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Die schöne GegenwartDie schöne Gegenwart

Die schöne Gegenwart

Roman

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Die schöne Gegenwart — Inhalt

»Die schöne Gegenwart« ist die berührende Geschichte von Nele, einer reifen Frau, die am Scheideweg ihres Lebens steht. Da legt ihr der Zufall eine große Erbschaft in den Schoß – und Nele beginnt ihren späten Traum vom »weißen Haus«, einer illustren Senioren-WG, in die Tat umzusetzen. Leonie Ossowski erzählt von Freiheit, Fantasie und Unabhängigkeit. Und davon, wie man den Wert des eigenen Lebens erkennt.

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.07.2016
368 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30927-1
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 01.07.2016
368 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97264-2

Leseprobe zu »Die schöne Gegenwart«

Wären die Spiegel in meiner Wohnung von einem Tag auf den anderen blind geworden, ich hätte es nicht bemerkt. Ich sah nicht hinein. Ich nahm mich nicht mehr wahr und schien mir auf beängstigende Weise fremd geworden zu sein.
Wie siehst du denn aus, hatte Susan nach meiner Veränderung zu mir gesagt und mitleidig die Nase gerümpft, während sich Hannes für eine wortlose Umarmung entschied. Ich hatte weder die Frage noch die Umarmung meiner längst erwachsenen Kinder beantwortet, sondern nur die Schultern und ein wenig die Augenbrauen angehoben, was soviel [...]

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Wären die Spiegel in meiner Wohnung von einem Tag auf den anderen blind geworden, ich hätte es nicht bemerkt. Ich sah nicht hinein. Ich nahm mich nicht mehr wahr und schien mir auf beängstigende Weise fremd geworden zu sein.
Wie siehst du denn aus, hatte Susan nach meiner Veränderung zu mir gesagt und mitleidig die Nase gerümpft, während sich Hannes für eine wortlose Umarmung entschied. Ich hatte weder die Frage noch die Umarmung meiner längst erwachsenen Kinder beantwortet, sondern nur die Schultern und ein wenig die Augenbrauen angehoben, was soviel wie: Ich will nicht mit euch darüber reden, bedeuten sollte. Unser wöchentliches Zusammensein wurde immer schweigsamer und verkürzte sich von Mal zu Mal, bis Susan Ausreden erfand. Sie müsse für ihr Sprachstudium lernen, sagte sie am Telefon, und ich möge ihr verzeihen. Ein andermal war es Felix, ihr neuer Freund, ein Fernsehmoderator, der nur an diesem Tag frei habe. Ich zeigte weder Enttäuschung noch Verständnis, mir war es egal.
Hingegen versäumte mein Sohn nicht eine Verabredung mit mir. Ständig war er um mich besorgt, wollte wissen, ob in der Wohnung alles in Ordnung sei, holte mir Sprudelwasser, bepflanzte, ohne mich zu fragen, die Blumenkästen, trug den Müll herunter, wenn er mich besuchte, und behandelte mich wie eine Achtzigjährige, obwohl ich erst neunundsechzig war. Ich ließ mir alles gefallen, sagte weder danke noch bitte und war froh, wenn er wieder ins Geschäft mußte. Erst als er eines Tages vorschlug, sich auch um meine Finanzangelegenheiten zu kümmern, protestierte ich. Ob er vielleicht glaube, ich sei nicht mehr zurechnungsfähig, fauchte ich und erschrak über meinen Ton. Hannes errötete, senkte den Kopf und behauptete kleinlaut, doch nur mein Bestes zu wollen.
Da ich es nicht fertig brachte, ihm zu sagen, daß mir seine Fürsorge auf die Nerven ging, täuschte ich Kopfschmerzen vor und bat ihn zu gehen. Er merkte wohl nicht, daß ich ihn belog, sondern zeigte sich besorgt und verließ nur ungern meine Wohnung.
Am Abend wolle er mich anrufen, sagte er, und mir blieb nichts anderes übrig, als zu nicken. Nachdem er die Tür hinter sich zugezogen hatte, atmete ich auf und setzte mich, ohne das Licht anzumachen, in meinen Lesesessel am Fenster.
Die Wohnung, die ich vor einem halben Jahr bezogen hatte, bestand aus drei großen Zimmern, Balkon, Bad und Küche. Die Fenster reichten bis zum Boden und gingen auf einen Park mit alten Bäumen hinaus. Fred hatte sie nicht nur für mich gemietet, er hatte mir auch die Einrichtung zur Verfügung gestellt. Entweder könne ich mir aus der gemeinsamen Wohnung mitnehmen, was ich wollte, hatte er gesagt, oder aber ich könnte mich komplett mit Möbeln aus der Firma ausstatten. Ich hatte mich für letzteres entschieden. Nicht ein Teller, geschweige denn Bett, Stuhl oder Tisch sollte mich an meine vierzigjährige Ehe mit Fred erinnern. Wenn alles neu ist, dachte ich, würde ich über die Trennung und den Verlust meiner Position im Einrichtungshaus leichter hinwegkommen.
Wir hatten kurz vor unserer Hochzeit mit einem kleinen Möbelgeschäft angefangen, hatten uns dank unseres Fleißes, mit Umsicht und Energie mehr und mehr vergrößert, bis wir schließlich gemeinsam ein Möbelhaus von Rang, Namen und Geschmack besaßen, in dem es über mehrere Stockwerke alles zu besichtigen und zu kaufen gab, was des Menschen Herz begehrte, wenn es galt, ein Haus oder eine Wohnung einzurichten. Ich kümmerte mich um das Personal und betreute Großkunden, während Fred von Anfang an Chef und Besitzer des Unternehmens war. Selbst nach der Geburt von Hannes und Susan arbeitete ich weiter im Geschäft und glaubte bis vor einem halben Jahr, als rechte Hand von Fred unersetzlich zu sein. Was für ein Irrtum.
Wenn ich nur daran denke, mit welcher Zärtlichkeit Fred nach der Einweihung des Firmenhauses zu mir sagte, daß er ohne mich nie dahin gekommen wäre, wo er jetzt sei. Wie er mich in den Arm genommen und geküßt hatte, wie ich Tränen der Rührung und Freude in seinen Augen sah, wie er schließlich das Schächtelchen aus seiner Jacke zog, in dem ein wunderschöner Brillantring lag, den er mir an den Finger steckte. Der solle mich immer daran erinnern, wie dankbar er mir sei und zeitlebens bleiben würde. Inzwischen liegt der Ring, Jahrzehnte später, wieder in dem Schächtelchen. Ich wußte nicht einmal genau, wo ich dieses Schächtelchen verwahrt hatte, denn am Tag meines Auszugs hatte ich ihn vom Finger gezogen. Nie wieder würde ich ihn tragen.
Es war schlimm mit der Vergangenheit. Sie überfiel mich wie ein wildgewordenes Tier, saß mir im Nacken, krallte sich fest und schlug mir die Erinnerungen um die Ohren, bis ich sie hörte, schmeckte und fühlte. Dann konnte es passieren, daß ich stundenlang auf ein und derselben Stelle saß und vor mich hin starrte. Manchmal vergaß ich zu essen. Erst wenn mein Magen schmerzte und meine Lippen trocken wurden, machte ich mir Tee und aß etwas. Kaum war ich satt, kaum war der Durst gelöscht, wurde ich wieder zum Opfer meines vergangenen Glücks. Wie Blitze tauchten die Erinnerungen auf, zeigten Fred und mich in den unterschiedlichsten Situationen, waren jedoch von Mal zu Mal weniger vollständig. Es kam mir vor, als würden sie durch die ständige Wiederholung beschädigt. Wenn ich nur an das Einweihungsfest unseres Möbelhauses dachte. Freds Rede, die er für Gäste und Angestellte hielt, hatte ich noch Satz für Satz im Kopf. Vor allem die Passagen, in denen er mir für Einsatz, Fleiß und Treue dankte. Noch lange glaubte ich den darauf folgenden Applaus zu hören, der mir und meiner Zugehörigkeit zu Fred galt. Ich weiß nicht, wie viele Blumen ich geschenkt bekam, wie viele Hände ich geschüttelt hatte, wie viele Glückwünsche unserer gemeinsamen Zukunft galten. Immer wieder spürte ich Freds Arm auf meinen Schultern, seine Hand in meinem Nacken und sein wiederholtes Ohne meine Nele, mit dem er jeden dritten Satz begann.
Wie er seine Sätze im einzelnen beendete, habe ich inzwischen vergessen. Nur daß Fred behauptete, daß er ohne mich nie das hätte erreichen können, was er erreicht hatte. Mehr blieb mir über die Jahrzehnte nicht im Gedächtnis. Was danach geschah, wies in meiner offensichtlich beschädigten Erinnerung Lücken auf, Lücken wie Löcher, die Motten im Lauf der Jahre in ein Festgewand gefressen haben. Als sei es heute geschehen, erinnere ich mich noch an den Moment, an dem die Gäste und auch das Personal gegangen waren. Der Party-Service hatte die Reste, das Geschirr und die Gläser mitgenommen. Der Duft von Zigaretten und Alkohol hing noch zwischen den Möbeln in der unteren Etage. Im ersten Stock, hinter den Küchen, lagen unsere Büros, in denen nur noch Fred und ich arbeiteten. Ich sehe ihn vor mir, etwas angetrunken, die Augen glänzend. Er lachte, wirbelte mich im Kreis um seinen Schreibtisch und sagte zum hundersten Mal: Ohne dich, meine kleine Nele, ohne dich …
Auch hier sind mir seine weiteren Worte verloren gegangen. Statt dessen glaube ich, seine Hand zu spüren, mit der er mich aus dem Büro zieht. Er zerrte mich, ohne den Fahrstuhl zu benutzen, die Treppen hinauf in die Etage, in der, Koje neben Koje, die Schlafzimmer aufgebaut waren. In Schleiflack, in Kirsche, in Eiche, Birke, aus Glas und Stahl. Ich hatte auf passenden Überdecken bestanden, auf Nachttischlampen und auf Seidenblumen, die sich in den Spiegeln der Schränke und Frisiertoiletten vervielfältigen sollten.
Welches willst du? fragte Fred.
Aber wir haben doch ein ganz neues Schlafzimmer, gab ich zur Antwort und verstand erst, was er wollte, als ich in sein Gesicht sah.
Du bist ja verrückt, flüsterte ich, es kann doch noch jemand hier sein.
Na und? Fred hob mich hoch und trug mich auf eins der Doppelbetten aus dem Ensemble Lido.
Auf welche Weise er mich dann umarmte, ist in den Lücken meines Gedächtnisses verschwunden. Nur das Schild mit dem Preis und dem Namen des Schlafzimmers sehe ich noch vor mir: Lido, DM 3500,–
Heute kann ich mich weder an seine Zärtlichkeit noch an meine Lust erinnern. Das einzige, was ich nicht vergessen kann, ist der Ausdruck seines starren Gesichts und seines geöffneten Mundes, während ich die ganze Zeit über fürchtete, daß uns der gerade erst eingestellte Nachtwächter mit seiner Taschenlampe entdecken könnte.
Auf diese Weise war, am Ende der Eröffnungsfeier unseres Möbelzentrums, im Schlafzimmer Lido unsere Tochter Susan gezeugt worden.
Der Gedanke daran löste kein Lächeln bei mir aus. Im Gegenteil, ich biß mir auf die Lippen und fühlte Tränen aufsteigen. Nicht etwa wegen der unzusammenhängenden Darstellung meiner Erinnerung, sondern wegen Fred, der mich so schamlos vor die Tür seines Lebens gesetzt hatte.
Nach solchen Überlegungen war ich stets erschöpft. Früher hatte ich dann geweint. Später erfüllte mich lähmender Stumpfsinn, der jeden Willen erstickte und mich in Selbstmitleid hüllte. Außer Spaziergängen und dem täglichen Einkauf unternahm ich nichts. Auch die wenigen Einladungen, die ich nach unserer Trennung noch bekam, sagte ich ab. Ich fürchtete Fragen und Getuschel hinter meinem Rücken. Die einzige Ablenkung war das Fernsehen. Aber auch da gab es Bilder und Situationen, die mich zurückwarfen, in das Leben mit Fred. Dabei ging es nicht etwa um Szenen, bei denen Zärtlichkeiten ausgetauscht wurden, bei denen geküßt und geliebt wurde. Meist waren es ganz harmlose Dinge, die meine Aufmerksamkeit von der Geschichte des Films zu meiner eigenen führten. Zum Beispiel Schnee. Egal ob er eine Landschaft oder die Häuser einer Stadt bedeckte oder ob Kinder sich darin wälzten, ich sah mich mit Fred im Auto sitzen und durch die karge Landschaft der verschneiten rauhen Alp fahren. Es war dunkel, neblig und spiegelglatt. Rechts und links der Straße türmten sich, für die Gegend ungewöhnlich, hohe Schneewehen. Auf Wunsch von Fred sang ich. Dann würde er nicht einschlafen, sagte er, denn ich hätte eine so schöne Stimme. Ihm zuliebe hatte ich die Texte seiner Lieblingssongs gelernt, sang in deutsch, englisch, und zwei Songs konnte ich sogar auf französisch. Wie es passierte, wußten wir später beide nicht mehr. Plötzlich rutschte der Wagen in einer Kurve hinten weg und schoß, genau zwischen zwei Schneebergen hindurch, über den Straßenrand hinweg in die Tiefe. Merkwürdigerweise sang ich noch, als der Wagen schon mit den Vorderrädern in der Luft hing. Dann war ich mit der Stirn gegen die Frontscheibe geknallt, und alles um mich herum versank in Finsternis. Als ich aufwachte, lag ich im Schnee, und Fred klopfte unentwegt mein Gesicht. Er rief meinen Namen und fügte alle Kosenamen hinzu, die er jemals für mich erfunden hatte. Er weinte. Mit dem ersten Blick nach meiner Ohnmacht sah ich die Tränen, die über seine Wangen liefen. Wie er mir später sagte, hatte er im ersten Moment angenommen, ich sei tot.
Im Gegensatz zu anderen Situationen hatte ich in diesem Fall Wort für Wort in meinem Gedächtnis behalten. Nele, liebste Nele, hatte Fred mehrmals gerufen, du darfst nicht sterben, ich kann ohne dich nicht leben.
Und ich, einfältig, wie ich war, ich hatte das, was er mir da gesagt hatte, für bare Münze genommen, hatte daran geglaubt und darauf vertraut.
Am schlimmsten waren bestimmte Daten wie der Tag unserer Hochzeit, sein Geburtstag oder Weihnachten. Dann heulte ich doch noch, oder ich stieß kleine Schreie aus. Sie drangen aus meiner Kehle und entsetzten mich, weil diese befremdlichen Laute so gar nicht zu mir paßten. Sie wurden Ausdruck meines unverdienten Leids, das mich immer mehr beherrschte und von einem Tag in den nächsten schob.
Hin und wieder rief ich Hannes und Susan an, um sie über die Unerträglichkeit meines Kummers zu informieren und sie dazu zu bringen, an meinem Kummer teilzunehmen.
Während Hannes sich meine Klagen eher wortlos anhörte, mich auch schon mal in den Arm nahm und sagte, daß er ja jetzt da sei, der sich um mich sorgte, rastete Susan eines Tages aus. Sie habe, sagte sie wortwörtlich, mein ständiges Jammern und die Herumwühlerei in der Vergangenheit satt. Ich solle mich gefälligst mit den Tatsachen abfinden und froh sein, daß der Vater, sie sagte mein Vater, umsichtig und voller Verantwortung für mein Wohl sorge. Das hat nichts mit Umsicht und Verantwortung zu tun, erwiderte ich heftig, sondern mit seinem schlechten Gewissen. Sofort entstand eine Pause, in die beinahe einer meiner kleinen Schreie gerutscht wäre. Aber ich schloß rechtzeitig den Mund und hörte, wie Susan seufzte. Ich verstehe nicht, Mom, daß du die Schuld für eure Trennung ständig nur bei meinem Vater suchst.
Das brachte mich in Rage. Meine Stimme kippte und wurde schrill. Hat er mich wegen einer anderen verlassen oder nicht? brüllte ich. Aber da hatte Susan schon aufgelegt, und ich stand mit dem Hörer in der Hand mitten im Zimmer und hätte ihn am liebsten durch die geschlossene Fensterscheibe geworfen. Danach rief ich Susan eine Weile nicht an, und ich sah sie noch seltener als zuvor.
Mein Zustand änderte sich nicht, mein Aussehen sehr wohl. Ich war dicker geworden, das merkte ich an den Kleidern. Da ich mich nicht mehr schminkte, zudem auch nicht mehr in den Spiegel sah, war mir nicht bewußt, wie die Falten mein Gesicht hart machten. Später war ich mir nicht mehr ganz klar darüber, ob ich nicht vielleicht wollte, daß man mir den zugefügten Schmerz vom Gesicht ablesen konnte.
Es war ein Vorfrühlingstag mit einer für die Jahreszeit zu lauen Luft. Eigentlich wollte ich in den Park gehen, um mir die Beine zu vertreten und die Enten zu füttern, die um diese Jahreszeit wenig in der Natur fanden. Meine Stimmung war unerwartet ausgeglichen, und ich hatte, was selten genug der Fall war, lange und tief geschlafen. Weder hatten mich Alpträume noch Wachträume gequält. Als ich die Treppe hinunterging, klang mein Schritt fester als üblich. Es fehlte nur noch, daß ich vor mich hin gesummt hätte. Das alles änderte sich, als ich einen Brief im Kasten fand. Es war ein dicker Brief, mit der Handschrift von Fred adressiert. Und genau das war das Ungewöhnliche. Fred adressierte nie Briefe mit der Hand. Das war im allgemeinen Sache seiner Sekretärin, es sei denn, es handelte sich um äußerst persönliche Dinge. Selbst an mich war die wenige Post, die ich von ihm noch bekam, maschinell geschrieben. Was also hatte dieser Brief zu bedeuten?
Ich vergaß die Enten und meinen Spaziergang. Ich trug den dicken Brief wie ein Kleinod nach oben. Als ich vor der Wohnungstür angelangt war, pfiff mein Atem, Hitze brannte mir in den Wangen, und mein Herz trommelte. Ich fürchtete, mit dem Brief in der Hand vornüber in meine Wohnung zu fallen. Ich legte ihn vorsichtig, als sei er zerbrechlich, auf den Wohnzimmertisch. Erst dann zog ich viel zu langsam Jacke und Straßenschuhe aus. In meinem Kopf geriet alles durcheinander, und meine Gedanken gipfelten in der Hoffnung, Fred würde die Trennung von mir rückgängig machen wollen. Vielleicht hatte er im Laufe der letzten Monate begriffen, daß meine Zuverlässigkeit nicht zu überbieten war, daß ihm das Leben ohne mich schwerer fiel, als er gedacht hatte, daß er meine Nähe brauchte, um seiner Zukunft sicher zu sein, daß nur ich ihm Ruhe verschaffen konnte. Ich ging noch weiter und stellte mir vor, in dem Brief stünde, daß er meine Zärtlichkeit vermisse, daß er sich geirrt habe und nur mit mir leben könne und wolle. Ich war von seinen Eingeständnissen und seinen Wünschen derart erfüllt, daß ich meinte, den Brief gar nicht öffnen zu müssen. Bis auf die Anrede wußte ich Zeile für Zeile, was darin stand. Ich nickte zu jedem Wort, vergaß meine Wut über das Unrecht, das Fred mir zugefügt hatte, und verzieh ihm von Minute zu Minute mehr und mehr.
Inzwischen schien die Mittagssonne ins Zimmer, und ihre Strahlen fielen auf das Couvert, das ich immer noch anstarrte und dessen Ecken jetzt leuchteten, als läge darin mein verlorenes Glück. Endlich stand ich auf, um den Brieföffner vom Schreibtisch zu holen. Jede Bewegung war beschwingt, denn alles würde sich zum Guten wenden. Plötzlich war ich ungeduldig und beschädigte in meiner Hast den Umschlag. Ich riß den dicken Brief heraus. Er war mit der Maschine geschrieben, und nur oben, neben der Anschrift, klebte ein Zettelchen. Gratuliere zu Deiner Erbschaft, stand darauf, alles weitere können wir in meinem Büro besprechen. F.
Keine Versöhnung und keine Rede davon, zu mir zurückzukommen. Statt dessen war ich jetzt, laut dem beigefügten Dokument, im Besitz einer pompösen Stadtvilla.

Leonie Ossowski

Über Leonie Ossowski

Biografie

Leonie Ossowski, geboren 1925 in Niederschlesien, ist Autorin zahlreicher Erfolgsromane und Drehbücher. Ausgezeichnet unter anderem mit dem Adolf-Grimme-Preis in Silber, dem Schillerpreis der Stadt Mannheim und zuletzt mit der Hermann-Kesten-Medaille des PEN-Zentrums, hat sie sich in ihren Romanen...

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Sempacher Woche (CH)

»Die Autorin erzählt in einer wunderbaren Sprache und mit viel Feingefühl von einem Neuanfang, von Mut und Unternehmungslust, vom Älterwerden und neuen Perspektiven, die dem Leben Sinn geben.«

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