„Das frage ich mich jeden Tag. Aber wie jeder Physicus habe ich einen Eid geleistet, Krankheiten zu heilen, wo ich sie finde.“

„Die meisten Heiler, die mir begegnet sind, wurden eher von Münzen als von Eiden motiviert“, grunzte Vidar. „Und die meisten Männer, die in einer solchen Scheißhütte hausen, tun das, weil sie nicht gefunden werden wollen.“

„Und ich wette, die meisten davon wollen auch nicht darüber reden“, bemerkte Dash. „Wenn Ihr nichts dagegen habt, kümmere ich mich jetzt um Euren bolgravianischen Freund, den Kartomagiker, damit ich meine Hände retten kann.“

„Er ist kein Freund.“ Vidar trank von dem Wein. Er wischte sich den Mund ab. „Ein guter Tropfen.“

„Wie schön“, meinte Dash. „Und warum kümmert sich ein Norganianer um einen Haufen Bolgravianer?“

„Weil ich gern imperiale Silbermünzen in meinem Geldbeutel habe“, sagte Vidar. „Und sie sind der einzige Arbeitgeber in der Gegend.“

„Ihr habt sie durch Verdessa geführt? Was gibt es schon in dieser Einöde?“

„Das geht Euch nichts an, Heiler. Kümmert Euch um Eure Arbeit, und ich leiste Eurem Wein Gesellschaft.“

Dash schäumte innerlich, aber er und Zar machten sich ans Werk. Sie entfernten die Kleidung des Kartomagikers, trennten die schmutzigen Verbände auf und enthüllten die Wunde. Aus einer verschorften Einstichstelle sickerte eine übel riechende Flüssigkeit. Das ist keine Krankheit, dachte Dash, der sich zusammenreißen musste, um bei dem Gestank nicht zu würgen.

„Ich habe noch nie erlebt, dass ein Heiler bei einem üblen Geruch kotzen will“, bemerkte Vidar aufmerksam.

„Ich habe eine empfindsame Nase“, erwiderte Dash. „Zar, Duftkräuter.“

„Vielleicht seid Ihr aber auch nur ein lausiger Heiler.“ Vidar schnaubte. „Oder ein Hochstapler.“

Das lag zu nah an der Wahrheit, aber Dash verzog keine Miene. „Was ist ihm zugestoßen?“

„Stürzte durch eine Eisschicht auf einen darunter verborgenen Ast. In der Wildnis war er zu nichts zu gebrauchen. Ich musste ihn während der ganzen Reise an die Hand nehmen. Vermutlich sind verrottende Splitter in der Wunde.“

Dash drückte an der Verletzung herum, dann nickte er. „Es hat sich entzündet. Sein Blut ist vergiftet. Allein die Verkrustung des Fleisches verhindert, dass sich das vergiftete Gewebe in seinem Körper ausbreitet und ihn umbringt. Zar, was schlägst du vor?“

Die fünfzehnjährige Zar hatte in Anbetracht der stinkenden Verletzung entsetzt das Gesicht verzogen, aber sie brachte eine verständliche Antwort zustande: „Wir waschen die Wunde aus, reinigen sie, kauterisieren, dann legen wir eine Kräuterpackung darauf.“

„Gut“, sagte Dash zufrieden. „Aber betrachte seinen allgemeinen Zustand und wie er schwitzt. Was glaubst du, übersteht er das Kauterisieren? Und was ist mit der Betäubung?“

Zar dachte nach, und sie gingen ein paar Möglichkeiten durch, dann machten sie sich an die Arbeit. Zar warf Vidar einen Seitenblick zu. Leise fragte sie: „Was ist ein Kartomagiker, Vater?“

Dash schüttelte den Kopf, aber der Norganianer schaute auf. „Was ist? Beantwortet ihre Frage.“

Dash kam zu dem Schluss, dass das bloße Wissen nicht gegen das Gesetz verstieß. „Ein Kartomagiker erforscht die Welt mit Praxxis, um die geologische Zusammensetzung eines Gebiets zu bestimmen. Dazu setzt er insbesondere die Weitsicht, die Vorausschau und Erdmagie ein.“

Zar betrachtete ihren Patienten nun mit leuchtenden Augen. „Das ist eine gute Sache, oder?“

„Ich glaube, schon. Aber dabei darfst du nicht vergessen, dass das Imperium die Erkenntnisse von Kartomagikern für gewöhnlich zur gewaltsamen Kolonisierung nutzt und Tausende Menschen vertreibt oder ausbeutet, bis sie vor Erschöpfung tot umfallen. Das erforschte Land wird so lange geschändet, bis nichts mehr grünt und es für Generationen unbrauchbar ist.“

„Oh.“ Zars wachsende Bewunderung verpuffte.

„Das klingt wie das Gerede der Liberali, Cowley“, knurrte Vidar. „Das Imperium hat die alte Liberali-Partei in Otravia vor neun Monaten verboten. Hat sie mit guter alter Blutarbeit ausgemerzt.“

Bei Gardas Titten, Menschen, die ich kannte …

„Ich habe Otravia schon vor Jahren verlassen“, behauptete Cowley. „Außerdem interessiere ich mich nicht für Politik.“

„Es gibt keine unpolitischen Otravianer“, spottete Vidar, dann seufzte er. „Hört zu, Cowley oder wie auch immer Ihr heißt. Ihr habt mein Mitgefühl. Mein Land ist von den Bolgravianern genauso geschändet worden wie Eures. Also höre ich auf, Euch Fragen zu stellen, die Ihr nicht beantworten wollt.“

Sie teilten einen verständnisvollen Blick, dann wandte sich Dash an seine Tochter. „Lass uns wieder an die Arbeit gehen.“

Sie schufteten mehrere Stunden lang, reinigten die Wunde und schnitten entzündetes Fleisch heraus, bevor sie ein halbes Dutzend Egel ansetzten, die das vergiftete Blut heraussaugen sollten. Die Atmung des Kartomagikers stabilisierte sich, aber das war auch die einzige gute Nachricht.

Kartomagiker, es tut mir leid, aber vermutlich wirst du nie wieder aufwachen. Dash senkte den Kopf. Es schmerzte, nicht genug zu wissen, nicht genug tun zu können. Ein echter Heiler hätte den Mann vielleicht retten können, aber hier draußen machte einen das Wissen, wie man eine Wunde kauterisierte und einen Schnitt nähte, zum besten Physicus des ganzen Distrikts. Das hier war der westliche Rand des Imperiums – der letzte Ort, an dem man noch untertauchen konnte.

Mit einem Seufzen zog Dash die Egel ab, dann mischte er ein Tonikum zusammen und nahm dabei unauffällig und verstohlen ein kleines blaues Fläschchen in die Hand. Daraus gab er einen Tropfen in einen von zwei Tonbechern. Nachdem er dem Kartomagiker das Tonikum eingeflößt hatte, holte er ein kleines Fässchen und goss exakt einen Fingerhut einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit in die Becher. Das präparierte Trinkgefäß stellte er vor Vidar ab.

„Das ist urstianischer Rye, der beste von Ferrea. Der ist doch bestimmt ein paar Neuigkeiten wert?“

Vidar schob den leeren Weinbecher zur Seite, nahm den Rye und kippte ihn herunter. Dann lächelte er. „Der ist gut. Wo habt Ihr ihn her?“

„Von einem Händler in Falcombe, das liegt hier an der Landstraße. Hat ein Vermögen gekostet, denn eine solche Ware findet man hier draußen so gut wie nie. Wir sind hier nicht in Reka-Dovoi oder Kortovrad.“

„Was Ihr nicht sagt.“ Vidar schnaubte belustigt.

Dash schenkte eine weitere Runde ein, und der Ranger erzählte: neue gescheiterte Aufstände im Landesinneren von Magnia, noch mehr politische Meuchelmorde und Intrigen. „Aber wir sind drei Monate auf der anderen Seite der Meerenge gewesen, also wage ich, zu behaupten, dass das alles längst überholt ist“, kam Vidar zum Schluss und gähnte.

„Eine erfolgreiche Expedition?“

Vidar kicherte. „Wenn ich Euch das sage, muss ich Euch umbringen.“

Sie plauderten noch ein paar Minuten, dann fing Vidarsohn an zu lallen. „Dieser Rye … ist … verflucht stark, Cowley …“

„O ja, urstianischer Rye ist eine wahre Bestie“, stimmte Dash ihm zu. Er lächelte und wartete. Der Zustand des Rangers verschlechterte sich schnell, der Kopf sank ihm auf die Brust, dann sackte er in sich zusammen und fing an zu schnarchen.

„Beim Blute Gardas, Vater, du hast ihn betäubt“, quiekte Zar.

Dash begab sich zur Tür und spähte hinaus in die eiskalte Nacht. Die drei Soldaten aus Bolgravia beugten sich über das lodernde Feuer, das sie mit seinem Feuerholz gemacht hatten. Wenn diese Bastarde länger bleiben, sind wir bald bettelarm.

„Ich will die Aufzeichnung dieses Kartomagikers lesen“, sagte er zu Zar. „Du gehst schlafen.“

Er strich ihr über die Haare, und sie teilten eine nervöse, aber vertraute Umarmung. Sie hatten viel zusammen durchgemacht und ein enges Verhältnis, aber Zar war offensichtlich klar, dass sie weiterziehen mussten, sobald Gospodoi und seine Männer abgereist waren. Falls der Bolgravianer jemandem mit den falschen Beziehungen ihre Beschreibung gab, würde die Jagd auf sie fortgesetzt werden.

Garda allein weiß, wo wir hin sollen … Es gibt nicht mehr allzu viele Orte, an die wir flüchten können. Es sei denn, wir verlassen den Kontinent …

Zar stieg wieder nach oben auf den Dachboden, und Dash kehrte zu dem bewusstlosen Kartomagiker zurück und entfernte den Beutel unter dessen Kopf. Ohne den schlummernden Vidarsohn vollständig aus den Augen zu lassen, nahm er die Aufzeichnungen heraus, die alle Kartomagiker mit sich führten. Er fing an zu lesen. Es war auffällig, dass die älteren Einträge auf Magnianisch verfasst waren, das so gut wie jeder lesen konnte, die jüngeren aber auf Ferreanisch. Dies war ein Standardfach auf otravianischen Universitäten – aber nicht in Bolgravia.

Ich kann Ferreanisch fließend lesen, aber jede Wette, dass Gospodoi es nicht kann. Die meisten Bolgravianer sind zu faul, um die Sprachen anderer Völker zu lernen. Er las schnell, denn er wollte fertig werden, bevor sein ungebetener Gast erwachte:

Ich, Lyam Perhan, Imperialer Kartomagiker, gebe dieses Zeugnis ab. Im Jahr 1534 ME begleitete ich Lord Vorei Gospodoi von Bolgravia auf einer Expedition, die ihren Anfang in Sommahafen nahm und über die Meerenge in das neu entdeckte Land Verdessa führte, das von Bolgravia beansprucht wird.

 

Die Aufzeichnungen benannten die genauen Kursangaben und die ausgespähten Bodenschätze, dazu gesellten sich ein paar spärliche Notizen über Flora und Fauna. Perhan hatte nichts über die Einwohner geschrieben, aber er erwähnte einen See in den Bergen am Rand des Eisherzes, jener gewaltigen Eismasse im Norden. Als Dash die Wasseranalyse las, sprang ihm ein im Text verborgenes, obskures chemisches Symbol förmlich ins Auge.

Istariol … Bei der heiligen Garda, er hat Spuren von Istariol gefunden! Die magischen Untersuchungen deuteten noch viel mehr an: eine Istariolader größer als alle, die seit den Mizrakriegen entdeckt worden waren. Bei dem Gedanken, was ein solches Vorkommen in den richtigen Händen ermöglichen würde, fing Dashs Blut an zu kribbeln. Möglicherweise könnte diese Ader den Freiheitskampf in Otravia wieder neu entfachen, vielleicht sogar auf dem ganzen magnianischen Kontinent. Der Ruf der Heimat flammte in Dash auf, und auch das brennende Verlangen nach Vergeltung an den Mandarykes und allen anderen Verrätern, die den Bolgravianern den Einmarsch in Otravia ermöglicht hatten.

Er überflog den Rest der Aufzeichnungen und fand keine weitere Erwähnung von Istariol, aber vermutlich hatte Perhan alles bewusst vage gehalten. Die Ferreaner haben genauso schwer gelitten wie der Rest von uns. Vielleicht wollte Perhan Gospodoi nicht verraten, was er entdeckt hat, also hat er das Wissen auf diese Weise versteckt, damit nur ein gleich gesinntes Auge es erkennt …

Dash steckte die Aufzeichnungen zurück in den Beutel, dann streckte er sich auf seiner Pritsche aus, schloss die Augen und träumte von einer glorreichen Rückkehr in seine Heimat.

David Hair

Über David Hair

Biografie

David Hair ist preisgekrönter Fantasyautor aus Neuseeland. Er wurde bei seinen Reisen um die Welt zu seinen Romanen inspiriert und lebte unter anderem in Großbritannien, Europa, Indien und Thailand. Heute wohnt er mit seiner Frau wieder in Neuseeland. „Die schwebende Zitadelle“ ist der Auftakt zu...

Die Figuren und das Magiesystem

Die Hauptcharaktere 

Dash Cowley
ist ein Adliger aus Otravia (ein Königreich, das vor Kurzem seine Unabhängigkeit an Bolgravia verloren hat). Seine Familie wurde während der Kapitulation gestürzt, und Dash ist nun ein Gesetzloser, der alles daransetzt, seine Familie zu rächen und ihr wieder zu Macht zu verhelfen. Als er aus Otravia floh, nahm er seine eigensinnige, idealistische Tochter Zarelda mit, musste allerdings seine Frau, die Liebe seines Lebens, zurücklassen. Jetzt ist diese mit seinem ehemals besten Freund verheiratet, sodass er sich betrogen fühlt. Seine Führung, sein ausgeprägtes Urteilsvermögen und seine schnelle Auffassungsgabe sind der Grund dafür, dass er auf der Jagd nach dem Mineral Istariol eine Karawane von Flüchtigen und Außenseitern um sich scharen kann. 

Kemara Solus
ist eine Ferreanerin, die eigentlich eine Praxxismagierin werden wollte. Dann wurde sie aber versehentlich an einen Mizra-Familiargeist gebunden und somit zu einer verurteilten Flüchtigen. Kemara hat es die letzten drei Jahre geschafft, ihre Verfolger abzuschütteln. Aber genauso wie für Dash gibt es auch für sie kaum noch Orte, an denen sie sich verstecken kann. Dashs Karawane ist ihre letzte Chance. Kemara ist eine Überlebenskünstlerin, hat aber auch eine sensible Seite, die sie vor den anderen verbirgt. 

 

Die Nebencharaktere 

Vidar Vidarsson 
ist ein Ranger und Berserker, der dem bolgravianischen Imperium diente – bis er genug von dem hatte, was er täglich sah und gezwungen war zu tun. Dashs Jagd nach dem Istariol ist für Vidar Vidarsson ein willkommener Neuanfang, auch wenn seine Vergangenheit ihn nicht loslässt. 

Mater Varahana 
ist eine Gelehrte und Priesterin, die mit dem Imperium in Konflikt geraten ist. Sie schließt sich der Karawane an, um sicher und frei zu sein und um die Wahrheit über die Welt zu erfahren. 

Zarelda 
ist Dashs Tochter, eine eigensinnige junge Frau, die davon träumt, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten und Magierin zu werden. 

Jesco Duretto 
ist ein Klingenmeister, ein Experte für Schwerter und Musketen, der wegen seiner Herkunft und Homosexualität vom Imperium verurteilt wurde. 

Elgus Rhamp
ist ein Ritter und der Hauptmann der Söldner, die ausgesprochen wichtig für Dashs Mission und gleichzeitig auch deren größte Gefahr sind. Elgus Rhamp ist knallhart, gerissen und skrupellos.

 

Die Magie in Shamaya 

Magie besteht in Shamaya aus zwei gegensätzlichen Formen: Mit Praxxis wird Energie kontrolliert, mit Mizra wird Energie entfesselt – letztere ist daher eine kaum zu bezwingende Magieform. Jeder kann Zauberei erlernen, es braucht aber einen kreativen Kopf, Disziplin und einen starken Glauben an sich selbst. Kurzum: Man muss durch puren Willen das Unmögliche möglich machen können.
Magier müssen ihre Seelen an einen Schutzgeist, sogenannte Familiargeister, binden, um ihre Mächte zu erhalten. Praxxisgeister sind sanftmütig und loyal, Mizrageister wiederum sind furchteinflößend und gefährlich. Je mächtiger der Familiargeist ist, desto mehr Kraft kann er an den Magier abgeben. 

Der Unterschied zwischen Praxxis und Mizra wird im jeweiligen Nutzen der Magieformen deutlich:
Praxxismagier sind in der Lage, natürliche Ereignisse zu verstärken oder zu beschleunigen. Mit ihren Fähigkeiten können sie zum Beispiel Wasser reinigen oder vergiften, Erdbeben abmildern oder auslösen oder das Wetter verändern. Praxxismagie entwickelt sich langsam. Das führt dazu, dass sie oft nicht effektiv ist, wenn ein Praxxismagier unvorbereitet Magie wirken will.
Mizramagier nutzen unkontrollierte Magie, die sich kaum beherrschen lässt. Somit sind ihre Fähigkeiten viel zerstörerischer, und das hat seinen Preis. Während sie in Kämpfen schneller und mächtiger als Praxxismagier sind, können Mizramagier die Kontrolle über ihre Kräfte verlieren, wenn sie abgelenkt sind oder nicht genügend über ihre Mächte wissen. Mizra ist illegal, da Mizramagier bei einem Kontrollverlust sich selbst und anderen Schaden zufügen und alles um sich herum vernichten können. 

 

Istariol 

Istariol ist ein Mineral, das aus der Erde abgebaut werden kann und dabei hilft, Magie zu verstärken. Es hat die einzigartige Eigenschaft, schwerelos zu werden, sobald es aktiviert wird. Gleichzeitig kann Istariol seine Schwerelosigkeit zum Teil auch an die Natur in der näheren Umgebung abgeben. Das erklärt, warum schwebende Felsen und Gesteinsbrocken in Shamaya keine Seltenheit sind. Der Einsatz von Istariol kann einen Zauber um das zehnfache verstärken. Das Mineral ist sehr begehrt, da fast alle Vorräte aufgebraucht sind und es in der Natur kaum noch vorkommt. 

Weitere Titel der Serie „Das Erbe der Aldar“

Pressestimmen
literaturmarkt.info

„Seine Romane haben definitiv das Zeug zu Klassikern im Bücherregal.“

zuckerkick.com

„Ein spannendes Epos voller spannender Wendungen, das einen nahezu atemlos zurücklässt.“

phantastik-couch.de

„›Die schwebende Zitadelle‹ ist ein buchgewordenes Roadmovie.“

blackbookmagazine.blogspot.com

„Unterhaltsamer Fantasy-Roman“

phantastisch-lesen.com

„›Die schwebende Zitadelle‹ erzählt eine auf traditionelle Art aufgebaute High-Fantasy Geschichte mit Figuren, die den meisten Lesenden wie alte Bekannte vorkommen dürften.“

SciFi Online 

„Das Erzähltempo nimmt nie ab… Ein unterhaltsamer Roman.“

Beneath A Thousand Skies

»Ein zackiges und unterhaltsames Lesevergnügen über eine Welt, von der man nicht genug kriegen kann.«

Amazing Stories 

„Ein rasantes Abenteuer voller Spannung und faszinierender Figuren.“ 

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