Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Die schöne Unbekannte

Die schöne Unbekannte

Roman

E-Book
€ 8,99
€ 8,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Die schöne Unbekannte — Inhalt

Isabelle Silva führt zusammen mit ihrem skurrilen Großvater Julien die Galerie Lumière in Paris. Doch nur zur Tarnung, denn die wahre Leidenschaft des erfinderischen

Gespanns gilt dem Aufspüren von verschollenen oder gestohlenen Gemälden.

 

Als Isabelle eines Tages von dem attraktiven, jedoch etwas mysteriösen Kunst- und Antiquitätenhändler Andrew Palmer beauftragt wird, ein Gemälde von John Singer Sargent zu ersteigern, sieht alles nach einem Routineauftrag aus. Doch ihre Geschäftsbeziehung wird kompliziert, als Palmer sich in Isabelle verliebt und ihr nicht mehr von der Seite weicht. Und sie wird vollends undurchsichtig, als er behauptet, er habe das alte Gemälde nur deshalb gekauft, weil er der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gemalten schönen Unbekannten auf dem Bild erst vor einiger Zeit in persona in einem Nachtzug nach Barcelona begegnet sei.

 

Für Isabelle ist klar, dass das Gemälde nur eine Fälschung sein kann. Doch dann wird es gestohlen - und die Spuren des Bildes und seines geheimnisumwitterten Sujets führen über Wien, Paris und Barcelona bis nach Venedig - in die Stadt, in welcher Liebe und Gefahr zugleich warten. Und wo Isabelle Silva an der Auflösung des Rätsels zu scheitern droht ...

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 12.11.2013
336 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96514-9

Leseprobe zu »Die schöne Unbekannte«

1

La Roche-Guyon, Villa Ledoyen


Die Frau lief mit dem Gemälde unter dem Arm die Treppe der Villa herab, als ginge von dem Bild eine plötzliche Wärme, ja Hitze aus. Die Halle lag in diffuses, schwaches Licht getaucht, wie eine Bühne, die im nächsten Augenblick in gleißendem Scheinwerferlicht aufstrahlen konnte. Unwillkürlich presste Isabelle das Bild fester an sich, und obwohl das Haus menschenleer war, trat sie vorsichtig auf, übertrieben fast, und versuchte so leise wie möglich zu atmen. Eine Meisterdiebin hätte es nicht besser machen können.

Sie [...]

weiterlesen

1

La Roche-Guyon, Villa Ledoyen


Die Frau lief mit dem Gemälde unter dem Arm die Treppe der Villa herab, als ginge von dem Bild eine plötzliche Wärme, ja Hitze aus. Die Halle lag in diffuses, schwaches Licht getaucht, wie eine Bühne, die im nächsten Augenblick in gleißendem Scheinwerferlicht aufstrahlen konnte. Unwillkürlich presste Isabelle das Bild fester an sich, und obwohl das Haus menschenleer war, trat sie vorsichtig auf, übertrieben fast, und versuchte so leise wie möglich zu atmen. Eine Meisterdiebin hätte es nicht besser machen können.

Sie erreichte den Seiteneingang, der früher wohl den Dienstboten vorbehalten gewesen war, und öffnete die Tür ebenso behutsam wie vor wenig mehr als einer halben Stunde, als sie die Villa betreten hatte. Der Park mit den zahlreichen Marmorgöttinnen und -heroen, dem sorgfältig gepflegten Rasen und dem kleinen Pavillon, über dem sich eine Baumgruppe wölbte, lag still und friedlich da. Der Himmel wies nicht nur einen prächtigen Vollmond, sondern auch ein Sternenzelt auf, an dem es glitzerte und funkelte wie in einem Tiffany-Schaufenster. Diamonds are forever, dachte Isabelle unsinnigerweise. Dann meinte sie erneut die Hitze zu spüren, die von dem Bild auszugehen schien. Heiße Ware, schoss es ihr durch den Kopf, nicht unpassend.

Sie hatte ihren kleinen roten Citroën C3 Pluriel etwas weiter entfernt vom Haupttor geparkt und bemühte sich um einen ruhigen, gleichmäßigen, keinerlei Verdacht erregenden Schritt, als sie die Straße entlangging. Mit einem Seufzer der Erleichterung deponierte sie das in eine maronenfarbene Decke eingeschlagene Bild auf dem Rücksitz, wo es hoch aufragte und ihr einen Teil der Sicht versperrte. In dem winzigen Kofferraum hätte es niemals Platz finden können. Nicht zum ersten Mal dachte Isabelle, dass sie für diese Art von Arbeit vielleicht das falsche Auto fuhr. Dann schlug sie mit Schwung die Tür zu und startete durch. Es war nicht damit zu rechnen, dass ihr hier mitten in der Nacht jemand
begegnete.

Sie ließ ein Fenster herunter und genoss den kühlen Nachtwind, der mit ihren Haaren spielte. Dann drückte sie das Gaspedal herunter und nahm Fahrt auf, bremste selbst in den Kurven kaum ab. Sie lächelte zufrieden. Es war einfacher gewesen, als sie gedacht hatte. Die Tür – zwei, drei geübte Griffe. Die Alarmanlage – ein Kinderspiel. Das Personal – in den Ferien, wie die Besitzer der Villa auch. Und zwar für längere Zeit, die Möbel waren sogar mit weißen Tüchern verhüllt worden. Der Park allerdings war äußerst gepflegt, tagsüber war da wohl ein Gärtner am Werk. Und auch der Briefkasten war geleert worden, die Fensterläden standen offen; nichts wies darauf hin, dass die Besitzer der Villa Ledoyen abgereist waren.

Isabelle nahm die Kurven der Straßen von La Roche-Guyon sportlicher, als es die Vorsicht gebot. Wenn Julien mit ihr fuhr, rang er ihr jedes Mal das Versprechen ab, ihrer kostbaren Fracht Rechnung zu tragen und mit äußerster Umsicht zu fahren – ruhig und stetig, ohne diese abrupten Beschleunigungen und Bremsungen, die er nicht ausstehen konnte. Sie fuhr dann sozusagen gegen ihre Natur, die draufgängerisch zu nennen nicht verkehrt gewesen wäre.

Kein einziges Auto kam ihr entgegen, auf der ganzen Strecke bis Paris nicht. Allein zog sie ihre Bahn, wie ein Komet, der sein Ziel finden würde, auf seinem Flug durch die nachtblaue Dunkelheit. Als das Morgenlicht die ersten Streifen über das Land warf, atmete sie auf. Ein Schild surrte an ihr vorbei. Paris – 25 Kilometer. Nur noch eine knappe halbe Stunde, dachte sie. Noch bevor die Sonne über der Seine aufgegangen wäre, würde sie bereits in ihrem kleinen Salon sitzen, einen Café crème trinken, eine Zigarette rauchen und in den Anblick des Bildes, das sie vor sich hingestellt hatte, versunken sein.

 

2

Paris, sechstes arrondissement,
rue des beaux-arts


Sie hörte seine schlurfenden Schritte in der Wohnung, seinen Gang zur Toilette, seinen Weg in die Küche, wo er sich den ersten Kaffee des Tages – dem noch viele weitere, ganz gegen den dringenden Rat seines Arztes, folgen würden – zubereitete, bevor er sich in seinem burgunderroten Morgenmantel in die Bibliothek setzen würde, um ein paar Seiten Montaigne zu lesen oder in einer Kulturgeschichte der antiken Mysterien zu blättern. Wie immer würde Agnès alles vorbereitet haben, denn Julien Silva war unfähig, in der Küche mehr zu bedienen als den Schalter der Kaffeemaschine. Agnès war die gute Seele des Hauses, sie kam jeden Morgen gegen zehn Uhr und blieb bis zum Abend, nachdem sie das Souper aufgetragen hatte. Ohne sie wären Julien Silva und seine Enkelin Isabelle vollkommen hilflos gewesen.

Sie hatten eine gemeinsame Firma, die Galerie Lumière. Eine Kunstgalerie von einigermaßen solidem Ruf, mitten in Saint-Germain-des-Prés gelegen, wie es sich in Paris gehört. Die Straße hieß sinnigerweise Rue des Beaux-Arts. Im Erdgeschoss befanden sich die Ausstellungs- und Büroräume, am Hauseingang war ein Messingschild, auf dem in gravitätischen Versalien Silva & Co. Art Inquiries eingraviert war. Die Galerie betrieben Julien und Isabelle Silva mit viel Lust und Liebe, doch ihre wahre Leidenschaft galt einem anderen Metier: dem Aufspüren von verschollenen, verlorenen oder gestohlenen Gemälden. Hinter der seriösen Fassade der Kunsthändler und -experten verbarg sich noch eine andere Profession, die mit »Kunstdetektive« vielleicht besser zu beschreiben war und die sich nicht mit Pflichtübungen wie Expertisen oder wissenschaftlichen Abhandlungen aufhielt. Diese Profession erforderte einiges rhetorisches Geschick, gutes Reaktionsvermögen, enorme Hartnäckigkeit und natürlich ein gewisses Gespür dafür, in welchem staubigen Winkel dieser oder jener Sammlung die Leinwand hing, für die ein Vermögen bezahlt werden würde. Der Kundenkreis war klein und erlesen: Kaum mehr als zwanzig Kunstsammler und Galerien in Rom, Paris, London, Wien, Barcelona oder Genf waren es, welche die Dienste von Silva & Co. in Anspruch nahmen. Und einige der berühmtesten Museen des Kontinents.

Was Isabelle betraf, so fühlte sie sich bisweilen einer Reliquienjägerin wie Lara Croft ähnlicher als einer in irgendeinem Museum vor sich hin verstaubenden Kuratorin. Ihre Arbeit war abwechslungsreich, aufregend, ja oft genug richtig spannend. Man hätte auch sagen können: ihr Leben, denn neben der Jagd nach verlorenen Schätzen konnte bei ihr von einem normalen Privatleben eigentlich keine Rede sein. Und von einem romantischen Leben erst recht nicht.

Mittlerweile hatte Julien – inzwischen über siebzig – sich weitgehend aus dem Geschäft zurückgezogen und Isabelle den größten Teil der Verantwortung übertragen. Für Recherchen stand ihr seine riesige Bibliothek zur Verfügung. Teils geerbt, teils jahrzehntelang zusammengetragen, war sie wohl eine der umfangreichsten und bestsortierten Privatbibliotheken des europäischen Kontinents. »Nur Umberto hat mehr«, pflegte Julien zu sagen; für ihn war sein Freund Umberto Eco das Maß aller Dinge. Und Julien Silva war – noch immer – einer der gefragtesten Experten für Kunstgeschichte, mit einem kaum zu übertreffenden Spezialwissen in Sachen Kunstkriminalität – angefangen von Raub über Fälschung bis hin zu den fragwürdigen Aspekten des Handels mit Kunst. Sein Rat war ebenso teuer wie mittlerweile auch selten, seit er vor fünf Jahren seine einst weltweite Tätigkeit mehr oder weniger an seine Enkelin abgetreten hatte, die gerade ihren fünfundzwanzigsten Geburtstag und ihren Studienabschluss an einem Tag feierte.

Isabelle hatte alles von ihrem Großvater gelernt, alles, was ihr die Universität nicht beibringen konnte, also das Wichtigste. Für sie war ihr Großvater ein Glücksfall: Er lebte seit Jahrzehnten in Paris, hatte diese riesige Wohnung, einen unüberschaubar großen Bekannten- und Freundeskreis, einen Salon, in dem sich die kulturelle Elite der Hauptstadt traf, die besagte Bibliothek, die ihr zum Studium offenstand (so dass sie tatsächlich während ihrer ganzen Studienjahre nicht einmal einen Fuß in die Bibliothèque Nationale und andere Büchereien setzte). Er wurde ihr Mentor, ihr Förderer und auch ihr Lehrer. Bei ihm lernte sie mehr als in Vorlesungen und Seminaren, die sie pflichtbewusst besuchte. Sie lernte von ihm Kunst – in einem ganz umfassenden Sinn. Nicht nur das Wesen und die Geschichte der Kunst, sondern die Kunst zu schauen, die Kunst zu verstehen, die Kunst
zu leben.

Das war mehr, als ihr Vater ihr jemals beizubringen vermocht hatte. Dessen ganz mit roten Seidentapeten ausgestatteter Laden mit dem Namen La Donna dei Sogni lag mitten in Florenz, unweit des Ponte Vecchio, jedoch nur in einer Seitengasse der großen Flaniermeilen, auf denen sich die Touristen zwischen Duomo und Signoria und den Uffizi drängten. Die versteckte Lage des kleinen Geschäfts, das den Traum der Belle Époque am Leben hielt, passte zu dem Geschäftsverständnis von Signor Giancarlo Silva und seiner französischen Frau Mélanie: Er war nämlich der festen Überzeugung, dass all der antike Schmuck, die schon verblichenen Seidenstoffe, die Preziosen und Posamenten, die entzückenden Ballettschühchen, die mit verwegenen Federn geschmückten Hüte, die Roben und Rüschen am besten mit Ausrufen freudiger Überraschung entdeckt werden sollten. Und nicht von jedermann. Doch Touristinnen verirrten sich nicht zufällig in sein Geschäft; wenn, dann kamen sie ganz gezielt vorbei, weil sie von Donna dei Sogni als einem Geheimtipp gehört hatten. Ihnen bot Signor Silva eine Bühne zum Ausleben dramatischer, skurriler, surrealer, nostalgischer Wünsche.

Aus dieser Welt kostbaren Trödels und heimlicher Sehnsüchte nach schönen Stoffen und Gegenständen war Isabelle Silva im Alter von achtzehn Jahren nach Paris gekommen, zu ihrem Großvater, der sich hier seit seinem vierzigsten Geburtstag, nach dem allzu frühen Tod seiner Frau, niedergelassen und seinen Vornamen Giuliano seiner französischen Wahlheimat angepasst hatte. Seinen einzigen Sohn hatte er in der Obhut einer Tante zurückgelassen, da er in sich keinerlei Talent für erzieherische Bemühungen spürte. Er bezog das Haus seiner Schwiegereltern in der Rue des Beaux-Arts und war heilfroh, dass mit herannahendem Alter, das er fürchtete, plötzlich eines Tages seine Enkelin Isabella vor der Tür stand, ihn bat, bei ihm während des Studiums wohnen zu dürfen, und sich – der Tradition folgend – fortan Isabelle nannte.

Über André Winter

Biografie

André Winter lebt als freier Autor in der Schweiz. "Die schöne Unbekannte" ist der erste Roman des Antiquitätenhändlers und Sammlers mit beeindruckendem Spezialwissen über Kunstkriminalität.

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden