Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Blick ins Buch
Die Schatten der IdeenDie Schatten der Ideen

Die Schatten der Ideen

Roman

Taschenbuch
€ 12,00
E-Book
€ 11,99
€ 12,00 inkl. MwSt.
Lieferzeit 2-3 Werktage
In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 11,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Die Schatten der Ideen — Inhalt

Als Moritz Carlsen eine Gastprofessur an einem College in Vermont annimmt, erscheint ihm das Leben an einem amerikanischen Campus zunächst fremd. Dann entdeckt er die Aufzeichnungen des Historikers Julius Steinberg, der 1935 in die USA emigrierte. Anfangs nur neugierig, kommt er einem dunklen Geheimnis auf die Spur. Je mehr verstörende Ereignisse aus Steinbergs Vergangenheit er ans Licht bringt, desto mehr begegnen ihm Hass, Neid und Hysterie.

€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 10.08.2015
464 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30872-4
€ 11,99 [D], € 11,99 [A]
Erschienen am 10.08.2015
464 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97250-5

Leseprobe zu »Die Schatten der Ideen«

1

ANFLUG

 

Ein Zittern durchlief die Maschine, als die beiden Motoren angelassen wurden. Für einen Augenblick ruckten die Propeller, als wollten sie störrisch den Dienst verweigern, begannen sich dann langsam zu drehen und durchschlugen die Luft mit einem flappenden Geräusch, das zu einem gleichmäßigen Dröhnen anschwoll, während die Cessna 208 aus ihrer Parkposition der Startbahn entgegenrollte. Im gelben Licht der Flughafenbeleuchtung verloren die starren Metallfinger der Propellerblätter ihre Form und verwandelten sich in sirrende, ums unsichtbare [...]

weiterlesen

1

ANFLUG

 

Ein Zittern durchlief die Maschine, als die beiden Motoren angelassen wurden. Für einen Augenblick ruckten die Propeller, als wollten sie störrisch den Dienst verweigern, begannen sich dann langsam zu drehen und durchschlugen die Luft mit einem flappenden Geräusch, das zu einem gleichmäßigen Dröhnen anschwoll, während die Cessna 208 aus ihrer Parkposition der Startbahn entgegenrollte. Im gelben Licht der Flughafenbeleuchtung verloren die starren Metallfinger der Propellerblätter ihre Form und verwandelten sich in sirrende, ums unsichtbare Zentrum ihrer Naben rotierende Ringe. Nach einem letzten, wie nachdenklichen Stopp startete das Flugzeug durch, nahm Fahrt auf, hob sanft von der Landebahn ab, schlingerte im Steigflug durch verspätete Böen des abgezogenen Gewitters und zog einen weiten Bogen in Richtung Norden, wo das Dunkel schon tiefer war, während weit im Westen noch Lichtreste am Himmel verdämmerten.
New York, Newark, Jersey City und die wuchernden Vororte New Jerseys warfen das Muster ihrer unregelmäßig flimmernden Lichter millionenfach in die Nacht. Anfangs waren noch einzelne Gebäude zu erkennen, von Flutlicht erfülltes Grün eines Baseballstadions, unablässiges, gelb und rot glitzerndes Ziehen und Fließen auf den Straßen. Doch schnell verschmolzen die einzelnen Punkte zu fremdartigen, geometrischen Formen, die von innen zu leuchten schienen wie die Armaturen im Cockpit, das von der engen Passagierkabine nicht abgetrennt war. Das Blinken der Skalen und Tasten, über die manchmal schattenhaft die Hand des Piloten wischte, gehorchte vielleicht dem gleichen Rhythmus, in dem das Geflimmer von unten aufstieg, folgte der gleichen Struktur, die an Schaltkreise auf Microchips erinnerte, betrachtet man sie unter einem Mikroskop. Als die Maschine ihre Reiseflughöhe erreicht hatte, verblaßten diese Vorstellungen, denn jetzt glich der Lichtteppich den magischen Ornamenten auf jenen Decken, die Indianer in Arizona oder New Mexico weben. Je schwächer das Leuchten von unten schien, desto deutlicher wurden große Sternmengen, und plötzlich stand auch eine wie aus Silber geschnittene Mondsichel am aufklarenden Nachthimmel.
Wegen der aus Kanada nach Süden durchziehenden, schweren Gewitterfront war sein Anschlußflug von Newark nach Lebanon, New Hampshire, von 16 auf 21 Uhr verschoben worden, so daß er nun schon seit über zweiundzwanzig Stunden unterwegs war. Außer ihm befanden sich nur noch drei andere Passagiere in der zehnsitzigen Maschine, eine Frau seines Alters, die gelangweilt in einem Modemagazin blätterte, und zwei junge Männer, die sich über den Mittelgang hinweg lautstark unterhielten, um den Fluglärm zu übertönen. Es mußte sich um Studenten handeln, drehte sich ihr Gespräch doch um Studiengebühren und Anmeldefristen, Studentenwohnheime und die Qualität des Mensaessens am Centerville College. Die beiden hatten also dasselbe Ziel wie er. Vielleicht würden sie ihm nächste Woche sogar in seinen Seminaren gegenübersitzen. Am Centerville College in Vermont.

Der Anruf war vor einem halben Jahr gekommen, gegen Mitternacht, als er sich vorm Zubettgehen die Zähne putzte. Wer rief denn zu einer derart unmöglichen Zeit an?
»Schöffe hier. Spreche ich mit Moritz Carlsen?«
»Ja, aber wer …«
»Johannes Schöffe hier. Wir kennen uns aus dem Studium. Hamburg, siebziger Jahre. Erinnern Sie, erinnerst du dich etwa nicht mehr? Das Benjamin-Seminar bei Mandelkow? Heinrich Mann bei Old Man Schneider? Strukturalismus bei Martens? Wir haben sogar mal gemeinsam ein Referat gehalten. Über Hofmannsthal bei …«
»Oh, ja klar, jetzt fällt’s mir wieder … Hocki! Bist du das etwa, Hocki?«
»Genau.« Er lachte. »Nur daß mich hier, wo ich jetzt bin, niemand mehr so nennt.«
Er sah ihn vor sich: einsneunzig groß, breitschultrig, blondes, volles Haar, strahlend blauäugig, fast das Klischee des Athleten, der er tatsächlich war, spielte er doch in einem ziemlich noblen Hamburger Club sehr erfolgreich Feldhockey, was seinerzeit noch exzentrischer als Tennis und böse bourgeoisieverdächtig war. Weniger exzentrisch oder nobel war allerdings sein Vorname. Johannes hießen viele, weshalb er zwecks genauerer Distinktion unter den Studenten erst Hockey-Hannes genannt wurde, woraus sich bald die Kurzform Hockey entwickelte und schließlich zu Hocki verschliff. Er stammte aus einer Husumer Pastorenfamilie, und in seiner Aussprache klangen manchmal noch Reste nordfriesischen Platts durch. Kennengelernt hatten sie sich Anfang der siebziger Jahre in einem literaturwissenschaftlichen Seminar über Walter Benjamin, das mit hundertzwanzig Teilnehmern so überlaufen war, daß es in einem Hörsaal stattfinden mußte. Hocki saß eine Reihe vor Carlsen und fiel angenehm auf, weil er sich über die theologische Ahnungslosigkeit lustig machte, mit der einige revolutionär gesinnte Kommilitonen Benjamin zum Theologen der Revolution ernennen wollten. Als Pfarrerssohn mußte Hocki es besser wissen.
Sie freundeten sich an, wenn auch nicht besonders eng, was unter anderem daran lag, daß Hocki wegen seines ewigen Hockeytrainings ständig in Zeitnot war. Aber sie belegten häufig dieselben Seminare und Vorlesungen und schrieben schließlich auch gemeinsam ein Referat über Hofmannsthal, über den Hocki sogar promovieren wollte, obwohl dieser Autor gar nicht zu ihm zu passen schien. Hockis Art, mit Literatur umzugehen, war nie sonderlich subtil, sondern hatte etwas derb Zupackendes, womit er allzu verblasene Theorien und Interpretationen schnell auf ihren hohlen Kern zurückführte. Mit Ideologiekritik oder gar Proletkult hatte das allerdings nichts zu tun, sondern Hocki analysierte Literatur einfach mit dem, was man gesunden Menschenverstand nennt. Literatur, sagte er einmal, müsse man besprechen, wie man früher Krankheiten besprochen habe. Deshalb kam im Hofmannsthal-Referat auch die Bemerkung vor, daß es dem sprachskeptischen und weltmüden Lord Chandos, den angesichts einer herumstehenden Gießkanne »die Gegenwart des Unendlichen umschauert«, vermutlich ganz gut getan hätte, sich einmal mit seinem Gärtner zu unter¬ halten.
Carlsen vermutete auch, daß Hocki heimlich selber schrieb und literarische Ambitionen hegte. Als sie einmal Vorlesungsmitschriften austauschten, fand Carlsen zwischen den Papieren in Hockis Handschrift ein sehr trauriges, elegisches Gedicht, das von einer verlorenen oder unerfüllten Liebe handelte. Es war konventionell geschrieben, sogar gereimt, und hatte etwas Liedhaftes. An den Titel konnte Carlsen sich nicht mehr erinnern, vielleicht gab es auch keinen. Als er ihm ein paar Tage später die Aufzeichnungen zurückgab, fragte er, ob Hocki das Gedicht geschrieben habe. Er lief knallrot an, schüttelte heftig den Kopf und sagte nur »Ach, Quatsch«.
Kurz darauf verschwand er sang- und klanglos von der Bildfläche, und niemand wußte, warum und wohin. Hocki war einfach weg. Mitten im Semester. Gerüchte kursierten, er sei in einen Versicherungsbetrug verstrickt gewesen und habe auf einem Containerschiff angeheuert. Ein anderes Gerücht wollte von einer Liebesaffäre mit einer Inderin wissen, die er bei einem Hockeyländerspiel kennengelernt habe und der er Hals über Kopf auf ihren Subkontinent nachgereist sei. Carlsen glaubte beides nicht, machte sich aber auch weiter keine Gedanken über Hockis Verschwinden und verlor ihn bald aus der Erinnerung. Und dreißig Jahre später rief er also plötzlich zu nachtschlafender Zeit an und sagte, daß man ihn da, wo er jetzt sei, nicht mehr Hocki nenne.
Jetzt war er nämlich in Amerika. Am Centerville College im US-Bundesstaat Vermont. Und er war dort Professor für Germanistik, seit einem Jahr auch Direktor des Instituts für German Studies and Language. Wie er das geworden sei, sagte er auf Carlsens Zwischenfrage, sei eine lange Geschichte, die er gelegentlich gern erzählen wolle, zum Beispiel dann, wenn Carlsen ans College käme. Und damit falle er auch gleich mit dem Haus in die Tür. Wie Carlsen bald merken sollte, unterliefen Hocki manchmal solche Ausdruckskapriolen, und dreißig Jahre Amerika hatten das zwischen Zunge und Gaumen rollende plattdeutsche R tief in Hockis Rachen rutschen lassen.
»Ich habe«, sagte er, »am College Geld beschafft für die Position eines Writer in residence. Die soll ab jetzt alle zwei Jahre von einem deutschsprachigen Schriftsteller besetzt werden. Für zwei Semester. Und natürlich hab ich sofort an dich gedacht. Du hast ja Kar¬ riere gemacht als Schriftsteller. Das hab ich von hier mit großem Respekt verfolgt. Ich hab auch zwei deiner Romane gelesen. Gefallen mir gut. Und du arbeitest auch als Übersetzer. Das ist die perfekte Kombination für unseren Writer in Residence. Und dann natürlich unsere alte Verbundenheit aus Hamburger Tagen.« Der Arbeitsaufwand werde sich in Grenzen halten – ein Seminar Kreatives Schreiben, zu unterrichten in deutscher Sprache, sowie ein Workshop Literarisches Übersetzen. Das in Aussicht gestellte Honorar war anständig.
Carlsen erbat sich einen Tag Bedenkzeit.
»Großartig«, meinte Hocki. »Hier wird’s dir gefallen. Centerville liegt zwar mitten im Nirgendwo, aber das Nirgendwo ist schön. Ich ruf dich morgen wieder an.«
Vermont? Vermont sagte ihm etwas. Hatte Carl Zuckmayer da nicht damals sein Exil ausgesessen? Auf einer Farm in den Bergen? Nordosten der USA. Neuengland. Aber Centerville? Nie gehört. Carlsen schlug im Atlas nach. Der Ort fand sich schließlich, sehr klein gedruckt, etwa 30 Kilometer westlich der Grenze zu New Hampshire und knapp 100 Kilometer südlich der kanadischen Grenze. Die nächsten, wenn auch nicht gerade nahen Großstädte waren Montreal und Boston. Um Details auszumachen, startete er mit Google Earth auf die virtuelle Umlaufbahn. Zwar lokalisierte das Programm den Ort, aber ab einer Höhe von etwa 30.000 Fuß verlor das Bild beim Heranzoomen seine Schärfe. Auszumachen war nur eine von Straßen durchzogene Häuseransammlung, die an den Rändern in bewaldete Gebiete ausfaserte. Hier war offensichtlich so abgrundtief Provinz, daß Google Earth sie nur beiläufig überflog. Oder eben, in Hockis gepflegtem Denglisch, die Mitte des Nirgendwo.
Im Kalender überprüfte er, ob seinem Aufenthalt irgendwelche anderen Termine im Weg standen, aber die Verabredungen und Verpflichtungen, die er für den fraglichen Zeitraum eingegangen war, ließen sich absagen oder verschieben. Zwei Semester Centerville also? Warum eigentlich nicht? Tapetenwechsel war stets willkommen, würde vielleicht sogar die üble Schreibblockade lösen, die ihn seit Monaten lähmte. Und da er seit seiner Scheidung finanziell chronisch klamm war, kam ihm das in Aussicht gestellte Honorar mehr als gelegen.

Vierzehn Tage später kam per Post ein Umschlag, der so dick war, daß er nicht durch den Briefkastenschlitz paßte. Er enthielt Informationen über das College, einen Arbeitsvertrag, unterzeichnet vom Chair of Department Johannes Schöffe, der sich jetzt aber umlautlos amerikanisiert John H. Shoffe schrieb – ob das H. wohl für Hocki stand? –, sowie einen verwirrenden Wust von Formularen, die zur Erteilung eines J-1-Visums für akademische Austauschkräfte auszufüllen waren. Lehraufträge in den USA hatte Carlsen schon zweimal wahrgenommen, zuletzt 1999, vor vier Jahren also, konnte sich aber nicht entsinnen, damals mit einem derart massiven Formularpaket bombardiert worden zu sein. Früher reichte ein Doppelblatt mit Angaben zur Person samt Paßfoto, Reisepaß und frankiertem Rückumschlag. Das sandte man dann auf dem Postweg ans nächste US-Konsulat und bekam ein paar Tage später seinen Paß mit dem Visum zurückgeschickt. Inzwischen hatte sich das Doppelblatt zu einem Formulardutzend in diversen Farben vervielfacht, in das akribisch sämtliche USA-Aufenthalte, die man je absolviert hatte, einzutragen waren. Das Fotoformat inklusive der Gesichtshaltung des Porträtierten waren millimetergenau vorgeschrieben. Drei Referenzpersonen mit vollständigen Adressen wurden verlangt, Erklärungen zu Vermögensverhältnissen, Steuerpflicht, Familienstatus, Kindern und so weiter und so fort.
Mit dem komplett ausgefüllten Bürokratiekrempel sollte man sich persönlich in der Paßstelle der Berliner US-Botschaft einfinden, und um sich dort einfinden zu dürfen, mußte man sich über eine kostenpflichtige Telefonnummer einen Termin zuweisen lassen. Die Leitung war ständig besetzt, und als Carlsen nach dem zwanzigsten Wählversuch endlich eine Verbindung bekam, war diese so schlecht, als säße die Sachbearbeiterin mit einem Handy auf dem Mond. Durchs Fiepen und Rauschen leierte sie ihm noch einmal alles vor, was er bereits aus dem Kleingedruckten der Formulare wußte, nahm umständlich seine Personalien auf und nannte schließlich einen Termin: In zwei Wochen um 8 Uhr früh. Die Telefonrechnung klärte ihn später darüber auf, daß dieses Gespräch mit 60 Euro zu Buche schlug.
Als er dann pünktlich und verschlafen in der Berliner Clayallee erschien, stand vor dem Gebäude bereits eine etwa dreißigköpfige Warteschlange im Nieselregen, bewacht von drei deutschen Polizisten und zwei strammstehenden, wie in Granit gehauenen US-Soldaten. Es stellte sich heraus, daß die Wartenden allesamt zu 8 Uhr, der Öffnungszeit der Paßstelle, einbestellt worden waren. Die ersten in der Schlange hatten offenbar Bescheid gewußt und mußten sich schon gegen 6 Uhr eingereiht haben, um die Prozedur zügig hinter sich zu bringen. In der quälend langsam vorrückenden Warteschlange gingen Bemerkungen und Witzeleien über die Trägheit amerikanischer Amtsschimmel von Mund zu Mund, wenn auch gedämpft und geflüstert, als würden derlei albern-harmlose Despektierlichkeiten mit lebenslangem Einreiseverbot oder zumindest der Deportation aus der Warteschlange geahndet. Hätte Carlsen damals gewußt, was im nächsten halben Jahr auf ihn zukommen sollte, hätte er vermutlich nicht so breit mitgegrinst, wie er es tat.
Gegen 9.30 Uhr war er endlich in die gläserne Eingangsschleuse vorgerückt, legte den regenschweren Trenchcoat und das Sakko in die Plastikschüssel der Röntgenanlage und wollte auch den kleinen Lederkoffer dazulegen, in dem sich seine Antragsunterlagen befanden, wurde jedoch höflich und streng darauf aufmerksam gemacht, daß Koffer, Taschen, Tüten und überhaupt jede Form von Behältnissen, die nicht der Bekleidung dienten, unzulässig seien. Ob er etwa die entsprechenden Hinweise im entsprechenden Informationsblatt nicht gelesen habe? Zum Transport der Unterlagen seien lediglich Plastikfolien oder transparente Aktenordner zulässig. Eine Ablage für unzulässige Behältnisse gab es nicht. Wohin also mit dem Koffer?
Der uniformierte Kontrolleur zuckte mit den Schultern und sagte, nun schon sichtlich genervt, das sei nicht seine Sache, fügte jedoch tröstend hinzu, daß Carlsen nach Entsorgung des Koffers an der immer noch wachsenden Warteschlange vorbei unverzüglich in die Eingangsschleuse zurückkehren dürfe.
Er ging zurück auf die Straße und sah sich ratlos um. Auf der gegenüberliegenden Seite der Clayallee gab es parkartige Rasenflächen, die zur Straße hin von Buschwerk begrenzt waren. Er nahm die Unterlagen aus dem Koffer, sah sich noch einmal um, ob er nicht von den Polizisten oder Soldaten beobachtet würde, und schob den Koffer kurzentschlossen unter die nässetriefenden Büsche. Der Koffer enthielt jetzt nur noch Wäsche zum Wechseln, Kulturtasche, Reiselektüre und anderen Kleinkram; sollte er wirklich gestohlen werden, wäre es zu verschmerzen gewesen. Als Carlsen an der Warteschlange vorbei zügig zur Eingangsschleuse strebte, trafen ihn vorwurfsvolle Blicke, die ihn wohl als Vordrängler denunzieren wollten, aber der Kontrolleur erkannte ihn wieder und nickte freundlich bis anerkennend, als wollte er sagen: Warum nicht gleich so?
In der Paßstelle teilte sich die Warteschlange in drei Kolonnen, die im Schneckentempo Richtung Schalter krochen. Nach 45 Minuten hatte Carlsen in seiner Kolonne nur noch zwei Personen vor sich, als eine Lautsprecherdurchsage ertönte: Im Gebüsch vor dem Gebäude sei ein verdächtiger Koffer lokalisiert worden. Sollte sich der Eigentümer nicht unverzüglich beim Koffer einfinden, werde dieser aus Sicherheitsgründen konfisziert und zur Sprengung gebracht.
Der Koffer war nicht wichtig, aber die Lautsprecherdurchsage schüchterte ihn ein. Was, wenn sich aus dem Inhalt seine Identität feststellen ließ? Lagen nicht sogar einige Visitenkarten darin? Einreisevisum und zwei sorgenfreie Semester im verheißungsvollen Nirgendwo könnte er dann wohl vergessen. Also scherte er mit weichen Knien aus der Kolonne aus und meldete sich, schuldbewußt und unterwürfig Erklärungen stammelnd, bei einem der Sicherheitsmenschen im Foyer, der ihn auf die Straße schickte. Die Lautsprecherdurchsage war wohl auch zur äußeren Warteschlange durchgedrungen, galten ihm doch nun sämtliche Blicke. Man hatte es immer schon geahnt: So unauffällig sah ein Kofferbomber aus.
Vor dem Gebüsch wartete bereits einer der deutschen Polizisten und empfing ihn mit den Worten, er sei das also. Der Polizist lächelte aber nachsichtig, vielleicht auch mitleidig, und erklärte jovial, das Problem ergebe sich mindestens einmal täglich. In der U-Bahn-Station gebe es jedoch eine Dönerbude, die sich inzwischen auf diese Fälle spezialisiert habe und als eine Art inoffizieller Gepäckaufbewahrungsdienst der Paßstelle der Berliner Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika fungiere. Immerhin. Ein deutscher Polizist mit Humor.
Carlsen hechelte die 500 Meter zur U-Bahn-Station und wollte dem Dönermann seine Bredouille erklären, aber der unterbrach sein Gestammel und sagte nur: »Isse klar, Kollege. Drei Euro wenn abhole«, nahm den Koffer in Empfang und schob ihn in ein Gestell neben dem Getränkekühler, in dem bereits diverse Taschen, Koffer und Tüten auf ihr Visum warteten.
Für die Warteschlange war Carlsen nun schon eine vertraute Erscheinung, und auch in der Eingangsschleuse wurde er lässig durchgewinkt, aber in den Schalterkolonnen war er erneut der letzte.
Gegen 12.30 Uhr war dann die Reihe endlich an ihm. Er händigte einer mechanisch vor sich hin nickenden Frau seine gesammelten Formularwerke aus, die sie mit spitzen Fingern auf Vollständigkeit überprüfte und ihn wissen ließ, daß er nunmehr Platz nehmen dürfe, um auf den Aufruf für sein Interview mit einem Immigration Officer zu warten. Die wenigen Stühle waren besetzt. Im Stehen blätterte er in ausliegenden Broschüren, die in bunten Hochglanzbildern die Herrlichkeiten Amerikas priesen und die Notwendigkeit erklärten, sich im Krieg gegen den globalen Terror uneingeschränkt solidarisch zu verhalten. An einem der Schalter gab es in gedämpftem Ton eine Auseinandersetzung. Soweit Carlsen es verstand, wurden einem vorderorientalisch aussehenden Ehepaar die Einreisevisa verweigert, und als ein Sicherheitsbeamter die beiden schließlich nach draußen eskortierte, fluchte der Mann halblaut vor sich hin, während die Frau weinte.
Um 13.26 Uhr wurde Carlsen, Moritz, per Lautsprecher an Schalter 3 beordert, wo ihn ein überaus höflicher junger Mann befragte, aus welchen Gründen er eigentlich ein J-1-Visum in die USA beantragt habe. Die Gründe hatte Carlsen in den Antragsformularen zwar schon detailgenau und schriftlich dargelegt, wiederholte sie jetzt jedoch so wortgetreu wie möglich, wobei der junge Mann interessiert in den Papieren blätterte.
»Centerville College, Vermont«, nickte er respektvoll. »Ivy League. Beneidenswert.«
Dann mußte Carlsen seinen linken und rechten Zeigefinger auf eine rot blinkende Apparatur legen, und nachdem die Abdrücke eingescannt waren, verkündete der Immigration Officer, daß Carlsens Reisepaß samt Visum ihm innerhalb der nächsten drei Werktage postalisch zugestellt werde. Dabei strahlte er ihn so erfreut an, als verkünde er ihm den Gewinn des Lottojackpots.
Carlsen bedankte sich, eilte an der geschrumpften Schlange vorbei zur U-Bahn-Station, ließ sich den Koffer aushändigen und bestellte einen Döner und eine Cola. Kauend und schluckend dachte er darüber nach, wieso man als simpler Tourist ohne Visum in die USA einreisen durfte, als Austauschakademiker aber erkennungsdienstlich kujoniert und biometrisch vermessen wurde. Vielleicht war es ja eine neue Strategie des Terrorismus, sich als Germanist, Kardiologe oder Astrophysiker zu tarnen?
Der Dönermann nickte ihm verständnisinnig zu und sagte: »Lebbe is hart.«
Carlsen gab ihm einen Euro Trinkgeld und nahm die nächste
U-Bahn Richtung Bahnhof Zoo. Als er ankam, fiel ihm ein, daß er kein Ticket gelöst hatte. Obwohl er gar nicht kontrolliert worden war, erschrak er bei der Vorstellung. Und über sein Erschrecken wunderte er sich.

Über Klaus Modick

Biografie

Klaus Modick, geboren 1951, studierte in Hamburg Germanistik, Geschichte und Pädagogik, promovierte mit einer Arbeit über Lion Feuchtwanger und arbeitete danach unter anderem als Lehrbeauftragter und Werbetexter. Seit 1984 ist er freier Schriftsteller und Übersetzer und lebt nach einigen...

Pressestimmen

Focus

Spannend bis zur letzten Seite.

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden