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Die schwarze Finca

Die schwarze Finca

Kriminalroman

Taschenbuch
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Die schwarze Finca — Inhalt

Jahre ist es nun schon her, dass Joanas Schwester spurlos verschwand. Ihre spanische Heimat hat Joana mittlerweile verlassen und sich in Deutschland ein neues Leben aufgebaut. Da erhält sie eine Nachricht, die vermuten lässt, dass Carmen doch noch am Leben sein könnte, und Joana macht sich auf nach Andalusien. Die Gewissheit über Carmens Schicksal scheint zum Greifen nah, doch unter der brennenden Sonne Spaniens lauern düstere Wahrheiten …

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 14.05.2013
400 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30095-7

Leseprobe zu »Die schwarze Finca«

1

Da waren wieder diese Träume gewesen … Keine Albträume, sondern Erinnerungssplitter an eine bessere Vergangenheit, zu der sie nur nachts wie unter Hypnose Zugang fand und an die sie sich morgens nicht mehr erinnern konnte.

Maria blieb liegen und musterte die fleckige Kellerdecke. Nach diesen Träumen war sie immer aufgewühlt. Auch jetzt brannten ihre Augen. Tränen liefen ihre eingefallenen Wangen hinunter.

Wann würde er kommen?

Maria wusste nicht, wie spät es war, aber meist kam er gegen Mittag. Da brachte er ihr das Essen für den Tag. Niemals etwas [...]

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1

Da waren wieder diese Träume gewesen … Keine Albträume, sondern Erinnerungssplitter an eine bessere Vergangenheit, zu der sie nur nachts wie unter Hypnose Zugang fand und an die sie sich morgens nicht mehr erinnern konnte.

Maria blieb liegen und musterte die fleckige Kellerdecke. Nach diesen Träumen war sie immer aufgewühlt. Auch jetzt brannten ihre Augen. Tränen liefen ihre eingefallenen Wangen hinunter.

Wann würde er kommen?

Maria wusste nicht, wie spät es war, aber meist kam er gegen Mittag. Da brachte er ihr das Essen für den Tag. Niemals etwas Warmes – nur Brot, ein Stück Salami, gestern ein vertrocknetes Käsesandwich und fade Kuchen mit viel Zucker, damit sie an Gewicht zunahm. Aber Maria nahm nicht an Gewicht zu. Das Gegenteil war der Fall. Irgendeine Krankheit hinderte sie daran. Sie stellte sie sich wie einen langen Wurm vor: einen Wurm, der sich durch ihren Körper fraß und jedes Mal, wenn er von innen gegen ihre Haut stieß, wunde Flecken hinterließ. Dennoch sorgte der Mann sich um sie. Er achtete darauf, dass sie aß, trank, ihre entzündeten Hautstellen einsalbte und sich reinigte.

Er – von dem sie nur die heisere und stotternde Stimme und den fauligen Mundgeruch kannte.

Er – dessen Namen sie nicht wusste und den sie kein einziges Mal zu Gesicht bekommen hatte.

Maria rollte von der Matratze, zog sich am Tisch hoch und humpelte zu dem Eimer in der Ecke. Nachdem sie das Band ihrer Pyjamahose gelöst hatte, beugte sie sich vornüber und hockte sich hin, ohne die Rostspäne zu berühren. Ihre Hände waren trocken, ebenso wie ihre Schenkel und der Rest ihres jungen, verkümmerten Körpers. Der schummrige Lichtstreifen, der durch den tellergroßen vergitterten Kellerschacht fiel, kroch nun schneller von der Matratze auf der einen Seite über den Boden hin zum Klapptisch, den er mittags überquerte. Zum Abend hin schlich der Zeiger ihrer Sonnenuhr an der felsigen Kerkerwand empor bis zu den Spinnweben in der Ecke, ehe das letzte Licht verschwand und nichts als Finsternis zurückließ.

Draußen geht der Sommer zu Ende, dachte Maria. Die Tage zählte sie hier drinnen nicht. Nur die Jahreszeiten. Fünf Sommer lang hielt er sie hier nun schon gefangen, und sie ahnte, dass dieser Sommer ihr letzter gewesen war.

Der Mann würde sie nicht laufen lassen.

Zu oft schon hatte sie ihn angefleht. Sie würde hier sterben – an einer Krankheit oder weil er sie vorher tötete.

Zu Beginn dieses Albtraums, aus dem sie seit Jahren aufzuwachen hoffte, hatte ihr Körper bei jedem Atemzug geschmerzt.

»Nichts Schlimmes, vielleicht ein paar gebrochene Rippen«, hatte er gemeint. Dabei waren die gebrochenen Rippen, die Abschürfungen und anderen Blessuren nicht das Schlimmste gewesen. Es waren ihre Kopfverletzungen, die anfangs nur gelegentliche Wachphasen erlaubt hatten. Jegliches Denken hatte sich auf ihre Schmerzen bezogen. Als diese zögerlich abflauten, zielten ihre Gedanken nur noch ins Leere, was zum Teil bis heute so geblieben war.

Maria war die meiste Zeit allein zwischen den modernden Wänden, von denen ihre flehende Frage nur höhnisch widerhallte: Wie war sie hierhergekommen? Bisher war ihr keine Antwort eingefallen, und auch der Mann ignorierte sie. Es war, als hätte ihr Leben in diesem Kellergewölbe begonnen.

Nicht als kleines Kind, sondern als junge Frau.

Ganz am Anfang war sie einmal komplett durchgedreht, und zwar so heftig, dass er sie an Händen und Füßen fesseln musste, damit sie nicht gegen die Mauern rannte, und dass er sie knebelte, weil er ihre Schreie nicht ertragen konnte.

Darum hatte er begonnen, sich um sie zu kümmern. Er brachte ihr Bücher mit und las ihr daraus vor, weil sie selbst das Lesen und Schreiben kaum noch beherrschte, und unterhielt sich mehr mit ihr, aber trotz ihrer Fragen hatte er ihr niemals von der Welt dort draußen erzählt. Eines Tages, als es so kalt gewesen war, dass sie die wenigen halbdunklen Tagesstunden in ihre Decke eingewickelt verbrachte, hatte er ihr ein Kuscheltier geschenkt. »Feliz Navidad«, hatte er dabei feierlich verkündet. Seither saugte der Stoffhund nachts ihre Tränen auf. Maria wusste, der Mann tat das alles nur, damit sie nicht wieder durchdrehte. Als damals ihr Körper so weit genesen war, dass sie ihr Verlies mit sieben Schritten abschreiten konnte, formte ihr nebliger Verstand in immer kürzeren Abständen nur ein Wort: Flucht.

Ihr einziger Versuch endete mit einer blutenden Kopfwunde, als sie bei einem seiner nächtlichen Besuche bei Dunkelheit gegen die offen stehende Tür gelaufen war. Aber das war lange her.

Nun spürte Maria, dass sie bereit war, das zu tun, wovor er sie immer wieder gewarnt hatte. Ehe sie zu schwach wurde und der Tod sie von ihren Leiden erlöste, musste sie es tun.

Ich werde dir in die Augen sehen, dachte sie entschlossen. Ich will wissen, wer du wirklich bist …

Sie erschrak, als es dreimal gegen die Stahltür klopfte.

Es war sein Zeichen, dass er sie besuchen kam und dass sie sich die Augenbinde überstreifen musste, ehe er das Gewölbe betrat.

 

Es war das erste Mal, dass Maite das »Hotel y Restaurante La Tartana« besuchte. Der von Fackeln beleuchtete Innenhof mit den Rundbögen strahlte eine ganz besondere Aura aus, und sie blieb am Brunnen in der Mitte des mondbeschienenen Gevierts stehen, um Rafael zu küssen. Er bewies Geschmack, was den Ort anbelangte. Er hatte gesagt, er wolle etwas mit ihr feiern – nur worum es ging, hatte er ihr nicht verraten.

An der Bar tranken sie Mojitos zu Kerzenschein und Live-Pianomusik, und der Abend war schon bei fünf Sternen angelangt, noch ehe er so richtig begonnen hatte. Später folgten sie der Kellnerin – die extra für Rafael die Hüften zu wiegen schien – nach draußen. Über verschiedene Terrassenebenen, auf denen jeweils nur zwei, drei Tische standen, gelangten sie an illuminierten Palmen, Bougainvilleen und Orangenbäumen vorbei zu einem Tisch, an dem eine Fackel das über eine Stunde lang perfekt gepuderte Gesicht von Maite ins rechte Licht rückte und außerdem die Moskitos vertrieb.

Der Blick über die Bucht von La Herradura, durch die das Mondlicht – nur unterbrochen vom Schatten einiger Wolken – eine Schneise bis zum Horizont zog, hielt sie lange vom Studium der Speisekarte ab. Ja, »La Tartana« war der perfekte Ort, wenn man etwas zu feiern hatte oder sein Date mit gutem Essen in romantischem Ambiente beeindrucken wollte, sinnierte Maite. Was Rafaels Liebe betraf, war sie sich trotz seiner Zärtlichkeiten nicht so sicher. Ob es von ihrer Seite wirklich Liebe war, wusste sie auch nicht so recht, aber das war bei ihren bisherigen Liebhabern nicht anders gewesen. Sie sah der Bedienung zu, wie sie die Dessertteller abräumte.

»Willst du mir jetzt bitte verraten, was wir hier feiern, Schatz?«, fragte sie. »Weil … wenn ich noch mehr Wein …«

»Un momento …« Rafael nickte einer zweiten Kellnerin zu. Die schien das Zeichen zu verstehen, jedenfalls wieselte sie gleich ins Restaurant.

Na, jetzt bin ich ja mal gespannt, dachte Maite. Was er wohl vorhatte? Würde er einen zweiten Laden aufmachen? Hatte er einen gemeinsamen Urlaub gebucht? Oder im Lotto gewonnen oder etwas geerbt? Ja, sogar an einen Heiratsantrag dachte sie in ihrer Gefühlsduseligkeit, spülte den ungemütlichen Gedanken aber schleunigst mit einem halben Glas Wein hinunter, da es ihr noch immer schwerfiel, sich Rafael als ihren Lebenspartner vorzustellen. Aber für ihren Geschmack war er nun schon zu lange und zu konsequent hinter ihr her, als dass man ihn noch in die Affärenschublade hätte stecken können.

»Wird es dir nicht langsam zu kalt, princesa?«, versuchte er Konversation zu betreiben, während die Bedienung eine Flasche Champagner auf den Tisch stellte. Keinen spanischen Cava-Sekt – nein, echten Champagner! Ein Moët-irgendwas-Brut, der aussah, als koste er so viel wie ein 5-Kilo-Hummer in einem Pariser Haubenlokal.

Während die Kellnerin an der Flasche hantierte, als handelte es sich um einen Feuerwerkskörper, und Rafael ihr dabei auf die Finger – oder in den Ausschnitt? – guckte, musterte sie ihn verstohlen. Ein Leckerbissen war er ja schon, ihr silberlockiger Rafa mit der Künstleraura. Zwar vierzehn Jahre älter als sie, aber agiler als so mancher Jungspund – und sogar einer von der gepflegten Sorte: Von Maniküre über Intimrasur und teure Männercremes bis zum Besuch des Fitnessstudios dreimal pro Woche machte er alles mit, was ihm seine Men’s-Health-Magazine vorschrieben, die sich auf dem Fenstersims seiner Toilette stapelten. Wäre da nur nicht dieser spitze Adamsapfel, dem sie immer beim Hopsen zugucken musste, wenn Rafael sprach.

Aber vielleicht fällt mir das – wie sein unkontrolliertes Zwinkern auch – eines Tages gar nicht mehr auf, dachte sie und las noch mal den weisen Spruch auf dem Zuckerpäckchen neben ihrem Espresso: »Wir lernen nicht zu lieben, wenn wir die perfekte Person gefunden haben, sondern wenn wir die Makel der Person als perfekt betrachten.«

Na, da muss ich noch ein wenig üben, dachte sie und erschrak im nächsten Moment vom Ploppen des Korkens. Die Gläser wurden gefüllt, und die Bedienung zog sich zurück.

Rafael hob sein Glas, und sie tat es ihm nach.

»Maite …«, begann er und stieß sein Glas sanft gegen ihres, ehe er bedeutungsschwanger blinzelnd ihren Blick festhielt. »Maite … Es mag für dich jetzt überraschend kommen. Du wirst es vielleicht sogar für überstürzt halten, aber ich war mir noch mit keiner Frau so sicher …«

Dios mio!, dachte Maite entsetzt. Wo bitte führt das denn jetzt hin? Und Momentchen mal, warst du dir bei deinen zwei Exen damals etwa nicht sicher?

Rafael langte in die Tasche seines marineblauen Sakkos und zog eine kleine, würfelförmige Box heraus.

Der machte wirklich ernst …

Rafael klappte den Würfel auf.

»Und da ich überzeugt bin, dass ich mein restliches Leben an deiner Seite verbringen will, und genauso sicher bin, dass ich dich dein ganzes Leben lang glücklich machen werde …«

Rafael hielt einen Ring in die Höhe.

Schön gesagt, Rafa, dachte Maite. Aber glaubst du das auch wirklich? Und wow! Ist dieser Klunker echt?

»… möchte ich dich bitten, meine Frau zu werden!«

O nein, was antworte ich ihm jetzt, verflucht noch mal …?

 

Sergio tauschte den Eimer gegen einen Kübel Wasser für die tägliche Reinigung aus und setzte sich an das Ende der Matratze. Dann streichelte er Marias harte sehnige Waden.

Sie zog die Füße an und drehte den Kopf in Richtung Mauer.

Heute wieder trotzig?, dachte Sergio und fragte im Tonfall eines fürsorglichen Vaters: »Ha-hast du dich mit der Salbe eingecremt?«

Keine Reaktion.

»Hast du gut g-geschlafen?«

Maria zuckte mit den Achseln.

Sie hatte nie viel geredet. Anfangs schon, als sie ihm all diese Fragen gestellt hatte, die er nicht beantwortete. Als sie wissen wollte, wie sie in diesen Keller gelangt war und warum sie ihn nicht verlassen durfte … Oder wie er hieß und warum sie ihm immer nur mit einer Augenbinde begegnen durfte.

Weil du dich sonst von mir abwenden würdest, so wie es alle Frauen tun, hätte er am liebsten geschrien. Maria war doch seine Freundin – sie durfte sich nicht vor ihm ekeln. Also log er sie an und fabulierte, seine Gesichtszüge glichen denen jener Schönlinge, die ihn ständig mit ebenso tollen Weibern in der Glotze verhöhnten. In der Schule hatten sie ihn wegen seiner verwachsenen Stirn, des verzogenen lippenlosen Mundes, seiner Froschaugen und der holprigen Aussprache immer nur den »stotternden Quasimodo« genannt. Zumindest die netten Jungs. Den gnadenloseren Mitschülern – und auch einigen Mädchen – waren weitaus schlimmere Bezeichnungen für sein Aussehen eingefallen.

In seiner Kindheit hatte er seinen Hass erst an Kleintieren ausgelassen, als Jugendlicher hatte er ihn im Alkohol ertränkt und mit den Jahren mit immer härteren Drogen betäubt, an denen er schon längst verreckt wäre, gäbe es Maria nicht.

Er hatte ihr Leben gerettet, und deshalb besaß er sie.

Wäre er nicht gewesen, wäre Maria längst tot.

Aber auch sie war sein Schutzengel. Ihretwegen hielt er sich von der Grenze zu Delirium und Überdosis fern.

Was würde sonst aus ihr werden? Wer würde sich um Maria kümmern? Ihr zu essen und zu trinken geben oder sich mit ihr unterhalten? Er musste wenigstens ein paar Stunden des Tages clean bleiben, damit er seine Freundin besuchen konnte. Sie betete ihn an, weil sie ihm ihr Leben verdankte, statt ihn anzuglotzen wie die meisten anderen Leute, denen er begegnete, sobald er seine Finca verließ.

Maria gegenüber war Sergio jemand anderes: Seinen Mund mit den verfärbten Zahnstümpfen und den schiefen Lippen beschrieb er ihr wie den wohlgeformten Kussmund des Kerls aus den Vampirromanen, die er ihr brachte, damit sie vor Langeweile nicht durchdrehte. Seinen Körper, den er nur selten wusch und den sie ebenso wie sein Gesicht niemals berühren durfte, musste sie sich hinter ihrer Augenbinde als den sportlichen Körper eines Gleichaltrigen vorstellen. Ja, er war Marias Held, und er gefiel sich in dieser Rolle.

Noch nie in seinen zweiundvierzig Lebensjahren war er der Liebe so nahe gekommen wie mit Maria in seinem Keller. Aber das funktionierte nur, solange die Augenbinde nicht verrutschte und er seine Rolle weiterhin spielen konnte. Sollte Maria ihn jemals zu Gesicht bekommen, wäre ihre Beziehung gelaufen.

Dann müsste er sie töten. Und das wusste Maria auch.

»Du m-musst mehr essen«, tadelte Sergio sie und nahm den Plastikteller vom Tisch. Er pickte Schimmel vom Käsebrot und legte es in ihre Hand.

»Wann lässt du mich frei?«

Es waren Marias erste Worte seit Tagen.

»Schatz … W-wir haben es doch gut hier.«

»Gut habe ich es nur nachts in meinen Träumen.«

»Du weißt, dass das nicht geht. Ich l-liebe dich, wir gehören zusammen, wir haben doch nur uns …«

»Dann will ich nicht mehr weiterleben.« Maria schleuderte ihm das Käsebrot entgegen. Sergio zog sie an den verfilzten Haaren hoch und schlug ihr ins Gesicht. Sie hob zum Schutz die Hände, aber er hatte sich schon wieder unter Kontrolle.

»E-Entschuldigung. Aber so was darfst du nie wieder sagen, hörst du?«

Maria schwieg. »H-hast du mich verstanden?«, wiederholte er bebend, und als Maria keine Regung zeigte, war es wieder mal an der Zeit, ihr die Flausen auszutreiben. Wie das ging, war eines der wenigen Dinge, die er von seinem Vater gelernt hatte. Er zog den Gürtel aus den Laschen seiner einzigen Hose, die noch aus seiner Militärzeit stammte, und fummelte am Knoten ihres Pyjamabands, um ihr Hinterteil zu entblößen. Maria ließ es geschehen. Als das Band des Pyjamas offen war und Sergio den Kopf hob, dauerte es eine Weile, ehe er begriff, was sie inzwischen getan hatte. Sie starrte ihn an.

Zum ersten Mal. Die Augenbinde war ab.

 

2

Als Maite erwachte, war Rafael schon gegangen.

Kein gutes Zeichen …

Bestimmt war er noch sauer. Nach ihrer gestrigen Reaktion auch kein Wunder, dachte sie und gähnte. Dann stand sie auf und ging ins Bad, wo sie sich Wasser ins verkaterte Gesicht spritzte und einen Pickel im Ansatz ihrer runderneuerten Brüste ausdrückte.

Normalerweise verbrachten sie die Sonntage zusammen – aber warum hatte er auch gleich um ihre Hand angehalten? Und das schon nach drei Monaten? Okay, nach drei schönen Monaten ohne viel Streit und Tabus. Aber deswegen gleich heiraten?

Sie machte sich einen Espresso und setzte sich vor ihren Apple.

Joana war online? Maite öffnete ihren Skype-Account, setzte den Kopfhörer auf, rührte Zucker in den Kaffee und verband sich mit ihrer besten Freundin in München.

»Du glaubst nicht, was mir gestern passiert ist …«, begann sie ansatzlos und erzählte vom Abend im »La Tartana«, bis sie beim letzten Schluck Kaffee auf den Punkt kam: »Rafael hat um meine Hand angehalten.«

Es blieb still in der Leitung. Dann knisterte es.

»Joana? Bist du noch dran?«

»Ja, perdona. Xaver sitzt auf meinem Schoß. Er hat eben den Stöpsel rausgezogen. Was hast du gesagt?«

»Ich sagte, Rafael will mich heiraten.«

»Das meinst du doch nicht ernst, oder?«

»Rafael anscheinend schon. Sogar einen Ring hat er mir geschenkt, und zwar keinen Billigklunker. Nein, einen richtigen Brillantring, für den dir jeder Taschendieb den Finger abschneidet. Und heute Morgen ist er einfach weg. Rafael, mein ich – nicht den Ring.«

»Ja, aber … Ihr kennt euch doch noch gar nicht so lange. Ist es nicht ein wenig zu früh …?«

»Genau das denke ich ja auch«, unterbrach sie Joana. »Aber andererseits …« Maite stopfte sich ein Stück Donut in den Mund. »Andererseits hab ich die Zwanziger endgültig hinter mir, und Rafael hat schon was. Glaubst du, er ist der Richtige?«, fragte sie und drehte an ihrem Diamantring.

»Ich kenn ihn ja kaum, nur von damals, als ich ein paarmal in seinem Laden war. Doch nach allem, was du erzählt hast … warum nicht? Was hast du ihm denn geantwortet?«

»Bestimmt wäre er auch ein fürsorglicher Vater«, fuhr Maite fort, ohne auf Joanas Frage einzugehen. »Obwohl ich mich frage, warum er mit seinen fünfundvierzig Jahren und zwei Exfrauen nicht schon ein Kind gezeugt hat. Glaubst du, er ist steril? Dann scheuern wir uns die Becken wund, ohne dass am Ende was dabei rauskommt.«

Maite lachte über diese Vorstellung, und dabei entging ihr, wie jemand ins Zimmer kam. Rafael drückte seine Hand auf ihre Schulter und knallte eine Tüte Brötchen für das Frühstück neben den Laptop.

 

Als Maria in sein abstoßendes Gesicht starrte, war Sergios erste Reaktion, sie an Ort und Stelle mit ihrer Augenbinde zu erdrosseln, die sie eben zum ersten Mal abgenommen hatte. Er warf sie auf die Matratze und presste ihr den Gummizug der Binde über die Kehle. Maria röchelte, doch ihre Augen starrten ihn unverwandt an. Sie wehrte sich nicht, sondern strich ihm beinahe liebevoll mit der Hand durch seine wenigen fettigen Strähnen auf seinem ansonsten kahlen Haupt. So als würde er ihr gerade einen lange ersehnten Wunsch erfüllen.

Weinend vor Schmerz und Wut, wandte Sergio sich ab und drückte das Gummiband fester über ihren Hals.

 

Die Playa naturista de Cantarrijan war an sonnigen Herbsttagen Maites bevorzugter Ort zum Entspannen. Die Touristen waren längst abgereist, und sie mussten sich den Nacktbadestrand selbst am heutigen Sonntag nur mit ein paar Hippies, Homosexuellen und nordeuropäischen Rentnern teilen, die nicht glauben konnten, dass sie ihre runzelige Haut zur Schau stellen konnten, während ihre Landsleute zu Hause bereits heizen mussten.

Die Sonne strahlte vom Himmel, und das kalte türkisfarbene Wasser wirkte besser gegen Maites Kater als Aspirin. Sie steckte ihre mahagonifarbene Haarpracht hoch. Das Haar stammte ursprünglich von einem südamerikanischen Mädchen und war Maite von Almuñécars Starfigaro erst letzte Woche zu einem Preis eingeflochten worden, von dem das Mädchen in Bolivien ihre Familie einen Monat lang ernähren konnte. Maite cremte sich das Gesicht mit Sonnenschutz ein, kramte ihren Spiegel hervor und musterte sich. Sie bleckte die Zähne, die zwar nicht ganz gerade waren, aber dank acht Tagen Bleaching fast wie Klaviertasten glänzten. Ihre Lippen waren so voll, dass manche Leute glaubten, auch ihr Mund wäre aufgespritzt. Da hätte ich mir schon eher die Nase richten lassen, pflegte sie darauf zu antworten, denn ihre etwas knollige und vom Vater vererbte Nase störte sie – von den fehlenden fünfzehn Zentimeter Körpergröße mal abgesehen – am meisten.

Maite steckte den Spiegel weg und langte zu Rafael hinüber. Sie streichelte die Innenseite seiner Schenkel entlang, bis er sich auf den Bauch drehen musste, um seine Erektion vor den anderen Strandbesuchern zu verbergen.

Jetzt war wieder alles gut …

Eingerahmt zwischen mächtigen Felsformationen, schwappte das Meer beruhigend an Land. In der »Bola Marina«, einem der beiden Strandrestaurants, war die Paella für fünfzehn Uhr reserviert, und auch ihr Lieblingswein, eine Flasche Vino Blanco der Bodega Calvente, wurde bereits gekühlt. Dabei hatte es heute Morgen nach dem Telefonat mit Joana, als Rafael unerwartet den Raum betreten hatte, noch ganz anders ausgesehen. »Ich und steril? So ein Schwachsinn!«, hatte er wütend gerufen. »Und du willst nicht heiraten? Auch okay! Du musst es dir noch überlegen? Ich mir auch!«

So hatten sie noch eine ganze Weile weitergemacht, bis beim heftigen Versöhnungssex die Ikealampe auf dem Nachttisch zu Bruch ging. Immerhin war es der erste richtige Zoff, den sie hatten – und obendrein am Tag nach seinem missglückten Heiratsantrag. Wobei eigentlich nur die Reaktion missglückt gewesen war, nicht der Antrag, musste sie sich eingestehen. Als er sie gefragt hatte, ob sie ihn heiraten wolle, hatte sie sich am Champagner verschluckt und einen Hustenanfall bekommen, bis ihr übel wurde. Sie wollte zur Toilette und verhedderte sich mit der Handtasche am Stuhl. Und so kam es, dass sie ihm als Antwort einen Teil des 4-Gänge-Menüs vor die Füße spuckte. Es war ihr unendlich peinlich gewesen. Im »La Tartana« konnte sie sich jedenfalls nicht mehr blicken lassen.

Damit war der Abend gelaufen. Als es ihr im Auto wieder besser ging, faselte sie etwas wie: »Vielleicht sollten wir es uns noch ein wenig überlegen«, aber da hatte er nur noch stur auf den Scheinwerferkegel seines schnittigen Mercedes gestarrt und ihr am Abend nicht mal mehr »Buenas noches« gewünscht.

Ein gut gebauter Mittzwanziger mit einem phallischen Ungetüm watete aus dem Wasser und stierte sie ungeniert an.

Tja, Jungchen, dachte Maite, vor wenigen Monaten noch hätte ich vielleicht einladend auf die Strandliege neben mir geklopft, aber da liegt jetzt Rafael und liest die Sonntagszeitung, wodurch ihm zum Glück dein Röntgenblick entgangen ist.

Maite bedeckte sich mit einem Badetuch und schlug eine Illustrierte auf, weil der Junge etwas zu nahe an ihr vorbei durch den Sand stapfte. Sie befürchtete, er könnte in seiner jugendlichen Erregung ihren grau gelockten Rafael mit der Lesebrille für ihren Vater halten und sie vor seinen Augen anbaggern. Das wäre die nächste Peinlichkeit für Rafael, ihren Zukünftigen …

Es raschelte, als er die Zeitung umblätterte. Maite wandte sich um und versuchte einen Blick darauf zu erhaschen. Aufmacher auf Seite fünf war die Schlagzeile »Neues Flüchtlingsdrama«. Darunter ein Foto mit in Decken gehüllten ausgemergelten Afrikanern und einer Sanitäterin mit einem Kleinkind im Arm. Rafael schien deren Schicksal nicht zu interessieren – er blätterte weiter und studierte lieber die ganzseitige BMW-Werbung auf Seite sechs.

Ihr Zukünftiger … Maite konnte sich immer noch nicht mit dem Gedanken anfreunden. Aber sollte man sich bei solchen Entscheidungen nicht auf sein Bauchgefühl verlassen, anstatt die Vor- und Nachteile einer lebenslangen Bindung abzuwägen wie die Investition in eine teure Cellulitesaugglocke mit Fünfjahresgarantie für ihren kleinen Salon de Belleza?

Sie dachte an den Sex am Vormittag, der so ganz anders gewesen war als bisher. Es hatte jegliche Zärtlichkeit gefehlt, ja, Rafael war grob gewesen. Das Ganze hatte eher einem Racheakt für ihr unsensibles Verhalten geglichen, hatte kaum länger als fünf Minuten gedauert, und von einem Orgasmus war sie bei dem Gerammel so weit entfernt gewesen wie von der Entscheidung für eine Ehe mit Rafael. Und noch etwas war anders gewesen als sonst: Er hatte keinerlei Vorsicht walten lassen, und das in der fruchtbarsten Periode ihres Zyklus.

So als wollte er ihr damit zu verstehen geben: Ich und steril? Na, dir werd ich’s zeigen!

Vielleicht war doch nicht alles ganz so gut, dachte Maite. Sie erhob sich von ihrer Strandliege, merkte, dass der Blick des Jünglings fünf Liegen weiter auf ihren Hintern geleimt war, und rannte über den glühenden Sand ins kalte Wasser, um Körper und Geist abzukühlen.

Es dauerte nicht lange, und der nordisch aussehende Junge stand neben ihr bis zum Hals im Wasser.

»Excuse me … But are you Penelope Cruz?«, fragte er sie. Das war zwar etwas plump, aber er war nicht der Erste, der das fragte. Maite schüttelte den Kopf und spritzte sich Wasser ins Gesicht.

»But you look like …«

»I’m just her younger sister«, schwindelte Maite und watete aus dem Wasser, ehe ihr etwas eifersüchtiger künftiger Ehemann womöglich auf das Flirten des Blondschopfs aufmerksam wurde und ihm die Leviten las.

 

Maria spürte eine seltsame Ruhe. Der Mann, den sie gerade zum ersten Mal zu Gesicht bekommen hatte, drückte ihr die Kehle zu. Sie versuchte zu atmen.

Er hatte nichts mit dem Jungen gemein, als den er sich beschrieben hatte. Natürlich nicht. Das hatte sie schon immer riechen können. Er sah unheimlich aus. Die gewölbte Stirn und die vorstehenden Augen erweckten den Eindruck, als stünde der Kopf unter innerem Druck. Der seitwärts verschobene Kiefer und die nach innen gestülpten Lippen wirkten so, als hätte ihn ein Rammbock gestreift. Sein Blick war hoffnungslos und leer, als hätte er eben vom Tod eines geliebten Menschen erfahren.

Nun wandte er sein Gesicht ab und drückte noch fester zu. Sie hörte sein Schluchzen. Maria strich ihm wie zum Trost über den Kopf und wartete auf die ersehnte Erlösung. Er schüttelte ihre Hand ab, ehe er noch fester zudrückte.

Das Kellergewölbe schien dunkler und dunkler zu werden, als bräche die Nacht in Sekundenschnelle herein. Und dann sah sie auch schon die ersten Sterne. Und den Mond. Oder war das sein Gesicht? Und dann war es vorbei. Jetzt war sie tot. Erlöst. Die Schmerzen waren fort und der Druck an ihrem Hals und im Bauch weg. Sogar etwas Luft bekam sie wieder. Wieso ist das wichtig, wenn man tot ist? Maria hörte ein sonderbares Geräusch. Gab es im Jenseits Tiere? Verletzte Tiere? Dann nahm der Druck auf ihrer Brust wieder zu. Ein Tier lag nun auf ihrem Bauch und heulte.

Maria öffnete die Augen. Der Mann lag weinend auf ihrer Brust. Seine Faust ballte er um die Augenbinde. Das Gummiband war gerissen.

Schade, dachte Maria.

 

3

Aurelio Baena setzte seine Kapitänsmütze auf, die ihm so albern erschien, dass er sie nur nachts in seinem Garten trug, und blickte auf das ihm zu Füßen liegende Salobreña. Der Ort wand sich mit seinen verschachtelten Häusern einen Hügel hoch, auf dessen Kuppe das Castillo thronte, die beleuchtete maurische Burg.

Normalerweise beruhigte Aurelio der erhabene Ausblick aus seinem manikürten Garten hinab zum nächtlichen Geflimmer der weniger Privilegierten, aber nicht heute. Heute hätten sie eine Lieferung abholen sollen, aber der Chef meinte, es sei noch zu früh – der Zeitpunkt sei nicht günstig. Einen Grund hatte er nicht genannt. Auf seine Nachfrage hin erhielt Aurelio nur ein Achselzucken, und selbst Salvador wusste nicht, wieso das so sein musste – und der verdiente sein Brot schließlich bei der Polizei. Allerdings nur das trockene Brot. Die Butter dazu organisierte Salvador sich nämlich – genau wie er selbst – in einem anderen Geschäftsfeld als der Zollbehörde, und zwar einem zollfreien.

Aurelio schwenkte sein Glas zum beschwingten Takt von Mozarts Klaviermusik. Na gut, dann eben morgen oder übermorgen, dachte er und stemmte sich aus seinem Schaukelstuhl. Über den gesprengten Rasen schritt er auf den beleuchteten Pool zu, in dem gerade ein von der Unterwasserlampe in die Irre geführter Nachtfalter seinen Todeskampf ausfocht. Aurelio kreiste mit seinem Fuß im temperierten Wasser und verhalf dem Falter mit seinem behaarten großen Zeh zu weiterem Leben. Er nippte an seinem Weinglas und genoss den Blick über das Mar de Alborán, wie der westlichste Zipfel des Mittelmeers auf den Seekarten ihrer Einsatzschiffe bezeichnet wurde. Der Falter, den er eben noch gerettet hatte, kreuzte sein Sichtfeld und flatterte davon. Aurelio schaute ihm nach. Andere Lebewesen haben ein weniger glückliches Schicksal, dachte er und rülpste, dass die Luft nach dem Kaviar roch, der in seinem Bauch gärte.

Wie viele von ihnen mochten jetzt schon verreckt sein? Morgen oder übermorgen würden sie es wissen. Dabei waren es im Norden Mexikos zigmal so viele wie hier an der beschaulichen Costa Tropical. An der Grenze zu Amerika ging’s auch viel ruppiger zu als in den Gewässern zwischen Marokko und Spanien. Da ließen sie ihre Feinde von Autobahnbrücken baumeln, und das waren noch die Glücklichen unter den Opfern. Dagegen waren ihre Kollateralschäden kaum erwähnenswert. Um die paar Opferlemminge, die es brauchte, um ihre Aktionen glaubhaft durchzuführen, scherte sich doch kein Mensch, beruhigte Aurelio sein Gewissen. Lange würden sie ohnehin nicht mehr …

War da was? Aurelio riss den Kopf herum, sodass seine Kapitänsmütze verrutschte. Doch außerhalb des Leuchtkreises seines Pools war sein Garten nur eine finstere Zypressenmauer, die ihn vor den lüsternen Blicken seines Nachbarn schützte, wenn er sich gelegentlich mit gemieteten slawischen Ludern vergnügte. Vielleicht eine Katze? Aber dieses Geräusch? Ein merkwürdiger Ton, der das Zirpen der Zikaden übertönte und diese mit einem finalen Crescendo zum Schweigen brachte.

Aurelio verschüttete den Rest seines 150-Euro-Weins und hielt das fragile Glas wie eine Waffe vor sich. Eine Gestalt sprang auf ihn zu und stieß ihn rücklings ins Wasser. Bevor Aurelio dem Angreifer seinen Stapel 500-Euro-Scheine im Safe anbieten konnte, wurde sein Nacken unter Wasser gedrückt. Es war ein ungleicher Kampf. Und doch schaffte er es noch zweimal, das Kinn aus dem schäumenden Chlorwasser zu recken, ehe die Gestalt seinen Kopf ein letztes Mal unter Wasser zwang.

Zwei Minuten später perlten die letzten Luftbläschen aus Aurelio Baenas Lunge zusammen mit einer Wolke unverdauten Beluga-Kaviars an die Oberfläche seines Pools.

Rubén de Freitas zog an seiner selbst gedrehten Zigarette, deren Sonntagsmix aus vier Fünfteln Tabak und einem Fünftel Gras aus Eigenanbau bestand. Die Mischung konnte schon mal auf das Verhältnis eins zu eins ansteigen – aber er wollte heute noch ein wenig durch die Kneipen rund um die Plaza Nueva ziehen, auf der Suche nach … Tja, nach was? Nach einer Frau, der er – wenn er sie denn fand – nach ein paar Nächten klarmachen müsste, dass er gar keine feste Beziehung suchte? Noch nicht. Nur was Lockeres vielleicht. »Aha. Noch nicht? Was Lockeres vielleicht? Wie alt bist du? Dreiundvierzig? Werde mal langsam erwachsen!«, würde sie ihm empfehlen, ehe auch sie die Handtasche schnappte und verschwand.

Mit der Fernbedienung stellte er den CD-Player lauter, aus dem gerade Bob Marleys Song »No woman no cry« erklang. So einfach ist das nun auch wieder nicht, Bob, dachte Rubén und zappte einen Song weiter. »I shot the Sheriff« – auch dieses Lied war nicht gerade das, was einen leitenden Mordermittler zum Mitsingen anregte.

Also doch der Reggae von Tyrone Thompson, besser bekannt als Papa San. Rubén wechselte die CD und nahm einen weiteren Zug. Das Marihuana zeigte langsam seine Wirkung.

Ihm gefiel der Name Papa San. Sein 10-Meter-Segelboot hatte er ebenfalls so getauft, und manchen Frauen stellte er sich zu fortgeschrittener Stunde mit diesem Namen vor, was ihm in dem nächtlichen Gewühl eine gewisse Anonymität verlieh. Wegen des krausen Haars und seines Caffè-Latte-Teints, den er zusammen mit seinem Familiennamen de Freitas seinem Großvater aus St. Vincent in den Kleinen Antillen verdankte, glaubten die meisten ihm den Namen sogar. Seine wenigen Amigos nannten ihn Lenny – wegen seiner Ähnlichkeit mit Kravitz.

Rubén lehnte sich, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, in sein Sofa. Wenn er es schaffte, dass ihm eine Kurzentschlossene aus den Kneipen durch die steingepflasterten Gassen hoch in seine Wohnung mit Blick auf die beleuchtete Alhambra folgte, würde sie ihm erst recht glauben, dass er kein herkömmlicher Spanier war, obwohl er in Andalusien geboren war. Flaggen der Karibik und Poster der Strände von Mustique, den Tobago Cays, Palm Island und Mayreau beherrschten die Wände des Wohnzimmers. Man hätte es eher in einer Studenten-WG vermutet als in der Wohnung eines Tenientes der Mordkommission, vor dem die Rekruten zackig salutierten, auch wenn sie sich hinter seinem Rücken über seinen zu Rastalocken gezwirbelten Kinnbart lustig machten.

Außer Lucia – seiner Partnerin bei der Polizei – fanden es die meisten Frauen freaky, dass er sein Essen im Schneidersitz auf der Couch zu sich nahm, weil sein Tisch sich unter einem mobilen Gewächshaus durchbog. Darin standen acht Hanfpflanzen der Marke Pride of Amsterdam in voller Blüte, während sein Kaktus auf dem Balkon längst vertrocknet war.

Rubén schloss die Augen und gab sich seinen Träumen hin, die sich zumeist um Mayreau und den Segeltörn drehten, den er sich vor drei Jahren selbst zum Vierzigsten geschenkt hatte. Damals hatte er erstmals seine karibischen Wurzeln erkundet und das Grab seines Großvaters gefunden. Das Foto auf dem verwitterten Grabstein zeigte ihn mit einem fetten Joint. Ja, auf dieser Insel mit seinen dreihundert glücklichen Einwohnern wollte er auch begraben werden, nachdem er dort seinen Lebensabend zwischen den Windward Inseln segelnd verbracht hatte. Das war sein Traum, den er dank seines Joints so plastisch vor sich sah, dass er glaubte, die Palmenblätter im Wind rascheln zu hören, während er mit einem Cuba Libre in der Hängematte döste. Aber es war nur sein Handy, das seinen Tagtraum verglimmen ließ.

Der Name auf dem Display ließ ihn zögern.

Sonntags verhieß er immer einen Todesfall.

Lucia Cienfuegos drückte auf den Pfeil und steigerte in der Sekunde, als die Uhr auf dem Display des Laufbands auf zwanzig Minuten sprang, ihre Geschwindigkeit von neun auf elf Stundenkilometer. Sie zog ihre Wasserflasche aus der Halterung und trank, ohne aus dem Rhythmus zu fallen. Lucias iPod war so laut eingestellt, dass sie das Trommeln ihrer langen Beine auf dem Laufband nicht hörte. Die Musik von Coldplay passte auch nicht so recht zu den Bildern des neuesten Terroranschlags im Nahen Osten, der über den Flatscreen flimmerte, gegen den sie anrannte.

Beim Laufen wollte sie an gar nichts denken. Nicht an ihren Job, der sie immer mehr forderte, nicht an unbezahlte Rechnungen, nicht an ihre On-and-off-Beziehung mit Teresa und nicht an ihren pubertierenden Sohn Damian, den sie bisher alleine erzogen hatte und der nun zu seinem Vater nach Barcelona wollte, weil sie in seinen Augen eine »blöde Lesbe« war.

Trotzdem wanderten ihre Gedanken immer wieder zu ihrem Kollegen. Rubén und sie führten eine erfolgreiche Partnerschaft – sie galten sogar als Traumpaar mit einer makellosen Aufklärungsquote seit dem Bestehen ihrer Beziehung als Señora und Señor Mord & Totschlag. Aber es war nicht der berufliche Aspekt ihrer Partnerschaft, der sie das Tempo des Laufbands immer weiter steigern ließ, bis sie mit zwölf Komma fünf Stundenkilometern vor den Gedanken an ihn davonrannte.

Der Anruf erwischte Lucia an der Rückenmaschine. Sie zog das Handy aus ihrer Sporthose, stellte den iPod ab und lauschte den Ausführungen ihres Chefs: »Wir haben hier einen Todesfall mit möglicher Fremdeinwirkung. Sie und Rubén sollten sich das mal ansehen … Ja, jetzt sofort, und ich weiß, es ist Sonntag … Nein, Rubén ist noch nicht informiert …«

Das hat mir gerade noch gefehlt, dachte sie und sah auf die Uhr. Zwanzig vor acht. Sie hastete zu den Umkleiden und rannte beinahe in den übel transpirierenden Typen mit Muskelshirt, der sie schon die halbe Trainingseinheit über stalkte und immer genau am Nachbargerät seinen schwabbeligen Körper stählen musste.

Lucia Cienfuegos sank auf die Holzbank, lehnte sich gegen ihren Spind und wählte die Nummer ihres Partners Rubén de Freitas. Während sie dem Freizeichen lauschte, sank ihr Puls zum ersten Mal seit anderthalb Stunden wieder auf unter hundert Schläge pro Minute.

»Es gibt Arbeit, Rubén«, sagte sie ohne Umschweife, als er sich am anderen Ende der Leitung gemeldet hatte. »An der Küste, und zwar in der Wohnsiedlung Monte de los Almendros bei Salobreña. Ein Gärtner hat einen Villenbesitzer in seinem Pool ertrunken aufgefunden. Der Gerichtsmediziner hat die Leichenschau abgeschlossen und schließt eine Fremdeinwirkung nicht aus, weil er Hämatome an …«

»Gut, Honey Bunny, dann machen wir morgen einen Ausflug an die Küste. Ich muss eh mal wieder nach meinem Boot sehen.«

»Nix da – jetzt sofort. Der Chef hat denen da unten extra Anweisung gegeben, den Leichnam nicht abzutransportieren, ehe wir am Tatort eingetroffen sind. Die Spurensicherung ist auch schon dort.«

»Aber der Mann ist doch morgen auch noch tot. Und bis dahin haben die Spurensicherung und die Gerichtsmedizin vielleicht schon mehr Anhaltspunkte.«

»Vergiss es – um halb neun bei mir!«

»Lucia … Ich …«

»Halb neun und keine Minute später.«

»Hm, könntest du vielleicht fahren?«

»Wieso ich denn? Du fährst doch sonst immer, weil du – ich zitiere: sogar nach einer Flasche Rum noch sicherer fährst als ich.«

»Hab ich das gesagt? Kann mich nicht mehr erinnern – muss wohl nach einer Flasche Rum gewesen sein … Na ja, ich bin etwas bekifft. Woher sollte ich wissen, dass heute noch …«

»Du … du bist so ein … Okay, dann um halb neun bei dir! Aber dusch dich vorher kalt ab, hörst du?«

Eduard Freundlinger

Über Eduard Freundlinger

Biografie

Eduard Freundlinger wurde in einem kleinen Dorf in der Nähe von Salzburg geboren, das er mit Anfang zwanzig verließ, um die große weite Welt zu erkunden. Nach Reisen in über fünfzig Länder und einer jahrelangen Segelreise in Südamerika und der Karibik wurde er vor mittlerweile über fünfzehn Jahren...

Weitere Titel der Serie »Andalusien-Krimis«

Packende Krimis von Eduard Freundlinger mit wechselnder Ermittlerfigur, die vor der traumhaften Kulisse Andalusiens spielen.

Pressestimmen

Hitradio RT1

»Absolut guter Lesestoff - keine Sekunde langweilig, authentisch, ausgeklügelt, mit etlichen Überraschungsmomenten und nicht zuletzt mit einem feinem Schuss Humor. (...) Hoffentlich bald mehr als nur ein Geheimtipp.«

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