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Die Schatten im Wald (DreadfulWater ermittelt 2)

Thomas King
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Ein Kanada-Krimi

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Die Schatten im Wald (DreadfulWater ermittelt 2) — Inhalt

Im Leben von Thumps DreadfulWater lief es auch schon mal besser: Seine Freundin braucht eine Pause, ein Bekannter fährt sein Auto zu Schrott, und sein Kater zieht kurzerhand zu den Nachbarn. Ablenkung tut not! Wie gut, dass das Team einer TV-Show, die sich mit ungereimten Todesfällen befasst, einen polizeilichen Berater sucht. Vor vielen Jahren stürzte eine junge Frau im Wald einen steilen Abhang hinab – war es ein Unfall, Selbstmord oder gar Mord? DreadfulWater hat gerade mit den Ermittlungen begonnen, da stirbt die Produzentin der Show am selben Ort auf die gleiche Weise …

€ 16,00 [D], € 16,50 [A]
Erschienen am 01.09.2021
Übersetzt von: Leena Flegler
400 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06296-1
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€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 01.09.2021
Übersetzt von: Leena Flegler
400 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-99986-1
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Leseprobe zu „Die Schatten im Wald (DreadfulWater ermittelt 2)“

1

Thumps DreadfulWater stand auf seiner Veranda und blickte hinaus in die Nacht, hoch zu dem funkelnden Sternenbogen. Er sollte nicht wach sein. Er war zeitig ins Bett gegangen und sogar eingeschlafen. Trotzdem war er jetzt hier, stand hellwach und deprimiert in der Dunkelheit und wartete darauf, dass die Dämmerung ihn endlich aufspürte.

Was kein Problem wäre. Er hatte nicht vor, irgendwo hinzugehen.

Für die Pragmatiker markierte der Herbst das Ende von Grillabenden, von Ausflügen zum See und Sonnenbädern im Garten. Für all jene mit Hang zum [...]

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1

Thumps DreadfulWater stand auf seiner Veranda und blickte hinaus in die Nacht, hoch zu dem funkelnden Sternenbogen. Er sollte nicht wach sein. Er war zeitig ins Bett gegangen und sogar eingeschlafen. Trotzdem war er jetzt hier, stand hellwach und deprimiert in der Dunkelheit und wartete darauf, dass die Dämmerung ihn endlich aufspürte.

Was kein Problem wäre. Er hatte nicht vor, irgendwo hinzugehen.

Für die Pragmatiker markierte der Herbst das Ende von Grillabenden, von Ausflügen zum See und Sonnenbädern im Garten. Für all jene mit Hang zum Philosophischen kamen der kalte Himmel und das verblassende Licht eher einer Metapher fürs Altern und für den Tod gleich.

Oder für etwas vergleichbar Melodramatisches.

Thumps mochte die Jahreszeit eigentlich gern. Die kühlen Abende. Die starken Farben in den Bergen. Endlich keine Stech- und Kriebelmücken mehr. Doch dieser Herbst hatte nicht gut angefangen, und er war sich nicht sicher, ob es in absehbarer Zeit besser werden würde.

Als Erstes war da die Reise nach Seattle gewesen. Claire hatte ihn nicht dabeihaben, sondern mit ihrer Krankheit allein klarkommen wollen. Doch er hatte darauf bestanden. Das hatte sich teils als Fehler erwiesen. Ja, er war während des Behandlungsmarathons für sie da gewesen, hatte sie zum Krankenhaus und wieder zurück in ihr möbliertes Zimmer gefahren und parat gestanden, falls sie reden wollte.

Wollte sie aber nicht.

Die OP war an sich gut verlaufen, doch die Chemo war anstrengend. Thumps sah sich genötigt mitanzusehen, wie die Frau, die ihm so wichtig war, im Bad oder auf dem Sofa nur mehr vor sich hin dämmerte und dem Tod so nahe zu sein schien, dass er sich manchmal nach ihr ausstrecken musste, um sicherzustellen, dass sie noch lebte.

Aber sosehr es ihm zusetzte, Claire leiden zu sehen – die Klinik- und Praxisaufenthalte waren noch schlimmer. Thumps hatte keinen Schimmer, ob er die Gesichter der Leute je vergessen würde, die in den Wartezimmern saßen, auf den Fluren auf und ab tigerten oder in Betten und auf Rollbahren lagen, die auf dem Gang geparkt waren wie zu einer Beerdigungsprozession – Menschen, deren Leben vorbei und doch noch nicht vollends vorbei war. Menschen, die genau wussten, dass es keine Hoffnung mehr gab, die aber trotzdem weiter hofften, weil es das Einzige war, was blieb.

Er versuchte, sich einzureden, dass Claire keins dieser wandelnden Gespenster sein würde, dass sie sich wieder erholen und der Schlachtbank gesund und unversehrt den Rücken kehren würde.

Im Lauf zweier Monate sprachen sie mit zig Ärzten, und jeder einzelne betonte, welche Fortschritte die medizinische Forschung im Kampf gegen den Krebs machte. Gegen Ende brachte Thumps die Frage auf, inwieweit Ernährung und Umwelt Auslöser der Krankheit sein mochten. Die medizinische Bruderschaft zuckte bloß mit den Schultern und zückte Flyer für neue Medikamente und neuartige Behandlungsmethoden, die vielversprechende Ergebnisse geliefert hatten.

„Wenn wir Haie wären“, scherzte einer der jüngeren Ärzte, „wäre der Krebs für uns gar kein Problem.“

Thumps und Claire lachten darüber – nicht weil es lustig gewesen wäre, sondern weil sie dringend etwas gebraucht hatten, worüber sie lachen konnten.

Zum Zweiten hatte Thumps seinen Volvo an Cooley Small Elk verliehen, und Cooley hatte einen Unfall gehabt. Irgendein Typ war über Rot gefahren und in ihn reingekracht. Roxanne Heavy Runner, die Stammesratsvorsitzende, rief an und erstattete in allen Einzelheiten Bericht.

„Cooley hat sich ein paar Rippen gebrochen und eine Handvoll Schnitte im Gesicht.“

Empathie und Humor waren nicht gerade Roxannes Stärke, aber sie klang tatsächlich ein klein wenig mitfühlend.

„Ihm geht es gut, aber dein Wagen ist Schrott.“

Okay, „mitfühlend“ war vielleicht das falsche Wort.

„Ist nicht weiter wild“, fuhr Roxanne fort. „Die Karre war ja uralt.“

Und drittens: Freeway war weg. Thumps hatte seinen Nachbarn gebeten, sich um die Katze zu kümmern. Virgil „Dixie“ Kane war selbst Besitzer eines großen Komondors namens Pops, der wie ein Berg Schmutzwäsche aussah. Der Hund hatte ein ernsthaftes Verdauungsproblem. Freeway schien das nicht zu stören, und soweit Thumps es beurteilen konnte, war Pops Freeways einziger Freund.

Zwei Wochen nachdem Thumps mit Claire nach Seattle gefahren war, war Freeway verschwunden.

„Ich bin davon ausgegangen, dass die Katze wieder heimkommt, sobald sie Hunger kriegt“, berichtete Dixie, „aber das ist nicht passiert.“

Die naheliegende Erklärung war, dass Freeway gestorben war – von einem Auto überfahren oder von einem Kojoten gefressen.

„Ich würde noch nicht aufgeben“, hatte sein Nachbar gesagt. „Bei Katzen weiß man ja nie.“

Thumps suchte den Horizont ab. Nichts. Kein Silberstreif, der Hoffnung machte, dass dort draußen ein Sonnenaufgang lauerte. All das war natürlich Augenwischerei: In einem Moment war es noch pechschwarz, und sobald man nur ganz kurz nicht hinsah, tauchte ein Hauch Röte auf, ein Schwelen, und im nächsten Moment war wie von Zauberhand der Himmel erleuchtet.

Claire schlief bestimmt noch. Er hatte versucht, sie zu überreden, bei ihm zu bleiben, nur bis sie wieder bei Kräften wäre, aber sie hatte bei sich zu Hause im Reservat sein wollen.

Allein. Das hatte sie deutlich gemacht. Allein.

Thumps lehnte sich ans Geländer und überlegte, was er heute tun müsste. Da war die Sache mit dem Auto. Er musste herausfinden, wohin sie es verfrachtet hatten. Und er musste mit Dolores Cardoza von Chinook Insurance über den Unfall reden. Er musste einkaufen. Das Einzige, was er derzeit im Kühlschrank hatte, waren die Kühlschrankböden.

Und dann der Arzttermin bei Beth Mooney. War der heute oder morgen?

Morgen. Der war morgen.

Thumps hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, um Ärzte einen Bogen zu schlagen, und da war Beth keine Ausnahme. Seit sie beschlossen hatte, er sei Diabetiker, bestand sie auf regelmäßigen Check-ups. Sie hatte ihm kurz vor der Reise nach Seattle Blut abgenommen, und morgen wollte sie mit ihm die Werte besprechen. Thumps war sich sicher, dass alles im grünen Bereich war, trotzdem würde Beth bestimmt weitere Tests machen wollen. Sie würde ihm erneut einen Vortrag über seine Essgewohnheiten halten und ihm – schon wieder – nahelegen, sich den Kurzfilm der American Diabetes Association über die Risiken seiner Erkrankung anzusehen: Erblindung, Organversagen, Amputationen.

Aber so weit würde es nicht kommen. Um sich elend und deprimiert zu fühlen, reichte seine Vorstellungskraft aus.

Und dann war da auch noch die Frage des Frühstücks.

Als Diabetiker musste Thumps seine Mahlzeiten regelmäßig einnehmen. Und weil er nichts zu essen im Haus hatte, musste er sich einen anderen Ort suchen und jemanden, der bereit war, ihm Essen zu machen. Am besten Alvera Couteau. Er würde den Tag im Al’s beginnen und von dort weitersehen.

Thumps nahm seine Canvas-Schultertasche hoch, um sich zu vergewissern, dass er das Blutzuckermessgerät, den Traubenzucker sowie seine Kamera dabeihatte. Er hatte sich die Tasche in Seattle in einem Outlet gekauft. Sie war tatsächlich nützlicher als gedacht – und sie hatte den unverhofften Nebeneffekt, dass er sich damit tough und geheimnisvoll fühlte, als wäre er ein Fotoreporter auf brandgefährlicher Überseemission.

Er ließ den Blick über die Straße schweifen. Vielleicht lungerte die Katze ja in den Büschen oder versteckte sich unter einem parkenden Auto. Dann setzte er sich seinen Hut in einem verwegenen Winkel auf, ließ den Sonnenaufgang Sonnenaufgang sein und machte sich auf den Weg.

2

Das Al’s befand sich zwischen der Fjord Bakery und Sam’s Laundromat und war nicht ganz leicht zu finden. Ein Kneipenschild gab es nicht. Der einzige Hinweis war der Schildkrötenpanzer, den Preston Wagamese neben die Tür geklebt und mit dem Wort „Food“ versehen hatte. Das Al’s war ursprünglich eine Gasse gewesen – bis das Chinook Convention Center gebaut worden war, das nun den Durchgang am hinteren Ende versperrte. Die Stadt war damals davon ausgegangen, dass entweder Otto Lunde, dem die Bäckerei gehörte, oder Sam Maloft, der Besitzer des Waschsalons, die Sackgasse kaufen und sein Geschäft erweitern würde.

Doch es war anders gekommen.

Thumps konnte sich nicht erinnern, je zuvor so früh im Al’s gewesen zu sein, und insgeheim rechnete er damit, dass er dort alleine wäre. War er aber nicht. Wutty Young Beaver, Russell Plunkett und Jimmy Monroe waren bereits da und kauerten wie drei Krähen auf einer Stromleitung auf den drei Barhockern direkt vor dem Grillofen an der Eingangstür. An der Wand über Russells Schulter hing ein großes buntes Plakat mit der Aufschrift: „Stoppt die Pipeline!“.

„Hey, Thumps“, rief Wutty, „lange nicht gesehen!“

„Aber gerade rechtzeitig“, sagte Russell.

„Das stimmt“, pflichtete Jimmy ihm bei, „gerade rechtzeitig!“

Es hatte sich gezeigt, dass an der Sackgasse niemand interessiert gewesen war, sie hatte leer gestanden und begann, sich mit Unrat, Bierflaschen und benutzten Kondomen zu füllen. Teenager, die nichts Besseres zu tun hatten, Landstreicher auf der Suche nach einem Schlafplatz und Damen eines gewissen Gewerbes sorgten dafür, dass nur noch vom „Gassenmotel“ die Rede war.

Im Nu wurde die Sackgasse zur öffentlichen Peinlichkeit und zum Albtraum des örtlichen Gewerbedezernats. Nach zwei Jahren andauernder Beschwerden von benachbarten Unternehmen bot die Stadtverwaltung die Gasse zu guter Letzt öffentlich zum Verkauf an. Es gab genau ein Angebot. Für einen Dollar wollte Alvera Couteau dort ein Restaurant eröffnen. Die Behörde schlug ein – Hauptsache, es entstand etwas auch nur annähernd Unternehmerisches –, und neun Monate später nahm das Al’s den Betrieb auf.

Im Al’s gab es fantastisches Essen; Einrichtung und Atmosphäre würden eher keinen Preis gewinnen. Es war düster und eng, der Großteil des Raums ging für die Sitznischen aus Pressspan an der Längswand und den langen lindgrünen Resopaltresen drauf, an dem mehrere verchromte, mit rotem Kunstleder bezogene Barhocker standen. Licht fiel lediglich durch das vordere Fenster, und der Dampf, der vom Grill aufstieg, bildete bratfettgeschwängerte Wolken, die wie eine Gewitterfront in der Luft hingen.

Das Al’s stand in keinem Reiseführer, und Touristen, die sich auf der Suche nach touristischen Abenteuern in das Café verirrten, machten in der Regel sofort wieder kehrt.

Russell Plunkett fuchtelte mit seinem Messer wild in Thumps’ Richtung. „Wutty versucht gerade zu schätzen, wie alt Al ist.“

Jimmy Monroe, der neben Russell saß, fing an zu kichern. „Der Mann ist lebensmüde.“

„Al war da ziemlich deutlich.“ Nur für den Fall, dass Wutty schwerhörig sein könnte, sprach er lauter weiter: „Wer immer versucht, ihr Alter zu schätzen, isst sein Frühstück das nächste Jahr auf der Shadow Ranch.“

„Der Mann ist lebensmüde“, wiederholte Jimmy.

„Schon“, sagte Wutty, „aber sie meint es nicht ernst.“

Einige Jahre zuvor hatte Wutty versucht, sich über Als neue Nichtraucherregel hinwegzusetzen. Er hatte sich am Tresen eine Zigarette angezündet und getestet, ob Al ihn rauswarf.

Hatte sie nicht.

Stattdessen bediente sie ihn einfach nicht mehr. Keinen Kaffee, kein Essen. Wutty protestierte und tönte, einen hart arbeitenden Mann wie ihn könne sie doch nicht so behandeln, das Café sei eine öffentliche Einrichtung und er Teil dieser Öffentlichkeit.

Es dauerte einen geschlagenen Monat, bis Wutty zu Kreuze kroch, und einen weiteren, ehe Al ihn wieder bediente – und selbst da setzte sie ihm nicht die komplette Portion Hash Browns vor. Und sie füllte seinen Kaffeebecher auch nicht bis zum Rand.

Russell drehte sich zu Wutty um. „Der French Toast auf der Shadow Ranch soll ja ganz reizend sein.“

Der French Toast in der Ranch war tatsächlich reizend. Einige Monate zuvor war Thumps oben gewesen, um mit Vernon Rockland über eine Fotoausstellung zu sprechen. Sie waren zum Frühstück verabredet. Thumps aß Rührei mit Elchwurst und Rockland den French Toast, der auf einer schmalen, rechteckigen Platte mitsamt Erdbeerschnitzen und Heidelbeeren serviert wurde, die wie Blümchen auf dünnen Orangenscheiben drapiert waren. Mit Fruchtpüree-Wirbeln und Minzblättchen als Garnitur. Der Toast an sich war ein ordentliches Mehrkorn und mit Puderzucker bestäubt, und die einzelnen Stücke lehnten in Form eines abstrahierten Tipis aneinander. Thumps wusste noch genau, wie er gedacht hatte, das Ding sehe eher aus wie das Prärieindianer-Schuhkarton-Bastelprojekt eines Grundschülers denn wie eine Mahlzeit.

Al drehte sich vom Grillofen weg. „Na dann.“ Sie sah einem nach dem anderen direkt ins Gesicht. „Wer von euch Jungs will anfangen?“

„Zur Hölle, Al“, sagte Wutty, „du weißt, dass ich bloß Spaß gemacht habe.“

Russell legte einen Zehndollarschein auf den Tresen und nahm seinen Hut vom Haken. „Muss zur Arbeit.“

„Ich auch.“ Jimmy versuchte, noch vor Russell zur Tür zu kommen.

Thumps hatte damals einen Bissen von Rocklands Frühstück probiert. Der French Toast war trockener gewesen als befürchtet – irgendwie bissfest und trotzdem schlabberig und mit einem leicht fischigen Nachgeschmack, wie er fand. Der Sirup war aber okay gewesen. Echter kanadischer Ahornsirup.

Wutty blieb auf seinem Hocker sitzen, hatte aber sein Handy gezückt und starrte angestrengt auf das Display. Thumps schlenderte weiter Richtung Münzapparat zu seinem Lieblingsplatz.

Al folgte ihm mit der Kaffeekanne. „Was meinst du denn, wie alt ich bin?“

Thumps stützte die Ellbogen auf den Tresen. „Für wie blöd hältst du mich?“

Al schob ihm in eine Serviette gewickeltes Essbesteck hin. „Du bist doch sonst nicht so früh dran.“

„Dachte, ich fange heute mal besonders früh an zu arbeiten.“

„Du arbeitest nicht“, entgegnete Al. „Immer noch Jetlag?“

„Verdammt!“ Wutty rutschte von seinem Hocker und hielt sein Handy hoch wie eine weiße Fahne. „Da hat jemand zurückgerufen!“ Er ließ einen Fünfer auf dem Tresen liegen und stürmte zur Tür hinaus.

Al sah ihm kopfschüttelnd nach. „Eines Tages muss ich ihn wohl erschießen.“

„Klang, als hätte er einen Job an Land gezogen.“

„Beim Fernsehen“, sagte Al. „Die haben ja keine Ahnung, wen sie sich da einhandeln.“

„Fernsehen?“

„Irgend so eine Realitysache.“ Al stellte ihm einen Becher hin und schenkte Kaffee ein. „Ich hab da mal eine Frage. Brauche eine zweite Meinung.“

„Dein Kaffee schmeckt“, sagte Thumps. „Und dein Alter schätze ich nicht.“

„Natürlich schmeckt der Kaffee. Und ich weiß selbst verdammt gut, wie alt ich bin.“

Er nahm einen Schluck. Der Kaffee war kochend heiß und tiefschwarz. „Dann passt ja alles.“

Al lehnte sich mit der Hüfte gegen den Tresen. „Findest du, dass ich knurriger bin, als ich sein dürfte?“

„Ist das die Frage?“

„Das ist die Frage.“

Thumps versuchte, Al anzusehen, ob es sich um eine Fangfrage handelte. „Wie wär’s, wenn ich stattdessen dein Alter schätze?“

„Kennst du Roger Menard?“

„Den Leiter des Gewerbedezernats? Der immer riecht wie ein Wunderbaum?“

„Genau der.“ Al zog einen Flyer aus ihrer Schürze. „Dieser Roger hat das hier angeschleppt.“

Auf dem Deckblatt waren ein stilisierter Cowboy und ein stilisierter Indianer zu sehen. Der Cowboy schwenkte seinen Hut über dem Kopf, und der Indianer hatte die Hand zum Hollywood-Klischee-Gruß erhoben.

„Also, Roger erzählt mir, ich sollte mal darüber nachdenken, freundlicher zu sein. Er will, dass ich mich für dieses neue ›Howdy‹-Programm anmelde.“

Thumps konnte die Hash Browns auf dem Grill riechen. Ihm knurrte der Magen. Womöglich brauchte er eine doppelte Portion Toast.

„Menard hat sich hier reingetraut?“

„Nur an die Tür. Hey, ich hab eine neue Soße – schön mit Biss. Willst du die zu den Eiern probieren?“

„Klar.“

„Und willst du gar nicht wissen, was es mit diesem ›Howdy‹-Programm auf sich hat?“

„Nope.“

„Das Gleiche hab ich zu Roger auch gesagt.“ Al schlenderte zurück zum Grill.

Thumps entfaltete den Flyer. Darin wurden Stadt und Umgebung in höchsten Tönen gepriesen. „High-Planes-Paradies“ war nur einer der Lobestitel, „Western Wonderland“ ein weiterer. Beides wurde flankiert vom Versprechen, Chinook sei „fruchtbarer Unternehmerboden“. Es gab eine dreistufige Anleitung, wie Besucher und Touristen willkommen geheißen werden, sowie eine Liste mit Westernvokabeln, die Geschäftsleute in ihren Wortschatz aufnehmen sollten: „skalpieren“ statt „über den Tisch ziehen“. „Nuggets“ oder „Kopfgeld“ statt „Kohle“. „Prärieschoner“ statt „Pick-up“. „Howdy, Partner“ statt „Kumpel“. „Futter“ statt „Essen“.

Als Al mit seinem Frühstück zurückkam, kicherte Thumps noch immer. Sie stellte den Teller vor ihm ab und stemmte die Hände in die Hüften.

„Hier, dein Futter.“

Thumps tippte auf den Flyer. „Ich hab gar kein ›Yihah‹ da drin gefunden.“

„Muss ihnen durchgerutscht sein.“ Al neigte den Kopf zur Seite. „Hast du das Ding echt gelesen?“

Thumps legte den Flyer wieder zusammen und hielt ihn hoch. „Schritt eins wäre, dass du zu jedem, der reinkommt, ›Howdy‹ sagst.“

„Howdy – ernsthaft?“ Al schnappte sich den Flyer und warf ihn in den Müll.

„Nicht begeistert genug.“ Thumps rührte die Soße in sein Rührei. „Du könntest auch mal ein ›Yippie‹ einstreuen.“ Er musste sich ein Grinsen verkneifen. „Natürlich nur, wenn dir der Sinn danach steht.“

Das Al’s war im Augenblick leer. Nicht mehr lange, und die Leute würden Schlange stehen, um hier zu essen.

Al lehnte sich gegen den Kassentresen. „Dann erzähl mal von Claire.“

Thumps’ Grinsen war schlagartig wie weggefegt.

„Roxanne meinte, dass sie alles erwischt haben. Aber das sagen die Ärzte ja immer.“

„Es geht ihr gut.“

„Hab dich so bald gar nicht zurückerwartet. Dachte, du würdest erst mal bei ihr bleiben.“

Thumps zog den Kopf ein und hoffte, dass es schnell vorbeiginge.

„Alle machen sich Sorgen.“ Al schlenderte zurück zum Grill. „Im Übrigen auch um dich.“

Dass Claire ihn als fahrenden Ritter auf einem weißen Ross und Helden von in Not geratenen Damen betrachtete, hatte er gar nicht erwartet, aber doch, dass seine Bemühungen in Seattle ihre Beziehung stärken würden. Dass sie beide einander näherkämen. Dass sie gemeinsame Sache gegen die Krankheit machen würden. Stattdessen war Claire zusehends von ihm weggedriftet, hatte sich von ihm zurückgezogen und war verstummt.

Thumps hatte versucht, sie festzuhalten, aber der Abstand hatte sich zusehends vergrößert, bis er gar nicht mehr an sie herangekommen war. Er hatte sich eingeredet, sie sei nur deprimiert, der Krebs und die Medikamente seien schuld, und zu Hause würde alles besser werden.

Aber als sie schließlich zurück in Chinook waren, hatte Claire ihn bloß abgesetzt und war allein weitergefahren.

„Warst du schon in diesem neuen Café? Beim Budd’s die Straße runter? In diesem schicken Bistro mit Bio-Espresso und Kaffee mit unterschiedlichen Geschmäckern?“

Thumps blickte auf. „Was?“

„Mirrors“, rief Al über das Zischen des Grills hinweg. „Wer bitte schön nennt sein Café Mirrors?“

Thumps versuchte, mitfühlend auszusehen.

„Und hast du schon mit dem Sheriff gesprochen?“

„Mit Duke?“

„Er hat sich nach dir erkundigt.“

„Weshalb?“

Al fuchtelte mit dem Pfannenheber in seine Richtung. „Keine Ahnung. Aber wenn du ihn siehst, sag schön Howdy von mir – und frag ihn, welches Pferd er an der Stange festbinden will.“
Thomas King

Über Thomas King

Biografie

Thomas King, geboren 1943 als Sohn eines Cherokee und einer deutschstämmigen Griechin, ist ein vielfach preisgekrönter nordamerikanischer Schriftsteller. Er ist Mitglied der Order of Canada und wurde von der National Aboriginal Achievement Foundation ausgezeichnet. King lehrte an der University of...

Weitere Titel der Serie „DreadfulWater ermittelt“

Der indigene Polizist DreadfulWater zieht von Kalifornien in das ruhige Örtchen Chinook nahe der Grenze zwischen den USA und Kanada. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Landschaftsfotograf. Eigentlich. Denn immer wieder braucht Sheriff Hockney Unterstützung im unterbesetzten Polizeirevier.
Pressestimmen
Magazin Köllefornia

„Tolle Dialoge bereichern die fesselnde Geschichte.“

Die Tageszeitung

„Thomas King hat ein Händchen für Dialoge – und für seine Charaktere.“

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