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Die Schnelligkeit der SchneckeDie Schnelligkeit der Schnecke

Die Schnelligkeit der Schnecke

Ein Toskana-Krimi

Taschenbuch
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Die Schnelligkeit der Schnecke — Inhalt

Die vier Alten aus Massimos Bar sind wieder da! Immer noch haben sie nichts Besseres zu tun, als Karten zu spielen, Sambuca zu trinken und dem armen Massimo mit ihren Kommentaren auf die Nerven zu fallen. Dabei hat der junge Barista neben der Verköstigung seines Seniorenclubs noch eine weit schwierigere Aufgabe zu lösen: Wer hat den Professor auf dem Gewissen, der bei einem Kongress in Pineta auf mysteriöse Weise ums Leben kam?

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 16.04.2012
Übersetzer: Sigrun Zühlke
208 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-26423-5
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 16.04.2012
Übersetzer: Sigrun Zühlke
208 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95478-5

Leseprobe zu »Die Schnelligkeit der Schnecke«

Marco Malvaldi
Die Schnelligkeit der Schnecke
Ein Toskana-Krimi
Aus dem Italienischen von Sigrun Zuehlke


Anfang

Es war Nachmittag, und die Bar wie auch der groesste Teil des Dorfes, goennte sich jenen ausgedehnten Nachmittagsschlaf, der der Stunde des Aperitifs vorausging. Draussen an den Tischen sassen nur zwei junge Maedchen mit einem Laptop und zwei caffè shakerato bei den Tamarisken sowie die vier Bannertraeger des dritten Lebensalters, die stolz auf den Stuehlen am Tisch unter der Ulme thronten. Tiziana kam in die Bar zurueck, nachdem sie die [...]

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Marco Malvaldi
Die Schnelligkeit der Schnecke
Ein Toskana-Krimi
Aus dem Italienischen von Sigrun Zuehlke


Anfang

Es war Nachmittag, und die Bar wie auch der groesste Teil des Dorfes, goennte sich jenen ausgedehnten Nachmittagsschlaf, der der Stunde des Aperitifs vorausging. Draussen an den Tischen sassen nur zwei junge Maedchen mit einem Laptop und zwei caffè shakerato bei den Tamarisken sowie die vier Bannertraeger des dritten Lebensalters, die stolz auf den Stuehlen am Tisch unter der Ulme thronten. Tiziana kam in die Bar zurueck, nachdem sie die Bestellungen der Genannten aufgenommen hatte.
»Massimo?«
»Anwesend.«
»Also, zwei Espresso, einen normalen fuer den Grossvater und einen corretto al sassolino, also mit einem Schuss Anislikoer, fuer Aldo. Einen Averna mit Eis fuer Pilade und einen Chinotto fuer Rimediotti.«
»Gut. Machst du mir bitte die Espresso, Tiziana? Um den Rest kuemmere ich mich.« Massimo nahm ein Holztablett und stellte es auf den Tresen, beugte sich unter die Theke und zog ein Flaeschchen mit einer dunklen Fluessigkeit hervor. Einen Augenblick lang betrachtete er sie liebevoll, dann nahm er sie und schuettelte sie etwa zehn Sekunden kraeftig.
Sanft stellte er sie auf dem Tablett ab und legte den Flaschenoeffner daneben, dann gab er einen Schluck Averna in ein Glas und fuegte zur Abrundung noch einen Schuss Balsamicoessig dazu ; danach angelte er mit den Fingern einen Eiswuerfel aus dem Behaelter und liess ihn mit professioneller Miene ins Glas fallen. Schliesslich musterte er nachdenklich die beiden Espresso, die Tiziana zubereitet und auf das Tablett gestellt hatte. Er trank von beiden einen Schluck, fuellte sie mit gewichtiger Miene mit Mineralwasser direkt aus dem Kuehlschrank auf und gab noch einen Spritzer Zitronensaft fuer Aldo hinzu, der seinen Espresso ja sowieso corretto wollte.
»Fertig. Bring’s nur raus ...«
»Massimo, komm schon ...«
»Was?«
»Komm, stell dich nicht duemmer, als du bist.«
»Man beleidigt seinen Vorgesetzten nicht. Das ist ungezogen und zeugt von mangelnder Schlauheit. Sonst entlass ich dich noch, weisst du?«
»Ich hab nicht gesagt, dass du dumm bist, ich habe gesagt, dass du dich dumm anstellst. Die armen Opis, ich bitte dich.«
»Von wegen, die armen Opis! Hab ich sie gefragt oder nicht, ob sie mir den Gefallen tun, sich an einen anderen Tisch zu setzen?«
»Ja, Massimo, aber auch du musst doch verstehen, dass ...«
»Nichts ›auch du‹. Nur ›du‹. Massimo muss verstehen. Massimo muss verstehen, dass die Opis, die Aermsten, ihre Gewohnheiten haben. Massimo muss verstehen, dass es unter der Ulme schoen kuehl ist. Abgesehen davon sehe ich nicht ein, warum Massimo so ein Theater deswegen macht. Schliesslich gehoert ihm die Bar im Grunde ja gar nicht. Die Opis haben ihn enteignet. Damit sollte er sich allmaehlich abfinden.«
»Jedenfalls bringe ich ihnen dieses Zeug nicht.«
»Macht nichts. Rimediotti kommt sowieso gerade.«
In der Tat hatte gerade ein alter Mann die Bar betreten, der ein wenig schlechter gekleidet war als die anderen. Hochgewachsen und ausgezehrt, trug er ein hellblaues, quergestreiftes Poloshirt und seniorenfarbene Hosen. Das Ensemble verlieh ihm eine Ausstrahlung, die irgendwo zwischen einem Langzeitkranken und einem entlaufenen Haeftling lag.
Massimo kannte ihn lange nur unter dem Namen »der Rimediotti«, und fand erst nach vielen Jahren heraus, dass er vor langer Zeit einmal auf den Namen Gino getauft worden war. Er zaehlte eher zu den ruhigen Vertretern seiner Altersgruppe, mit leicht sehnsuechtigen Erinnerungen an Mussolinis Zeiten, und er war ein beachtlicher Billardspieler.
»Hast du alles fertig, Massimo? Kann ich das mitnehmen?«
»Bitte, Rimediotti, nimm nur.«
Rimediotti nahm das Tablett und ging hinaus. Massimo bemerkte, dass im Radio »Y. M. C. A.« von Village People lief, drehte die Lautstaerke auf und fing an, im Rhythmus des Songs Glaeser abzuwaschen. Als er den Kopf hob, sah er durch die Scheibe zum Tisch der Pensionaere, die heftig gestikulierten, als wollten sie einen unwahrscheinlichen Tanz der sympathischen Kalifornier vom anderen Ufer auffuehren, deren Lied das Innere der Bar erfuellte. Doch anstatt die Arme zum »Waiii-emm-ssi-ey« hochzureissen, wie es Massimo in einer Phantasie erwartet haette, steuerten sie unter Ampelios Fuehrung direkt auf die Bar zu.
Als sie hereinkamen, redeten, besser gesagt laermten sie alle durcheinander. Nach geduldiger Entschluesselung des akustischen Signals – erforderlich, um die Stimmen der in Ehren Ergrauten vom froehlichen Gejohle zu trennen, das aus dem Radio drang – stellte sich heraus, dass Rimediotti Massimo beschuldigte, ihm die Kleidung ruiniert, Aldo ihn beschuldigte, ihm Magenbeschwerden verursacht, und Ampelio ihn beschuldigte, eine Hure zur Mutter zu haben. Nur Del Tacca war still und bedachte Massimo mit boesen Blicken. Massimo fuehlte ich verpflichtet, ihn zu fragen: »Und Sie, Pilade, Sie haben nichts, worueber Sie sich beschweren moechten?«
»Glaubst du etwa, ich haette den Amaro getrunken?«, gab Del Tacca zurueck und sah ihn weiter boese an.
»Du bist ja nicht normal! Du –«, bruellte Rimediotti unter dem durch die Explosion des Flaeschchens mit Chinotto pomadisierten, ueber die Glatze gekaemmten Haar hervor, was ihm ein noch verwahrlosteres Aussehen verlieh, »du bist doch kriminell! Du bist doch schwachsinnig, du! Genau, das bist du! Ein Idiot, das bist du! Ist das denn die Moeglichkeit?«
»Es tut mir leid, Rimediotti«, antwortete Massimo, waehrend er weiter seelenruhig Glaeser spuelte. »Das passiert manchmal, das wissen auch Sie. Die Kronkorken springen einfach von den Flaschen. Das liegt am Druck des Kohlendioxids im Inneren, glaube ich. Oder besser, am Druckunterschied zwischen innen und aussen. Uebrigens habe ich neulich irgendwo gelesen, dass dieser Druckunterschied unter Ulmen besonders deutlich zutage tritt. Meiner Einschaetzung nach waere bei den Tamarisken ueberhaupt nichts passiert«, erklaerte Massimo und fragte dann im beflissenen Ton des Barmannes: »Kann ich euch etwas anderes anbieten?«
Finsteres Schweigen seitens der Alten folgte auf Massimos Vorschlag. Wenn zwei starke Willenskraefte auf einen Punkt treffen und keiner von beiden vorhat, von seiner Position zurueckzuweichen, dann ist ein Zusammenstoss unvermeidlich. Wie zwei Zylinderbloecke steuern die Rivalen aufeinander zu, ohne die Folgen zu beruecksichtigen und ohne jegliche Moeglichkeit, es sich noch mal zu ueberlegen. Wer am haertesten ist, gewinnt.
Die Geschichte ist voll von derartigen Geschichten. Man denke nur an Caesar und Antonius. An Churchill und Stalin. An Zidane und Materazzi.
Auch hier ist der Moment gekommen. Wir stehen unmittelbar vor dem direkten Aufeinandertreffen. Die Luft scheint zu Glas zu erstarren, wie beim Duell, wenn die Duellanten sich misstrauisch beaeugen. Bedauernswerterweise besteht die musikalische Untermalung der Szene nicht in Musik von Morricone, die jetzt so gut gepasst haette, sondern im unpassend froehlichen Gebruell der Village People, die gemeinsam verkuenden, dass man einfach nicht ungluecklich sein kann, wenn man nur an einer schoenen Schwulenparty teilnimmt.
Ungeachtet der unbeschwert-heiteren Untermalung musterten sich die Kontrahenten mit drohenden Mienen.
Und langsam, aber unvermeidlich, senkte sich die Lautstaerke der Musik.
Das Lied ging zu Ende.
Gleich wuerde der Moment gekommen sein.

»Entschuldigen Sie ...«
Es war eine aengstliche Stimme, hoeflich, kaum zu hoeren. Aber mehr als ausreichend, um den Bann zu brechen.
Die Stimme gehoerte einem der beiden Maedchen, die draussen sassen, an dem Tisch neben den Tamarisken. Sie war hereingekommen und blickte die Gruppe aus einem Paar riesengrosser blauer Augen an, so wie die aus den japanischen Zeichentrickfilmen. Hinter ihr folgte ihre Freundin. Ihr Gesichtsausdruck war der eines unschuldigen kleinen Maedchens, ihr Dekolleté dagegen wirkte eindeutig sehr muetterlich. Massimo sah das erste Maedchen fragend-hoeflich an, waehrend die Alten sich hemmungslos an ihrer Freundin weideten.
»Ich wollte Sie um einen Gefallen bitten. Ich muesste mal ins Internet, aber an unserem Tisch funktioniert es nicht besonders gut. Aehm ... und weil ich gesehen habe, dass das Signal am Nebentisch sehr stark ist, wollte ich fragen, ob es moeglich waere, dass wir die Tische tauschen.«
Es folgte ein Augenblick greifbarer Beschaemung.
»Das darfst du mich nicht fragen. Frag nur diese Herren hier, es ist ihr Tisch«, sagte Massimo mit einem Hauch Perfidie und zeigte dabei mit einem Kopfnicken in Richtung
der Pensionaere.
Das Maedchen, das mit mysterioeser weiblicher Weisheit in Ampelio den Anfuehrer ausgemacht hatte, wendete sich diesem zu und laechelte ihn an.
»Wuerde es Ihnen etwas ausmachen, wenn wir tauschen?« Das Ganze untermalte sie mit einem ueberzeugenden Augenklimpern. Ampelio stammelte beschaemt etwas vor sich hin, waehrend Rimediotti ganz galant antwortete: »Ach du lieber Gott, Signorina, da brauchen Sie doch nicht mal fragen. Bitte, das fehlte ja gerade noch.«
»Wenn es Ihnen wirklich nichts ausmacht ...«
»Ach, woher denn«, sprang ihm Aldo bei, »das ist doch kein Problem.«
»Wirklich nicht? Na dann, vielen Dank.«
Das Maedchen bedankte sich erneut mit einem breiten Laecheln und ging mit der Freundin hinaus.

Stille folgte auf diese kleine Szene. Absolute Stille, denn Tiziana hatte auch das Radio ausgeschaltet. Die Alten, die eben noch wie ein Rudel weitsichtiger Woelfe ueber Massimo hergefallen waren, blickten nun jeder in eine andere Richtung und erinnerten ein wenig an eine Gruppe einander Unbekannter, die auf den 31er Bus warteten.
Massimo hingegen nahm ein Tablett und fing geschwind an, es zu fuellen. Er beugte sich unter die Theke, um einen Chinotto herauszuholen, und sagte dabei: »Tiziana, einen normalen Espresso und einen corretto al sassolino. Und danach erinnere mich daran, dass ich zum Optiker muss.«
»In Ordnung. Hast du Probleme?«
»Nein, nein. Ich will nur hin, um mir ein paar blaue Kontaktlinsen zu kaufen. Gut moeglich, dass mir dann beim naechsten Mal jemand zuhoert, wenn ich um etwas bitte und dabei mit den Augen klimpere.«
»Vielleicht leihst du dir auch gleich ein schoenes Paar Titten«, sagte Ampelio muerrisch. »Du faengst eh schon an, so bescheuert zu argumentieren wie die Frauen.«
»Und Sie, was moechten Sie, Pilade? Einen Amaro?«, fragte Massimo ungeruehrt von unter der Theke her.
»Sieh mal, Massimo«, fuhr Ampelio unbeirrbar fort, »das Problem ist doch Folgendes: Auch mit Kontaktlinsen, falschen Titten und wer weiss, was sonst noch, bist du haesslich wie die Nacht und bleibst du haesslich wie die Nacht.«
»Ich weiss«, sagte Massimo, waehrend er hinter der Theke wieder auftauchte. »Letztlich liegt’s in der Familie. Alle haesslich wie die Nacht, seit Generationen schon. Mit ein, zwei
Lichtblicken wie Tante Enza.«
Massimo und sein Grossvater sahen sich an und fingen beide an zu kichern. Als Enza Viviani nei Barontini, Ampelios Schwester und Tante von Massimos Mutter, auf die Welt gekommen war, hatte Signora Ofelia Viviani geborene Medori (Urgrossmutter von Massimo und Mama von Ampelio, in der ganzen Familie bekannt als »Ofelia von Windsor« wegen des Goldschmucks und der vielen Ringe, die sie zu festlichen Gelegenheiten trug) von der ganzen Verwandtschaft und verschiedenen Bekannten Besuch erhalten, darunter auch Romualdo Griffa, Vater von Aldo und langjaehriger Freund der Familie. Romualdo, nachdem er sich ueber die Wiege gebeugt und dem Saeugling einen Finger so dick wie ein Baguette hingehalten hatte, hatte sich aufgerichtet und mit droehnender Stimme verkuendet: »Verdammt, Ofelia, Kompliment. Das ist wirklich ein huebscher Junge.«
»Hoer mal, Romualdo, es ist ein Maedchen.«
»Ehrlich?« Unglaeubig hatte sich Romualdo daraufhin noch einmal ueber die Wiege gebeugt. »Verdammt, das arme Maedchen.«

Um in die Gegenwart zurueckzukehren: Auch die anderen Stammgaeste kicherten, da sie die Geschichte kannten, weil Ampelio sie ihnen wahrscheinlich schon etwa fuenfzigmal pro Kopf erzaehlt hatte. Tiziana, die die Geschichte nicht kannte, laechelte hingegen, weil sie bemerkt hatte, dass der Sturm vorueber war. Mit immer noch demselben Laecheln trat sie zu Rimediotti, der nichtsdestotrotz weiter vor sich hin murrte, waehrend der Chinotto ihm unerbittlich aus dem wilden Haarschopf troepfelte. Sie besaenftigte ihn mit demselben Laecheln, drueckte ihm den Kopf ganz leicht nach unten und trocknete ihm das Haar. Der ehrwuerdige Greis, der sich dank seiner Kopfhaltung unvermittelt direkt Tizianas Busen gegenuebersah, bedankte sich und lief rot an.
Jetzt hatte der Gewittersturm endgueltig heiterem Wetter Platz gemacht: Das Klima war kameradschaftlich-bruederlich, und dank Massimos Erinnerung fuehlte sich Ampelio auch dazu aufgelegt, die Vergangenheit wiederaufleben zu lassen und jene unzaehligen Geschichten zu erzaehlen aus den Zeiten, als er und die anderen Rentenbezieher noch jung gewesen waren, und lange davor. Da es schon eines Nato-Einsatzes bedurft haette, um Ampelio zu stoppen, wenn er einmal beschlossen hatte, etwas aus den Zeiten seiner lange zurueckliegenden Jugend zu erzaehlen, und angesichts der Tatsache, dass unser reifer Held ein Erzaehler von unzweifelhaftem Talent war, wenn auch mit beschraenktem Repertoire, richteten sich die uebrigen Anwesenden willig darauf ein, zuzuhoeren.
Del Tacca, mit einem Glas reinem Amaro vor sich, lauschte Ampelio, ohne ihn anzusehen, und kicherte dabei in sich hinein. Rimediotti und Aldo lauschten stehend und nickten wissend, wenn Ampelio eine Persoenlichkeit aus der Vergangenheit einfuehrte, um zu zeigen, dass sie sich daran erinnerten und dass das schon so einer war. Tiziana lauschte amuesiert den unwahrscheinlichen Geschichten des alten Halunken, dessen Gedaechtnis den Auswirkungen der Zeit und der Arterienverkalkung in skandaloeser Weise widerstanden hatte. Ab und zu warf Massimo ihm einen boesen Blick zu, der weiter den Barmann gab und schnitt, einschenkte und abspuelte, nur um dem Grossvater nicht die Genugtuung zu goennen, obwohl er in Wirklichkeit natuerlich auch zuhoerte.
An einem gewissen Punkt fing Ampelio an zu erzaehlen, wie er und Aldo in Pisa gearbeitet hatten und zum Spass die Touristenmenues, die draussen an den Restaurants in der Naehe der Piazza dei Miracoli angeschlagen waren, durch andere, selbst erfundene Speisenkarten ersetzt hatten, in denen unmoegliche Dinge vorgekommen waren, wie zum Beispiel Carpaccio vom Kamelhintern oder Haarsuppe. Massimo, der die Geschichte schon x-mal gehoert hatte, nahm ein Tablett und ging nach draussen, um die Glaeser der beiden Maedchen abzuraeumen, die den Tisch unter der Ulme erobert hatten.
Er fand sie in heller Aufregung.
Das Maedchen mit den grossen Augen und ihre Freundin klickten wild mit der Maus herum und oeffneten alle Dateien auf dem Desktop auf der Suche nach etwas. Dem Maedchen mit den grossen Augen stand die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben, und sie war kurz vor einem hysterischen Anfall. Ihre Freundin sass zusammengekauert da und hatte ein mitleidiges Gesicht aufgesetzt, das sehr nach unschuldigem Huendchen aussah. Aengstlich fragte sie die Freundin: »Aber ist sie wirklich nicht mehr da?«
»Oh, ich finde sie nicht. Also wirklich ... wie, verd ... wie ist das nur moeglich ... eben war sie doch noch da! Sie war hier! Ach, du lieber Gott ...«
»Entschuldigung«, sagte Massimo, nahm dem Maedchen den Laptop aus den Haenden und stellte ihn schnell auf einen der Tische neben den Tamarisken. Dann kehrte er zu den Maedchen zurueck, die ihn verbluefft anstarrten.
»Ganz ruhig, da gibt es keinen Empfang. Ich konnte nicht anders, als auf den Bildschirm zu gucken. Dir hat’s ein paar Dateien zerschossen. Hattest du einen Browser offen?«
»J ... ja«, antwortete die ueppige Freundin, weil das Maedchen mit den grossen Augen immer noch Massimo anstarrte, als waere der ein sprechender Hase. »Ich hab ein Fenster aufgemacht, weil ich ihr einen Platz in Barcelona zeigen wollte, und da ... ich weiss nicht, aber irgendwann ...«
»Irgendwann hat das Fenster die Farbe gewechselt und ist abgestuerzt.«
»Genau! So war’s. Das Fenster ist gruen geworden ...«
»Hm. Das ist ein Virus, der in den letzten zwei, drei Tagen ziemlich umgeht. Er funktioniert nur, wenn der Computer im Netz ist, deshalb besteht kein Grund zur Sorge. Hattest du irgendwelche wichtigen Dokumente offen?«
Das Maedchen mit den grossen Augen befand sich immer noch in einem semikatatonischen Zustand und nickte nur.
»Meine Praesentation.«
»Wie?«
»Die Praesentation fuer mein Seminar. Die Folien, mit denen ich das Seminar halten muss.«
»Mit denen du das Seminar haettest halten muessen«, praezisierte Massimo etwas kleinlich.
»Ja, mit denen ich das Seminar haette halten muessen«, fauchte das Maedchen wuetend zurueck. »Mit denen ich uebermorgen das Seminar haette halten muessen! Und jetzt? Was mach ich ...«
»Entschuldige, wenn ich dir ueberfluessige Fragen stelle, aber bist du sicher, dass du das Seminar nicht noch irgendwo anders gesichert hattest?«
»Nein, warum haette ich das tun sollen?«
»Da gaebe es viele gute Gruende. Einer ist gerade eingetreten, zum Beispiel.«
Das Maedchen starrte ihn hasserfuellt an.
»Ich habe immer an diesem Rechner gearbeitet. Woher soll ich denn wissen, dass es, wenn man ins Internet geht, da so Hurensoehne gibt, die solche Spielchen mit einem spielen?«
Massimo haette entgegnen koennen, dass solche Viren schon seit einigen Jahren kursierten und dass es von einer vorsintflutlichen Einstellung sprach, ihre Existenz zu ignorieren, wenn man einen Computer besass. Aber da Massimo nicht erst seit gestern auf der Welt war, wusste er nur zu gut, dass logisches Argumentieren angesichts eines leichtsinnigen Fehlers einer hysterischen Frau bei derselben Frau zu keinem Ergebnis fuehrte. Daher waehlte er den Weg der Entschlossenheit.
»Ich kenne mich ziemlich gut mit dem Betriebssystem aus, das du benutzt. Ich denke, ich koennte eine fruehere Version der Datei finden. Wann hast du sie erstellt?«
»Aber ... vor einer Woche, mehr oder weniger.«
»Wann hast du sie zum letzten Mal geoeffnet?«
»Sie war geoeffnet, als dieser ganze Mist passiert ist. Vor einer halben Stunde, wuerde ich sagen. Aber hoer mal ...«
Zu spaet. Massimo hatte sich schon vor den Laptop gesetzt, und jetzt tanzten seine Finger in einem seltsamen, ziemlich sinnlosen Rhythmus wie kleine rosafarbene Haemmerchen ueber die Tastatur. Das Maedchen versuchte noch etwas zu sagen, aber Massimo brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen, waehrend er mit der anderen Hand weiter Befehle auf der Tastatur eingab. Jetzt sah auch Tiziana zu, die vor Kurzem herausgekommen war und die Szene als neutrale Beobachterin verfolgte.
»Aber ... mein Computer ...«
»Mach dir keine Sorgen. Massimo ist gigantisch mit diesen Dingern.«
»Ja, aber ...«
»Er hat studiert, unter anderem Mathematik. Und wenn ich dir was sagen darf, ich kenne Massimo schon ein paar Jahre. Er mag seine Fehler haben, aber er redet keinen Unsinn. Wenn er es gesagt hat, dann kriegt er es auch hin.«
»Ja, aber ...«
»Tiziana«, sagte Massimo, waehrend seine Finger weiter auf die Tasten haemmerten, »zu meinen zahlreichen Fehlern gehoert auch, dass es mir schwerfaellt, etwas zu machen, waehrend man mir auf die Finger schaut. Geht doch bitte rein, ja?«
»Aber ...«, sagte das Maedchen mit den grossen Augen, dann schaute sie Massimo an und sah, dass er die Datei mit ihrer Praesentation gefunden hatte. Sie wollte schon laecheln, aber Massimo unterbrach sie.
»Ich bin noch nicht fertig. Ich brauche Zeit. Geht bitte rein, ja.«
Gehorsam folgten die Maedchen Tiziana in die Bar.

Eine halbe Stunde spaeter hatte sich das Maedchen mit den grossen Augen beruhigt. Ihre Freundin hatte das besorgte Welpengesicht abgelegt und zeigte jetzt einen Ausdruck stiller Freude, der ihr wesentlich besser stand. Die Alten waren derweil hinausgegangen und hatten sich mit vorgetaeuschter Unschuld wieder an den Tisch unter der Ulme gesetzt, um Karten zu spielen. Die Maedchen waren in der Bar geblieben und plauderten mit Tiziana ueber Gott und die Welt, als Massimo mit einem zufriedenen Laecheln wieder hereinkam. Er reichte dem Maedchen den Laptop.
»Ich glaube, ich habe alles wiederhergestellt. Schau noch mal nach.«
Das Maedchen nahm den Laptop und stellte ihn direkt auf den Tresen. Mit der Maus liess sie die Praesentation von Anfang bis Ende durchlaufen. Es waren seltsame quadratische Molekuele zu sehen und ueberaus verworrene Diagramme von Synthesen und Spektren der Asorption ultravioletter Strahlung. Das Ganze bemerkenswert gestaltet.
»Wahnsinn! Es ist alles da!«
»Bist du sicher? Hast du genau nachgesehen?«
»Ja, ja. Sicher. Du hast mir das Leben gerettet.«
»Na, das Leben ja nun nicht gerade. Ich habe dir deine unmittelbare Zukunft etwas ruhiger gestaltet.«
»Wirklich, ich ... weiss gar nicht, wie ich dir danken soll.«
Die Freundin ergriff das Wort.
»Ich weiss, wie.«
Einen Augenblick lang stellte sich Massimo das Maedchen mit den grossen Augen und ihre Freundin nur mit Schlagsahne bekleidet vor, wie sie ihn vom grossen Bett in seiner Wohnung aus zu sich riefen. Doch ihrem Tonfall nach zu urteilen, hatten sie und Massimo nicht dasselbe gedacht. Die Freundin sah sich in der Bar um und fuhr fort: »Ist doch ganz nett hier. Besonders draussen. Wir koennten hier eine kleine Party organisieren, nach dem geselligen Abendessen am Donnerstag. Irgendwas ganz Eindeutiges«, sagte die Freundin augenzwinkernd, »sodass jeder, der Lust hat, auch kommen kann, obwohl eigentlich klar ist, dass in so eine Bar und noch dazu nach dem Essen nur juengere Leute gehen. Also kommen wir hierher, knuepfen Kontakte, wie es dem Boss gefaellt, und gleichzeitig werden wir die ganzen verkalkten Alten los. Ich weiss nicht, wie’s dir geht, aber mich nerven diese alten Knacker, die den ganzen Tag am Tisch sitzen und dumm daherreden, schon seit einer Weile.«
Da sind wir schon zu zweit, dachte Massimo mit einem Blick nach draussen auf seine unfreiwillig angelegte Sammlung lebender Antiquitaeten.
»So aehnlich ...«, sagte das Maedchen mit den grossen Augen.
»Sieh mal, wir machen das so: Wir erzaehlen’s dem Boss heute Abend, beim Get-together«, sagte die andere entschlossen, »und dann kommen wir morgen direkt hierher, um dir Bescheid zu sagen«, setzte sie an Massimo gewandt hinzu.
»In Ordnung«, antwortete Massimo. »Wenn ihr das frueher entscheidet, koennt ihr es mir auch heute Abend sagen. Ich bin ja sowieso bei euch.«
»Wie meinst du das?«
»Eben hast du gesagt, dass heute Abend das Get-together stattfindet, und deine Freundin meinte, dass sie uebermorgen eine Praesentation halten muss. Also bedeutet das, dass ihr von einem Kongress redet. Soweit ich weiss, ist der einzige Kongress in der naeheren Umgebung der«, er griff zu einer Broschuere hinter dem Tresen, »›XII. International Workshop on Macromolecular and Biomacromolecular Chemistry‹ – meine Guete, was fuer eine Verschwendung von Grossbuchstaben –, der vom 21. bis 26. Mai in Pineta im Hotel Santa Bona stattfinden wird.«
»Ja, klar. Aber wie kommt es, dass du diese Broschuere hast?«
»Weil auch Kongressteilnehmer essen muessen und man in solchen Faellen auf einen Catering-Service zurueckgreift. Und in diesem konkreten Fall mache ich das Catering.«
»Du und Aldo«, ergaenzte Tiziana.
»Ja, schon gut. Ich und Aldo, das ist der Herr da draussen mit den weissen Haaren, der gerade den Herrn mit der Baskenmuetze beleidigt, wir beide sind verantwortlich fuer das Catering. Weshalb ich, wenn nichts dazwischenkommt, heute Abend ebenfalls beim Kongress sein muesste.«

Zwei

Ein Tag, an dem ein Unglueck geschehen wird, faengt zunaechst an wie alle anderen. Solange nichts passiert, ist es ein ganz gewoehnlicher Tag. Auch der erste Tag des XII. International Workshop et cetera, et cetera bildete da keine Ausnahme: Wie jeder beliebige Kongress, auf dem niemand umgebracht wurde, fing er mit einem besonders geschaetzten Redner an, der einen Vortrag hielt, der die Arbeit eines ganzen Lebens zusammenfasste.


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Marco Malvaldi

Über Marco Malvaldi

Biografie

Marco Malvaldi, geboren 1974 in Pisa, arbeitete bis vor Kurzem als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Chemie der dortigen Universität. Mit seinen Krimis um die vier alten Männer und den sympathischen Barbesitzer Massimo avancierte er zum Bestsellerautor. Daneben veröffentlichte er...

Pressestimmen

OÖ Nachrichten

»Mit viel Lokalkolorit entführt dieser witzige Toskana-Krimi auf einen wunderschönen Kurztrip nach Bella Italia.«

FRIZZ

»Espresso und Aperol Spritz bestellen und ganz dem Lesevergnügen hingeben!«

Wiener Journal

»Einfach ein guter Krimi mit ansprechend geschmackvoll aufbereitetem, typisch italienischem Drumherum. Ein echtes Lesevergnügen!«

Brigitte

Genau das Richtige für einen Sommertag.

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