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Die Rächerin – Sie findet dichDie Rächerin – Sie findet dich

Die Rächerin – Sie findet dich

S. A. Lelchuk
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Thriller

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Die Rächerin – Sie findet dich — Inhalt

Ihre Mission ist Rache, ihr Motiv ist Vergeltung und ihr Leben ist in Gefahr!
Tagsüber ist Nikki Griffin eine unscheinbare Frau, mit einem ganz normalen Beruf. Doch nachts wird sie zur Rächerin. Sie verfolgt Männer, die Frauen verletzt haben, obwohl sie sie angeblich liebten. Nikki lehrt sie, wie es sich anfühlt, hilflos zu sein: Sie tut ihnen genau das an, was sie ihren Frauen angetan haben. Bis sie eines Tages auf Karen trifft. Karen hat Angst, denn sie wird verfolgt. Nikki will ihr helfen, doch bei ihrem zweiten Treffen taucht Karen nicht auf. Sie wurde ermordet. Weil Nikki die Letzte ist, die mit ihr gesprochen hat, wird sie plötzlich zur Hauptverdächtigen und muss nun selbst um ihr Leben fürchten.

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 01.02.2021
Übersetzt von: Peter Beyer
528 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31519-7
Download Cover
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 01.02.2021
Übersetzt von: Peter Beyer
496 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-99678-5
Download Cover

Leseprobe zu „Die Rächerin – Sie findet dich“

WOCHE EINS


1 – Die Bar war drüben …

Die Bar war drüben in West Oakland. Sie befand sich in einem schlichten, flachen Betonklotz auf einem Parkplatzgelände. Ein Bud Light Neon-Leuchtschild warf blaues Licht auf ein Dutzend heruntergekommener Autos und Lastwagen, die davor parkten. Hier war ich noch nie gewesen, und wahrscheinlich würde ich auch nie wieder herkommen. Ich hielt am Rand des Parkplatzgeländes, knapp außerhalb des Lichtscheins. Dann ließ ich den Motor der roten Aprilia, auf der ich saß, absterben, stieg ab und ging hinein. Es war Freitagabend, [...]

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WOCHE EINS


1 – Die Bar war drüben …

Die Bar war drüben in West Oakland. Sie befand sich in einem schlichten, flachen Betonklotz auf einem Parkplatzgelände. Ein Bud Light Neon-Leuchtschild warf blaues Licht auf ein Dutzend heruntergekommener Autos und Lastwagen, die davor parkten. Hier war ich noch nie gewesen, und wahrscheinlich würde ich auch nie wieder herkommen. Ich hielt am Rand des Parkplatzgeländes, knapp außerhalb des Lichtscheins. Dann ließ ich den Motor der roten Aprilia, auf der ich saß, absterben, stieg ab und ging hinein. Es war Freitagabend, noch ziemlich früh, kurz nach neun. Ein halbes Dutzend bärbeißig wirkender Männer lümmelte an der Bar herum, ein paar andere an den Tischen, zwei waren am Billardtisch zugange. Außer mir war nur eine einzige andere junge Frau anwesend. Sie war die eine Hälfte eines Pärchens, das sich in eine dunkle Ecknische gezwängt hatte, zwischen sich ein Krug Bier. Sie trug einen Nasenring. Waren die Dinger eigentlich so schmerzhaft, wie sie aussahen?
Ich stellte mich an die Bar. „Heineken.“
„Macht fünf Dollar.“ Der Barkeeper, ein großer Kerl mit Wampe, Anfang fünfzig, ergrauendes Haar, stierte mich an und machte sich gar nicht erst die Mühe, es zu verbergen. Alle anderen in der Bar taten es ihm gleich. Sollten sie ruhig.
Ich griff nach dem Bier, genehmigte mir einen Schluck und verschwand dann in der Damentoilette. Dort roch es nach Desinfektionsmittel und Bohnerwachs. Ich starrte in den angeschlagenen Spiegel und betrachtete mich kritisch. Ich war groß gewachsen, einen Meter siebenundsiebzig, und in den schweren Motorradstiefeln, die ich trug, noch größer. Ich zupfte mir mein goldbraunes Haar zurecht, das der Helm geplättet hatte. Kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, mich als mager zu bezeichnen, aber ich hielt meinen Körper in Form. Ich überprüfte den Sitz meiner hautengen Stonewashed-Jeans, zu der ich unter einer schwarzen Lederjacke, deren Reißverschluss ich offen gelassen hatte, ein schwarzes Trägerhemd mit U-Ausschnitt trug. Ein Hauch Lidschatten um meine grünen Augen. Ein Hauch von rotem Lippenstift, den ich normalerweise nie trage. Ich sah genau richtig aus.
So konnte ich loslegen.
Ich schlenderte zum Billardtisch hinüber und schnippte einen Vierteldollar auf den Tisch. „Nächster“, verkündete ich.
Die beiden Spieler waren etwa in meinem Alter, dreiunddreißig. Sie warfen mir diesen gierigen Blick zu, den Männer Frauen zuwerfen. Raubtierartig geradezu. Es war, als wollten sie mich mit einem einzigen raschen Biss verschlingen. Es war, als hätte ich, statt nur auf sie zugegangen zu sein und sie angesprochen zu haben, an ihrem Ohrläppchen geknabbert und ihnen dabei etwas Unanständiges zugeflüstert. Der Größere der beiden hielt seinen Queue lässig in der Hand und wandte sich wieder dem Tisch zu. Er hatte eine schwarz-silberne Kappe der Raiders verkehrt herum aufgesetzt. Er zielte sorgfältig und versenkte die letzte Halbe. Dabei stieß er sie fester, als es nötig gewesen wäre. So etwas taten Männer liebend gern. Nur die wirklich guten Spieler waren imstande, der Verlockung eines angeberisch harten Stoßes zu widerstehen. Er zielte erneut. Dieses Mal stieß er ein wenig sanfter zu; die weiße Kugel prallte von der Acht ab und ließ diese langsam in eine Tasche gleiten. Gewonnen.
Er wandte sich wieder mir zu. „Du bist dran.“ Er machte Anstalten, sich zu bücken und 25-Cent-Münzen einzuwerfen.
„Ich fordere heraus. Die Runde geht auf mich.“
Er hielt inne und zuckte mit den Schultern. „Wie du willst.“
Ich nahm meinen Quarter vom Tisch und holte drei weitere aus meiner Hosentasche. Dann stellte ich meine Handtasche neben mein Bier und bückte mich, um die Münzen einzuwerfen. Dabei spürte ich förmlich, wie alle in der Bar auf meinen Po in der hautengen Jeans starrten. Ich baute auf.
„Du weißt, wie man so eine Stange halten muss?“, fragte mich sein Freund mit einem anzüglichen Grinsen und der Betonung auf Stange. Er war kleiner als sein Kumpel, und sein fleckiges T-Shirt spannte sich über seinen Bierbauch. Er schien zu glauben, dass seine Frage das Verlangen in mir wecken musste, ihn lieber jetzt als gleich in die Toilette zu zerren, um ihm dort rasch einen runterzuholen. Ich machte mir nicht die Mühe, ihm eine Antwort zu geben. Stattdessen ging ich zur Wandhalterung mit den Queues, zog den heraus, der am geradesten aussah, und rollte ihn über den Tisch. Er hatte zwar schon bessere Zeiten erlebt, aber er würde genügen.
„Spielst du um Küsschen, Süße?“, fragte mein angehender Gegenspieler, der mit der Raiders-Kappe. Immer die gleiche bescheuerte Anmache, wahrscheinlich in jeder Bar des Landes. In jeder Bar auf der ganzen Welt.
Ich schaute zu ihm hoch. „Wenn ich mit jemandem herumknutschen will, gehe ich zum Highschool-Ball.“
„Machst wohl einen auf tough“, sagte er, so als wären wir gerade beim Flirten. „Aber über kurz oder lang wollt ihr doch alle das Gleiche.“
Ich hielt meinen Blick auf ihn geheftet. „Ich mache nicht auf taff. Ich spiele um Geld. Es sei denn, du willst bloß um Drinks spielen. Dein Tisch. Deine Entscheidung.“
Nach dieser Ansage blieb ihm keine Wahl mehr. „Normalerweise nehme ich Mädels nicht aus.“
Ich langte in meine Gesäßtasche und ließ einen Fünfzigdollarschein auf den Tisch segeln. „Kleiner hab ich’s nicht.“
Er wechselte einen erstaunten Blick mit seinem Freund.
Alle Augen in der Bar waren auf uns gerichtet.
Gut so.
„Gebongt.“ Er tastete in seiner Brieftasche herum und blätterte schließlich zwei Zwanziger und einen Zehner hin. „Ich habe Anstoß.“
Wenn es um Geld ging, regten sich bei den Leuten immer die Lebensgeister. Er legte einen guten Anstoß hin, versenkte zwei Volle und hatte danach eine Glückssträhne, bei der er noch einmal zwei versenkte, bevor er einen Bandenball auf mittlerer Distanz versiebte. Damit reihte er sich in die Riege solcher Billardspieler ein, wie es sie in jeder Bar mit einem Spieltisch gab. Nicht wirklich schlecht, aber auch nicht wirklich gut. Eben Durchschnitt. Das war okay. Beim ersten Spiel ging es nicht ums Gewinnen, sondern darum, herauszufinden, was der andere so draufhatte und wie wahrscheinlich es war, dass er sein Können auch umsetzte. Gewinnen war zweitrangig.
Ich nahm einen großen Schluck Bier und räumte den halben Tisch ab, ohne dabei ein Wort zu verlieren.
Sanft und ohne jede Hast. So, dass sich nach jedem Stoß eine gute Ausgangsposition für den nächsten ergab. Konsequent. Ein Schritt nach dem anderen. Nicht darüber nachdenkend, was ich gerade tat, sondern darüber, was ich als Nächstes tun wollte. Wenn die Kugeln aneinanderstießen, klickte es kultiviert. Wie viele Züge man vorausplanen kann, ist angeblich das Einzige, was beim Schach Amateure von Großmeistern unterscheidet. Beim Pool war das nicht viel anders, fand ich.
Als ich danebentraf, nahm er seinen Queue mit entschlossenem Blick in die Hand. Konzentriert. Er erkannte, dass er mehr als ein hübsches Ass in den Händen hielt, und wollte seine fünfzig Dollar nicht in den Wind schreiben. Konnte ich ihm nicht verübeln. Jemandem, der gerne Geld verlor, war ich bislang noch nicht begegnet.
Er stieß – und verfehlte sein Ziel. Die Nerven womöglich. Mittlerweile hatten wir immer mehr Zuschauer.
Ich fühlte mich gut, war locker und entspannt und versenkte die andere Hälfte der Halben. Dann tippte ich, ohne ein Wort zu verlieren, mit der Spitze meines Queues auf die Tasche in der gegenüberliegenden Ecke und zielte auf die Acht.
Dort versenkte ich sie mit einem sanften Stoß. Gewonnen.
Ich nahm sein Geld vom Tisch und steckte es ein. Meinen Fünfziger ließ ich auf der Bande liegen. „Möchtest du versuchen, dir dein Geld zurückzuholen?“
Jetzt wurde er sauer. „Zum Teufel, klar will ich das! Und dieses Mal mache ich ernst.“
„Dann raus mit den Moppen. Du hast verloren, du baust auf.“
Ich ließ meinen Fünfzigdollarschein an Ort und Stelle liegen, als kümmerte er mich nicht im Geringsten, und ging zur Bar. „Ein Gläschen Jameson und noch ein Bier.“
Ein alter Sack blickte lüstern zu mir herüber. Er trug ein Warriors-T-Shirt, und an seinem Kinn klebten Kartoffelchips-Krümel. „Nett von dir, Süße. Das wäre aber nicht nötig gewesen, mir einen zu spendieren.“
Ich würdigte ihn keines Blickes, ließ ihn mit meinem Schweigen auflaufen. Prompt wandte er seinen Blick wieder dem Tresen zu und lief rot an, wie ich aus den Augenwinkeln bemerkte. Ich kippte den Whisky herunter, warf einen der soeben errungenen Zwanziger auf den Tresen und stolzierte mit dem Bier von dannen, ohne um Wechselgeld zu bitten.
Derweil hatte der Typ aufgebaut, dabei jedoch einen Zentimeter Raum zwischen der vordersten Kugel und dem Rest des Dreiecks gelassen. Da versuchte es wohl jemand auf die krumme Tour. Das bedeutete, dass er nicht daran glaubte, mich auf die faire Art schlagen zu können. Ich trat an den Tisch, nahm das Dreieck und baute, ohne ein Wort zu verlieren, neu auf.
„Muss wohl verrutscht sein“, nuschelte er peinlich berührt. Ertappt.
„Muss wohl“, echote ich. „Geld auf den Tisch.“
Erneut tastete er in seiner Brieftasche herum. Dieses Mal zog er kleinere Scheine hervor, und am Ende machten ein paar Eindollarscheine die Fünfzig voll. Ich genehmigte mir erst noch einen Schluck kaltes Bier und stieß dann an. Mittlerweile umringten die meisten Männer in der Bar den Tisch.
„Das Mäuschen hat ja mal einen Stoß am Leib.“
„Ob sie bei anderen sportlichen Übungen auch so gut ist?“
„Ich könnte den ganzen Abend lang zugucken, wie sie sich vornüberbeugt, so viel steht fest.“
Ich ignorierte die Kerle und besiegte den Typen mit der Raiders-Kappe erneut. Ich steckte sein Geld ein. Er war fix und fertig, steuerte eine Wand an und lehnte sich dagegen.
Jetzt wollte es sein Freund mit dem Bierbauch mit mir aufnehmen. Vielleicht, um Vergeltung zu üben, vielleicht, um noch ein bisschen länger in mein Dekolleté zu starren. Mir egal. Ich knüpfte ihm zwanzig Dollar ab, denn mehr hatte er nicht bei sich.
Dann sah ich ihn.
Er musste gekommen sein, während ich die letzte Partie eingetütet hatte, denn ich hatte ihn nicht eintreten sehen. Er lehnte am Tresen und hatte ein Bier vor sich stehen. Ich schaute auf meine Uhr. 22:40.
Ich ging zur Jukebox hinüber. Einige der Kerle folgten mir mit ihren Blicken. Ich zog erneut ein paar Quarter aus meiner Tasche und wählte einen Song der Rolling Stones. Dann kehrte ich zum Tisch zurück, wobei ich dieses Mal ein wenig die Hüften schwenkte. Genüsslich nahm ich einen großen Schluck Bier. „Wer ist dran?“
Ich schlug erneut jemanden, irgendeinen aus der Meute. Wer es war, kümmerte mich nicht. Der Mann, der gerade hereingekommen war, hatte es sich zwar an der Bar gemütlich gemacht, beobachtete jedoch neugierig die kleine Menschenansammlung um den Billardtisch. Auch mich betrachtete er staunend. Ich hatte seine Aufmerksamkeit.
Ich nahm mein Geld vom Tisch. „Ich muss was trinken. Der Tisch ist frei. Ich bin hier fertig.“
Ich kehrte zur Bar zurück, zog meine Jacke aus und setzte mich neben ihn, wobei ich einen unbesetzten Hocker zwischen uns frei ließ. Ja, er war es. Untersetzt, ein paar Jahre älter als ich, schwarzer Spitzbart, glanzlose Augen. Breite Schultern, blau-grüne Tätowierungen an beiden Unterarmen.
Ich fing den Blick des Barkeepers auf. „Noch ein Heineken. Und noch einen Kurzen.“
Dieses Mal kippte ich den Kurzen nicht direkt hinunter, sondern ließ ihn auf dem Tresen stehen. Ich nippte an meinem Bier und starrte auf die abgenutzte Holzplatte. Jemand hatte Initialen in die Oberfläche geritzt. RS & CJ auf immer. Ob RS und CJ wohl immer noch ein Paar waren? Ich hätte auf Nein gewettet.
„Man sagt, alleine zu trinken ist eine schlechte Angewohnheit.“
Ich schaute zu ihm hinüber. Zum ersten Mal, seit er eingetreten war, sah ich ihm in die Augen. „Wer sagt das?“
Er lachte. „Irgendwer. Scheiß drauf. Ich habe keine Ahnung.“
„Dann trink einen mit.“
„Werde ich dann wohl mal tun.“ Er nickte dem Barkeeper zu. „Ein Glas von dem, was auch immer sie hat, Teddy. Geht auf mich.“
„Nein“, korrigierte ich ihn. „Ich bezahle meine Getränke selbst.“
Überrascht schaute er mich an. „Mir ist noch nie ein Mädel begegnet, das einen kostenlosen Drink ablehnt.“
„Einmal ist immer das erste Mal.“
„Wahrscheinlich kannst du es dir ja leisten, nach dieser Nummer vorhin am Billardtisch.“
„Ich konnte es mir bereits leisten, als ich hier hereinspaziert bin. Und kann es immer noch.“
Erneut lachte er. „Du bist mir ja mal ein Energiebündel, was?“
„Du kennst mich nicht“, entgegnete ich.
„Aber ich könnte.“
„Könntest was?“
„Dich kennenlernen. Ein bisschen jedenfalls.“
„Wie?“
Nun war er es, der die Schultern zuckte. „Indem wir uns weiter unterhalten, schätze ich.“
Ich erhob mein Whiskyglas. „Prost.“
Wir stießen an und tranken.
„Ich habe dich hier noch nie gesehen“, warf er ein.
„Liegt daran, dass ich noch nie hier war.“
„Und warum heute Abend?“
Ich fuhr mit einem meiner rot lackierten Nägel durch das zerfurchte Holz vor mir und fragte mich erneut, was es mit RS und CJ auf sich hatte. „Ist das für dich wirklich von Belang?“
„Nicht wirklich.“
„Genau. Ich bin hier. Du bist hier. Warum nach einem Grund suchen?“
„Stimmt schon.“ Er schaute zum Barkeeper auf. „Noch zwei. Für ihr Getränk bezahlt sie.“ Er wandte sich mir zu. „Wer sagt, dass man einem alten Fuchs nicht noch ein paar neue Tricks beibringen könnte?“
„Bist du ein alter Fuchs?“
Er zwinkerte mir zu. „Noch nicht zu alt.“
„Dann sollten wir vielleicht versuchen, dir ein paar neue Tricks beizubringen.“
Noch mal zwei Jamesons. Wir tranken.
„Mir ist langweilig“, sagte ich, glitt von meinem Barhocker und ging los, ohne mich umzuschauen. Ich kehrte an die Jukebox zurück und legte einen langsameren Song auf, Love Me Two Times von The Doors. Dann fing ich an, in der Nähe des Musikautomaten mit langsamen Bewegungen zu tanzen. Alle Barbesucher hatten ihre Blicke auf mich gerichtet. Ich spürte, dass er hinter mir stand, fühlte es, als hätte ich Augen im Hinterkopf. Seine große Hand wiegte tastend meine Hüfte, nahm meine Bewegungen auf. Ich bremste ihn nicht, als er sich von hinten an mich presste. Ich biss die Zähne zusammen, ließ es aber zu. Wir tanzten den ganzen Song über gemeinsam.
„Du solltest mit zu mir kommen“, sagte er, als die Musik verebbte.
Ich schmunzelte ein wenig. „Ach ja?“
„Du hast getrunken. Du solltest nicht mehr fahren.“
Mein Lächeln wurde breiter. „Du passt auf mich auf.“
Er grinste. „Ich passe auf uns beide auf. Komm. Ich wohne bloß eine Meile die Straße runter. Ich habe eine gute Flasche Whisky, die wir uns genehmigen können.“ Er legte eine bedeutungsvolle Pause ein. „Und ich habe Eier und Kaffee. Zum Frühstück.“
Ich starrte ihn offen an. „Jetzt sage ich dir mal was. Wir beide werden niemals zusammen frühstücken. Völlig ausgeschlossen.“
Seine Augen flackerten vor Zorn. „Das hättest du mir vor einer Stunde sagen können. Was für eine Zeitverschwendung!“
Er machte auf dem Absatz kehrt und steuerte die Bar an.
Ich ließ ihn drei Schritte weit gehen, bevor ich mich erneut meldete.
„Ich habe nicht gesagt, dass ich nicht mitkommen würde.“
Blitzschnell drehte er sich wieder um.


2 – Ich fuhr ihm hinterher. …

Ich fuhr ihm hinterher. Ich genoss es, die Nachtluft auf meiner Haut zu spüren, genoss das Gefühl des Lenkers in meinen Händen, genoss den festen Druck, mit dem der Wind in meine Lungen strömte. Mit einer Windschutzscheibe zu fahren verabscheute ich. Ich musste spüren, wie der Fahrtwind mich erfasste und beruhigte. Manchmal war mir, als wäre der einzige Platz, an dem ich inneren Frieden empfinden konnte, auf meinem Motorrad. Ob das nun ein erschreckender oder ein wahrer Gedanke war, vermochte ich nicht zu sagen.
Er wohnte in einem kleinen Bungalow im Craftsman-Stil in West Oakland, nahe den Hafenanlagen. Nahe genug, dass ich das Rauschen des Verkehrs auf dem Freeway hören und die Lichter des Hafens sehen konnte. Schwere Kräne und aufeinandergestapelte Schiffscontainer verdeckten jedoch das dunkle Wasser. Ein orangefarbenes Glühen erhellte den dunstigen, fahlen Nachthimmel. Auf der anderen Seite der Bay glitzerte das Lichtermeer der Stadt.
Ich sah, dass er in eine Auffahrt abbog, fuhr jedoch noch eine Querstraße weiter, bevor ich parkte. Dann schloss ich meinen Helm ans Motorrad an, verstaute meine Handschuhe in meiner Handtasche und ging zurück in Richtung des Hauses. Er wartete in der offen stehenden Eingangstür auf mich. „Wieso hast du nicht in der Einfahrt geparkt?“
„Ich parke nie in der Einfahrt von Fremden.“
„Wir werden nicht mehr lange Fremde sein.“
„Mag sein.“
Sein Wohnzimmer war schlicht eingerichtet. Zwei in die Jahre gekommene Sessel und eine schwarze Ledercouch vor einem Fernseher, auf dem der Sportsender ESPN lief. Ein Xbox-Controller auf dem Couchtisch, daneben diverse schmutzige Teller. Er stellte den Ton des Fernsehers ab, verschwand in der Küche und kehrte wenig später mit einer Flasche Whisky und zwei Gläsern zurück. Hatte er nicht etwas von gutem Whisky gesagt? Es war Famous Grouse. Mein Gott, was war für diesen Kerl denn dann schlechter Whisky?
Er ließ die Musik einer Rockband laufen, die sich anhörte wie ein billiger Abklatsch von Metallica – laut, aber talentfrei. Er schenkte uns ein und machte dann eine Geste mit der Hand. „Zieh dir einen Sessel heran. Sei nicht schüchtern.“
Ich genehmigte mir einen Schluck. „Ich sollte es langsam angehen lassen, sonst bin ich betrunken.“
„Ist betrunken sein etwas Schlechtes?“
„Kommt darauf an, was passiert, schätze ich.“
„Was willst du denn, dass passiert?“
„Wirst du schon sehen.“
„Mein Gott!“, rief er aus, halb amüsiert, halb genervt. „Sich mit dir zu unterhalten ist, wie einen Code zu knacken.“
Ich ignorierte ihn und schaute mich um. Dabei spürte ich, wie sich die Puzzleteile zu einem Ganzen zusammenfügten. Es war nach Mitternacht.
Gleich war es so weit.
Ich deutete mit dem Kopf auf die lavendelfarbenen Vorhänge vor dem Fenster. „Ich hätte nicht gedacht, dass du zum Innenarchitekten taugst.“ An der Wand über der Couch hing ein Bild. Darauf war der Mann zu sehen, der jetzt vor mir stand, den Arm um eine Frau gelegt, beide lächelnd und mit einem Drink in der Hand. Sie trug ein schwarzes Kleid, er eine scharlachrote Krawatte über einem kastanienbraunen Hemd. Hinter den beiden liefen Leute umher. Vielleicht eine Party im Kreis von Arbeitskollegen oder ein Hochzeitsempfang. Irgendetwas Geselliges. Die Frau auf dem Bild war nicht besonders hübsch, ein wenig pummelig und hatte schlichte Gesichtszüge. Aber sie wirkte glücklich. Ihr Lächeln war echt.
Unangenehm berührt, folgte er meinem Blick auf die Vorhänge. „Die sind nicht von mir.“
„Mitbewohnerin? Freundin?“
„Klar, nennen wir sie Mitbewohnerin.“
„Ist sie hier?“
„Nein.“
„Kommt sie heute Abend noch zurück?“
„Nein, aber wen schert’s?“ Er schenkte sich erneut ein. „Was spielt das für eine Rolle?“
„Tut es wohl nicht.“
„Hör zu, ich will nicht unhöflich sein, aber ich habe eine anstrengende Woche hinter mir. Gequatscht habe ich genug. Willst du noch einen Drink, oder gehen wir gleich dort hinein?“ Er deutete mit dem Kopf auf eine halb geöffnete Tür. Das Schlafzimmer.
„Ich sagte doch schon: Du wirst noch mitbekommen, was ich will.“
„Was sollen diese ganzen gottverdammten Rätsel?“, rief er. „Ich habe dich in einer Bar aufgelesen. Wir sind keine Highschool-Schnuckis mehr. Wir wissen, was wir wollen. Warum um den heißen Brei herum quatschen?“
„Du hast schlechte Laune“, bemerkte ich.
„Ich habe einen Steifen.“
„Ich nehme noch einen Drink.“
„Klar doch.“ Er schenkte ein.
Ich nahm das Glas, trank, stand auf, zog meine Jacke aus und hängte sie über den Sessel. Mit dem Glas in einer Hand stand ich nun da in meinem schwarzen Tank Top, meiner Jeans und meinen Stiefeln. „Besser so?“
„Scheiße“, sagte er. „Du bist ein echter Knaller. Und ich bin ein echter Glückspilz.“
„Jetzt du.“
„Nun kommen wir der Sache schon näher.“ Er kippte seinen Drink herunter und stand auf. Er war ein groß gewachsener Kerl, vielleicht einen Meter sechsundachtzig, mehr als neunzig Kilo, kräftige Statur. Er zog sich sein T-Shirt aus, und eine schwarze Brustbehaarung trat zutage.
„Weiter“, sagte ich.
„Wie du willst. Schüchtern war noch nie mein Ding.“ Er öffnete seinen Gürtel, kickte seine Schuhe weg und zog sich die Jeans aus. In Boxershorts und Socken baute er sich vor mir auf. Das mit dem Steifen war kein Witz gewesen. Entspannt fläzte er sich wieder in seinen Sessel. „Komm zu mir, Kleines. Wir ziehen dir mal die Stiefel aus.“
Ich schaute ihn an.
Stellte mein Glas ab.
Holte meine Motorradhandschuhe aus meiner Handtasche und streifte mir den ersten über. Dabei achtete ich darauf, dass der gepanzerte Lederrücken sich perfekt über meine Knöchel spannte.
Er starrte mich an. „Bist du Lederfetischistin?“
Statt eine Antwort zu geben, zog ich mir den zweiten Handschuh über.
„Hör zu“, sagte er. „Ich weiß ja nicht, worauf du so abfährst, aber ich mache keine perverse Scheiße. Ich will nicht versohlt oder ausgepeitscht oder vornübergebeugt werden.“
Ich schaute zu ihm hinab. „Weißt du was?“
„Was?“
„Ich glaube, ich bin nicht in Stimmung.“
Wütend kniff er die Augen zusammen. „Machst du Witze?“
„Nee.“
„So eine Scheiße kannst du bei mir nicht abziehen.“
„Warum nicht?“
„Du bist mit zu mir gekommen, hast meinen Fusel getrunken, lässt mich meine gottverdammten Klamotten ausziehen. Meinst du vielleicht, ich schleppe dich ab, weil ich Konversation mit dir betreiben will?“
„Wo ist deine Freundin?“, fragte ich.
„Von wem redest du?“
„Ach ja, Mitbewohnerin“, korrigierte ich mich mit vor Verachtung triefender Stimme, während ich mit dem Kopf auf das Foto deutete.
„Wir haben uns getrennt.“
„Vögeln werde ich dich trotzdem nicht.“
„Meinst du das ernst?“
„Todernst.“
„Na schön“, sagte er. „Dann mach, dass du aus meinem Haus kommst, du durchgeknallte Schlampe. Mach schon, aber zackig.“
„Und was, wenn ich nicht gehe?“
Nun lag ein anderer Ausdruck auf seinem Gesicht. Ein gefährlicher.
Ein Blick, der sagte: Wenn du weißt, was gut für dich ist, dann renne um dein Leben.
Ich rührte mich nicht vom Fleck.
Er hatte die Hände zu Fäusten geballt und spannte den Kiefer an. „Mir reicht’s jetzt mit deiner Schwanzfopperei. Ich weiß nicht, wer du bist oder was du willst, und es ist mir auch egal.“
„Sollte es aber nicht“, erwiderte ich. „Das ist der Punkt. Derlei Dinge sollten dir nicht egal sein.“
Er ging nicht darauf ein. „Ich weiß nur, dass du dich auf meinem Grund und Boden befindest. Und wenn du nicht in fünf Sekunden von hier verschwunden bist, befördere ich dich kopfüber auf den verdammten Bordstein, wo noch der Müll von gestern steht.“
Ich sah ihn gelassen an, ohne etwas zu erwidern.
„Ich meine es ernst.“
Ich blieb stumm.
„Fünf.“
Ich sagte keinen Ton.
„Vier. Drei. Ich meine es wirklich ernst.“
Ich schaute ihn weiter stumm von oben herab an.
„Zwei. Letzte Chance. Ich meine es ernst.“
Ich atmete ruhig ein und stieß dann langsam die Luft wieder aus. Ich spürte, wie mein Puls auf die mir vertraute Art und Weise zu pochen begann. Nun war es gleich so weit.
Gleich.
„Eins.“
Ich holte erneut Luft.
Stieß sie langsam aus.
„Okay, du hast es so gewollt.“ Die Hände nach wie vor zu Fäusten geballt, machte er Anstalten aufzustehen.
Ich wartete, bis er sich halb aus dem Sessel erhoben hatte, die Beine angewinkelt, das Gewicht ungelenk nach vorne verlagert und aus dem Gleichgewicht.
In diesem Moment machte ich einen Schritt nach vorn und schlug zu.
Ich war Rechtsausleger und versetzte ihm mit meiner Linken einen heftigen Schlag. Ein kurzer Punch aus der Drehung, hinter dem mein ganzes Körpergewicht lag. Ich spürte, wie meine Faust mit einem malmenden Geräusch auf seine Nase krachte und der Knorpel wie ein Schwamm nachgab. Das war ein anderes Gefühl als bei einem Schlag auf den Kiefer, den Wangenknochen oder die Schläfe. Ich war es schon lange leid, mir die Knöchel aufzuschlagen. Die gepanzerten Motorradhandschuhe konnten einen Aufprall auf dem Asphalt bei einhundertdreißig Stundenkilometer dämpfen. Sie bewirkten Wunder. Mittlerweile trug ich kaum mehr blaue Flecken davon.
Er plumpste zurück in den Sessel und umklammerte sich mit beiden Händen die Nase. „Scheiße“, jaulte er. Seine Stimme klang gedämpft. „Du hast mir die Nase gebrochen.“
Ich rührte mich nicht vom Fleck, holte erneut Luft, stieß sie wieder aus, kontrollierte meine Atmung, meinen Puls, nahm jedes noch so kleine Detail wahr. Es war, als wäre ich auf Droge. Alles um mich herum nahm ich deutlich und klar wahr, jede Bewegung, jedes Geräusch. Ich wählte meine Worte mit Bedacht. „Bist du bereit für eine weitere Kostprobe? Oder brauchst du noch eine Minute?“
Bei dieser Bemerkung stand er wieder auf. Dieses Mal vorsichtig. Er ignorierte das Blut, das ihm aus beiden Nasenlöchern lief, und wandte seinen Blick nicht von mir ab. Als er es erneut versuchte, stürzte er nicht einfach auf mich los. Stattdessen täuschte er, als er auf die Beine gekommen war, einen überstürzten Angriff vor, machte dann aber einen Schritt nach vorn und führte einen schweren rechten Haken in Richtung meines Kopfes aus. Es war die Art Schlag, der einen bis in die folgende Woche hinein ohnmächtig werden lässt und bei dem man sich nach dem Aufwachen fragt, von welchem Bus man überfahren wurde.
Mühelos wich ich ihm aus.
Während er noch um sein Gleichgewicht rang, tauchte ich unter seinem Arm durch, unsere Gesichter keine zehn Zentimeter voneinander entfernt. Ich schlug ihn vier Mal in zwei Sekunden. Ein heftiger Aufwärtshaken zum Kinn, ein kurzer rechter Haken auf die Schläfe, gleich oberhalb des Ohrs, um ihn vollends aus dem Gleichgewicht zu bringen. Dann verpasste ich ihm eine Linke auf die gebrochene Nase und gab ihm mit einem hässlichen Haken in seine alkoholgetränkte Niere den Rest.
Mit dem Gesicht nach unten schlug er auf dem Couchtisch auf.
Dieses Mal sagte ich nichts. Ich wartete aber auch nicht ab, sondern drehte ihm den linken Arm vom Körper weg und brachte mich sorgsam in Stellung. Dann stellte ich meinen bestiefelten Fuß etwa fünfzehn Zentimeter unter seine linke Achselhöhle und ließ den Absatz so fest herunterschnellen, wie ich konnte. Ein Knacken ertönte, und er schrie gellend auf. Ich schaute ihn an, wie er dalag. Keine Spur von Kampfgeist mehr. Er war erledigt.
„Hast du einen Festnetzanschluss?“, fragte ich.
Er gab keine Antwort, sondern lag nur stöhnend da und hielt sich die Seite.
„Hast du einen Festnetzanschluss?“, wiederholte ich.
Sein Atem ging stoßweise. „Du hast mir die verdammte Rippe gebrochen. O Gott, tut das weh.“
So kam ich nicht weiter. „Wenn du kein Festnetz hast, kann ich mir dann bitte mal dein Handy ausleihen?“
„Warum?“
„Um dir einen Krankenwagen zu rufen.“
„Nein. Warum hast du mich zusammengeschlagen?“
„Weil du es verdient hast. Kann ich jetzt das Telefon haben?“
Er rappelte sich langsam von dem zersplitterten Couchtisch auf. „In meiner Jeans.“
Ich ging hinüber zu seiner Hose und zog das Telefon aus der Tasche. Für die Nummer, die ich anwählte, brauchte ich keinen PIN-Code.
„Neun eins eins, welchen Notfall möchten Sie melden?“
„Ein Mann hier“, gab ich durch. „Ich glaube, er wurde in eine Schlägerei verwickelt. Ich glaube, er hat dabei den Kürzeren gezogen.“


3 – Ich hatte Hunger …

Ich hatte Hunger bekommen und fuhr durch die Gegend, bis ich ein paar Meilen weiter auf einen Schnellimbiss stieß, der vierundzwanzig Stunden geöffnet hatte. Drei Schwarze kamen gerade heraus und stiegen gut gelaunt in einen Jeep. Es war eines von diesen neueren Modellen, bei denen die Scheinwerfer sich zu schmalen Schlitzen verengen. Sie erblickten mich, als ich meinen Helm abnahm, und einer von ihnen rief: „Verdammt, Mädchen, du hast vielleicht Stil!“
Grinsend winkte ich ihnen zu, bis sie davonfuhren. Drinnen setzte ich mich in eine Bucht im hinteren Bereich. Außer mir waren kaum andere Gäste da. Es war nach ein Uhr nachts, nicht gerade die Zeit, in der es in einem Restaurant boomte; die Nachtschichtler waren bereits hier gewesen, um zu essen, die Betrunkenen würden erst anrücken, wenn die Bars in Oakland um 2 Uhr dichtmachten. Die Kellnerin kam praktisch sofort zu mir herüber, und ich bestellte Kaffee und ein großes Holzfäller-Frühstück – gewendete Spiegeleier, Würstchen, Schinken, Kartoffelpuffer, ein kleiner Stapel Pfannkuchen und gebutterter Sauerteigtoast. Ich las, bis das Essen kam, und fiel dann darüber her, nach wie vor in meine Lektüre vertieft. Ich bestellte mehr Kaffee und ließ mir mein Eiswasser drei Mal nachfüllen, woraufhin die letzten Auswirkungen des Whiskys allmählich abklangen.
An einem Tisch in meiner Nähe saßen vier Männer. Weiße, Ende zwanzig, Anfang dreißig. Ab und zu warfen sie Blicke in meine Richtung. Sollten sie ruhig. Ich aß weiter. Das Frühstück war lecker. Ich hatte Kohldampf.
Die vier Typen flüsterten miteinander und lachten. Offenbar war ich das Gesprächsthema. Schließlich kam einer von ihnen zu mir herüber. Er sah gut aus, war schlank gebaut und hatte einen tabakfarbenen Dreitagebart. Sein lockiges braunes Haar war kurz geschnitten, und er hatte eine Brille mit Drahtgestell auf der Nase. Er trug eine Cordjacke, und zu meiner Verwunderung erblickte ich eine kleine goldene Pappkrone auf seinem Kopf, wie Burger King sie an Geburtstagskinder verschenkte. „Bitte um Erlaubnis, mich der Bank nähern zu dürfen“, sagte er.
Ich hörte auf zu kauen und schob mein Buch beiseite. „Und warum solltest du das?“
Er trat einen Schritt näher. „Meine Freunde haben mit mir gewettet, du würdest nicht mit mir sprechen.“
„Klingt so, als hätten sie eine hohe Meinung von dir.“
Er kicherte. „Ich meine – du bist echt hübsch, und du konzentrierst dich offenkundig gerade wirklich auf etwas anderes. Meiner Erfahrung nach sind das schlechte Voraussetzungen, um mit einer jungen Frau ins Gespräch zu kommen. Für mich, meine ich, nicht für sie. Die Hübschen, die sich auf etwas konzentrieren, ignorieren mich normalerweise. Jede zweite, um ehrlich zu sein. Funktioniert einfach nicht besonders gut.“
Ich seufzte. „Hör zu. Du redest gerade mit mir. Und ich mit dir. Du hast eure Wette gewonnen. Du kannst zu deinen Freunden hinübergehen und ihnen sagen, dass das echt hübsche, konzentrierte Mädchen mit dir gesprochen hat.“
Ich nahm mein Buch und meine Gabel wieder in die Hände und widmete mich erneut den Spiegeleiern.
„Hör zu, ich wollte dich nicht belästigen.“
„Schon gut“, sagte ich zu ihm. „Du hast mich nicht belästigt.“
Dann überraschte er mich. „Die unendliche Resignation ist das Hemd, von dem in einer alten Sage erzählt wird. Der Faden ist unter Tränen gesponnen, von Tränen gebleicht, unter Tränen ist das Hemd genäht, aber nun behütet es besser als Eisen und Stahl.“
Ich ließ mein Buch erneut sinken, sodass der Titel wieder zu sehen war. Furcht und Zittern.
„Okay, du Held“, sagte ich. „Du bist Student an der Berkeley und kannst Kierkegaard zitieren. Aufbaustudium Philosophie?“
Nun war es an ihm, verblüfft zu sein. „Englisch, um ehrlich zu sein. Ich habe bloß ein Faible für längst dahingeschiedene dänische Existenzialisten. Woher weißt du das alles?“
„Weil du viel zu spät dran bist, um Professor zu sein, und für einen Studenten im Grundstudium bist du zu höflich. Und wärst du an der Stanford, würdest du in San Francisco ausgehen, nicht in Oakland. Bleibt also Berkeley.“
„Das sind jetzt eine Menge Mutmaßungen.“
„Jeder stellt Mutmaßungen an. Die Frage ist nur, ob sie zutreffen oder nicht.“
Er legte die Stirn in Falten. „Dann bin ich also ein offenes Buch? Keinerlei Geheimnis? Das ist deprimierend.“
„Eine Frage hätte ich schon.“
„Ja?“
„Die Krone“, sagte ich. „Daraus werde ich nicht schlau. Sehr geheimnisvoll.“
Verlegen rieb er sich den Kopf. „Ich habe heute meine Dissertation abgegeben. Wir feiern gerade.“
„Glückwunsch.“
„Tja, sie muss noch angenommen werden. Aber immerhin ist es ein erster Schritt.“
„Über wen hast du geschrieben?“
„William Hazlitt.“
„The Fight. Eines meiner Lieblingsbücher.“
„Wow“, sagte er. „Kein Mensch kennt heute mehr Hazlitt, außer vielleicht seine Sachen über Shakespeare. Aber keiner kennt The Fight. Bist du auch auf der Uni?“
„Nee. Bloß eine kleine Arbeiterin.“
„Und wo arbeitest du?“
„In einem Buchladen.“
„Hier in der Gegend? Die kenne ich alle.“
„Dann kennst du ihn vielleicht.“
Er schaute sich in dem nahezu menschenleeren Restaurant um. „Und warum bist du dann heute Nacht hier?“
„Du meinst, ich sehe nicht so aus, als hätte ich gerade eine Dissertation abgegeben?“
Er grinste und zeigte dabei weiße Zähne. „Dafür bist du viel zu nüchtern.“
Mit gelinder Verwunderung stellte ich fest, dass mir sein Lächeln gefiel. „Okay. Gut. Du darfst dich setzen.“
„Ich hatte gehofft, dass du mir das anbieten würdest“, gestand er und nahm Platz. „Ich bin Ethan. Und du heißt …“
„Nikki.“
„Du magst Kierkegaard?“
„Manchmal“, erwiderte ich. „Ich habe das Gefühl, er ist das Einzige, was mich zusammenhält.“
„Hör zu“, sagte Ethan. „Normalerweise gebe ich meine Telefonnummer nicht an fremde Frauen raus.“
Ich musste lachen. „Habe ich denn nach ihr gefragt?“
„Dein Blick verrät dich.“
„Ich verstehe.“
Er zwinkerte mir zu. „Ich mache jetzt mal eine Ausnahme. Nur dieses eine Mal.“
„Dann tu das.“
„Aber wir schlafen bei unserem ersten Date nicht miteinander!“, verkündete er mit strenger Miene. „Darauf bestehe ich. Das steht nicht zur Debatte. Ist mir egal, was du dazu sagst.“
Bemüht, nicht zu grinsen, nippte ich an meinem Kaffee. „Du legst die Bedingungen fest, ja?“
„Na ja, einer muss es ja tun. Wenn du jetzt bitte so freundlich wärst, mir dein Telefon zu leihen. Ich tippe dann meine Nummer ein, und dann kannst du mich praktisch jederzeit anrufen, wann du willst.“
„Ich habe kein Handy.“
Nun war er baff. „Jeder hat doch ein Handy. Meine Großmutter hat ein Handy, weiß aber nicht, wie man es einschaltet. Wirklich, ich übertreibe nicht, sie weiß nicht, wo die Power-Taste ist. Aber sie hat eines.“
„Tja, ich nicht.“
„Warum nicht?“
„Aus dem gleichen Grund, weshalb ich keinen Hamster habe. Weil ich beides nicht mag.“
Er stibitzte sich einen Kartoffelpuffer von meinem Teller und kaute nachdenklich darauf herum. „Nimm dich in acht. Allmählich mag ich dich wirklich.“
„Echt jetzt?“
„Komm“, sagte er. „Wir gehen miteinander aus, das wird lustig.“ Er nahm sich eine Serviette und zog einen Kugelschreiber aus seiner Jackentasche. „Hier, meine Nummer. Wie erreiche ich dich, junge Frau ohne Handy?“
Er hatte blaue Augen. Sanfte Augen. Und er hatte wirklich ein bezauberndes Lächeln.
„Gut.“ Ich nahm die Serviette, riss sie in zwei Teile, schrieb eine Telefonnummer und eine Adresse darauf und reichte sie ihm zurück.
Überrascht nahm er die Serviette entgegen. „Deine Adresse? Du kennst mich doch kaum.“
„Montag“, sagte ich. „Du kannst nächsten Montag zum Abendessen kommen, sieben Uhr. Wenn du möchtest.“
„Du lädst mich zum Essen ein? Eigentlich hätte ich dich zum Essen einladen sollen.“
„Tja, hast du aber nicht. Außerdem verspreche ich dir, dass ich eine bessere Köchin bin als du.“
„Woher willst du das wissen?“
„Nenne es wieder eine Mutmaßung.“
„Ich bin ein ziemlich lausiger Koch“, gab er zu. „Dafür esse ich gern.“
Erneut schaute ich auf meine Uhr. Fast halb drei. Es wurde Zeit.
Ich warf einen Zwanziger auf den Tisch und stand auf. „Ich muss jetzt gehen. Und übrigens …“ Ich fuhr mit meinen Fingern über seine Jeanstasche, aus der sein Studentenausweis herauslugte. „Manchmal reicht es schon, die Augen aufzusperren.“
Und dann, weil ich einfach nicht widerstehen konnte, nahm ich ihm die Krone ab, setzte sie mir auf und ging aus dem Restaurant.

S. A. Lelchuk

Über S. A. Lelchuk

Biografie

S. A. Lelchuk hat einen B.A. in Englisch vom Amherst College und einen Masterabschluss vom Dartmouth College. Er lebt in Berkeley, Kalifornien und Hannover, New Hampshire.

Pressestimmen
Tages-Anzeiger (CH)

„›Die Rächerin‹ ist ein schneller, harter und actionreicher Neo-Noir-Thriller, der sich ohne Scheuklappen mit sozialen Problemen auseinandersetzt. Und nebenbei eine schöne Hommage an Bücher.“

Kommentare zum Buch
Lelchuk, Die Rächerin
Heidi Haspinger am 22.02.2021

Auge um Auge, Zahn um Zahn, nach diesem Motto lebt Nikki Griffin und fackelt nicht lange.Hart,düster,menschlich und süchtig machend. Hoffentlich gibt es bald Nachschub von dieser eigenwilligen Ermittlerin mit ausgeprägtem Helferkomplex und Beschützerinstinkt. Unbedingt lesen!

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