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Die schönsten Dinge

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Roman

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Die schönsten Dinge — Inhalt

Sie ist klug, attraktiv und engagiert – Ella Canfield scheint Wissenschaftlerin mit Leib und Seele zu sein. Als Evolutionsbiologin forscht sie über ausgestorbene Tiere wie den Tasmanischen Tiger. Ella weiß, was sie will – undhat endlich den idealen Geldgeber für ihr Projekt gefunden: Daniel Metcalf, den gutaussehenden und schwerreichen Vorsitzenden der Metcalf-Stiftung. Daniel interessiert sich brennend für Unternehmungen wie das von Ella. Bedauerlicherweise gibt es zwei Haken an der Sache. Haken Nummer eins: Dr. Ella Canfield heißt in Wirklichkeit Della Gilmore und ist gar keine Wissenschaftlerin. Haken Nummer zwei: Della Gilmore ist zwar ausgesprochen klug, aber nicht klug genug, um der trügerischen Anziehungskraft von Daniel Metcalf zu widerstehen …

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 12.09.2012
Übersetzer: Eva Kemper
288 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95845-5

Leseprobe zu »Die schönsten Dinge«

Für Bobo
Danke für den vielen Kaffee

 

Die Brille stört mich von Anfang an. Sie ist regelrecht eigenwillig. Beim Proben in der Cumberland Street hat sie sich brav benommen, aber jetzt, im Wohnzimmer der Villa, ist sie schwer und unbequem. Sie zwickt mich in die Nase, und als ich den Kopf hebe, um das Landschaftsgemälde von Streeton an der Wand gegenüber zu betrachten, drückt sie sich so eng an mein Gesicht, dass meine Wimpern beim Blinzeln über das Glas streifen. Wenn ich den Kopf nachdenklich senke, rutscht sie herunter, ständig muss ich sie mit dem [...]

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Für Bobo
Danke für den vielen Kaffee

 

Die Brille stört mich von Anfang an. Sie ist regelrecht eigenwillig. Beim Proben in der Cumberland Street hat sie sich brav benommen, aber jetzt, im Wohnzimmer der Villa, ist sie schwer und unbequem. Sie zwickt mich in die Nase, und als ich den Kopf hebe, um das Landschaftsgemälde von Streeton an der Wand gegenüber zu betrachten, drückt sie sich so eng an mein Gesicht, dass meine Wimpern beim Blinzeln über das Glas streifen. Wenn ich den Kopf nachdenklich senke, rutscht sie herunter, ständig muss ich sie mit dem Mittelfinger wieder nach oben schieben.
Dieses fahrige Brillengefuchtel ist kein gutes Zeichen. Früher habe ich dieselbe Brille ohne Probleme getragen. Vielleicht habe ich sie verbogen, sie in meiner Handtasche oder an der Armlehne zusammengedrückt, ohne es zu merken. Jedenfalls wirke ich durch das ständige Hantieren nervös.
Dieses Gespräch ist wichtig. Es würde einen seltsamen Eindruck machen, wenn ich nicht nervös wäre.
Schließlich erscheint Professor Carmichael in der Tür. »Dr. Canfield?«, fragt er, stellt sich vor und schüttelt mir die Hand.
Ich folge ihm mit zwei Schritten Abstand den prachtvollen breiten Flur entlang, und jetzt macht sich die Brille bezahlt. Meine Gedanken rasen, ich reagiere blitzschnell. Ruby wäre stolz auf mich. Gegenüber der Tür zum Besprechungszimmer steht Daniel Metcalf. Mit einem Handy am Ohr lehnt er an einer großen Standuhr und will das Telefonat gerade beenden, bevor er mit uns hineingeht. Ich senke rasch den Kopf, um die Papiere in meiner Aktentasche durchzusehen und sicherzugehen, dass ich alles Nötige dabeihabe. Die Brille fällt herunter. Das dicke Schildpattgestell hüpft über den Perserläufer und prallt gegen Daniel Metcalfs linken Stiefel. Er trägt Outdoorstiefel, abgewetzt und mit Wasserflecken.
Wir gehen beide gleichzeitig in die Hocke. Unsere Knie berühren sich beinahe. Er legt das Handy auf den Boden, ohne auf die gedämpften Geräusche daraus zu achten. Mit Daumen und Zeigefinger hebt er die Brille auf, als wollte er ihr nicht wehtun, und klappt die Bügel mit einem Klacken zusammen. Auf seiner rechten Handfläche zieht sich von der Spitze des Zeigefingers bis zum Handgelenk eine gerade, erhabene weiße Narbe, wie ein Bindfaden.
»Tut mir leid«, sage ich. Mit gesenktem Kopf beiße ich mir auf die Unterlippe.
»Das sollte es auch«, sagt er. Er nimmt die Brille auf die flache Hand und wiegt sie abschätzend. »In den falschen Händen könnte das eine tödliche Waffe sein.«
»Wie gut, dass ich nicht in den falschen Händen bin«, entgegne ich.

 

Mein Vater sagt oft, dass sich sehr reiche Menschen mit Dingen umgeben, die mit der Zeit im Wert steigen, während normale Leute Sachen aussuchen, die an Wert verlieren. Zu den Schätzen in diesem Haus gehören unter anderem das Landschaftsbild von Streeton, die Standuhr im Gang, mit glänzender Schelllackpolitur Esstisch und Daniel Metcalf. Auch er wird von Jahr zu Jahr mehr wert. Er ist nicht so groß wie die Standuhr und leichter zu transportieren als der Tisch. Eine Brille trägt er nicht; selbst solche kleinen Schwächen lassen sich mit Geld beseitigen.
Nach den Fotos auf den Klatschseiten hätte ich ihn überall erkannt. Er ist vierunddreißig Jahre alt und hat braunes, etwas zu langes Haar. Er könnte eine Rasur vertragen. Er wirkt weder nervös noch verlegen. Zu seiner Jeans trägt er ein gestreiftes Leinenhemd, das entweder von einem sehr teuren Designer stammt oder mal gebügelt werden müsste. Ich habe schon vor langer Zeit gelernt, dass tadellose Anzüge und glänzende Schuhe etwas für Männer sind, deren Einkommen davon abhängt, was andere von ihnen denken.
Ich kenne ihn nicht, aber das ist auch nicht nötig. Ich könnte sagen, wen er wählt, welche Restaurants er besucht, wer ihm die Haare schneidet. Ich wusste, dass sein Haus so aussehen und hier in Toorak stehen würde zwischen den anderen Villen. Überall spielen die Menschen die Rollen, die ihnen zugewiesen wurden. Sehr reich zu sein ist so, als gehörte man einer Sekte mit extrem strengen Regeln an.
Das Licht hier im Zimmer ist gedämpfter und edler als draußen. Es wirkt weicher, als wollte es nicht zu hart auf die Antiquitäten fallen. Mir am Tisch gegenüber sitzt Professor Carmichael, rechts von Daniel Metcalf. Für einen Mann Mitte siebzig hat Professor Carmichael ein junges Gesicht, über seinen Schädel spannt sich rosafarbene Babyhaut. Aber sein Alter und seine allgemeine Unzufriedenheit zeigen sich an der schlaffen, faltigen Haut an seinem Hals, die so weit überlappt, dass er darunter einen Kleinwagen verstecken könnte. Bevor er Verwalter der Stiftung wurde, hat Carmichael an einer traditionsreichen Universität am anderen Ende der Welt auf dem Gebiet der Reinen Mathematik geforscht. Jetzt scheint er keine Verbindungen zum Wissenschaftsbetrieb mehr zu pflegen, er hat weder Freunde noch Kollegen an den Universitäten, die ich ausgewählt habe. Seit seiner Pensionierung aus gesundheitlichen Gründen ist das hier seine einzige berufliche Tätigkeit. Er war wohl mit Daniel Metcalfs Vater befreundet, also ist sein Posten eine lukrative Ehrenschuld. Dabei erfüllt Carmichael seine Aufgabe nicht gerade gewissenhaft. Er entscheidet in diesen Fällen, und das offenbar ohne rechte Grundlage. Daniel Metcalf selbst winkt Carmichaels Entscheidungen nur durch. Seine Anwesenheit bei diesen letzten Bewerbungsgesprächen ist reine Formsache. Für einen Metcalf sind 25 000 Australische Dollar Kleingeld und dazu steuerlich absetzbar.
Links von Daniel Metcalf sitzt eine unelegante Frau Mitte fünfzig, fünfundsiebzig Kilo, katzengrüne Augen. Vor ihr liegt ein Block, sie hat einen Stift in der Hand und hält den Kopf gesenkt. Die Sekretärin, Mrs Tesseraro. Sie kann ich ignorieren.
Wir sitzen auf Stühlen aus Rotholz mit geschwungenen Beinen und karminroten Samtpolstern in Sitz und Lehne, die in gleichmäßigen Abständen um den Tisch und entlang den Wänden verteilt sind. Im ersten Moment fällt es mir schwer, mich auf die drei Menschen mir gegenüber zu konzentrieren: Alle Wände dieses Zimmers sind mit Büchern in weichen Ledereinbänden bedeckt, wahrscheinlich am laufenden Meter gekauft um des gediegenen Eindrucks willen. Die Gesichter verschmelzen damit.
Mit Mühe konzentriere ich mich wieder auf Daniel Metcalf. Sein Auftreten verrät, aus was für einer Familie er stammt. Auch wenn er lässige Kleidung trägt, gehört er einfach in dieses Haus, im Gegensatz zu den anderen. Er wirkt wie ein Pharao zwischen zwei aufgeblasenen Hohepriestern. Ich versuche, ihn mir in einer anderen Umgebung vorzustellen, in einer Studentenbude, einem Krankenhaus, auf einem Spielplatz. Es funktioniert nicht. Er passt nur hierher.
Der Raum ist so überladen, dass ich Durst bekomme. Ich blinzle ein paarmal, dann erwidert er meinen Blick.
»Daraus könnten Sie glatt eine Bibliothek für Toorak und Umgebung machen«, sage ich. »Haben Sie die ganzen Bücher gelesen?«
»Dafür habe ich meine Leute. So ein großes Projekt überlässt man lieber den Profis. An dieser Wand stehen größtenteils Gedichte, und die können sich nicht selbst bewundern«, sagt er. »Sie ist doch hoffentlich nicht kaputt. «
Ich merke, dass ich mit meiner Brille spiele, sie an einem Bügel hin und her drehe. »Die ist kugelsicher«, antworte ich. Ich setze mir die Brille oben auf den Kopf und schiebe sie dann nach unten, als würde ich vor einem Ritterturnier mein Visier herunterklappen. »Ich müsste dagegen mal etwas unternehmen. Mir die Augen lasern lassen oder so. Ohne die Brille bin ich blind wie ein Maulwurf.«
In diesem Moment fühle ich mich nicht wie eine richtige Wissenschaftlerin. Ruby hat mir Eleganz beigebracht, und es gehört zu jedem Job, dass man seine Vorzüge möglichst gut einsetzt. Meine Kleidung etwa habe ich sorgfältig ausgewählt: eine körperbetonte, schlicht geschnittene Khakihose ohne Bundfalten mit einem Schlangenledergürtel. Dazu ein ärmelloses, tailliertes Shirt mit einem leicht khakifarbenen Schimmer, der meine grünen Augen unterstreicht, und offene schwarze Pumps. Ich trage klassische Schnitte und solide Farben. Heute früh habe ich mir die Haare geglättet, um eleganter zu wirken, aber ich hätte sie mir gestern Abend auch färben sollen. Für einen ernsthaften Menschen sind sie zu rot. Aber offenbar könnte ich genauso gut einen Jogginganzug unter einem fleckigen Laborkittel tragen. Daniel Metcalf scheint nicht darauf anzuspringen. Er sitzt zurückgelehnt auf seinem Stuhl und hält immer noch das Handy in der Hand.
Carmichael räuspert sich demonstrativ. »Dr. Canfield. Ihre Bewerbung. Wir haben einige Bedenken.«
Ich beuge mich vor. Ich bin hellwach, alarmiert. Mein Puls rast.
»Meine Unterlagen?«, frage ich. »War etwas nicht in Ordnung?« Mein Blick huscht zwischen Daniel und Carmichael hin und her.
»Nein, nein«, antwortet Carmichael. »Ihre akademischen Leistungen sind vorbildlich. Die Homepage Ihrer Universität mit den vielen Links zu Ihren Forschungsarbeiten war sehr hilfreich. Die Medienberichte, die Preise. Und danke, dass Sie uns Ihre Doktorarbeit geschickt haben.« Er legt eine Hand auf einen hohen Papierstapel neben sich. »Ich muss gestehen, dass ich sie nicht ganz gelesen habe, aber, hm, sehr beeindruckend.«
Ich reibe die Hände aneinander, verschränke die Finger und schlinge sie umeinander. Gleich kommen sie auf den Tiger zu sprechen.
»Dann meine Referenzen? Haben Sie mit ihnen gesprochen? Mit dem Zeitunterschied ist es schwierig. Und sie sind sehr beschäftigt.«
»Nein, das ist es nicht. Ich habe mit beiden gesprochen«, sagt Carmichael. »Hervorragende Männer. Der eine so jung, und Professor Weldon soll ja bald den Nobelpreis bekommen. «
»Den Nobelpreis?«, frage ich. »Davon hat er mir gar nichts erzählt. Er ist immer so bescheiden.«
»Es war mir eine Ehre, mit ihm zu reden. Er war mit meiner Arbeit vertraut und hat sehr nett über eines meiner Theoreme gesprochen. Von Ihrem Potenzial hat er regelrecht geschwärmt. Und von Ihrer Arbeit als Postdoc. Harvard. Erstklassig.« Carmichael zupft an seinem Kehllappen, als würde er einen Jazzriff auf einem Kontrabass spielen. »Das ist nicht das Problem.«
Während ich mit Carmichael rede, beobachte ich aus dem Augenwinkel Daniel. Bis eben hat er noch gelangweilt gewirkt, aber jetzt beugt er sich vor. Er runzelt die Stirn, die Hände hat er vor sich auf den Tisch gelegt. Sein Mundwinkel zuckt. Er streckt die Hand nach der Mappe vor Carmichael aus und dreht sie, damit er meine Bewerbung lesen kann. Sein Interesse ist geweckt. Das ist gut.
»Worin genau besteht dann das Problem?«, will ich wissen. Das ist eine Aufforderung, keine Frage. Ich wappne mich.
»Das Projekt, für das Sie Unterstützung beantragen, steht in keinem Zusammenhang mit Ihrer früheren Arbeit. Es hat mit Ihrer bisherigen Laufbahn nichts zu tun«, sagt Carmichael.
» Die Stiftung ermutigt zu solchen Anträgen. Das steht auf dem Bewerbungsformular.« Ich durchsuche meine Unterlagen, bis ich auf das entsprechende Dokument tippen kann. »Hier. ›Forscher sollten nicht zögern, neuartige Projekte aus Gebieten vorzuschlagen, die wahrscheinlich weder von ihrer Universität noch von anderer Seite gefördert werden.‹ Neuartige Projekte. Das heißt das doch. «
»Ich weiß, was das heißt«, sagt Carmichael. »Dr. Canfield, bitte verstehen Sie mich. 25 000 Dollar sind eine beachtliche Summe. «
Daniel Metcalf hat sich in Carmichaels Ordner vertieft, er hat darin herumgeblättert, ist mit dem Finger über meinen Lebenslauf gefahren, aber jetzt mischt er sich ein. » Der Professor will sagen, dass wir uns bei jedem Antragsteller ansehen, ob er zurechnungsfähig ist. Das ist so eine kleine Macke von uns.«
Einen langen Augenblick bin ich wie erstarrt. Ich senke den Blick auf meine Notizen, schiebe die Brille hoch und kneife mir in den Nasenrücken. Dann treffe ich eine Entscheidung. Zeit zu gehen. Ich sammle meine Mappen und Ausdrucke ein und stelle meine Aktentasche mit einem dumpfen Knall auf den Tisch. Ich bin aufgebracht. Kratzer auf antiken Möbeln interessieren mich im Moment nicht.
»Dr. Canfield?«, sagt Carmichael.
Ich stehe auf. »Sie haben recht. Es klingt sicher verrückt. Ich ziehe den Antrag zurück«, entgegne ich. Ich schürze die Lippen und kneife die Augen zusammen. »Entschuldigen Sie, dass ich Ihre Zeit verschwendet habe. «
Daniel runzelt die Stirn und steht ebenfalls auf. Er wirkt leicht verwirrt. »Bitte setzen Sie sich, Dr. Canfield. Vielleicht können wir über die Regel mit der Zurechnungsfähigkeit dieses Mal hinwegsehen.«
Durch einen finsteren Blick mache ich ihm klar, dass ich nichts mehr zu verlieren habe, dann stopfe ich die Unterlagen in meine Aktentasche und fummle an dem Verschluss herum, der nicht zugehen will. Ich bringe kein Wort heraus. Jetzt lässt sich die Tasche nicht schließen, weil ich alles so wild hineingestopft habe. Ich blinzle schneller. Gleich sieht es so aus, als würden mir die Tränen kommen.
Daniel umrundet den Tisch und nimmt mir die Aktentasche aus den Händen. »Setzen Sie sich. Setzen Sie sich und sagen Sie mir, was Sie denken. Carla, ein Glas Wasser für Dr. Canfield.« Er stellt die Tasche neben mir ab und setzt sich auf die Tischkante.
Beinahe flehend sehe ich Daniel Metcalf in die Augen. Ich überlege, ob ich ihn wegschieben und davonrennen oder machen soll, was er sagt. Ich setze mich. Um mich zu sammeln, atme ich tief durch. »Ich bin neunundzwanzig Jahre alt«, sage ich. »Mit einundzwanzig wurde ich Evolutionsbiologin. Seit meiner Promotion habe ich auf den richtigen Gebieten geforscht. Ich habe gute Arbeit geleistet und hervorragende Beiträge in den richtigen Zeitschriften veröffentlicht. Und jetzt … Ich dachte, das wäre meine Chance. Das Projekt ist unkonventionell, das weiß ich, aber es ist mein Traum. Schon seit ich ein kleines Mädchen war. «
»Sie wollen also tatsächlich im Wilsons-Promontory-Nationalpark einen Tasmanischen Tiger finden?« Carmichaels Stimme geht auf Zehenspitzen, als hätte er schlechte Neuigkeiten zu verkünden. »Dr. Canfield, die Tiere sind ausgestorben. Und hier in Victoria haben sie zuletzt vor mehreren Tausend Jahren gelebt, lange bevor sie ausstarben. Wissen Sie, wie viele Touristen diesen Park besuchen? Da zelten und wandern, für ein Wochenende oder länger? Es wimmelt dort von Menschen. Und Sie wollen das schon, seit Sie ein kleines Mädchen waren?«
Ich sehe ihn nicht an. Wen kümmert es, was er sagt. Es ist nicht sein Geld. Mein Blick bleibt auf Daniel geheftet, der mit den Schultern zuckt.
»Ist mal was anderes. Die meisten kleinen Mädchen wünschen sich ein Pony.«
Als die Sekretärin einen Untersetzer und ein Glas Wasser vor mir platziert, nippe ich daran und mache mich bereit. Ich bin noch nicht fertig.
»Sie haben schon früher für unkonventionelle Projekte Stipendien vergeben. Ihre Stiftung ist bekannt dafür, dass sie Menschen eine Chance gibt«, sage ich. »So etwas spricht sich unter Wissenschaftlern herum.«
Carmichael rümpft die Nase. Ich habe etwas Falsches gesagt. »Sie irren sich«, entgegnet er. »Wir sind durchaus offen für, nun, kreative Projekte, aber wir wählen sorgfältig aus. Unsere Stiftung ist die älteste privat finanzierte Stiftung in Melbourne. Wir müssen an unseren Ruf denken.«
»Und das Stipendium für diesen Typen, der herausfinden wollte, ob Hunde mit verschiedenen Akzenten bellen?«, fragt Daniel.
»Das war einwandfreie Forschung«, antwortet Carmichael. »Auf dem neuesten Stand der Kommunikationstheorie. «
»Und der Kerl mit den Schneeflocken? Professor Eng ? «
Carmichaels Lider flattern im Rhythmus der Ouvertüre 1812.
»Absolut stichhaltig. Er hat zum ersten Mal tatsächlich statistisch die unbewiesene Annahme untersucht, dass jede Schneeflocke einzigartig ist.«
»Und Dr. … wie hieß sie gleich? Pace? Die Frau, die willkürlich Leute aussuchen und sie dazu zwingen wollte, sich scheiden zu lassen?«
»Das haben wir dann doch nicht gefördert, wissen Sie nicht mehr ? «
»Nicht?« Daniel lehnt sich zurück und verschränkt die Arme. »Ich fand die Idee großartig. Meine verheirateten Freunde diskutieren ständig darüber, ob es für die Kinder besser ist, wenn sie zusammenbleiben und sich ständig streiten oder wenn sie sich scheiden lassen und ständig streiten. «
»Das Ethikkomitee hat Einspruch erhoben.«
»Schade«, sagt Daniel.
Sie haben beinahe vergessen, dass ich hier bin. Carmichael räumt seine Unterlagen zu einem Stapel zusammen und schiebt seinen Stuhl zurück. Aber Daniel Metcalf ist noch nicht fertig. Er zieht den Stuhl neben meinem heraus und setzt sich. Dann blickt er mir in die Augen, als würde er mich zum ersten Mal sehen.
»Erzählen Sie mir von Ihrem Projekt«, fordert er mich auf.
Ich schlage meine Mappe auf und krame darin herum. »Wir können die Zusammenfassung überspringen und gleich mit der vierten Seite des Antrags anfangen.«
»Nein.« Er legt eine Hand flach auf den Stapel Papiere. »Erzählen Sie einfach.«
»Na ja.« Ich gehe in Startposition. »Der Tasmanische Tiger gilt seit den Dreißigern als ausgestorben. Und trotzdem gibt es jedes Jahr Meldungen, dass er gesehen wurde, zum Teil sogar hier in Victoria.«
»Das ist völlig lächerlich. Da kann unmöglich etwas dran sein«, sagt Carmichael.
»Lass sie ausreden, Aldrich«, bittet ihn Daniel.
»Ich weiß, dass es nicht sehr wahrscheinlich klingt«, sage ich. Wie in einer unbewussten Geste lege ich Daniel eine Hand auf das Knie. »Aber denken Sie nur an das Vietnamesische Waldrind. Es lebt an der Grenze zwischen Vietnam und Laos. Eine völlig neue Art, die Zoologen erst 1992 entdeckt haben. Und das ist kein kleines Tier. Es ist ein hundertzwanzig Kilo schweres Horntier, von dem wir vor zwanzig Jahren noch nichts wussten. Oder an das Okapi. Diese Kurzhalsgiraffe kennt die Wissenschaft erst seit 1901. Und das Chaco-Pekari, eine Schweineart aus Paraguay, galt bis 1975 als ausgestorben. Jetzt wissen wir von dreitausend Exemplaren.«
»Dreitausend Schweinen«, wirft Carmichael ein.
»Es sind nicht nur die Schweine. Was ist mit dem Hörnchenbeutler? Er galt bis 1961 als ausgestorben. Oder der Zentralaustralischen Dickschwanzratte? War fünfundzwanzig Jahre lang verschwunden und ist plötzlich wiederaufgetaucht. Den Gleithörnchenbeutler haben wir hundert Jahre lang für ausgestorben gehalten, bis 1989 einige Exemplare gesichtet wurden. Hundert Jahre. Er war wirklich verschwunden.«
»Stimmt.« Daniel zuckt mit den Schultern. »Das ist schon etwas anderes, als kurz an der nächsten Ecke Milch zu holen, ohne jemandem Bescheid zu sagen.«
»Die unterschiedlichsten Tiere wurden wiederentdeckt, nachdem sie als ausgestorben galten«, erkläre ich. »Man spricht dann vom Lazarus-Effekt. Das steht alles hier drin.« Ich klopfe auf den Tisch. »In meiner Bewerbung. «
»Meine liebe Dr. Canfield«, setzt Carmichael an. »Giraffen, Schweine und, ähm, Rinder tun hier nichts zur Sache. Seit über siebzig Jahren hat niemand mehr einen lebenden Tasmanischen Tiger gesehen. Es gibt ihn nicht mehr. «
Ich senke den Blick, als würde ich erst jetzt bemerken, dass meine Hand auf Daniels Knie liegt. Verschämt zucke ich zurück. Ich wechsle abrupt und etwas plump das Thema. »Professor Carmichael, haben Sie mal die Pyramiden gesehen ? «
» Was ? «
»Ägypten. Groß, spitz.«
»Ich habe mein Leben der Wissenschaft gewidmet und bin nicht ziellos durch die Weltgeschichte gegondelt.«
»Woher wissen Sie dann, dass es sie gibt?«
»Das ist wohl kaum das Gleiche«, sagt Carmichael.
»Das ist genau das Gleiche«, widerspreche ich. »Wissen Sie aus dem Fernsehen, dass es die Pyramiden gibt? Aber woher hat man so etwas früher gewusst? Vielleicht hat man mit Leuten gesprochen, die sie gesehen haben. Für den Tasmanischen Tiger gibt es Dutzende von Augenzeugen. Ich habe ein paar kurze Interviews, aber mit dem Geld der Stiftung könnte ich runterfahren und ausführlich mit den Leuten reden, die ihn gesehen haben. Vielleicht gibt es die Pyramiden auch nicht. Möglicherweise ist das eine einzige große Verschwörung, um … pyramidenförmige Sachen zu verkaufen.« Ich hole tief Luft, aber langsam verliere ich meine Sicherheit. »Wie diese komischen japanischen Wassermelonen.«
»Oder Toblerone«, sagt Daniel Metcalf.
»Schade, dass Sie das Geld nicht für Forschung über Wassermelonen wollen, ob aus Japan oder anderen Ländern«, sagt Carmichael. »Da hätten Sie überzeugendere Argumente. Wertschöpfung in der Landwirtschaft ist ein brandaktuelles Thema. Der Anbau von Wassermelonen, am besten mit geringerem Wasserverbrauch, wäre ein faszinierendes Forschungsgebiet. Wassermelonen könnten ein wichtiges Exportgut werden. Pyramidenförmig könnte man sie leichter verpacken. Der Transport würde billiger. «
»Um die Wassermelonen geht es doch nicht«, sage ich. »Es geht darum, dass im Wilsons Promontory über dreißig Säugetierarten leben. Der Park umfasst über fünfzigtausend Hektar, die benachbarten landwirtschaftlichen Flächen noch einmal mehrere Tausend. Wir wissen nicht, was dort alles lebt. Meinem Antrag liegen solide wissenschaftliche Erhebungsmethoden zugrunde. Ich könnte ein paar Doktoranden mit einbinden und eine breit angelegte taxonomische Übersicht des gesamten Gebiets erstellen. «
»Und was genau soll eine ›breit angelegte taxonomische Übersicht‹ sein?«, fragt Daniel Metcalf. »Tun wir mal einen Moment so, als hätte ich von Wissenschaft keine Ahnung und hätte Ihren Antrag nicht gelesen.«
Meine Gedanken überschlagen sich. »Das ist so etwas wie eine Volkszählung für Tiere. Um herauszufinden, was genau dort lebt. Wir sammeln Knochenfragmente und Sporen. Vermessen Kotproben und machen Abdrücke. Solche Sachen. «
»Ich glaube, langsam kann ich es mir vorstellen«, sagt er. »Das klingt faszinierend. Und schlägt den Typen mit den Schneeflocken um Längen.« Er steht auf und reibt sich die Arme, als wäre er es nicht gewohnt, so lange zu sitzen. »Nun, Dr. Canfield … wie heißen Sie mit Vornamen ? «
»Ella«, antworte ich mit der perfekten Verzögerung. Nicht so schnell, als müsste ich etwas beweisen. Nicht so langsam, als könnte ich mich nicht erinnern.
»Nun, Ella. Das ist eindeutig das interessanteste Bewerbungsgespräch, das ich bis jetzt geführt habe.« Er streckt mir die Hand entgegen. »Vielleicht habe ich später noch ein paar Fragen an Sie. Ein paar Dinge, die ich abklären möchte. Kann ich Sie anrufen?«
Genau diesen Ausgang habe ich natürlich gewollt und erwartet. Ich spüre, wie ich erröte. Er ist etwa einen Kopf größer als ich. Während wir uns die Hände schütteln, kann ich die Narbe auf seiner Handfläche natürlich nicht spüren, aber einen Augenblick lang stelle ich mir vor, mit den Fingerspitzen über die Erhebung zu fahren.
»Natürlich.« Mit der anderen Hand angle ich eine Visitenkarte aus der Tasche. »Hier ist meine Handynummer. Darunter können Sie mich am besten erreichen. Ich bin oft im Museum oder bei meinen Studenten, und die Telefonzentrale der Uni ist ein hoffnungsloser Fall.«
»Das ist doch praktisch«, sagt er, während er noch meine Hand festhält. »Wenn Sie nicht gefunden werden wollen. «
»Aber ich will gefunden werden«, antworte ich.

Toni Jordan

Über Toni Jordan

Biografie

Toni Jordan, geboren 1966 in Brisbane, landete mit ihrem ersten Roman »Tausend kleine Schritte« einen internationalen Überraschungserfolg. In Australien nominiert für den Miles Franklin Award und den Barbara Jefferis Award, wurde er mit überwältigender Mehrheit als Bestes Debüt des Jahres...

Medien zu »Die schönsten Dinge«

Pressestimmen

Wiener Journal

»Atemlos, witzig, wortgewandt, aber durchaus tiefsinnig, lässt dieses Buch seine Leser erst nach dem Finale wieder los - unbedingt lesen!«

Soester Anzeiger

»Ein kurzweiliger, romantischer Roman.«

Die Rheinpfalz

»Die Komödie sprüht vor Wortwitz, kreativen Ideen und sympathischen Protagonisten.«

Weilheimer Tagblatt

»Großes Lesevergnügen.«

Heilbronner Stimme

»(...) Die kriminelle Energie der pfiffigen Gaunerkomödie behält auch im größten Chaos ihren Charme. Der Roman ist ausgesprochen kurzweilig und bietet mit zahlreichen Kehrtwendungen einige Überraschungen.«

Emotion

»Eine rasante Gaunerkomödie, sprühend vor Einfallsreichtum, mit vielen skurrilen Figuren. Zum Niederknien!«

Plus Magazin

»Spannend und sehr witzig.«

Buchmarkt

»Intelligente Unterhaltung.«

Kommentare zum Buch

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