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Die Schritte zu deinem HerzenDie Schritte zu deinem Herzen

Die Schritte zu deinem Herzen

Roman

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Die Schritte zu deinem Herzen — Inhalt

Im glamourösen New York der 60er Jahre tanzen zwei Herzen in eine neue Richtung …
New York City, 1961. Das scheinbar perfekte Leben der Ballettlehrerin Tess Blythe bricht in sich zusammen, als ihr Mann nach über zwanzig Jahren Ehe um die Scheidung bittet. Nachdem Tess ihr eigenes Glück stets dem ihrer Familie untergeordnet hat, muss sie sich nun zum ersten Mal fragen, was sie in ihrem Leben wirklich will. Durch die bevorstehende Hochzeit ihres Sohnes lernt sie die Familie ihrer zukünftigen Schwiegertochter kennen und begegnet so Marco Affini. Der italienische Schuhmacher weckt eine Sehnsucht in ihr, die sie lange Zeit in sich verborgen hat. Und mit jedem Schritt in seine Richtung beginnt ihr Herz, endlich wieder zu tanzen …

Der neue Liebesroman von SPIEGEL-Bestsellerautorin Kate Lord Brown ist nostalgisch schön und klingt lange nach.

„Browns Erzählstil ist einfach wunderbar. Es gelingt ihr, den Leser bis zur letzten Seite zu fesseln.“ The Bookseller

„Kate Lord Brown schreibt Geschichten, die den Leser zu Tränen rühren.“ literaturmarkt.info

Kate Lord Brown wuchs in der englischen Grafschaft Devon auf. Nach ihrem Studium am Courtauld Institute of Art war sie zunächst als internationale Kunstberaterin tätig. Später zog sie mit ihrer Familie nach Valencia und widmete sich dort dem Schreiben. „Das Haus der Tänzerin“, ihr erster auf Deutsch erschienener Roman, stand mehrere Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Heute lebt sie in Großbritannien.

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erscheint am 30.11.2020
Übersetzt von: Elke Link
448 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31587-6
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erscheint am 30.11.2020
Übersetzt von: Elke Link
416 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99687-7

Leseprobe zu „Die Schritte zu deinem Herzen“

Prolog

Hongkong 1939

»Elizabeth Martha Montgomery, willst du diesen Mann zu deinem rechtmäßig angetrauten Ehemann nehmen …?«

Will ich? Für Tess war es so ungewohnt, nach ihrer Meinung gefragt zu werden, dass es ihr einen Augenblick lang die Sprache verschlug. Sie wagte es nicht, in Kits hoffnungsvolles Gesicht zu blicken, schließlich könnte er ihr ihre Unsicherheit anmerken. Er sah blendend aus, war so perfekt, so gut. Kurz malte sie sich aus, mit ihrem Strauß aus weißen Chrysanthemen auf ihn einzuschlagen. Mrs Christopher Blythe, Mrs Christopher [...]

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Prolog

Hongkong 1939

»Elizabeth Martha Montgomery, willst du diesen Mann zu deinem rechtmäßig angetrauten Ehemann nehmen …?«

Will ich? Für Tess war es so ungewohnt, nach ihrer Meinung gefragt zu werden, dass es ihr einen Augenblick lang die Sprache verschlug. Sie wagte es nicht, in Kits hoffnungsvolles Gesicht zu blicken, schließlich könnte er ihr ihre Unsicherheit anmerken. Er sah blendend aus, war so perfekt, so gut. Kurz malte sie sich aus, mit ihrem Strauß aus weißen Chrysanthemen auf ihn einzuschlagen. Mrs Christopher Blythe, Mrs Christopher Blythe, wiederholte sie im Geiste immer wieder, und ihre Blicke irrten durch den kühlen blauen Schatten der St John’s Cathedral, in der Hoffnung auf eine sichere Antwort. Sie wusste, er war irgendwo dort, unter den Hochzeitsgästen, die sich in der Kirche versammelt hatten. Ihr Bauchgefühl sagte ihr, sie solle „Nein!“ rufen, weglaufen. Sie stellte sich vor, wie sie durch den Mittelgang flüchtete, durch das Wäldchen mit Banyanbäumen und Palmen entkam, Chiffon, Spitze, Blütenblätter hinter sich herziehend, und der Blumenstrauß flog durch die Luft, während Kakadus und Papageien sie anfeuerten. Aber diese vielen Leute hier. Die Besucher waren gleichmäßig auf den Bänken verteilt worden wie ausgepflanzte Setzlinge, denen Platz eingeräumt wurde, um den Mangel an Gästen von Kits Seite her zu verbergen. Habe ich eine Wahl? Sie suchte nach der Tür, ihr Herz flatterte wie ein Vogel, der hinter einer Glasscheibe gefangen war. Ich kann das nicht durchziehen. Es ist nicht gerecht gegenüber Kit. Sie sah ihre Eltern. Die Miene ihres Vaters war undurchdringlich wie gewöhnlich, er hatte die stolze Haltung eines Marineoffiziers der China Station eingenommen. Ihre Mutter, Elizabeth die Erste, wie Tess sie bei sich nannte – immer Elizabeth, niemals Liz oder Lizzy, geschweige denn Tess, versuchte vergeblich, die Mischung aus Erleichterung und Überraschung, die sie während der letzten zwei Wochen permanent präsentierte, zu verschleiern. Immer wieder warf sie verstohlen fröhliche Blicke nach hinten zu den Gästen. Elizabeth Montgomery sprühte vor Energie, sie bewegte den Kopf auf und ab wie ein Kanarienvogel und überprüfte, ob die Prominenz der Kolonie auch angekommen war, statt sich auf Tess und Kit zu konzentrieren: Sind schon alle da? Sind sie beeindruckt? Was für ein Bravourstück, Sir Percy auf der Hochzeit meiner Tochter zu haben.

Die enge Haube von Tess’ Schleier drückte gegen ihre pochenden Schläfen, Hitze breitete sich über ihrer Wirbelsäule aus wie Flammen, die trockenes Gras verschlangen, und eine Schweißperle lief ihr über den Rücken. Sie wünschte, ihre Mutter hätte nicht auf einer so furchtbar schweren Seide für das Kleid bestanden. Funken tanzten ihr vor den Augen, und sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Ich hätte etwas frühstücken sollen, egal, was Mutter gesagt hat. Ihr leerer Magen krampfte sich zusammen, ihr wurde wieder übel. Ich darf nicht umkippen. Sie zwang sich, sich auf die Worte zu konzentrieren, die der Priester intonierte. Will ich? Will ich? Sie schöpfte tief Atem und zuckte zusammen. In der Eile hatte die Schneiderin eine Nadel im Ärmel des schweren Seidenkleids übersehen. Seit Tess das Haus ihrer Eltern auf dem Peak verlassen hatte, pikste die silberne Spitze sie in ihren zarten, bleichen Unterarm.

O Gott, ist es denn wichtig, dass ich nicht bis über beide Ohren in Kit verliebt bin? Wie ihre Mutter mit einer Beständigkeit, die der telefonischen Zeitansage Schande machen würde, betonte, war sie nicht in einer Position, wählerisch zu sein. Ich kann ihn doch lieben lernen. Sein Antrag kam zu einem so guten Zeitpunkt, war eine so große Erleichterung. Sie sollte doch eigentlich glücklich sein!

Tess blickte hinunter auf die Spitzen ihrer Seidenschuhe, die unter den Röcken hervorlugten. Wenigstens kann man in dem Kleid deine Riesenfüße nicht sehen, hatte ihre Mutter angemerkt.

»Willst du …?«

Was habe ich für eine Wahl? Ich muss das Richtige tun. Bruchstücke aus Unterhaltungen stellten sich ein: „Wer hätte das gedacht? Was für ein Glück für dich. Siebzehn Jahre jung und verliebt in den heiratswürdigsten Junggesellen in Hongkong. Kit ist ein großartiger Fang.“ Tess unterdrückte ihre Übelkeit. Sie hätte alles für einen Schluck kaltes Wasser gegeben, ihr trockener Mund öffnete sich unwillkürlich, als sie an ein beschlagenes Glas dachte. Sie spürte Kit, er wartete auf sie, und sie blickte ihm endlich in die ruhigen, freundlichen blauen Augen. Er ist wirklich freundlich. Und gebildet, und in seiner Marineuniform sieht er furchtbar gut aus. Alles sagen, wie glücklich ich mich schätzen kann. Alle. Dahinter sah sie das aschfahle Gesicht des Trauzeugen, der sie beide mit geröteten Augen anstarrte. Ist er verkatert? Er sieht aus, als hätte er geweint. Tess zwang sich, sich auf Kit zu konzentrieren. Sie wagte es nicht, einen Blick auf die versammelten Gäste zu werfen. Sie wusste, er war da, sah zu.

„… bis dass der Tod euch scheidet.“

Das Schweigen durchdrang die Kirche, sammelte sich in den dunklen Ecken, wartete. Tess blickte starr auf die Spitzen ihrer weißen Seidenschuhe, und plötzlich schoss kalte Angst durch sie hindurch, die Erinnerung an einen Blutstropfen, einen sich ausbreitenden Fleck. Sie blinzelte das Bild fort. Sie spürte ein Flattern im Bauch, als ihr die Endgültigkeit bewusst wurde, die Zukunft, die sich unendlich vor ihr ausstreckte wie der Looping einer Achterbahn in Richtung eines unsichtbaren Ziels.

Er ist ein guter Fang für ein Mädchen wie dich, hatte eine Bridgepartnerin ihrer Mutter ein paar Abende zuvor gesagt.

Ein Mädchen wie mich?

Unabhängig. Klug. Er wird dich an nichts hindern.

Er ist wirklich ein guter Mann, dachte Tess jetzt. Zu gut für mich. Ich bin schlecht, und ich bin beschädigt. Wenn Tess sich ihr Inneres vorstellte, dann dachte sie an zerbrochene Spiegel, an Eisscherben. Als hätte sich die Nadel in ihrem Ärmel von ihrem Herzen gelöst und würde sie ins Gewissen stechen. Ich bin kaputt.

Sie erinnerte sich, wie sie als Kind mit den Fingern unter Wasser einen Käfig gebildet und einen Goldfisch darin gehalten hatte, erinnerte sich, wie sein schimmernder Schwanz sie sanft berührt hatte. Ein guter Fang. Die Bewegung in ihrem Bauch unter der beruhigenden Handfläche war genauso leicht, genauso nachdrücklich und voller Leben.

Es ist zu spät, dachte sie. Was habe ich denn für eine Wahl?

Das Schweigen schien sich auszudehnen, das Blut rauschte ihr in den Ohren. Da lächelte Kit und zwinkerte ihr zu. Sie kehrte zurück in den Augenblick, nahm das Licht aus den Fenstern des Kirchenschiffs wahr, hörte jenseits der bleichen weißen Wände die Stadt, die sie liebte. Will ich?

Wenn Tess in den folgenden Jahren von diesem Moment träumte, hörte sie das Kreischen einer fallenden Mörsergranate. Dann nichts mehr. Die Vernunft sagte ihr, dass Hongkong erst im Dezember 1941 erobert wurde, dass sie und ihr Sohn damals längst in Somerset und in Sicherheit waren. Aber nicht Kit. Und ihre Eltern auch nicht. Vielleicht hatte Tess seit diesem Augenblick ihrer Hochzeit einfach das Gefühl, dass sich etwas Explosives in ihrem Leben befand. Die Gefahr, dass etwas jeden Moment hochzugehen drohte.

 

1

New York, Oktober 1961

Vielleicht hatte Tess es nur geträumt. Alles kam ihr viel zu normal vor. Am Morgen, nachdem er seine Frau um die Scheidung gebeten hatte, frühstückte Kit Blythe wie jeden Tag pünktlich um acht Uhr hoch oben über dem Central Park im Esszimmer seines Penthouseapartments in der 5th Avenue 1040.

„Ich würde ja zu gerne dem Direktor schreiben“, fuhr Kit fort. „Stell dir nur vor, Matisse’ ›Le Bateau‹ verkehrt herum aufzuhängen. Wie ich zu Mr und Mrs Hoffman sagte, wenn das Museum of Modern Art es nicht hinkriegt, wie soll es dann der Plebs schaffen?“

Er schlug die frische Ausgabe der New York Times auf, die sein Gesicht vor Tess’ Blick verborgen hatte, und streckte die Hand nach einer weiteren Scheibe Toast aus. Die Morgensonne schimmerte auf dem goldenen Siegelring an seinem kleinen Finger, seinen säuberlich manikürten Nägeln. Tess hatte es immer geärgert, dass Kit so schöne Hände hatte. Es kam ihr irgendwie ungerecht vor, dass seine Nägel vollkommene Ovale waren, im Gegensatz zu ihren eigenen, die sich stur weigerten zu wachsen und ständig splitterten oder abbrachen. Die Titelschlagzeile Riesige Saturnrakete gestartet fiel ihr ins Auge.

„Ich bin froh, dass wir zivilisiert damit umgehen, meine Liebe“, sagte Kit.

Zivilisiert?, dachte Tess und setzte sich an ihren Platz ihm gegenüber. Am liebsten hätte sie ihn am Kragen seines Brooks-Brothers-Hemds gepackt und ihn geschüttelt. Sie wollte kohlschwarze Tränen um ihre Ehe weinen und das Gesicht an seiner gestärkten weißen Brust vergraben. Es musste doch etwas geben, das die Zerstörung ihres Lebens sichtbar machte? Es war unerträglich, dass sie sich beim Aufwachen einer Welt gegenübersah, die so normal wirkte.

»Ich würde nicht gerne …«, sagte Kit.

„Glaubst du wirklich, am Ende dieses Jahrzehnts wird es Menschen auf dem Mond geben?“, unterbrach sie ihn.

„Lächerlich.“ Kit tupfte sich mit einer schweren Damastserviette einen Krümel vom Mundwinkel. Die Art, wie Kit die Silben dieses Wortes aussprach, ließ sie an Glasmurmeln denken. Also, ich könnte Ihrem Mann den ganzen Tag zuhören, hatte eine seiner Kundinnen ihr einmal atemlos gestanden. Was für eine schöne Stimme. Niemand von ihnen wusste, wie das Leben mit Kit wirklich war. Erst letzte Woche hatte eine Freundin zu ihr gesagt: Du bist die einzige Frau, der ich meinen Mann anvertrauen würde. Du und Kit habt die letzte gute Ehe in der ganzen Stadt.

„Ich würde gerne auf den Mond.“ Tess blies in ihre dampfende Tasse mit heißer Zitrone.

„Du?“ Er lachte hinter seiner Zeitung.

Wieso nicht?, dachte sie. „Ich kann doch jetzt machen, was ich will.“

„Sei nicht so, Schatz.“ Kit trank einen Schluck Kaffee. „Iih!“, stieß er aus. „Kein Zucker.“ Die Tasse klapperte auf der Untertasse. „Andererseits, wenn Kennedy jetzt will, dass wir alle Atomschutzbunker bauen, dann bist du auf deinem Mond vielleicht besser dran.“

Sie stand auf, ließ eine Grapefruit unangetastet auf ihrem Teller liegen und gab zwei Zuckerwürfel in Kits Tasse. „Du wirst dich daran gewöhnen müssen, dich selbst um dich zu kümmern.“ Sie wandte sich den raumhohen Fenstern zu und betrachtete die Morgensonne, die sich durch den Dunst über dem Reservoir und dem Park brannte. Tess stellte sich vor, wie sie durch den Weltraum trieb und die Erde und all ihre unbedeutenden Probleme immer kleiner wurden, und Ruhe und Frieden erfüllten sie.

„Außerdem habe ich gehört, dass Bloomingdale’s nicht zum Mond liefert.“

„Idiot“, sagte sie leise. Ihre tizianroten Haare fielen ihr offen über eine Schulter, ihr nilgrüner Seidenkimono lag auf dem Boden auf. Sie hob die durchscheinende Porzellantasse an die Lippen und blies wieder sanft darüber, sodass der Dampf die Sonne verschleierte. Er isst geräuschlos, dachte sie. Das ist wenigstens etwas. Im Vergleich zu den Ehemännern mancher ihrer Freundinnen hatte Kit immer tadellose Manieren gehabt. Wie oft hatten Leute zu ihr gesagt: Du hast so ein Glück, mit Kit verheiratet zu sein. Er ist ein wahrer Gentleman und hat so einen guten Geschmack. Die Verkörperung des Engländers in New York.

„Wie hast du geschlafen?“, fragte sie. In diesem Moment empfand sie es nicht so, als hätte sie besonderes Glück.

„Nicht schlecht.“

„Ich habe kein bisschen geschlafen.“ Tess rieb sich die Schläfen. Sie stellte sich eine Armee winziger Figuren vor, die die funkelnden Höhlungen in ihrem Hirn mit Spitzhacken bearbeiteten. »Ich hatte deine Tür gehört …«

„Bist du jetzt mein Gefängniswärter?“

„Fang nicht an, Kit.“

„Ich wollte dich nicht wecken.“

Tess schloss die Augen, zwang sich, langsam zu atmen, bevor sie antwortete. Sie kannte diesen bockigen Ton gut. „Kannst du auch nicht schlafen?“, fragte sie freundlich. »Es … es war ein Schock. In meinem Badezimmer sind Schlaftabletten, falls du …«

„Herrgott noch mal, Tess. Mir war einfach nach einem Spaziergang.“ Kit blätterte um. »Ich werde erst entspannen können, wenn die Arbeit für die Hoffmans erledigt ist. Habe ich dir erzählt, dass Mrs Hoffman auf goldenen Delfinwasserhähnen und einer Tapete mit Tiki-Print für das Hauptbadezimmer besteht? Ich hatte gehofft, ich hätte sie ein bisschen erzogen …«

„Du hast also nicht ein Mal über uns nachgedacht?“ Tess schüttelte den Kopf.

„Wir wollen doch zivilisiert damit umgehen.“

„Ach, Verzeihung.“ Tess’ Hand zitterte, als sie sich setzte und die Tasse auf die Untertasse stellte. „Natürlich. Hoffman. Hoffman. … Die in der Park Avenue? Goldene Delfinwasserhähne und Tiki-Print-Tapete? Nicht schlecht.“ Kit verzog das Gesicht. „Ach, das wird wunderschön. Alle deine Projekte sind gut.“

„Sobald ich damit fertig bin und wieder klar denken kann, treffen wir alle Vorkehrungen.“

„Vorkehrungen?“ Tess blickte auf ihre Hände.

„Die Scheidung, Tess. Wir müssen entscheiden, was wir mit Bobby machen, mit dieser Wohnung.“

„Du warst derjenige, der dieses lächerliche Mausoleum wollte.“ Sie machte eine ungestüme Geste, sodass die Porzellantasse zu Boden fiel und zerbrach. „Du und deine verdammte Obsession mit Zeit der Unschuld.“

„Du Tollpatsch.“ Kit schnalzte mit der Zunge.

Sie blickte hinunter auf die feinen Scherben, die in einer sanft dampfenden Wasserpfütze auf dem Parkett lagen. „Das war die Letzte von dem Set aus Hongkong.“ Irgendwie schien das zu passen. Tess kämpfte gegen die Versuchung an, zur Anrichte zu treten und jedes einzelne Stück wertvolles Porzellan und jeden Bone-China-Teller wie ein Frisbee durch den Raum zu schleudern. Bei der Vorstellung, wie Kit in Deckung ging und versuchte, sie zu retten, lächelte sie in sich hinein. »Kit, können wir nicht darüber reden, bitte …« Sie unterbrach sich, als es an der Tür klopfte, und warf einen Blick über die Schulter, immer noch mit dem wilden Geklapper der Pfoten ihres Hundes auf dem Parkettboden rechnend. „Er fehlt mir“, sagte sie.

„Wer?“

„Bingo.“

Draußen begrüßte ihre Haushälterin Bessie jemanden. Aus dem Vorraum drangen das beruhigende Brummen des Staubsaugers und das gedämpfte Klingeln des Aufzugs, als die Wohnungstür ins Schloss fiel.

„Wie auf ein Stichwort.“ Kit legte seine Zeitung zusammen und lächelte zu Bessie auf, die einen großen Weidenkorb zum Tisch trug. Kits leicht gebräuntes Gesicht war frisch rasiert, seine goldfarbenen Haare waren noch feucht von der Dusche. Er sieht immer noch gut aus, dachte Tess. Die Erkenntnis, dass es bald einen Tag geben würde, an dem er nicht mehr der erste Mensch war, den sie am Morgen sah, traf sie wie ein Schlag auf die Brust, und sie schnappte unwillkürlich nach Luft. Irgendwann einmal hatte sie ihre Ehe, ihre Familie im Herzen getragen wie ein Geschenk, wie einen kostbaren, vom Meer geglätteten Stein. Sein Gewicht war zuverlässig und echt. Er erdete sie, ruhig und sicher. Wie konnte es sein, dass ihr nicht aufgefallen war, dass er weg war? Als Kit ihr sagte, er wolle sich scheiden lassen, spürte Tess, wie ein unergründliches dunkles Loch in ihrem Herzen entstand und alles wegriss, was sie kannte, alles, was sie liebte. Nun sah sie ihn an, leicht benommen und erschüttert. „Danke!“ Kit nahm den Korb. „Mach die Augen zu“, sagte er zu Tess.

„Kit, ich bin jetzt wirklich nicht in der Stimmung für Spielchen.“ Sie war den Tränen nahe.

„Vertrau mir“, sagte er sanft und wartete, bis Bessie gegangen war. „Mach die Augen zu.“ Hinter ihren Augenlidern verblasste ein Strahlenkranz, bis alles ganz dunkel war, und Tess lauschte aufmerksam. „Hier, bitte“, sagte Kit, und sie fuhr überrascht zusammen, als sie Krallen in dem Korb scharren, ein erbärmliches Wimmern vernahm.

„Kit, was hast du dir bloß gedacht?“ Tess stellte sich ein weißes Fellknäuel mit einer roten Satinschleife vor. »Du hast doch nicht …«

»Ich weiß, wie niedergeschlagen du bist, seit Bingo tot ist, und nachdem Bobby jetzt am College ist, na ja …«

„Du dachtest, ich wäre einsam.“ Sie spürte das Gewicht des Hundes auf ihrem Schoß, die zitternde Flanke, den schnellen Herzschlag durch das weiche Fell und die dünnen Rippen. „Das ist wirklich typisch. Man kann sich darauf verlassen, dass du so etwas planst und es unmöglich machst, dich zu hassen.“

„Ich liebe dich, Tess, das weißt du.“ Kit strich ihr über das Kinn. »Ich werde dich immer lieben, aber …«

„Aber das genügt dir nicht mehr.“

„Uns beiden nicht.“

Sie hielt die Augen geschlossen, als sie sich an ihn lehnte, versuchte, sich zu fassen und die Tränen zurückzuhalten. »Ich ertrage das nicht, Kit. Du bist nicht nur mein Mann, du bist mein bester Freund. Wie soll ich denn …?«

„Bitte nicht. Weine nicht. Du brichst mir das Herz.“ Kit kniete sich neben Tess auf den Boden und nahm ihre Hand, drückte ihre Finger an die Lippen. „Wir werden immer Freunde sein. Du bist stark, Tess. Du wirst stark sein, und du wirst wieder glücklich sein. Nur das ist mir wichtig. Wir brauchen das beide.“ Er räusperte sich. „Willst du sie dir denn mal ansehen?“

Tess’ Augen glänzten, als sie blinzelte und auf den Pekinesen hinabblickte. Er sah mit einem klaren, dunklen Auge zu ihr auf. Das andere war zugenäht, eine zackige Reihe von dunklen, zitternden Fadenwimpern, das Fell kurz geschoren.

„Ach, du armes Ding. Was haben sie dir denn angetan?“, flüsterte Tess und legte die Hand an die Flanke des Hundes. Sie spürte, wie die Anspannung des kleinen Tiers bei ihrer Berührung dahinfloss wie Regen in trockene Erde. „Sieh dir die Kleine an, Kit. Unvorstellbar, dass sie Menschen immer noch traut, nach allem, was sie durchgemacht hat.“

„Weißt du noch, in was für einem Zustand Bingo war, als du ihn adoptiert hast? Ich dachte mir, wenn jemand dieser Kleinen zu einem guten Leben verhelfen kann, dann du. Man hat sie angebunden auf einem Hof in der Canal Street gefunden. Keine Spur von einem Besitzer.“ Kit ging in die Hocke. „Wie nennst du sie?“

Tess dachte einen Augenblick nach. „Looty II, nach meiner ersten Pekinesenhündin. Ich habe sie nach der von Queen Victoria benannt“, sagte sie. »Danke! Es ist nett von dir, dass du …« Dass du dir vorstellst, wie allein ich bin. Tess biss sich auf die Lippen, ihr Magen zog sich vor Angst zusammen. Ich weiß nicht, wie das geht. Ich weiß nicht, wie man allein ist.

»Ich habe jedes Tierheim in der Stadt nach einem Pekinesen abgesucht, hundertmal telefoniert …«

„Was ist denn mit ihr passiert?“, unterbrach sie ihn.

„Sie glauben, sie wurde angegriffen oder getreten. Armes Ding. Sie konnten ihr Auge nicht retten.“

Sie sieht so aus, wie ich mich fühle, dachte Tess, als sie zu ihr hinunterblickte. Versehrt. Der Hund duckte sich, als sich ein Schlüssel im Schloss drehte und die Tür in der Diele zuschlug. „Alles gut.“ Tess drückte sie fester an sich. „Keine Sorge, dir wird nie mehr jemand wehtun.“

„Guten Morgen! Was für ein wunderbarer Morgen“, rief Bobby und warf seinen grauen Filzhut auf den Hutständer. Er schlüpfte aus seiner Jacke und hängte sie über die Lehne seines Stuhls am Tisch. „Was, zum Teufel, ist denn das?“ Er zog eine Grimasse, als er den Hund betrachtete.

„Halt dir die Ohren zu, Looty“, sagte Tess. „Sie ist ein Geschenk von deinem Vater. Du weißt, wie es mir gefehlt hat, einen Hund zu haben. Bessie“, rief sie die Haushälterin, »ihre Nase ist ein bisschen trocken, geben Sie ihr doch bitte etwas Wasser – und im Kühlschrank ist noch etwas kaltes Hähnchen. Ach ja, und könnten Sie Bingos altes Bett aus der Abstellkammer holen?« Sie reichte ihr den Hund. „Danke!“

„Guten Morgen!“, begrüßte Kit Bobby. „Oder gute Nacht?“

„Ich habe mir Sorgen gemacht.“ Tess ging auf ihren Sohn zu.

„Ich bin schon groß, Mom.“ Er legte ihr den Arm um die Taille und hob ihre Hand, um sie im Kreis zu drehen. „Ich war tanzen. Dagegen hast du doch bestimmt nichts?“

„Die ganze Nacht?“ Kit zog eine Augenbraue hoch.

„Wozu sind denn sonst die Freitagabende da? Komm nächstes Mal einfach mit!“, sagte Bobby zu Tess. Die Hüfte schwingend, tanzte er von ihr weg. „Twist, Mom! Die jungen Leute fahren alle total darauf ab. Du wärst begeistert.“

„Ich bin zu alt für den Twist.“ Tess lachte und setzte sich an den Kopf des Tisches, gegenüber von Kit. Die Falten ihres Kimonos glänzten wie Perlmutt. Als sie das Gesicht ihres Mannes betrachtete, das ihr so vertraut war wie ihr eigenes, fand sie, er sah müde aus, seine hellen Haare wurden dünner, ein lilafarbener Schatten umgab seine Augen. Sie warf einen kurzen Blick auf Bobby. Als sie Kit kennengelernt hatte, hatte er dieselbe jugendliche Energie gehabt wie ihr Sohn. Er spielte Tennis. Er war groß, hatte die Figur eines Schwimmers – breite Schultern und schmale Hüften. Seine Entschlossenheit, sein brutales, elegantes Spiel faszinierten sie. Bei der Erinnerung durchfuhr sie ein plötzliches Begehren. Noch bevor sie ein Wort gewechselt hatten, hatte sie entschieden, dass sie ihn wollte. Was ist passiert?, dachte sie. „Ich kann mich gar nicht erinnern, wann wir das letzte Mal tanzen waren. Du?“, sagte sie.

Kit widmete sich wieder seiner Zeitung, ohne sie auch nur anzusehen, und ihr Lächeln schwand.

„Stell dir vor. Ich habe sie gefragt“, sagte Bobby zu seiner Mutter und zog seinen Stuhl heraus. Tess beugte sich vor, um ihm eine Tasse Kaffee einzuschenken. „Ich habe Frankie gefragt, und sie hat Ja gesagt.“ Er nahm sich zwei Scheiben Toast aus dem silbernen Ständer, und Tess hielt beim Einschenken inne.

„Du heiratest?“ Sie goss die Tasse voll und stellte die Kaffeekanne wieder auf den Untersetzer.

„Ach, erfahren wir das auch schon!“ Kit blickte kurz von seiner Zeitung auf. Nur Tess spürte die Beunruhigung, die sich hinter seiner unverändert ruhigen Miene verbarg.

„Schatz, bist du sicher, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist? Du fängst doch gerade erst mit dem Jurastudium in Boston an“, meinte sie.

„Ich habe es euch aber im Sommer gesagt.“ Bobby lehnte sich zurück. „An dem Tag, an dem ich Frankie kennengelernt habe, habe ich gesagt, dass sie das Mädchen ist, das ich heiraten werde.“

„Aber es besteht doch wohl kein Grund zur Eile?“ Tess bemühte sich, locker und ruhig zu sprechen.

„Wir sind verliebt, Mom. Ich will, dass sie bei mir ist, in Boston. Ich halte es nicht aus, getrennt von ihr zu sein.“

Das hatte er in dem Sommer, in dem er elf Jahre alt wurde, auch gesagt, als er ins Ferienlager fuhr: Ich halte es nicht aus, getrennt von dir zu sein. Dann kehrte er mit einer neuen Zurückhaltung aus dem Sommerlager zurück. Zuvor hatte er sie ganz offen umarmt, hatte seinen biegsamen Körper an sie gedrückt. Sie erinnerte sich an das Gewicht seines Kopfs an ihrem Schlüsselbein, an seine Haare wie Fell in ihrer schützenden Hand. Nach jenem Sommer brauchte er sie weniger. Bobbys Lachen holte sie zurück in die Gegenwart.

„Das Timing ist nicht gerade ideal“, sagte sie. »Dein Vater …«

„Hat gerade eine Menge Arbeit.“ Kit starrte sie eindringlich an. „Deine Mutter und ich sind zu beschäftigt, um kurzfristig eine Hochzeit zu organisieren.“

Tess hatte das Gefühl, der Raum um sie herum würde wegbrechen. Er würde es Bobby nicht erzählen, nicht jetzt. Was soll ich denn machen? Einfach so tun, als wäre alles ganz normal?

»Mein Projekt ist in einer entscheidenden Phase, und die Tanzschule hat nach der Sommerpause gerade erst wieder aufgemacht, deine Mutter hat also keine Zeit zu …«, fuhr Kit fort.

„Ihr müsst überhaupt nichts machen. Frankies Ma erledigt alles“, unterbrach Bobby ihn.

»Wir kennen das Mädchen noch gar nicht und ihre Familie auch nicht …«, begann Kit.

„Sie kommen heute Abend vorbei, um euch kennenzulernen.“

„Heute Abend?“, fragten Kit und Tess einstimmig.

„Wozu warten? Ich dachte, wir könnten zusammen tanzen gehen. Um das Eis zu brechen.“

Tess stellte sich den Abend vor, Kit mit seinem üblichen Charme. Bobby und seine Freundin, strahlend, verliebt. Sie malte sich aus, wie sie selbst unablässig lächelte. Das Eis brechen. Sie stellte sich ihr zu Eis erstarrtes Herz vor, wie es zersplitterte.

„Tanzen?“, sagte Kit. „Aber nicht in einem dieser schäbigen Rock-’n’-Roll-Clubs in Midtown, wo ihr euch immer herumtreibt? Hast du dort dieses Mädchen kennengelernt?“

„Nein, ich habe sie zuvor in einem Café in der Nähe der Universität gesehen.“

„Ist sie Studentin?“, fragte Tess.

„Sie besucht die Abendschule. Sie will Übersetzerin werden.“ Tess hörte den Stolz in seiner Stimme. „Tagsüber arbeitet sie einfach im Café ihrer Mutter.“ Bobby nahm sich noch eine Scheibe Toast und strich dick Butter darauf. „Und manchmal im Pep. Du solltest sie sehen, Mom, Frankie bewegt sich zwischen den Tischen hindurch, als würde sie tanzen.“ Er hielt den Toast wie ein Tablett über den Kopf, schwang die Hüften und glitt durch den Raum.

„Eine Kellnerin, Bobby?“ Kit verschränkte die Arme. „Hast du das gehört, Tess? Unser Stammhalter ist drauf und dran, eine Kellnerin zu heiraten. Na, das ist ja mal ein Knaller. Wir haben einen erfreulichen Abend vor uns.“

„Achte nicht auf deinen Vater.“ Tess stützte das Kinn auf die Hand. Wenn Kit so tun konnte, als wäre alles ganz normal, dann würde sie das auch tun. Sie bekam das hin. Sie konnte ihre Rolle spielen. „Du Snob“, sagte sie zu Kit.

„Hoffnungslos romantisch“, schoss er zurück.

„Ihr versteht das schon, wenn ihr sie seht.“ Bobby biss in seinen Toast.

„Na gut, dann lade sie ein“, meinte Tess. »Nichts Förmliches. Wir haben …« Sie blickte nach Bestätigung suchend zu Kit.

„Vier.“ Kit hielt inne. »Nein, ich verschiebe die Hoffmans auf später. In Anbetracht der Umstände. Ich glaube, Mrs Hoffman hatte für morgen sowieso vor, die Stadt zu verlassen, in die Abnehmklinik …« Er blies die Backen auf.

„Sei nicht so gemein, Kit“, sagte Tess.

»Moment – was denn für Umstände?«, fragte Bobby.

»Dein Vater meint nur, dass wir Frankie und ihre Familie gerne im privaten Rahmen kennenlernen würden …«

„Ich schäme mich nicht für Frankie.“ Bobby sah seinen Vater mit gerunzelter Stirn an. „Warte einfach, bis du sie kennenlernst. Du wirst schon sehen.“

„Das meinten wir doch nicht.“ Tess nahm seine Hand. „Ich freue mich für dich, Schatz. Wirklich.“ Sie warf einen kurzen Blick zu Kit hinüber. „Dein Leben fängt gerade erst an.“

Kate Lord Brown

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